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Der verliebte Esel

Louis Couperus: Der verliebte Esel - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDer verliebte Esel
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
addressLeipzig
year
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac51885f
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An den Leser

... Ich kehre zum Altertum zurück und schreibe einen echt altmodischen, ja antiken Abenteurerroman ohne Psychologie, ohne Symbolik, weder realistisch noch naturalistisch, sondern unverfälscht antik altmodisch. Denn das Motiv dazu entnahm ich dem Goldenen Esel des Apulejus. Dieser Roman war, wenn ich nicht irre, der zweite, der je geschrieben worden ist, vorausgesetzt daß man des Petronius Satiricon als den ersten ansieht. (Es ist sehr wohl möglich, daß ich mich in alledem irre. Ich rate also denen, die alles genau wissen wollen, sich da zu erkundigen, wo sie glauben, genauestens unterrichtet zu werden.)

Ich hoffe, daß Sie meinen Versuch, Ihnen etwas anderes vorzusehen als novellistisch gefärbte moderne Kriegsberichte, schätzen und es gleichzeitig billigen werden, daß wir alle die einst für unvermeidlich gehaltenen Dinge, wie Naturalismus, Realismus, Symbolik, Psychologie, über Bord werfen und gemeinsam in der überwiegend antik gefärbten Unwahrscheinlichkeit schwelgen, die ein moderner Romanschriftsteller zu ersinnen vermag. Aber wenn Sie, verehrter Leser, mit mir nicht so schwelgen wollen, dann wenden Sie sich unverzüglich von mir ab und verweilen Sie in Ihrem modernen Mittelalter, das wahrhaftig weniger stimmungsvoll ist, als es das wirkliche Mittelalter war. Ich besteige meinen verliebten Esel, schlage meine Absätze in seine grauen Flanken und springe mit ihm von dem rauhen, ungeliebten Felsen meiner eigenen Zeit in die antike Vergangenheit, um in der unwahrscheinlichsten Unwahrscheinlichkeit zu schwelgen ohne Psychologie, ohne Symbolik (man glaube nur ja nicht, daß mein verliebter Esel ein Symbol sei), aber dennoch, wie wir beide, mein Esel und ich, hoffen, nicht ohne Kunst, nicht ohne Schönheit – o nein! – dies vor allem nicht.

 

Wenn ihr, meine Freunde, diese Blätter lest, werdet ihr sicherlich sehr verwundert sein über die seltsamen Abenteuer, die sie enthalten, und werdet nicht glauben wollen, was ich aus meiner Erinnerung zu eurer Unterhaltung gebucht habe. Gern versichere ich euch und schwöre es bei allen Göttern, insbesondere bei der heiligen Isis, deren Priester ich geworden bin, daß die merkwürdigen Dinge, die ihr erfahren werdet, die lauterste Wahrheit sind, daß ich sie erlebt habe, oftmals ohne selber an sie glauben zu können, und daß ich sehr häufig darüber nachgedacht habe, ob ich nicht etwa in einem andauernden Traum so unwahrscheinliche Lebenserfahrungen sammelte. Bis es mir in den Sinn kam, daß das ganze Leben selber ein Traum ist, ein einziges, unverstandenes Verweilen auf den breiten Schwellen der Tore, die zu jener goldenen Wirklichkeit führen, ein zögerndes Verweilen voller Schauder, und daß ich, fromm wie ich bin, nicht anders konnte, als an eine von den Göttern gewollte und von ihnen aneinandergefügte Kette von Unwahrscheinlichkeiten zu glauben, die mich an das Endziel meiner Lebenstage führte.

Ich bin ein Kaufmannssohn und heiße Charmides. Meine Eltern wohnten, obwohl sie aus Athen gebürtig waren, zu Epidaurus in Argolis, wo mein Vater einen blühenden Großhandel betrieb. Seine Schiffe brachten aus Indien, aus Kleinasien, aus Arabien und Ägypten vielerlei kostbare Handelsware, die er wiederum nicht nur nach Athen und Rom verschickte, sondern auch nach allerlei Gegenden des römischen Reiches, das während meiner Jugendzeit von unserem gnädigen Kaiser Hadrian beherrscht wurde. Obwohl er ein großes Vermögen besaß, war mein Vater doch ein tüchtiger und tatkräftiger Kaufmann geblieben. Er sah es darum kummervollen Auges, daß ich, sein einziger Sohn und das verwöhnte Kind meiner Mutter, die eine Römerin war, nicht nach ihm artete und wenig Sinn hatte für die ausgebreiteten Geschäfte des Handelshauses, das er sein nannte. Im Gegenteil, nichts vermochte mich weniger anzuziehen als Handel, als Geldverdienen, und das einzige, was mich fesseln konnte, war die Liebe. Ich war geboren für die Liebe und habe, glaube ich, geliebt, seit ich ein ganz kleiner Knabe war. Vielleicht ist meine Amme meine erste Liebe gewesen, doch kann ich mich ihrer nicht mehr entsinnen. Mit Sicherheit aber erinnere ich mich daran, daß ich, sobald ich gehen und stammeln konnte, die kleinen Töchterchen unseres Nachbarn liebte und die Sklavinnen meiner Mutter, ja sogar die Freundinnen meiner Mutter, und daß unsere Sklavinnen mich, obwohl die kleinen Mädchen vor mir davonliefen, auslachten, weil ich so winzig noch war, und daß die Freundinnen meiner Mutter, obwohl sie mich auf den Schoß nahmen, mich neckten, weil ich in so kindlichem Alter schon der Liebe so zugetan sei, daß ich mich ihrer nicht zu erwehren vermochte, und daß mich fast jedes junge und schöne weibliche Wesen in einer Weise anzog, die beinahe an Zauber glauben ließ.

Nun war ich ein schöner Knabe – ich glich sowohl meinem Vater wie auch meiner Mutter –, und nach einer Unzahl flüchtiger Verliebtheiten hatte ich das Alter von zwanzig Jahren erreicht, als mir mein Vater, der mir ob meines Leichtsinns mehr und mehr zürnte, ganz plötzlich, ohne der Tränen meiner Mutter zu achten, befahl, allein mit meinem Sklaven Davus eine Handelsreise anzutreten über Korinth nach dem Binnenlande von Thessalien und Epirus, um dort in den Städten als sein Vertreter zu erscheinen und die feineren Handelswaren aus dem Orient abzusetzen. Das war für mich eine sehr grausame Strafe, besonders deshalb, weil mein Vater hinzufügte, ich dürfe ihm nicht mehr unter die Augen kommen, falls ich den Zweck meiner Reise nicht erfüllt hätte. Die Reise selbst war wahrlich keine Vergnügungsfahrt. Denn obwohl Korinth eine anziehende Stadt war voller Lebensfreude und schöner Frauen, war die Reise über Böotien und Phokis nach Thessalien und Epirus eine Strafreise zu nennen, mochte ich auch bei verschiedenen Wechslern unterwegs über ziemlich ansehnliche Summen verfügen können, die mein Vater dort für meine Zwecke hatte einzahlen lassen.

Es war aber nichts daran zu ändern. Ich verabschiedete mich zärtlich von meiner Mutter und von ihren Freundinnen, die inzwischen Matronen geworden waren und die nun nicht mehr lachten, sondern mich weinend umarmten. Ich nahm Abschied von unseren Sklavinnen und von den kleinen Nachbarinnen, die zu lieblichen Jungfrauen erblüht waren. Umgeben von einem großen Gefolge von Frauen und Mädchen, die weinten und wehklagten, bestieg ich meinen bequemen, von vier kräftigen Büffeln gezogenen Reisewagen, der mich über Mykenä nach Korinth führen sollte. Davus nahm neben dem Fuhrmann Platz.

Die ersten Tage meiner Reise verliefen ohne Abenteuer. Was soll ich berichten von den Mägden in den Herbergen, von einigen angeseheneren Frauen, die meine im übrigen so düsteren Tage mit etwas Freude durchwebten? Es waren Blumengewinde, die alsbald zerrissen. Es waren nicht Bande des Lebens. Auch die berühmt schönen Frauen von Böotien, die von den Bildhauern in Tanagra in schönen Linien und anmutiger Form verewigt werden, irrten durch diese Woche meiner Reise nicht anders denn als aufleuchtende und wieder verschwindende Erscheinungen der Anmut, an die ich mich kaum deutlicher erinnere als an die weißen, eilenden Wolken, die am blauen Himmel der fernen Orte dahintrieben, durch die ich zog.

Von Theben ging die Reise über Thespiä nach Delphi. Wieviel berühmte Namen und wieviel zerfallene Städte! Für einen Handelsreisenden wie ich, der die kostbarsten Waren abzusetzen hatte – Duftwerk, Perlen, seidene Stoffe und Tapisserien –, gab es nichts anderes zu tun, als von dem Schaukeln in dem Reisewagen sich auszuruhen. In Theben sah ich das Haus des Pindarus, des großen Dichters und Sängers, das Alexander der Große, als er die Stadt, um sie zu demütigen, dem Erdboden gleichmachen ließ, aus Ehrfurcht verschonte. Aber ob das Häuschen, das man mir zeigte, in der Tat das des Pindarus war, bezweifelte ich sehr. Die Magd der Herberge schien ihre eigene Großmutter zu sein. In Thespiä wußte niemand mir mehr zu sagen, wo der Eros des Praxiteles geblieben sei, den Phyrne ihrer Geburtsstadt geschenkt hatte, und als ich in Delphi eintraf, befiel mich, wie sehr ich mich auch in der ersten Woche dagegen gewehrt hatte, eine unendliche Schwermut. Mein Reisewagen machte halt vor einer kleinen Herberge. Dort hing über der Pforte ein blechernes Aushängeschild, das in dem kalten Herbstwind klapperte. Auf diesem klappernden Schild war etwas wie eine weiße Figur gemalt, und darunter stand geschrieben: Zur Pythia.

Ich begriff. »Zur Pythia!« Das war die Herberge, die allererste in Delphi, der Stadt, in der einstmals das berühmte Orakel des Apollo gewesen, wo seine durch Dünste erregte und umnebelte Priesterin, die heilige Pythia, auf dem goldenen Dreifuß die herrlichen Sprüche voll dunkler Wunder gestammelt hatte. »Zur Pythia!« Ich stieg aus. Davus war mir dabei behilflich, und die Besitzerin der Herberge, eine dicke Kneipenwirtin, kam, mich zu begrüßen.

»Habt Ihr ein Zimmer?« fragte ich.

»Leider kommt Ihr zu spät, edler Fürst,« rief die Wirtin aus. »Ich habe nur ein Zimmer mit drei Gastbetten. Aber alle drei Betten sind belegt.«

»So kann ich in meinem Wagen schlafen,« sagte ich, »wenn Ihr nur mir und meinem Sklaven und Fuhrmann etwas Nahrung verabfolgen und für frische Postbüffel sorgen wollt. Aber ein Fürst bin ich nicht. Ich bin nur ein Handelsreisender und kann auch nur als solcher bezahlen.«

Vor der Tür saßen auf einer Bank zwei Männer, die sich unterhielten. Ein dritter, der krank und elend aussah, lag auf dem Boden an einen Baumstamm gelehnt, sorgsam in Decken und Tücher eingehüllt. Sobald die beiden Männer meine Worte hörten, standen sie auf und traten zu mir. Sie sagten: »Seid Ihr ein Handelsreisender, Herr? So sind wir Collegae. Denn auch wir sind Handelsreisende. Jawohl!«

Der eine war kurz und dick, der andere lang und hager. Sie verneigten sich, und ich streckte ihnen die Hand hin.

»Ich«, sprach der Dicke, Kurze, »reise in allerhand Lebensmitteln, Getreide, Reis, Wein und komme aus Thessalien, wo ich gute Geschäfte gemacht habe. Mein Name ist Crito.«

»Und ich,« sprach der Lange, Hagere, »reise in allerhand Bekleidungsstoffen, Wolle, Baumwolle, Leinwand und komme ebenfalls aus Thessalien. Auch ich habe recht gute Geschäfte gemacht. Mein Name ist Chremes.«

»Ich«, sprach ich nun meinerseits, »heiße Charmides und reise in Luxuswaren.«

»Doch nicht nach Thessalien?« fragten beide gleichzeitig.

»Warum nicht? Sollte ich dort keine guten Geschäfte machen? Das Handelshaus meines Vaters ist berühmt wegen seiner feinen orientalischen Waren.«

Crito und Chremes schüttelten bedenklich die Köpfe, und der Kranke, der am Boden lag, rief mit schriller Stimme: »Herr! Hütet Euch davor, nach Thessalien zu gehen! Dort bin ich krank geworden. Dort wurde ich zuerst behext, und als ich entzaubert war, wurde ich krank, krank, krank.«

»Wer seid Ihr?« fragte ich den Kranken.

»Ich bin Aristomenes und reiste nur zu meinem Vergnügen, Herr. Ich wünschte das berühmte Theben zu sehen, das berühmte Thespiä und den Tempel, wo die göttliche Erosstatue des Praxiteles gestanden hat. Ich wünschte Delphi, das heilige Delphi zu sehen. Ich wünschte Thrachis zu sehen, wo einst Herkules gewohnt hat. Ach, Herr! Ich war nur ein einfacher Wanderer. Ich war ein Dichter, der die Schönheit und die Wissenschaften liebte. Ich liebte es, umherzuziehen. Thessalien hat schöne Städte, schöner und üppiger als dies verfallene Delphi und als Thespiä und Theben. Aber ich wurde dort behext, Herr, und noch andere als ich wurden dort behext in Larissa, in Hypata. O Herr! Charmides! Ihr, der in Luxusgegenständen reist, nehmt Euch in acht! Hütet Euch vor Thessalien!« So klagte der Kranke am Boden.

Mein Reisewagen war ausgespannt und zur Seite geführt. Mein Gepäck blieb im Wagen. Davus und der Fuhrmann verzehrten bereits jeder einen Teller Linsensuppe auf der anderen Bank, die neben der Tür zur Herberge stand, und ich saß zwischen Crito und Chremes bei dem Baume, an den der Kranke gelehnt lag. Eine Magd brachte mir mein Mahl: Lammbraten, Brot, Honig, Obst.

»Wie heißt du?« fragte ich freundlich.

»Fotis, Herr. Ich stehe Euch zu Diensten,« sagte die anmutige Magd.

Ich nickte ihr wohlgefällig zu und ließ es mir schmecken. Ich fühlte mich etwas weniger schwermütig nun, da ich Fotis gesehen hatte. Wahrlich! Sie war zum Verlieben, und ich verliebte mich auch sogleich in sie. Das hinderte mich aber nicht, mit jugendlichem Hunger meine Zähne in den trockenen Lammbraten und das harte Brot zu schlagen und den essigsauren Wein zu trinken.

»Ich habe«, sprach ich zu dem Kranken, »schon häufiger gehört, daß Thessalien das Land der Hexen sei, weiß aber nicht, ob ich daran glauben soll.«

»Doch! Es ist so, Herr.«

»Doch! Es ist so, Herr,« riefen Crito und Chremes.

»Nennt mich Charmides,« sagte ich gnädig. »Ich reise zwar in Luxuswaren, aber ich bin doch ein Handelsreisender wie ihr beide, die ihr in Käse und in Wolle reiset. Wir sind doch Collegae, nicht wahr? Nennt mich Charmides, wie Aristomenes mich bereits nannte!«

»Und doch ist es so, Charmides,« rief der Kranke. »Thessalien ist das Land der Hexen. Sie schweben dort in der Luft umher und spinnen ihre Zauberfäden aus dem Monde und weben die Zaubergespinste und tanzen auf der Kreuzung der Wege um Hekate, die Dreiköpfige. Die Schatten ermordeter Kinder schweben dort wie Fledermäuse und Nachteulen durch die Nächte, um sich an den Hexen zu rächen. Aber die sind stärker, Charmides. Die Hexen sind allezeit stärker, stärker als alle, selbst als die Götter. Die Hexen behexen sogar die Götter, und eine Hexe hat mich behext. Sie hat mich in ein Schwein verwandelt wie Circe die Gefährten des Ulixes, und grunzend bin ich ihr gefolgt. Sie aber lachte, die Hexe! Hütet Euch vor Thessalien, Charmides!«

Dunkel sank die Nacht über den Platz vor der Herberge »Zur Pythia«. Der Herbstwind wehte klagend. Davus und der Fuhrmann saßen auf der anderen Bank und hörten mit ängstlichen Gesichtern zu. Rauschend, gleich einem seltsamen Sang, fielen die Platanenblätter um uns her. Drüben stand mein Reisewagen, in dem ich übernachten wollte. Eigentlich bequemer, dachte ich bei mir, als in dem einen Zimmer mit den drei Betten, die schon von Aristomenes, Crito und Chremes eingenommen waren. Der arme Dichterwanderer war sichtlich krank, obwohl er sich vielleicht nur einbildete, in ein Schwein verwandelt gewesen zu sein. Crito war zwar ein tüchtiger Käsebauer, Chremes ein braver Stoffhändler, aber im Grunde schaute ich doch ein wenig auf sie herab. Ich, ich war Charmides, der Sohn des Lysias in Epidaurus. Ich reiste in Purpur und Perlen und Myrrhen und Zimt, in sidonischen Teppichen und Bombyrseide. Ich war jung, reich, schön, kräftig und ein Liebling der Frauen. Ich selbst liebte allezeit, ich war allezeit selig verliebt. Jetzt war ich in Fotis verliebt, die ich anlachte, während sie das Eßgerät abräumte. Meine Schwermut wegen meiner Strafreise und der düsteren Orte, durch die ich ziehen mußte, verflüchtigte sich gleich leichten Wölkchen.

Doch düster lag die Nacht über dem Platze, klagend blies der Herbstwind, bleich waren die Gesichter meines Sklaven und Fuhrmanns. Was sang da so kaum vernehmlich in den fallenden Platanenblättern? Waren es die ermordeten Kinderlein? Einen Augenblick ward ich mir dessen bewußt, daß ich doch nicht ganz leichtsinnig sei. Ich ward mir dessen bewußt, daß ich den Wunsch hatte, in die Mysterien von Eleusis eingeweiht zu werden. Eine seltsame Frömmigkeit durchschauerte meine glühend pochenden Adern. Ich wußte, daß es göttliche und ungöttliche Dinge gebe, die ein verliebter Jüngling nicht immer versteht.

»Ich werde in Thessalien auf meiner Hut sein,« rief ich Aristomenes zu. »Aber ich werde Thessalien nicht meiden. Morgen reise ich nach Thessalien. Es gibt dort blühende Städte, wie Hypata und Larissa. Das sind üppige Städte. Sie sind nicht verfallen wie Delphi, Thespiä und Theben. Dort werde ich Bombyx verkaufen und sidonische Teppiche, Zimt und Myrrhen und Perlen und Purpur. Dort werde ich Geschäfte machen wie Crito und Chremes.«

Crito und Chremes schüttelten die Köpfe und schlenkerten mit den Händen.

»Wir, Herr Charmides,« sagten beide, »gehen nie mehr hin, ungeachtet der guten Geschäfte.«

»Ich, Herr Charmides,« sagte Crito, »bin dort dick und kurz geworden und war doch, als ich hinging, lang und hager.«

»Ich, Herr Charmides,« sagte Chremes, »bin dort lang und hager geworden und war doch, als ich hinging, dick und kurz.«

Ich blickte von dem einen zum andern.

»Wer ist denn der eine, und wer ist der andere?« fragte ich.

Sie schüttelten die Köpfe und schlenkerten mit den Händen.

»Oft wissen wir es selber nicht,« gestanden sie ein.

Ich lachte, obwohl ich im Innersten empfand, wie tief mein Vertrauen erschüttert war.

»Trotzdem muß ich gehen,« sagte ich. »Ich werde auch gehen,« sagte ich mutiger. »Abenteuer, sogar Abenteuer mit Hexen, halten mich nicht zurück.«

Furchtsam war ich niemals.

»Fotis!« rief ich dem Mädchen zu. »Was bereitet man dort auf dem Platze vor?«

Denn hier und dort auf dem dunklen Platze wurden Fackeln aufgepflanzt.

»Herr!« antwortete Fotis, und sie lächelte lieblich. »Es sind umherziehende Gaukler, die gehört haben, daß Ihr in Purpur und Perlen reist, und darum eine Vorstellung geben wollen.«

Ich lachte.

»Sie sollen nur kommen!« rief ich. »Sie sollen nur kommen! Sie mögen uns zerstreuen, bevor wir uns zur Ruhe legen! Dann werden wir nicht von Hexen träumen.«

Und mit Kesselmusik traten sie auf: zwei Männer, drei Mädchen, vier Knaben, ein Bär.

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