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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2.

Ich erinnere mich, ich war nicht älter als zwölf Jahre, als mich mein Vater in seiner Werkstatt beim Gipsen mithelfen ließ. Ich hatte nichts zu tun, als die Binden, die mit Gipsstaub dick bestreut waren, ins Wasser zu legen, leicht auszudrücken und ihm zuzureichen. Ich hatte einen neuen blauen Matrosenanzug an und gab mir Mühe, ihn nicht schmutzig zu machen. Auf einem ziemlich hohen Stuhle saß verängstigt ein schlankes, rothaariges, grünäugiges Mädchen und hielt meinem Vater, der auf seinem alten Schusterschemel vor ihr saß, ihr fein geschnitztes Knie, den Unterschenkel und ihr kleines, aber etwas nach innen gekrümmtes Füßchen dar. Mein Vater, die linke Hand nach den Gipsbinden ausstreckend, sprach die Mutter des Kindes mit ›Frau Gräfin‹ an.

Ich hatte mir Grafen immer prächtig gekleidet und nur in Karossen fahrend vorgestellt, also ganz anders, als hier Mutter und Kind. Die Mutter war altmodisch angezogen, in jeder Hand hielt sie, ziemlich ratlos, einen Schuh ihrer Tochter. Der linke war eines von den Kunstwerken, in denen mein Vater so groß war, eine komplizierte Maschine mit Stahlscharnieren und hohem Lederschaft, kreuzweise zu schnüren. In jedem der Schuhe, die vom Straßenschmutz recht mitgenommen waren, – in einer Kutsche waren also Gräfin und Komtesse nicht zu uns gekommen, – stak zusammengeknäuelt ein dunkelblauer, handgestrickter Strumpf mit den Initialen A. v. W. in weißer Wolle. Mein Vater wies stumm nach dem Fuß des adeligen Fräuleins. Ich sollte ihn richtig halten. Ich faßte mutig den kühlen Fuß an, der weich war wie das Samtband, das meine Mutter mit einem goldenen Kreuzlein um den Hals trug und das ich gerne anfaßte. Aber es war etwas anderes, meiner Mutter das Samtband zu lockern und es ihr lachend unter den Händen fortzuziehen, als hier die etwas feuchte, mit bläulichen Adern durchzogene Haut eines zitternden großen Mädchens zu berühren. Das Halten genügte nicht, ich mußte, wie mir mein Vater halblaut befahl, ihr das Fußgelenk stark nach außen beugen und die Zehen, (sie glichen mit den kleinen glänzenden Nägeln winzigen Fingern), nach oben drücken. Während das Mädchen schmerzhaft aufseufzte und sich gegen den Druck meiner Hand wehrte, legte mein Vater die ersten Gipsbinden um den gelähmten oder verkrüppelten Fuß. Als mein schöner Anzug ein paar weiße Flecken abbekam, zu meinem Schrecken, lachte sie mich plötzlich an, mit ihren reinen großen grünen Augen mich umfassend und ihre spitzen, aber kurzen Zähnchen zwischen den vollen Lippen zeigend. Mein Vater führte die Binden weiter bis unter das Knie. Dann wartete er eine kleine Weile, die Hände im Schoße auf seiner grünen Schürze, bis die Gipslage erstarrte, eine ziemlich starke Wärme verbreitend. Wir schwiegen alle vier. Bald wurde der Verband trocken und hart, er tönte hell wie dürres Holz, als mein Vater mit dem Griff eines scharfen kleinen Messers daran klopfte. Er begann den Verband vorne aufzuschneiden. Das Fräulein hatte die Augen geschlossen, es begann leise zu zittern. Auch ich empfand eine seltsame Angst, mein Vater könne zu tief schneiden und durch die Gipsschichten hindurch meine Hand, die immer noch die Zehen umklammert hielt, oder gar das Mädchen selbst verletzen.

Ich fühlte eine Welle von Blut in mir aufsteigen. Es war mitten im Hochsommer, deshalb standen die Fenster offen. Der Wind hatte sich in dem blauen Rock des Mädchens verfangen. Etwas Unbeschreibliches in mir wollte etwas und wußte nicht was. Aber schon hatte mein Vater das Werk vollendet. Er hob das schlanke rosige Bein aus der kalkigen Form heraus, die er dann später mit Gips ausfüllte, um auf dem Modell seinen Schuh zu bauen. Solcher Modelle gab es eine Unzahl hier; sie hingen an Schnüren und bewegten sich in ihren Ecken unter dem Wind, andere lagen auf einem Haufen, zum Teil noch kreidig weiß, zum Teil schon schmutzig geworden. Die Gräfin begab sich mit meinem Vater zum Schreibtisch, wo er in sein Bestellbuch alles Nötige eintrug. Ich hörte sie sagen: »Man wird doch nichts sehen?« Sie wollte, daß der Schönheitsfehler ihrer armen schönen Tochter verborgen blieb. (Ich aber kannte ihn.) Die alten Schuhe hatte sie jetzt vor uns beide, das Fräulein und mich, hingestellt. Das Mädchen hatte sich zurückgelehnt und blickte mich seltsam an, nicht Lachen nicht Weinen, keine Scham, viel eher Stolz, aber dann schlug sie die Augenlider nieder, und um ihren Mund begann es zu zucken. Ich machte mich daran, ihr die Strümpfe anzuziehen, aber kaum hatte ich ihre Haut berührt, als sie mir die Strümpfe aus der Hand riß und sich anzuziehen begann. Schämte sie sich vor mir? Dann schämte sie sich nicht ihres Gebrechens, nicht ihrer nackten weißen Haut, sondern der Löcher, die in den adeligen Strümpfen zu sehen waren. »Sie kommen in ein paar Tagen zur Anprobe! Später brauchen Sie nur zu schreiben, wenn Sie neue Schuhe brauchen. Vor einem Jahr wächst sich der Fuß noch nicht aus. Aber bis dahin... oh, bis dahin! –« sagte mein Vater. Die Gräfin strahlte. Daß mein Vater ihr eine, wenn auch nur ganz zarte Hoffnung gemacht hatte, ihr Kind könne von seiner Lähmung in einem Jahr genesen sein, hatte ihr offenbar eine große Freude bereitet. »Sollen wir Ihnen eine Angabe geben?« fragte sie, ein etwas abgeschabtes schwarzes Portemonnaie aus ihrer Tasche ziehend. Mein Vater winkte ab. Sie gingen. Das Mädchen wandte sich an der Schwelle nach uns oder mir um. In dem blassen Gesichtchen leuchteten die dunkelroten Lippen, von denen die Oberlippe voller war als die Unterlippe und wie ein kleines Flügelchen nach vorne stand. Von jetzt an dachte ich viel an A. v. W. Ich wußte nicht wie sie hieß, ich kannte nur die Anfangsbuchstaben. Ich versuchte sie in der Werkstatt gelegentlich der Anprobe wiederzusehen, vergebens. Ich träumte von ihr, wirr und nicht angenehm. Es scheint, daß ich mir im Traume vorstellte, das Messer dringe einem von uns und dann beiden zu gleicher Zeit wirklich in die Haut. Ich muß im Traume vor Schmerzen aufgeschrien haben. Und doch war es nicht ein Schmerz wie sonst, eher ein schmerzhaftes, starkes, banges Entzücken. Vielleicht habe ich sogar nachts geweint, (und ich weinte doch immer so schwer!) denn mein Kopfkissen war naß.

Meine Mutter sah es, ich log diesmal. Ich log selten, denn meine Eltern sorgten dafür, daß mir das Lügen erspart blieb. Sie stellten mich meist nicht auf die Probe. Ich sagte, ich hätte aus dem Wasserglas trinken wollen, das auf dem Nachttischchen stand und dabei etwas Wasser vergossen. Meine Mutter sah sofort, daß das Glas bis oben voll war, so wie sie es gestern abend hingestellt hatte.

In diesem Augenblick erschien mein Vater auf der Schwelle, meiner Mutter zuckten schon die Lippen, als wolle sie ihm von meiner Lüge erzählen, dann aber hob sie mit ihrem etwas spöttischen Lächeln die Schultern, – und schüttete, – das war eben ihre ironische Art der Erziehung – jetzt soviel Wasser aus dem Glas auf das Kissen, daß es noch abends feucht war. Die junge Gräfin traf ich nicht. Auch im Traume wollte sie mir nicht mehr erscheinen.

Aber ihr zartes Knie und den armen kleinen Fuß habe ich wieder gesehen. Vom Knie war nur der Ansatz da. Ich habe das schneeweiße, schlanke leichte Gebilde, das ihren Namen und das Datum unserer Begegnung trug, mit meinen Wangen und mit meinen Haaren gestreift. Es hing nicht an einer Schnur, es lag auch nicht tot da. Es lehnte für sich allein an der Wand, als sei es aus der Mauer herausgetreten, um zu mir zu kommen. Jetzt durchrieselte mich das schwere, beklemmende, schmerzhafte Entzücken noch stärker als im Traum. Die Werkstatt war leer. Geküßt habe ich es nicht. Ich fürchtete dies zu sehr. Ich ahnte unser Geheimnis.

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