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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf6d04d2a
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9.

Abends nahm mich mein Vater, der vor Freude, sich um Jahre verjüngt zu sehen, strahlte, an der Hand und zog mich zum Spiegel. Ich erschrak, bezaubert vor unserer Ähnlichkeit. Wir waren beide fast gleich groß. Er verschlang im Spiegel geradezu mit einer Art Gier mein Gesicht und bedachte vielleicht, daß er selber so gewesen war. Ich hoffte, daß ich so werden würde wie er. Er war mein Vater und zugleich mein älterer Bruder. Meine Mutter mahnte mich zum Schlafengehen. Ungern gingen wir vom Spiegel fort. Ich fühlte mich ganz eingeschlossen von meinem Vater, ich hätte mich am liebsten in ihm verborgen, und hätte nur noch so in ihm weitergelebt. Er aber hatte mein Gesicht eher mit einer Art Mißgunst betrachtet. Die Bonbons hatte er nicht mit uns geteilt. Waren sie vielleicht für morgen bestimmt?

Beim Abschied vor dem Schlafengehen kam ich zu meiner Mutter, um ihr die Hand zu küssen. Aber aus Versehen ergriff ich die Hand meines Vaters und küßte sie. Die Hand entzog er mir sehr schnell, dennoch hatte ich den dumpfen, süßen Geruch, das Parfüm von einst, erkannt. Ich machte meinen Irrtum schnell gut und umarmte meine Mutter fest.

Meine Eltern sprachen noch lange ziemlich laut in ihrem Schlafzimmer. Ich erfuhr nichts von dem wahren Geheimnis. Es war nur von Transaktionen die Rede, von notariellen Überschreibungen. Mein Vater wollte das ›Sorgenkind‹ seiner Geschäfte, das Friedhofsgrundstück auf ihren Namen schreiben. Meine Mutter wollte nicht, sie antwortete auf seine schnellen Worte stockend und leise, bedrückt.

Meine Mutter sah mich am nächsten Tag ernst, fragend an. Ich verriet aber meinen Vater nicht, obgleich ich ahnte, daß er nicht mehr ganz mit uns lebte.

Hätte er nur geschwiegen! Aber es war furchtbar für mich als seinen Sohn, zu ahnen, daß er im schlimmsten Fall vor einer Unwahrheit, aber natürlich nur aus Not, nicht zurückschreckte. So sagte er uns eines Tages, während er ein Telegramm in seiner Faust zusammenknüllte, er müsse ›stantepede und sofort‹ verreisen. Er müsse eine Bank in Budapest, eine Sparkasse in der Bukowina für das große Millionenobjekt interessieren. Er war so in Eile, daß er nur einen kleinen Handkoffer packte. Er stürzte zum Bahnhof. Er verbot uns allen, vom Mittagessen aufzustehen und ihn zum Zug zu begleiten. Abends ging ich mit meiner Mutter spazieren. Mit meinen ungewöhnlich scharfen Augen, die ich von ihm geerbt habe, während meine Mutter an der Kurzsichtigkeit vieler Lehrerinnen leidet, sah ich meinen Vater neben einer schlanken jungen Dame vor der Auslage eines hell beleuchteten Ladens stehen, sich mit schmeichelndem, kindlichem Lächeln zu ihr herabbeugen, um ihr unter den breiten, mit Federn geschmückten Hut zu sehen und dann mit ihr in den Laden einzutreten. Mir zitterte das Herz vor Angst. Ich sprach aber ruhig weiter. Ich beherrschte mich. Ich hatte mich sogar in den Arm meiner Mutter eingehängt und so war es mir ein Leichtes, sie auf die andere Straßenseite hinüberzuziehen, wo wir vor der Auslage eines Buchhändlers so lange stehen blieben, daß eine unliebsame Begegnung nicht mehr so leicht möglich war. Meine Mutter zeigte mir ebensowenig ihre Unruhe wie ich ihr die meine. Hatte sie trotz ihren schwachen Augen meinen Vater eben erkannt? Vielleicht an der Haltung, am Gang?

In der nächsten Zeit ereigneten sich in unserer Stadt neuerdings einige Fälle von Pocken, die glücklicherweise nicht sehr schwer verliefen. Der Vater eines meiner Schulbekannten, Franz, war Arzt, und Franz, mein Trabant, mußte mir berichten. Meine Mutter hatte erfahren, daß in allen Schulen die Kinder und in den Kasernen die Soldaten nachgeimpft wurden. »Kannst du mir nicht sagen, ob er geimpft ist?« Ich zuckte die Achseln. Ich wußte, er war es nicht. »Und kannst du ihn nicht beeinflussen?« drängte sie. »Ihr seid doch wie Brüder.« Ich schwieg. Mir schmeichelte der Gedanke, sein Bruder zu sein. Aber ich fürchtete natürlich, seine Ungeduld zu reizen, wenn ich etwas von ihm verlangte, was er nicht wollte. »Auch seine Geschäfte machen mir bald etwas Angst«, fuhr meine Mutter fort. »Er hätte eben niemals seinen Beruf ändern sollen. Schuster, bleib bei deinem Leisten.« Vielleicht hatte sie recht, aber diese Schulbuchweisheit empörte mich aus tiefstem Herzensgrunde! Nun hat er mir oft gesagt, er hätte den Beruf des orthopädischen Schuhmachers meiner Mutter zuliebe aufgegeben, um sie gesellschaftlich zu erhöhen. Er hätte ein Opfer damit gebracht, aber es gerne gebracht, aus Liebe und Achtung für sie. Nun hatte sie keinen besonderen gesellschaftlichen Ehrgeiz. Vornehme Besuche waren ihr ein Greuel. Mit ihren Angehörigen, unter ihnen einem hochgestellten Konsulatsbeamten in Triest, hatte sie sich nach der Verheiratung überworfen. Mein Vater sah seine Freunde im Kaffeehaus. Zu uns lud er sie nur selten ein. Mehr als einmal war der Vater der schönen A. v. W. bei uns erschienen. Wie gerne hätte ich mit ihm gesprochen, ja auch das Anhören seiner Stimme, welche der der Tochter gleichen mußte, hätte mir wohlgetan. Vielleicht hätte er uns zu sich eingeladen. Es hieß von ihm, daß er sich mit der Erfindung eines Flugzeugs mit vertikalem Aufstieg beschäftigte. Vielleicht wollte er mit meinem Vater über eine technische Einzelheit seines Modells sprechen, ich hörte ihn oft über solche Dinge reden. Aber allem machte mein Vater ein Ende, indem er den Gast jovial unter den Arm nahm, ihm eine Zigarre anbot und sich mit ihm empfahl. Wichtig war aber jetzt nur, daß wir ihn vor der Seuche schützten. Es mußte sein. Ich kam und bat und bat. Er strich sich sein bartloses Kinn.

Ich wiederholte die Bitte. Er mußte mir antworten. – »Jetzt kommst du zum drittenmal mit der dummen Geschichte! In meinem Alter ist es unnütz! Laß mich endlich! Es ist doch meine Gesundheit, worum es geht«, rief er dann so zornig, wie ich ihn niemals gesehen hatte. »Und habe ich nicht schon Sorgen genug?!« Wir waren auf der Straße, ich hatte ihn eigens von seinem Bureau abgeholt, und wir waren ›zufällig‹ vor der Wohnung eines Kinderarztes, der sich auf seinem Schilde ausdrücklich als Impfarzt ausgab. »Ich gehe mit dir jetzt hinauf, damit du dich nicht im Wartezimmer langweilst«, sagte ich, um nur alles zu versuchen, was in meiner Macht stand, »bitte, unterlaß es aber nicht, du würdest mich und uns alle von einer großen Sorge befreien.« Er sah mich mit seinem verlorenen Lächeln ungläubig an, als ob er sagen wollte: Du – und Sorgen! Er faßte mich am Arm, hängte sich zutraulich ein. Ich fühlte die Wärme seines Armes und es durchrieselte mich hold und doch brennend, ich kann es nicht beschreiben. Er sagte nichts mehr. Und doch dachte er an mich und an uns. Seine Lippen bewegten sich, während er seine großen blauen Augen auf mich heftete. Sollte ich ihn mit der Drohung von Krankheit und Tod erschrecken?

Zu Hause war die Stimmung trüb, und alle seine Geschenke konnten meine Mutter nicht froher machen. Sie erwartete ihr drittes Kind. Die Krankheitsfälle hatten zum Glück wieder aufgehört. Sie wurde etwas schwerfälliger. Ob es die Bedrückung ihrer Seele und die Unruhe um unsere Zukunft war oder die Veränderung des Körpers, konnte und wollte ich nicht erfahren. Ich hatte jetzt meinen Widerspruchsgeist fast ganz abgelegt, ich sah auch ihr alles von den Augen ab. Aber sie öffnete sich mir nicht. Es war jetzt, als ob auch sie allein für sich lebte, obwohl sie fast dauernd von ihm und uns Kindern umgeben war.

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