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Der verbotene Rausch

Georg Engel: Der verbotene Rausch - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorGeorg Engel
titleDer verbotene Rausch
publisherConcordia Deutsche Verlagsanstalt Hermann Ehbock
correctorreuters@abc.de
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Der verbotene Rausch

Es war noch dunkel in dem kleinen Katenhause. Die Morgendämmerung stritt sich mit der Nacht. Fahle Schatten liefen über die Mauern wie graue Mäuschen, die aus dem Wesenlosen kommen und ins Wesenlose verschwinden.

Da drehte sich Martin Kriews, der ewig Arbeitslose, das erste Mal auf seinem rot und weiß gewürfelten Strohsack herum. Ein behagliches, erwachendes Grunzen wurde laut. Dann stieß er mit der Faust gemütlich, friedvoll nach dem benachbarten Strohsack herüber.

»Süßing,« gähnte er, »es is all wieder so'n schönen Tag. Die Sonne scheint. Kuck eins, ganz rot« – dabei starrte er in die webenden schwarzen Schatten hinein und hatte das Bewußtsein, daß die Sonne immer näher auf ihn zuschritte, mit einem kupferroten Gesicht, genau so wie die Frau des Gastwirts Krey, jene liebreiche Weiblichkeit, die ihm noch am Abend vorher einen kleinen Kübel des ganz neu gebrannten Kirsch- und Pfefferminzlikörs mit freundlichem Schwung in sein ungeheures Paßglas gegossen hatte.

Und was das »Allernüdlichste« war, an die Bezahlung hatte sie im Drang der Geschäfte wieder vollkommen vergessen.

»Süßing,« erzählte Martin Kriews unbeirrt zu dem bewegungslosen Strohsack herüber. »Sie liebt mir woll, Kreyen seine liebe Gattin. Sie lieben mir alle. Überhaupt, Sophiing, die Menschens auf der Welt sünd doch alle herzensgut. Ich sag' dich, Sophiing, herzensgut sünd sie alle. Da bün ich gestern zum Beispiel an den Herrn Landrat von Pitak sein Fenster vorübergegangen. Da stand er und machte dich ein ganz bitter-böses Gesicht, weil ihm eine Flasche Rotspon, die er grade zu's Frühstück trinken wollte, übergegangen war. Na, was war nu großes dabei? En bischen schimmlig geworden war sie. Weiter nix nich. Und was tut nu der hochgeborne edle Mann? Er reicht sie mich einfach zum Fenster heraus und sagt: »Kriews, ich will Sie auch was zukommen lassen. – Nu kuck mal, Sophiing, solche Edelmütigkeit.«

Stille.

An den Wänden liefen unbeirrt die grauen Mäuschen, und der zweite Strohsack verharrte im Schweigen.

Da drehte sich Martin Kriews beruhigt wieder um, biß in einen Zipfel des Bettlakens und murmelte vor sich hin: »Wenn ich bloß wüßt', wer mich den feinen Hasenbraten in'n Mund geschoben hat? Hat das nu mein Sophiing getan? Oderst Frau Krey? Oderst der hochgeborne Landrat von Pitak, der so edelmütig is? Weiß der Deuwel, die Menschens sünd einmal zu liebe Geschöpfe.«

Und damit begann er wieder in ein merkwürdig melodienreiches Näseln zu verfallen.

* * *

Um sechs Uhr früh hatte sich der trübe Novembertag soweit gelichtet, daß die grauen Mäuschen an den Wänden sich nicht mehr sicher fühlten, sondern überallhin entflohen. Gerade zu Häupten von Martin Kriews, da, wo ein ungeheures Spinnennetz an der Decke schwankte, dorthin gerade entschwirrten sie mit leisem Gezirp. In diesem Augenblick klirrte unmerklich der zerbrochene Fensterflügel, der mit Stroh, Lappen und Pappe notdürftig geflickt war. Das kam aber nur daher, weil Wilhelm Pölk, der Bräutigam von Kriews einziger Tochter Helene sich verabschiedete, oder gerade gekommen war.

Genau konnte das der traumselige Vater nicht unterscheiden, es war überhaupt ein Ding, das sich nicht so leicht feststellen ließ.

Da richtete sich Martin Kriews das zweite Mal auf. »Welch ein Glück, Sophiing,« hob er tief atmend an, »wenn zwei sich so lieb haben. Das is doch für en Elternpaar das allerglücklichste und allererhabenste. Mutting, kuck dich bloß das rote Gesicht von Wilhelmen an. Ich sag' dich, es strahlt nich vor Kälte oder von wegen die Frostbeulens, es glänzt vor Liebe. Mutting, mein Süßing, habe ich nich auch einst so vor deinem Fenster gestanden? Aber die Wahrheit die Ehre. Gegen dich is unsre Tochter Lening ein reines, weißes Talglicht. Gott, Süßing, was warst du doch für eine hoch erhabene Schönheit. Wie hübsch und mollig waren nich alle deine Weiblichkeiten. Und wenn dich andere auch mit deine Hitzpückeln gebrütet haben – ne, ne, Sophiing, ich mein' ja bloß – siehst du, denn waren die Pückeln für mich gerade was Absonderliches, was eben nich jede hatte. Denn was Besonderes muß der Mensch haben. Und seitdem, Mutting, büst du noch immer schöner geworden.«

Es hätte dem braven Kriews, dem ewig Arbeitslosen, doch einigermaßen auffallen können, daß auf alle diese Huldigungen stets nur ein sehr verdächtiges Räuspern antwortete. Aus dem Nebenstrohsack nämlich hatte sich inzwischen Frau Sophie Kriews herausgeschält, die eben noch von Martin besungen war, wie in Vorzeiten der blinde Sänger der Ilias seiner Königin von Sparta gehuldigt hatte. Und siehe, man mußte beim Anblick der so hoch Gepriesenen zugeben, daß Kriews, der Gatte, ein ungewöhnlich zufriedenes und selbstloses Gemüt besitze. Denn Frau Sophie, die Tagelöhnerfrau, welche bei der ständigen Behinderung ihres Gatten für diesen alle äußeren Geschäfte, wie Kartoffellesen, Strohsammeln, Holzfuhren und Hofarbeit verrichtete, Frau Sophie hatte tatsächlich gar zuviel »Besonderes« an sich. Die »o«förmige Gestaltung ihrer Pedale, nun ja, sie rührte von dem ewigen Bücken beim Kartoffellesen her. Sie war also zu entschuldigen. Warum sie jedoch an der linken Schulter mit einem Auswuchs geschmückt war, das hatte allein der liebe Gott bei ihrer Erschaffung zu verantworten und konnte schließlich von Martin als eine kleine pikante Unregelmäßigkeit angesehen werden. Was indessen seiner Vorurteilslosigkeit das entschiedenste Denkmal setzte, das waren die Teintverhältnisse von Frau Sophie. Denn es muß leider eingestanden werden, daß sie unzählige Hitz- und Frostbeulen auf ihren Wangen beherbergte, die infolge dieser Invasion die revolutionären Farben Frankreichs angenommen hatten, nämlich blau, weiß und rot. Und wahrlich, um dies zu übersehen, dazu gehörte in der Tat der ungeheuer glückliche Idealismus von Martin Kriews, dem ewig Arbeitslosen. – – – – – – – – –

Sie saßen an dem wackligen Birkentisch und tranken das, was Frau Sophie, wieder mit ihrem verdächtigen Räuspern, »Kaffee« genannt hatte. Martin, leicht geschürzt, in wollenen Untergewandungen, Frau Sophie voll gerüstet zur täglichen Arbeit, eine Spitzhacke in der Hand.

Da entspann sich zwischen den Gatten folgendes Abschiedsgespräch:

»Sophiing, du gehst nu?«

»Jawoll, Kriews,« gab eine scharfe Stimme zurück.

»Mutting, was büst du für eine fleißige Frau. Was hab' ich nich for ein großes Glück an dich gemacht. Wie hälst du alles in Ordnung, und wie sauber sieht es nicht bei uns aus – –«, hier fuhr er mit der losen Socke in einem Haufen Unrat herum, der sich zwar unter dem Tisch angesammelt hatte, jedoch die Weichheit und Behaglichkeit des Fußbodens beinahe wie ein dicker Smyrnateppich beförderte. »Ja, was ich sagen wollte, du büst was Königliches, Mutting. Sieh, du gehst nu auf den Hof zur Arbeit, und ich bleib' hier noch en bischen zurück und kräftige mir. Es is ja von dem Wachholder noch eine lütte Flasche da. Und wenn ich mir dann gekräftigt hab', dann geh' ich in die Stadt und such' wieder nach Arbeit. Aber zu's Mittagbrot, Mutting, bün ich wieder heim. Denn wenn ich dein liebes Gesicht nich seh', denn schmeckt mich das nich. Und nachmittags, Mutting, geh' ich wieder zu's Arbeitssuchen. Kuck', so wend' ich denn meinen Tag nützlich an.«

»Ja,« sagte die Frau, schon unter der Tür, und ihre blauen und roten Blattern begannen wie ein Feuerwerk zu glühen. »Diesmal, Kriews, werd' ich meinen Tag auch nützlich anwenden. Du wirst dir wundern.«

»Ne, Mutting.«

»Wieso nich?«

»Mutting, weil von dich nur das Allerbeste und Allerlieblichste kommen kann. Denn du, Sophiing, büst ein heiliger Engel.«

»So?« flüsterte die Frau, und ihre Worte klangen, wie wenn ein Essigtopf ausgegossen wird, »na, denn paß' auf, mein Schatz. Adjüs Kriews.«

»Leb wohl, mein Liebling.«

Die Tür krächzte in ihr Schloß zurück, und kaum waren die Schritte der sich Entfernenden verhallt, so erhob sich Martin, der ewig Arbeitslose, kroch unter die Ofenbank und holte eine dick mit einem Tuch umwickelte Flasche hervor.

»Man muß ihm pflegen,« sagte er gewissermaßen zur Belehrung. »Wachholder is eine angreifbare Sorte. Er kann sich leicht den Schnupfen holen.« Damit ließ er sich an dem Tisch nieder, und in einem plötzlichen Ausbruch der Glückseligkeit gröhlte er vor sich hin:

»Des Menschen höchstes Glück auf Erden
Ist lieben und geliebt zu werden«.

* * *

»Herein,« forderte der Landrat von Pitak, und nachdem der Gendarmeriewachtmeister in seiner grünen Uniform mit dem weißen Bandelier und dem klirrenden Schleppsäbel bei ihm eingetreten war, erhob er sich ein wenig von der bequemen Chaiselongue, putzte an seinem Monokel und fragte sehr freundlich: »Na, lieber Böttcher, welch' grausige Moritat bringen Sie denn wieder?«

Der Wachtmeister klirrte ein wenig mit den Sporen, bevor er hinter sich deutete, um mißbilligend hervorzubringen: »Zu Befehl, Herr Landrat, wir werden das Weibsbild nich los.«

»Na, was will sie denn? Der Tag für Armenunterstützungsanmeldungen ist doch Freitag.«

»Zu Befehl, Herr Landrat, das ist es nicht. Das Weibsbild will was ganz Komisches.«

»Na, zum Donnerwetter, was will sie denn? Verlangt sie die Thronfolge in Preußen? Es ist doch heute keine Sprechstunde.«

»Zu Befehl, Herr Landrat, das haben wir ihr auch bedeutet. Aber da hat sie sich noch den Herrn Pastor Schöning mitgebracht.«

»Wie? Was?« fiel der Landrat ein, indem er sich rasch erhob, die Falte seiner Beinkleider zurecht strich und das Monokel geschäftsmäßig vor das scharfe, hellblaue Auge setzte. »Pastor Schöning? Ja, Mensch, um Gottes willen, was fällt Ihnen denn ein? Wie können Sie den ehrwürdigen Herrn auch nur eine Minute warten lassen? Ist ja gar keine Räson in die Bude zu kriegen. Na, also. Ich lasse selbstverständlich bitten. Donnerwetter, haben doch dem Herrn Pastor hoffentlich einen Stuhl angeboten?«

»Zu Befehl, Herr Landrat. Der Pastor sitzt. Das Weib steht.«

»Na, gut. Also schleunigst eintreten lassen.«

Darauf werden die Hacken zusammengeschlagen, der Säbel und die Sporen klirren, die breite, grün uniformierte Gestalt verschwindet, und nach wenig Augenblicken hört man aus dem Dienstraum nebenan weiche, schlürfende Tritte sich nähern und dazwischen das Klappern grober Holzpantoffeln.

»Diese Frauenzimmer sind die geborenen Querulanten,« murmelt der Landrat noch, dann zieht Sonnenschein über sein Antlitz, während er mit tiefer, weltmännischer Verbeugung den würdigen, weißhaarigen Geistlichen empfängt.

»O, bitte – bitte sehr, Herr Pastor, freundlichst Platz nehmen – keine Ahnung, daß schon einige Zeit warten – aber in diese Subalternbeamtenschaft keine Spur von Lebensart zu kriegen – wird sich natürlich mit der Zeit ändern – erblicke Aufgabe darin – nein, bitte, dort auf das Sofa. – Und Sie, liebe Frau, stellen vielleicht vorläufig mal die Holzpantinen ab – es ist nur wegen meines Teppichs. Nun also, Herr Pastor, zu jedem Dienst bereit.«

Vom Sofa her dringt ein ganz leises, diskretes Hüsteln, dieweil der Geistliche sacht sein feines, glattrasiertes Greisenantlitz wiegt. Dann streicht er wohlgefällig seine schwarzen Glacéhandschuhe, faltet bedächtig die Finger ineinander und beginnt mit weicher, geübter Theologenstimme:

»Ja, mein verehrtester Herr von Pitak, weit entfernt, etwa in irdischen Zwangsmaßregeln das Heil zu erblicken, glaube ich doch, daß Sie der anwesenden Frau Kriews durch die Machtvollkommenheiten, die in Ihre Hand gelegt sind, nicht allein einen wesentlichen Dienst leisten, sondern sogar ein verirrtes, gesunkenes Menschenleben wieder in das Licht des Tages zurückführen können.«

Der Landrat scharrt ein wenig auf seinem Stuhl, streift hinter dem Monokel mit einem Seitenblick die dürre Gestalt der Tagelöhnerfrau und beeifert sich, mit einer leichten Verbeugung zu erwidern, daß er natürlich zu solch moralischer Beihilfe mit Vergnügen bereit wäre. ›Donnerwetter, was mag eigentlich mit diesem Weib los sein?‹ fliegt es dabei noch blitzschnell durch seine Gedanken. Laut jedoch setzt er hinzu: »Ganz recht, Herr Pastor – natürlich sehr erfreut, zu solchem Zusammenwirken auserwählt zu sein –, aber dürfte ich vielleicht doch ersuchen, etwas deutlicher –«

»Gewiß, mein verehrter Freund, die Angelegenheit ist für mich nicht ganz leicht. Sie wissen, eine Zwangsmaßregel verträgt sich nur ungern mit meinem Amte. Dennoch aber, verstehen Sie, dennoch halte ich mich für befugt, Sie zu ersuchen –«

»Jawoll,« wirft die Frau aus dem Hintergrunde dazwischen.

»Nun, die Angelegenheit duldet allerdings keinen Aufschub,« fährt Pastor Schöning fort, während er mit der feinbehandschuhten Rechten ausdrucksvoll auf Frau Kriews hindeutet. »Sehen Sie, mein lieber Freund, nach reiflicher Erwägung und wirklich innerem Ratschluß möchte ich Sie bitten, sagen wir, freundschaftlich ersuchen, den Ehegatten dieser armen Frau, die mir als durchaus arbeitsam und gottesfürchtig bekannt ist – hm, ja, es ist schlimm, so etwas auszusprechen –, also ich möchte Sie veranlassen, den Tagelöhner Martin Kriews zu Nieder-Pümplow auf die Trunkenboldliste zu setzen.«

»Ah, in der Tat?« wiederholte der Landrat, wobei er sein Monokel mit dem Taschentuch zu reinigen beginnt, als wenn ihm diese Aufforderung doch nicht ganz gelegen käme, »natürlich, Herr Pastor, genügen mir Ihre Angaben vollkommen. Andererseits jedoch darf ich nicht unterlassen, Ihnen anzudeuten, daß höheren Orts – ja, wie gesagt, man sieht es sehr ungern, wenn diese fragliche Liste sich gar zu sehr mit Namen bedeckt. Haben Sich der Herr Pastor – ich bitte die Frage zu entschuldigen – denn schon selbst von der beständigen, durch nichts zu bessernden Trunkenhaftigkeit des pp. Kriews überzeugt?«

Hier wiegt der Geistliche abermals leicht das Haupt, wie ein Blatt, das im kalten Winde schwankt, und aus der sanften Stimme klingt leise Mißbilligung heraus.

»Würde ich sonst hier sitzen, Herr von Pitak? Und glauben Sie, ja, halten Sie es im Ernst für möglich, daß eine Ehefrau, die in Zucht und Ehren für den Haushalt bisher gesorgt hat, dem Gatten eine Tochter geschenkt und mit ihm bis auf diesen Tag in der geforderten christlichen Gemeinschaft gelebt, ja, glauben Sie nicht selbst, daß eine solche Ehefrau nur mit blutendem Herzen und größter Gewissensqual die Geheimnisse ihrer Familie preisgibt?«

»Gewiß, Herr Pastor – selbstverständlich ganz meine Ansicht – aber doch – fatale Geschichte.«

Der Landrat erhebt sich, steckt die Hände in die Seitentaschen und pflanzt sich vor der Tagelöhnerfrau auf.

»Na, sagen Sie mal, liebe Frau, betrinkt er sich denn nun jeden Tag?«

»Die Nacht auch, Herr Landrat.«

»Ach was, die Nacht auch? Hier scheint in der Tat ein ganz ungewöhnlicher Fall vorzuliegen. Nun äußern Sie sich mal, Sie wollen also durch Ihre Angaben andeuten, daß die Grundlagen Ihrer Ehe durch das Alkoholbedürfnis Ihres Gatten in Frage gestellt, ja gewissermaßen zerstört werden? So verlangt es nämlich die regierungsbehördliche Bestimmung.«

Frau Kriews stößt trotzig mit ihrer Hacke auf den Fußboden, so daß der Landrat nervös zusammenzuckt: »Jawoll, er zerstört allens.«

»Schon gut. Und Sie sind nun der Ansicht, daß ein öffentliches Verbot, Ihrem Ehemanne Spirituosen in irgend einer Form abzugeben, wesentlich zu seiner Besserung beitragen dürfte? Nicht wahr?«

»Das dürfte leider wohl kaum zu bezweifeln sein,« schiebt hier Pastor Schöning ein. »Wenn jemals im Staatenleben durch eine harte, scheinbar willkürliche Maßregel Wandel und Abhilfe geschaffen worden ist, so wird sich unser Vorgehen gerade in diesem Falle rechtfertigen. Fassen Sie Mut, liebe Frau, mit Gottes gnädiger Hilfe und durch die Fürsorge des Herrn Landrats wird Ihnen der lang entbehrte Gatte, dem Hause der sorgende Vater und dem Staate ein arbeitsfroher Bürger zurückgewonnen werden. Herr Landrat von Pitak, ich danke Ihnen, auch im Namen dieser armen, gequälten Frau, für Ihre teilnahmsvolle Bereitwilligkeit. Allerdings, ich habe sie nicht anders erwartet.«

Der Pastor erhebt sich, streckt dem Landrat beide Hände entgegen, und obwohl dieser über seine eigene Bereitwilligkeit im ersten Moment mit sich noch nicht ganz im reinen zu sein scheint, so tut die sanfte Autorität des Geistlichen doch ihre Wirkung.

»Schön, Herr Pastor, wie gesagt, diese Fälle werden ja im großen und ganzen nicht gern gesehen, aber da die Sachlage so vollständig geklärt ist, so glaube ich Ihnen in diesem speziellen Punkte das weiteste Entgegenkommen schuldig zu sein. Bitte, einen Augenblick.«

Damit öffnet er die weißlackierte Tür, die in den nebenan liegenden Dienstraum führt.

»Wachtmeister Böttcher.«

»Zu Befehl, Herr Landrat.«

»Setzen Sie sich gleich auf Ihren Gaul. Im Kreisanzeiger ist die Verordnung einzurücken, daß dem Tagelöhner Martin Kriews zu Nieder-Pümplow bei einhundert Mark Geldstrafe für den einzelnen Fall von keiner Gastwirtschaft und Destillation noch von einem Ausschank oder Kaufmannsbetrieb innerhalb unseres Kreises Spirituosen in irgendeiner Form verabreicht werden dürfen. Dem Gemeindevorsteher von Nieder-Pümplow ist diese Verordnung von Ihnen sofort persönlich zu überbringen.«

Und nach rückwärts gewendet, fügt Herr von Pital liebenswürdig gegen seine Besucher hinzu: »Sind Sie zufrieden mit mir, Herr Pastor? Haben Sie noch Wünsche, liebe Frau?«

»Ne, Herr Landrat. Nu's in Ordnung. Nu freu' dir, Kriews.«

Der Pastor aber meint, sich verabschiedend: »Nach menschlichem Ermessen haben wir heute ein wohlgefälliges Werk gefördert.«

* * *

Das sollte ein fröhlicher Nachmittagskaffee werden.

»Nu bin ich aber neugierig,« sagte Frau Sophie Kriews zu ihrer Tochter sowie zu ihrem voraussichtlichen Schwiegersohn, mit denen sie um den wackligen Birkentisch herumsaß, während die Beleuchtung des Raumes von einem tröpfelnden Talglicht ausging, das man auf den niedrigen Backsteinherd gestellt hatte.

»Jo, Mutting,« stimmte der Bräutigam zu, wobei er begierig nach einer Pflaumenstulle Ausschau hielt, die seine liebe Schwiegermutter eben zu streichen begann. »Paß auf, die Sache wird heil komisch.«

Aber die Erwartungen der Menschen werden getäuscht, aus der Zukunft wolkenverhangenem Tor tritt immer das andere heraus.

»Huch,« rief plötzlich Frau Kriews.

»Huch,« stimmten ihre Tochter und der künftige Schwiegersohn bei.

Um Gott, welch eine fragwürdige Gestalt erschien da eben unter der verbogenen Tür? Nein, nein, das konnte nimmermehr Martin Kriews, der Lächler, der ewig Holdgesinnte sein. Das war ein düstres, zerrissenes Menschenbild, das sich geduckt und mit scheuen, spähenden Blicken in dem kleinen Raume umschaute.

Dann schlich das fremde Geschöpf den Harrenden näher. Dumpf hieb er mit der Faust auf den Tisch, daß die Tassen zusammenklirrten, und die Pflaumenmusstulle, welche Frau Sophie eben zum Munde führen wollte, unvermutet mit der gestrichenen Seite auf den Tisch klappte.

»Huch,« schrie Frau Sophie entsetzt.

»Huch,« folgte auch diesmal der Bräutigam, obwohl sein Mitgefühl mehr der begehrten Stulle galt.

»Kriews, was is dich?« forschte die Frau, indem sie vor Schrecken den Mund zu schließen vergaß.

Allein der Gefragte schien nicht in der Stimmung zu sein, landläufige Gespräche zu führen. Wild donnerte er vielmehr noch einmal mit der Faust auf den Tisch, bis er endlich heiser flüsternd wie ein bissiges Tier hervorstieß. »Was sitzt ihr hier? Wozu is hier Gesellschaft? Was will Wilhelm Pölk hier? Wer is überhaupt Wilhelm Pölk? Ich kenn' ihm nich. Kenn' seine Absichten nich. Hat er überhaupt Absichten? Als Vater frage ich, ob er Absichten hat?«

»Aber Vatting,« wandte Frau Sophie gänzlich verständnislos ein, während sie zur Begütigung ihrem Schwiegersohn die etwas mitgenommene Pflaumenmusstulle in die Hand zu schieben versuchte. »Vatting, was is dich?«

»Was mich is? Viel is mich. Aber wen geht das was an? Bün ich nich Herr im Hause? Weib, ich frag' man bloß, bün ich Herr? Oder bün ich nich Herr? Donnerlüchting, nu tu den Mund auf.«

Allein die brave Gattin konnte vor Schreck kein Wort hervorbringen, und dies erregte ihren so plötzlich gebesserten Gatten nur noch mehr.

»Wo süht es hier aus?« schrie er in erneuter Wallung und stieß dabei mit dem Fuß gegen den wackligen Tisch, so daß dieser ein schmerzliches Ächzen hören ließ.

»Süht es hier nich aus wie in Sodom und Gomorrha?« Hier bückte er sich, langte unter den Tisch und brachte einen abgestumpften Reisigbesen hervor, den Frau Sophie bei ihren Reinlichkeitsbemühungen vertrauensvoll dort niedergelegt hatte.

»Was? ihr Weibsbilder?« tobte der beleidigte Hausherr, »und das soll Reinlichkeit sein? Bün ich ein Kuhstall? Bün ich ein Schweinekoben? Was bün ich eigentlich? Ich will nu bloß mal wissen, was ich bün?«

»Ja, aberst, liebes Vatting,« wollte hier der Bräutigam Wilhelm Pölk einwenden, jedoch gerade die Stimme dieses Unschuldigen schnellte den gereizten Vater auf den Gipfel seines Zorns.

»Kuck, das will hier mitsprechen. In meinem eigenen väterlichen Hause spricht das mit. Sag' eins, schämst du dir gar nicht in deinen moralischen Hals hinein? Möchtest du dir woll einmal die Türe ein bischen von draußen ansehen? Raus!« brüllte er plötzlich verstärkend hinterher, »raus. Es is mir unpassend, raus, sage ich, aus meinen elterlichen Hause.«

Und damit ergriff der Schäumende den Arm des verblüfften Freiers und schob ihn samt der heulenden Braut unsanft zur Katentür heraus.

»Vatting,« so bettelte die Tochter noch von draußen, »Vatting, um Gottes willen ...«

»Ach was, es hat sich ausgevattingt, Ordnung muß ich machen in meinen sauberen Hause. Dazu bün ich als nobler Familienvater verpflichtet. Und überhaupt, nu packt euch, ihr görige Package. Denn nu will ich mit der hier anwesenden Frau mal ene reinliche Aussprache halten.«

So erfuhr nun Frau Sophie Kriews die Folgen ihrer läuternden Tat.

Überall zu Nieder-Pümplow war das Edikt des Landrats bereits bekannt geworden. Selbst die liebreiche Frau Krey hatte den bedauernswerten Martin schmerzerfüllt, aber dennoch von einem Hausknecht aus ihrem Krug weisen lassen.

Da war er zum Kaufmann gerannt.

Nichts. Verboten.

Er war in die Stadt hineingerast. Gotts ein Donnerwetter. Hier sollte es sogar schon durch öffentlichen Anschlag bekannt geworden sein. Gab es denn gar keine Gerechtigkeit mehr? Er wollte doch bezahlen, mit jenen Groschen, die er sich durch ehrliche Bemühungen auf der Landstraße erbettelt hatte. Und trotz alledem nicht? Hund, Hund verfluchter. Wie hatte die Welt das Recht, sich in seine heiligsten, eigensten Angelegenheiten zu mischen?

»Weib!« schrie Kriews, kirschbraun vor Wut. »Kümmer ich mich um die Leute? Was haben sie sich um mich hier zu kümmern? Demnächst werden sie woll kommen und deine Hitz- und Frostbeulens im Gesicht zählen. Donnerwetter, Weib,« unterbrach er sich plötzlich und starrte seine Ehehälfte in maßlosem Erstaunen an, »überhaupt, wo sühst du aus? Sühst du nich etwa aus, als wenn der Blitz in deinen Oberteil geschlagen hätt'? Und es wär' nu noch seine grüne und blaue Beleuchtung zurückgeblieben? Pfui Deuwel, wer hätt' das gedacht? Sophiing, du büst ja häßlich wie en alter Meerkater. Hast du dich in all die Jahren bloß verstellt? Oder büst du erst seit heut nachmittag so 'ne olle Landplage? Pfui! Wenn man dich ansieht, Mutting, da möcht' man sich ja 'ne Brill' von Schuhsohlen aufsetzen, damit man nich durchkucken kann. Ne, und überhaupt das ganze Anwesen hier. Diese Smutzerei laß ich mich nu nich mehr länger gefallen. Nu wird Ordnung gemacht.«

Bei diesen Worten griff der brave Kriews nach dem Stumpfbesen, fuhr damit wie besessen in die Ecken und stand alsbald von einer grauen Staubwolke umhüllt, die ihn den Blicken der entsetzten Gattin entzog. Aber sie wäre auch ohnehin nicht eine Minute länger mit dem Rasenden allein geblieben. Halb betäubt flüchtete sie aus ihrem sonst so friedlichen Katen, der während zwanzig langer Jahre die Stätte mild geflüsterter Liebesworte gewesen war und irrte, leise vor sich hinschluchzend, auf die finstere Landstraße hinaus.

So schritt sie in dem durchweichten Landweg dahin, während der Novemberregen sacht und unablässig herunterströmte.

Durch die Nacht bellte ihr etwas entgegen. Sie fuhr auf. Sollte das etwa der Hund des Schäfers Sturm sein? Freilich, freilich! Um diese Zeit da kam ja der Alte gewöhnlich die Dorfstraße entlang, um bei seiner Schafherde die Stallfütterung vorzunehmen. Und Schäfer Sturm, war er nicht der Weise des Dorfes? Konnte er nicht Suchten besprechen und die Zukunft deuten? Ja, ja, Schäfer Sturm war sicherlich auch der Mann, ihr über das Wunder Aufschluß zu geben, das sich im Moment in ihrem Hause ereignet hatte.

»Je – je – je –« jammerte sie plötzlich laut vor sich hin.

Der Schäfer hielt an. »Was is dich, mein Döchting?« fragte der lange hagere Mann, während Karo, sein Hund, laut bellend das Paar umsprang.

Da klagte Frau Kriews dem Lauschenden zitternd ihre Not. Der Schäfer dachte lange nach. Dann rieb er sich kräftig die Nase, zog sich die Mütze in die Stirn und pfiff ein paarmal vor sich hin, wie er es immer zu befolgen pfiegte, wenn er eine philosophische Gedankenreihe ordnen wollte. Darauf brachte er endlich hervor: »Nu weiß ich all, mein Döchting. Die Sache is eine von die umgekehrten Krankheiten, wo die Heilung viel slimmer is als das Übel. Aberst davon verstehen die Professers in der Stadt nichts, und du verstehst erst recht nichts davon. Aber kuck, mit Gottes gnädiger Hilfe wächst ein Mittel dagegen, und das will ich dich nu zeigen. Komm mit.«


Eine halbe Stunde später dröhnte das kleine Katenhaus von dem wohlgefälligen Lachen Martin Kriews, des ewig Arbeitslosen, wieder, denn siehe, zwischen ihm und seinem Besuch, dem alten Schäfer Sturm, prangte eine riesige Flasche des schönsten schwarzen Kirschlikörs, den der Schäfer durch ein besonderes Pulver noch besprochen und verstärkt hatte.

Ja, wer auch nur ein Glas dieses lieblichen Getränkes zu sich nahm, der fuhr direkt wie der Prophet Elias in einem feurigen Wagen gen Himmel. Und vor dem Wagen von Martin, dem seligen Lächler, waren bereits sieben solcher strahlend roter Wolkenpferde angeschirrt. Das flog nur so, trappelte und rauschte.

»Mutting,« schrie der ewig Glückliche, »Mutting, ich weiß gar nicht, ich hab' nachmittag woll slecht geschlafen und ganz was Kurioses geträumt. Denk dich bloß, mein Süßing, mich war das so, als hätt' ich hier ausgefegt. Nu denk' dich bloß, so eine Dummheit, bei deine Sauberkeit, wo es so blitzblank aussüht, daß der Kaiser von Deutschland mit dem Kaiser von Rußland auf unsern Erdboden essen können. Und denn, Mutting, ich glaub', denn hab' ich noch in meinen Traum Wilhelm Pölk hier rausgesmissen. Nu nimm mal an, Wilhelm Pölk, den smucksten und nobelsten Menschen, der eine Gesinnung hat als ein richtiger Edelmann. Ne, wo kann man bloß, mein Süßing.« Und sich unterbrechend schlang er plötzlich die Arme um den Nacken von Frau Sophie und stammelte in seliger Verzückung. »Nehmen's nich übel, Herr Schäfer Sturm, ich weiß woll, das paßt sich nich für einen guten Hausvater, aber was hat mein Sophiing nich für einen weißen Swanenhals. Süht sie nicht aus, wie das leibhaftige Sneewittchen in dem gläsernen Sarg mit die sieben Zwerge? Ne, Sophiing, unsre Tochter Lening ist woll schön und tugendhaft. Aber gegen dir, Mutting, da kann sie mir einfach leid tun. Denn du büst weiß und rot, wie ein ganz junges Ferkel, wenn es in seinem neugeborenen Zustand is. O Mutting – o Herr Schäfer – was bün ich glücklich, und wie gut is die Welt, und was sünd die Menschens für holde Geschöpfe.

»Nu kommen Sie eins raus,« forderte der Schäfer Frau Sophie nachdrücklich auf. Und als sie beide unter dem rauschenden Novemberregen standen, da tippte der Alte seiner Gefährtin nachdrücklich auf den Arm, pfiff seine philosophische Melodie und äußerte endlich sehr bedeutsam: »Daraus kannst du dich nu zweierlei merken, mein Döchting. Erstens, daß nur die Dummheit gegen die Gewohnheit in den Krieg zieht. Und zweitens – und das is die Hauptsache – daß ein Rausch allemal was Segensreiches is und auf den Menschen von oben ausgegossen wird wie en milder Frühjahrsregen auf die harte Erde. Denn süh, mein Döchting, manches Erdreich is so hart, daß es ohne diesen Guß nur giftige Dämpfe von sich geben würd. Da hat denn eine besonders gütige Macht Einsicht gebraucht und die Menschens das gegeben, ohne was sie gar nicht sein können. Nämlich den Rausch. Und wenn en Boden so fest und trocken is, daß er den natürlichen, von Gott gewollten, nicht mehr aufnimmt, denn muß man ihm eben einen künstlichen beibringen. Und das tu du nu ümmer, mein Döchting, mit anderthalb Liter den Tag. Mehr nicht. Dann aber wirst du auch sehen, daß es wirkt wie feines Öl. Das Schwere, die sogenannten lieblichen Eigenschaften, die eigentlich gar nicht zu ihm gehören, die bleiben oben; das Niederträchtige aber und das Gemeine, die das eigentliche Wesen ausmachen, die werden runtergedrückt und sinken sich auf den tiefsten Grund.«

Und als der Weise von Nieder-Pümplow so sprach, da klirrte es anheimelnd aus dem engen Katen heraus, und im vollen Rausch der Seele sang Martin Kriews, der ewig Arbeitslose, sein Liebingslied:

»Des Menschen höchstes Glück auf Erden
Ist lieben und geliebt zu werden«.

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