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Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Der Verborgne und die Verkappte

Pedro Calderón de la Barca: Der Verborgne und die Verkappte - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleCalderons ausgewählte Werke Bd. III
authorPedro Calderón de la Barca
translatorJohann Diederich Gries
firstpub1817
yearca. 1905
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDer Verborgne und die Verkappte
pages219-328
created20050613
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Dritter Aufzug.

Szene, wie am Schlusse des zweiten Aufzugs.

Don Cesar kommt aus dem Verschlage. Er trägt die in Ohnmacht liegende Celia in seinen Armen und setzt sie auf einen Stuhl.

Don Cesar. Nein, ich darf nicht länger säumen,
Nicht beachten mehr die müß'gen
Afterreden des, der spräche,
Daß es Celien ungebührlich
Sei, sich hier versteckt zu haben.
Weg mich setzen muß ich kühnlich
Ueber schändliche Verleumdung;
Denn ihr Leben braucht jetzt Hilfe.
Tief in Ohnmacht, oder tot,
Liegt sie eine Stund' und drüber;
Teils vor Schrecken, weil ihr Bruder
Ganz gewiß sie töten würde,
Wenn er hörte, sie sei hier;
Teils auch von der Angst erschüttert,
Sich im fremden Haus zu sehen,
Doppelte Gefahr befürchtend.
Suchen muß ich jetzt, in dieser
Not ein Mittel auszuspüren.
Jemand rufen, der aus Mitleid
Celiens Leben unterstütze,
Kann ich nicht; es wär' unmenschlich,
Gäb' ich zu, daß sie hier stürbe,
Einsam, hilflos. – Wenn von allen,
Die den Vorgang hier erführen,
Einer ist, der sagen kann,
Was ich thun soll: nicht verhüll' er
Seine Weisheit, sondern komme
Ratend meiner Angst zu Hilfe! –
Sie verlassen, wär' abscheulich.
Und zumal, da ihre Güte
Jetzt das Leben mir gerettet.
Mich entdecken? Unvernünftig! –
Wenn du kamst, o schöne Celia!
In die Freiheit mich zu führen,
Warum hast du selbst, du selbst
Mir die Freiheit rauben müssen? –
Wo ist hier ein Trost zu finden? –
Einem einz'gen Wesen dürft' ich
Mich vertrauen. Beatriz,
Sie, die meinem Liebesglühen
Immer günstig war (vielleicht
Auch nur meinen Gaben günstig),
Könnt' ihr helfen, weil am Ende
Alle Weiber Mitleid fühlen;
Und für ein bekümmert Weib
Ist ein Weib die beste Hilfe.
Irr' ich, oder nicht: ihr will ich
Mich entdecken. Zwar ich fürchte,
Das Geheimnis zu gefährden,
Doch in mehr Gefahr kann's künftig
Nimmer sein, als jetzt; und Treue
Wird es hier, Verrat zu üben.
Dieses Mittel wähl' ich, denn
Keine Wahl ist weiter übrig. –
Schon läßt in Aurorens Armen
Dort der junge Tag sich spüren.
Ich muß gehn. Vergib mir, Celia!
Bald kehr' ich zurück mit Hilfe.

(Er schließt die Saalthür auf und geht.)

Celia (die sich allmählich erholt).
Wehe mir! Mein eigner Atem
Ist's, der mich beinah erwürgte;
Denn es weigert selbst der Mund
Ihn der Brust, um Luft zu schlürfen.
Leblos bin ich, und mit Seele;
Tot, und dennoch leben müssend.
Ach, wem gab sein Unglück schon
Gift zu trinken aus den Lüften? –
Cesar, wenn du . . .
    (Sie blickt umher.)
                                Was ist dies?
Nicht mehr im Verschlag? Wer führte
Mich heraus? Ich bin allein!
Niemand hört mich, niemand spür' ich.
Cesar! Cesar! – Er verließ mich,
Er entfloh! O wirklich, wirklich!
Denn gefährdet, wie er ist,
Konnt' er einzig, um zu flüchten,
Jetzt von hinnen gehn. Was zweifelt
Noch mein Unglück, oder fürchtet?
Doppelt sicher ist's, weil's Unglück
Ist, und weil mir eigentümlich.
Undankbarer! Eh, als mich,
Suchtest du dich selbst zu schützen?
Was nun? Soll ich mich Lisarden
Anvertraun, der Eifersücht'gen?
Nimmermehr! – Und dem Don Juan,
Der mit Felix sich verbündet,
Seiner Ehre Schimpf zu rächen?
O wie wär' es unvernünftig! –
Nur Don Diego'n könnt' ich alles,
Was sich zutrug, minder fürchtend,
Wohl entdecken. Edelmann
Ist er doch; und nur beschützet
Von ergrautem Haare, darf
Sich die Ehre sicher dünken.
Dieses ist, wenn nicht das Beste,
Doch am mindsten schlimm. –
    (Sie nähert sich der Saalthür.)
                                                Vollführen
Läßt es leider sich nicht mehr;
Denn es öffnen sich die Thüren,
Und Lisarda und Don Juan
Treten schon herein. Verhüllen
Muß noch einmal mich dies Grab,
Das ich, gleich den Seidenwürmen,
In dem Drangsal meines Unglücks
Für mich selber einst gegründet.

(Sie geht in den Verschlag.)

Beide Saalthüren öffnen sich; durch die eine kommen Lisarda und Beatriz, durch die andere Don Juan und Castaño.

Lisarda (zu Beatrix). Ob mein Vater aufgestanden,
Siehe zu. – O böse Nacht!

Don Juan (zu Castaño). Sieh, ob schon Don Diego wach. –
Alle meine Sinne schwanden!

Beatriz. Schon ist dort Geräusch vorhanden.

Castaño. Schon ist's laut im Zimmer da.

Lisarda. Wissen soll er, was ich sah.

Don Juan. Abschied nehm' ich; doch nicht Kunde
Geb' ich ihm, aus welchem Grunde.

Lisarda. Wie? Don Juan?

Don Juan.                         Lisarda?

Lisarda.                                           Ja.

Don Juan. Ei, zu solcher Wachsamkeit
Bringt dich der verborgne Freier?

Lisarda. Bringt die Dame mit dem Schleier
Dich zu solcher Albernheit?

Don Juan. Seltsam! Bei so früher Zeit
Stehst du auf?

Lisarda.                 Was sprachst du da?

Don Juan. Ei, ich sage, was ich sah.

Lisarda. Was ich sah, fällt itzt mir ein.

Don Juan. Und ist dies nicht Lüge?

Lisarda.                                           Nein!
Doch ist jenes Wahrheit?

Don Juan.                               Ja!

Lisarda. Sprich, Don Juan, nicht so verwegen,
Sonst verlier' ich den Verstand.

Don Juan. Beiden wird er uns entwandt,
Denkst du's so drauf anzulegen.

Lisarda. Niemand ist ja hier zugegen,
Als die beiden, die gesehn,
Was hier diese Nacht geschehn;
Sprechen wir in offnem Ton!

Don Juan. Sprechen? Wenn beim Denken schon
Alle Sinne mir vergehn?

Lisarda. Was denn sahst du?

Don Juan.                               Einen Mann.
Mit dem Schlüssel schloß er dort
Auf die Thür und wollte fort.

Lisarda. Nun, so höre mich.

Don Juan.                             Wohlan!

Lisarda. Kam ich gestern erst hier an,
Wie denn hatt' ich Zeit, nur eben
Einen Schlüssel ihm zu geben,
Diesem Buhlen? Sieh doch ein:
Wie viel eher kann es sein,
Daß ein Dieb sich herbegeben?
Diebe wissen wohl Bescheid.

Don Juan. Solchen kühnen Mut zu zeigen,
Ist den Dieben nimmer eigen.

Lisarda. Mut gibt die Notwendigkeit.
Dazu nimm: zur selben Zeit
Ward ein Diebstahl hier im Saal
Unternommen – sintemal
Du nicht wirst den Glauben hegen,
Daß mein Buhle so verwegen
Beatrizens Schlender stahl.

Beatriz. Einen neuen!

Lisarda.                       Unweit schlimmer
Ist es, was ich hier entdeckt.

Don Juan. Und was war's?

Lisarda.                               Ein Weib, versteckt
Hier in deinem eignen Zimmer.

Don Juan. Wie nur glauben kannst du immer,
Daß ich in der ersten Nacht,
Die ich hier als Gast verbracht,
Holt' ein Weibsbild?

Lisarda.                           Wer so spät
In der Nacht vom Hause geht,
Den trifft jeglicher Verdacht.

Don Juan. Beide Klagen durchzugehen,
Denk' ich, und zu widerlegen.
War mein Liebchen hier zugegen,
Durft' ich erst es suchen gehn?
Drum ist leichtlich einzusehn:
Mich, entweder, trieb durchaus
Anderes Geschäft hinaus;
Oder die, so hier im Zimmer
Steckte, war mein Liebchen nimmer,
Denn ich ging ja nach ihr aus. –
Oder steht – sag's unbeklommen –
In so schlechtem Ruf mein Name,
Daß du argwöhnst, meine Dame
Habe jenes Kleid genommen?

Beatriz. Ungetragen!

Lisarda.                     So bekommen
Färbung von demselben Scheine
Meine Klage jetzt und deine;
Und du wünschest, daß man sage,
Glaubhaft sei nur deine Klage
Und sehr zweifelhaft die meine.

Don Juan. Wenn uns Zorn und Schmerz verstören,
Ist es minder leicht, mit Klarheit
Auszusagen eine Wahrheit,
Als ein Lügenwort zu hören.
Dazu kommt noch dies: Empören
Beide Klagen gleich das Herz,
Fühl' ich doch gewiß den Schmerz
Meiner Klag' in größrer Schwere;
Denn die meine gilt der Ehre,
Deine gilt nur einem Scherz.

Lisarda. Nimmer – mag's mein Stolz bescheinen –
Kannt' ich jenen, der hier war.

Don Juan. Alles, was ich sagt', ist wahr.

Lisarda. Sehr verschieden muß erscheinen
Deine Wahrheit von der meinen.

Don Juan. Ehre gibt mir Zweifel ein.

Lisarda. Mich beglaubigt Würd' allein.

Don Juan. Sah ich hier nicht einen Mann?

Lisarda. Traf ich nicht ein Weib hier an?

Don Diego tritt auf.

Don Diego. Wie? Gibt's Hader hier?

Lisarda und Don Juan.                       O nein!

Don Diego. Was? So frühe schon im Kleide
Find' ich Euch? Don Juan, durchaus
Glauben muß ich, dieses Haus
That Euch irgend was zuleide.
Und wohl dir auch, weil ihr beide
Schon so früh den Schlaf vergeßt.

Don Juan (beiseite). Bergen muß ich, was mich preßt. –
Weißt du nicht, daß Liebessehnen,
Stets im Wachen und im Wähnen,
Schlecht das Auge schlummern läßt?

Lisarda. Fast dasselbe würd' ich sagen,
Wenn's die Schicklichkeit vergönnte.

Don Juan (beiseite). O wer doch es glauben könnte!

Lisarda (beiseite). Wer nicht müßte Zweifel tragen!

Don Diego. Dieser Grund kann mir behagen.
Wissen sollt ihr nun Bescheid,
Wie ihr mir verpflichtet seid:
Ich stand auf so früh am Morgen,
Um Erlaubnis zu besorgen,
Daß ihr euch noch heute freit;
Und des Aufgebotes lange
Zögerung vermeiden wir.

Don Juan. Für die Güte, die ich hier
Jeden Tag von dir empfange,
Dank' ich dir aus Herzensdrange.
Doch es gnügt, soviel ich sehe,
Der Erlaubnisschein zur Ehe
Trotz der Vetterschaft; nicht not
Thut es, auch fürs Aufgebot
Noch Dispens zu . . .

Lisarda.                           Herr, ich flehe,
Dehne nur die Zeit recht aus
Und verzögre die Vereinung.

Don Diego. Ist das deine wahre Meinung,
So wird besser gar nichts draus.
Thöricht scheint es mir durchaus,
Schon so früh um solcher tollen
Laune willen aufstehn sollen;
Und, bei so bewandten Sachen,
Wollt ihr heut nicht Hochzeit machen,
Werd' ich's morgen wohl nicht wollen.

Don Juan. Immer werd' ich, Herr . . .

Lisarda (beiseite).                               Weh mir!

Don Juan. Als das größte Glück es finden,
Mich der Muhme zu verbinden.
Nur ersparen wollt' ich dir
Neue Mühe; darum hier . . .

Don Diego. Andrer Grund – das seh' ich ein –
Kann hier nicht vorhanden sein;
Denn ihr würdet (dies den beiden)
Wohl ihn mir zu sagen meiden
Und ich ihn nicht hören, nein! (ab.)

Lisarda. Schönen Weg hast du erwählt!

Don Juan. Zeigtest du vielleicht, ich bitte,
Mehr Verstand bei diesem Schritte?

Lisarda. Ja; den Kummer, der mich quält,
Hab' ich doch zum Teil verhehlt.

Don Juan. Ich will Sorgen, die mich quälen,
Mir zum Nachteil nicht verhehlen;
Und bevor ich nicht entdeckt,
Welcher Mann sich hier versteckt,
Werd' ich nimmer mich vermählen.

(Don Juan und Castaño gehen ab.)

Lisarda. Himmel, kann es möglich sein,
Solches Unrecht zu ertragen?
Meine Treu will man verklagen?
Meinen Ruf will man entweihn?
War doch immer hell und rein
Das Bewußtsein meiner Ehre,
Fels im aufgeregten Meere,
Eich' in wilder Stürme Wut,
Ohne daß durch Sturm und Flut
Jemals sie erschüttert wäre!
Sag' es jener, der sie sah
In den Stürmen, in den Fluten,
Hier bedrängt von Seufzergluten
Und von Thränenströmen da.
Ohne Wank, was auch geschah,
Sie zu beugen, blieb ihr Mut
Immerdar auf seiner Hut.
Nimmer ließ sie sich bewegen
Von des Sturmes rauhen Schlägen,
Noch vom Drang der wilden Flut.

Beatriz. Herrin, nicht mit solcher Pein
Mußt du alles dies beschauen.

Lisarda. Nichts macht, als ich selbst, mir Grauen.

Beatriz. Komm ins Kabinett herein,
Laß dich putzen; Zeit wird's sein,
Dich zur Messe zu begeben.

Lisarda. Mit dem Putz mich abzugeben,
Fehlt mir alle Lust; es geht
Wohl auch so. – Schon ist es spät;
Nur den Schleier her!

Beatriz.                             Soeben
Hab' ich dir ihn rein gemacht,
Und hier ist er gleich am Ort.

Lisarda. Gib und nimm den deinen. Fort,
Ruf Otañez.

(Beatriz legt ihr den Schleier an und geht.)

Lisarda.             Strenge Macht
Meines Unglücks! Ein Verdacht
Solcher Art, der auf mich fällt?
Doch wer ist, der auf der Welt
Frei von Lästerung sich achte,
Wenn ein Fehler, den man dachte,
Tugend aufwiegt, die erhellt?
Himmel! Ein verborgner Mann
Hier im Hause? Welch Erfrechen!

(Sie setzt sich auf einen Stuhl, den Rücken nach der Thür gekehrt, und versinkt in Gedanken.)

Don Cesar tritt durch die Saalthür herein.

Don Cesar (für sich). Beatriz war nicht zu sprechen.
Doch als Glück schon seh' ich's an,
Daß ich ungesehn entrann;
Und beeilen muß ich mich,
Daß sie Celien, die erblich,
Nicht an diesem Orte finden. –
Teure, wie ist dein Befinden? (Er hält Lisarden für Celien.)

Lisarda. Wer wagt, so zu reden?

Don Cesar.                                   Ich.

Lisarda (sich entschleiernd).
Du, Don Cesar?

Don Cesar.               Welch ein Schrecken!

Lisarda. Hier, in meinem Haus?

Don Cesar.                                 Welch Zagen!

Lisarda. Hier im Zimmer?

Don Cesar.                         Welche Plagen!

Lisarda. Antwort!

Don Cesar.           Jedes Wort bleibt stecken!
Denn die Lippe . . .

Lisarda.                         Welch Erkecken!

Don Cesar. Schier erstarrt . . .

Lisarda.                                   Welch Unglücksdrohn!

Don Cesar. Muß verstummen.

Lisarda.                                     Welch ein Hohn!

Don Cesar. Und dein Anblick.

Lisarda.                                     Welch Erfrechen!

Don Cesar. Raubt der Sprache selbst das Sprechen,
Raubt dem Tone selbst den Ton.

Lisarda. Warum hast du dein Gesicht
Damals mir verhüllt – o sage!
Als du schütztest meine Tage,
Und, da du mich tötest, nicht?
Dein Verfahren widerspricht
Ja sich selbst. Mich zu mißhandeln,
Muß sich deine Sitte wandeln;
Denn es machen Stimm' und Mund
Offen die Beleid'gung kund,
Aber nicht das Edelhandeln.
Wenn ich schon verschmäht dein Werben,
Als du heiß mir Liebe schworst;
Wenn du gänzlich mich verlorst
Durch des Bruders bittres Sterben:
Gib, Don Cesar, gib den herben
Starrsinn auf, denn sicherlich
Will's dein Stern. Verlobt bin ich,
Jede Hoffnung muß gebrechen.
Kommst du nicht, um dich zu rächen:
Ha, weswegen kommst du? Sprich!
Sage, was dein Schritt mir droht!

Don Cesar (beiseite). Was soll ich zur Antwort geben?
Macht' ich auch, so wie sie eben
Mir dazu den Anlaß bot,
Eine Tugend aus der Not,
Trüg' ich alle Schuld auch gern:
So ist Celia wohl nicht fern,
Und, befreit von ihrer Schwäche,
Hört sie alles, was ich spreche.
O wie grausam ist mein Stern!

Lisarda. Rede!

Don Cesar.       Könnt' ich hell ins Licht
Stellen meines Kommens Grund,
O dann wäre dieser Mund
Wohl ein Redner von Gewicht.
Doch ich weiß es selber nicht,
Was ich nicht sag' und beweine.
Wissen sollst du nur dies eine,
Daß ich, rings von Not umgeben,
Mit der Teuersten zu leben
Oder hier zu sterben meine.
Denn hier ist mein teures Gut,
Das ich liebt' und, ach! verlor.

Lisarda. Cesar, schone jetzt mein Ohr!
Sprich nicht so, es ist nicht gut;
Mäß'ge deiner Stimme Mut.
Warst es du, der unternommen,
Diese Nacht hieher zu kommen,
Um mich hier zu töten?

Don Cesar.                           Nein!

Lisarda. Du erhieltest mich; für ein
Leben sollst du zwei bekommen. –
Flieh und ende meine Qual;
Denn wofern mein Vater käme,
Wenn mein Vetter wahr dich nähme,
Den ich acht' als Ehgemahl,
Müßt' ich, ohne weitre Wahl,
Sie befried'gen.

Don Cesar.               Wenn's geschähe!
End', o Schicksal, dieses Wehe!

Lisarda. Gehe denn, eh sie dich fangen.

Don Cesar (beiseite). Daß ich geh', ist ihr Verlangen,
Und wer glaubt's, daß ich nicht gehe?
Denn in solcher Fährlichkeit
Darf ich Celien nicht verlassen,

Beatriz tritt auf.

Beatriz. Fräulein, ach, nun wird's uns fassen!

Lisarda. Sprich, was gibt's? Ein neues Leid?

Beatriz. Vor der Hausthür gibt es Streit;
Und so viel sich kund gethan,
Ist es . . .

Lisarda.         Wer?

Beatriz.                   Mein Herr, Don Juan,
Und ein Mann, den er gefunden
Vor der Thür.

Don Cesar (beiseite). Von Stund' auf Stunden
Wächst mein Unglück immer an.

Lisarda (beiseite). Weh mir Armen! Sollt' am Tage
Jetzt Don Juan Don Cesarn sehen,
Wird sein Argwohn übergehen
Zur Gewißheit. Wenn ich sage,
Daß er mit verwegner Wage
Ohne mich hereingekommen,
Wird's nicht meiner Ehre frommen,
Und es mehrt sich das Gewicht
Des Verdachts; er würde nicht
In das Haus des Feindes kommen,
Wenn ein wicht'ger Grund nicht wäre,
Der zu solchem Schritt ihn zwang.

Don Cesar (zu Lisarden). Laß mich gehn!

Lisarda.                                                   Du siehst den Drang
Des Geschicks, des Unheils Schwere.
Ehre setz' ich nun an Ehre,
Das ist jetzt mein einz'ger Hort. –
(Zu Beatriz.) Führ' ihn in dein Zimmer fort.

Don Cesar. Würd' ich hier nicht sichrer sein?
Laß mich hier!

Lisarda.                 Weswegen? Nein,
Zu besucht ist dieser Ort.

Don Cesar (beiseite). Wenn ich die Entdeckung wage,
Wer weiß, was sie würde thun,
Sich zu retten? Sicher nun
Ist ja Celia im Verschlage;
Besser drum, daß ich nichts sage.

Beatriz. Horch! die Trepp' herauf bewegen
Sich Don Juan und mehr.

Lisarda (zu Don Cesar).           Erwägen
Kannst du noch? O nicht verziehe!
Meiner Ehre wegen, fliehe!

Don Cesar. Wohl, nur deiner Ehre wegen!

(Er geht mit Beatriz ab.)

Don Juan tritt auf; ihm folgen Otañez und Castaño, die den Mosquito am Halse hereinschleppen.

Don Juan. Schleppt ihn hier herein und fest
Haltet ihn in diesem Zimmer,
Bis er sage, wo sein Herr ist.

Mosquito. Zeuge soll mir sein der Himmel,
Der Justiz greift man ins Amt. –
Könnt' ihr ohne Spruch des Richters,
Ohn' Alguazilstab, ihr Herrn,
Mich verhaften?

Lisarda.                     Was ist dieses?

Mosquito. Fräulein, diese beiden Häscher
Fahn mich, so viel ich begriffen,
Wenn sie mich nicht gar ermorden.
Denn mit Degenstößen zwingen
Sie mich hier herein, ich weiß nicht,
Weshalb.

Lisarda (beiseite). Weh mir! Ich durchdringe
Wohl den Grund. Der Diener ist's
Des Don Cesar, und als dieser
Eintrat, blieb er auf der Gasse;
Da erkannten sie ihn sicher.

Don Juan. Wissen sollst du, was es gibt.
Dieser Mensch, den wir hier bringen,
Ist der Diener des Don Cesar.

Lisarda (beiseite). Ach, nur zu gewiß erriet ich's!

Don Juan. Spürend ging er durch die Gasse
Und die Augen immer richtend
Auf dies Haus. Drum ist kein Zweifel,
Daß Don Cesar, der im stillen
Hier ist, der erfuhr, daß ich
Nach ihm suche, diesen schickte,
Meine Wohnung zu erforschen,
Mich zu töten. Deshalb will ich,
Daß er sage, wo sein Herr
Sich versteckt . . .

Lisarda (beiseite).         Des Todes bin ich,
Wenn er's sagt!

Don Juan.               Damit zuvor
Ich ihm komm' und streck' ihn nieder. –
Vor der Hausthür packt' ich ihn,
Aber weder Drohn, noch Bitten
Konnten seine Treu verführen.
Drum nun soll Gewalt ihn zwingen,
Mir's zu sagen; denn sein Tod
Ist gewiß, wenn er aufrichtig
Nicht gesteht, wo Cesar ist.

Mosquito (beiseite). Ach, von Herzen gern verriet' ich's,
Wenn sie nicht hieher mich brachten,
Wo kein Ton ihm kann entwischen.

Don Juan. Sage nun, wo ist dein Herr?

Mosquito. Ich will's sagen.

Lisarda (beiseite).               Hilf mir, Himmel!
Um mein Leben ist's geschehn,
Wenn er sagt, er sei hier drinnen.

Mosquito. Er ist gar nicht weit von hier; –
(beiseite) Das ist wahr.

Lisarda (beiseite).               Weh mir!

Don Juan.                                           Geschwinde!
Sage, wo?

Mosquito.         In Portugal
Ließ ich ihn zurück, zufrieden
Und vergnügt, sich sehr ergötzend
An dem Tanz der Portugiesen.

Don Juan. Er ist in Madrid, ich weiß.
Vor drei Tagen, ganz im stillen,
Kam er an; in einem Gasthof
Stieg er heimlich ab, und mit sich
Führt er Celien. Dieses weiß ich;
Und du, Thor, kannst dir einbilden,
Mir's zu bergen?

Mosquito.                   Wollt Ihr etwa
Gar mich auf die Folter bringen?
Wer wird Henker sein, da jene
Allbereits die Häscher spielten,
Ohne bessern Grund?

Don Juan.                         Ich weiß,
Was zu thun bei diesen Dingen.
Felix hat mein Wort; ich muß
Mich enthalten jedes Schrittes,
Sei er offen oder heimlich,
Bis ich alles ihm berichtet;
Denn ihm liegt am meisten dran,
Rach' an Cesarn zu vollbringen.
Drum muß ich ihm Nachricht geben,
Daß es mir geglückt, den Diener
Zu erwischen. Und so lange,
Bis ich her Don Felix bringe
(Leicht geschieht's ja in der Kutsche),
Laßt den Kerl in diesem Zimmer
Oder dort im Kabinett,
Das verborgen ist und sicher,
Weil es nur durch meine Wohnung
Ausgang hat. Hier nun verschließt ihn;
Denn bis ich Don Felix sprach,
Läßt sich weiter nichts verrichten.

Lisarda (beiseite). Möcht' er endlich doch nur gehn,
Daß es mir indes gelinge,
Cesarn aus dem Haus zu schaffen! –
(Zu Don Juan.) Pünktlich folg' ich deinem Willen.

Don Juan (zu Otañez und Castaño).
Laßt, ihr beiden, ihn allein;
Und daß keiner hier entwische,
Geht nicht von der Hausthür fort.

Castaño. Wache halten wir, sei sicher;
Und es soll kein Mensch herein,
Noch der Schuft hinaus.

Mosquito.                             Nur stille!
Denn verhaften könnt ihr wohl,
Aber, meine Herrn, nicht schimpfen.

Don Juan. Wenn du nicht die Wahrheit sagst,
Stirbst du. Bleib allein hier drinnen
Und geh mit dir selbst zu Rat,
Was dir mehr zum Heile diene:
Des Geheimnisses Enthüllung,
Oder Tod durch diese Klinge.

(Alle, bis auf Mosquito, gehen ab; die Thür wird von außen verschlossen.)

Mosquito. Des Geheimnisses Enthüllung,
Oder Tod durch diese Klinge,
Und geh mit dir selbst zu Rat?
Nun, das ist denn doch, beim Himmel!
Dringendste Verlegenheit. –
Doch was zweifl' ich noch und zittre?
Dies Gefängnis ist ja eben
Das, wo sich mein Herr befindet,
Eingeschlossen durch sein Unglück.
Alles ja vernahm er sicher;
Denn er harrt auf den Erfolg
Dessen, was ich ausgerichtet,
Daß er endlich wagen dürfe,
Zu entfliehn. Ihn rufen will ich.
    (Er klopft an die Thür des Verschlags.)
Heda, im Verschlag! du kannst
Ohne Sorg' in dieses Zimmer.
Ich bin hier allein, denn niemand
Ist die Furcht, die ich empfinde.

Celia kommt verschleiert aus dem Verschlage.

Celia. Oeffnen muß ich wohl, sonst macht
Größern Lärm noch dieser Gimpel.
Schon von Sinnen bin ich fast.

Mosquito. Bester Herr, was ist denn dieses?
Hast du auch ein Kleid gestohlen,
Um verkleidet zu entwischen,
So wie ich? Sehr wohl gethan!
Denn ein alter Herr wohnt drinnen,
Der mit möglichstem Respekt
Damen aus dem Hause bringet;
Kaum berührt' er mir das Händchen.
Doch genug ist Spaß getrieben!
Weißt du, was hier vorgegangen?
Sprich, beim Himmel! Was ist dieses?

Celia. Wehe mir!

Mosquito.           Die Stimme selbst
Stahlst du auch, wenn ich nicht irre,
Wie das Kleid. Ob dir indes
Umgeschlagen ist die Stimme?
Denn als Baß verließ ich dich,
Als Diskant find' ich dich wieder.
Doch, was gilt's? Gewiß, Lisarda
Hat indes für deine Liebe
Dankbar sich gezeigt und dir . . .

Celia. Schweig, du bringest mich von Sinnen!

Mosquito. Heil'ger Gott, es ist ein Weib!
Oft zwar hört' ich ein Geschichtchen
Von der Nonne, der ein Bläschen
Bei zu angestrengtem Spiele
Sprang und die aus einer Nonne
Ward zum Mönch im Augenblicke.
Aber daß ein junger Herr
Ward zur Dame – nein, noch nimmer
Hört' ich das in meinem Leben.

Celia. Schweig, Einfält'ger! oder zittre,
Daß dich meine Wut erwürge.

(Sie entschleiert sich.)

Mosquito. Celia?

Celia.                   Ja!

Mosquito.                 Was ist denn dieses?

Celia. Mit Gefahr für Ehr' und Leben
Hab' ich hier die fürchterlichste
Schandthat eines Manns gesehn;
Das ist deutlich gnug beschrieben.
Cesar, dem ich Leben gab,
Tötet mich zum Gegendienste.
Wissend, daß ich hier im größten
Drange war, eilt' er von hinnen,
Sich Lisarden zu erklären.
Sagen hört' ich ihn (o Himmel!),
Daß die Liebesglut für sie
Einzig ihn hieher getrieben.
Fliehen wollt' ich jetzt, da brachten
Leute dich in dieses Zimmer,
Und verbergen mußt' ich mich,
Trotz der Eifersucht und Liebe,
Bis du mich hervorgerufen.

Mosquito. Und mein Herr?

Celia.                                   O, der ist sicher
Bei Lisarden, sich beklagend . . .

Mosquito. Weshalb?

Celia.                         Um der Heirat willen.
Doch daß aller dieser Wirrwarr
Nicht noch tiefer sich verwickle,
Will ich laut die Wahrheit sprechen
Und durch diesen Schritt bewirken,
Daß Don Cesar schneller nun
Den Don Juan von nur zu trift'ger
Eifersucht enttäuschet sehe
Und Lisarden ihm versichert.

Mosquito. Eifersucht spricht jetzt aus dir,
Liebe nicht. Allein beschicken
Müssen wir jetzt mehr, als selbst
Die geschäftigsten Juristen.

Celia. Doch nun sage mir, wie kamst
Du hieher?

Mosquito.         Nun, ich entwischte
Hier, verkleidet. Don Rodrigo,
Cesars Freund und nahen Sippen,
Unterrichtet' ich von allem,
Daß er diese Nacht erschiene,
Um den Rücken meinem Herrn
Wohl zu decken. Er, gleich willig,
Sagt', ich sollt' ihm jenes Haus,
Wo er sei, genau bestimmen;
Doch wir dürften nicht zusammen
Da vorbeigehn. Auf verschiednen
Seiten gingen wir deshalb,
Und ich blieb, damit er wisse,
Welches Haus es sei, dort stehen.
Jener ging vorbei. Inzwischen
Kam der Herr Don Juan nach Hause.
Er erkannte mich, und grimmig
Schleppt' er mich sogleich ins Vorhaus.
Leugnend, dacht' ich zu entwischen;
Aber er und seine Leute
Brachten mich in dieses Zimmer,
Wo ich meinen Herrn noch glaubte
Und wo ich in diesem Spiele
Des Verschlags die Regel hielt:
Wenig setz' und viel gewinne!

Celia. Und was haben nun wir beiden
Hier zu thun?

Mosquito.             Kann ich es wissen?

Celia. An die Thüre will ich pochen,
Eh' mein Bruder hier erschienen,
Und Lisarden auf einmal
Mich entdecken, weil gewißlich
Jetzt Don Diego nicht zu Haus ist.
Denn Lisarda ist zum mindsten
Doch von edlem Blut, und Mitleid
Wird sie fühlen.

Mosquito.                 Das ist sicher.

(Celia pocht an die Saalthür; Beatrix antwortet hinter der Szene.)

Beatriz. Oeffnen kann ich nicht, Mosquito
(Ob ich's wünsche, weiß der Himmel);
Denn den Schlüssel nahm Don Juan
Mit sich fort. Allein versichern
Kann ich dieses, daß Don Cesar,
Der sich jetzt in meinem Zimmer
Mit dem Fräulein unterhält,
Nicht will ohne dich entrinnen.

Mosquito (zu Celien). Das ist Beatriz, die Zofe
Von Lisarden.

Celia.                     Nichts, o Himmel!
Kann ich hören oder sehn,
Das nicht meine Qual verschlimmert,

Mosquito (zu Beatriz). Sieh, daß du mir Oeffnung schaffest;
Denn ich leid' am Steine sicher,
Weil mir Oeffnung jetzt so not ist.

Beatriz (wie oben). Oeffnen kann ich nicht, gewißlich!
Glaub', es thut mir herzlich leid,
Dich in solcher Not zu wissen;
Aber weinen kann ich nicht.

Mosquito. Ha, ich glaub' es dir, Verschmitzte!
Denn ich bin ein armer Schelm,
Den du nur aus Mitleid liebtest
Ein'ge Zeit.

Beatriz (wie oben). Antworten würd' ich;
Doch es ziemt nicht, zu erwidern
Einem eingesperrten Schwätzer.

Celia. Daß Don Juan den Schlüssel mitnimmt,
Schließt den Weg für alle Hilfe,
Um dem Schmerz ihn aufzuschließen.

Beatriz (wie oben). Nun befiehl dich Gott, Mosquito!
Denn Don Juan kommt eben wieder
Und bringt mit sich jenen Freund,
Der heut nacht ihn suchte.

Celia.                                       Himmel!
's ist mein Bruder!

Mosquito.                     Uns verstecken,
Fräulein, ist das einz'ge Mittel.
Laßt uns noch ein bißchen leben,
Bis sie das Geheimnis finden.

(Er geht in das Kabinett.)

Celia. Du hast recht.
    (Indem sie ihm eilig folgen will, stolpert sie und fällt.)
                          Doch wehe mir!
Ach, ich stolpre, falle nieder!

Mosquito. Kommst du nicht zu rechter Zeit,
So muß ich die Thür verschließen.

(Er geht in den Verschlag und schließt ab.)

Celia (die wieder aufgestanden).
Ha, Verräter, warte!

Don Juan und Don Felix treten auf.

Don Juan.                         Hier,
Wie ich Euch erzählte, ließ ich
Ihn verschlossen.

Don Felix.                   So verschließt
Diese Thüre jetzt von innen.
Laßt uns beide hier allein
Mit ihm bleiben; denn, beim Himmel!
Sagen muß er, wo sein Herr ist,
Oder hier sein Leben missen.

Don Juan (der mit Mosquito zu reden glaubt).
Jetzo seht Ihr Eu'r Bedrängnis,
Guter Freund. – (Er erblickt Celien.)
                        Doch was ist dieses?
Einen Diener ließ ich hier,
Eine Dam' im Schleier find' ich!

Don Felix. Sagtet Ihr mir nicht vorhin,
Eingesperrt in einem Zimmer
Sei der Diener, wo die Flucht
Ihm unmöglich sei?

Don Juan.                       Gewißlich!

Don Felix. Nicht zu sehr! Er ging davon,
Und wir sehn ein Frauenzimmer.

Don Juan. Nun, bei Gott! den Schlüssel nahm ich
Selber mit.

Don Felix.         So laßt entschieden
Diese Täuschung uns enthüllen!

(Er bleibt an der Thüre stehen, und Don Juan nähert sich Celien.)

Don Juan (zu Celien). Herrin, das Gesetz der Sitte
Ist des Edlen Seele; doch
Manchmal heischt Verletzung dringend
Die Notwendigkeit.

Celia (beiseite).               Ich Arme!

Don Juan. Nötig ist es jetzt, zu wissen,
Wer Ihr seid, wie Ihr herein
Kamt, um welches Zweckes willen.
Doppelt wird mein Kummer sein,
Seid Ihr die, auf die ich schließe.
Wissen muß ich, was aus jenem
Diener ward, der hier geblieben,
Wie er fort kam, Ihr herein.
Nehmt den Schleier ab und zwinget
Nicht mich zur Unhöflichkeit.

Celia (beiseite). Fliehen kann ich nicht! – Verziehet,
Herr Don Juan! Bedenkt, daß Euer
Rang und meiner Euch verpflichtet,
Mir mehr Achtung zu erzeigen.

Don Juan. Was Ihr sagt, versteh' ich nimmer.
Sprecht, wer seid Ihr? Wie gelangtet
Ihr herein? Wo ist der Diener?

Celia. Wohl! Drei Fragen thut Ihr mir,
Und auf zwei will ich erwidern:

Ich kam, Euch aufzusuchen,
Don Juan, denn Euch wollt' ich zu sprechen suchen.
Eintretend, sah ich einen Mann soeben
Aus diesem Saale hier sich fortbegeben.
Im Wahn, daß er Eu'r Diener sei, befragte
Ich ihn nach Euch; und mit Verwirrung sagte
Mir dieser Mann: »Er wird nicht lange weilen;
Begebt Euch nur in dies Gemach einstweilen.«
Er ließ mich hier und schloß die Thür ganz leise
Von außen zu. So ist auf diese Weise
Sein Schlüssel als die Ursach anzusehen
Von meinem Bleiben und von seinem Gehen.
Nun habt Ihr Kund' empfangen,
Wie ich herein, wie er hinaus gegangen.
Doch, wer ich bin, welch Streben
Mich hergeführt, verschweig' ich.

Don Juan.                                             Und dies eben
Muß ich zumeist erfahren.
Ihm folg' ich nicht, nach dem, was ich vernommen;
Denn aus dem Hause kann er nicht entkommen.
Drum laßt den Schleier fahren.

Celia. Don Juan, bedenkt . . .

Don Juan.                               Enthüllt Euch ohne Grauen.

Celia. Was Ihr beginnt; ich bin's.

(Sie lüftet den Schleier.)

Don Juan.                                     Was muß ich schauen?

Celia. Zum Herrn von meiner Ehre
Macht' ich Euch jetzt; o löset diese schwere
Bedrängnis sanft! Denn nur, weil ich vollkommen
Auf Euch vertraute, bin ich hergekommen.

Don Juan (für sich). Was nur soll ich beginnen?

Don Felix (der an der Thür steht, für sich).
Wie ändert sich Don Juan! Er scheint zu sinnen.
Wer ist nur die Versteckte,
Die so ihn mit und ohne Schleier schreckte?

Don Juan (für sich). Himmel, was ist anzufangen?
Nein, in meinem Leben nie
Hat mich solche Not umfangen.
Celia, Felix' Schwester, sie
Muß jetzt meinen Schutz verlangen!
Felix, der den Bösewicht
Voll Begierde sucht, erpicht
Nur auf sein' und meine Rache,
Er vertraut in dieser Sache
Ehr' und Leben meiner Pflicht!

Don Felix (zu Don Juan). Mächtig in Verlegenheit
Hat die Dame, wie ich schaue,
Euch gesetzt.

Don Juan.             Zu meinem Leid!
Und so sehr, daß nach der Zeit
Wenn ich alles Euch vertraue,
Ihr sie größer werdet finden,
Als Ihr glaubtet zu erspähn.
Denn das, was Ihr hier gesehn,
Kann kein Menschenwitz erfinden;
So etwas kann nur geschehn.

Don Felix. Laßt, Don Juan, mich diese Plagen
Mit Euch teilen, um beflissen
Meinen Dienst Euch anzutragen.

Don Juan. Mir geziemt nicht, sie zu sagen;
Euch geziemt nicht, sie zu wissen.

Don Felix. Sind wir Freunde nicht?

Don Juan.                                         Auf immer!

Don Felix. Bin ich Edelmann?

Don Juan.                                 Wie ich!

Don Felix. Nun wohlan! so traut auf mich.

Celia. Ha, Don Juan, denkt, in wie schlimmer
Lage . . . (Man pocht an die Saalthür.)

Don Diego (draußen). Oeffnet doch das Zimmer!

Don Juan. Ha, Don Diego!

Don Diego (wie oben).         Oeffnet mir!

Don Juan (beiseite). Fragen wird auch dieser hier.
Sieht Lisarda Felix' Schwester,
Drängt der Argwohn sich noch fester
Bei ihr ein. Und wenn ich ihr,
Um den Wahn zu widerlegen,
Sage, wer sie ist (o Pein!
Ist der Bruder doch zugegen),
Würd' ich, meiner Liebe wegen,
Alle Ritterpflicht entweihn.
Nein, es soll sie niemand sehn! –
(Laut.) Felix, wißt, dies Frauenzimmer
Sehen darf Lisarda nimmer;
Drum gebt keinem zu verstehn,
Es verhehle sie dies Zimmer. –
Fräulein, kommt, verbergt Euch hier.

(Er zeigt ihr das Kabinett.)

Celia. Himmel, schenk' Erbarmen mir!

(Sie geht hinein.)

Don Felix. Soll ich etwa mit hinein?

Don Juan. Nein, um Gotteswillen, nein,
Felix!

Don Diego (draußen). Nun, wann öffnet ihr?

Don Juan (aufschließend).
Es ist offen.

Don Diego und einige Diener treten auf.

Don Diego.         Was ist dies?
Wie, Don Juan? Noch immer plagen
Dich so wunderbare Grillen,
Einbildungen aller Arten?
Nun, wo ist denn dieser Diener?

Don Juan. Da ich hier ihn suchte, fand ich,
Er sei fort, vermutlich weil er
Einen falschen Schlüssel hatte.

Don Diego. Das ist Ausflucht, um mir keine
Ungelegenheit zu machen.
Doch du thust nicht wohl; auf niemand
Kannst du besser dich verlassen,
Als auf mich. –
(Zu Don Felix.)   Ihr mögt verzeihen,
Kavalier! Da mir bekannt ist,
Daß Don Juan Euch fest vertraut,
Kann ich ohne Zwang von allem
Mit ihm sprechen.

Don Felix.                     Ganz gewiß;
Niemand kann's zu leugnen wagen.
Aber sucht' ich jetzt Don Juan,
Wär es andrer Gründe halben;
Denn Don Cesarn aufzufinden,
Ist mir wichtiger, als allen.

Don Diego. Sagt, ihr beiden, was ihr hörtet;
Denn vergeblich Unterfangen
Ist es, daß ihr jenen Diener
Mir verbergt.

Don Juan.             Wenn ich dir sage,
Auf mein Wort, er war nicht hier,
Als ich eintrat zum Gemache . . .

Don Diego. Aber wie, wenn diese Leute
Niemals von der Thür gegangen,
Konnt' er fortgehn? –
(Zu den Dienern.)         Geht und sucht,
Ob er irgendwo im ganzen
Hause steckt. Auf jener Seite
Sucht; wir suchen hier.

(Die Diener gehen ab; Don Diego will ins Kabinett.)

Don Juan.                             Halt!

Don Felix.                                     Warte!

Lisarda und Beatriz treten auf.

Lisarda (zu Beatriz). Kurz, er konnte nicht hinaus?

Beatriz. Herrin, nein; die Diener standen
An der Thür mit Vorkehrungen
Aller Art, mit Wehr und Waffen.

Lisarda. Helfe mir das Glück doch endlich
Aus so drängenden Gefahren!
Ach, wenn so die Unschuld zagt,
Wie muß dann die Schuld'ge zagen?

Don Diego (zu den beiden Männern).
Ha, bei Gott! ich will voran,
Will der Erste sein von allen,
Um nun endlich zu erspähn . . .

Don Juan. Niemand wird es dir versagen.
Doch dies Zimmer ist durchsucht;
Suchen wir in allen andern!

Lisarda (beiseite). Was? In allen andern? Weh mir!
Sicher hat er was erfahren;
Wissen muß ich, wie es steht. –
Weshalb rufst du so, mein Vater?

Don Diego. Weshalb kommst denn du hieher?

Lisarda. Um zu sehn, was vorgegangen.

Don Diego. Ich such' einen Mann . . .

Lisarda (beiseite.)                               O Himmel!

Don Diego. Und man wehrt mir diese Kammer.
Doch ich will und muß hinein.

Don Juan (ihn aufhaltend).
Nein, du darfst es nicht!

Don Felix (ebenso).                 Herr, wartet!
Denn . . .

Don Diego.     Ihr wollt mich beide hindern,
Wollt an jenem eure Rache
Ohne mich vollziehn. Hinweg!
Welch ein störriges Betragen!
    (Er reißt sich los und öffnet das Kabinett.)
Wer ist hier?

Celia kommt verschleiert heraus.

Celia.                   Ein armes Weib,
Hart vom Mißgeschick geschlagen,
Höchst unglücklich. –
(Beiseite.)                     Dies, o Himmel,
Ist der Gipfel meiner Martern!

Don Felix (beiseite). Ha, ich sterbe fast vor Neugier!
Wer nur ist wohl die Verkappte?

Don Diego. Nun, wahrhaftig, Herr Don Juan,
Etwas mehr doch Achtung tragen
Solltet Ihr für dieses Haus
Und mehr Achtung für Lisarden.
Ihr bewahrt in ihren Zimmern
Euch ein Weib? Ins Henkers Namen!
Ist Madrid nicht groß genug?

Don Juan. Ich, ein Weib? Wie kannst du sagen . . .

Lisarda. Sieh, Don Juan, ob es nicht reine
Wahrheit war, was ich dir sagte.
Du hast mindstens nicht gesehn
(Ha, mir schwindet Mut und Atem!)
Den Verborgnen, den du meintest;
Aber ich sah die Verkappte.

Don Juan (beiseite). Reden darf ich nicht, noch schweigen.

Lisarda (zu Celien). Zeigt Euch, Fräulein; denn erfahren
Muß ich, wer in meinem Hause
So mich zu beleid'gen wagte.

Don Juan (beiseite). Nein, nicht alles sei verloren! –
(Zu Lisarden.) Halt! du darfst sie nicht gewahren.

Lisarda. Du verteidigst sie?

Don Juan.                             Ich muß.

Celia (beiseite). Fühlt' ein Weib je härtre Plagen?

Castaño (hinter der Szene.) Halte fest die Thüre zu,
Daß er nicht entwischt, Otañez!

Don Cesar (ebenso). Ich muß durch!

Don Juan.                                         Was für ein Lärm
In der Wohnung von Lisarden?

Don Diego. Man vergißt die Not durch Not,
So drängt eine hier die andre.

Otañez tritt auf.

Otañez. Herr, den Mann, den du gesucht,
Fanden wir. Mit bloßem Stahle
Will er einen Weg sich öffnen,
Um zur Gasse zu gelangen.

Don Cesar, mit bloßem Degen, das Gesicht mit dem Mantel verhüllend, drängt sich durch die Diener, die ihn zurückhalten wollen.

Don Diego. Sprich, Don Juan, ist dies der Diener,
Den zu suchen du verlangtest?

Don Juan. Nein, dies ist ein andrer Mann.
Anstand, Wuchs und Kleidung sagen
Deutlich, daß es der nicht ist,
Den ich hier in Haft gehalten.

Celia (beiseite).
Ha, Don Cesar ist's. (Sie eilt zu ihm hin.)
                                  Mein Leben
Und das deine, Herr, bewahre!

Don Diego. Mann, der dieses Hauses Ehre
Mit so großem Schimpf beladet,
Sage, wer du bist!

Don Cesar.                   Ein Mann.

Don Diego. Nimm vom Angesicht den Mantel!

Don Cesar. Nimmermehr! In der Verhüllung,
Ohne daß du je mein Antlitz
Schauest, mußt du hier mich töten.
Denn verteid'gen will ich tapfer
Dieses Weib, und sie und ich
Müssen dieses Haus verlassen,
Unerkannt; wenn nicht mein Tod
Einhalt thut dem kühnen Plane.

Don Diego. Welches Weib?

Don Cesar (auf Celien deutend). Hier, dieses Weib;
Denn nicht red' ich von Lisarden.
Zwar ich kenn' es nicht, weiß nicht,
Wer es ist; doch, wenn dies alles
Nicht genügt, um sie zu sichern,
Führ' ich beide mit von dannen.

Don Diego. Dämon, Mensch, und wer du sein magst!
Zwar du stillest ein'germaßen
Jenen Argwohn; doch um ganz
Uns Beruhigung zu schaffen,
Mußt du sagen, wer du bist.

Don Cesar. Ganz umsonst ist dein Verlangen,
Wenigstens für jetzt.

Don Juan.                         Auch deins!
Kannst du denn zu glauben wagen,
Daß du hier aus unsrer Mitte
Wirst entführen diese Dame,
Ohne daß wir wissen, wie
Und weshalb ihr beide kamet
In dies Haus?

Don Cesar.           Ich sag' es nicht.

Don Felix. Nun, so öffn' ich mit dem Stahle
Einen Mund in deiner Brust,
Der uns soll die Wahrheit sagen.

(Er und Don Juan ziehen die Degen. Hinter der Szene fällt ein Schuß.)

Lisarda. Welch ein Schuß ist dies? O Himmel!
Endet noch nicht dieses Bangen?

Don Cesar (für sich). Dies ist das bestimmte Zeichen.

Don Diego. Keiner gehe hier vom Platze;
Haltet euch zurück, ihr Herrn! –
(Zu Don Cesar.) Mann, du sollst mein Wort empfangen,
Daß ich dich vertret' und schütze,
Wenn du diesen Zweifel bannest.

Don Cesar. Gibst du dieses Wort mir?

Don Diego.                                             Ja!

Don Cesar (sich enthüllend). Ich bin Cesar. – Was erblaßt ihr?

Don Diego. Du, der mir den Sohn erschlug?

Don Felix. Du, der Celien mir entwandte?

Don Juan. Du, im Hause meiner Braut?

Don Cesar. Ja; doch keinen von euch allen
Hat mein Mut beschimpft. – Erlegt' ich
Don Alonso'n, so geschah es
Mann an Mann, im gleichen Kampf.
Seht ihr jetzt mich in Lisardens
Hause, so geschieht's, weil Celia
Mich verbarg in diesem Saale.
Und entdeck' ich dies von Celien,
So geschieht es, weil's nicht schadet,
Denn ich bin verlobt mit ihr;
Sie ist diese Schleierdame.
Und reicht alles dies nicht hin,
Euch Genugtuung zu schaffen,
Dennoch geh' ich fort, trotz euch,
Weil ich guten Rückhalt habe.
Jener Schuß dort war das Zeichen,
Daß die Freunde mich erwarten.

Don Felix. Hättet Ihr auch niemand, Cesar,
Ich allein würd' Euch bewahren;
Denn da Ihr mein Bruder seid,
Ist's Verpflichtung meines Adels.

Don Juan. Ich bin Euer Freund, Don Felix;
Aber für Don Diego wag' ich . . .

Don Diego. G'nug! Ich gab ihm ja mein Wort,
Und mein Wort hab' ich zu wahren. –
(Zu Don Cesar.) Doch wo habt Ihr hier im Hause,
Sagt, Euch so versteckt gehalten?

Mosquito, der indessen die Thür des Verschlages leise geöffnet und gehorcht hat, tritt jetzt hervor.

Mosquito. Dies hab' ich euch zu berichten;
Er war hier.

Don Diego.         Seltsame Sache!

Beatriz. Was? Hast du mein Kleid gestohlen?

Mosquito. Auch die Büchsen und die Schachteln.

Don Diego. Und mit dieser Rätsellösung
Nimmt hier die Komödie . . .

Mosquito.                                       Warte!
Denn ich muß gesamter Herrschaft
Noch vorher ein Wörtchen sagen;
Dies (damit man nichts vermisse),
Daß Don Felix, sich vertragend
Mit dem Gegenpart um jenen
Totschlag, der viel Not ihm machte,
Nun, nach Zahlung aller Kosten,
Ledig blieb. Mit dieser Nachricht
Schließen, auf Begehr geschrieben,
Der Verborgne, die Verkappte.

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