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Der Venusinen-Reim

Max Dauthendey: Der Venusinen-Reim - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthendey
titleDer Venusinen-Reim
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressLeipzig
year1911
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061202
projectidd10b9787
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Achter Reim

Venusinens Besuch bei Sankt Peter auf dem Peterstuhl

Mit dem Zwölfuhrschusse,
Bei dem schönsten Wetter,
Trat die Venusine
Ein bei dem Sankt Peter.

Herrlich sind die Hallen,
Und der schlimmsten Heidin
Mußten sie gefallen.

Manche Marmorfließe,
Manche von den Säulen
Kannte Venus wieder
Und verbiß das Heulen.

Vieles, was da schmückte,
Kam von alten Tempeln,
Wo man ihr sich bückte.

»Möcht' heut keinen Tempel.
Menschen, wenn auch beten,
Gutes und auch Böses
Sie doch immer täten.

Aber schöne Hallen,
Wo man sich ergötzet,
Das tat mir gefallen!

»Guten Morgen Peter!«
Zu dem Bronzebilde
Nickte Venusine.
Peter dankte milde,

Bat sie Platz zu nehmen
Neben ihm im Stuhle,
Auf dem Unbequemen.

»Sitz hier schon zu lange,«
Sprach der alte Peter,
Sprach gleich von Geschäften
Und nicht erst vom Wetter.

»Keiner will mehr glauben,
Nicht an Höll' und Himmel,
Zeit tut's jedem rauben.

Sag mir Venusine:
Hast Dich nicht verändert!
Auch die Augenlider
Sind wie stets berändert.

Hast Du wen gefunden,
Der in Rom Dich liebte,
Wenn auch nur für Stunden?«

Venusin errötet:
»Lieber Indiskreter,
Alles mußt Du wissen,
Beichten soll ich Peter?

Selten fand ich Leute,
Die ich lieber küßte,
Als den Teufel heute.«

»Weit soll nicht der Himmel
Von der Hölle liegen!
Darum, Venusine,
Sollst 'nen Kuß Du kriegen.

Darf ich mir erlauben?«
Eh' noch Venus hörte,
Tat Sankt Peter rauben.

Venus lacht und plaudert:
»Was ich fragen wollte:
Wie geht's Magdalena,
Die bereuen sollte?

Immer wollt ich wissen:
Tat sie Deinen Herren
Damals niemals küssen?«

»Geh, schwätz nicht Nusine,
Lene wollt' schon gerne.
Doch der Herr, verstehe,
Hielt sich Weiber ferne.«

»Doch«, rief Venusine
»Lazarusens Schwester
Hegte für ihn Minne!

Küßt' er nie Maria,
Die kein Kochtopf quälte,
Und von beiden Schwestern
S'beste sagt man, wählte?

Wenn sie ihn nicht küßte,
Wo wohl dann das beste Sie da finden müßte?

Und Pilatus' Gattin?
Nachts sie von ihm träumte.
Wenn er die nicht küßte,
Bestes er versäumte.

Hat ans Kreuz er müssen,
Weil er niemals liebte
Und kein Weib wollt' küssen?«

»Du fragst wie die Heiden,
Heute fragt so Keiner.
Nur ich Dich verstehe,
War ja selbst mal Einer.«

Also plaudert Peter.
Lenkt dann das Gespräche
Endlich jetzt aufs Wetter.

»War der Himmel freundlich
Auf der Hierherreise?
Kamst du mit dem Auto
Oder D-Zugsweise?

Sag, wie ist das, sage:
Schlafen nie die Bahnen?
Fährt man Nacht und Tage?

Und noch Eines höre:
Weißt Du, die Sibylle,
Die einst einem Kaiser
Heimlich und in Stille

Ferne Zukunft sagte,
Diese Zeit wie heute
Ihm zu schildern wagte,

Meinte: wenn die Menschen
In die Ferne sprechen,
Durch die großen Alpen
Große Löcher brechen,

Und dann auf der Erde
Wagen einfach laufen,
Wagen ohne Pferde, –

Dann kehrt auch die Wollust
Zum Olympe wieder,
Und die Kreuze fallen
Von den Kirchen nieder.

Sag mir«, zittert Peter,
»Stehen so die Dinge?
Ist es solches Wetter?« –

Venusin nicht gerne
Greise bange machte,
Sprang vom Stuhl herunter,
Guckt' hinauf und lachte.

Rief: »Ich möcht vergehen!
Find's so furchtbar komisch,
Küßt man Deine Zehen!

Kam da just ein Mönchherr,
Sah uns beide plaudern,
Ist zum Papst gelaufen,
Sagt's ihm unter Schaudern.

Darum will ich gehen,
Will Dich nicht blamieren.
Peter, Wiedersehen!«

Venus wirft 'ne Kußhand,
Lief zur Ledertüre;
Dankte laut im Freien,
Daß sie Freiluft spüre.

Sprang mit einem Satze
Tief in die Fontäne
Auf dem Petersplatze.

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