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Der Venusinen-Reim

Max Dauthendey: Der Venusinen-Reim - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthendey
titleDer Venusinen-Reim
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressLeipzig
year1911
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061202
projectidd10b9787
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Siebenter Reim

Venusinens Morgenspaziergang auf der Via Appia unter unschuldigen Gräberbewohnern

Auf der Appiastraße,
Wo die Grabruinen
Manchen armen Leuten
Als Behausung dienen –

Und das Gras, als Futter
Ihren Ziegenherden, –
Lebten Sohn und Mutter.

Auf dem Grabhauf steckten,
Gleich wie ein Paar Ohren,
Ein Paar Fensterläden.
In zwei Eisenrohren

Und in den Zypressen
Sang nachts der Schirokko
Wie in Feueressen.

Sohn und Mutter liebten
Sich wie Ehegatten.
Nie des Sohnes Lippen
Je geküßt sonst hatten.

Eifersüchtig wachte
Über ihn die Mutter,
Nur an sie er dachte.

Saß er bei den Herden,
Fuhren reiche Fremde
Oft an ihm vorüber.
Er in Hos' und Hemde

Hat sie nie beneidet,
Denn wer liebt, vor Allem
Niemals Mangel leidet.

Prachtvoll war die Mutter,
Konnt' sich lassen sehen.
Doch auch sie tat niemals
Unter Menschen gehen.

Lebte bei den Toten,
Die verbotner Liebe
Straflos Obdach boten.

Doch nicht so die Menschen,
Die in Nachbargräbern.
Machten sich zu Rächern
Und zu Schandangebern.

Einer sprach zum Andern:
Sohn und Mutter müßten
Ins Gefängnis wandern.

Doch die Mutter holte,
Ums Gerücht zu stillen,
Eine Frau dem Sohne
Gegen beider Willen.

Und sie riet ihm düster:
»Nimm das Weib, denn schweigen
Muß jetzt das Geflüster!

Bleibst mir trotzdem weiter
Herz- und Bettgenosse.
Größer wächst nur immer
Meine Lieb, die große.

Laß die Menschen neiden!
Köstlich im Geheimen
Schmeckt die Lust uns beiden.«

Eifersucht kommt früher,
Als man glaubt gekrochen.
Härter als Gedanken
Sind des Fleisches Knochen.

Zu dem jungen Weibe
Fühlte bald die Mutter
Haß im ganzen Leibe.

Und sie wollte gehen,
Wollt' den Sohn verlassen.
Da begann auch dieser
Still sein Weib zu hassen.

Mocht sie nicht mehr rühren.
Schrie: eh' woll' er sterben,
Als dies Weib noch spüren.

»Glücklich war man früher.
Pfeifend bei den Herden
Lag ich, wie die Sonne,
Leidlos auf der Erden.

Mutter, zum Verderben
Ward's Gered' der Leute!
Mutter, ich will sterben!«

»Sohn, Dein Bett auf Erden
Muß auf Gräbern stehen!
Willst nach Rom du schauen,
Mußt durch Gräber sehen.

Sollst mir niemals sterben!
Doch Dein Weib im Hause
Lebt uns zum Verderben.«

In der Nacht da scharrten
Sohn und Mutter, beide,
Schweigend eine Grube
In der nahen Heide.

Legten jene nieder,
Die sie leicht erschlagen –
Und sind glücklich wieder.

Keiner hat's gesehen,
Und doch ist ein Deuten
Bald nach ihrem Hause
Unter Nachbarsleuten.

Stets man lauter munkelt,
Und die Lust zu köpfen
Aus den Augen funkelt.

Doch die Mutter fürchtet
Nicht mehr das Gelichter.
Stolz legt sie zum Sohne
In der Nacht sich dichter.

Ruft: »Wenn all' doch wüßten:
Kein Gesetz der Erde
Reißt die Lieb aus Brüsten!«

Und bald holt man Beide
Aus dem Bett im Grabe.
»Richter!« sprach die Mutter,
»Meine einz'ge Habe

War die Lieb' zum Sohne,
Dem ich Weib gewesen; –
Den Geliebten schone!

Ja, ich hab gemordet,
Denn ich wollte lieben.
Jedem steht sein eigen
Schicksal vorgeschrieben.

Furchtbar ist das meine.
Die Natur schafft Lüste, –
Das Gesetz kennt keine.

Und die Urteil' töten
Leichter als die Hände.
Dem Gesetzbuchstaben
Ich mein Blut verpfände.

Schont den Sohn des Leibes!
Hört die Stimme einer
Mutter – und des Weibes!«

Doch das Urteil zeigte
Vorerst kein Erbarmen.
Vom Schaffott empfangen
Und von Henkersarmen

Dort erst, am Gerüste,
Kam dem Sohn die Gnade; –
Nur die Mutter büßte.

Lächeln auf den Lippen
Ging sie hin zum Beile.
Süß schien ihr das Leben
Noch die kurze Weile.

Hab geliebt, genossen –
Dacht' sie, »und kann sterben.
– Hat ihr Aug geschlossen ...

Wenig Jahre später
Auf der heißen Heide,
Trieb der Sohn die Ziegen
Wie zuvor zur Weide.

Hat es fast vergessen
Mord und Todesurteil,
Als wär nichts gewesen.

Just an jenem Tage,
Da mit Sonntagmiene
Aus dem Appiatore
Wandelt Venusine,

Nahm der Bursch ein Bräutchen.
Wieder zwischen Gräbern
Liebten sich zwei Leutchen.

Amor zeigt es Venus
Auf den Zehenspitzen,
Daß in einem Grabturm
Junge Leutchen sitzen,

Die sich erst gefunden,
Sich im Schoße liegen
Ohne Zeit und Stunden.

Ein Leib stillt dem Andern
Brünstig die Gelüste.
Sie beißt seinen Nacken,
Er beißt ihre Brüste.

Kühl im Grab sie liegen,
Draußen in der Hitze
Springen Bock und Ziegen.

Amor und die Venus,
Jeder süß erschauert:
»Mutter, seit heut morgen
Hab' ich zugemauert.

Merken tat's nicht Einer,
Brachte ihnen Essen, –
Wundern tut sich Keiner.«

Wirklich war der Eingang
Vor dem Grab geschlossen
Mit antiken Krügen
Und mit Broten, großen.

Wein war in den Krügen.
Braut und Bräut'gam tranken
D'raus in tiefen Zügen,

Aßen auch vom Brote.
Venus lacht im Stillen.
»Die«, spricht sie, »sind Götter,
Haben ihren Willen.

So war auch die Erde
In den Adamstagen
Sorglos von Gebärde.«

»Traulich ist o, Freundin,«
Flüstert eine Stimme,
»Des Idylles Frieden, –
Pracht doch hat auchs Schlimme.

Mit Verstand genossen
Sind schön Gut und Böse,
Selbst wenn Blut geflossen.«

Und die Stimme malte
Blutrot aus dem Blauen
Jenes Burschen Jugend. –
Venus sieht mit Grauen

Mord an seinen Händen
Und die Lust der Mutter,
Lust einst seinen Lenden.

Sieht das große Wehe,
Das wie's Gute waltet,
Und aus Schmerz und Tragik
Schönheit sich gestaltet.

Sieht blutschändend küssen
Sohn und Mutter beide,
Weil die Herzen müssen.

»Teufel«, sprach die Venus,
»Bist mir nachgeschlichen!«
»Göttin,« sprach der Teufel,
»Ich bin nie gewichen.

Bin im Geist daneben.
Wo uns eint Int'resse,
Kann mich nicht fortheben.«

Venus rief: »Vor allem
Bist Du Mann der Männer!
Und als Frau bewundre
Ich den Lebenskenner.

Stets sind Energien
Eine Lust dem Weibe, –
Drum sei Dir verziehen!«

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