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Der Venusinen-Reim

Max Dauthendey: Der Venusinen-Reim - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthendey
titleDer Venusinen-Reim
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressLeipzig
year1911
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061202
projectidd10b9787
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Sechster Reim

Venusine wird Frau eines Sergeanten wobei sie sich töten, begraben läßt und aufersteht

Venus wandelt nächtlich
Draußen bei Kasernen,
Dirnenhaft gekleidet,
Unter den Laternen.

Fähnrich und Sergeanten
Sich mit Säbelrasseln
Fleißig nach ihr wandten.

Und bald folgt ihr Einer
In die Seitengassen,
Drückt ihr fest die Hüften,
Kann sie nicht mehr lassen.

Venus war nicht böse,
Freut sich seiner Hände
Und des Schnurrbarts Größe.

Ehrlich sind Soldaten,
Weil sie gradaus lieben,
Deshalb ist die Venus
Auch bei ihm geblieben,

Tat mit Lust sich schenken
Jede Nacht von Neuem,
Ohne jed' Bedenken.

Der Sergeant bald sagte:
Nie mehr wollt er scheiden.
Heirat wär das Beste
Zwischen ihnen beiden.

Venus, unter Lachen,
Freut sich seiner Treue
Und tat Hochzeit machen.

Beim Kasernenhofe
öffnet Venusine,
Als die Frau Sergeantin,
Eine Schnapskantine

Und lebt ohne Wolke
Lustig so drei Tage
Beim Soldatenvolke.

An dem dritten Abend
Macht, zur Mittnachtstunde,
Der Sergeant im Hause
Noch einmal die Runde,

Als er in den Kellern
Gläserklingen hörte
Und Geräusch von Tellern.

»Venusine!« rief er,
Ist ans Bett geschlichen.
Doch das Bett stand einsam
Venus war entwichen.

Der Sergeant, der blasse,
Eilt und sieht im Keller
Zwei bei einem Fasse.

Eine Kerze brannte.
Venus saß im Schooße
Einem Mann. Sie tranken.
Er war ohne Hose,

Ohne West' und Kleider.
Der Sergeant, er stolpert
Und verrät sich leider.

Fluchend richtet er sich
Wieder auf die Beine.
Da stand Venus vor ihm
Lächelnd und alleine,

Ihr Besuch verschwunden. –
Nur der Teufel hatte
So schnell fortgefunden.

»Stirb!« schrie ohn' Besinnen
Der Sergeant betrogen.
Und er hat den Säbel
Wütend blank gezogen.

Venus, immer lächelnd,
Lächelt unerschrocken,
Mit dem Hemd sich fächelnd.

Der Soldat verwundert
Läßt den Säbel sinken,
Weil der Venus Reize
Unterm Hemd ihm winken.

Doch nicht gleich zu Willen
Ist er heut der Dame,
Stürzt erst fort im Stillen.

Schließt sie ein im Keller
Und läßt Venus warten.
Gräbt ein Loch im Dunkeln
Draußen in dem Garten,

Schlägt ein Kreuz darüber –
Und geht dann von Neuem
Zu der Liebe über.

Hebt sie auf die Arme,
Wirft sie auf ihr Lager.
Liebt sie wild inbrünstig,
Sein Gesicht wird hager,

Blutleer seine Miene.
Leib an Leib im Lieben
Würgt er Venusine.

Als ihr Leib sich streckte
In der Todesstarre,
Schneidet er ein Löckchen
Noch von ihrem Haare,

Trug sie dann zum Garten,
Wo die Hände zärtlich
In die Erd' sie scharrten.

Tiefe Trauer zeigt er,
Doch zeigt keine Reue,
Legt sich auf sein Lager
Und schläft ein aufs Neue.

Venus aber, lächelnd,
Ist zurückgekommen,
Wieder hemdenfächelnd,

Legt sich ihm zur Seite,
Sprach: »Du hast gelitten,
Männlich Dich benommen!
Will dich darum bitten:

Diesen Leib, den schenke
Ich Dir lebend wieder, –
Ewig an mich denke!«

Und sie läßt zur Seite
Eine Frau ihm liegen,
Schön, wie sie die Menschen
Nie auf Erden kriegen,

Gleich dem Venusbilde, –
Macht die Nacht vergessen
Und verläßt ihn milde.

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