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Der Venusinen-Reim

Max Dauthendey: Der Venusinen-Reim - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthendey
titleDer Venusinen-Reim
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressLeipzig
year1911
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061202
projectidd10b9787
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Fünfter Reim

Venusinens Nachtabenteuer im Kolosseum bei der Katze Schmeichelspeichel und im Palatinum erste Umarmung mit dem Teufel

Spät im Mondscheintaumel
Wandelt Venusine
Durch des Kolosseums
Alte Prachtruine,

Geht durch Mondscheinflecken
Über Steinkadaver,
Die voll Zeiten stecken.

In der Kaiserloge,
Wo einst Neros Tatze
Auf der Brüstung spielte,
Saß da eine Katze.

Sie war vor Jahrtausend
Stolz in Rom Hetäre, –
Heute Mäuse mausend.

Venus sie zu kosen
Streichelt ihren Rücken.
Doch wer kannte jemals
Aller Katzen Tücken!

Pfauchend bös in Miene
Beißt die Katz den Daumen
Ab der Venusine.

Wüchs er nicht der Göttin
Neu nach kurzer Weile,
Wär' sie nicht mehr Venus
Gleich nach dieser Zeile.

Doch er wuchs ihr wieder, –
Staunend drückt die Katze
Zu die Augenlider. –

»Sag was dich so kränkte
Daß Du mich gebissen?«
Fragte Venusine
Jene aufs Gewissen.

Diese nur miaute
Und sich als Hetäre
Nicht sofort vertraute.

Denn die Katze fürchtet
Nichts so sehr auf Erden,
Als heut unter Menschen
Nochmals Mensch zu werden.

Schwieg darum verlegen,
Ließ sich nur mit Mühe
Zu der Red' bewegen.

»Schmeichelspeichel heiße
Heut' ich unter Katzen.
Wohn' im Kollosseum,
Wo mich Mäuslein atzen.

Mäuslein sind wie Christen,
Die schon vor dem Tode
Dunkelleben fristen.

Saß im Kolosseum.
War – ich darf mir's trauen,
Heut noch laut zu sagen –
Göttin unter Frauen.

Nero selbst, der Kaiser,
Sprach bei meinem Eintritt
In die Loge leiser.

Einen jungen Tiger
Hatt' ich aufgezogen.
Diesem Tiere war ich
Inbrünstig gewogen.

Niemand ich mehr brauchte,
Sprang er auf mein Lager,
Und sein Zunglapp rauchte.

Bei den Venusspielen,
Wo man auch auf Frauen
Geile Tiere hetzte,
Wollt der Kaiser schauen

Meinen jungen Tiger
Über alle Bestien
Als des Tages Sieger.

Herrlich war die Hitze,
Wie mein Tiger tötet'
Bären und die Löwen
Und mit Blut sich rötet.

Doch die Jungfrau'n rührte
Er nicht an am Kleide,
Weil sein Herz mich spürte.

Wohl gab's leises Murren,
Als er sich nicht regte,
Ohne Liebesregung
In die Sonn' sich legte,

Und die Jungfrau'n schonte,
Auf zur Loge blinzelt,
Wo ich Beifall lohnte.

Wenn ein Tier nicht hörte,
Mußt' man's töten lassen.
Niemand dachte diesmal
Den Entschluß zu fassen.

Alles klatscht aufs Neue,
Lacht nach meiner Loge,
Gratuliert zur Treue.

Nur der Sitte wegen
Sprangen Gladiatoren
Hin zu meinem Tiger,
Faßten seine Ohren.

Schauten nach der Mitte
Auf die Kaiserloge,
Denn auch das war Sitte.

Hob sich Nero's Daumen,
Hieß das: laßt ihn leben!
Senkt' er ihn, so konnte
Man den Tod gleich geben.

Doch auch Vesta's Frauen
Hattens Recht der Daumen –
Nie war dort zu trauen.

Nero hebt den Daumen
Und entläßt den Tiger.
Beifall brüllts Gebäude
Meinem flotten Sieger.

Doch ich mit Erbleichen
Seh': die Priesterinnen
Gebens Todeszeichen, –

Senken ihre Daumen, –
Und die Schwerter blinken.
Wie ein Lamm so schuldlos
Mußt' mein Tiger sinken.

Einen Schrei zerknicke
Ich im Halse, stürze,
Brech' mir das Genicke.

Kann's noch nicht vertragen,
Heut nach Tausend Jahren:
Fühl' ich einen Daumen Über meinen Haaren,

Weckt mich Brunst zum Tiger,
Den ich einst umhalste, –
Ewig bleibt er Sieger.«

»Schmeichelspeichel, höre:
Trugst Du niemals wieder
Seit den Heidenzeiten
Neue Menschenglieder?

Dieses möcht' ich fragen,
Wenn Erinnerungen
Deine Ruh nicht plagen?«

»Ach, die neuen Zeiten,«
Sprach gedehnt die Katze,
Und sie schnitt zum Monde
Spuckend eine Fratze,

»Sind nicht das auf Erden.
War noch einmal Menschin,
Möcht's nicht nochmals werden.

Saß in Hintergassen,
Nicht mehr in Palästen.
Sittenpolizisten
Jetzt die Luft verpesten.

Und die Lieb' konnt' nimmer
Niemals richtig blühen,
Ängstlich war man immer.

Niedrig war mein Wirken.
Darf der Mensch nicht lieben
Frei wie Pflanz und Tiere,
Lebt das Blut gleich Dieben.

Und ich stahl mir Leben,
Wie und wo ich konnte;
Eckel saß daneben.

Eckel vor den Menschen
Hat mich nicht verlassen,
Die den Leib, der liebte,
Spotteten und hassen.

Leidenschaft tat fehlen.
Heut die ärmsten Leute
Brüsten sich mit Seelen.

Konnte nie mehr lieben.
Unter meinen Gästen
War ein Offizierlein,
Einer von den Besten.

Ohne mir's zu sagen,
Tat er'n Abschied nehmen –-
Konnt' mich doch erst fragen.

Kommt da eines Abends
Ohne Epauletten,
War Zivil geworden, –
Nichts war mehr zu retten.

Sagte: meinetwegen,
Daß sein Weib ich würde,
Schied er von dem Degen.

Nichts war mehr am Menschen,
Als er seine Seele
Ohne Schneid und Degen
Anbot mit Gequäle.

Kannte nie die Frauen,
Die erst auf die Haltung Dann auf Treue schauen.

Hat sich auch erschossen –
Gleich sind sie beim Tode –
Flüchten in die Gräber.
Allgemein ist's Mode.

Früher nur die Schlemmer
Gift zum Nachtisch nahmen –
Jetzt tut's jeder Krämer.«

Venus hört nicht länger,
Was die Katze wußte,
Weil ihr Ohr in Spannung
Anderm lauschen mußte.

Durch die Nacht drang Schreien
Nah vom Palatinum,
Wie ein Kampf von Zweien.

Eine Mädchenstimme,
Eines Mannes Toben,
Und die Sterne zittern
In dem Himmel oben.

Scheu durch die Ruinen
Flieht die Römerkatze
Fort von Venusinen.

Alle Quadern kriegen
Menschliche Gesichter,
Und sie alle rücken
Unterm Moose dichter.

Venusine ahnte,
Daß sich dort ein dunkel
Schicksal Wege bahnte.

Mond hing wie die Perlen,
Welche Tränen bringen,
Überm Sack des Dunkels,
Drinnen Schreie ringen.

Venus eilte schneller
Zum Palatiumhügel,
Der ein Haufen Keller.

Fiebrig stinkt dort Erde
Unter Mosaiken,
Die wie bunte Augen
Toter Freude blicken.

Wo einst Duft von Ölen
Und von Narden rauchte,
Stehn verpestet Höhlen.

Venus sucht und findet
Nur vom Kampf die Schreie.
Selbst dem Götterauge
Unsichtbar sind Zweie.

Unsichtbar ohn' Zweifel
Kämpfen, denkt die Venus,
Psyche hier und Teufel.

Jeder Gott auf Erden
Und auch Götterfrauen
Können Unsichtbarstes,
Sichtbar machend, schauen.

Psyche nur verschwindet,
Ebenso der Teufel,
Der sich ehrlich schindet.

Psyche ist zu eitel,
Um sich je zu zeigen.
Teufel ist bescheiden
Und von jeher eigen.

Über ihr Bestehen
Oft die Götter zweifeln,
Keins hat sie gesehen.

Venus sucht und findet,
Wo der Kampf statthatte,
Von der armen Psyche
Was vom Feigenblatte.

Und auf einem Sockel
Lag vom Teufel schneidig,
Heil auch, das Monokel.

»Fräulein!« schrie der Teufel,
»Anstand hatt' ich leider.
Trug zum Stelldicheine
Strikt hier meine Kleider.

Wenn sie ohne gehen,
Weckt das meine Wollust –
Was sollt' sonst geschehen?«

Darauf schrie die Psyche:
»Alles ist gelogen!
Hab mich für die Schönheit
Einzig ausgezogen.

Sie sind eben wilder,
Leben nur dem Fleische,
Nicht für Kunst und Bilder.«

»Teufel!« schrie der Teufel,
»Wenn Sie mich doch kennen,
Wundert's mich im Stillen,
Daß Sie nach mir rennen!«

»Bin ich Kuh mit Eutern
Die man packt?« schrie Psyche.
»Nur Dich wollt' ich läutern!«

»Nun von Ihren Eutern
War nicht viel zu merken.
Nicht mal eine Fliege
Könnte sich dran stärken.

Schönheit soll nicht leiden:
Werde mich jetzt läutern
Und mich auch entkleiden.

Wenn die Damen nackend
Für die Kunst einstehen,
Warum sollen Männer
Häßlichkeit begehen?

Männerbrust und Nacken
Können auch erbauen. –
Soll ich mehr auspacken?«

Keine Worte darauf
Von der Psyche lauten.
Heimlich ist sie worden,
Nur die Tränen tauten.

Dies der Venus wegen,
Die sie jetzt entdeckte:
Die macht sie verlegen.

Venus hat den Teufel
Endlich hier gefunden.
Psyche wollt's verhindern
Seit Millionen Stunden.

Psyche ward es inne:
In die offnen Arme
Flog ihm Venusine.

Als er'n Rock ablegte,
Konnt ihn Venus sehen.
Herrlich tat der Nackte
Auf Ruinen stehen,

Nackend im Palaste,
Wo er gleich den Göttern
Vor Jahrtausend' praßte.

Psyche seufzt zum Monde,
Der sie zu sich holte,
Kam nie mehr zur Erde,
Weil sie nicht mehr wollte.

Doch an Venusine
Freute sich der Teufel
Mit entzückter Miene.

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