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Der Venusinen-Reim

Max Dauthendey: Der Venusinen-Reim - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthendey
titleDer Venusinen-Reim
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressLeipzig
year1911
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061202
projectidd10b9787
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Vierter Reim

Venusine in Rom auf dem Monte Pincio zum Korso und als Königin unter römischen Dirnen

Monte Pincios Garten
Knirscht auf allen Wegen,
Wenn zur Korsostunde
Sich die Wagen regen.

Alle Staatskarossen
Tragen Römerinnen
Wie aus Gold gegossen.

Auf dem Petersdome
Lagen Abendfeuer.
Abendrosen hingen
Über Roms Gemäuer.

Venus nahte lächelnd,
Bettlerinnen ähnlich
Mit der Schürze fächelnd.

Stieg zu Pincio's Garten
Einsam ohne Wagen,
Wollte allem Prunke
Einfach heut entsagen.

Geht im Bauernkleide
Zwischen den Karossen,
Wie ein Weib der Heide.

Palmen und die Blumen,
Sie sogleich erkennen,
Möchten mit Gerüchen
Ihren Namen nennen.

Venus lächelt eigen,
Und die scheuen Blumen
Schließen sich und schweigen.

Auch die Instrumente
Der Musikkapelle
Fühlen Venusine,
Werden sanft zur Quelle

Heißer Harmonien,
Die nie Noten finden
Und das Blut durchziehen.

In dem Volksgedränge
Zwischen Marmorbänken
Steht da jung ein Jüngling,
Den noch Menschen kränken,

Lehnt da leidversunken
Am Zypressenbaume,
Fühlt sich weltalltrunken.

Venus riecht das Schwitzen
Dieses Enthusiasten,
Sieht den grauen Kragen
Unterm Schädelkasten,

Fühlt auch Todesschauer,
Als er zu ihr sagte:
»Ich bin ein – Bildhauer.

Du mußt mit mir gehen!
Will dich nicht berühren,
Nur die Nähe meines
Ideales spüren.

Hab Dich gleich empfunden –
Zahl' für Aktmodelle
Lire drei die Stunden.«

Venus unumwunden
Sagt's heraus dem Knaben:
Für Anschauungsstunden
Sei sie nicht zu haben.

Wer nur in den Augen,
Sonst nicht heißer werde,
Könnte ihr nicht taugen.

Doch der Jüngling altklug
Sagt: »Ihr feile Holde,
Schielt nur nach den Reichen!
Unglück hängt am Golde.

Gold sollt man begraben,
Weil, ach! die Dukaten
Keine Seele haben.

Reichtum ist Langweile,
Könnt mir pünktlich glauben!
Wollte Venus allen
Reichen hier erlauben,

Daß mal Alle sollten,
Die zu Wagen kommen,
Tuen, was sie wollten, –

Ach, wie wenig Wünsche
Lägen hier verborgen!
Meistens wären's Seufzer
Aus der Lust nach Sorgen.

Nicht zwei sich gehörten,«
Schrie der Jüngling lauter,
»Alle nur sich störten!«

Venus lacht: »Ihr glaubet,
Daß dann nur die Pferde
Offne Liebe zeigten
Mit Geschlechtsgebärde,

Damen und die Herren
Und die Grooms und Diener
Nur den Mund aufsperren?

Herrlein, strebt doch lieber
Erst mal Gold zu haben,
Ehe Ihr Verwünschung
Ausstoßt wie die Knaben!

Glaubt mir: all die Reichen
Sind nicht blaß vom Schlafen,
Auch die Lieb' macht bleichen.

Fruchtbar von dem Golde
Leben alle Sinne.
Armut darf sie dulden,
Reichtum nährt die Minne.

Und der Seele Leiden
Und des Leibes Schmerzen
Wohnen bei den Beiden.«

Staunend horcht der Jüngling
Auf die Bauerndirne,
Die ihm überlegen
Stark an Herz und Stirne.

Ihm beginnt zu zahnen
Weisheit und Vertrauen,
Er tut Weltlust ahnen.

Venus läßt ihn stehen,
Wendet sich zu Gassen,
Wo in hohlen Häusern
Feile Dirnen saßen.

Tritt in einen Garten,
Gleich des Königs Gattin,
Daß die Dirnen starrten.

Amor macht den Pagen,
Eckehardt den Knappen,
Tragen auf den Fräcken
Stolz des Königs Wappen.

Und als Königine
Setzt sich zu den Dirnen
Huldvoll Venusine.

Spricht: »Ich nenn euch Schwestern!
Seht: hier Pag' und Knappen
Bringen neue Kleider,
Legt jetzt ab die Lappen!

In dem Festgewande
Dürft ihr festlich minnen,
Frei von Spott und Schande.

Und in jedem Kleide
Liegt die Kunst zu minnen.
Lieder könnt ihr singen,
Besser tanzen drinnen.

Und ein jedes Mieder,
Das ich euch hier schenke,
Gibt euch keusche Glieder.«

Alle Dirnen staunen –-
Venus spricht nichts weiter –
Kleidet jede Dirne.
Alle werden heiter.

Die verloren saßen
Ziehen wie Prinzessen
Zierlich auf die Straßen.

»Sollt' euch was passieren,«
Spricht die Königine,
»Ruft das eine Wörtlein
Laut aus: Venusine!

Alle Dirnen strahlen,
Daß des Königs Gattin
Sie erlöst aus Qualen.

Ach, die hohe Freude
Könnt nicht lange währen,
Denn die Ehefrauen
Wurden fast Megären.

Keine könnt mehr ruhen,
Ohnmacht kam nach Ohnmacht,
Gab dem Mann zu tuen.

Denn so lang in Straßen
Zierlich sich benahmen
Schandefrei die Dirnen,
Fielen um die Damen.

Keine wollt erwachen,
Und die Männer mußten
Krankenwärter machen.

Um die Mittnacht riefen
Mit betrübter Miene
All die Straßendirnen
Herzhaft: »Venusine!«

S'fielen ab die Kleider,
Und aufs Neu in Lappen
Sahen sie sich leider.

Wieder frech in Farben
Sie durch Straßen liefen,
Daß die Ehefrauen
Eifersuchtlos schliefen.

Frechheit sich bemühte
Statt der Grazie wieder,
Unds Geschäft, das blühte.

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