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Der Venusinen-Reim

Max Dauthendey: Der Venusinen-Reim - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthendey
titleDer Venusinen-Reim
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressLeipzig
year1911
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061202
projectidd10b9787
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Dritter Reim

Venusinens nackter Spaziergang in Mailand und Flucht mit dem eisernen Reiter von Mailand

Venus kam zum Süden
Und verließ die Wagen,
Die sie unterhaltend
Mailand zugetragen.

Spät noch durch die Straßen
Ging sie durch den Regen,
Mußt' die Schlepp' hochfassen.

Eckehardt und Amor
Sahen unterdessen,
Wie die Bernhardiner,
Als ob nichts gewesen,

Wieder Menschen waren,
Tadellos in Haltung,
Mit frisierten Haaren.

Venusine machte
Mailand fast verlegen.
Müde tat die Dame
Still ihr Kleid ablegen.

Ganz als Göttin handelnd,
Unterm Schirme nackend,
Geht sie dort lustwandelnd.

Dunkelheit und Regen
Sind ihr sehr gewogen,
Haben undurchdringlich
Sie der Welt entzogen.

Einsam, ungesehen
Kann sie in den Straßen
Nackend sich ergehen.

Zu dem großen Dome
Kommt sie abends heiter.
Auf dem Platz, gußeisern,
Steht ein Standbildreiter.

Dieser möcht' sich rühren,
Zuckt in allen Nieten,
Venus zu entführen.

»Noch ist nicht die Stunde!«
Venus winkt hinüber,
Und die Liebessehnsucht
Geht ihm schwer vorüber.

»Erst,« ruft sie verstohlen,
»Muß ich hier noch spaßen,
Dann sollst du mich holen!«

Duft aus Venushaaren
Und von Venusbrüsten
Fühlten auf den Straßen
Alle, die gern küßten.

Ruchbar wird die Fährte
Einer Götterdame,
Die von höchstem Werte.

Und ganz Mailand mußte
Mit gehobnen Nasen
Venus Spur nachgehen,
Keiner konnt' sie fassen.

Stadtherr und auch Bauer
Rochen Feurigkeiten;
Alle fühlten Schauer.

Macht es der Schirokko,
Daß das Pflaster glühet?
Jeder zu erklären,
Sich erhitzend mühet.

Niemand kann es lösen.
Klärt sich's nicht im Guten,
Löst man es im Bösen.

An der Glaspassage
Stehen unter Hungern
Ein Paar arme Dirnen,
Brot sich zu erlungern.

»S'ist der Dirnen Rühren,«
Rufen Liebestolle,
»Das wir brennend spüren!«

Alle, die es sehen,
Wie die Dirnen leiden,
Alles spürt ein Hungern
In den Eingeweiden:

»Alle reichen Drohnen
Sollen heute teilen,
Die im Golde wohnen.

Stürmt! Sie sollen bluten!
Sengt und brennt mit Morden!
Wir, wir tragen Hunger
In der Brust als Orden.

Rottet Euch zusammen!
Werft sie wie die Ketzer
In des Hungers Flammen!«

Es beschwört die Hitze
Bilderspuk in Wüsten.
»Auf zum Paradiese!«
Schreit's aus dürren Brüsten.

Dürstend nicht nach Minne,
Morden sie mit Brennen, –
Blaß flieht Venusine.

Venusine schaudernd,
Funken in den Haaren,
Sieht die Stadt voll Wölfe
Und voll Raubtierscharen.

Menschen wie Hyänen
Über Leichen springen,
Blutdurst in den Zähnen.

Häuser rot wie Blumen
Schon voll Feuer glühen.
Venusine flüchtet
Nach dem Dom mit Mühen.

Erst beim Eisenreiter
In dem Eisensattel
Wird sie breit und heiter.

Dieser faßt sie zärtlich,
Kürzt des Pferdes Zügel.
Venusin umhalst ihn,
Er rückt fest im Bügel.

Setzt, – es ist 'ne Freude
Solchen Ritt zu sehen, –
Hoch aufs Domgebäude.

Als ob's Marmor regnet,
Steht in Zack und Strahlen
Mailands Dom auf Erden
Sehr zum Wohlgefallen.

Über Schnörkel, Spitzen
Sprengt der Reiter zierlich,
Ohne sich zu ritzen.

Oben angekommen
Auf der höchsten Platte,
Venusine wilde,
Blut'ge Tiefsicht hatte.

Rot voll Menschenmaden
Platzen die Paläste
Drunten wie Kaskaden.

»Ach,« rief Venusine,
»Lieber Eisenritter,
Minne wollt ich bringen,
Man versah sich bitter.

Seht, auch Mord will's geben!
Hunger ist die Allmacht
Nächst der Lieb im Leben.

Ihr allein von Allen
Konntet mich erspähen.
Euer Eisenauge
Kann im Dunkeln sehen.

Will auch nichts verschieben,
Drunten dieses Morden
Sei Musik beim Lieben!«

»Herrin Venusine,«
Sprach der Eisenreiter,
»Trag Euch gern durch Feuer,
Und trag Euch noch weiter.

Wollt Euch an mich schmiegen,
Mir die Lippen geben,
Könnt mich ganz verbiegen.

Wohl bin ich aus Eisen,
Bin nicht rostgefressen,
Nur beim Guß, o Herrin,
Hat man eins vergessen:

Man wollt' nicht markieren,
Daß ich männlich fühle,
Tat sich furchtbar zieren.

Meist bei Standesbildern,
Die zur Jetztzeit Mode,
Will man ganz vergessen,
Daß geliebt der Tote.

Seine Lebensstärke
Darf kein Weib erhitzen.
Falsch geht man zu Werke.«

Traurig kommt die Frage
Göttin Venusinen:
Wozu Standesbilder
Sonst auf Plätzen dienen?

Wenn sie Männlichkeiten
Ganz geschlechtlos zeigen
Und verflacht den Zeiten?

Schmach erfüllt den Ritter,
Der im Leben bieder
Gern die Frauen herzte.
Leere drückt ihn nieder,

Nichts dünkt ihm mehr munter.
Venus bleibt im Sattel,
Er stürzt sich hinunter.

Venus schließt die Augen,
Gibt dem Gaule Flügel.
Tauscht mit Mailands Mauern
Romas sieben Hügel.

Früh sieht sie vom Pferde
Schon Sankt Peters Kuppel
Und der Dächer Herde.

Wo sie einst Verehrung
Fand in allen Tönen,
Hofft sie mit den Menschen
Endliches Versöhnen.

Sie kann kaum noch danken,
Ihrem Eisenhengste
Schmelzen schon die Flanken.

Wiehernd kann er sprechen,
Fleht und wünscht zum Lohne,
Daß er Mensch jetzt würde
Und in Häusern wohne.

»Ach, ich muß besorgen,
Du wirst gern mal wieder,
Dich als Pferd verborgen.

Mensch«, spricht Venusine,
»Dies zu sein, erlaube,
Lohnt sich am geringsten
Heutzutage, glaube!«

Doch er tat beharren, –
Da macht Venusine
Zweifüßig den Narren.

Hoch tat er stolzieren
Dieser Gaul vor Allen,-
Tat als Mensch gar eitel
Sich im Herz gefallen,

Trug 'ne Reisemütze,
Spiegelt seine Neuheit
Gern in jede Pfütze.

»Höre,« spricht die Göttin,
»Wird es Dir zum Bösen,
Daß du Mensch geworden,
Kann es Dich erlösen:

Grüßt Du eine Stute,
Macht sie Dich zum Hengste,
Frei vom Menschenblute.

Wirst wie einst die Eltern,
Gehst auf Deinen Hufen,
Bist ein Pferd wie jene,
Die Dich einst erschufen.

Troll jetzt Deiner Straßen!
Hätt zum Dank Dich lieber
Gleich als Pferd belassen.«

Venusine eilet,
Daß sie ihm entschwindet.
An dem Hauptbahnhofe
Sie's Gefolge findet.

Amor unter Küssen,
Edkehardt in Sorgen,
Kommen sie zu grüßen.

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