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Der Venusinen-Reim

Max Dauthendey: Der Venusinen-Reim - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthendey
titleDer Venusinen-Reim
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressLeipzig
year1911
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061202
projectidd10b9787
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Zweiter Reim

Venusinens Romfahrt im D-Zug mit den Bernhardinern

»Eckehardt, mein Lieber,
Liebst du nie das Fesche?
Schrecklich ist dein Wollkleid
Und die Jägerwäsche!

Trag doch nicht so lose,
Amor, lieber Junge,
Deinen Knopf der Hose!«

So sprach Venusine,
Als man in D-Zügen
Saß und nach Italien
Flog in Rasselflügen.

Aus dem Berge draußen
Hielt sie mehr als drinnen
Auf den Takt nach außen.

Aber nichts konnt' hindern,
Daß in frohen Stunden
Sie und ihr Gefolge,
Ganz kulturentbunden,

In die Lüfte wollten,
Aus den Fenstern flogen,
Hinter Wolken tollten.

Und im Zug bemerken
Manche Passagiere:
Im Maschinendampfe,
Nackt ein Weib spaziere.

Könnt' durch Lüfte jagen,
Mit dem Vollmond spielen,
Wald und Berge tragen. –

Saß da hübsch ein Bursche
In der ersten Klasse.
Halbtot war er leider,
Halb Tuberkelmasse.

Sollte nach dem Süden.
Ihn sah Venusine
Und behext den Müden.

Denkt: Sollst Dich nicht quälen
Hübschester Geselle?
Stehst mit einem Fuße
Auf der Beinhausschwelle.

Dir den Tod versüßen,
Soll mich heut zerstreuen,
Komm und laß dich küssen!

Leis spricht sie zu Amor:
»Liebstes Söhnchen, gehe,
Daß dem hübschen Menschen
Liebes bald geschehe!

Geh auf fester Sohle,
Dicht ihm an das Herze,
Setz' ihm die Pistole!«

Amor zielt voll Eifer,
Schießt auf Wunsch der Mutter,
Trifft den jungen Menschen
Durch das Westenfutter.

Doch, ach, nie bedachten
Götter fehllos handelnd,
Ob sie's richtig machten!

Kaum ging die Pistole
Los mit frohem Knalle,
Saß der kleine Amor
In der Mausefalle.

Denn der Herr springt pfauchend
Nach der Angstnotleine,
Böse Worte brauchend.

Schaffner und die Führer
Eilen an die Türen,
Und man will den Amor
Strafen mit Gebühren.

Nichts half, daß er meinte,
Er hab nicht getötet
Und wie Kinder weinte.

Jener hübsche Kranke
Flucht nach allen Noten:
»Schußwaffen zu tragen,«
Sagt er, »sei verboten.

Schwer kann man beweisen,
Ob sie blind geladen, –
Ich will friedlich reisen!«

Nichts auch wollten helfen
Venusinens Augen,
Und der Schaffner meinte,
Daß sie gar nichts taugen.

Menschen gut erzogen,
Wäre er der Ordnung
Halber mehr gewogen.

Strafgebühren zahlte
Venusin erschrocken.
Sucht nicht mehr mit Augen
Reisende zu locken.

In dem Mund, dem roten,
Knirschen ihre Zähne:
»Alles scheint verboten!«

Doch der hübsche Kranke
Muß sie starr besehen,
Rückt ihr leise näher,
Spricht: »Ich muß gestehen,

Wunderschöne Holde,
Daß ich lungenleidend
Und nicht kränken wollte.

Schmerzlich schön ist Ihre
Trauer um die Lippen.
Seh ich Damen leiden,
Muß mein Herz mir kippen.

Herrliche, erhöre!
Kannst Du mir verzeihen?
Sag' nicht, daß ich störe!«

Venus muß von Sinnen
Diesen Menschen wähnen.
Vorhin, als sie lachte,
Bracht' man sie zu Tränen.

Jetzt erst soll sie lieben,
Wo die Lust verschwunden,
Und das Leid geblieben.

Venus kann nicht finden,
Daß die Lust sie beizte
Jenen Herrn zu lieben,
Weil ihr Leid ihn reizte.

Dieser aber lachte
Über ihr Bedenken,
Weil er anders dachte.

Und er rückt ihr näher,
Ganz auf sie versessen,
Will die Göttin einfach
Um die Taille pressen.

Gute Miene machend,
Denkt die Göttin scherzend:
Ich nehm Alles lachend.

Zum Sankt Gotthard eben
Dampft der Zug von Fluelen
Höher in die Lüfte,
Die sich dünner fühlen.

Hohle Echos krachen,
Und die Tunnellöcher
Dampfen gleich den Rachen.

Hier im Schnee ward Mancher
Von Sankt Gotthards Hunden,
Denkt sich Venusine,
Liebend aufgefunden.

Ach, ein Hund wär heute
Ehrlicher dem Herzen,
Als im Zug die Leute.

Will mal hier als Göttin
Nach Belieben handeln,
Alle Herrn und Damen
Hündisch mal verwandeln.

Dieses soll mich rächen –
Zu viel ist verboten –
Lieb soll Fesseln brechen!

Seht, und in dem Zuge,
Kaum tat sie's bestellen,
Wurden Alle Hunde,
Grüßten sich mit Bellen.

Alles lief auf Vieren,
Wedelt, sich beriechend.
Keinen tut's genieren.

Eh noch zur Besinnung
Einer konnte kommen,
War ihm das Besinnen
Auch schon fortgenommen.

Bayern und Berliner,
Herren und auch Damen
Wurden Bernhardiner.

Alle diese Menschen,
Die verlogen schüchtern
Sich nach Liebe sehnten,
Fordern sie jetzt nüchtern.

Jenem Herrn von Allen,
Den das Leid nur reizte,
Will die Lust gefallen.

Sprang und leckt und wedelt
Hinter andern Hunden,
Hat in Lebensfrohsinn
Sich gar schnell gefunden.

Liebte Hundedamen,
Die sich unter Bellen
Schwanzwedelnd benahmen.

Das war ein Bespringen,
Selig ein Begatten!
Und man liebt vor Allen,
Die die Laufzeit hatten.

Schnell sich Alle kannten,
Und in allen Klassen
Ward man zu Verwandten.

Amor lag auf Kissen
Und muß göttlich lachen:
»Mama Venusine,
Du machst tolle Sachen!

Du erlöst die Leute
Auf besondre Weise!
Endlich liebt man heute!« –

Hell voll Glühlichtlampen
Eilen Luxuswagen,
Niemand ahnt von draußen,
Daß sie Hunde tragen.

Und der Gotthard lachte
Über Venusine,
Die das fertig brachte.

Als der Zug den letzten
Tunnel just passierte,
Lagen tausend kleine
Vögel, schneeverirrte,

Im Gefild, im kalten.
»Halt!« rief Venusine.
Und der Zug muß halten.

Alle Bernhardiner
Sind hinausbefohlen,
Und ein Jeder mußte
Von den Vögeln holen.

Und sie apportieren
Vorsichtig im Maule,
Vögel, die erfrieren.

In den warmen Wagen
Sind bald neugeboren
Diese. Und kaum lebend
Danken sie den Ohren.

Nachtigallen, Meisen
Danken Venusine,
Singend ihre Weisen.

Alle Vögel kannten
Gleich die Göttin wieder.
Auf dem Hörselberge
Lehrt' sie jährlich Lieder,

Jedem Männchen neue,
Daß der Wald erblühe
Und sich's Weibchen freue.

Auch die Hunde liegen
Horchend auf den Kissen.
Weil sie jetzt die Nähe
Einer Göttin wissen,

Zeigen sie die Spuren,
Heute überwundner,
Menschlicher Kulturen.

Nach Chiasso senken
Sich die Berggelände,
Hundertschluchtig grüßen
Dort Italiens Wände.

So kam Venusine
Zu des Südens Grenze,
Schalk in jeder Miene.

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