Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dauthendey >

Der Venusinen-Reim

Max Dauthendey: Der Venusinen-Reim - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthendey
titleDer Venusinen-Reim
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressLeipzig
year1911
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061202
projectidd10b9787
Schließen

Navigation:

Elfter Reim

Venusine flüchtet vor des Teufels Logik. Die Mutter Gottes von Würzburg überlistet den Teufel

In der Mainstadt Würzburg
An der alten Brücken
Brechen sich die Schollen,
Winter geht in Stücken.

Föhnwind gurgelt mächtig,
Kommt vom Süden taumelnd
Und ist frühlingsträchtig.

Und die Schollen hüpfen
Keck gleich jungen Böcken,
Brechen sich die Stirnen
An den Brückenstöcken.

In das Chaos schauend
Steht am Fluß der Teufel,
Seinen Spitzbart krauend.

Vom Marienberge
Glänzt die Christusmutter
Ganz aus purem Golde,
Gold auch's Kleiderfutter.

Und der Teufel fragte
Blank mit seinen Augen,
Bis sie etwas sagte.

»Teufel, Deine Rede,
Fern in Romas Mauern,
Mußt Du jetzt zeitlebens
Trübselig bedauern.

Recht doch muß ich geben,
Meldest Du von Christus –
Weiblos war sein Leben.

Ich, die Mutter, selber
Wünsche ungeschehen
Seinen Tod am Kreuze,
Möcht beweibt ihn sehen.

Als Familienvater
Würd' ers Leben nehmen
Mehr im Herzenskrater.

Doch mich dauert, Teufel,
Deine Logikrede!
Jetzt liegst Du mit Venus
Ewig in der Fehde.

Gingst in eine Falle,
Stürztest, Dich zu heben,
Frauenideale.

Denn für Christus hatte
Venus selber Schwächen.
Wenn sie leicht auch höhnte,
Ganz mocht sie nie brechen.

Wie Schirokko brannte
Ihr das Herz vor Trauer,
Daß sie sturmstreichs rannte,

Rannte über Alpen,
Über Nebel, Flüsse,
Und ein Eisenschimmel
Lieh ihr seine Füße,

Der nach Rom sie brachte,
Einst aus Mailand flüchtend,
Den zum Mensch sie machte.

Dieser wünschte lieber
Wieder Gaul zu werden.
Zu prosaisch, sagt er,
Sei's als Mensch auf Erden.

Und mit Gönnermiene
Schenkte ihm sein Pferdstum
Wieder Venusine.

Würdest Du Dich töten,«
Sprach noch Christus' Mutter,
»Teufel, dann war Venus
Mild wie süße Butter.

Denn vom Ideale
Denkt man, wenn es tot ist,
Besser alle Male.«

Also sprach sie weise,
Listig wie nur Frauen.
Ihrem goldenen Munde
War nicht recht zu trauen,

Denn sie hat geschworen
An dem Teufel Rache
Und hält's unverfroren,

Weil von Rom zum Maine
Teufels Hochmut schallte,
Der den Sohn ihr schmähte,
Daß das Weltall hallte.

Logisch fand sie's richtig,
Aber laut zu schimpfen
War vom Teufel nichtig,

Teufel horcht verzweifelt
Auf des Föhnwinds Rütteln,
Möchte alle Berge
Gleich dem Föhnwind schütteln.

Muß zu Tod sich lauschen,
Hört auf Schritt und Tritten
Venusröcke rauschen.

Prunkend steht Maria
Stolz aus Gold am Dache
Vom Marienburgschlosse,
Glühend wie die Rache.

Teufel schließt die Augen:
»Immer bleibt's dasselbe,
Teufel nie was taugen.«

Teufel ganz geläutert
Von dem großen Schlage
Kauft sich eine Säge.
Was ihm Lebensfrage,

Jenen Schmuck am Hirne,
Sägt er ab, die Hörner,
Seinen Trotz der Stirne.

Als der Schwalben Liebe
Nester baut vom Drecke,
Stand der Teufel immer
Noch am selben Flecke.

In dem Frühlingswerben
Stand er lieblos einsam,
Will wie Christus sterben.

Zum Vierröhrenbrunnen,
Als sein Stolz geschwunden,
Kam zum Café Hirschen,
Er, der sich geschunden.

Mischt sich unter Bauern,
Die dort Ausspann halten,
Dort wo Juden lauern.

Mietet sich drei Alte,
Die für Geld was wagen.
Sagt: »Ihr müßt ans Kreuzholz
Mich noch heute schlagen.

Könnt' die Welt erlösen,
Wenn ihr solches tuet,
Heut von allem Bösen.«

Doch die Juden maulten,
Nahmens Geld und dankten.
An das Kreuz ihn schlagen,
Das zu tun sie schwankten.

Krümmten ihre Glieder,
Schlichen um die Ecken,
Kamen nicht mehr wieder.

Mitleidloser aber
Zeigten sich die Bauern.
Sie tat nicht der Teufel,
Nicht das Böse dauern.

Wolltens Geld kaum haben,
Nur am Todesanblick
Sich belustigt laben.

Bauern dann, am Abend,
Nageln mit Behagen
An das Kreuz den Bösen
In den Stadtanlagen.

Bei der Frankenwarte
Auf dem Niklausberge
Ragt er als Standarte.

Spät saß ich am Fenster.
Flöße, blank aus Stämmen,
Zogen hin im Maine.
Und zum Fluß zur Schwemmen

Ritt auf einem Pferde
Venus, schleppt den Teufel. –
Dunkel war die Erde.

Feurig floß das Wasser
Durch die Abendgluten,
Und den Teufel sah ich
Aus fünf Wunden bluten.

Venus hielt im Arme
Ihn, den Schwerenöter,
Und schien bleich vom Harme.

Venus wusch am Flusse
Seine wilden Wunden,
Hat mit ihren Händen
Ihm sein Herz verbunden.

Doch auch Götter enden. –
Teufel starb der Venus
Unter ihren Händen.

Venus spricht zum Toten:
»Hast mich viel umworben.
Doch Dein Christuswerden
Hat den Spaß verdorben.

War Dir noch gewogen,
Als Du Hörner hattest
Und hast flott gelogen.

Werd' Dich wiedersehen,
Da Du jetzt gestorben,
In dem Himmel droben
Fad und unverdorben.«

Und ihr Pferd, das rannte
Mit ihr in die Wolken,
Fort ins Unbekannte.

Und des Teufels Leiche
Lag auf einem Floße,
Schwamm hinein ins Dunkel,
In die Nacht, die große.

Eine Amsel gluckte
Unter meinem Fenster,
Wo ich Tränen schluckte.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.