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Der Venusinen-Reim

Max Dauthendey: Der Venusinen-Reim - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthendey
titleDer Venusinen-Reim
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressLeipzig
year1911
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061202
projectidd10b9787
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Erster Reim

Venusinens Toilette, Schuhe, Korsette und Leberflecken

Prächtig sind die Tiere,
Die nichts sündig finden,
Leben ihrer Liebe,
Sterben und verschwinden.

Eitler doch als Pfauen
Sind die Menschenseelen
Und verbreiten Grauen.

Götterdämm'rung herrschte
Auf der Erde Trachten,
Denn die Götter konnten
Keinen Mensch mehr achten,

Hielten sich verborgen,
Nahmen mit die Freuden,
Seufzen blieb und Sorgen.

In dem Hörselberge
Saß Frau Venusine
Tausend Jahr in Tränen
Und mit müder Miene.

Endlich aber fühlte
Sie die Zeit gekommen,
Die die Nacht fortspülte.

Alte Sitt' und Weisen
Gehen dann in Sprüngen,
Wenn die Götter kreisen
Und sich selbst verjüngen.

Denn auch ihrer Dauer
Liegt der Tod am Wege,
Sitzt die Zeit als Mauer.

Blühend unter Schmerzen
Schrie Frau Venusine:
»Menschen, tote Tiere
Seid ihr ohne Minne!

Geist macht kaltes Dürsten.
Euch gilt heut die Liebe
Gleich den Pferdfleischwürsten.

Kindlich seid ihr Menschen,
Kindlich im Erfinden.
Denn ihr wollt die Liebe
Durch die Tinte binden.

Leidenschaften werden
Täglich unbequemer
Und gehaßt auf Erden.

Leidenschaftlich lobten
Mich einst frohe Heiden.
Freude sie verehrten,
Ihr verehrt nur Leiden.

Selbst könnt ihr euch fluchen,
Schon im Mutterleibe
Darf euch Fluch aufsuchen.

Habt gar viel erfunden.
Machtet selbst euch schlechter.
Habt die Sünd' erdichtet.
Ihr, des Lebens Aechter,

Wollt auch Schuld einimpfen
Schon den Embryonen,
Unschuld bös beschimpfen.

Aber neue Zeiten
Treten unter Waffen.
Frei will sich die Freude
Neu bei euch erschaffen.

Bös nicht und nicht besser
Gleich den anderen Tieren,
Seid ihr, Bratenfresser. –

Söhnchen Amor, höre:
Rot wie eine Hummer
Schießt Du Dich nur müde,
Machst die Pfeil' nur krummer.

Wirf ihn fort den Bogen!
Mit Maschingewehren
Komm vor's Herz gezogen.

Menschen tragen Panzer-
Platten unter Hemden,
Drunter da verlachen
Dich die Unverschämten.

Siehe, wie Verbannte
Lebten wir im Berge
Von der Welt Verkannte!

Laß uns unter Leute
In die Städte gehen!
Zu lang man sich scheute
Uns ins Aug zu sehen.

Immer nur in Träumen
Sangen wir verborgen
Und in Gartenbäumen.

Nur wie Duft der Blumen
Die zum Frühling kamen,
Gar zu zart und süßlich
Wir uns stets benahmen.

Offen will ich streiten,
Leibeslust will leben,
Zeit verschiebt die Zeiten!

Eckehardt, Getreuer,
Wächter vor dem Bösen,
Laß nach Tausend Jahren
Deine Wach ablösen!

Hast den Berg behütet
Tausend Jahr vor Argem,
Sei mit Huld vergütet!

Sei verjüngt, und folge
Ohne graue Falte
Uns hinaus zum Berge,
Laß im Berg das Alte!

Trage jungen Scheitel,
Laß die weißen Haare,
Und werd' etwas eitel.«

»Ja, wir wollen reisen«,
Sprach verjüngt der alte
Eckehardt, der Treue,
Mit der Denkerfalte.

»Herrin, der ich diene,
Viele Dich vergaßen,
Zeig Dich Venusine!

Auch der Barbarossa
Stieg schon vom Kyffhäuser.
Heute hinter Bergen
Wohnen nur Duckmäuser.

Deine roten Schleier
Lüfte Venusine,
Trag die Hüften freier!«

»Ja, getreuer Wächter,
Fest bin ich entschlossen,
Will zu Menschen gehen,
Die mich schwer verdrossen,

Die mich froh einst lobten
Und dann gegen alle
Fleischeslüste tobten.

Diese armen Menschen
Will ich jetzt beglücken.
Ohne Leibesliebe
Geht die Seel' in Stücken.

Ich will nicht mehr bangen
Vorm Verstand der Zwerge
Und vor seinen Zangen.

Will mal Rom aufsuchen,
Wo man mich verstoßen,
Wo man einst aus Wollust
Tötete mit Rosen.

Möglich, daß ich finde
Dort noch eine Größe,
Der ich mich verbinde.

Erst will ich mich kleiden
Gleich den Menschenfrauen,
Die heut in den Städten
In die Welt sich trauen.

Auch sind stolze Kleider,
Trotz der Götterwürde,
Keinem Weib zur Bürde.«

»Herrin Venusine,
Kleider, die verbergen
Mängel nur und reizen
Unter Menschenzwergen.«

So sprach wie die Alten
Eckehardt der Junge,
Konnt' den Mund nicht halten.

»Eckehardt, viel weiser
Hast Du sonst geraten.
Kleider sind die Sauce
Schmackhaft bei dem Braten.

Jederzeit bei Damen
Waren Kleider nötig,
Das gehört zum Rahmen.

In den Tausend Jahren,
Die ich hier versonnen
In dem Hörselberge,
Hab ich's ausgesponnen.

Ja, sogar das Schnüren
Soll die Venus leiden,
Gilt es zu verführen.

Enger sind nicht Kleider
Als die Einsamkeiten
In dem Hörselberge,
Die mir Qual bereiten.

Soll mal was geschehen,
Muß man nicht nur kritisch
Drauf herniedersehen.

Bringt mir alle Dinge,
Die ein Weib heut zieren!
Alles will ich tragen,
Nichts soll mich genieren.«

Zofe Melusine
Naht beim Wink der Wimper,
Dient mit kluger Miene.

Bringt zuerst die Schuhe,
Doch die haben Tücken.
Ach, von hundert Paaren
Will nicht Eines glücken.

Keines will recht sitzen.
Zof' und Göttin zerren,
Zof' und Göttin schwitzen.

Venus Füßen waren
Klein noch die Enormen,
Und man mußte extra
Neue Schuhe formen.

Füße leicht sich breiten,
Trug man nur Sandalen
Seit den Ewigkeiten.

Eckhardt konnt' die Trauer
Nicht gleich überwinden,
Als der Herrin Füße
In den Schuh'n verschwinden.

Nachdenklich im Gehen
Starrt' er sonst versunken
Auf der Göttin Zehen.

Konnt' sich dran durch Stunden
Wie an Röslein weiden,
Doch jetzt litt sein Auge
Hühneraugenleiden.

Stets doch blieb der Alte,
Eckehardt der Junge
Mit der Denkerfalte.

Melusine brachte
Spitzen aus den Städten,
Die auch höchste Damen
Gern getragen hätten.

Doch die seidnen Faden
Kitzeln sehr die Göttin,
Wie ein Nest von Maden.

Niemals man je besser
Eine Frau frisierte,
Als klein Amor selber
Die Mama toupierte.

Still hält sie ohn Klagen,
Trug bald Nadeln, Kämme
Und auch Haareinlagen.

Zofe Melusine
Schnürt sie auch ins nette
Fischgebeinte schlanke
Seidene Korsette.

Eckehardt erbittert
Flucht auf seidne Kerker,
Drin man sich vergittert.

»Herrin, Deine Brüste
Werden noch zwei Wunden
Hinterm Fischbeingitter
Lebst Du keine Stunden.«

Kaum hat er's gesprochen
Kracht schon das Korsette,
Hing geknickt zerbrochen.

Wie zwei Füllen sprangen
Venusinens Brüste
Bei dem ersten Atem
Durchs Gebeingerüste.

Auch ein neues Mieder
Tat nicht lange halten,
Leicht knickt sie es nieder.

Bis man ihr die Büste
Faßt in Draht und Banden,
Und die wilden Brüste
Sich gelähmt dreinfanden.

Strumpfband und auch Kragen,
Hutnadeln und Hüte
Lernte sie zu tragen.

Venusin studierte
Auch die Umgangsbücher,
Lernt mit Gabeln essen
Und braucht Taschentücher.

So ward sie zur Dame.
Göttin blieb sie trotzdem
Bei der Hemdabnahme.

Eins nur macht ihr Sorge:
Kaum ist sie entkleidet,
Seufzt sie, daß sie nirgends
Ach, an Fehlern leidet

Nirgends sitzt ein Flecken
Irgendwo am Leibe,
Nichts kann sie entdecken.

»Und ich will nicht besser
Als die Erdenfrauen
Mich in Männernähe
Fleckenlos getrauen.

Dieses wär wie Tadel
Schwachen Menschenkindern,
Und ich halt auf Adel.«

Doch die Zofe meinte:
»Göttin seid Ihr eben!
Göttern ist nicht zugleich
Menschliches gegeben.

Was sollten bezwecken,
Herrin Venusine,
Schwarze Leberflecken?«

»Wisse,« spricht die Göttin,
»Zu viel Reinheit blendet,
Daß das Alltagsauge
Sich dann abseits wendet.

Vor dem steifen Strauße
Tadelloser Lilien
Ist man nicht zu Hause.

Frauen geben Heimat
Abgehetzten Männern,
Die am Tage starten
Gleich den besten Rennern,

Die gern Hindernisse
Halszerbrechend nehmen
Und das Ungewisse.

Kommen solche müde
Abends von dem Traben,
Stört sie allzu Hohes,
Weil sie's Aug voll haben

Voll von Staub und Kohlen,
Sehen oft noch Ziffern,
Die sich überholen.

Eine kurze Spanne
Reicht die Nacht zum Morgen.
Dann pfeift die Maschine –
Feilschend kommen Sorgen.

In die kurze Spanne
Passen keine Götter,
Weib bin ich dem Manne.

Traulichkeit dient Männern
Mehr denn Götterbilder,
Ist dem Herz erquickend,
Stimmt den Körper milder.

Traulichkeit zu wecken
Will am Götterleibe
Ich die Leberflecken.

Eile Melusine,
Hol den Mediziner!
Er sei heut nicht Krankheits-
Sondern Schönheitsdiener.

Soll mir mit Lanzetten
Leberflecken impfen,
Von den braunen netten.«

»Schwerlich,« sagt die Zofe,
»Wird ein Arzt sich finden,
Weil die Luft im Berge
Menschen nicht verwinden.

Wer von all den kühlen,
Welche Leichen schneiden,
Wird nicht Venus fühlen?

Und dann muß er sterben,
Kann er nichts erreichen,
Würde er entlassen
Ohne Liebeszeichen,

Würde nie genesen,
Weil er hier im Berge
Ohne Luft gewesen.

Darum Herrin sage
Deine Wunschangaben!
Wo willst du die Flecken,
Die Verschämten haben?

Wie ich es dann mache,
Dir die Flecklein hole,
Sei dann meine Sache.«

»Kluge Melusine,«
Venusin errötet,
»Jegliche Sekunde
Wird ein Mensch getötet.

Stirbt er mal am Herzen,
Sind das auch bei Göttern
Einzig echte Schmerzen.

Wenn er mir gefiele,
Würd' ich ihn nicht schonen.
Aber sollt' er sterben,
Nur weil wir hier wohnen,

Weil die Luft im Berge
Schon den Tod kann bringen
Einem Menschenzwerge?!

Flott weg mal zu töten
Lieb ich sonst ohn' Maßen,
Heut' doch will ich Deinem
Rat mich überlassen.

Geh und bring die Flecken!
Wie Du sie willst bringen,
Kann ich nicht entdecken«.

Melusine kichert
Und ist schon verschwunden,
Hat verjüngt den Eckhardt
Unterm Tor gefunden.

Spricht: »Komm' auf ne Weile!
Kannst jetzt etwas lernen.
Schnell, ich habe Eile!

Sieh, ich will zum Arzte,
Und er soll mich impfen,
Daß uns nicht die Pocken
Einmal bös verglimpfen.

Ist die Impf geschehen,
Sollst Du's Venus tuen,
Komm' jetzt, sollst es sehen« ...

Venus fragt am Abend:
»Hast Du sie die Flecken?«
»Ja,« lacht Melusine,
»Kann sie nicht verstecken.

Ach, der Arzt nicht ruhte,
Nicht nur bei drei Orten,
Wühlte er im Blute.«

Venus, bei der Lampe,
Sieht voll Sommersprossen
Ihre hübsche Zofe,
Punkt an Punkt durchschossen.

Venus lacht mit Schallen:
»So gut hat dem Doktor
Jeder Fleck gefallen?

Daß er sich dann übte
Und Dich ganz besäte?
Ach, wenn ich von Deinen
Hundert einen hätte!«

Eckehardt, verständig,
Impft sie, – und im Berge
Lachte man unbändig.

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