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Der Vater und die Söhne

Felix Dahn: Der Vater und die Söhne - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Dahn
titleDer Vater und die Söhne
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke. Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 5
correctorreuters@abc.de
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XVII.

Aber es kam anders. Der Ausfall der Byzantiner hatte anfangs Erfolg. In tiefster Stille führte Megas bei vollster Dunkelheit – nicht Mond nicht Sterne zeigte der Himmel – seine Scharen gegen den Hügel im Norden zu über das Schlachtfeld des Mittags hin. Hermenigild, das Schwert in der Scheide, ritt an seiner Rechten. Unvermerkt kamen die Angreifer bis an die Sohle des Hügels, unvermerkt bis auf dessen Krone: erst hier gerieten die Vordersten in den Bereich der Wachtfeuer vor den ersten Zelten: nun riefen die Wachen sie an. Lautes Schlachtgeschrei der Angreifer war die Antwort und sofort ergossen sich diese in die vordersten Zeltreihen der Goten. Überrascht, führerlos, zu gutem Teil ohne die abgelegten Schutzwaffen, aus dem Schlummer geschreckt, vermochten diese dem Überfall nicht standzuhalten: sie wichen.

»Nach! Nach!« befahl Megas. »Unser ist der Sieg! Vorwärts, König Johannes! Oder willst du vielleicht nochmal umsatteln? Das wäre dein Tod!« Und er bedräute ihn mit dem Schwerte, faßte das Pferd am Zügel und riß es, mit sich vorwärts. Willenlos ließ Hermenigild alles geschehen: er zog auch jetzt nicht das Schwert: er trug weder Helm noch Schild noch Brünne: stumpf sah er vor sich hin, den Tod erwartend, ersehnend: aber Pfeile und Wurfspeere schienen ihn zu meiden.

»Vorwärts!« wiederholte Megas. »Was stockt ihr?« – »Schau dort hin!« riefen seine Doryphoren. »Rechts! Nach Osten schau! Von dort her neue Feinde!« Und also war's.

In dichten Haufen drangen von Osten gotische Waffen heran. Voran flogen rasche Reiter, dann dröhnten die Schritte starker Scharen von Fußvolk. Auch Hermenigild sah sich nun zögernd um. »Wandalar und die Getreuen!« rief er. »Und dahinter? – Das sind Garding und Gardila: Megas, Ihr seid verloren.« – »Aber du mit,« schrie dieser. »Verräter, du hast uns in diese Falle gelockt.« Und er hob das Schwert gegen ihn. Doch bevor er den Stoß vollführen konnte, stürzte er, von Wandalar durchspeert, aus dem Sattel.

»Ah, was ist das?« rief der Sieger. »Hermenigild an seiner Seite, neben dem Feldherrn des Kaisers! Ergib dich, Verräter! Ergreift ihn, Getreue, bindet ihn, fest bindet ihn! Bringt ihn Gardila! Ich muß weiter vor.«

Die Goten der Lagerbesatzung hatten den eingetroffenen Entsatz nun erkannt: sie hielten wieder stand, ja, sie drangen vor. Die Byzantiner, von vorn und von der rechten Flanke her grimmig – von Übermacht – angepackt, flohen, soweit sie dieser Zange entweichen konnten – die meisten fielen oder wurden gefangen – den Hügel abwärts auf das Städtlein zu. Hermenigild sprach kein Wort. Stumm ließ er alles über sich ergehen: Schmähworte, das Fesseln seiner Hände, das Zerfetzen seines Mantels, auch einen Faustschlag ins Gesicht. Nur als er vor Garding und Gardila stand und diese ihm zuriefen: »Doppelter Verräter, elender Bube!« da stürzte er besinnungslos auf sein Antlitz.

*

Bei Sonnenaufgang zogen die Sieger gegen die Tore von Boecula: sie fanden sie geöffnet, die Stadt von Byzantinern leer: die Bewohner kamen ihnen, um Gnade bittend, entgegen. Sie ward ihnen gewährt: denn man glaubte ihrer Beteuerung, daß sie die Kaiserlichen nur gezwungen aufgenommen hätten; und Leovigild und Rekared hatten äußerste Schonung der Römer eingeschärft. Hermenigild, in dem Haus eingesperrt und scharf bewacht, das er gestern mit Ingundis betreten, erfuhr auf seine Fragen, der Metropolitan habe die sich heftig Sträubende – sie hatte den Gatten hier erwarten, sein Geschick teilen wollen – mit Gewalt in seinem Gefolge mitführen lassen, als er bei dem Eintreffen der ersten Flüchtlinge aus der Stadt eilte, gen Süden, dem Meere zu, nach Cariclum, wo die Flotte der Byzantiner ankerte.

Unverfolgt erreichte Leander mit seiner Gefangenen die rettenden Schiffe. Bald drang hierher die Nachricht von Hermenigilds Gefangenhaltung. Nun begehrte Ingundis, zu ihm zurückgesandt zu werden. »Oder gib mich nur frei,« bat sie, »und laß mich in das Frankenreich zu meiner Mutter zurückgehn. Ach hätt' ich es nie verlassen! Nie auf dein Betreiben den Unseligen ... –« – »Ah,« sprach er höhnisch, »jetzt bereust du gar noch die einzige gute Tat deines Lebens, ihn für die heilige Kirche gewonnen zu haben. Nein, Wankelmütige, du folgst mir nach Byzanz als Geisel für die Treue der Merowingen. Viel Gold haben sie vom Imperator empfangen, um Goten und Langobarden zu bekämpfen. Wenig haben sie dafür geleistet. Du siehst die Mutter und das Frankenreich nicht wieder, bis ...« – »Also nicht als Befreite, als Gefangene führst du mich mit dir?« – »Nimm's wie du willst. Der Imperator soll erfahren, wer durchaus jenen Schwächling abhalten wollte, seinen Eidbruch gutzumachen.« – »Als Gefangene nach Byzanz! Hab' ich das um dich verdient, Verräter?« – »Dies Wort sollte seine Gattin meiden,« grollte er. »Wen und was hat er nicht verraten? Seinen Glauben, seinen Vater, den Imperator und nochmal seinen Vater!«

Aber nicht als Gefangene sollte Ingundis nach Byzanz kommen, als Leiche. Zerrissen von widerstreitenden Gefühlen erkrankte sie auf der Fahrt und starb nach der Landung auf Sizilien.

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