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Der Vater und die Söhne

Felix Dahn: Der Vater und die Söhne - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Dahn
titleDer Vater und die Söhne
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke. Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XV.

Am Tage darauf brach Hermenigild mit den »Getreuen« und einem kleinen Heer auf, das bald durch die von Garding und Gardila von der Grenze herangeführten Scharen verstärkt werden sollte. Seine Gemahlin hatte ihn auf seine Bitte ins Feld begleiten dürfen; gegen Rekareds Rat, der sie als Pfand zurückbehalten wissen wollte; unwillig wies der Vater diesen Gedanken ab. – Da beide Heere in Eilmärschen widereinander rückten, trafen sie bald zusammen: bis Boecula war's, ungefähr halbwegs für beide.

Schon ging die Sonne zu Golde hinter den grünen Marianusbergen im Westen, als Hermenigild – er führte als berittene Vorhut die »Getreuen« – der ersten Haufen des Fußvolks der Byzantiner ansichtig wurde, die, keines Angriffs gewärtig, – ein Wäldchen auf der Krone des Hügels verdeckte die Goten – in lockeren Reihen den steilen Hügel hinaufklommen. Schon hatte Hermenigild das Schwert gezogen, schon wollte er den Befehl zum Angriff geben, auf den die »Getreuen« ungeduldig warteten: – da erkannte er den feindlichen Anführer: es war Basilius. Er senkte den Arm, sein Auge umflorte sich, die Stimme versagte den Befehlsruf: »Ich Unseliger!« stöhnte er! »Schuld, Schuld, was ich auch beginne, wohin ich mich wende. Undank, Abfall, Zwiespalt zerreißt mir die Seele. Was tun, was lassen?«

»Nun, Königssohn, wird's bald?« raunte ihm der Führer der Getreuen, Graf Wandalar, zornig zu. »Da haben wir die Verhaßten – sie sind verloren, die Ahnungslosen! – wir halten den sichern Sieg in Händen und du zögerst? Gib den Befehl oder ich greife an – ohne dich!«

Der Gequälte raffte sich auf, er winkte mit dem Schwert. Die Reitertrompeten schmetterten. Wie ein Bergsturz rasselten die Gepanzerten auf die Überraschten herab: nur wenige leisteten Widerstand, zusammengehalten von Basilius.

»Flieh, Patricius!« rief ihm einer seiner weichenden Doryphoren zu. »Weißt du, wer die Goten führt? Dein Freund, König Johannes!« und er enteilte. – »Unmöglich!« rief Basilius. »Der Undankbare!« Im selben Augenblick stürzte er, überritten, zu Boden. Er ward von den Goten erkannt: ein paar Reiter sprangen ab und banden ihn mit Stricken.

Hermenigild kehrte soeben von der Verfolgung der Fliehenden zurück, die sich in die nahen Tore von Boecula retteten. »Sieh, Königssohn, wen wir dir da bringen,« rief Graf Wandalar freudig. »Der beste Fang, den wir machen konnten!« Und er schob jenen – die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden – dicht an das Pferd Hermenigilds. Dieser fand zunächst kein Wort: dann sprach er: »Um Gott, Freund, wie stehst du vor mir!« – »Als dein Gefangener,« erwiderte der Feldherr mit blitzenden Augen. »Aber nicht um die Krone der Welt möcht' ich vor dir stehen, wie du vor mir, Eidbrüchiger, Verräter! Behalte deine falsche Freundschaft!« Der Gescholtene sprang ab, zog den Dolch und zerschnitt die Stricke des Gefangenen. »Geh, du bist frei!« – »Was, Hermenigild?« schrie Graf Wandalar. »Rasest du? Unsern gefährlichsten Feind! So lohnst du deines Vaters Großmut, Undankbarer? Nein, Verräter, das geschieht nicht.« Und er stieß dem Griechen das Schwert in den Hals. – »Gut, gut!« jubelten die Getreuen. »Heil Wandalar!«

Stärker als der Zorn Hermenigilds war sein Weh: noch bevor er daran dachte, den Meuterer zu strafen, kniete er neben den Freund, suchte den Bluterguß zu hemmen, griff nach seiner Hand. Mit letzter Kraft stieß ihn der Sterbende zurück: »Fort die Verräterfinger. Fluch über dich!« Auf sprang Hermenigild von der Leiche: »Wandalar, was wagtest du zu tun?« – »Meine Pflicht. Ich habe dem König Treue geschworen. Die halt' ich: wir sollen seinen Willen vollstrecken, gehorsam wie sein Schwert. Sein Wille war nicht, – sicher nicht! – was du getan. Du hast deinen Vater zum zweitenmal verraten.« – »Ergreift ihn, Goten,« befahl Hermenigild. »Entwaffnet ihn.« Aber keine Hand rührte sich. »Nein,« riefen die Getreuen durcheinander. »Recht hat er getan! Recht nach des Königs Willen! Ihm gehorchen wir, nicht seinem verräterischen Sohn.« – Graf Wandalar sprang in den Sattel. »Auf! folgt mir, ihr Getreuen! Wir verlassen den Abgefallenen. Auf! Garding und Gardila ziehen heran, – ihnen entgegen: sie sollen uns führen.« Und wie der Sturmwind jagten alle zwei Hundertschaften davon nach Osten.

Allein, verlassen von allen stand Hermenigild bei der Leiche: denn seine andern Scharen, das Fußvolk, erreichten jetzt erst oben die Höhenkrone. Zerschmettert faßte er sein Pferd am Zügel und schritt langsam gesenkten Hauptes den Hügel – gen Norden – hinan. Hier befahl er, Lager zu schlagen und unten auf dem Schlachtfeld die Toten zu bestatten.

Er hob Ingundis von ihrem Zelter herab, sank an ihre Brust und stöhnte:

»Ich bin der Unseligste der Menschen.«

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