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Der Väter Sünden

Ernst Wichert: Der Väter Sünden - Kapitel 1
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authorErnst Wichert
booktitleDas Duell/Der Väter Sünden
titleDer Väter Sünden
publisherVerlag von Karl Reißner
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I.

Äh – äh – äh ... Fasse leise an, Jakob. Du hast heute eine entsetzlich schwere Hand. Leiser, leiser. Und ganz langsam – das Bein – äh, äh! auf den Fußschemel – langsam. Und dann das andere – sanft nachschieben. Nicht so ruckweise, Jakob. Wie das schmerzt! Wenn du darin stecktest – es ist eine Höllenpein. Nun den Rücken – vom Kissen aufrichten – so, so! Setze dich her – ich lege den Arm um deine Schulter – richte mich an dir auf. So! Der Arm ist noch ganz kräftig – was? Ha, ha, ha! Nur die Beine und das Kreuz ... Langsam! Wenn ich erst stehe ... Du weißt ja, es geht noch so passabel. Ah – äh – äh ...«

Der alte Diener gab sich die ersichtlichste Mühe, seinem Herrn das Aufstehen zu erleichtern. Aber alle Schonung der schmerzhaften Gliedmaßen konnte nicht hindern, daß der Graf unter seinen geübten Händen von Zeit zu Zeit jämmerlich stöhnte. Der Dienst wurde schweigend verrichtet. Wahrscheinlich wußte Jakob schon lange, daß der Versuch, sich zu verantworten oder freundlich zu ermutigen, nur die Nervosität des Grafen steigerte. Er schob ihm weiche Pantoffeln auf die Füße und hob diese dann sanft vom Schemel auf die Pelzdecke. Dann gab er ihm einen Mantel um und richtete ihn in Pausen auf. Sobald das Zittern der Kniee nachgelassen hatte, führte er ihn mit ganz kleinen Schritten nach dem anstoßenden Gemach, wo bereits das elektrische Bad vorbereitet war.

Das Wasser schien belebend zu wirken. Der Graf stieg die Stufen offenbar leichter hinauf und hielt sich auch während des Frottierens ziemlich fest auf den Füßen. Sein ganzer Körper wurde mit einer stärkenden Essenz eingerieben und dann in Wolle gepackt. So lag er wieder eine halbe Stunde auf dem Ruhebett und ließ sich das kostbare Spermin einflößen, von dem er sich Wunderdinge versprach.

Im Toilettenzimmer wartete bereits der Friseur. Er brachte den Kopf in die gewohnte Ordnung, indem er Wangen und Kinn rasierte, das kleine Schnurrbärtchen färbte und spitzte, mit einer graublonden Perücke die Platte deckte und der welken Haut eine gleichmäßig frische, nicht zu jugendliche Farbe gab. Mit den Händen und besonders mit den Fingernägeln beschäftigte er sich wohl eine halbe Stunde. Jakob konnte nun wieder seinen Dienst aufnehmen und das Bekleiden besorgen. Er legte dem Grafen einen hohen, den sehnigen Hals deckenden Kragen und eine Krawatte um, in welcher ein großer Brillant blitzte, und bekleidete ihn mit einem eleganten grauen Anzuge.

Als Graf Wedigo Pahlen sich dann in dem hohen Stehspiegel musterte, konnte er mit sich zufrieden sein. Er hatte jetzt ungefähr das Aussehen eines knappen Fünfzigers. Wer ihn aus dem Bette steigen gesehen, hätte ihn für einen hohen Siebziger halten müssen. Sein wirkliches Alter lag nur wenige Jahre über das erkünstelte hinaus. Unter seinen Freunden waren Offiziere, jetzt Obersten und Generale, die mit ihm ungefähr zugleich in die Armee eingetreten waren und es ihm bis auf einen geringen Fehler nachrechnen konnten. Er mochte nur sehr rasch gelebt und sich schneller als sie verbraucht haben.

Die Schokolade hatte er bereits um neun Uhr im Bett getrunken. Die Toilette beanspruchte mehr als zwei Stunden. Nachdem er am Arm des Dieners noch einen Gang durchs Ankleidezimmer gemacht, um die Federkraft der Beine zu prüfen, begab er sich mit schlürfenden Schritten nach dem Salon, in welchem das Frühstück aufgetragen war.

Dort erwartete ihn Graf Bruno, der jüngere Sohn, der den anderen Flügel des palaisartigen Hauses bewohnte, wenn er nicht auf den Familiengütern zu thun hatte. Er war der eigentliche Verwalter des großen Vermögens, seit eine schwere Erkrankung des alten Herrn und dessen längere Abwesenheit im Auslande eine Stellvertretung notwendig gemacht hatten. Sein Vater hätte längst die Zügel wieder selbst in die Hand nehmen können, aber die Beschäftigung mit wirtschaftlichen Angelegenheiten war wenig nach seinem Geschmack. Sein praktischer Sohn, der sie mit Eifer betrieb, schien ihm ein wenig entartet. Doch wünschte er mit ihm keinen Streit zu haben und war schon zufrieden, wenn nur die Form gewahrt und ihm eine Art von oberster Leitung zugestanden wurde, die freilich äußerst diskret geübt werden mußte.

Die Wahrheit zu sagen, er fürchtete den Sohn, der von ganz anderem Schlage war als er selbst. Es fehlte Bruno die Schmiegsamkeit, sich der Art des alten Lebemannes anzupassen und ihn ohne Kritik zu nehmen, wie er nun einmal war. Er kritisierte selten laut und dann nur mit einem rasch hingeworfenen Wort; aber Graf Wedigo glaubte in jedem Augenblick zu wissen, was er dachte, und war immer überzeugt, daß er nicht seinen Beifall hatte. Der Regierungsreferendar war der einzige Mensch, vor dem er sich nicht gehen lassen konnte, wie es ihm bequem war. Kaum in scherzhaftem Ton wagte er einmal eine Andeutung seines Mißbehagens. Der alte Herr konnte seinem lebendigen Gegensatz gegenüber das Gefühl der eigenen Sündhaftigkeit nicht los werden, und das war ihm ein sehr fataler Zustand.

Bruno saß am Tische, auf dem neben seinem Gedeck Haufen von Briefen und größeren Schriftstücken lagen, die er schon durchgesehen hatte. Er war kurz gewachsen und breitschultrig, in allen Formen etwas derb, das Bild blühender Gesundheit, übrigens doch im Profil unverkennbar dem Papa ähnlich. Das blonde Haar stand kurzgeschoren von der Stirn auf, und die über der kräftigen Nase fast zusammengewachsenen Augenbrauen bogen sich gegen die Schläfe hin eckig abwärts. Er schien auf seine Toilette gar keinen Fleiß verwendet zu haben; die Kleider saßen ihm lose, und das steife Hemde drängte sich gegen das Kinn hin aus der Weste heraus. Er hatte das eine Bein dicht am Fuß über das andere gelegt und den Daumen in das Ärmelloch der Weste gesteckt. Diese nonchalante Haltung änderte er auch nicht, als sich Graf Wedigo ihm nun tänzelnd näherte.

»Guten Morgen, mein Junge,« begrüßte er ihn in jovialem Ton, mit der ausgestreckten Hand winkend und ihm freundlich zublinzelnd. »Hast wohl schon auf mich gewartet? Ja, das Alter, das Alter! Es fordert immer mehr Mühe, sich's in Vergessenheit zu bringen.«

»Es freut mich, daß dir's gelingt,« antwortete Bruno trocken. Er lächelte dabei, wie es scheinen konnte, spöttisch und reichte dem Vater mit einer nachlässigen Bewegung die freie Hand zu, um sie sogleich wieder zurückzuziehen.

»Freut es dich, freut es dich – das ist gut,« schmunzelte der Graf, doch mit einem lauernden Blicke »Ich weiß ja, daß du mir das Leben gönnst – ha, ha, ha!«

Der junge Mann lachte nicht mit, sah aber den alten Herrn dreist an und zuckte leise die Achseln. »Es wäre ja nur mein eigener Vorteil, wenn du Methusalems Alter erreichtest,« bemerkte er, »ich bin der jüngere Sohn. Übrigens brauche ich für mich selbst wenig.«

»Ich hoffe, dem älteren eilt's ebensowenig,« kicherte Graf Wedigo etwas gezwungen. »Du hast jedenfalls nicht nötig, dich einzuschränken. Warum thust du's? Ich in deinen Jahren ... Hä, hä, hä!«

»Es ist nicht meine Art, Geld fortzuwerfen für Dinge, die mir keinen Genuß bereiten.«

Der Alte löffelte seine Bouillon. »Ja, du bist unnatürlich enthaltsam – manchmal beängstigend.«

»Wirklich, es macht mir keinen Spaß, Vater, zu spielen und zu wetten, um dem Zufall über mich Macht zu geben, Pferde zu Tode zu jagen, lukullisch zu tafeln oder mich von leichtsinnigen Frauenzimmern ausziehen zu lassen.«

»Wie dein Vater – hi, hi, hi! nicht wahr, wie dein Vater?«

»Ich sage nur, es ist so meine Art. Wie es auch meine Art ist, genau Buch zu führen und Leuten, mit denen ich im geschäftlichen Verkehr stehe, nichts zu schenken.«

Der Graf stocherte in der Sardinenbüchse herum. »Hm – hm ...« knurrte er dabei, »möchtest du nach dieser Einleitung zur Sache kommen?« Es war sicher etwas Verdrießliches im Anzuge.

»Sie ist sehr einfach,« erwiderte Bruno, indem er einige Briefe aufnahm und geöffnet vor sich hinlegte. »Der Pächter von Falkenthal, Herr Sandrock, hat daran erinnert, daß die Pacht in zwei Jahren abläuft, und angefragt, ob sie ihm erneuert werden könne.«

»Darüber kann doch aber kein Zweifel sein. Schon sein Vater hatte das Gut –«

»Wie er, für eine lächerlich geringe Summe.«

»Du willst aufschlagen?«

»Um das Doppelte.«

»Ah –! das ist grob. Die Sandrocks sind alte bewährte Freunde.«

»Von Fremden könnte man dreist das Dreifache verlangen.«

»Und er weigert sich?«

»Er macht wenigstens Umstände.«

Der Graf goß sich mit nicht ganz sicherer Hand den Champagner ein. »Hm, hm – nein. Das geht nicht. Der alte Sandrock war mir befreundet.«

»Darauf will der Sohn sich eben berufen. Diese Einlage ist für dich bestimmt« – er reichte ihm ein Schreiben großen Formats – »ich kann mir denken, was darin steht. Aber ich bitte dich ernstlich, nicht schwach zu werden und den Mann lediglich an mich zu weisen. Schon des Beispiels wegen.«

Graf Wedigo reckte den hageren Hals aus der Krawatte. »Aber brauchen wir denn so nötig eine Erhöhung unserer Einnahmen?« fragte er unwillig. »Es wäre doch nicht nobel gehandelt –«

»Lieber Vater,« fiel Bruno ein, »ich ersehe aus den Abrechnungen mit unserem Bankier nicht, daß du dich einzuschränken geneigt bist. Das verlangt natürlich auch niemand von dir. Du hast sehr kostspielige Liebhabereien –«

»Du meinst, du meinst –?« schnüffelte der Alte unruhig.

»Es geht mich nichts an, daß du mit Vorliebe Brillanten verschenkst, obgleich der schöne Dank, um den es dir doch nur noch zu thun sein kann, gewiß auch billiger zu haben wäre.«

»Ah, ah, ah! Das verstehst du nicht,« eiferte der Graf, mit Messer und Gabel auf dem Teller polternd. »Ich muß mir verbitten – ich muß mir ernstlich verbitten ...«

»Was aber? Ich sage, es geht mich nichts an. Und es geht mich auch nichts an, daß Wilfried bis vor kurzem sehr viel Geld brauchte.«

»Wilfried –ah! Der ist ein ganz anderer Mensch – wir verstehen einander. Er soll seine Jugend und Freiheit genießen, soll sich als den künftigen Besitzer des großen Familienfideikommisses fühlen und demgemäß auftreten. Ich erwarte, daß du ihm da nichts in den Weg legst, Bruno. Du würdest mich aufs schwerste erzürnen ...«

Bruno schaffte sich durch ein Achselzucken Schweigen. »Lieber Vater,« bemerkte er nach einer kleinen Weile, »es ist wirklich komisch, daß du dich so um ein Nichts ereiferst. Ich weiß ja, daß Wilfried dein Liebling ist, und finde das auch sehr begreiflich. Aber ob ihr einander versteht ... Es steckt ein sehr wunderlicher Idealismus in ihm, den er wohl nur von der Mutter geerbt haben kann. Ich würde nicht überrascht sein, wenn er einmal Sprünge machte, die durchaus nicht nach deinem Herzen wären.«

»Ah – ah! Was redest du da? Ich kenne Wilfried wie mich selbst.«

Bruno lächelte ungläubig. »Übrigens ist er hier,« fuhr er fort, als der Papa sich eine Zigarre anzündete und den feinen Rauch abwechselnd aus dem rechten und linken Mundwinkel fortblies.

Nun hob dieser den Kopf. »Wilfried ist hier?«

»Jedenfalls schon seit gestern. Fritz Hohenburg hat ihn auf der Straße gesehen.«

»So, so, so ... Und geschlafen hat er hier nicht?«

»Vielleicht hat er uns überhaupt nicht wissen lassen wollen, daß er in der Stadt ist – vielleicht fuhr er schon wieder fort.«

»Ohne seinem alten Papa guten Tag gesagt zu haben? Sehr unwahrscheinlich. Es wäre das erste Mal ... Da ist er ja.«

Eben trat der Offizier ins Zimmer und wurde von dem alten Grafen mit stürmischer Lebhaftigkeit, von seinem Bruder mit gemessener Freundlichkeit begrüßt.

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