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Eduard Bauernfeld: Der Vater - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Schriften Band 4
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1837
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleDer Vater
pages55-56
created20060805
sendergerd.bouillon
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Dritter Act.

(Salon bei Berg, wie im ersten Act. Abendbeleuchtung.)

Erste Scene.

Berg (allein). Dann Emilie.

Berg (geht unruhig auf und ab). Diese Damen – Toiletten! Wie lange das dauert! – Der Erste! Der Letzte! Es will mir gar nicht aus dem Kopf –

Emilie (in Balltoilette aus ihrem Zimmer.) Ich bin fertig, Papa! Wie gefall' ich Dir?

Berg. Recht hübsch! – Die Erste, der Letzte! – Und die Cousine?

Emilie. Sofie ist noch in den Händen der Mamsell Agathe. – Aber die wird schön werden, Papa!

Berg. So? Wirklich?

Emilie. Wunderschön! – Und denke Dir, der närrische Baron Adler hat ihr ein Ballbouquet zugeschickt – auch mir – da sieh! Gar nicht übel, man kann's annehmen. Aber das andere ist dreimal so groß – und kostbar! Für die Herzensdame, natürlich!

Berg. Was Herzens –? Höre, Emilie! Du hast ja von dem Menschen einen Brief angenommen, den er der Cousine geschrieben?

Emilie. Vergib, Papa, wenn ich unrecht gethan. Aber Sofie hat das Billet mit Protest zurückgewiesen –

Berg. Wenn das ist –

Emilie. Aber es wird spät! Du könntest gleichfalls an's Ankleiden denken, Papa!

Berg. Ich bin ja – nur eine weiße Cravate, nur ein Frack –

Emilie. Und eine Blume – muß bitten! Wenn man noch ein Tänzer ist –

Berg. Wann kommt denn meine Frau Nichte heraus?

Emilie. In einer Viertelstunde etwa –

Berg. Gut. Ich bin gleich wieder da – (Ab.)

Zweite Scene.

Emilie (allein). Dann Eduard und Baron.

Emilie. Zwischen dem Papa und der Cousine ist's nicht ganz richtig! Sie spricht von ihm, er nur von ihr – wenn sie meine Mama würde? Merkwürdig wär's! Komisch wär's! Mir wär's am Ende recht –

Eduard (mit dem Baron Arm in Arm eintretend). Bruder, ich sage Dir –

Baron. Nur ruhig, Eduard! Da ist Deine Schwester. – Mein Fräulein, Ihr Herr Bruder war so gefällig, mich mit zu bringen –

Emilie. Sehr erfreut, Herr Baron –

Eduard (vom Wein erhitzt, geht auf und ab, wischt die Stirn). Ach, ach –

Emilie. Was hat der Bruder?

Baron. Theure Freundin! Ich höre, die Himmlische ist hier?

Emilie. Allerdings –

Baron. Sie nahm meinen Brief nicht an – mein altes Unglück! Aber sprach sie vielleicht von mir? Was sagte sie?

Emilie. Ich kann Ihnen leider keine gute Nachricht geben. Die Cousine ist sehr ungehalten auf Sie –

Baron. Ungehalten?

Emilie. Daß Sie Ihre Leidenschaft für sie zur Schau tragen.

Baron. Gut – ich will dulden und schweigen. Vielleicht läßt sie sich noch erweichen, vielleicht – ach, theure Freundin, für die ich schon jetzt die innigste Zuneigung fühle, erlauben Sie mir, Sie öfter zu besuchen, vor Ihnen zu weinen –

Emilie. Wenn Sie das erleichtert, so viel Sie wollen!

Eduard (hat sich an den Tisch gesetzt, den Kopf auf die Hand gestützt). Ach, Agathe!

Emilie. Bruder, bist Du krank?

Eduard (steht auf). Laß mich! Nein –

Emilie. Was fehlt Dir sonst?

Eduard. Nichts – Alles –

Emilie. Bist Du verrückt?

Eduard. Lache nicht!

Emilie. Willst Du etwa auch vor mir weinen?

Eduard. Was weißt Du, die immer Heitere, Kalte, Gleichgiltige –

Emilie Herr Bruder –

Eduard (umarmt den Baron). Freund, Du verstehst mich!

Baron. Ja wohl!

Und Alles schaut so grämlich trübe
Und grausverwirrt und morsch und kalt,
Und wäre nicht das Bischen Liebe,
So gäb' es nirgends einen Halt!

Ja, wir sind beide arme Dulder!

Emilie (für sich). Dulder? Narren seid Ihr! – Herr Baron, meinen Dank für das schöne Bouquet! Auch im Namen der Cousine – (Will fort.)

Baron. Einen Augenblick, Fräulein! Haben Sie eine Quadrille übrig? Oder einen Walzer?

Emilie. So viel Sie wollen!

Baron. Gleich die ersten Tänze also!

Emilie. Mit Vergnügen. Wenn ich nur tanze! Mit wem immer –

Baron. Holde Naivetät! – Und die Himmlische! Wenn ich den Cotillon ansprechen dürfte! Oder den Souperwalzer?

Emilie. Ich will's ihr sagen. – Soll ich Dich gleichfalls engagiren, Bruder?

Eduard. Mir ist just tanzerlich! – Ach, Agathe – (Rennt herum.)

Emilie. Er ist ausgewechselt! Seit dem neuen Frack und seit dem neuen guten Freunde da! (Ab.)

Dritte Scene.

Baron. Eduard.

Baron. Sie geht zu ihr! Zu der Himmlischen!

Eduard. Ach!

Baron. Ach!

Eduard. Bruder –

Baron. Nun, mein Freund?

Eduard. Wenn Du wüßtest – in mir stürmt es und braust es –

Baron. Das kommt vom Restaurant. Du bist den Geist des Weines noch nicht gewohnt, wie ich es bin –

Eduard. Nein, nein! Du ahnst nicht, Du weißt nicht, Du begreifst nicht –

Baron. Vielleicht doch!

»Teurer Freund, Du bist verliebt
Und Du willst es nicht bekennen,
Und ich seh' des Herzens Gluth
Schon durch Deine Weste brennen!«

Glücklicher, Du wirst bald unglücklich lieben, wie ich!

Eduard. Unglücklich? Ach, Agathe!

Baron. Kummer und Leiden, Schmerz und Entsagung stehen Dir bevor –

Eduard. Das wäre mir nicht lieb!

Baron. Warum nicht? Nur keine Liebe mit der Heiraths-Perspective! Ewiger Schmerz, nie gestillte Sehnsucht – das ist meine Passion. Die Ehe stört alle Illusion.

Eduard. Erst die Sehnsucht, dann die Ehe – so find' ich's passender!

Baron. Nur gewöhnliche Menschen sollten heirathen. Der echte Liebeskünstler verlangt nicht einmal die Nähe der Geliebten. Die Gegenwart hat immer etwas Absurdes, sagt schon Goethe.

Eduard. Das mag wohl sein. Ich komme mir wenigstens ziemlich absurd vor, wenn ich bei ihr bin – und fern von ihr, wo möglich noch absurder. – Ach, Agathe! – Kennst Du die Eifersucht, Bruder?

Baron. Da ich alle Schmerzen kenne –

Eduard. Sahst Du den langen, bärtigen Menschen, der am Hausthor stand, als wir eintraten?

Baron. Ich gab nicht Acht –

Eduard. Aber ich! Es ist derselbe, den ich mit ihr ein paarmal auf der Straße sah, im vertraulichen Gespräch, zur Zeit, als sie mir noch gleichgiltig war. Und nun steht er am Thor! Trabt auf und ab! Sie ist zur Schwester bestellt und er erwartet sie. Gewiß ein Nebenbuhler! Meinst Du nicht, Bruder?

Baron. Wohl möglich! Deine Geliebte ist ohne Zweifel für Dich verloren, wie die Himmlische für mich! Danke dem Himmel dafür!

Eduard. Wenn sie mir verloren ist? Dafür soll ich danken?

Baron. Gewiß! Denn dann ist das poetische Unglück fertig. Dann ist nichts als Nacht und Grauen à la Byron, à la Heine!

»Kennst Du das alte Liedchen,
Wie einst ein todter Knab'
Um Mitternacht die Geliebte
Zu sich geholt in's Grab?«

Eduard. Das paßt ja gar nicht auf mich! Ich bin ja kein todter, sondern ein lebender Knab'!

Baron. Ja, ja!

»Ich lebe und bin noch stärker,
Als alle Todten sind!«

Eduard. Stark! Das bin ich auch! Ihr sollt schon sehen –

Baron. Sehen!

»Nur einmal möcht' ich Dich sehen,
Und sinken vor Dir auf's Knie,
Und sterbend zu Dir sprechen:
Madame, ich liebe Sie!«

Eduard. Da kommt der Papa! Laß mich allein mit ihm.

Vierte Scene.

Vorige. Berg (in Balltoilette).

Berg. Sie ist noch nicht heraus –

Eduard. Papa, mein Freund, Baron Adler, den Du kennst –

Berg. Gehorsamer Diener!

Baron. Sie sind ein sehr glücklicher Vater, Herr Baron –

Berg. Ich bin mit meinen Kindern zufrieden.

Baron. Eduard ist ein Sohn der Natur, voll Kraft, Gesundheit, Lebensfrische. Fräulein Emilie –

Berg. Ein ganz gewöhnliches gutes Mädchen!

Baron. Die anspruchloseste Naivetät! Sie hat mir den ersten Walzer zugesagt –

Berg. So? Freut mich! (Für sich.) Wo bleibt nur Sofie?

Eduard. Dort ist mein Zimmer, Bruder, geh' hinein, erwarte mich –

Baron. Im Augenblick! Ich will nur ein wenig Balltoilette anlegen. Erinnere Deine Schwester an den Walzer. – Ach, es ist eine schauerlich-süße Lust, mit einer Brust voll tiefen Weh's an dem Arme einer mitfühlenden Freundin durch die bunten Reihen zu fliegen! Der helle Saal, das Dunkel im Innern, die laute Freude, der stille Gram, die Straußischen Walzer, die schmerzlichen Erinnerungen, Eis und Seufzer, Limonade und Thränen – Alles mischt und mengt sich durcheinander – das schimmert und flimmert, das saust und braust, das weint und lacht – das ist tiefe, echte, große Heine'sche Lebensironie! Leb' wohl, Bruder! –

»Wenn Du eine Rose schaust,
Sag', ich laß sie grüßen.«

(Ab.)

Fünfte Scene.

Berg. Eduard.

Berg. Mein Sohn, lerne an Deinem Freunde, daß man Geist haben und doch ein Narr sein kann. – Aber was fehlt Dir? Du scheinst aufgeregt?

Eduard. Ich hab' ein Seelenleiden! –Vater! Ich liebe!

Berg. So? (Für sich.) Das wissen wir schon!

Eduard. Du sagtest mir unlängst, ich sollte mir eine Frau suchen, ich habe sie gefunden.

Berg. Eine Frau? Oho!

Eduard. Es ist Agathe, die Putzmacherin meiner Schwester.

Berg. Bist Du verrückt? Ich glaube, er hat getrunken!

Eduard. Ich weiß Alles, Papa. Ich habe Dein letztes Gespräch mit Agathen belauscht. Du selbst brachtest die Pulvertonne an's Feuer. Nun fliegt sie auf.

Berg. Aha! Ich verstehe! Du bist beleidigt über den Scherz, den ich mir mit Dir erlaubte. Du willst mir bange machen.

Eduard. Nein, Vater. Ich habe Alles überdacht. Mein Vorsatz steht fest. Agathe wird meine Frau. – Du lachst?

Berg. Ueber Deine Gutmüthigkeit, Deine Leichtgläubigkeit. Du weißt, daß Agathe nur in meinem Auftrag handelte, und doch –

Eduard. Ich bin meiner Sache gewiß. Anfangs trieb sie ihr Spiel mit mir, jetzt liebt sie mich wirklich. Sie wird meine Hand annehmen.

Berg. Annehmen! Eine Modistin! Das Völkchen nimmt Alles.

Eduard. Du hast mich selbst gelehrt, mein Vater, gewisse Vorurtheile zu verachten –

Berg. Allerdings, aber eine Putzmacherin –

Eduard. Sie ist ein Bürgermädchen, ein gebildetes, liebenswürdiges Frauenzimmer. Du sagtest heute noch: Fräulein oder Bürgermädchen gilt gleich –

Berg. Das war eine oratorische Figur, eine Redensart, aus der Luft gegriffen, die heutzutage mit solchen Sätzen angefüllt ist. Wenn ich sagte: Bürgermädchen, so waren die Putzmacherinnen stillschweigend ausgenommen. Agathe meine Schwiegertochter! Nein, nein, es geht nicht, es geht nicht!

Eduard (lächelnd). Lieber Vater, vergib, aber die Schwäche Deiner Einwendungen bestärkt mich in meiner Gesinnung. Unsere Ansichten mögen verschieden sein, allein die meinige hat die Billigung des Jahrhunderts.

Berg. Wozu dieser Streit? Genug, ich geb' es nicht zu!

Eduard. Wie sehr schmerzt es mich, Dich zu betrüben! Aber auch darauf mußt' ich gefaßt sein. Ich erwarte meine Majorennität, trete das Erbtheil meiner Mutter an, und entsage allen Ansprüchen auf Deine Unterstützung.

Berg. Zum letztenmal warn' ich Dich –

Eduard. Es ist zu spät! Die Bande, die mich an Agathe knüpfen, sind unauflöslich.

Berg. Bande? Ich will nicht hoffen –

Eduard. Meine Besuche – ihr guter Namen könnte darunter leiden –

Berg. Wenn es sonst nichts ist – das war meine Schuld – laß die Sache mir über, lieber Sohn! Ich will Alles wieder gut machen.

Eduard. Womit? Mit Geld? Nein, mein Vater. Meine Verbindung ist beschlossen. Ich gehe, Agathen meinen Entschluß mitzutheilen.

Berg. So weiß sie noch nicht –?

Eduard. Kein Wort.

Berg. Hm! Geh' nur!

Eduard. Ich soll – ich darf?

Berg. Immerhin! Sie wird Dich auslachen.

Eduard (gekränkt). Papa –

Berg. Glaube mir! Sie lacht Dich aus.

Eduard. Die Ehrfurcht, die ich meinem Vater schuldig bin, hindert mich, dies als eine Beleidigung anzunehmen. Von Auslachen kann keine Rede sein. Unser Verhältniß ist viel zu zart, zu innig. Ich gehe, ihr meine Hand anzutragen. Wir werden sehen, Papa, ob sie mich auslacht – (Ab.)

Sechste Scene.

Berg (allein). Dann Sofie.

Berg. Teufelsjunge! Wer konnte denken, daß der Klotz gleich brennen würde! Zum Glück kann ich mich auf Agathen verlassen. Ich will aber doch mit dem Mädchen sprechen, zur Vorsicht. – Er sucht sie dort und sie ist hier! Der vergebliche Gang wird ihn abkühlen. – Es scheint übrigens hohe Zeit, dem jungen Menschen eine Frau zu geben! Meine Pädagogik verleitet ihn sonst zu den tollsten Streichen. – Da drinnen rührt sich nichts. (Klopft an.) Seid Ihr bald fertig, Kinder?

Sofie (kommt heraus, spricht zurück). Beruhige Dich nur! Verlaß Dich auf Agathe! (Tritt vor.) Lieber Onkel –

Berg. Die Sonne geht auf! Eine wahre Ballgöttin! Nichtchen, Sie sehen aus – (Küßt seinen Finger.) zum Entzücken!

Sofie. Bald wäre aus dem ganzen Ball nichts geworden –

Berg. Warum? Wie denn das?

Sofie. Unsere ruschlige Emilie! Sie tanzte mit sich selbst in dem kleinen Boudoir herum, blieb an einer Tischecke hängen – das Ballkleid bekam einen Riß – sie schwamm gleich in Thränen. Aber die pfiffige Agathe weiß für Alles Rath! Sie und die Nähmamsell flicken an ihr –

Berg. Nein, was Einem diese Kinder zu schaffen machen! Dieser Eduard nun gar! (Guten Humors.) Nun ist kein Erbarmen, Sofiechen! Sie müssen seine Frau werden, sonst heirathet er uns die hübsche Putzmacherin vom Fleck weg!

Sofie. Was? Der Pedant? Er ist in Agathe verliebt?

Berg. Und wie! Völlig Heinisch! Wie der Baron in Sie! – Schließen wir wieder Freundschaft?

Sofie. Waren wir denn Feinde?

Berg. Sie hatten mich vorhin im Aerger verlassen –

Sofie. Vergeben Sie mir! Ich war übler Laune – aber ich will es nicht wieder sein.

Berg. Sie hatten ein Recht dazu. Ihnen Eduards Hand anzutragen! Jetzt kommt mir das recht lächerlich vor –

Sofie. Nun sehen Sie –

Berg. Das Project war thöricht! Aber ich hatte es in der besten Absicht ausgeheckt. Ich hatte mich getäuscht – nur aus Freundschaft, aus Theilnahme für Sie.

Sofie. Sie beschämen mich, lieber Onkel Adolf! Sie kamen mir mit so wohlwollender Gesinnung entgegen, und ich erwiderte kalt, rauh, ja unhöflich. –

Berg. Das war recht, ganz recht! Es geht nichts über eine Unhöflichkeit zu rechter Zeit. Da nähern wir uns wieder dem Naturzustande, und reden, wie es uns um's Herz ist. Ich habe mir jedes Ihrer Worte gemerkt. Sie sagten, ich sei der Letzte, dem Sie sich anvertrauen möchten.

Sofie. Das heißt – ich meinte –

Berg. Der Letzte, weil ich nicht der Erste sein will!

Sofie. Hab' ich das gesagt?

Berg. Ja. Aber wenn ich nun der Erste sein wollte! Der Erste und der Letzte! Darf ich es sein?

Sofie (nach kleiner Pause). Bleiben Sie, was Sie waren: mein Freund, und die Unbefangenheit, die Gemüthlichkeit des Umgangs, die sich in der letzten Zeit verlor, wird sich zwischen uns wieder einfinden.

Berg. Hm! Das wäre etwas. Aber noch nicht genug! Ich bin in dieser letzten Zeit ein anderer Mensch geworden. Wie uns oft Ein Augenblick über uns selbst aufklärt! Die Quelle rauscht lange verborgen im Schoß der Erde und sprudelt plötzlich an unerwarteter Stelle hervor. Ach, es ist nur zu gewiß: ich wollte den zärtlichen Vater spielen, aber ich bin an die Liebhaberrollen gewöhnt. – Sie lächeln, Sofie? Wahrhaftig, ich spreche ernsthaft! Eine Empfindung macht sich Bahn, die stärker ist, inniger, wärmer, als sie sich auszudrücken vermag, die lange unbewußt in meinem Herzen schlief –

Sofie. Was sagen Sie da?

Berg. Etwas sehr Lächerliches, wenn Sie es nicht ernsthaft finden! So mancher kleine Zug ließ mich hoffen, daß etwas Aehnliches in Ihrem Innern vorgegangen. – Aber Sie schweigen? Ist es nicht so? Hab' ich mich getäuscht?

Sofie. Ich bin überrascht – verwirrt – lassen Sie mir Zeit, mich zu sammeln –

Berg. Das heißt vermuthlich: Nein?

Sofie. Und – jene Flora?

Berg. Eine kleine Verirrung, eine Phantasie, ein Roman, kaum ein Roman! Jedenfalls der letzte! Ist das unverzeihlich?

Sofie. Wenn man Euch trauen dürfte –

Berg (ergreift ihre Hand feurig). Sie dürfen, Sofie! Bei Gott, Du darfst –

Siebente Scene.

Vorige. Emilie. Eduard (von verschiedenen Seiten).

Emilie. Papa –

Eduard. Papa –

Sofie. Die Kinder!

Berg. Die verwünschten Kinder! – Was gibt's? Was wollt Ihr denn?

Emilie. Papa, mein Kleid ist zerrissen –

Berg. Soll ich's wieder ganz machen?

Eduard. Ich fand sie nicht zu Hause, Papa –

Berg. Soll ich sie Dir in's Haus bringen?

Emilie. Ein zusammengestoppeltes Ballkleid! 's ist entsetzlich! Merkt man was, Papa?

Eduard. Ist sie hier, Papa?

Berg. Nein, man merkt nichts! Ja, sie ist hier! – Und jetzt macht, daß Ihr weiter kommt! Ich habe mit Eurer Cousine zu sprechen –

Emilie. Mit Dir?

Berg. Mit wem sonst? Mit Niemandem sonst –

Sofie. Ruhig, mein Freund! Sie verrathen sich –

Achte Scene.

Vorige. Agathe.

Agathe. Eh bien, mes dames! Ma besogne est faite –

Eduard (eilt auf sie zu). Agathe –

Agathe (abwehrend). Ah, Monsieur –

Emilie. Man merkt nichts von dem Riß, Mademoiselle Agathe?

Agathe. Wo war's denn, Fräulein?

Emilie. Ich glaube, hier –

Agathe. Vous vous trompez! Hier –

Emilie (erfreut). Mau merkt also nichts?

Agathe. Rien de tout! Sie sehen aus wie aus dem Schächtelchen! Vous êtes fraîche comme une rose, Mademoiselle! – Die Damen brauchen mich nicht mehr?

Berg. Halt, Mademoiselle! Ich hab' ein Wort mit Ihnen zu sprechen –

Eduard. Auch ich, Papa! Auch ich –

Sofie. Wir rüsten uns inzwischen völlig, mit Ballbouquet, Fächer und Handschuhen und den gestickten Sacktüchern de rigueur –

Berg (heimlich). Liebste, theuerste Sofie! Sie haben den Roman verziehen?

Sofie (legt den Finger an den Mund). Ja doch! – St! – Komm', Emilie, komm'!

Berg (für sich). Ich bin geliebt! Nun weiß ich's –

Emilie (im Abgehen). Hier war der Riß! Wenn ich's nicht selber wüßte –! Weil man nur nichts merkt, Sofie – (Mit Sofie ab.)

Berg (für sich). Ja, ja, ich bin geliebt –

Eduard. Papa – Agathe –

Berg. Was gibt's? – Ja so! – Nach mir, mein Sohn! Geh' auf Dein Zimmer. Dein Freund wird Langeweile haben –

Eduard (im Abgehen). Der Bart steht noch unten! Gleichviel, ich geb' sie nicht auf – (Ab.)

Neunte Scene.

Berg. Agathe.

Berg. Zwei Worte, Mademoiselle! Was ist das mit meinem Sohn? Sie haben dem jungen Menschen den Kopf verrückt, setzen Sie ihn wieder zurecht.

Agathe. Pardon, Herr Baron! Aber das geht nicht so geschwind –

Berg. Doch, doch! Wenn Sie ihm sagen, daß Sie nur Ihr Spiel mit ihm getrieben, daß Sie gar nichts für ihn empfinden –

Agathe. Das kann ich ihm leider nicht sagen.

Berg. Nicht? Und warum nicht?

Agathe. Weil ich das Unglück hatte, mich in ihn zu verlieben –

Berg. Verlieben? Das heißt in Ihrer Sprache –?

Agathe. In unserer Sprache, Herr Baron? Ich denke, die vornehme und niedere Welt haben darin denselben Sprachgebrauch.

Berg. Nicht so ganz! Ich durchschaue Ihre Absichten. Ich weiß, worauf Sie pochen. Es thut mir leid, daß ich es sagen muß: ich habe mich in Ihnen getäuscht, Mademoiselle. Aber vernehmen Sie meinen unabänderlichen Entschluß, den auch Eduard bereits kennt: ich werde niemals zugeben, daß mein Sohn die unbesonnenste Handlung seines Lebens begehe, es sei denn um den Preis, niemals wieder vor die Augen seines Vaters zu kommen!

Agathe. Unbesonnen? Er will mich heirathen!

Berg. Denken Sie! Der junge Thor!

Agathe. Wär's denn gar so thöricht?

Berg. Himmelschreiend! – Liebes Kind, Sie sind so verständig, so besonnen – bedenken Sie die Verhältnisse – öffnen Sie dem jungen Menschen die Augen. Ich bitte Sie darum als Vater, als gütiger, zärtlicher Vater. – (Sieht auf die Uhr am Kamin). Gleich zehn Uhr! – Als Vater, der unablässig nur mit dem Wohl seiner Kinder – (Bedienter kommt.) Schon angespannt? Wir kommen gleich! – Mit dem Wohl seiner Kinder beschäftigt – denken Sie an das Wohl meiner Kinder! – (Oeffnet die Seitenthür.) Darf man eintreten?.– An das Wohl meiner Kinder! – Der Wagen ist da – (Ab.)

Zehnte Scene.

Agathe (allein). Dann Eduard.

Agathe. So sind die vornehmen Leute! Und das ist noch Einer von den Besten. Wie zuvorkommend, wie herablassend, wenn sie uns brauchen! »Theurer Freund – liebes Herz – beste Freundin –« Da sind wir ganz ihres Gleichen. Ist die Zeit vorüber, wo wir Dienste leisten können, dann werfen sie uns weg wie ausgepreßte Citronen.

Eduard (tritt ein). Agathe! Der Papa ist fort?

Agathe. Ist's wahr? Sie wollen mich heirathen?

Eduard. Ja, ich will's! – Er sagte es Ihnen? Was sagte er?

Agathe. Daß er dagegen ist, totalement dagegen! Sie sollen ihm nicht mehr vor die Augen –

Eduard. Thäte mir leid, wahrhaftig leid! – Aber er kann's doch nicht hindern. Ich warte, bis ich majorenn bin –

Agathe. Wann ist das?

Eduard. In dritthalb Jahren.

Agathe. Und so lange soll ich warten?

Eduard. Wenn Sie mich lieben. –

Agathe. Lieben Sie mich?

Eduard. Wie können Sie zweifeln?

Agathe. Nun gut! Entführen Sie mich –

Eduard. Ich soll –?

Agathe. Erschreckt Sie das? Wer denn sonst?

Eduard. Ich soll Sie entführen?

Agathe. Oder ich Sie? Wie Sie's wollen. Dann heirathen wir insgeheim –

Eduard. Und der Papa –

Agathe. Sie fürchten sich vor dem Papa? Was sind Sie für ein erbärmlicher Liebhaber! Vous faussez la passion!

Eduard. Aber eine Entführung! Da braucht's ja auch Pässe und sehr viel baares Geld –

Agathe. Quelle circonspection d'amoureux! Sie denken an Alles! Erst soll ich dritthalb Jahre warten, und nun fehlt das Geld –

Eduard. Aber Liebste, Beste, soll ich Sie in's Verderben stürzen? Gerade weil ich Sie liebe, darf ich nicht voreilig handeln –

Agathe. So leben Sie wohl – pour toujours!

Eduard. Nein, bleiben Sie, Agathe! – Wollen Sie die Meine werden? Früher oder später, darauf kommt's nicht an! – Wollen Sie's oder nicht?

Agathe. Und wenn ich's wollte?

Eduard. Dann schwör' ich Ihnen einstweilen Treue und ewige Liebe!

Agathe. C'est toujours quelque chose! – Mais le mariage!

Eduard (mit Emphase). Ich heirathe Sie, sobald es mir immer möglich ist! Das schwöre ich Ihnen zu – hier auf meinen Knieen!

Eilfte Scene.

Vorige. Berg.

Berg (tritt bei den letzten Worten ein, spricht zurück). Einen Augenblick, Kinder!

Eduard. Der Papa – (Will aufstehen.)

Agathe (duckt ihn nieder). Restez toujours!

Berg. Was soll das? Steh' auf!

Agathe (wie oben.). À genoux, jeune homme! (Zu Berg.) Regardez, Monsieur! J'ai gagné mon pari!

Berg (erleichtert). Sie wollten nicht Ernst machen? Nur die Wette gewinnen?

Eduard. Eine Wette?

Agathe (duckt ihn). À genoux! Bekomm' ich die versprochene Ausstattung?

Berg. Wie wir's ausgemacht! Sobald sich ein Bräutigam findet –

Agathe. Der hat sich gefunden!

Eduard (springt auf.) Was? Ihr habt auf mich gewettet? Und ein Bräutigam?

Agathe. Ach ja, junger Herr!

Eduard. Wohl gar der bärtige Mensch, der unten am Thor steht?

Agathe. C'est mon sappeur! On attend après moi? J'y cours, j'y cours –

Eduard. Abscheulich! Mich so zu täuschen!

Agathe (im Gehen, kehrt zurück). Zu Ihrem eigenen Besten, junger Mensch! – Er ist jetzt bereit, eine Gemahlin aus des Papa Händen zu empfangen – vielleicht jene reizende Witwe da drinnen –

Berg (rasch). Nein, nein, Eduard ist zu jung, er kann noch warten –

Eduard. Das mein' ich selbst!

Agathe. So lassen Sie uns denn als gute Freunde scheiden! Die Hand zur Versöhnung! Geschwind! Touchez là! C'est bien! – Aber noch Eins! Begegnet Ihnen in Zukunft wieder ein hübsches und artiges Mädchen, so sehen Sie sie ja nicht über die Achsel an, sondern grüßen sein höflich zuerst, wenn's auch nur eine Putzmacherin ist. Denn sehen Sie, junger Herr, groß oder klein, vornehm oder gering, Fräulein oder Näherin – così fan tutte! (Ab.)

Eduard. Gehorsamer Diener! Bedanke mich für die Lection –

Zwölfte Scene.

Vorige. Emilie und Sofie. Später der Baron.

Emilie. Fahren wir endlich, Papa? Der erste Walzer ist wohl schon versäumt –

Berg. Einen Augenblick, Kinderchen! (Heimlich zu Sofie.) Sind wir einig? (Sofie bejaht.) So hört denn –

Baron (tritt ein). Ist's erlaubt?

Berg. Der Blasse!

Baron (zu Sofie). Gnädige Frau, ich komme, um aus Ihrem Munde die Bestätigung des ersten Cotillons zu vernehmen.

Berg. Ich garantire den Cotillon, Herr Baron. Aber wissen Sie, mit wem Sie tanzen? Mit einer Braut.

Baron. Braut?

Emilie. Braut?

Eduard (verblüfft). Also doch –

Baron. Braut? Also wirklich? – O Lebens-Ironie! (Zu Sofie, mit Anstand.)

»Glaub' nicht, daß ich mich erschieße,
Wie schlimm auch die Sachen steh'n;
Das Alles, meine Süße,
Ist mir schon öfter gescheh'n!«

Berg (reicht Sofie die Hand). Theuerste Sofie!

Emilie. Was? Der Papa?

Sofie. Lieber Adolf –

Eduard. Was ist das?

Berg. Ein Lustspiel auf eine neue Manier: die Kinder bleiben ledig und der Vater heirathet.

 

 

Anmerkung zu »Der Vater«.

Den Grundstoff zu diesem Lustspiel bot mir Eduard von Bülow's »Novellenbuch«. Der fleißige Sammler brachte darin aus Retif de la Bretonne's »Contemporains« die Erzählung: »La fille entretenue«, unter dem Titel: »Die unüberlegte Vorsicht«. – Dort machen der junge Mensch und die Putzmacherin Ernst aus der Sache, verlieben sich in einander, bekommen auch Kinder, und der vornehme Vater muß schließlich »bonne mine« machen und die Leutchen einander heirathen lassen. – Derlei durfte ich dem keuschen Burgtheater (besonders damals, im Jahre 1837) nicht zumuthen; ich änderte daher den Gang des Stückes und schlüpfte über das Schlüpferige und social Bedenkliche leicht hinweg. Aber auch in dieser Verwässerung erschien die Fabel in jenen unschuldigen Tagen, die noch nichts von Dumas fils und Sardou wußten, viel zu »frivol«. Sogar die Schauspielerin, welcher die Rolle der Putzmacherin anheim gefallen war, ging mit einigem Bedenken an ihre Aufgabe, in der Besorgniß, die Darstellung eines so zweideutigen weiblichen Charakters könnte ihrem guten Rufe im Privatleben schaden. Auch mein sittenstrenger Freund Lenau nahm das »leichtsinnige« Lustspiel nicht ohne Kopfschütteln auf, und ich fühlte mich sogar veranlaßt, zu meiner Vertheidigung eine dramatische »Kritik« des Vaters in der Modezeitung abdrucken zu lassen. – Der »Vater« wurde von Korn gespielt, der »Sohn« von Fichtner, der in der Folge (neben seinem Sohne als »Sohn«) die Vater-Rolle übernahm. Nach seinem Abgange von der Bühne lag das Lustspiel brach. Im Winter 1870 brachte ich das nicht ungern gesehene Stück, aus vier Acten in drei zusammen gezogen, mit Sonnenthal, Auguste Baudius und den Hartman's neuerdings auf die Bretter, wo es, bei dem trefflichen Zusammenspiel, lebhaften Anklang fand.

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