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Der Unsterbliche

Alphonse Daudet: Der Unsterbliche - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorAlphonse Daudet
titleDer Unsterbliche
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 3
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1888
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid571cb87a
created20061028
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Sechstes Kapitel

Sie schlief nicht in dieser Nacht, die entsetzliche Summe bohrte und wühlte in ihrem Gehirn wie ein scharfes Messer. Zwanzigtausend Franken! Zwanzigtausend Franken! Wo sie finden? An wen sich wenden? Und die Frist so kurz! Namen, Zahlen huschten blitzartig an dem Plafond, den das Nachtlicht mit seinem bläulichen Scheine erhellt, dahin, um sofort wieder zu verschwinden und andern Namen, andern Gesichtern Platz zu machen, die ebenso rasch wieder verblaßten. Freydet? Den hatte sie soeben benutzt. . . . Samy? Hatte keinen Heller, ehe die Heirat zustande gebracht war. . . . Ja, und dann? Kann man denn zwanzigtausend Franken entlehnen? Leiht irgend jemand zwanzigtausend Franken? Ein Dichter aus der Provinz möglicherweise. . . . In Paris, in der »Gesellschaft« spielt das Geld nur eine sehr geheimnisvolle, unterirdische Rolle. . . . Man nimmt an, daß jeder welches hat, daß man wie in den vornehmen Komödien über die Niedrigkeit solcher Sorgen erhaben ist; diese Pflicht des Anstands nicht zu erfüllen, hieße sich selbst von der Gesellschaft ausschließen.

Und während Frau Astier in fieberhafter Aufregung ihren Gedanken nachhing, hob und senkte sich der gewölbte Rücken ihres Mannes unter seinen regelmäßigen Atemzügen. Dreißig Jahre teilten sie denselben Raum und nichts war ihnen gemeinsam als das Bettuch, aber noch niemals hatte der Gleichmut ihres regungslosen Genossen sie so im Innersten empört, rasend gemacht. Ihn wecken, wozu? Ihm sagen, welche Gefahr über dem Haupt ihres Kindes schwebte, welche Drohung ihr Sohn ausgestoßen? Sie wußte ja nur zu gut, daß er nicht daran glauben, es kaum der Mühe wert finden würde, das Schilderhaus seines Rückens, hinter dem er sich immer verschanzte, umzuwenden. Einen Augenblick durchzuckte sie das Verlangen, über ihn herzufallen, ihn mit Faustschlägen, mit den Krallen zu bearbeiten und diesen Egoisten mit dem Rufe: »Dein Archiv brennt!« aus diesem selbstsüchtigen Schlafe zu reißen. Und als der Gedanke an dies Archiv ihr durch den Sinn fuhr, hätte wenig gefehlt, so wäre sie selbst aus dem Bett gestürzt. Gefunden, gefunden, die zwanzigtausend Franken! Da oben lagen sie, in dem Schreibtische! . . . Wie war es nur möglich gewesen, daß sie nicht längst daran gedacht? . . . Bis zum Tagesanbruch, bis zum letzten Aufzucken und Verglimmen des Nachtlichtes überlegte sie ihren Plan; ruhig geworden, regungslos, mit dem gierigen Blick einer Diebin in den weitgeöffneten Augen, lag sie da.

Schon in aller Frühe war sie angekleidet und trieb sich rastlos im Hause umher, ihren Mann, der im Sinne gehabt, morgens auszugehen, sich dann aber anders entschlossen hatte und bis zum Frühstück an seinen Manuskripten ordnete, keine Minute außer Auge lassend. Mit Papieren beladen ging Léonard, wohlgelaunt und vor sich hinträllernd, zwischen dem Hängeboden und seinem Arbeitszimmer hin und her; er war viel zu dickhäutig, um die nervöse Unruhe, welche die Atmosphäre der engen Wohnung erfüllte, die sich jedem Stück Hausrat mitteilte, Thürklinken und Fenster ins Zittern brachte, zu fühlen. So schweigsam und ruhig er bei seiner Arbeit gewesen war, so gesprächig war er bei Tische, erzählte die dümmsten Geschichten, die sie alle auswendig kannte und die ebensowenig ein Ende nahmen, wie das Zerbröckeln des unvermeidlichen Auvergner Käse mit der Spitze des Dessertmessers, und jedesmal nahm er sich noch ein Stückchen Käse und jedesmal holte er noch eine Anekdote aus seiner Vorratskammer. Und wie qualvoll war die Langsamkeit, mit der er sich zu einer Sitzung des Institutes fertig machte, obwohl vor derselben noch die Kommission für das Wörterbuch tagte, welche Zeit er für die geringsten Kleinigkeiten verschwendete, trotzdem sie alles that, um ihn zur Eile zu drängen, ihn hinauszuschieben!

Als er um die Ecke der Rue de Beaune war, lief sie, ohne auch nur das Fenster vorher zu schließen, an Corentines Schieberchen: »Rasch, einen Wagen!«

Und jetzt endlich allein, flog sie die kleine Treppe zu dem schwebenden Archiv hinauf.

Gebückten Hauptes, um nicht mit der Decke in unliebsame Berührung zu geraten, versuchte sie einen kleinen Bund Schlüssel an dem gemeinsamen Schlosse der verschiedenen Einzelfächer des Schreibtisches. Es ging nicht, die Zeit drängte und sie versuchte einfach eine der Leisten zu sprengen, allein ihre Kraft reichte nicht aus, sie zersplitterte sich die Nägel und ihre Hände zitterten. Sie mußte einen Hebel, irgend ein Instrument haben, suchend blickte sie umher, riß aufs Geratewohl die Schublade des Spieltisches auf und – da lagen die drei Briefe, die sie suchte, die drei Briefe Karl V., vergilbt und zerknittert wie sie waren, vor ihren Augen. Es geschehen noch Wunder! . . . Sich bis zur Mitte des tiefliegenden Fensterchens herabbeugend, vergewisserte sie sich, daß es die richtigen waren. »An François Rabelais, Meister in allen Wissenschaften und Künsten.« Mehr las sie nicht; sie rannte sich den Kopf fürchterlich an die Decke, als sie sich hastig aufrichtete, fühlte aber erst, als sie schon in der Droschke saß, die sie zu Bos bringen sollte, etwas davon.

Am Eingang in die Rue de l'Abbaye verließ sie ihren Wagen: die Straße war kurz und ruhig, im Schatten von Saint Germain des Prés geborgen; vor den roten Backsteinbauten der älteren Teile des chirurgischen Institutes hielten ein paar elegante Coupés mit der glänzenden Livree der Herren Professoren. Wenige Menschen waren zu erblicken: ihr Schritt scheuchte die Tauben auf, welche ihre Körnchen sogar vom Trottoir wegpickten: sie stand an ihrem Ziele. Der Laden, der halb Buchhandlung, halb Kuriositätengeschäft war, entfaltete gerade dem Institut gegenüber sein archaistisches Wahrzeichen, das in diesem verborgenen Winkel des alten Paris so wohl an seinem Platz: »Bos, Zögling der Archivistenschule.«

In dieser Auslage war so ziemlich von allem etwas: vergilbte Manuskripte, Hauptbücher mit halbverschimmelten Rändern, alte Meßbücher, die einst vergoldet gewesen, Buchklammern, Bücherhülsen, dann, an die hohen Scheiben angeklebt, Assignate, alte Maueranschläge, Pläne von Paris, Klagschriften, blutbefleckte Tagesbefehle an Wachtposten, Autographe jeder Art, ein Gedicht von Frau Lafargue, zwei Briefe von Chateaubriand an den Schuhmacher Pertuzé: Einladungskarten mit alten und neuen Berühmtheiten darunter, zuweilen auch Bettelbriefe, jammervolle Geständnisse von Not und Elend und vertrauliches Liebesgeplauder, so daß einem das Schreiben für alle Zeit entleidet werden konnte. An jedes Autograph war der Verkaufspreis angeheftet, und Frau Astier, die eine Weile vor dem Schaufenster stehen blieb, konnte neben einem mit dreihundert Franken ausgezeichneten Brief der Rachel, ein Billet von Astier-Réhu an seinen Verleger Petit Séquard erblicken, welches auf zweihundertfünfzig Franken taxiert war. Aber nicht darauf richtete sie ihre forschenden Blicke, was sie hinter dem grünseidenen Vorhängchen, welches das Innere des Ladens verbarg, zu erspähen suchte, war das Profil des »Zöglings der Archivistenschule«, des Mannes, mit dem sie es zu thun haben würde. Eine furchtbare Möglichkeit stieg plötzlich vor ihr auf: Wenn er nicht zu Hause wäre!

Der Gedanke, daß Paul sie erwarte, drängte zum Handeln, sie öffnete die Thür und trat in die tiefe Dunkelheit, in den stauberfüllten Innenraum des Ladens, und nachdem man sie sofort in ein noch weiter hinten gelegenes Privatkabinett geführt, fing sie an, dem Herrn Bos, einem großen, breiten Manne mit rotem Gesicht, zerzaustem Haar und dem Kopfe eines Volksredner, ihre augenblickliche Verlegenheit zu erklären und ihm auseinanderzusetzen, daß ihr Mann sich nicht habe entschließen können, selbst zu kommen. Er ließ ihr nicht Zeit, ihre Erfindungskraft voll zu entfalten: »Ach bitte, bitte, gnädige Frau!« Und rasch ein Check auf die Lyoner Bank, Bücklinge, schöne Redensarten und persönliche Begleitung bis an ihre Droschke.

»Wirklich eine vornehme Dame,« dachte er, hocherfreut über seinen Kauf, und sie sagte, als sie den im Handschuh geborgenen Check hervorzog, um die beglückende Zahl noch einmal zu lesen, halblaut vor sich hin: »Wirklich ein netter Mann!« Uebrigens war von Gewissensbissen, von jenem Unbehagen, das der bösen That nach der Vollbringung folgt, nicht die Rede: die Frauen kennen dergleichen nicht! Ganz von dem Bedürfnis des Augenblicks erfüllt, hat ihnen die Natur Scheuleder verliehen, die sie an allem Seitwärtsblicken verhindern und ihnen all die Reflexionen ersparen, mit denen sich der Mann seine entscheidenden Handlungen verdüstert. Von Zeit zu Zeit dachte sie wohl an den Zorn ihres Gatten, wenn er den Diebstahl entdecken und feststellen werde, allein das schwebte ihr nur undeutlich, in weiter Ferne vor, vielleicht war es ihr insgeheim eine Genugthuung, zu allem, was sie seit gestern innerlich erlebt und gelitten, auch noch diese Prüfung hinzu rechnen zu dürfen. »Auch das noch für mein Kind . . . meinem Sohne zuliebe.«

Denn unter ihrer ruhigen Außenseite, unter der Schale der akademischen Weltdame lebte bei ihr, was bei allen lebt, Weltdame oder nicht, die Leidenschaft. Der Gatte findet es nicht immer, dies Pedal, welches die weibliche Klaviatur in Bewegung setzt, auch der Liebhaber tritt häufig daneben, der Sohn nie. In dem traurigen Roman ohne Liebe, den das Dasein so vieler Frauen aufweist, ist er der Held, spielt er die große, einzige Rolle. Ihr Paul war es, dem Frau Astier, zumal seit er ein Mann geworden, die einzigen wahren Gemütsbewegungen ihres Lebens dankte, jene köstliche Angst der Erwartung, das Erblassen, Frieren, das Glühen und Prickeln der inneren Handfläche, jenes übernatürliche Erkennungsvermögen, welches, lange ehe der Wagen anhält, zur unfehlbaren Gewißheit macht: »Er ist's,« alle diese Erregungen, die ihr auch in dem ersten Jahre ihrer Ehe, selbst in der Zeit, als die Welt sie der Leichtfertigkeit anklagte und Léonard Astier harmlos zu äußern pflegte: »Sonderbar . . . ich rauche doch niemals und alle die Schleierchen meiner Frau riechen nach Tabak . . .« fremd geblieben waren.

Ach, die wahnsinnige Unruhe, die über sie kam, als sie die Rue Fortuny erreicht hatte und der erste Druck auf die Klingel unbeantwortet blieb! Das vielbewunderte kleine Haus im Stil Ludwig XII., wie entsetzlich düster erschien es ihr nicht auf einmal, als es so vor ihr lag, stumm und verschlossen unter dem hohen zinngedeckten Dache, und nicht minder düster das damit verbundene, ebenfalls von Stil strotzende Gebäude, dessen beide oberen Etagen hinter den Fenstern große Plakate mit: »Zu vermieten . . . Zu vermieten . . .« zeigten. Beim zweiten Druck auf die Klingel, welche diesmal schrill und lange im ganzen Hause widerhallte, ließ sich endlich der Hitzkopf Stenne, ein kleiner Diener in großer Gala, eingezwängt in die himmelblaue Livree, blicken, und zwar stotterte derselbe mit ziemlich verlegener Miene seine Antworten her: »Allerdings sei Herr Paul zu Hause . . . nur, daß . . . ja, nur . . .« Die unglückliche Mutter, vor welcher seit gestern abend unablässig das Schreckgespenst einer Gewaltthat stand, sah ihren Sohn in seinem Blute schwimmen, und den Vorsaal durcheilend, stieg sie drei Stufen zu seinem Salon-Atelier hinauf, das sie nach Atem ringend erreichte und betrat.

Paul war an der Arbeit. Er stand aufrecht an einem hohen Tische in der tiefen Fensternische mit den prachtvollen gemalten Glasscheiben; durch einen offenstehenden Flügel fiel ein voller Lichtstrom auf die Tuscharbeit, die er eben begonnen, und den geöffneten Aquarellmalkasten, während der tiefer zurückliegende Teil des Raumes in einem duftigen, wohligen Halbdunkel lag. Er blieb so vertieft über sein Blatt gebeugt stehen, als ob er keinen Wagen anfahren, nicht zweimal die Klingel ertönen und kein Rauschen von Frauenkleidern auf dem Vorplatz vernommen hätte. Aber es war nicht dieses armselige, vertragene schwarze Kleidchen, was er erwartete, nicht für diese Besucherin hielt er die Profilstellung fest, in welcher er unverwandt auf seine Skizze blickte, nicht für sie waren die schlanken Büschel großer Blumen, Tulpen und Lilien in den Vasen verteilt und auch die schön geformte Schale und die geschliffenen Karaffen auf einem englischen Tischchen harrten nicht ihrer.

Jede andre als seine Mutter hätte das aus dem Tone seines: »Du bist's?« herausgehört, aber sie achtete nicht darauf, sie war geblendet von seinem Anblicke, selig, ihn hübsch und elegant wie immer vor sich zu sehen, und ohne ein Wort zu sprechen, knöpfte sie hastig ihren Handschuh auf und reichte ihm triumphierend den Check. Er fragte nicht, woher das Geld komme, nicht, was es ihr gekostet habe, es ihm zu verschaffen, er zog sie nur zärtlich, wenn auch mit einiger Vorsicht, um das wertvolle Blatt Papier nicht zu zerknüllen, an sich her und flüsterte: »Mama, Mama,« und das war alles. Sie fühlte sich hinreichend belohnt dadurch, und doch empfand sie, daß im Wesen ihres Sohnes, statt der großen Freude, die sie erwartet hatte, eine gewisse Verlegenheit, etwas Gezwungenes herrschte.

»Wohin gehst du von hier aus?« fragte er nachdenklich, den Check immer noch in der Hand.

»Von hier aus?« Sie sah ihm überrascht, schmerzlich berührt in die Augen. Sie war ja doch eben erst gekommen, hatte so sehr darauf gerechnet, eine Weile behaglich bei ihm zu bleiben; freilich, wenn sie ihn störte. . . . »Wohin ich gehe? . . . Zur Fürstin . . . aber, es eilt gar nicht, oh! gar nicht . . . sie ist wirklich ermüdend mit ihrem ewigen Gewinsel. Manchmal glaubt man, sie habe die Geschichte vergessen, dann fängt der teure Herbert plötzlich wieder zu spuken an.«

Paul zögerte; es lag ihm auf der Zunge, etwas zu sagen, aber er sagte es nicht.

»Willst du mir einen Gefallen thun, Mama? . . . Ich muß hier jemand erwarten . . . sei so gut und laß dir die Summe für mich auszahlen und löse meinen Wechsel beim Gerichtsvollzieher ein. . . . Willst du?«

Ob sie wollte! Wenn sie etwas für ihn thun konnte, war sie da nicht um so länger mit ihm? Während er den Check unterschrieb, überflog der Blick der Mutter den mit Teppichen und Guipurevorhängen geschmückten Raum, in welchem außer einem X-Tisch in altem Nußbaum, einigen historischen Abgüssen und etlichen hier und da aufgehängten Bruchstücken von Gesimsen nichts an den Beruf des Bewohners gemahnte, und plötzlich wieder an ihre Qual und Angst von vorhin denkend, drängte sich ihr der Gedanke auf, daß diese langstieligen, künstlerisch angeordneten Blumen und der zierliche kleine Tisch mit Erfrischungen seltsame Vorbereitungen zu einem Selbstmord seien. Sie lächelte ohne alle Bitterkeit, ohne jeden Vorwurf. . . . »Ach, das niedliche Ungeheuer! . . .« und begnügte sich, ihm zu bemerken, indem sie mit der Spitze ihres Sonnenschirmes lachend auf die mit Bonbons gefüllte Schale wies: »Alles, um dir eine Kugel . . . wie hast du doch gesagt?«

Auch er fing an zu lachen.

»Oh! Seit gestern hat sich vieles umgestaltet. . . . Meine Angelegenheit, du weißt ja, die wichtige, von der ich dir gesagt. . . . Nun, ich glaube, es wird jetzt endlich zum Klappen kommen. . . .«

»Ach! Gerade wie bei der meinigen. . . .«

»Ach so! . . . Ja, ja, Samy . . . die Heirat . . .«

Die hübschen falschen Augen beider von dem nämlichen harten Stahlgrau, die nur bei der Mutter etwas erloschen waren, kreuzten sich, tauchten einen Augenblick ineinander. »Du wirst schon sehen, wir wissen zuletzt gar nicht, was anfangen mit dem vielen Gelde . . .« sagte er schließlich, und sie sanft hinausdrängend: »Rasch ans Werk, Mama . . . eile dich.« An diesem Morgen hatte er ein Billet der Fürstin erhalten, in welchem sie ihn benachrichtigte, daß sie ihn abholen werde, um mit ihm »hinaus« zu fahren. Hinaus, das hieß auf den Père Lachaise. Seit einiger Zeit »spukte Herbert wieder«, wie Frau Astier richtig bemerkt hatte. Zweimal die Woche trug die Witwe Blumen nach dem Kirchhofe, Lampen, Betstühle für die Kapelle, trieb die Arbeiter zu erhöhtem Fleiße an und überwachte ihre Fortschritte. Die Sache war, daß nach langem, schmerzlichem Kampfe zwischen Eitelkeit und Liebe, zwischen dem Verlangen, Fürstin zu bleiben, und dem berückenden Zauber, den dieser Paul Astier auf sie übte – ein Kampf, der um so grausamer gewesen war, als sie keinen Vertrauten dafür gehabt als den armen Herbert, dem sie jeden Abend in ihrem Tagebuche ihr Herz ausgeschüttet hatte – Samys Ernennung zum russischen Botschafter durchschlagend gewirkt hatte, und daß sie es für passend hielt, den ersten Gatten endgültig zu bestatten, ehe sie einen zweiten beglückte, und dem Bau des Mausoleums wie dem vertrauten Verkehr mit seinem allzu verführerischen Erbauer ein Ende zu machen.

Paul Astier nahm all' die Wandlungen und Wallungen dieses närrischen kleinen Herzens wahr und freute sich derselben, ohne ihre Ursache zu verstehen; er sah darin ein günstiges Symptom, die letzte Krisis vor der großen Entscheidung. Jetzt mußte die Lösung rasch herbeigeführt werden; er mußte sich diesen Besuch zu nutze machen, den Colette ihm längst zugesagt und immer wieder aufgeschoben hatte, als ob sie sich vor einem Alleinsein fürchte, das in seinem Hause ein viel vollständigeres sein mußte, als in ihrem Palaste oder Wagen, wo stets eine beobachtende Livree zugegen war. Nicht, daß er sich je kühn und zudringlich gezeigt hatte; daß er vielleicht ihre Hand etwas länger als unbedingt nötig festgehalten, ihr etwas näher gerückt, als strenge Höflichkeit gebot, war alles, was sich hervorheben ließe. Aber sie hatte Angst vor sich selbst und gab damit diesem vermessenen jungen Manne, der ein geschickter Stratege auf dem Felde der Liebe war und sie beim ersten Blicke in die Kategorie der offenen Städte verwiesen hatte, vollkommen recht. Was er mit diesem Ausdruck bezeichnete, waren die anscheinend so wohl geborgenen, mit Schutzwällen umgebenen, gegen Ost und West verschanzten, durch Berg und Strom geschützten hochgestellten Damen der großen Welt, die in Wirklichkeit mit einem Handstreich genommen werden. In diesem Falle plante er jedoch keinerlei Gewaltstreich, keine Ueberrumpelung; eine etwas lebhafte Annäherung, ein paar Stunden feuriger Huldigung und Liebeswerbens, gerade hinreichend, um seine Macht fühlen zu lassen, ohne jedoch die Frau zu demütigen, und dem Toten war ein für allemal der Abschied erteilt, die Hochzeit und die dreißig Millionen verstanden sich dann von selbst. Das war der beglückende Traum, in welchem Frau Astier ihren Sohn unterbrochen hatte und den er, sobald sie fort war, an dem nämlichen Tische, in der nämlichen sinnenden Haltung weiterspann, als die Hausglocke von neuem ertönte. Es folgte ein Durcheinanderreden, ein Zögern: ungeduldig riß Paul die Thüre auf: »Was gibt es?«

Ein stattlicher Diener in schwarzer Trauerlivree, dessen Schatten lang hinausfiel auf die regenfeuchte Straße, erwiderte ihm mit respektvoller Unverschämtheit von ferne, daß die Frau Fürstin Herrn Astier im Wagen erwarte. Obwohl ihm die Kehle fast zugeschnürt war, hatte Paul Fassung genug, ein »Sofort« zu rufen, aber welche Wut tobte in ihm, wie viel unedle Schmähungen gegen diesen Toten, diesen ekelhaften, häßlichen Toten, der natürlich dasjenige war, was sie wieder zurückhielt, brummte er nicht vor sich hin. Sofort aber tauchte die Hoffnung auf eine vermutlich sehr drastische und ihm nahe bevorstehende Rache in ihm auf, und der Gedanke setzte ihn in den Stand, seinen Zügen ihren gewohnten kühlen Ausdruck wiederzugeben, mit welchem er dem Geheiß der Fürstin Folge leistete. Etwas blässer war er als sonst, im übrigen war von seinem Zorne nichts mehr zu sehen.

Es war sehr heiß in dem Coupé, dessen Fenster man wegen des plötzlichen Regenschauers hatte schließen müssen. Riesige Veilchensträuße, Blumenkränze, schwer wie Torten, füllten den Platz neben der jungen Witwe aus und lagen auf ihren Knieen.

»Die Blumen sind Ihnen vielleicht unangenehm . . . soll ich aufmachen?« fragte sie mit der anmutigen Heuchelmiene einer Frau, die uns einen bösen Streich gespielt hat und doch möchte, daß man ihr gut bleibt. Paul machte eine sehr würdevolle, ausweichende Gebärde. Ob die Fenster offen waren oder geschlossen, das war ihm ja doch ganz gleichgültig. Die Fürstin fühlte sich unter ihrem Witwenschleier, der für den Gang nach dem Kirchhofe immer wieder angelegt wurde und unter dem ihr Gesichtchen mit dem goldnen Heiligenschein rosig hervorleuchtete, nichts weniger als behaglich und hätte weit lieber Vorwürfe gehört. Sie war ja so grausam gegen diesen jungen Mann, ach! noch weit grausamer, als er ahnte. . . . Und die Hand sanft auf die Pauls legend, fragte sie mit weicher Stimme: »Sind Sie mir böse?«

Er? Ganz und gar nicht. Weshalb sollte er ihr denn böse sein?

»Weil ich nicht hineingekommen bin. . . . Es ist ja wahr, daß ich es versprochen hatte . . . aber im letzten Augenblick . . . ich dachte nicht, daß ich Ihnen weh thun würde.«

»Und haben es doch so namenlos gethan.«

Ach! Diese förmlichen, korrekten, zurückhaltenden Männer! Wenn sie sich einmal ein Wort der Empfindung entschlüpfen lassen, welche Bedeutung gewinnt es dann nicht im Herzen der Frau! Es bringt fast eine so große Wandlung hervor, wie wenn sie einen Offizier in Uniform weinen sehen.

»Oh! Nein, nein . . . ich bitte Sie . . . seien Sie um meinetwillen nicht traurig . . . sagen Sie mir, daß Sie mir nicht mehr böse sind.«

Zu ihm hinübergebeugt, daß die Blumen von ihrem Schoß herabfielen, flüsterte sie ihm ihre Bitten zu, fühlte sie sich doch durch die zwei breiten schwarzen Rücken auf dem Kutschersitz unter ihren hohen Hüten mit schwarzen Kokarden, die ein großer gemeinsamer Regenschirm überspannte, vor jeder Gefahr geschützt.

»Hören Sie mich, ich verspreche Ihnen, einmal zu kommen, einmal wenigstens, ehe . . .« Sie hielt erschrocken inne, war sie doch in der Aufrichtigkeit ihres Bedauerns nahe daran gewesen, ihm ihre bevorstehende Trennung und ihre Abreise nach Petersburg zu verraten. Sich rasch fassend, gelobte sie ihm, an einem Nachmittag, wenn sie nachher nicht auf den Kirchhof gehen werde, überraschend bei ihm zu erscheinen.

»Sie gehen ja jeden Tag auf den Kirchhof,« stieß er mit aufeinandergepreßten Zähnen in einem so komisch wirkenden Tone kalter Wut hervor, daß unter dem Schleier ein Lächeln über das junge Gesicht flog und sie hastig das Fenster öffnete, um ihre Haltung zu bewahren. Der Gewitterregen hatte aufgehört: ein heißer, fast sommerlicher Sonnenschein verkündete der ärmlichen und fröhlichen Vorstadtstraße, in die der Wagen eben eingelenkt hatte, daß der Jammer zu Ende, und glitt fröhlich über die schmierigen Ladenfenster mit ihren kläglichen Auslagen, über die kleinen Handkarren in den zu Bächen angeschwollenen Rinnsteinen, die buntbemalten Schilder und Maueranschläge und die Lumpen, die zu den Fenstern heraushingen. Gleichgültig und verständnislos, wie alle die Menschen, welche die Städte nur vom Wagenfenster, zwei Fuß hoch über dem Boden schwebend, kennen, blickte die Fürstin auf diese geringfügigen Einzelheiten des Straßenlebens. Das sanfte Wiegen in den Federn, die Undurchdringlichkeit ihrer Fensterscheiben macht, daß diese Bevorzugten von alle dem, was nicht auf gleicher Höhe mit ihrer Sehlinie ist, eine ganz besondre Anschauung erhalten. »Wie er mich liebt und wie gut er aussieht,« sagte sich die junge Frau im stillen. »Der andre« hatte allerdings etwas Vornehmeres, aber mit diesem wäre es doch weit hübscher gewesen. Ach! Auch das glücklichste Leben ist und bleibt doch immer Stückwerk, in dem die vollkommene Harmonie so wenig herzustellen, wie bei Tafelgeschirr, das nicht zusammenpaßt!

Sie kamen in die Nähe des Friedhofes. Zu beiden Seiten des Weges erhoben sich die Bretterbuden der Marmorarbeiter, aus denen rohe Blöcke, Steinplatten, Figuren, Kreuze hervorragten, dazwischen das Goldgelb der Immortellen, Weihbilder und weiß und schwarze Kränze von Glasperlen. »Und Védrine? Seine Figur . . . wofür entscheiden wir uns?« unvermittelt, im Tone eines Mannes, der entschlossen ist, einzig und allein von Geschäften zu sprechen, stellte Paul Astier seine Frage.

»Ja, ich . . . nämlich . . .« ganz trostlos brach sie in die Worte aus: »Ach! Mein Gott, jetzt muß ich Ihnen abermals weh thun . . .«

»Mir . . . weshalb denn?«

Gestern waren sie beide wieder bei Védrine gewesen, um den Paladin, ehe er in die Gießerei gesandt wurde, ein letztes Mal zu sehen. Schon bei ihrem ersten Besuche war der Eindruck, den die Fürstin empfangen, ein leidiger gewesen, freilich weniger durch den Anblick des Kunstwerkes, das sie kaum ins Auge gefaßt hatte, als durch den dieses wunderlichen Ateliers, in welchem Bäume wuchsen, Eidechsen und Kellerasseln an den Wänden entlang huschten und ringsum Trümmer, eingestürzte Decken und geborstene Pfeiler von Feuersbrunst und Revolution zeugten. Von dieser zweiten Besprechung im Atelier war die kleine Frau buchstäblich krank und elend nach Hause gekommen. »Das Abscheulichste, was Sie sich denken können, meine Liebe . . . fürchterlich!« so hatte ihr wahres Urteil gelautet, das sie aber nur Frau Astier, nicht aber deren Sohn anzuvertrauen wagte, denn einmal wußte sie, daß er ein Freund des Bildhauers war, andrerseits gehörte der Name Védrine zu den wenigen, welche die vornehme Welt im Widerspruch mit ihrem wenigstens inneren Gefühl, ihrer Erziehung und Denkungsweise schrankenlos bewundert und auf den Schild hebt, ohne zu wissen, weshalb, einzig weil die Parole von seiner künstlerischen Originalität einmal ausgegeben ist. Diese unförmliche, plumpe Figur auf der Ruhestätte ihres Herbert! . . . Nein, nein . . . das durfte nicht sein . . . und doch fand sie keinen Vorwand, unter welchem sie es hätte abwenden können.

»Unter uns gesagt, Herr Paul . . . ohne Zweifel, ist die Figur ja als Kunstwerk herrlich . . . gewiß, gewiß, ein wunderschöner Védrine . . . aber, Sie müssen doch zugeben, daß . . . daß es ein wenig traurig ist!«

»Nun . . . für eine Grabstätte?«

»Und dann . . . ich weiß nicht, wie ich Ihnen das sagen soll.«

Stotternd, zögernd gestand sie, daß dieser völlig unbekleidete Mann auf seinem Feldbett ihr nicht recht schicklich vorkam, daß man glauben könnte, er sei Porträt. »Und Sie müssen bedenken, mein armer Herbert, der in allem so korrekt, so zurückhaltend war. . . . Wie würde denn das den Leuten vorkommen?«

»Allerdings, wenn ich mir's überlege« . . . bemerkte Paul sehr ernsthaft und seinen Freund Védrine über Bord gleiten lassend, wie man einen Wurf junger Katzen ersäuft. »Schließlich, wenn diese Figur Ihnen mißfällt, so nimmt man eben eine andre, oder – gar keine. Vielleicht würde es von der allerergreifendsten Wirkung sein, das leere Zelt, das bereitstehende Lager, und niemand . . .«

»O! Welches Glück!« rief die Fürstin begeistert, ganz selig bei dem Gedanken, daß man den häßlichen nackten Schläfer nicht zu sehen bekommen werde. »Wie reizend von Ihnen! Ach! Jetzt kann ich es ja gestehen – ich habe die ganze Nacht darüber geweint.«

Als sie an der Friedhofpforte angelangt waren, nahm der Bediente wie jedesmal die Kränze aus dem Wagen und folgte mit denselben in einiger Entfernung, während Colette und Paul in sengendem Sonnenschein den vom Gewitterregen aufgeweichten Pfad hinaufwandelten; sie hatte seinen Arm angenommen und stützte sich darauf, von Zeit zu Zeit sich entschuldigend: »Ich mache Sie wohl müde . . .« was er mit einem wehmütigen Lächeln verneinte. Es war leer auf dem Friedhofe. Ein Gärtner, ein Aufseher grüßten die hier so wohlbekannte Fürstin ehrfurchtsvoll, als sie aber den Hauptweg verlassen, die oberen Terrassen überschritten hatten, umgab sie völlige Einsamkeit und tiefer Schatten; nichts war zu vernehmen als Vogelgezwitscher und hie und da ein Meißelschlag oder das Knirschen einer Steinsäge, ein Geräusch, das auf dem Père Lachaise, dieser nie ausgebauten, allezeit im Wachsen begriffenen Totenstadt, niemals verstummt.

Zwei oder dreimal hatte die junge Frau den ärgerlichen Blick aufgefangen, welchen ihr Begleiter von Zeit zu Zeit nach dem hochgewachsenen Lakaien im langen schwarzen Ueberrock mit der Trauerkokarde am Hute, diesem unvermeidlichen düsteren Gefährten ihrer Liebe, warf, und bestrebt, ihm alles zu Gefallen zu thun, wie sie es heute war, bat sie ihn plötzlich, etwas zu warten. Sie belud sich selbst mit den Blumen und Kränzen, entließ den Diener und gleich darauf waren sie durch eine Biegung der Allee den Blicken desselben entrückt und völlig allein. Diese liebenswürdige Aufmerksamkeit reichte jedoch nicht hin, die finster zusammengezogenen Augenbrauen zu glätten, und da Paul an seinem freigebliebenen linken Arm nun selbst drei oder vier Blumenräder von russischen Veilchen, Immortellen, persischem Flieder hängen hatte, steigerte sich sein Zorn gegen den Verstorbenen immer noch, und: »Du sollst mir das bezahlen,« war der Gedanke, den er wutschnaubend bei sich wiederholte. Sie dagegen war von einem seltsamen Glücksgefühl durchbebt, erfüllt von jenem selbstsüchtigen Jugend- und Gesundheitsbewußtsein, das an der Stätte der Toten zuweilen über uns kommt. Vielleicht auch, daß die Hitze des Tages, diese duftende Blumenmasse, deren feiner Hauch sich dem stärkeren Geruche des Buchses und Taxusbaumes, dem Dunste der vom Regen dampfenden Erde und einem andern, ihr wohlbekannten, durchdringenden, scharfen, widerlichen Geruche, der sie aber heute nicht trostlos stimmte, wie sonst, zugesellte, eine betäubende, berauschende Wirkung auf sie hatten.

Plötzlich durchlief sie ein Beben. Der junge Mann hatte ihre Hand, die auf seinem Arme lag, ergriffen, er hielt sie fest, er preßte sie an sich, er umschlang sie, wie die Gestalt einer Frau, diese kleine Hand, die nicht den Mut hatte, sich ihm zu entziehen. Er wollte die niedlichen Finger auseinanderziehen, um die seinigen dazwischen zu schieben, sie ganz zu besitzen, aber das Händchen leistete Widerstand, es ballte sich krampfhaft zusammen: »Nein, nein . . . nicht so!« und indes gingen sie ihres Weges weiter, eins neben dem andern, ohne zu sprechen, ohne sich anzusehen, bewegt, erschüttert, denn auch in der Liebeslust kann das Allerkleinste alles bedeuten. Endlich ergab sie sich, that sich auf, diese kleine zusammengekrallte Hand, und beider Finger schlangen sich ineinander, daß sie ihre Handschuhe fast zersprengten: eine selige Minute des Gewährens und Gestehens, des vollkommenen Besitzes. Aber augenblicklich erwachte der Stolz der Frau; sie wollte sprechen, an Tag legen, daß sie unberührt geblieben, daß alles fern von ihr geschehe, ja, daß sie ganz und gar nichts davon wisse, und da sie nichts zu sagen fand, las sie laut die Inschrift eines liegenden epheuumschlungenen Grabsteines: »Augusta, 1847«, und, heftig atmend, flüsterte er: »Die Geschichte einer Liebe, ohne Zweifel.« Die Amseln zwitscherten über ihren Häuptern und die Meisen ließen ihren Ton hören, der ein wenig knarrend ist, wie das Geräusch der Bauarbeiten, das aus der Ferne herüberdrang.

Sie gelangten an die zwanzigste Abteilung, jenen Teil des Friedhofes der das Alt-Paris des Père Lachaise ist, wo die Wege schmäler, die Bäume höher, die Gräber enger aneinandergereiht sind, ein wirres Durcheinander von Gittern, Säulen, griechischen Tempeln, Pyramiden, Genien, Büsten, Engeln, mit geöffneten oder gesenkten Flügeln. Von diesen alltäglichen oder barocken, originellen, einfachen, pathetischen, anspruchsvollen und bescheidenen Grabstätten, die sich so gut voneinander unterschieden, wie ihre stillen Bewohner sich im Leben unterschieden haben mochten, zeigten die einen glatt und rein gehaltene Platten, mit Blumen bestreut, mit Weihbildern geschmückt und von farbenprangenden kleinen Miniaturgärten chinesischen Geschmackes umgeben. Bei den andern waren die moosigen, mit Brombeergestrüppe und hohem Grase umwachsenen steinernen Ruhekissen mit Grün bedeckt und zersprungen, alle aber zeigten sie bekannte Namen, echte Pariser Namen: Notare, Magistratspersonen, hervorragende Leute aus der Geschäftswelt, die hier wie in dem Handelsviertel und dem Justizgebäude ihren Vortritt behaupteten, und vielfach Doppelnamen, die Verbindung zweier Familien, in denen sich Reichtum und Stellung einte, vollwertige Unterschriften, die, nachdem sie von der Börse, vom Giro der Banken verschwunden, nun unveränderlich und sicher auf den Gräbern eingehauen standen. Und die Fürstin las dieselben: »Ach! Der auch . . . o und der« . . . mit dem nämlichen Tone freudiger Ueberraschung, wie man im Bois de Boulogne einen bekannten Wagen begrüßt. »Mario? . . . Ist das der Sänger?« . . . und das alles nur, um vorgeben zu können, daß sie von dem engen Umschlungensein ihrer beiden Hände keine Ahnung habe.

In ihrer Nähe knirschte plötzlich die Gitterthüre eines Familiengrabes und eine rundliche, frisch aussehende, große Dame ward sichtbar, die, ihr Gießkännchen in der Hand, hier den kleinen Haushalt der Toten versah, das Gärtchen pflegte, die Kapelle rein hielt, alles gelassen und unbefangen, als ob sie sich weit von Paris in einem ländlichen Hüttchen befände. Ueber die Umzäunung herüber nickte sie den beiden einen Gruß zu, dem ein gutes, liebevolles, für sich selbst entsagendes Lächeln beigesellt war, das zu sagen schien: »Habt euch nur recht lieb; das Leben ist kurz, und das ist das Beste, was wir drin haben.« Verlegen lösten sie ihre Hände, und plötzlich von dem bösen Zauber befreit, eilte die Fürstin in großer Verwirrung voraus und schritt, um abzuschneiden, quer über einige Gräber nach dem Mausoleum des Fürsten.

Dasselbe nahm auf der höchsten Stelle der »zwanzigsten« ein großes mit Rasen und Blumen bedecktes Grundstück ein, welches von kunstvollem schmiedeisernen Gitterwerk im Stil des Gitters am Grabe der Scaliger in Verona eingefaßt war. Gewollterweise war der Gesamteindruck, welcher durch das schlichte Zelt mit den rauhen, schwerfälligen Falten des Segeltuches, dem der dalmatische Granit einen rötlichen Ton verlieh, bestimmt wurde, ein herber, ernster, schlichter. Drei breite Stufen von diesem Gestein, dann that sich die Zeltöffnung auseinander, auf jeder Seite stand ein Fußgestell in schwarzer glänzender Bronze mit einem hohen Dreifuß für die Totenfackel. Ueber dem Eingange prangte das Rosensche Wappen in reicher Umrahmung, ebenfalls in Bronze ausgeführt, und hing so gleichsam als Schirm und Schild über dem Zelte des wackeren entschlafenen Ritters.

Nachdem sie das Gitter geöffnet, die Kränze an die beiden Dreifüße und an die abgerundeten Steinknäufe verteilt, die wie riesige Zeltpflöcke auf dem Fundament ruhten, kniete die Prinzessin vor dem Altar im Hintergrunde nieder, ganz in dem tief beschatteten Winkel, aus dem die silbernen Fransen zweier Betstühle, das matte Gold eines gotischen Kruzifixes und schwere massive Armleuchter hervorschimmerten. Es war eine gute Stätte zum Beten hier auf den glatten, kühlen Fliesen, mit der schwarzen Marmoreinlage, von der sich der Name des Fürsten samt all seinen Titeln goldfunkelnd abhob, auf der andern Seite Verse aus dem Prediger und den Psalmen. Aber heute waren es leere Worte, welche die Fürstin zerstreut und voll Scham über die Gedanken, die sich unabweislich aufdrängten, hermurmelte. Sie stand wieder auf, machte sich mit den Blumen zu schaffen, trat einige Schritte weg, um die Wirkung des Sarkophagbettes zu beobachten. Schon lag das Kopfkissen aus schwarzer Bronze mit silbernem Namenszug, und sie fand es schön und einfach, dies harte Lager ohne etwas darauf. Und dennoch mußte sie sich noch einmal eingehend mit Herrn Paul, den sie auf dem Kies des Gärtchens wartend auf und ab gehen hörte, besprechen, und indem sie im stillen seiner bescheidenen Zurückhaltung Anerkennung spendete, schickte sie sich an, ihn herbeizurufen, als das Gewölbe sich plötzlich verdüsterte. Der Regen fiel klatschend auf die kleeblattförmigen Glasfenster der Kuppel. »Herr Paul . . . Herr Paul!« . . . Unbeweglich auf einer der Stufen sitzend, ließ er die Flut sich ruhig über ihn ergießen und lehnte es durch eine stumme Handbewegung ab, Folge zu leisten.

»Aber so kommen Sie doch herein!«

Er schüttelte den Kopf und sagte hastig und leise: »Ich will nicht . . . Sie lieben ihn zu sehr!« . . .

»Doch, doch, Sie müssen kommen.«

Sie zog ihn mit der Hand unter die schützende Wölbung des Daches, aber die schweren Tropfen, die von vorn hereindrangen, zwangen die beiden, sich allmählich bis zu dem Sarkophage zurückzuziehen, an den sie sich stehend, eng aneinander gedrängt, lehnten und von wo sie unter dem tief hängenden, düsteren Gewölk das Alt-Paris der Totenstadt überblickten, das, an dem vor ihnen liegenden Abhange hinunter gelagert, mit seinen Minarets, seinen grauen Steinfiguren und seiner Masse von niederen, wie Druidendenkmäler im grünen Dickicht verborgenen Grabsteinen zu ihren Füßen sich ausbreitete. Kein Laut, kein Vogelgesang, kein Geräusch von Werkzeugen, nichts als das Rieseln des Wassers auf allen Seiten, und unter der Schutzhütte eines im Bau begriffenen nahe gelegenen Monumentes zwei eintönige Stimmen von Werkleuten, die sich über das Elend und die Sorgen der Arbeit aussprachen. Die Blumen dufteten betäubend in der heißen Luft, wie sie bei Gewitterregen im bedeckten Räume entsteht, und darein mischte sich immer und immer jener unbestimmbare Geruch. Die Fürstin hatte ihren Schleier zurückgeschlagen, mit trockenen Lippen fühlte sie sich, wie vorhin in der Allee betäubt, einer Ohnmacht nahe. Und in ihrer Unbeweglichkeit waren die beiden schweigenden Gestalten so ganz ein Teil des Grabmals, daß ein rostfarbiges Vögelein vertrauensvoll hereinkam, seine regennassen Flügelchen schüttelte und einen kleinen Wurm von der Steinplatte aufpickte. »Eine Nachtigall,« klang Pauls Stimme leise durch das schwüle, beengende Schweigen. Sie wollte fragen: »Singen die denn in diesem Monat noch?« Aber er hatte sie umschlungen, sie am Rande des Granitlagers auf seine Kniee gezogen, und ihr Köpfchen zurückbiegend, drückte er einen langen, wonnigen Kuß auf die halbgeöffneten Lippen, die ihn glühend zurückgaben.

»Denn Liebe ist stark wie der Tod,« sagte der Spruch des Hohenliedes, der über ihren Häuptern in Marmor gegraben stand.

Als die Fürstin zurückgekehrt war in die Rue de Courcelles, schluchzte sie, von den Armen des Sohnes in die der Mutter übergehend, die ihr freilich ebensowenig Sicherheit boten, wie die des ersteren, lange und krampfhaft an der Schulter der ihrer harrenden Frau Astier und strömte das Uebermaß ihrer Verzweiflung in vielfach unterbrochenen, halberstickten, unverständlichen Worten aus. »Ach! Meine liebe Freundin, wie unglücklich bin ich . . . wenn Sie wüßten . . . wenn Sie eine Ahnung hätten . . .« Ihr Jammer war ebenso groß wie ihre Hilflosigkeit, angesichts dieser unentwirrbar schwierigen Lage. – Offiziell verlobt mit dem Fürsten Athis, hatte sie sich von diesem Herzenbezwinger, diesem Zauberer, diesem Hexenmeister, den sie von ganzer Seele verwünschte, hinreißen lassen. Und das Grausamste an der Sache war, daß sie der zärtlichen, verständigen Freundin ihre Schwachheit nicht gestehen, ihr Herz nicht ausschütten konnte, denn sie wußte wohl, daß die Mutter sich nach dem ersten Worte ihres Bekenntnisses auf die Seite des Sohnes und gegen Samy, auf die Seite des Herzens gegen die Vernunft stellen und sie möglicherweise zu dieser nicht standesgemäßen Heirat, diesem nicht auszudenkenden Herabsteigen moralisch zwingen würde.

»Ja was ist denn? . . . Mein Herzchen! . . .« sagte Frau Astier, ohne sich über diese Schmerzensausbrüche groß aufzuregen. »Sie kommen vom Kirchhofe, denke ich mir; Sie haben sich wieder einmal hinein gesteigert. . . . Schließlich, muß ich doch sagen, meine liebe Artemisia . . .« und die schwachen Seiten dieser eiteln Natur genau kennend, zog sie diese ins Unendliche verlängerte Schaustellung des Schmerzes ins Komische, zeigte ihr, daß dieselbe vor der Welt lächerlich und auf alle Fälle der Schönheit nicht zuträglich sei. Ja wenn es sich um eine zweite Neigungsheirat handelte, allein hier war es doch vornehmlich die Verbindung zweier großer Namen, die Verschmelzung zweier gleichwertiger Titel, die sich anbahnte. . . . Herbert selbst, wenn er vom Jenseits auf sie herniedersah, konnte nur befriedigt darüber sein.

»Ach! Das ist wahr! Er verstand mich ja in allem, mein armer Freund!« schluchzte Colette, Fürstin Rosen, geborene Sauvadon, der das Botschafteramt sehr am Herzen lag, mehr noch aber die Beibehaltung ihres Fürstinnentitels.

»Hören Sie mich an, Kindchen, wenn Sie einen guten Rat wollen . . . machen Sie, daß Sie fortkommen, fliehen Sie. . . . Samy reist in acht Tagen . . . warten Sie nicht auf ihn, nehmen Sie Lavaux mit, er kennt Petersburg und wird Sie trefflich unterbringen und alles besorgen. Ganz abgesehen davon, daß Sie auf diese Weise einer peinlichen Szene mit der Herzogin entgehen – und Sie wissen ja, diese Korsen sind zu allem fähig – wäre dies allein das Richtige.«

»Abreisen? Ja . . . vielleicht . . . .« Die junge Witwe erblickte darin hauptsächlich ein Mittel, sich weiteren Zudringlichkeiten zu entziehen, das, was »da draußen« geschehen, ihre eigne Verirrung einer Minute, von sich wegzuschieben.

»Das Grab?« fuhr Frau Astier fort, ihr Zögern in dieser Weise deutend. »Das Grab macht Ihnen Sorge? Ach! Das wird Paul schon allein fertig bringen. . . . Aber nicht weinen, süßes Herz! Die Thränenschauer kleiden Sie ja, aber allzu viel Feuchtigkeit macht schließlich schimmelig.«

»Puh! . . . Dieser Athis hat keine Ahnung, was es mich kostet, ihn glücklich zu versorgen!« seufzte die mütterliche Freundin, als sie bei einbrechender Dunkelheit den Rosenschen Palast verlassen hatte und auf den Omnibus wartete. Das Gefühl großer Ermüdung, ein übermäßiges Bedürfnis nach Ruhe, die sie nach so vieler Fronarbeit dringend nötig hatte, brachte ihr plötzlich ins Gedächtnis, daß ja das Schlimmste und Angreifendste ihr noch bevorstand: das Heimkommen, die Szene. Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, den Punkt ernstlich ins Auge zu fassen; jetzt eilte sie der Entscheidung entgegen, jede Drehung des Rades an dem schwerfälligen Rumpelkasten brachte sie diesem Ziele näher. Sie schauderte im voraus, nicht vor Angst, nein! Aber das Geschrei, die Wut, die laute, gemeine Stimme Astier-Réhus, die Antworten, die man ihm geben mußte, und dann der Koffer! Der Koffer, der unfehlbar wieder aufs Tapet kam! Mein Gott, wie greulich. . . . Und sie, übermüdet von der schlaflosen Nacht, von dem aufregenden Tage. . . . Konnte denn die Geschichte nicht wenigstens bis morgen verschoben werden? Sie fühlte sich versucht, den Verdacht auf irgend jemand anders zu lenken, nicht sofort zu gestehen: »Ich war es. . . .« Teyssèdre zum Beispiel könnte man die Schuld aufhalsen, nur bis morgen früh natürlich; dann hätte sie doch wenigstens eine ruhige Nacht.

»Ach! Da sind Sie ja. . . na, bei uns geht's zu!« sagte Corentine, hastig die Thüre öffnend, ganz bestürzt und verwirrt, mit hoch geröteten Pockennarben, wie es ihr bei großen Gemütsbewegungen zu geschehen pflegte. Frau Astier wollte eilig nach ihrem Zimmer gehen, allein die Studierstube that sich auf und ein gebieterisches: »Adelaide!« zwang sie einzutreten. Léonard empfing sie und der Schein seiner Lampe zeigte ihr, daß seine Züge einen ganz seltsamen Ausdruck trugen. Er nahm ihre Hände, zog sie ans Licht, küßte sie auf beide Wangen und sprach mit bebender Stimme: »Loisillon ist gestorben.«

Nichts! Er wußte noch nichts, hatte sein Archiv noch nicht berührt; seit zwei Stunden ging er mit großen Schritten in seinem Arbeitszimmer auf und ab, voll Ungeduld, sie heimkehren zu sehen, ihr die große Nachricht mitteilen zu können, deren drei Worte ihr beider Leben umgestaltete: »Loisillon ist gestorben.«

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