Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Der Unsterbliche

Alphonse Daudet: Der Unsterbliche - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorAlphonse Daudet
titleDer Unsterbliche
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 3
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1888
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid571cb87a
created20061028
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Sei auf deiner Hut, Freydet! Die Geschichte kennen wir, das ist der Handschlag des Werbers. . . . Im Grunde genommen wissen diese Leute, daß es zu Ende ist mit ihnen, daß sie auf dem besten Wege sind, unter ihrer Kuppel zu verschimmeln. Die Akademie ist aus der Mode, niemand findet mehr Geschmack daran, der Ehrgeiz verfolgt andre Ziele und ihre Erfolge haben nur noch ein Scheinleben. Deshalb hat es auch die erhabene Gesellschaft seit Jahr und Tag aufgegeben, den Bewerber im eignen Hause zu erwarten, nein, sie begibt sich höchstselbst auf das Straßenpflaster und legt sich in den Hinterhalt. Allerorten, im Ballsaal, in der Künstlerwerkstatt, in der Buchhandlung, im Foyer der Theater, in jedem Mittelpunkt litterarischen oder künstlerischen Lebens tritt der verkappte Werbeoffizier der Akademie auf, mit einem wohlwollenden Lächeln für die aufkeimenden jungen Talente. ›Die Akademie wird Sie im Auge behalten, junger Mann!‹ heißt es dann. Wenn der Name schon gemacht ist, wenn einer seinen dritten, vierten Band geschrieben hat, wie du, dann ist die Aufforderung weniger verblümt. ›Denken Sie an uns, mein Bester, jetzt ist der Augenblick . . .‹ oder aber wird mit einem liebevollen Rippenstoß ganz einfach auf den Leib gerückt: ›Na, aber, wahrhaftig, weshalb wollen Sie denn nicht zu den Unsrigen zählen?‹ Feiner, einschmeichelnder, aber nicht minder planvoll wird dem Manne von Welt, dem vornehmen Dilettanten, der seinen Ariost übersetzt und ein paar Liebhaberkomödien geschrieben hat, die Schlinge umgeworfen. ›Ja, ja . . . sagen Sie mir doch. . . . Wissen Sie denn, daß . . .?‹ Und wenn der Weltmann sich dagegen auflehnt, seine Unwürdigkeit, die Geringfügigkeit dessen, was er ist und gethan hat, hervorhebt, o da hat der Werber sogleich den geheiligten Satz bereit: ›Die Akademie ist ein Salon‹ – Herr des Himmels, was hat die Phrase schon herhalten müssen! . . . ›Die Akademie ist eine Gesellschaft, die nicht nur das Geschaffene aufnimmt, sondern den Menschen, die Persönlichkeit selbst . . .‹ Einstweilen aber wird natürlich der Herr Werber empfangen, verhätschelt, zu jedem Diner, jeder Festlichkeit beigezogen und nährt sich als schmeichelnder Parasit von den Hoffnungen, die er selbst ins Leben gerufen und groß gezogen hat . . .«

Jetzt fuhr der gute Freydet entrüstet auf. Nie und nimmer würde sein Lehrer und Freund Astier sich zu solch niedriger Handlungsweise hergeben!

»Der, der ist ja der Gefährlichste von allen,« entgegnete Védrine achselzuckend, »der uneigennützige, gläubige Werber . . . Er glaubt an die Akademie: sie umschließt alles, was ihm das Leben wert macht, und wenn er mit einem Zungenschnalzen, als ob er einen reifen Pfirsich verspeiste, einem sagt: ›Sie glauben nicht, wie schön das ist,‹ so spricht er nur seine innerste Herzensmeinung aus, und die Lockspeise ist deshalb nur um so gefährlicher und verführerischer. Sitzt der Angelhaken dann gehörig fest, hat man sich ordentlich drein verbissen, so bekümmert sich die Akademie nicht mehr um ihren Patienten, läßt ihn sich drehen und wenden, schnappen und zappeln gerade wie . . . nun, du bist ja ein großer Fischer, wie nennst du denn das, wenn du einen schönen Barschen, einen schweren Karpfen geangelt hast und ihn an der Schnur hinter deinem Boote herziehst?«

»Den Fisch ersäufen.«

»Richtig! Sieh dir diesen Moser an – sieht er nicht aus wie so ein armer Teufel von Fisch? . . . Seit zehn Jahren schleift man ihn im Schlepptau umher. Und Salèle, Guérineau und so viele andre, die nicht einmal mehr zappeln.«

»Allein zu guter Letzt erreicht man's doch; man wird Akademiker.«

»Wer im Schlepptau ist, nie. Und wenn man's wird, was ist denn dann erreicht? Was bringt die Geschichte denn ein? Geld? Bewahre, da ist dein Heu nützlicher. . . . Berühmtheit? Nun ja, in einem Kirchspiel, das nicht größer ist als eine Hutform. Wenn wenigstens Talent dadurch verliehen würde und nicht vielmehr das vorhandene in der eisigen Atmosphäre des Hauses erfrieren, verkümmern müßte. Die Akademie ist ein Salon; du mußt wissen, was das heißt, man muß sich dem herrschenden Tone anpassen, unterordnen, es gibt Dinge, die man nicht sagen darf oder doch nur in homöopathischer Verdünnung. Aus und vorbei ist's mit den neuen Gedanken, aus und vorbei mit dem kühnen Flug, bei dem man gelegentlich den Hals bricht. Die Wildesten, Waghalsigsten rühren sich nicht mehr, sie haben ja Angst, sie könnten sich den grünen Frack zerreißen. Es ist wie bei den Kindern, wenn man sie in Sonntagsstaat steckt: ›Seid recht vergnügt, aber macht euch nicht schmutzig.‹ Nun, die Sorte Vergnügen kennt man. Was ihnen bleibt, ist der schmeichelnde Dunstkreis akademischer Suppentöpfe und die schönen Damen, welche das Gebräu zu Tag fördern. Aber das ist so langweilig! Ich kann aus Erfahrung davon reden, denn ich habe mich mehrmals verführen lassen, hinzugehen, und kann also sagen wie der alte Réhu: ›Ich habe das miterlebt, ich!‹ Gezierte, anspruchsvolle Wiederkäuer haben mir unverdaute Phrasen aus Zeitschriften und Büchern aufgesagt, die ihnen zum Schnabel herauswuchsen wie auf unsern alten Bildern den Heiligen das Spruchband. Frau Ancelin, die gute dicke Mama, die so dumm ist, wie der Zufall selber, habe ich bei Danjous geistvollen Bemerkungen und im Theater aufgelesenen, an den Haaren herbeigezogenen Redensarten vor Entzücken glucksen hören, und das Zeug hatte doch so wenig Natur wie das Gekräusel seiner Perücke.«

Freydet konnte sich nicht fassen: Danjou, sein römischer Hirte, eine Perücke!

»O nur eine kleine, nur so ein Schmerkäppchen . . . ich habe bei Frau Astier ethnographische Vorlesungen mit anhören müssen, die einem Hippopotamus auf die Nerven gegangen wären, und habe am Tische der hochmütigen, strengen Herzogin diesen alten Affen von Laniboire den Ehrenplatz einnehmen sehen und mit seiner häßlichen Fratze Zoten reißen hören, für die man jeden andern als einen Unsterblichen einfach an die Luft gesetzt haben würde, das kann ich dir sagen. . . . Das Ergötzliche an der Sache ist aber, daß die Herzogin, die diesen Laniboire ganz klein und demütig, um eine Stelle winselnd und bittend zu ihren Füßen gesehen hat und schließlich zu meinem Vetter Loisillon sagte: ›Wählen Sie ihn doch, nur damit ich ihn los werde,‹ daß diese selbe Herzogin ihm jetzt göttliche Ehren erweist, ihn unfehlbar bei Tische neben sich sitzen hat und ihre Verachtung von ehedem durch die urteilsloseste Bewunderung wieder gut macht, gerade wie der Wilde vor dem Götzenbild, das er sich selbst zurechtgezimmert, kniet und zittert. Ob ich sie kenne, diese akademischen Salons mit ihren Nichtigkeiten und Albernheiten und häßlichen kleinen Intriguen! . . . Und da hinein willst du dich stecken lassen? Weshalb denn, so frage ich mich. Du hast das schönste, reichste Leben von der Welt; ich, der ich wahrhaftig nicht viel Wert auf Außendinge lege, ich habe dich beinahe beneidet, als ich dich mit deiner Schwester in Clos-Jallanges sah: das ideale Haus am Hügel, hohe Räume, Kamine, in die man aufrecht hineinschreiten kann, Eichen, Korn, Reben, den Fluß, das Dasein eines Landedelmannes, wie man es in Tolstois Romanen findet, Fischfang, Jagd, gute Bücher, die Nachbarschaft nicht allzu dumm, nicht allzu viel Diebsgesindel unter deinen Pächtern und, damit du in diesem immerwährenden Wohlleben nicht schwerfällig und gleichgültig wirst, das vergeistigte Lächeln deiner Kranken, die in ihrem Invalidenstuhl ein so volles Leben führt, so glücklich ist, wenn du ihr bei der Heimkehr von einem tüchtigen Marsch ein schönes Sonett vorliest, aus dem Herzen quellende, wahr empfundene Verse, die du im Sattel sitzend oder lang ausgestreckt im Grase mit deinem Bleistift hingekritzelt. Im Grase liegen wir hier freilich auch, nur leider Gottes mit diesem heillosen Getöse der Lastwagen und Trompeten . . .«

Védrine mußte notgedrungen mit Sprechen innehalten. Schwere, mit Eisenstangen beladene Güterwagen, die Boden und Häuser erzittern machten, schmetternde Trompetensignale aus der nahegelegenen Dragonerkaserne, das heisere Brüllen eines Nebelhorns auf einem Schlepper, eine Orgel, die Glocken von Sainte Clotilde, das alles schwoll zu jenem wirren, betäubenden Getöse an, welches das Getriebe einer großen Stadt in einzelnen Momenten verursacht, und der Gegensatz zwischen diesem ohrzerreißenden babylonischen Geschwirre, das man aus nächster Nähe vernahm, und der schweigenden Wildnis von Farnen und Unkraut und hohem schattigen Gebüsch, in der die beiden alten Kameraden von Louis le Grand ihre Cigarren rauchten und nach Herzenslust plauderten, war ein seltsamer.

An der Ecke des Quai d'Orsay und der Rue de Bellechasse war es, auf jener verwitterten Terrasse der einstigen Cour des Comptes, die von wilden Blumen und Unkraut überwuchert ist, wie ein Steinbruch mitten im Walde, wenn der Frühling kommt. Dichtes Gebüsch von Fliedersträuchern, die eben abgeblüht hatten, Gruppen von Platanen und Ahorn, die längs der von Epheu und Klematis umrankten Steinbalustrade standen, bildeten einen lauschigen, geschützten Raum, in dem sich die Tauben häuslich niederließen, wo die Bienen schwirrten und wo in einem goldenen Sonnenstrahl das ruhige, schöne Profil der Frau Védrine sich abhob, die ihrem Kleinsten die Brust reichte, während der Aeltere mit Steinwürfen die zahllosen grauen, schwarzen, gelben Katzen aller Art verscheuchte, welche in diesen mitten in Paris gelegenen Dschungeln die Rolle der Tiger spielen.

»Und weil wir von deinen Versen sprechen – nicht wahr, alter Freund, ich darf offen sein? – Dein Buch. . . . Nun ja, dein Buch, in dem ich kaum erst geblättert, es atmet nicht den Duft der Maiblumen, des Heidekrauts, den die andern mir zugetragen – es riecht nach akademischem Lorbeer, dein ›Gott in der Natur‹ und ich fürchte sehr, daß du dieses Mal die Anspruchslosigkeit der echten Idylle, alle deine waldesfrischen Zauber geopfert und als Brückengeld in den Rachen des Krokodilus geworfen hast.«

Der Spottname des einstigen Lehrers, der, längst vergessen, ihm plötzlich wie in Schülertagen wieder auf die Lippen getreten war, machte ihnen eine Weile lang Spaß. Sie sahen ihn wieder vor sich, den guten Astier-Réhu auf dem Katheder, mit glühendem Gesicht, das Barett verschoben, eine Elle roten Bandes auf dem schwarzen Talar, wie er seine regelmäßig wiederkehrenden Witze mit feierlichen Bewegungen, Hin- und Herschwenken der langen Aermel begleitete oder seine schwülstigen Deklamationen im Stile Vicq d'Azirs, dessen Nachfolger an der Akademie er dereinst werden sollte, hinausposaunte. Freydet machte sich jedoch nach kurzer Zeit Vorwürfe, seinen alten Lehrer verspottet zu haben, und stimmte ein Loblied an auf dessen geschichtliches Werk, für das er so viele Archive durchstöbert, so viel Unbekanntes aus Staub und Moder zu Tage gefördert habe.

»Ist gar nichts wert,« bemerkte Védrine wegwerfend. In seinen Augen hatten auch die kostbarsten, merkwürdigsten Briefe und Dokumente keinen Wert, wenn es ein Dummkopf war, der sie bearbeitete, so wenig ein interessantes Menschenschicksal Bedeutung gewinnt, wenn ein schlechter Romanschreiber sich desselben bemächtigt. Das Goldstück verwandelt sich in das welke Blatt! . . . Und sich mehr und mehr steigernd, fuhr er fort:

»Sag doch selbst, ob das ein Anrecht auf den Namen eines Geschichtschreibers gibt, wenn man ungedruckte Schriftstücke in schwere Oktavbände verarbeitet, in die Länge zieht, in Bücher, die kein Mensch liest, die in den Bibliotheken im Fach der belehrenden Bücher stehen, der Bücher »zum äußerlichen Gebrauch« . . . »vor dem Gebrauch zu schütteln« . . . Nur unser französischer Leichtsinn kann derartiges zusammengetragenes Zeug ernsthaft nehmen. Wie lachen uns Deutsche und Engländer damit aus! ›Ineptissimus vir Astier-Réhu,‹ sagt Mommsen in einer seiner Noten.«

»Die du, herzloses Ungeheuer, den armen Mann in versammelter Klasse hast lesen lassen.«

»Dafür habe ich auch meinen ›Affen‹ und ›Taugenichts‹ an den Kopf gekriegt, gerade wie an dem Tage, als ich es müde geworden war, ihn immer wieder versichern zu hören, daß der menschliche Wille eine Hebeschraube sei, vermittelst derer man alles, gar alles erreichen könne, und ich, seine Stimme nachahmend, von meiner Bank aus rief: ›Und die Flügel, Herr Astier, Flügel sind doch auch brauchbar!‹«

Freydet lachte herzlich, und indem er den Historiker zu gunsten des Universitätslehrers preisgab, suchte er Astier-Réhu als solchen in Schutz zu nehmen. Aber jetzt geriet Védrine erst recht in Eifer.

»Jawohl, sprechen wir von dem Schulmeister, von dem Elenden, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, in Tausenden von Köpfen das ›Unkraut‹ zu zerstören, mit Stumpf und Stiel auszurotten, was an Originellem, Eigenem, Ursprünglichem darin gewesen, all' die Lebenskeime zu vernichten, die ein Lehrer von Gott und Rechts wegen erhalten und kräftigen sollte! Wie hat uns der Schmutzfink mit plumper Hand zurechtgezupft, abgeschabt, glatt gestriegelt. . . . Einzelne haben dem Spaten und dem Kratzeisen Widerstand geleistet, aber der Alte nahm die Nägel zu Hilfe und handhabte seine Instrumente mit solcher Wut, bis wir schließlich glatt gehobelt und kahl aussahen wie eine Schulbank. Du darfst sie dir ja nur ansehen, alle, die durch seine Hände gegangen sind, mit Ausnahme von ein paar Querköpfen wie Herrscher, der in seinem Haß gegen das Konventionelle ins Ungeheuerliche und Unedle verfällt, und wie ich, der ich diesem alten Schafskopf den Sinn für das Absonderliche, an der Grenze des Erreichbaren Liegende, ›meine Muskelorgien‹ wie sie es nennen, verdanke . . . alle andern sind glatt geschoren, zahm gemacht, leer . . .«

»Nun, und ich?« sagte Freydet mit komischer Betrübnis.

»O, dich hat deine bessre Natur bis jetzt bewahrt, aber nimm dich in acht, daß du dich nicht wieder unter die Zucht des ›Krokodilus‹ begibst! Und um uns solche Pädagogen zu liefern, errichtet der Staat Schulen, dafür zahlt man sie, gibt ihnen Orden und Ehren, dafür wird ihnen die Akademie zu teil!«

Der Länge nach im Grase ausgestreckt, den Kopf auf dem Ellbogen liegend, ein Farnkraut, mit dem er sich die Sonnenstrahlen abwehrte, leise hin und her bewegend, sprach Védrine all' diese wilden Anklagen mit weicher, gleichmäßiger Stimme, ohne daß in seinem blassen, großen, aufgedunsenen Gesichte, das an einen indischen Gott gemahnte und dessen Gleichmut und Träumerei ein Paar kleiner, lachender Augen noch mehr hervorhoben, ein Muskel gezuckt hätte.

Aus seiner gewohnheitsmäßigen Ehrfurcht und Verehrung aufgeschreckt, hörte ihm der andre verblüfft zu. »Wie bringst du es aber fertig, mit diesem Haß gegen den Vater der Freund des Sohnes zu sein?«

»Ich bin des einen Freund so wenig wie der des andern, aber es interessiert mich dieser Paul Astier mit seiner selbstgefälligen Zierbengelei und seinem hübschen Spitzbubengesicht . . . ich möchte wohl erleben, was noch aus dem Jungen wird . . .«

»Ach, Herr von Freydet,« mischte sich nun Frau Védrine von ihrem Platze aus ins Gespräch, »wenn Sie wüßten, wie er meinen Mann ausnutzt und ausbeutet. Die ganze Restauration des Schlosses in Mousseaux, die neue Galerie am Flusse, den Musikpavillon, die Kapelle, alles hat Védrine gemacht! Und vollends das Rosensche Grabmal! Er erhält nichts bezahlt als die Bildhauerarbeit, und der Aufbau, die ganze Idee, alles, alles ist von ihm, kein Strich von einem andern.«

»So laß ihn doch . . . laß ihn doch,« sagte der Künstler mit Seelenruhe. »Du lieber Himmel, dieses Mousseaux! Der Bengel würde ja unter dem Wust von Dummheit, den die Herren Baupfuscher seit dreißig Jahren drum und dran aufgestapelt hatten, nie ein einziges Gesims wieder herausgebracht haben, auch wenn er sich jämmerlich abgequält hätte; dazu kam die herrliche Gegend, die liebenswürdige Herzogin, die einem jeden lästigen Formenzwang erließ, und Freund Freydet, den man in Clos-Jallanges wieder aufgegabelt. . . . Und dann, wißt ihr, ich habe zu viele Ideen; sie beengen mich, sie reiben mich auf. . . . Mir davon abnehmen ist wirklich verdienstlich und schafft mir Erleichterung, . . . . Mein Gehirn hat einige Aehnlichkeit mit einem Rangierbahnhof, wo auf jedem Geleise Lokomotiven geheizt werden, um nach allen Himmelsrichtungen abzugehen. Das hat der junge Mann erfaßt, und da bei ihm Mangel an Erfindungskraft vorhanden, so bedient er sich der meinigen, nimmt meine Gedanken, stellt sie seinen Kunden zur Verfügung. Daß ich keinen Widerspruch erhebe, dessen ist er sicher, daß ich mich aber von ihm täuschen lasse, weniger! Ich weiß es immer schon im voraus, wenn er kommt, mir etwas wegzukapern . . . eine spöttische, großrednerische Miene, gleichgültiger, gelangweilter Blick, dann plötzlich ein nervöses Zucken des Mundwinkels. Hat ihm schon . . . wupp! In die Tasche damit! Im stillen denkt er natürlich: ›Gott, ist dieser Védrine ein Einfaltspinsel! Läßt sich nicht träumen, daß ich ihn plündre, ihn aussauge.‹ . . . Jetzt aber,« setzte der Bildhauer sich erhebend hinzu, »will ich dir meinen Paladin zeigen, dann sehen wir uns das Nest da drin an . . . wunderlich genug, sollst du sehen.«

Sie verließen die Terrasse, um in den Palast einzutreten, schritten die wenigen Stufen einer kreisförmigen Freitreppe hinan und traten in einen quadratischen Saal, das einstige Sekretariat des Staatsrates, der weder Boden noch Decke hatte. Die oberen Stockwerke waren eingestürzt und durch die weiten Zwischenräume der vom Feuer gekrümmten Eisenschienen, auf denen das Gebälk geruht hatte, blickte der blaue Himmel herein. In einer Ecke, wo eine große Zahl gußeiserner Röhren von Grün umrankt an der Mauer lehnten, lag mitten unter Brennnesseln und Schutt in drei Stücken ein kleines Gipsmodell des Rosenschen Grabmals.

»Du siehst«, sagte Védrine, »oder vielmehr nein, du kannst das ja nicht sehen . . .« und nun erklärte und schilderte er ihm das Monument. Leicht war es nicht gewesen, der Gräberphantasie der Fürstin gerecht zu werden; es hatte manchen Entwurf gekostet und viele Versuche waren gemacht, nach ägyptischen, assyrischen, ninivitischen Grabmotiven war gearbeitet worden, bis endlich Védrines Gedanke, über den die Architekten Zeter schreien würden, dem aber niemand Großartigkeit absprechen konnte, zur Reife gelangt und zur Ausführung angenommen worden. Ein Soldatengrab sollte es sein, so hatte er ein Zelt genommen, durch dessen zurückgeschlagene Vorhänge man im Inneren vor einem Altar den breiten, niederen, als Feldbett behandelten Sarkophag erblickt, auf dem der tapfere Kreuzesritter, der für seinen König und seinen Glauben in den Tod gegangen, ruhte, an seiner Seite den zerbrochenen Degen, zu seinen Füßen einen großen Jagdhund.

Die außerordentliche Härte des dalmatinischen Granites, auf dessen Verwendung die Fürstin nun einmal bestand, hatte die Arbeit sehr erschwert, und Védrine hatte Hammer und Meißel nehmen müssen, um unter dem Bretterverschlag auf dem Père Lachaise zu arbeiten wie ein Tagelöhner, jetzt aber stand der Felsblock endlich nach viel saurer Mühe und Not. »Und dieser Schlingel von einem Paul Astier wird Ruhm und Ehre davontragen,« setzte der Bildhauer lächelnd, ohne die geringste Spur von Bitterkeit hinzu. Dann hob er einen Teppich auf, der ein Loch in der Mauer, welches seiner Zeit eine Thür gewesen, verdeckte, und ließ Freydet in ein weites, mächtiges Vestibül treten, das sich einer Balkendecke erfreute und mit Strohmatten belegt war: über die zerfallenen, vielfach geborstenen Wände hingen Stoffe und Teppiche und das war Védrines Atelier. Wie ein etwas ungeordneter Schuppen oder noch eher wie ein bedeckter Hof sah das Ding aus, denn in einem Winkel, wo die Sonnenstrahlen lustig durch ein ungeheures Loch in der Decke hereindrangen, gedieh stolz und fröhlich ein Feigenbaum und breitete seine schön geformten Blätter weit aus, und nahe dabei machte der Rumpf eines geborstenen Ofens, der mit Epheu und Geißblatt dicht bewachsen war, den Eindruck eines alten Brunnens. Hier arbeitete er seit zwei vollen Jahren Tag für Tag, ohne sich von dem Nebel, den er vom nahen Flusse aus erster Hand empfing, oder von dem scharfen, eisigen Nordwind vertreiben zu lassen, »ohne einen einzigen Schnupfen«, wie er versicherte, friedlich und kraftvoll wie einer der großen Künstler der Renaissance, deren Vielseitigkeit und fruchtbare Phantasie er sein eigen nannte. Jetzt zum Beispiel hatte er an Bildhauerei und Architektur so vollauf genug, wie wenn er eine Tragödie geschrieben hätte. Am Tage, da die Figur aufgestellt und bezahlt sein würde, wollte er sich auf und davon machen, in einer Dahbieh mit feinem Zelt den Nil hinaufschiffen und »malen, malen vom Morgen bis zum Abend«. Während er so sprach, schob er einen Schemel, einen Modellierstuhl beiseite und führte seinen Freund vor eine riesige, erst aus dem Groben herausgearbeitete Figur. »Da ist mein Paladin . . . sag mir offen, wie du ihn findest.«

Freydet stand etwas verblüfft und verlegen vor dem Werke, dessen weit über Lebensgröße hinausgehende Verhältnisse, welche natürlich mit der Höhe des hier fehlenden Zeltes im Einklang standen, ihn verwirrten. Die stark hervortretende, kraftvoll ausgebildete Muskulatur, welche Védrines Arbeiten etwas Unfertiges, Vorsündflutliches, Lehmiges gibt, als ob das schöne Werk sich noch nicht recht vom Steine losgelöst hätte, eine Eigentümlichkeit, die in seinem Abscheu vor allem Geleckten begründet sein mag, trat hier in dem rissigen Thone noch übertriebener zu Tage, und trotzdem gewann die Riesengestalt des Kriegers, je mehr Freydet sehen und begreifen lernte, an Leben und stellte sich ihm endlich mit jenem siegenden, strahlenden Zauber dar, der eben die Schönheit in der Kunst ist.

»Herrlich!« sprach er im Tone echter Ueberzeugung.

»Aber nicht auf den ersten Blick?« sagte der andre mit einem humoristischen Zwinkern seiner gutmütigen Augen. »Man muß sich ein wenig einleben in meine Art, und es ist mir bange, daß die Fürstin, wenn sie den greulichen Kerl sieht . . .«

Paul Astier wollte sie in wenigen Tagen, wenn alles vollends ausgearbeitet, poliert und zum Abgang in die Gießerei fertig sein würde, herführen, und Védrine graute vor diesem Besuch, denn er kannte den Geschmack der vornehmen Damen; er hatte im »Salon«, an den Tagen der hohen Eintrittspreise dies schablonenhafte Geschwätz, das sich durch alle Säle fortpflanzt und lustig um die Skulpturen umherschwirrt, oft genug mitanhören müssen. Wie sie lügen, wie sie sich Zwang auferlegen! Aufrichtig und ernst gemeint ist nichts an ihnen als die nagelneuen Frühlingstoiletten, die zum erstenmal zu zeigen, der »Salon« die lang ersehnte Gelegenheit bietet.

»Ueberhaupt, Alterchen,« fuhr Védrine fort, indem er seinen Freund mit sich aus dem Atelier zog, »von allen Grimassen des Parisers, von allen Lügen der Gesellschaft ist keine so unverfroren, so pudelnärrisch wie die Kunstschwärmerei. Ein Possenspiel, in dem jeder mitwirkt und an das keiner glaubt – man könnte sich totlachen. Mit der Musik ist es ganz das nämliche . . . wenn Du sie sähest am Sonntag . . .«

Sie hatten einen langen Säulengang betreten, der gleichfalls von jener seltsamen Pflanzenwelt überwuchert war, deren von allen Himmelsrichtungen zusammengetragene Samenkörner hier keimten, den zertrümmerten Fußboden mit Grün bedeckten und sich zwischen den einst bemalten, jetzt geborstenen, flammengeschwärzten Wänden in üppiger Fülle hervordrängten; dann kamen sie in den Staatshof, dessen früher mit feinem Sande bestreuter Boden heute ein bunt mit Hafer, Wegerich, Steinklee und Kreuzkraut, dessen lange Stiele der Epheu wie kleine Thyrsusstäbe umschlungen hielt, bewachsenes Feld war, und in dessen Mitte ein mit Brettern eingezäunter und von Sonnenblumen umstandener kleiner Gemüsegarten sich heraushob, in dem Erdbeeren und Kürbisse reiften, ein Gärtchen, wie es sich ein erster Ansiedler am Saume des Urwaldes anlegt, welchem Eindruck auch ein im Hintergrunde stehendes rohes Backsteinhäuschen völlig entsprach.

»Gärtchen und Bude eines Buchbinders,« sagte Védrine mit dem Finger auf den Namen weisend, der in fußhohen Buchstaben über der offen stehenden Thür zu lesen war:

Albin Fage
Buchbinderarbeiten jeder Art.

Dieser Fage, der bei der Cour des Comptes und dem Staatsrat als Buchbinder beschäftigt gewesen und die Erlaubnis erhalten hatte, seine von den Flammen verschont gebliebene Behausung beizubehalten, war mit dem Portier der einzige Bewohner des Palastes. »Gehen wir zu ihm hinein,« sagte Védrine, »du siehst da einen originellen Typus.« Auf das Häuschen zugehend, rief er: »He! Papa Fage!« . . . aber die bescheidene Werkstatt war leer, der Arbeitstisch am Fenster mit Papierschnitzeln, großen Scheren zum Pappdeckelschneiden und unter der Presse liegenden grünen Folianten mit Metallecken beladen. Das Eigentümliche an dieser Einrichtung war, daß die Heftlade, das Tischgestell, der leere Stuhl davor, die Bücherbretter, auf denen die Bände aufgestapelt waren, ja der Rasierspiegel, welcher an einem Drehriegel hing, eins wie das andre so klein und niedrig war, daß ein Kind von zwölf Jahren alles bequem hätte erreichen und benutzen können; wie eine Zwergenhöhle oder eine Buchbinderwerkstatt im Lande Liliput sah sich das Ganze an.

»Es ist ein Buckliger,« flüsterte Védrine dem Freunde zu, »und zwar einer, der den Weibern nachläuft, sich parfümiert und pomadisiert.« Ein betäubender Dunst, in dem Rosenwasser und alle Düfte einer Friseurstube sich mit dem Kleister- und Leimgeruch verbanden, schlug ihnen entgegen. Védrine rief noch einmal laut nach dem Hintergrunde, wo sich das Schlafzimmer des Besitzers befand, dann gingen sie wieder hinaus, Freydet sehr belustigt über die Vorstellung eines buckligen Don Juan. »Vielleicht ist er in guten Verhältnissen, denn . . .«

»Du lachst. . . . Glaube mir, mein Lieber, dieser mißgebildete Mensch weiß die Gunst der hübschesten Weiber in Paris zu erringen, wenigstens ist seine Stube mit Photographieen tapeziert, die samt und sonders Namensunterschrift tragen und zärtliche Widmungen wie: ›Meinem Albin‹, ›Meinem teuren kleinen Fage‹ . . . und nicht etwa schmieriges Volk, nein, Mädchen vom Theater, die höhere Sorte dieses Handwerks. Hierher bringt er keine, aber von Zeit zu Zeit erscheint er nach einem Wanderleben von zwei, drei Tagen munter und schmunzelnd bei mir im Atelier und erzählt mir mit seinem häßlichen Grinsen und Mundaufreißen, daß er sich einen stolzen Oktavband oder ein niedliches Diamantausgäbchen zu Gemüt geführt habe, denn in diese Klassen teilt er, seinem Berufe getreu, seine Eroberungen je nach ihrem Format ein.«

»Und du sagst, er sei häßlich?«

»Ein Scheusal.«

»Ohne Geld?«

»Ein armseliger kleiner Buchbinder, Kartonarbeiter, der von seinem Verdienst und seinen Gemüsen lebt, dabei intelligent, von einer philologischen Gelehrsamkeit, einem Gedächtnis ohnegleichen. Wir treffen ihn jedenfalls noch in irgend einem Winkel des Palastes, wo er sich herumtreibt, denn er ist ein großer Lungerer und Träumer wie alle leidenschaftlichen Menschen. . . . Komm nur mit, aber sei vorsichtig und lasse deinen Pfad nicht außer Auge, er ist nicht gerade sehr eben und gefahrlos . . .«

Sie stiegen eine breite Treppe hinan, deren erste Stufen wie auch das verrostete, an manchen Stellen zersprungene und gekrümmte Geländer noch so ziemlich standhielten, dann kam man plötzlich auf eine nicht sehr zuverlässig aussehende, auf die Querbalken der Treppe gestützte hölzerne Brücke, die an hohen Mauern entlang führte, auf denen sich noch Reste großer, zerfressener, zerrissener und verwaschener Fresken ahnen ließen, da und dort tauchte die Kruppe eines Pferdes oder ein nackter Frauenkörper auf, und darüber stand auf einst vergoldet gewesenen zierlichen Gesimsen in kaum noch erkennbarer Schrift: »Das Nachdenken« . . . »Das Schweigen« . . . »Der Handel verbindet die Völker« . . .

Im ersten Stockwerk verlor sich ein langer gewölbter Gang, wie er sich in der Arena von Nimes oder Arles auch findet, zwischen rauchgeschwärzten, von Eidechsen bewohnten Mauern, die hie und da durch klaffende Spalten einen vollen Lichtstrahl hereinließen. Der Eingang zu dieser Galerie zeigte die Aufschrift: Corridor des huissiers. Ueberall lagen Trümmerhaufen von Stuccaturarbeit, geschmolzenem Blech, ein unentwirrbares Chaos. Alles war ungefähr wie im Bogengange des unteren Stockwerkes, nur daß hier von einer Decke nicht mehr die Rede, und daß der Gang nichts als eine lange, gestrüppbewachsene Terrasse war, von der die Schlingpflanzen, welche sich um die noch stehenden Säulen gerankt, in leichten, flatternden Zweigen bis hinunter hingen in den Staatshof. Von diesem oberen Geschoß aus aber überblickte man die Dächer der nahe gelegenen Häuser, die weißen Mauern der Kaserne in der Rue de Poitiers, die großen Platanen des herzoglich Padovanischen Palastes, in deren Wipfeln die bis zum Winter verödeten Nester der Krähen hin und her schwankten, und unmittelbar unter sich den einsamen Hof im hellen Sonnenglanz, den kleinen Buchbindergarten mit dem engbrüstigen Häuschen.

»Ist das nicht schön, Alterchen, prächtig!« sagte Védrine auf die wilde Vegetation weisend, die in solcher Ueppigkeit und wunderbarer Mannigfaltigkeit das ganze Gebäude umsponnen hatte . . . »wenn Krokodilus das ›Unkraut‹ sähe, wie würde er sich ärgern!« Plötzlich trat er einen Schritt zurück: »Na, wahrhaftig, da seh' doch einer . . .«

Unten in der Richtung des Buchbinderhäuschens war soeben Astier-Réhu erschienen, deutlich zu erkennen an seinem langen, flaschengrünen Rock und seinem breiten, niederen Cylinder, diesem am linken Seineufer berühmten Hute, der immer weit hinausgerückt auf den ergrauenden Locken saß und einen Heiligenschein um diesen Erzengel des Magistertums, den wackeren Krokodilus in Person bildete. Er war in lebhaftem Gespräch mit einem ganz kleinen Männchen begriffen, dessen unbedecktes Haupt von Pomade glänzte und dessen enganliegendes helles Röckchen den mißgebildeten Rücken so deutlich zur Anschauung brachte, als hielte sein Besitzer ihn für eine sonderliche Zierde. Die Worte konnte man nicht verstehen, aber Astier schien sehr erregt zu sein, fuchtelte mit dem Stocke umher und beugte seine lange Gestalt zum Gesicht des Kleinen herunter, der im Gegensatze dazu äußerst ruhig und bedächtig dreinsah, die Hände rückwärts unter seinem Buckel übereinandergelegt.

»Er arbeitet also auch fürs Institut, dieser Knirps?« fragte Freydet, der sich nun plötzlich erinnerte, den Namen Fage bei seinem Lehrer gehört zu haben. Védrine gab keine Antwort; er war allzu eifrig in die Beobachtung der beiden Männer vertieft, deren Unterredung ein plötzliches Ende erreichte, indem der Bucklige mit einer Handbewegung, die zu sagen schien: »Ganz, nach Belieben . . .« in sein Haus ging, während Astier-Réhu mit großen, zornigen Schritten dem Ausgang des Palastes nach der Rue de Lille zueilte, dann zögernd stillestand, sich umdrehte, den Rückweg einschlug und gleichfalls in das Haus des Buchbinders eintrat, das sich hinter ihm schloß.

»Wunderlich,« sagte der Bildhauer vor sich hin . . . »Weshalb hat mir Fage nie eine Silbe davon gesagt? . . . Was der kleine Kerl für Heimlichkeiten hat! . . . Am Ende, wer weiß, sucht der große Akademiker auch solche Oktavbände und Diamantausgäbchen, wie der Bucklige, und dieser hilft ihm dazu! . . .«

»O! Védrine!«

Freydet hatte seinen Besuch beendigt und schritt langsam am Quai d'Orsay hinauf, den Kopf voll Gedanken an sein Buch, seine ehrgeizigen Träume von einem Sitze in der Akademie, und dabei unsicher gemacht und erschüttert von den herben Wahrheiten, die er zu hören bekommen. Wie wenig man doch im ganzen genommen ein andrer wird! Wie früh unser Wesen schon seine bestimmte Richtung hat! . . . Nach fünfundzwanzig Jahren, mit Falten im Gesicht und ergrauendem Haar und allem, was das Leben einem umhängt und anthut, hatten sich die Schulfreunde von Louis-le-Grand wiedergefunden, wie sie einst auf derselben Bank gesessen hatten: Der eine leidenschaftlich, heftig, in ewiger Rebellion, der andre fügsam, gläubig, mit einem gewissen Mangel an Thatkraft, der sich in der Stille des Landlebens noch mehr entwickelt hatte. Schließlich hatte Védrine ja wohl recht – war es denn der Mühe wert, sich aufzuregen und abzuquälen, selbst angenommen, daß man das Ziel erreichen würde? Besonders im Gedanken an seine Schwester schreckte er davor zurück, sich all der Mühe zu unterziehen; die arme, hilflos ans Haus Gebundene mußte ja allein in Clos-Jallanges zurückbleiben, während er die für seine Kandidatur erforderlichen Schritte that, Besuche machte. Schon die wenigen Tage seiner jetzigen Abwesenheit waren für sie eine schmerzliche Entbehrung, ein Kummer, und er hatte aus ihrem heutigen Briefe eine tiefe Traurigkeit herausgelesen.

Er ging an der Dragonerkaserne vorüber, und der Anblick der Hungernden, welche auf der andern Seite der Straße warteten, bis der Ueberrest der Suppe verteilt wurde, entriß ihn seinem Nachdenken. Lange vor der Zeit hatten sie sich eingefunden, um ja nicht zu fehlen, wenn die Reihe an sie kam; auf den Bänken umhersitzend oder an die Brüstung des Quais gelehnt, erdfahl, schmutzig, mit verwildertem, wirrem Haar und struppigen Bärten, in greuliche Lumpen gehüllt, standen sie da, ohne sich zu rühren, ohne ein Wort zu sprechen, wie eine Herde, scharf beobachtend, ob im Hintergrunde des großen Hofes noch keine Soldatenschüsseln zum Vorschein kämen, und gierig auf das Zeichen des Adjutanten wartend, das ihnen den Eintritt gestattete. In dem hellen Sonnenscheine des klaren Tages war der Anblick dieser Reihe von wortlosen hungerigen Schnauzen, von verlangenden Augen, die alle mit demselben Ausdruck tierischer Gier auf die weit offen stehenden Thore gerichtet waren, entsetzlich.

»Was machen Sie denn da, liebes Kind?« Damit hatte Astier-Réhu, der strahlend seines Weges dahergekommen war, seinen Arm in den des ehemaligen Schülers geschoben. Er folgte mit den Augen der Handbewegung des Dichters, welcher ihm dies jammervolle Bild großstädtischen Elendes auf der gegenüberliegenden Seite der Straße wies. »In der That . . . in der That . . .« Aber die runden Augen des Schulmannes verstanden nur in Büchern zu lesen, von den Dingen dieses Lebens hatten sie keine Anschauung und wurden sie nicht berührt. Ja, man konnte aus der Art, wie er Freydet mit sich fortzog und ihm sagte: »Begleiten Sie mich doch ins Institut,« entnehmen, daß er solches Zeitvertrödeln in der Straße gar nicht billigte und eines ernsthaften Mannes nicht für würdig hielt. Leicht auf den Arm seines Lieblingsschülers gestützt, vertraute er ihm an, was sein Herz mit solchem Jubel, solcher Glückseligkeit erfüllte, welch wunderbaren Fund er eben gethan: einen Brief Katharina II. an Diderot, in dem sie sich über die Akademie äußert, und das gerade jetzt, da er mit der Anrede an den Großherzog beschäftigt war! Er gedachte, das Wunder aller Wunder in der Sitzung selbst vorzulesen und, je nachdem alles sich gestalten würde, seiner Hoheit das Autograph seiner erhabenen Verwandten im Namen der Akademie als Geschenk anzubieten. Jedenfalls würde der Baron von Huchenard vor Neid platzen.

»Da fällt mir ein, meine Handschriften Karl V., Sie wissen ja? . . . Verleumdung, reine Verleumdung. . . . Aber ich bin jetzt im Besitze der Mittel, um diesen Zoïle zu vernichten!« Dabei schlug er mit seiner großen, breiten Hand auf den Lederumschlag einer schweren Mappe, die er im Arme trug, und um im Drange seiner Herzensfreude auch Freydet in fröhliche Stimmung zu versetzen, lenkte er das Gespräch wieder auf ihre gestrige Besprechung und auf dessen Bewerbung um den ersten frei werdenden Sitz in der Akademie. Es müßte ja herrlich sein, wenn Lehrer und Schüler nebeneinander unter der Kuppel säßen! »Sie werden sehen, wie schön das ist, wie wohl man sich da fühlt . . . man macht sich gar keinen Begriff davon, ehe man drin ist.« Wenn man ihn so sprechen hörte, mußte man entschieden zu der Ueberzeugung gelangen, daß diese Pforte alles ausschloß, was Erdenleid und Kummer heißt. Bis an die Schwelle folgten sie dem Menschen, weiter nicht; die aber eingeführt waren, die schwebten hoch im reinen Aether, im ewigen Frieden, erhaben über Neid und Tadel, geweiht, geheiligt. Man war befriedigt, man nannte alles, alles sein, kein Verlangen regte sich mehr. . . . Ach! Diese Akademie! Ihre Lästerer waren es entweder, weil sie keinen Begriff von ihr hatten, oder aus eifersüchtigem Zorn, weil sie ihnen verschlossen war, dem Gesindel!

Seine mächtige Stimme ertönte so weithin, daß alle Vorübergehenden stehen blieben und sich umsahen; einzelne, die ihn erkannten, nannten den Namen Astier-Réhu. Die Buchhändler und Antiquare, Kuriositäten- und Kupferstichhändler, die unter ihrer Ladenthür standen und gewöhnt waren, den Meister zu regelmäßigen Stunden vorübergehen zu sehen, grüßten, indem sie ehrfurchtsvoll einen Schritt zurücktraten.

»Sehen Sie hin, Freydet!« rief sein Lehrer, ihm den Palast Mazarin, vor dem sie eben angelangt waren, zeigend. »Da ist es, mein Institut, da ist es, wie es vor meiner Seele stand seit meiner frühesten Jugend als Signet auf den Umschlägen der Didot. Damals schon habe ich mir gesagt: Da mußt du hineinkommen . . . und ich bin hineingekommen. . . . Nun ist die Reihe, zu wollen, an Ihnen, mein Sohn . . . auf baldiges Wiedersehen!«

Er trat mit raschem Schritt durch das linke Portal des Hauptgebäudes, eilte dann durch eine Reihe gepflasterter, feierlich schweigender, großer Höfe, in denen sein Schatten lang und immer länger dahinglitt.

Längst war er verschwunden, allein Freydet stand noch unbeweglich, ganz zurückgewonnen und sah ihm nach, und auf seinem guten, sonnverbrannten vollen Gesicht, in seinen milden, runden Augen lag derselbe Ausdruck, wie in den hungrigen Physiognomieen jener Tiermenschen, die vor der Kaserne ihres Töpfchens Suppe harrten. Von nun an war es entschieden, daß er das Institut nie mehr mit andern Augen werde ansehen können.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.