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Der Unsterbliche

Alphonse Daudet: Der Unsterbliche - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorAlphonse Daudet
titleDer Unsterbliche
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 3
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1888
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid571cb87a
created20061028
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Drittes Kapitel.

»Fräulein Germaine von Freydet

Clos-Jallanges bei Mousseaux
(Loire-et-Cher)      .

»Du sollst ganz genau wissen, Schwesterherz, wie ich meine Zeit in Paris zubringe. Ich habe im Sinn, während meines hiesigen Aufenthaltes jeden Abend zu schreiben und zweimal die Woche ein Briefpaket an Dich abgehen zu lassen.

»Also denn: Angekommen diesen Morgen – Montag. Abgestiegen wie immer in meinem ruhigen kleinen Hotel in der Rue Servandoni, wo ich vom ganzen großen Paris nichts höre als die Glocken von Saint Sulpice und das Getöse einer nahe gelegenen Schmiedewerkstatt, was mir nicht unlieb ist, weil das taktmäßige Eisengehämmer mich an unser Dorf gemahnt. Sofort zum Verleger gelaufen: ›Wann kommen wir heraus?‹

»›Ihr Buch? Ja, das ist ja schon vor acht Tagen erschienen.‹

»Erschienen und sogar schon wieder verschwunden in den grauenvollen Tiefen der Manivetschen Büchermacherei, die schnaubend, atemlos, immerzu neuen Schund in die Welt setzt. Just heute, am Montag, wurde ein großer Roman von Herrscher: ›Die Mänade‹ vom Stapel gelassen, in ich weiß nicht wie viel fünfzigtausend Exemplaren gedruckt, aufgestapelt bis an die Decke der Buchhandlung, in Ballen, Kisten umherstehend, und Du kannst Dir vielleicht denken, wie verblüfft und geistesabwesend mir die Commis Bescheid erteilten, mit welch erstaunter Miene, wie ein eben vom Monde Gefallener, mich der wackere Manivet anstarrte, als ich von meinem armseligen Band Verse und meinen Aussichten auf den Boisseau-Preis zu sprechen anfing. Ich ließ mir einige für die Mitglieder des Preisgerichtes bestimmte Exemplare geben und machte mich, indem ich mich zwischen bis an die Decke reichenden Bergen von ›Mänaden‹ durchdrängte, aus dem Staube. Im Wagen mein Buch angesehen, durchblättert; es gefiel mir nicht übel mit seinem ernsthaften Titel: ›Gott in der Natur‹; vielleicht hätte derselbe bei näherer Ueberlegung in etwas fetterer Schrift, ein bißchen mehr in die Augen fallend, gedruckt werden dürfen, aber einerlei! Dein hübscher Name Germaine auf dem Widmungsblatt wird uns schon Glück bringen. Zwei Exemplare Rue de Beaune bei den Astiers abgegeben, die ja, wie Du weißt, ihre Amtswohnung in dem Ministerium des Auswärtigen nicht mehr innehaben. Frau Astier hat aber ihren Empfangstag wie früher, und ich werde also am Mittwoch erfahren, was mein alter Lehrer von mir hält; drauf fahre ich direkt ins Institut, wo ich noch wie eine geheizte Dampfmaschine anlange.

»Es ist wahrhaftig etwas Wunderbares um diese fieberhafte Thätigkeit und Rührigkeit in Paris, wunderbar namentlich für unsereinen, der das ganze Jahr in der friedlichen Ruhe seiner Felder und Wiesen lebt. Picheral – Du erinnerst Dich des höflichen Herrn vom Sekretariat, der Dich vor drei Jahren in der Sitzung, in welcher mir der Preis erteilt wurde, so gut untergebracht hat – Picheral und seine Gehilfen traf ich vertieft in einem Geschwirr und Durcheinander von Namen und Adressen, die von einem Bureau zum andern getragen und gerufen wurden, mitten in einem Chaos von blauen, gelben und grünen Karten für Tribünen, Halbkreis, Stehplatz, Eingang A, Eingang B, kurz im Begriff, die Einladungen zu der großen jährlichen Sitzung, welche diesmal eine auf Reisen befindliche Hoheit mit ihrer Gegenwart beehren wird, nach allen Himmelsrichtungen zu erlassen. ›Bedaure unsäglich, Herr Vicomte‹ – Picheral nennt mich nie anders, wird wohl eine Reminiscenz an Chateaubriand sein – ›allein Sie müssen sich gedulden. . . .‹ ›Bitte, bitte, lassen Sie sich nicht stören, Herr Picheral.‹

»Der gute Mann ist köstlich und so außerordentlich höflich und höfisch, daß ich immer an unsre Anstandslektionen in der bedeckten Galerie bei der Großmutter in Jallanges denken muß – und dabei reizbar und heftig, wenn man ihm in die Quere kommt, wie unser einstiger Tanzlehrer. Ich hätte nur gewünscht, daß Du seine Unterredung mit dem Grafen Brétigny, dem gewesenen Minister und einem der großen Herren der Akademie, hättest mit anhören können. Derselbe kam, solange ich da warten mußte, und zwar um Diäten, die ihm nicht ausbezahlt worden, einzufordern. Du mußt nämlich wissen, daß der Akademiker für seine Anwesenheit bei einer Sitzung sechs Franken, den alten Sechsfrankenthaler, erhält: vierzig Mitglieder der Akademie sind es, thut zweihundertvierzig Franken per Sitzung, welche unter den Anwohnenden verteilt werden, derart, daß die den einzelnen treffende Summe natürlich um so größer ist, je kleiner ihre Zahl. Zugestellt erhält man den Betrag monatlich in Frankenthalern, welche in Säckchen von grobem Papier stecken, deren jedes einen mit Stecknadeln angehefteten weißen Zettel, wie ein Wäscheverzeichnis, trägt. Brétigny fand, daß die Rechnung bei ihm nicht stimme und daß er zwei Sitzungsgelder mehr zu fordern habe, und etwas Komischeres konnte man nicht sehen, als diesen steinreichen Mann, Präsidenten ich weiß nicht wie vieler Verwaltungsräte, der in einem eleganten Coupé vorgefahren kam, um seine zwölf Franken zu reklamieren. Er bekam nur sechs, welche ihm Picheral nach langem Hin- und Herreden sehr von oben herab wie einem Dienstmann zuwarf, die der Unsterbliche aber mit wahrer Herzensfreude einsackte. Wie wohl thut einem doch solch ein im Schweiße seines Angesichtes verdientes Stück Geld! Denn man darf ja nicht denken, daß in der Akademie gebummelt wird: Diese Vermächtnisse und Stiftungen, deren Zahl von Jahr zu Jahr zunimmt, die Arbeiten, die man lesen muß, die Berichte, die auszuarbeiten sind, und das Wörterbuch, und die Reden! ›Geben Sie Ihr Buch einfach ab, kommen Sie den Herren aber nicht vor die Augen,‹ hat mir Picheral gesagt, als er hörte, daß ich mich um den Preis bewerbe. ›Es macht unsre Herren wild auf die Bewerber, wenn man sie zu lesen zwingt und ihnen die Pistole auf die Brust setzt.‹

»In der That ist mir der Empfang, den ich bei Gelegenheit meiner letzten Preisbewerbung bei Ripault-Babin und Laniboire fand, unvergeßlich. Handelt es sich dagegen um eine hübsche Frau, so gestaltet sich die Sache freilich anders; Laniboire wird gemütlich, und Ripault-Babin, der gleich Feuer fängt, trotzdem er ein Achtziger ist, bietet der Kandidatin eine Eibischpastille an und meckert: ›Bitte, führen Sie das an Ihre Lippen . . . ich werde es hernach verzehren.‹ Die Geschichte ist mir, auf dem Sekretariat selbst, wo man die Unsterblichen mit liebenswürdiger Ungeniertheit behandelt, erzählt worden. ›Der Boisseau-Preis? Warten Sie 'mal . . . da haben Sie zwei Herzoge, drei Petdeloups, zwei Schnurranten.‹ In diese Klassen wird die französische Akademie im vertrauteren Büreaukreise eingeteilt; Herzoge sind die Adligen und die geistlichen Herren, unter dem Namen Petdeloup faßt man die Professoren und Gelehrten zusammen und unter Schnurranten sind Advokaten, Leute vom Theater, von der Presse, Romanschreiber etc. inbegriffen.

»Nachdem ich die Adressen meiner Petdeloups, Herzoge und Schnurranten in Empfang genommen, habe ich dem zuvorkommenden Picheral eins meiner Exemplare gewidmet, ein andres, der Form halber, dem armen Loisillon, dem ständigen Sekretär, bei dem es, wie man sagt, bald zu Ende gehen wird, und die übrigen habe ich in höchster Eile an den verschiedensten Enden von Paris verteilt. Es war ein herrlicher Tag; im Bois de Boulogne, durch das ich auf dem Rückwege von Ripault-Babin – ›führen Sie es zuerst an Ihre Lippen‹ – kam, dufteten Weißdorn und Veilchen so köstlich, daß ich mich ganz nach Hause versetzt fühlte in jene flüchtigen Frühlingstage, wo die Luft so frisch und kühl und die Sonne so heiß ist, und ein Verlangen, den ganzen Kram stehen zu lassen und nach Jallanges zu fahren, erfaßte mich mit Macht. Gespeist am Boulevard, ganz allein, trübselig, dann ins Théâtre français gegangen, wo der »Letzte Frontin« von Desminières gegeben wurde. Auch ein Preisrichter, der mein Geschick zu entscheiden hat, dieser Desminières, deshalb werde ich nur Dir sagen, wie mich seine Verse gelangweilt haben, dazu die Hitze, das Gas, kurz, das Blut stieg mir zu Kopfe. Die Schauspieler spielten, wie wenn sie vor Ludwig XIV. stünden; und während sie ihre Alexandriner abhaspelten, wie man eine Mumie aus ihren Leinenstreifen wickelt, ließ mir der Duft von Jallanges' Weißdornen keine Ruhe und ich mußte mir immer wieder die hübschen Verse von du Bellay, unsrem halben Landsmann, vorsagen:

Mehr preis' ich mir den Schiefer als kalten Marmors Glätte,
Mehr Anjous weiche Luft als salz'gen Hauch der See,
Und meinen Liré mehr als Palatinus' Höh',
Als Tibers Felsgeklüft, der Loire fruchtbar Bette.

»Dienstag. Den ganzen Morgen in Paris umhergelaufen, bei jeder Buchhandlung Station gemacht und mein Buch in der Auslage gesucht. Nichts als ›Die Mänade‹ . . . ›Die Mänade‹ . . . war überall zu sehen, mit dem breiten weißen Streifen: »soeben erschienen« darüber; höchstens von Zeit zu Zeit ein in die Ecke gedrängtes, schüchternes: »Gott in der Natur,« das recht jämmerlich dreinsah. Wenn gerade niemand auf mich acht hatte, zog ich es aus dem Bücherstoße hervor und legte es obenan, daß es recht in die Augen fallen mußte, aber kein Mensch blieb stehen. Doch, einer; am Boulevard des Italiens, ein Neger, ein höchst anständig und intelligent aussehender Mensch; fünf Minuten blätterte er in meinem Büchlein, dann ging er weiter, ohne es zu kaufen. Ich hatte nicht übel Lust, es ihm zu schenken.

»Drauf Frühstück in einem Winkel der englischen Taverne; Zeitungen gelesen. Nicht ein Sterbenswort über mich, nicht einmal eine kleine Annonce. Dieser Manivet ist auch von einer Nachlässigkeit! Ich zweifle, ob er das Buch überhaupt versandt hat, wie er mir versichert. Und dann erscheint jeden Tag etwas Neues, Paris ist mit Büchern überschwemmt. Ehrlich gesagt, es ist doch bitter, diese Verse, die man mit bebender Hand und pochendem Herzen in froher Schaffenslust, in fieberhaftem Drange niedergeschrieben, die einem so schön vorkamen, so dazu angethan, die Welt zu erfüllen, zu erleuchten, diese Verse nun so unbeachtet ihren Weg gehen zu sehen, fast weniger gekannt, als da sie einem noch dumpf und unklar im Kopfe schwirrten; eine Geschichte ungefähr wie die der Ballkleider, die unter enthusiastischem Beifall der Familie angelegt werden, von denen man sich einbildet, daß sie alles in den Hintergrund drängen, alles überstrahlen werden, und die sich dann im Lichte des Ballsaales spurlos in der Menge verlieren. Ach! Dieser Herrscher, der ist glücklich! Er wird gelesen, er wird verstanden. Wie oft habe ich den frisch erschienenen gelben Band von Frauen nach Hause tragen, aus Manteltaschen hervorblicken sehen. . . . Wir sind übel dran! Es ist alles recht schön und gut mit diesem sich über die Menge, außerhalb des Stromes Stellen, wir schreiben aber doch für diese Menge. Ob Robinson von allem abgeschnitten, auf seiner Insel, ohne Hoffnung, je ein Segel am Horizont auftauchen zu sehen, Verse gemacht haben würde, auch wenn er ein großer Dichter gewesen wäre? Lange über die Frage nachgedacht, wahrend ich, in dem ungeheuern Menschenstrom verloren wie mein Buch, durch die Champs Elysées hinausschlenderte.

»Ich trat den Heimweg an, um zum Diner in mein Hotel zurückzukehren. Trüb genug war mir zu Mute, wie Du Dir denken kannst. Plötzlich pralle ich auf dem Quai d'Orsay vor der grünumsponnenen Ruine der Cour des Comptes auf einen den Weg versperrenden, plumpen, zerstreuten Gesellen: ›Freydet!‹ – ›Védrine!‹ Du hast ihn ja keinenfalls vergessen, meinen Freund, den Bildhauer Védrine, der zur Zeit, als er in Mousseaux arbeitete, mit seiner jungen, reizenden Frau auf einen Nachmittag nach Clos-Jallanges herübergekommen ist. Er ist sich unverändert gleich geblieben, nur ein bißchen weiß an den Schläfen; an der Hand führte er das schöne Kind mit den fieberischen Augen, das Du damals so bewundertest, hoch erhobenen Hauptes, mit den langsamen, plastischen Bewegungen schritt er daher, stolz und frei, als ob er über dem Erdenleben in elysäischen Gefilden wandelte; in einiger Entfernung folgte seine Frau, einen Kinderwagen mit dem nach seinem Aufenthalt in der Touraine geborenen lachenden kleinen Mädelchen vor sich herschiebend.

»›Sie hat ihrer jetzt drei, mich mit eingerechnet‹, sagte mir Védrine, auf seine Frau zeigend, und allerdings liegt in dem Blick, mit dem sie den Gatten umfängt, die innige, friedenvolle Mütterlichkeit einer niederländischen Madonna, die anbetend vor ihrem Sohn und Gott kniet. Ueber die Brüstung des Quais gebeugt, haben wir lange geplaudert; es hat mir wohl gethan, diese Begegnung mit den braven Menschen. Dieser Védrine, das ist nun einmal ein Mensch, der sich um Erfolg, Publikum und akademische Preise den Teufel kümmert. Mit der Vetterschaft, die er hat, verwandt mit Loisillon, dem Baron Huchenard und andern, brauchte er nur zu wollen, seinen allzu herben Wein nur mit ein paar Tropfen Wasser zu verdünnen, und die Bestellungen wären da, der zweijährige Preis desgleichen, und morgen könnte er dem Institut angehören. Aber ihn reizt das alles nicht, nicht einmal der Ruhm. ›Ich habe ihn zwei oder dreimal gekostet, den Ruhm‹, sagte er mir, ›ich kenne die Geschichte, es ist, ja wie . . . wie wenn man zufällig die Cigarre verkehrt in den Mund steckt, genau dasselbe! Eine gute Cigarre, aber die brennende Seite mitsamt der Asche im Munde – das ist der Ruhm‹.

»›Ja aber Védrine, wenn Du weder um Ruhm noch um Geld arbeitest? –‹

»›Oh! Was das betrifft –‹

»›Ja, ja! Ich kenne Deine souveräne Verachtung für diesen Artikel . . . aber wofür mühst Du Dich denn so ab?‹

»›Für mich! Zu meiner persönlichen Freude, weil ich muß! Weil ich schaffen, mich ausdrücken muß!‹

»Dieser würde also auch auf einer wüsten Insel seine Arbeit fortsetzen. Das ist der wahre Künstler, rastlos, ungeduldig, voll des Dranges nach neuen Formen und, wenn er von der eigentlichen Arbeit ruht, das Verlangen nach dem nie Dagewesenen durch andre Materialien, andre Stoffe befriedigend. Er hat Majoliken gemacht, Emailarbeit, das herrliche Mosaik, das man in der Salle des gardes in Mousseaux bewundert. Sobald die Sache vollendet, die Schwierigkeit überwunden ist, greift er nach einer andern; gegenwärtig ist sein Dichten und Trachten, sich in der Malerei zu versuchen, und sobald sein Paladin, eine große Bronzefigur für das Fürst Rosensche Grabmal, vollendet sein wird, gedenkt er ›sich ins Oel zu stürzen‹, wie er sagt. Und seine Frau billigt alles, stimmt ihm immer bei, hilft ihm bei jedem neuen Steckenpferd in die Bügel, die wahre Künstlersfrau, schweigsam bewundernd, alles beseitigend, was das große Kind unsanft aus seinem Traume wecken könnte, jeden Stein aus dem Wege räumend, an dem der Fuß des Sternsehers sich stoßen könnte. Eine Frau, meine liebe Germaine, die einem die Ehe wünschenswert machen kann. Wenn ich eine zweite fände wie sie, so würde ich sie mit mir nach Clos-Jallanges nehmen, und ich weiß, Du würdest sie lieb haben; erschrick aber nicht, Schwesterherz, die Sorte ist selten und wir werden das Leben miteinander weiter führen bis ans Ende.

»Beim Auseinandergehen wurde verabredet, daß ich sie Donnerstag besuchen solle, nicht in ihrem Hause in Neuilly, sondern im Atelier am Quai d'Orsay, wo sie den Tag gemeinsam zubringen. Dieses Atelier scheint das außerordentlichste Ding von der Welt zu sein, ein Winkel der alten Cour des Comptes, wo, in Gestrüpp und Trümmern, unter den wuchernden Schlingpflanzen arbeiten zu dürfen, er herausgeschlagen hat. Nachdem sie von mir weg waren, drehte ich mich um und sah ihnen nach, wie sie den Quai entlang gingen, Vater, Mutter und Kinder, alle in das goldne Licht der untergehenden Sonne getaucht, das sie zur heiligen Familie verklärte; abends im Hotel sind mir ein paar Strophen darüber in Sinn gekommen, aber die Nachbarschaft beengte mich, ich wagte nicht recht, meine Stimme zu erheben. Dazu muß ich mein großes Zimmer in Jallanges haben, mit den drei Fenstern nach dem Flusse, und meine Rebengelände.

»Nun hätten wir ihn endlich den Mittwoch, den großen Tag mit seinen großen Neuigkeiten, über die Du recht eingehenden, gründlichen Bericht haben sollst. Ich gestehe Dir, daß ich meinem Besuch bei den Astiers mit einer gewissen Spannung entgegensah, die sich zum Herzklopfen steigerte, als ich das alte, feierliche, nach Feuchtigkeit riechende Treppenhaus in der Rue de Beaune betrat. Was wird man mir über mein Buch sagen? Wird mein alter Lehrer auch nur Zeit gefunden haben, es aufzuschlagen? Für mich ist ja das Urteil dieses vortrefflichen Mannes, der mir immer der Professor auf dem Katheder bleiben wird und dem gegenüber ich nie aufhören werde, mich als Schüler zu fühlen, sogar schwerwiegend. Sein unparteiisches und sicheres Urteil wird ohne Zweifel auch der Akademie, die den Boisseau-Preis zu erteilen hat, maßgebend sein. Ungeduld und Angst stürmten auf mich ein, während ich in dem großen Arbeitszimmer, welches der Meister an den Empfangstagen seiner Frau überläßt, eine Weile warten mußte.

»Ach! Wie anders hier, als in ihrer Wohnung im Ministerium! Der Schreibtisch des Historikers ist in eine Ecke geschoben und mit einem großen mit altem Stoff bezogenen Wandschirm, der zugleich einen Teil der Bibliothek verhüllt, maskiert. Dem Eintretenden gegenüber, am Ehrenplatz, hängt das Bild der noch jugendlichen Frau Astier; die Aehnlichkeit mit ihrem Sohne und auch mit dem alten Réhu, den ich seit kurzem kenne, ist eine ganz außergewöhnliche. Das Porträt ist von einer etwas düsteren Vornehmheit, kalt und glatt wie dieser große teppichlose Raum mit den dunkeln Vorhängen an den Fenstern, die auf einen noch dunkleren Hof hinausgehen. Aber Frau Astier braucht nur einzutreten, und die liebenswürdige Herzlichkeit ihrer Begrüßung schafft Licht und Wärme. Liegt es denn an der Pariser Luft, daß der Reiz eines Frauengesichtes sich weit über die Altersgrenze hinaus erhält, wie ein Pastellbild unter Glas? Um drei Jahre jünger geworden finde ich die zarte Blondine mit den hellen, scharfblickenden Augen. Zuerst hat sie von Dir gesprochen, Deiner lieben Gesundheit und hat großes Interesse an unserm Geschwisterhaushalt gezeigt, dann aber: ›Und Ihr Buch! Sprechen wir von Ihrem Buche! . . . Wie herrlich! Die ganze Nacht durch habe ich gelesen . . .‹ und dann folgte ein zart empfundenes Lob dem andern, zwei oder drei Verse wurden richtig citiert und mir die Versicherung gegeben, daß mein Meister Astier entzückt davon sei; er habe sie, für den Fall, daß er von seinen Handschriften nicht loskomme, beauftragt, mir das zu sagen. Rot ist mein Kopf in der Regel, jetzt muß ich aber bläulich geschimmert haben, wie am Schlusse eines Jagddiners; allein mit der frohen Stimmung war es bald zu Ende, infolge der vertraulichen Mitteilungen über ihre elende Lage, welche die arme Frau sich gedrungen fühlte, mir zu machen. Geldverluste, die Ungnade, in die sie gefallen, der Meister Tag und Nacht arbeitend an seinen historischen Büchern, deren Herstellung so langwierig und so kostspielig ist und die das Publikum nicht kauft. Dann ihr Großvater, der alte Réhu, den man unterstützen muß, weil er rein auf seine Diäten angewiesen ist und in seinem Alter, mit achtundneunzig Jahren, natürlich alle möglichen Bequemlichkeiten und Leckerbissen nötig hat. Freilich ist Paul ein vortrefflicher Sohn und fleißig und tüchtig, auch im besten Zuge, rasch vorwärts zu kommen, nur fordert der Beginn seiner Laufbahn endlose, schreckliche Opfer. Deshalb verschweigt und verbirgt ihm Frau Astier ihre Lage, gerade so wie ihrem Gatten, dem armen, guten, großen Manne, dessen schweren, gleichmäßigen Schritt ich über unsrem Kopfe vernahm, indes seine Frau mit bebenden Lippen mich fragte . . . nach Worten rang, um mich zu fragen . . . mühsam herausbrachte, ob ich . . . Ach! Das edle himmlische Wesen! Wie hätte ich den Saum ihres Gewandes küssen mögen! Jetzt weißt Du auch, herzliebe Schwester, was die Depesche zu bedeuten hat, die Du heute von mir erhalten, und für wen die zehntausend Franken bestimmt sind, die postwendend an mich abgehen zu lassen ich Dich bitte. Ich nehme an, daß Du sofort zu Gobineau geschickt hast. Direkt habe ich mich nicht an ihn gewendet, weil wir zwei, Du und ich, in allem ›halb und halb‹ machen und unsre Regungen von Großmut und Mitleid gemeinsam sein sollen, wie alles übrige. Aber, Liebste, es hat etwas Erschreckendes, diese vornehme, glänzende, ruhmredige Pariser Außenseite, hinter welcher sich solche Schmerzen bergen.

»Fünf Minuten nach diesen peinvollen Geständnissen fand sich Gesellschaft ein, der Salon füllte sich, Frau Astier sprach und antwortete mit vollständiger Ruhe und Sicherheit, heiterer Stimme und glücklichem Gesichtsausdruck, daß mich ordentlich eine Gänsehaut überlief. Gesehen habe ich Frau Loisillon, die Gattin des Sekretärs, die bedeutend besser daran thun würde, bei ihrem Kranken zu bleiben, als die Gesellschaft durch Aufzählung aller Reize und Vorzüge ihrer entzückenden Wohnung, der komfortabelsten des ganzen Institutes, die jetzt drei Zimmer mehr hat, als zu Villemains Zeiten, zu ermüden. Wenn sie das nicht mindestens zehnmal mit ihrer rauhen Stimme und schreiend wie ein Gefängnisaufseher wiederholt hat, müßte ich mich sehr getäuscht haben, und das im Hause einer Freundin, die sich in engen Räumen, im ehemaligen Quartier einer Kostgeberei behelfen muß.

»Bei Frau Ancelin, einem Namen, der in den fashionablen Zeitungen häufig genannt wird, ist derartiges nicht zu fürchten. Die gute, dicke, runde Dame mit dem roten Puppengesicht ist wohl eins der liebenswürdigsten Menschenkinder und flötet jedes Wort, das sie spricht, oder vielmehr aufgelesen hat und weitergibt. Auch sie hat die ganze Nacht damit hingebracht, mein Buch zu lesen, was, danach zu schließen, wohl eine landläufige Redensart sein muß. Uebrigens steht ihr Salon mir sperrangelweit offen, und derselbe ist einer von den dreien, wo sich die hohe Akademie einfindet und verkehrt. Picheral würde wohl meinen, daß Frau Ancelin, die eine Theaternärrin ist, am liebsten die Schnurranten empfange, Frau Astier die Petdeloups und die Padovani die Herzöge, den hohen Adel des Institutes mit Beschlag belege. So streng ist die Trennung nun eben nicht und diese drei Wohnstätten des Ruhmes und der Intrigue haben Verbindungsthüren, denn ich habe am Mittwoch in der Rue de Beaune Unsterbliche jeder Kategorie angetroffen: Danjou, den Dramatiker, Rousse, Boissier, Dumas, de Brétigny, den Baron Huchenard, den Mann der Inschriften und schönen Wissenschaften, und den Fürsten Athis, Mitglied der Akademie für politische und allgemeine Wissenschaft. Ein vierter Salon ist noch im Entstehen, der einer Frau Eviza, einer Jüdin mit vollen Wangen, schmalen, langgeschlitzten Augen, die mit dem ganzen Institut, dessen Farben sie trägt, ja dessen grüne Stickerei sie auf einer frühlingsfrischen Weste nachgeahmt hat, so gut wie den zweischlangigen Merkursstab auf ihrem Hütchen, aufs ernstlichste kokettiert, aber kokettiert bis an die Grenze des Erlaubten! Ich hörte sie zu Danjou, den sie dringend aufforderte, zu ihr zu kommen, sagen: Bei Frau Ancelin heißt es: ›Hier wird diniert‹, bei mir: ›Hier wird geliebt‹.

»›Der Mensch muß beides haben . . . Wohnung und Nahrung‹, erwiderte Danjou, den ich unter seiner harten, unbeweglichen Maske mit dem dichten schwarzen Wollhaar eines römischen Hirten, für einen vollkommenen Cyniker halte, kalt und ruhig. Eine hübsche Schwätzerin, diese Frau Eviza, von einer unerschöpflichen Gelehrsamkeit. Dem alten Baron Huchenard citierte sie ganze Sätze aus seinen ›Höhlenbewohnern‹, und mit einem blutjungen Zeitungskritiker in gemessener, feierlicher, tadelloser Haltung, mit sehr hohem Hemdkragen unter dem spitzen Kinn, unterhielt sie sich über Shelley.

»In meiner Jugend pflegte man zuerst mit Versen aufzutreten, um dann irgend einen Weg einzuschlagen, sei's zur Prosaschriftstellerei, in die Beamtenlaufbahn oder in die Advokatur. Jetzt beginnt man als Kritiker und zwar womöglich mit einer Studie über Shelley. Frau Astier hat mich mit diesem jungen Herrn, dessen Aussprüche in der litterarischen Welt schon in die Wagschale fallen, bekannt gemacht, aber mein Schnurrbart und mein Anstrich vom soldatischen Landmann werden ihm wohl nicht behagt haben, und so haben wir uns auf wenig Worte beschränkt und ich konnte wieder meine Beobachtungen anstellen über die Komödie, welche Kandidaten und Frauen oder Verwandte derselben aufführen, wie sie kommen, um sich zu zeigen, um den Leuten auf den Zahn zu fühlen. Ripault-Babin ist ja sehr alt und Loisillon am Erlöschen, folglich zwei Sitze zu vergeben, um die man sich jetzt schon Dolchblicke zuwirft und giftige Reden gegeneinander führt.

»Weißt Du, daß Dalzon, Dein Liebling unter den Romanschreibern, da gewesen ist? Ein ehrliches, gutes, geistvolles Gesicht, gerade wie sein Talent, nur hätte es Dir weh gethan, ihn de- und wehmütig schweifwedeln zu sehen vor einer Null wie Brétigny, der nie etwas geschaffen hat, der in der Akademie keine andre Rolle spielt, als die des Weltmannes, die des ›Armen‹ aus der Provinz in der Tischgesellschaft aus den Tagen der Könige. Aber nicht nur um Brétigny hat er sich so bemüht, sondern um jeden Akademiker, der hereinkam; mit größter Aufmerksamkeit ließ er sich vom alten Réhu Anekdoten erzählen, brach beim geringsten Witzwort Danjous in jenes schülerhafte, erbärmliche Gelächter aus, das Védrine im Gymnasium das ›Professorenlachen‹ nannte, und das alles, um die zwölf Stimmen, die er letztes Jahr gehabt, bis zur nötigen Majorität zu vermehren.

»Eine Weile lang fand sich auch der alte Jean Réhu bei seiner Tochter ein; wunderbar, wie frisch und kerzengerade er daherkommt, fest zusammengeschnürt in seinem langen Rocke, das kleine Gesicht eingeschrumpft, wie wenn es am Feuer getrocknet wäre, der Bart kurz und wollig, wie das Moos, das auf alten Steinen wuchert. Die Augen sind voll Leben, das Gedächtnis von einer wunderbaren Treue, nur ist er zu seinem großen Schmerz leider taub und also in der Gesellschaft zu Monologen verurteilt, in welchen er persönlich Erlebtes interessant vorträgt. Heute beschrieb er uns die Kaiserin Josephine, die er seine Landsmännin nennt, da sie beide Kreolen von der Insel Martinique sind, und ihre Umgebung in Malmaison; er schilderte sie in ihren Musselinkleidern und Shawls, nach Moschus duftend, daß man beinahe umkam, und zu allen Zeiten mit Blumen aus den fernen Kolonialstaaten umgeben, welche die feindlichen Flotten, selbst während der Kriege, ritterlich genug waren, passieren zu lassen. Auch von Davids Atelier in den Tagen des Konsulates sprach er, machte den Maler nach, wie er mit der geschwollenen Backe, dem schiefen Munde, der immer voll Brei zu sein schien, seine Schüler, die er alle duzte, grob und rauh zurechtwies. Und am Schluß jeder solchen Geschichte nickt dieser Augenzeuge einer längst vergangenen Zeit mit dem Kopfe, sieht wie in weite Ferne hinaus und sagt mit lauter Stimme: ›Ich habe das miterlebt, ich‹ . . . gerade als wollte er dem Bilde zum Beweise der Echtheit seine Namensunterschrift beisetzen.

»Uebrigens war ich der einzige, der an den Erzählungen der Patriarchen Interesse nahm, Dalzon freilich ausgenommen, der mit gut erheuchelter Spannung an seinen Lippen hing. Jedenfalls war mir diese Unterhaltung weit anziehender, als die Histörchen eines gewissen Lavaux, eines Zeitungsschreibers oder Bibliothekars, was weiß ich, jedenfalls aber eines entsetzlich geschwätzigen, von allem unterrichteten Menschen. Sobald er sich blicken ließ, rief man: ›Ach! Lavaux . . . Lavaux ist da . . . Lavaux‹ . . . und sofort bildet sich ein Kreis um ihn, man lacht, man zankt sich; der wortkargste, noch so finster blickende Unsterbliche erheitert und erwärmt sich bei den Anekdoten des fetten Mannes mit dem heuchlerischen, glattrasierten, kupferfarbigen Pfaffengesicht und den runden Augen, dessen Reden und Klatschereien reichlich gespickt sind mit: ›Ich sagte zu von Broglie. . . . Dumas hat mir neulich erzählt. . . . Ich weiß das von der Herzogin‹ . . . und immer mit großen Namen und Berühmtheiten aller Art geschmückt. Von allen Damen, denen er das Neueste über den Stand der akademischen, litterarischen, politischen und gesellschaftlichen Intriguen mitteilt, verhätschelt und gefeiert, thut er sehr vertraut mit Danjou, den er Du nennt, ebenso mit dem Fürsten Athis, in dessen Gesellschaft er hereinkam, behandelt Dalzon von oben herunter und den jugendlichen Kritiker Shelleys nicht minder, und besitzt offenbar eine Macht und ein Ansehen, die ich mir in keiner Weise erklären kann.

»Aus dem Anekdotenplunder, der in unerschöpflicher Fülle seinem Rüssel entströmte und der größtenteils für einen naiven Provinzler wie mich rätselhaft war, hat mich nur eine gefesselt: das Abenteuer eines jungen päpstlichen Offiziers, des Grafen Adriani, der mit seinem Vorgesetzten durch Paris reiste, um, ich weiß nicht wem, Hut und Käppchen eines Kardinals zu überbringen, und diese beiden Zeichen geistlicher Würde bei einer Schönen zurückließ, welcher er auf dem Bahnhof gerade beim Herausspringen aus dem Wagen begegnet war und von welcher der arme nach Paris hereingeschneite Junge weder Namen noch Wohnung wußte. Blieb also nichts andres übrig, als nach Rom zu schreiben und um einen Ersatz dieser priesterlichen Kopfbedeckungen zu bitten, mit welchen das Mädchen schwerlich viel anzufangen gewußt hat. Das Pikante an der Sache ist, daß dieser kleine Adriani der eigne Neffe des Nuntius ist und daß er in der letzten Soiree bei der Herzogin – man sagt hier auch einfach die Herzogin so gut wie in Mousseaux – seine Geschichte in aller Harmlosigkeit und in einem köstlichen Sprachgemengsel, das Lavaux vortrefflich nachmacht, selbst erzählt hat. Im Bahnhof sagt Monsignore zu mir: ›Pepino, trage den Kardinalshut . . . das Zucchetto hatte ich schon . . . mit dem Hut sind es gewest zwei Dinge.‹ Und das Augenrollen des feurigen jungen Papisten, als er vor der Dirne wie angenagelt stehen blieb: ›Bella, bellissima! Christo! Wie schön du seiest!‹

»Während alles lachte, kicherte und durcheinanderrief: ›Ach! . . . Dieser Lavaux . . . dieser Lavaux‹ . . . fragte ich die neben mir sitzende Frau Ancelin: ›Was ist denn dieser Herr Lavaux? Was thut er eigentlich?‹ Die gute Dame schien ganz verblüfft über meine Frage; ›Lavaux . . . Sie wissen nicht? . . . Ja aber, er ist ja das Zebra der Herzogin‹ . . . damit lief sie von mir weg, um Danjou etwas zu sagen, und ich war so klug wie zuvor. Diese Pariser sind eine sonderbare Menschensorte und ihr Sprachschatz erneuert und verwandelt sich mit jedem Jahre. Zebra, ein Zebra! Was in aller Welt soll das heißen? Drüber fällt mir ein, daß ich meinen Besuch unerlaubt lange ausdehne und daß mein Meister Astier nicht herunterkommt. Es heißt also den Rückzug antreten. Ich winde mich zwischen den Stühlen durch, um mich bei der Frau des Hauses zu verabschieden: im Vorübergehen bemerke ich Fräulein Moser, die an Brétignys weißer Weste Thränen vergießt. In den zehn Jahren, die er sich um einen Sitz im Institut bewirbt, hat der arme Moser ein wenig den Mut verloren und schickt statt seiner die Tochter, die, etwas ältlich und gar nicht hübsch, sich allen Leiden einer Antigone unterzieht, Treppen erklettert, den Akademikern und ihren Frauen Frondienste thut, Korrekturen liest, Besorgungen macht, bald den bald jenen bei rheumatischen Schmerzen pflegt und all die Muße, die ihr trauriges Zölibat ihr gewährt, für die Jagd nach dem Fauteuil verwendet, den ihr Vater nie erlangen wird. In ihrem armseligen schwarzen Kleidchen, mit der unvorteilhaften Frisur und der verschüchterten Haltung steht sie, den Ausgang versperrend, unweit von Dalzon, der sich in großer Erregung gegen zwei Akademiker mit richterlichen Mienen zur Wehr setzt und mit erstickter Stimme einwendet: ›Unwahr . . . eine elende Verleumdung! . . . Habe das nie geschrieben.‹ »Sehr geheimnisvoll . . . Frau Astier, die mir wohl eine Aufklärung zu geben im stande wäre, ist selbst in angelegentlicher Unterredung mit Lavaux und dem Fürsten Athis.

»Du hast ihn gewiß gesehen, diesen Athis, im Wagen mit der Herzogin auf der Straße von Mousseaux, Samy, wie man ihn nennt, ein langer, schmaler, kahlköpfiger, verlebter Geselle, das welke Gesicht wachsweiß, ein schwarzer Bart bis auf die Brust herab, als ob alle die Haare, welche oben fehlen, sich hierher geflüchtet hätten; ein Mensch, der den Mund nicht aufthut und in dessen Blick, so oft er einen ansieht, eine gewisse Entrüstung zu lesen ist, daß andre Leute in derselben Luft mit ihm zu atmen wagen. Er ist bevollmächtigter Minister, eine zugeknöpfte, zurückhaltende Persönlichkeit, ganz im englischen Stil – er ist ein Großneffe von Lord Palmerston – und wird im Institut wie am Quai d'Orsay sehr hoch geschätzt. Er scheint der einzige unsrer Geschäftsträger zu sein, der selbst Bismarck imponiert hat; jetzt, sagt man, sei er auf dem Punkte, einen der bedeutendsten Botschafterposten zu übernehmen. Was wird dann aus der Herzogin? Wird sie mit ihm gehen? Paris verlassen, das wäre sehr hart für diese Frau. Und dann wäre es auch sehr die Frage, wie man im Auslande dieses Verhältnis auffassen würde, das man hier als einfache Thatsache annimmt und das man, dank ihrer Haltung, den nach außen bewahrten Rücksichten und dem traurigen Zustande des halbgelähmten, zwanzig Jahre älteren Gatten, der überdies ihr Onkel ist, sich als eine rechtmäßige Ehe anzusehen gewöhnt hat.

»Ohne Zweifel waren es eben diese schwierigen Fragen, in deren Erörterung der Fürst mit Lavaux und Frau Astier begriffen war, als ich zu ihnen trat. Als neuer Ankömmling, gleichviel in welchem Kreise, hat man sehr bald inne zu werden, wie wenig man dazu gehört; nichts ist einem vertraut und verständlich, weder Worte noch Gedanken, überall ist man ein Ueberlästiger. Ich war im Begriff zu gehen, als die gute Frau Astier mich zurückruft: ›Besuchen Sie ihn doch in seinem Vogelkäfig . . . er wird sich so herzlich freuen‹ . . . und ich steige natürlich sofort auf einer schmalen geheimen Treppe zu meinem Lehrer hinauf. Aus der Tiefe des Ganges vernehme ich seine klangvolle Stimme: ›Sind Sie es, Fage?‹

»›Nein, mein guter Meister.‹

»›Ach! Freydet! Nehmen Sie sich in acht, bücken Sie sich. . . .‹

»Allerdings nicht die geringste Möglichkeit, diesen Hängeboden aufrecht zu betreten – ach, wie anders in der hohen, mit Wappengestalten tapezierten Galerie im Archiv des auswärtigen Amtes, wo ich ihn zuletzt gesehen.

›Ein Hundeloch, nicht?‹ sagte der prächtige Mann lächelnd. ›Aber wenn Sie wüßten, welchen Reichtum, welche Schätze . . .‹ Und dabei wies er auf eine große Mappe mit Handschriften, die vielleicht zehntausend der seltensten von ihm im Laufe der letzten Jahre zusammengetragenen Autographe enthalten mochte. ›Da steckt Geschichte drin, ja, ja,‹ wiederholte er, sich aufrichtend und seine Lupe hin und herschwenkend, ›Neues und Wahres, sie mögen sagen, was sie wollen.‹

Im Grunde jedoch erschien er mir tief verstimmt und höchst reizbar. Man hat ihm auch übel genug mitgespielt. Erst durch gewaltthätige Entlassung und dann, als er, auf gründliche Quellenforschung gestützt, fortfuhr, Bücher herauszugeben, ist die Behauptung laut geworden, er habe Schriftstücke aus den bourbonischen Familienarchiven entwendet. Und woher rührte diese Verleumdung? Sie kam aus der Mitte des Institutes selbst, von keinem andern als diesem Baron Huchenard, der sich den König der Autographenfreunde nennt und den die Astiersche Sammlung zur Verzweiflung bringt. Daraufhin ist ein Krieg auf Tod und Leben ausgebrochen, ein Krieg, in dem Heuchelei und Treulosigkeit die Waffen führen und jeder Angriff heimtückisch und meuchlerisch geschieht. ›Bis auf meinen Karl V. hinaus . . . meine Handschriften von Karl V. . . . auch die fechten sie mir jetzt an! Und mit was für Gründen frage ich Sie? Einer Lappalie, eines Schreibfehlers wegen. . . . Meister Rabelais statt Bruder Rabelais . . . als ob die Federn der Kaiser sich nicht auch irren könnten. . . . Eine Schlechtigkeit! Ganz erbärmlich!‹ Und als er sah, wie ich seine Entrüstung teilte, drückte mein guter Meister mir herzlich die Hände und rief: ›Lassen wir das häßliche Zeug ruhen. . . . Meine Frau hat Ihnen doch gesagt, über Ihr Buch – nicht? Für meinen Geschmack immer noch ein bißchen zu viel drin . . . aber gleichviel, ich bin zufrieden!‹ Was er in meinen Versen ›zu viel‹ findet, ist das Unkraut der Einbildungskraft, der Phantasie; im Gymnasium schon hat er das bekämpft, hat es mit Feuer und Schwert verfolgt, ausgerupft und ausgejätet. Jetzt aber merke wohl auf, Germaine, Du sollst den Schluß unserer Unterredung Wort für Wort haben: Ich: ›Glauben Sie wirklich, Meister, daß ich einige Aussicht auf den Boisseau-Preis habe?‹

Er: ›Nach diesem Buche, mein lieber Sohn, handelt es sich für Sie nicht mehr um einen Preis, sondern um einen Sitz in der Akademie. Loisillon pfeift aus dem letzten Loch, Ripault kann nicht mehr länger vorhalten. . . . Rühren Sie sich nicht von der Stelle, lassen Sie mich nur machen. . . . In meinen Augen steht Ihre Kandidatur fest. . . .‹

Was ich gesagt oder geantwortet habe? Ich weiß es nicht. Meine Aufregung, mein innerer Jubel waren so groß, daß ich noch zu träumen glaube. Ich! Ich! Mitglied der französischen Akademie! O pflege Dich, Schwesterherz; mach, daß Deine verwünschten Beine gesund werden und Du nach Paris kommen und an dem großen Tage Deinen Bruder mit dem Degen an der Seite, im grünen palmengestickten Frack seinen Platz einnehmen sehen kannst bei denen, die Frankreich seine berühmten Männer nennt. Ach! Der Kopf schwindelt mir; ich küsse Dich und will mich schlafen legen.

Dein Bruder, der Dich sehr lieb hat,

Abel von Freydet.

Du kannst Dir wohl denken, daß ich all meine Einkäufe, Samen, Setzlinge, Sträucher, in diesem ereignisreichen Leben vergessen habe, soll aber doch besorgt werden, denn ich bleibe jedenfalls noch einige Zeit hier. Astier-Réhu hat mir sehr auf die Seele gebunden, nirgends etwas zu äußern, aber die akademischen Kreise zu besuchen. Mich zeigen, gesehen werden, das ist jetzt die Hauptsache.

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