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Der Unsterbliche

Alphonse Daudet: Der Unsterbliche - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorAlphonse Daudet
titleDer Unsterbliche
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 3
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1888
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid571cb87a
created20061028
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Zweites Kapitel

Prr! . . . Prr! . . . Auf dem zweiräderigen englischen Wägelchen, das er selbst in tadellos strammer Haltung, die Zügel hoch, lenkt, saust Paul Astier in raschem Trabe seinem geheimnisvollen geschäftlichen Frühstück zu, vorüber am Pont Royal, den Quais, der Place de la Concorde. Der Morgen ist so herrlich, der Weg so eben, daß er mit ein bißchen Phantasie im Kopf sich auf Fortunas Schwingen durch diese Dekoration von Terrassen, Springbrunnen, Grün und Strom getragen wähnen könnte, aber der junge Mann hat keine mythologischen Anwandlungen, er prüft im Fahren den blanken Beschlag des Riemenwerkes und zieht bei dem vierschrötigen, neben ihm eingespeidelten jungen Groom mit der großsprecherischen, bärbeißigen Miene eines kleinen Rattenfängers Erkundigungen nach dem Getreidehändler ein. Auch einer von denen, dieser Getreidehändler, die bei jeder Lieferung brummiger werden und bezahlt sein wollen. »So so!« sagt Paul zerstreut, denn er denkt längst an andres. Die vertraulichen Mitteilungen seiner Mutter gehen ihm im Kopfe herum. . . . Die schöne Antonia, dreiundfünfzig Jahre alt! . . . Dieser Nacken, diese Schultern, in der ganzen Saison hat das Ballkleid keine tadelloseren Formen enthüllt. Es ist nicht zu glauben, mit dem besten Willen nicht. »Hallo! Prr! . . .« Er erinnert sich ihrer, wie sie letzten Sommer in Mousseaux bei Tagesanbruch, wenn der Tau noch lag, den Park mit ihren Hunden durchstreifte, die Haare im Winde flatternd, die Lippen frisch und rosig. . . . Das sah doch wahrhaftig nicht nach einer künstlich zurechtgemachten Schönheit aus! Und dann eines Tages im Wagen, was hatte er da für einen Rüffel erhalten, einen Rüffel wie ein Sklave, freilich nicht mit Worten, nein nur mit einem einzigen Blick, weil er ein Bein gestreift hatte, das Bein einer Hebe, schlank, fein, elastisch. . . . Dreiundfünfzig Jahre alt sollte dieses Bein sein? Nie und nimmer! »Ho, ho! Achtung! Ein verwünschtes Ausweichen an dieser Biegung der Avenue d'Antin. . . .« Alles einerlei! Aber es ist und bleibt ein häßlicher Streich, den man dieser armen Frau spielt, indem man ihren Fürsten verheiratet. Und schließlich, die Mama mag sagen, was sie will, der Salon der Herzogin hat ihnen allen gehörig Nutzen gebracht. . . . Wäre denn der Vater Akademiker geworden ohne diese Frau; und er selbst und all' seine Aufträge. . . . Und die sichere Erbschaft Loisillons, die Aussicht auf die herrliche Wohnung unter der Kuppel. . . . Nein, die Weiber sind scheußliche Geschöpfe. . . . Und dabei die Männer – dieser Athis, wenn man bedenkt, was sie für ihn gethan hat! Ruiniert, abgebrannt, ein Lump war er, als sie sich kennen lernten, heute ist er bevollmächtigter Minister, auf Grund eines Buches über: »Die Mission der Frau in der Gesellschaft«, von dem er keine Silbe geschrieben, Mitglied der Akademie der »Sciences politiques et morales«. Und während sie Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um ihm einen Botschafterposten zu angeln, wartet er nur die Ernennung im »Officiel« ab, um sich aus dem Staube zu machen und nach fünfzehn Jahren ungetrübten Glückes seiner Herzogin den Hund vor die Füße zu werfen. . . . Erfaßt hatte er sie, die »Mission der Frau in der Gesellschaft«. Man mußte sich in der That vornehmen, es ihm nachzuthun und nicht ewig ein Gimpel zu bleiben. »Ho ho! . . . Vorwärts, wenn's beliebt.«

Der Monolog ist zu Ende, der Wagen hält vor einem reichen Hause der Rue de Courcelles, dessen Portal langsam und zögernd die schweren Flügel aufthut, als ob es ganz außer Uebung wäre, diese Pflicht zu erfüllen.

Hier lebte die Fürstin Colette von Rosen seit ihrer Trauer und der tragischen Katastrophe, die sie mit sechsundzwanzig Jahren zur Witwe gemacht, in klösterlicher Zurückgezogenheit. Die Chronik der vornehmen Welt hat mit lauten Trompetenstößen von der Verzweiflung der jungen Witwe, den blonden Haaren, die kurz abgeschoren und dem Gatten in den Sarg gelegt worden waren, dem in eine Totenkapelle verwandelten Zimmer, den einsamen Mahlzeiten mit zwei Gedecken, dem Hut und Stock und den Handschuhen des Fürsten, die Tag für Tag auf ihrem bestimmten Platz im Vorzimmer liegen mußten, wie wenn er noch da wäre und ausgehen wollte, Bericht erstattet; wovon aber kein Mensch gesprochen hat, ist die liebevolle Hingebung und die fast mütterliche Sorgfalt, welche Frau Astier unter diesen schmerzlichen Verhältnissen für die »arme Kleine« an den Tag gelegt hat.

Die Bekanntschaft der beiden Damen geht einige Jahre weiter zurück und schreibt sich von der Zeit her, da der Fürst Rosen für ein historisches Werk, über welches Astier-Réhu Berichterstatter gewesen, von der Akademie einen Preis erhalten hatte, allein erst die Trauer der Fürstin überbrückte die Kluft, welche durch Verschiedenheit des Alters und der Lebensstellung die beiden Frauen naturgemäß trennte. Frau Astier allein war in den vollständigen Bruch mit der Gesellschaft nicht eingeschlossen, sie allein überschritt die Schwelle des zum Kloster gewordenen Palastes, in dem die arme schwarze Karmeliterin mit dem kahlgeschorenen Haupt ihr Schicksal beweinte; ihr allein war gestattet, zweimal in der Woche der Messe beizuwohnen, die in St. Philipp für die Seele des Fürsten Herbert gelesen wurde, und auch die Briefe, welche Colette jeden Abend an ihren teuern Abgeschiedenen schrieb, und in welchen sie ihm ihr Leben schilderte und ihm erzählte, wie sie den Tag hingebracht, wurden ihr mitgeteilt. Auch bei der strengsten, tiefsten Trauer kann der Mensch nicht unbehelligt bleiben von kleinen Sorgen und Mühen, die der Würde des Schmerzes widerstreben und welche die Welt nichtsdestoweniger fordert; Livreen müssen gewählt, Wagen ausgeschlagen werden, so herzzerreißend auch jede Berührung mit der gewerbsmäßigen, heuchlerischen Schmerzensmiene solcher Lieferanten ist. Dem allen hatte sich Frau Astier mit unermüdlicher Geduld unterzogen, und indem sie die schwerfällige Haushaltsmaschine, welche den schönen Augen durch einen Nebelschleier verhüllt war, unter ihre Obhut genommen, hatte sie der jungen Witwe alles ferngehalten, was ihre Verzweiflung stören, ihre Stunden des Gebets, der Thränen, des Briefschreibens ins Jenseits hätte unterbrechen können, und ungehindert konnte dieselbe die herrlichsten, seltensten Blumen nach dem Père-Lachaise tragen, wo Paul Astier die Errichtung des riesigen, auf Wunsch der Fürstin aus erinnerungs- und beziehungsvollen, an der Stätte des Unglücks gebrochenen Steinen ausgeführten Grabmals beaufsichtigte.

Unglücklicherweise hatten die Gewinnung der Steine, der Transport dieser dalmatinischen Felsblöcke, die Härte des zu bearbeitenden Granits, sowie die Vielheit der Pläne, die wechselvollen Einfälle der jungen Witwe, der nichts pomphaft, nichts großartig genug sein wollte, um an die Heldengröße ihres Toten hinanzureichen, so viel Verzug und Hemmnisse hervorgebracht, daß im Mai 1880, zwei Jahre nach dem Todesfall und dem Beginn der Arbeiten, das Monument noch nicht vollendet war. Für einen so ausdrucksbedürftigen Schmerz, der immer auf dem Höhepunkt sein, sich in jeder Minute ganz ausgeben will, sind zwei Jahre eine lange Zeit. Die Trauer dauerte in ihrer strengen Unerbittlichkeit fort, das Hotel Rosen blieb stumm und verschlossen wie ein Grab; aber statt der lebenden Statue, die weinend und betend in der Krypta geknieet, bewegte sich durch die totenstillen Räume eine junge liebliche Frau, deren Haare wieder hervorsproßten, dicht und seidig, in leichten Locken und sanft gewellt.

Von diesem neu entstehenden blonden Gelock ging eine Leuchtkraft aus, die das schwarze Witwengewand all seines düsteren Ernstes beraubte, daß es nur noch wie eine der Kleidsamkeit halber gewählte Tracht erschien, und in Haltung und Stimme der Fürstin fühlte man einen frühlingsfrohen Drang nach Thätigkeit und Bewegung, jenen erleichterten, friedlichen Ausdruck, welcher der jungen Witwe im zweiten Teil ihrer Trauerzeit eigen zu sein pflegt und voll Reiz ist. Zum erstenmal genießt die Frau das Gefühl der Befreiung, des unumschränkten Besitzes ihrer selbst, den sie, die ganz jung vom Elternhause in die Hand des Gatten übergegangen, nie gekannt; was plump und roh an der männlichen Natur ist, verletzt sie nicht mehr, besonders aber ist sie der Angst vor Mutterpflichten, diesem Schrecken der modernen jungen Gattin, enthoben. Diese so ganz natürliche Wandlung des überströmenden Schmerzes in vollkommenen, heiteren Frieden vollzog sich hier unter dem äußeren Zutagetreten eines untröstlichen Witwenleides, dem Ausdruck zu geben Colette fortfahren mußte, nicht aus Heuchelei, sondern weil es einfach nicht thunlich war, den Befehl zu geben, daß der Hut, der im Vorzimmer seines Trägers harrte, weggenommen, der Spazierstock beiseite gebracht werden solle, ohne daß die Dienerschaft gelächelt hätte; und hätte sie etwa sagen sollen, das zweite Gedeck brauche nicht mehr aufgelegt zu werden, denn: »Der Fürst kommt heute abend nicht zu Tische?« Nur die mystische Korrespondenz: »An Herbert, im Himmel,« hatte nachgelassen, die Briefe folgten sich in größeren Zwischenräumen und schließlich beschränkte sich der Mitteilungsdrang auf ein recht kühles und ruhiges Tagebuch, was Colettes kluger Freundin insgeheim großen Spaß machte.

Sie hatte nämlich einen Plan, diese Frau Astier. Der Einfall hatte in ihrem klaren, verständigen kleinen Kopfe Wurzel geschlagen, nachdem Fürst Athis ihr an einem Dienstagabend im Théâtre français vertraulich zugeraunt hatte: »Ach! Meine arme Adelaide. . . . Sie glauben nicht, wie ich mich langweile . . . solche Last . . .« Sofort kam ihr der Gedanke, ihn mit der jungen Fürstin zu verheiraten, und die neue, der bisherigen so entgegengesetzte Rolle, die sie nun zu spielen unternahm, war nicht minder anziehend und Kunst erfordernd. Nun galt es nicht mehr, die Ewigkeit des Liebesschwures zu predigen, nicht mehr in Joubert und andern ehrbaren Philosophen nach Aussprüchen, wie der, welchen die Fürstin als Motto über ihr Tagebuch geschrieben: »Das Weib ist würdigerweise nur einmal Gattin und Witwe,« zu suchen, und es war auch nicht mehr nötig, über die männliche Schönheit und Anmut des jugendlichen Helden, dessen Bild in Marmor und auf Leinwand, in ganzer und halber Figur, in einviertel und dreiviertel Profil überall im Hause zu sehen war, in Ekstase zu geraten.

Im Gegenteil, eine stufenmäßige, weise eingeleitete Minderschätzung dieser Vorzüge war am Platz. »Finden Sie nicht auch, liebes Herz, daß die untere Partie des Gesichtes auf all diesen Bildern zu breit und plump erscheint . . . freilich der Fürst hatte sehr starke Backenknochen . . .«, so gelangte man mit ganz kleinen, aber ein wenig giftigen Nadelstichen, mit unendlicher Liebenswürdigkeit und Geschicklichkeit, alles zurücknehmend, sobald man fühlte, daß man eine Linie zu weit gegangen, scharf beobachtend, ob solch eine kleine Bosheit Colette ein Lächeln entlockte oder nicht, schließlich dahin, daß die junge Frau zugeben mußte, Fürst Herbert habe eigentlich viel vom Landsknecht an sich gehabt und sei Edelmann mehr dem Namen als den Manieren nach gewesen, und auch in seinem Aeußeren ohne jene Vornehmheit, die zum Beispiel Fürst Athis, den sie letzten Sonntag in der Vorhalle von St. Philipp begegnet, in so hohem Maße besitze. »Der ist zu haben, liebes Kind, wenn er Ihnen gefällt . . .« Die Bemerkung wurde erstmals nur so ins Blaue hinein gemacht, scherzhaft hingeworfen, dann wieder aufgenommen, wiederholt, stärker betont. Und weshalb denn nicht? Die Verhältnisse stimmten trefflich überein, alter, guter Name, bedeutende Stellung in der Diplomatie, und weder an Form noch an Titel eine Veränderung nötig, was seine bedeutenden Vorzüge in ökonomischer Hinsicht hat. »Und schließlich, meine Liebe, muß ich Ihnen sagen, daß dieser Mann aufs lebhafteste für Sie empfindet, falls Sie das nicht längst selbst bemerkt haben.«

Diese Mitteilung berührte die Fürstin förmlich beleidigend, allein sie gewöhnte sich allmählich an den Gedanken. Man traf Athis in der Kirche, im tiefsten Geheimnis auch in der Rue de Beaune und Colette gestand nach einiger Zeit, daß wenn jemand dazu angethan wäre, sie dem Witwenstande abtrünnig zu machen, dieser es sein würde. Aber ach! Ihr armer Rosen hatte sie mit solcher Hingebung, solcher Ausschließlichkeit geliebt!

»Ausschließlichkeit?« wiederholte Frau Astier mit einem vielsagenden leisen Lächeln, und diesem Lächeln folgten Andeutungen, halbe Worte, und das Gift ward eingeträufelt, wie es allezeit unter Frauen der Brauch gewesen. »Aber, liebste Freundin, einzige Liebe, treue Ehemänner, das gibt es ja überhaupt nicht! Die besten, die hochgesinnten, sind die, welche sich die Mühe nehmen, jede Störung des häuslichen Friedens zu vermeiden, ihren Frauen Demütigungen und Betrübnis zu ersparen.«

»Und Sie glauben, daß auch Herbert . . .?«

»Mein Gott! Er war ein Mann!«

Die Fürstin war empört, sie grollte, schwamm in Thränen, in Thränen von jener leicht fließenden Art, welche so beruhigend und erfrischend auf die Frauen wirken, wie ein Gewitterregen auf einen Rasenplatz. Aber trotz alledem war sie zu Frau Astiers großem Verdruß nicht vollständig zu gewinnen, und zwar blieb die wirkliche Ursache dieses Widerstands der klugen Frau gänzlich verborgen.

Die Wahrheit war, daß Paul Astier und die Fürstin so oft und so lange Grundrisse, Skizzen und Entwürfe des Mausoleums, Zeichnungen der Statue und Pläne des Grabgewölbes miteinander angesehen hatten und daß dabei beider Hände und Haare so häufig miteinander in Berührung gekommen waren, daß kameradschaftliche Beziehungen zwischen ihnen entstanden, eine Sympathie, die von Tag zu Tag inniger wurde, bis Paul Astier eines schönen Morgens in dem auf ihn gehefteten Blick Neigung, ja fast ein Geständnis lesen durfte. Die Möglichkeit, der Traum, das Wunder, daß die Fürstin Rosen mit ihren zwanzig bis dreißig Millionen die Seine werden könnte, tauchte vor ihm auf! Selbstverständlich nach langer, geduldig überstandener Wartezeit, nach einer Belagerung in aller Form und mit allen Feinheiten der Kriegskunst. Vor allem also galt es Vorsicht, Vorsicht namentlich der Mama gegenüber, die trotz aller Klugheit und Geschicklichkeit, gerade wenn es sich um ihren Sohn handelte, aus Uebereifer leicht einen Mißgriff that. Sie würde aus lauter Ungeduld, zum Ziel zu gelangen, alles verderben. Er ließ die Mutter also keinen Blick in seine Karten werfen und ging, ahnungslos, daß dieselbe im ganz entgegengesetzten Sinne den Hebel ansetzte, allein langsam und bedächtig zu Werke, bezauberte die Fürstin durch Jugend und Eleganz, Heiterkeit und Witz, wobei er aber die Tigerklauen seiner spottlustigen Natur wohlweislich zu verstecken Sorge trug, denn er wußte, daß die Frau wie das Volk, das Kind und alle nur dem Impuls gehorchenden Wesen die Ironie, die sie aus der Fassung bringt und in welcher sie unbewußt das Widerspiel aller Begeisterung, aller Liebesträume erkennen, naturgemäß hassen und verabscheuen.

Mit noch mehr Zuversichtlichkeit als sonst stellte sich Astier an diesem Frühlingsmorgen bei der Fürstin ein. Zum erstenmal sollte er, unter dem Vorwand einer auf heute verabredeten gemeinsamen Besichtigung der Arbeiten auf dem Friedhof, im Hotel Rosen frühstücken. Man hatte zu diesem Zweck mit unausgesprochener Absichtlichkeit und in schweigendem Einverständnis Frau Astiers Empfangstag, den Mittwoch, gewählt, um sie nicht als dritte im Bunde mitnehmen zu müssen, und als der junge Mann heute die Stufen der Freitreppe hinaufstieg, konnte er trotz seiner verständigen Zurückhaltung nicht umhin, über den weiten Hof, die stattlichen Stallungen und den ganzen prächtigen Bau einen Rundblick zu werfen, in welchem schon ein Besitzergreifen lag. Allerdings kühlte sich seine Siegesgewißheit wieder einigermaßen ab, als er im Vorsaal Portier und Diener in tiefster, feierlichster Trauerlivree gelangweilt und halb schlafend auf ihren Posten fand, als ob sie die Leichenwacht hielten bei dem Hute des Toten, einem wunderhübschen grauen, der Jahreszeit angemessenen Hute, der von dem eigensinnigen Festhalten der Fürstin an dieser Gedächtnisfeier Zeugnis ablegte. Paul fühlte sich verstimmt und gereizt, wie wenn ihm ein Nebenbuhler in den Weg getreten wäre; konnte er sich doch kaum einen Begriff davon machen, wie schwer es für Colette war, sich der Fesseln zu entledigen, die sie sich selbst im Uebermaß ihres Schmerzes angelegt. Wütend fragte er sich im stillen: »Wird sie mir etwa in seiner angenehmen Gesellschaft ein Frühstück anbieten?« als ihm der Diener, der ihm Hut und Stock abnahm, die Meldung machte, daß die Frau Fürstin Herrn Astier im kleinen Salon erwarte. Beim Eintritt in die glasbedeckte, mit seltenen Pflanzen geschmückte Rotunde hatte er sofort den beruhigenden Anblick eines ganz kleinen Tisches, dessen Anordnung die junge Frau persönlich überwachte und der nur zwei Gedecke trug.

»Ein Einfall von mir,« erklärte sie, »als ich heute früh den herrlichen Sonnenschein sah! Hier können wir uns einbilden, auf dem Lande zu sein . . .«

Die ganze Nacht hatte sie darüber gegrübelt, wie sie es anfangen sollte, um nicht an der Seite dieses hübschen Jungen mit dem Gedeck für den andern speisen zu müssen, und da sie keinen Weg fand, die Beseitigung desselben anzuordnen, war ihr in Sinn gekommen, das Feld zu räumen und plötzlich, scheinbar einer flüchtigen Laune nachgebend, den Befehl zu erteilen: »Im Wintergarten.«

Das geschäftliche Frühstück nahm sich im ganzen genommen sehr gut aus; der weiße Romanée stand zur Kühlung in dem kleinen Bassin des künstlichen Felsens unter Farrnkraut und Frauenhaar, die Sonnenstrahlen blitzten farbig in den Kristallgläsern und spielten auf dem saftigen Grün der Blattpflanzen und die beiden jungen Leute saßen sich gegenüber, fast Knie an Knie, er sehr ruhig, seine hellen Augen kalt und doch zündend, sie rosig und blond, mit den noch kurzen flaumigen gewellten Haaren, die ohne jede künstliche Nachhilfe den anmutigen Umriß des kleinen Köpfchens zeigten. Und während sie von allerhand gleichgültigen Dingen sprachen und das, woran sie wirklich dachten, in Schweigen und Lüge hüllten, flog Paul Astiers Blick, so oft der geräuschlos hin und her eilende Diener die Thür öffnete, triumphierend nach dem verödeten Speisesaale hinüber, wo das Gedeck des Verstorbenen zum erstenmal der Einsamkeit und Langeweile preisgegeben war.

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