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Der Unsterbliche

Alphonse Daudet: Der Unsterbliche - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorAlphonse Daudet
titleDer Unsterbliche
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 3
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1888
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid571cb87a
created20061028
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Fünfzehntes Kapitel.

»Das ist eine Scheußlichkeit!«

»Es muß darauf geantwortet werden. Die Akademie kann nicht auf sich sitzen lassen . . .«

»Wie können Sie so etwas denken? Im Gegenteil, die Akademie ist sich schuldig . . .«

In dem kleinen Saale der vertraulichen Beratungen, vor dem großen Kamin, über welchem das Porträt des Kardinals Richelieu in ganzer Figur hängt, waren die Unsterblichen vor Beginn der Sitzung in eifriger Unterredung begriffen. Das rauchige Licht eines kalten Pariser Wintertages, welches durch das große Fenster in der Decke hereinfiel, machte die frostige Feierlichkeit der in Reih und Glied an der Wand stehenden Marmorbüsten noch fühlbarer als sonst, und das riesige Feuer im Kamin, das an Glut mit dem Kardinalsrock Richelieus wetteiferte, brachte es nicht fertig, diese Art von kleinem Parlament zu durchwärmen, das mit seinen Lederstühlen, dem halbkreisförmigen Tische vor dem Pulte und dem Pedell mit der Kette, welcher nicht weit von Picheral stehend, die Thüre bewachte, fast den Eindruck eines Gerichtsaals machte.

Meist ist das beste an allen Sitzungen jene Viertelstunde Galgenfrist, die den Spätlingen vergönnt wird und welche man in der Regel damit zubringt, in kleinen Gruppen, den Rücken am Feuer, die Hände in den Taschen, vertraulich zu klatschen und zu schwatzen. Heute aber ward die Unterhaltung allgemein, ja sie nahm den Ton einer wild erregten öffentlichen Debatte an, zu welcher die Ankommenden schon von der Thüre her, während sie ihren Namen in die Präsenzliste zeichneten, ihr Teil beitrugen. Einzelne donnerten sogar schon draußen, während sie sich ihrer Pelzröcke, Halstücher, Ueberschuhe in dem öden Saale der Akademie der Wissenschaften entledigten, durch die halb geöffnete Thüre über Schlechtigkeit, Scheußlichkeit, Ehrlosigkeit!

Die Veranlassung solchen Aufruhrs bildete der Abdruck, den eine der Morgenzeitungen von einem höchst beleidigenden, übelwollenden Berichte der Akademie von Florenz über den Galilei von Astier-Réhu gebracht hatte, in welchem die das Buch begleitenden historischen Originalbriefe als vollkommen apokryph und spaßhaft (sic!) bezeichnet wurden. Dieser Bericht, der unter dem Siegel des Geheimnisses dem Direktor der französischen Akademie mitgeteilt worden war, hatte im Institut schon seit einigen Tagen ein dumpfes Schwirren, eine gewisse Aufregung hervorgerufen, und alles war in fieberhafter Erwartung der Schritte, die Astier-Réhu thun würde, Astier-Réhu, der bis jetzt jeden Fragenden mit der Antwort abgespeist hatte: »Ich weiß . . . ich weiß . . . das Nötige wird geschehen.« Und nun forderte man mit einem Schlage Rechenschaft über eine Sache, über welche sie allein unterrichtet zu sein glaubten; wie ein Alarmschuß stand die Geschichte heute früh auf der ersten Seite einer der gelesensten Zeitungen, mit höchst verletzenden, beschimpfenden Bemerkungen an die Adresse des ständigen Sekretärs und der ganzen erhabenen Gesellschaft.

Daher denn Entsetzen, Wut, Hautschauder, Abscheu, Empörung über die Unverschämtheit des Zeitungsschreibers und die Dummheit Astier-Réhus, die ihnen diese seit langer Zeit nicht mehr erlebten Angriffe eingetragen hatte, welche zu vermeiden der Akademie gelungen war, seit sie klug genug gewesen, ihre Pforten den Herren von der Presse aufzuthun. Der Heißsporn Laniboire, der ja in jedem Sport seinen Mann stellte, sprach schon davon, diesem Herrn die Ohren abzuschneiden, und es bedurfte eines Kraftaufwandes von seiten zweier oder dreier Kollegen, um ihn zurückzuhalten. »Unsinn, Laniboire. Die Hand am Degen, nicht den Degen in der Hand. . . . Das Wort stammt von Ihnen, zum Kuckuck, wenn die Akademie es sich auch angeeignet hat.«

»Sie wissen, meine Herren, daß Plinius der Aeltere im Buch XIII seiner Naturgeschichte« . . . ließ sich plötzlich Gazan, welcher ganz atemlos mit seinem Dickhäutertrabe angelangt war, vernehmen . . . »schon Fälschungen von Handschriften nachweist, unter andern einen auf Papyrus geschriebenen unechten Brief des Königs Priamos.« . . .

»Herr Gazan hat sich nicht in die Liste eingetragen,« erklang es in Picherals spitzigem Falsett.

»Ach, entschuldigen Sie,« und der dicke Mann eilte, diese Pflicht zu erfüllen, sprach dabei aber unablässig weiter von dem Papyrus, seinem König Priamos, welche Gelehrsamkeit jedoch in dem allgemeinen Stimmengewirr verloren ging, aus welchem man nur das Wort: »Akademie« unterscheiden konnte, von der alle sprachen wie von einer wirklichen, greifbaren Persönlichkeit, die lebte und atmete und deren innerste Gedanken und wahre Natur jeder einzelne allein kannte und wiedergab. Plötzlich verstummte Gekreisch und Gerede beim Eintritt Astier-Réhus, der sich einschrieb, die schwere Mappe, die er unterm Arm trug, sehr ruhig an den für den Sekretär bestimmten Platz legte und dann, vortretend, zu seinen Kollegen gewendet, begann: »Meine Herren, ich habe Ihnen eine schmerzliche Mitteilung zu machen. . . . Zum Zweck einer Untersuchung habe ich die zwölf- bis fünfzehntausend handschriftlichen Stücke, aus welchen das, was ich meine Sammlung nannte, bestand, nach der Bibliothek schaffen lassen. . . . Nun denn, meine Herren, alles ist gefälscht, alles. Die Akademie von Florenz hat wahr gesprochen. Ich bin das Opfer einer ungeheuren Mystifikation.« – Während er sich nach der furchtbaren Selbstüberwindung dieses Geständnisses die schweren Tropfen abwischte, die ihm auf die Stirn getreten waren, fragte in herausforderndem Tone eine Stimme:

»Und dann, Herr Sekretär der Akademie?«

»Dann, Herr Danjou, blieb mir nichts mehr übrig, als bei den Gerichten Klage zu erheben . . . das ist geschehen.« . . . Und da von allen Seiten Widerspruch laut wurde und die Herren insgesamt erklärten, daß ein solcher Prozeß, der die Akademie der Lächerlichkeit preisgeben würde, undenkbar, unmöglich sei, fuhr er fort: »Ich bedauere unendlich, Ihr Mißfallen erregen zu müssen, meine Herren, allein mein Entschluß ist unwiderruflich. . . . Uebrigens ist der Mann bereits in Untersuchungshaft und das Verfahren in vollem Gange.«

Der kleine Beratungssaal mochte, seitdem er erbaut worden, nie ein solches Gebrüll, Getöse und Wutschnauben vernommen haben, wie diese Erklärung es hervorrief, und wie immer zeichnete sich Laniboire unter den ärgsten Schreiern aus, indem er giftig hervorzischte, daß die Akademie am besten thäte, sich eines so gefahrbringenden Mitgliedes ein für allemal zu entledigen. In der ersten heftigen Aufwallung ward die Ausführbarkeit dieses Vorschlages von einzelnen ganz laut in Erwägung gezogen. War es thunlich? Konnte die Akademie, wenn einer der Ihrigen sie bloßgestellt, diesem sagen: »Mach, daß du fortkommst, ich nehme mein Urteil zurück, das dich einst würdig fand, ein Unsterblicher zu heißen . . . versinke du wieder in die niedrige Vergänglichkeit der Staubgeborenen!« Mit einem Mal, sei es, daß er irgend ein mit besondrer Heftigkeit hervorgestoßenes Wort der Debatte verstanden hatte, oder daß jenes seltsame Ahnungsvermögen über ihn gekommen, welches manchmal die vollständigste Taubheit erleuchtet, kurz der alte Réhu, der sich abseits von den andern und aus Furcht vor einem Anfalle in möglichster Entfernung vom Feuer aufgestellt hatte, ließ sich plötzlich mit seiner starken, eintönigen Stimme vernehmen: »Unter der Restauration haben wir aus Gründen einfacher Politik bis zu elf Mitgliedern ausgestoßen.« Dabei schien sein unvermeidliches bestätigendes Kopfnicken die Zeitgenossen, welche mit leeren Augenhöhlen, in weißem Marmor auf ihren Sockeln ringsum im Saale in Reih und Glied standen, zu Zeugen aufzurufen.

»Elf, Donnerwetter!« . . . murmelte Danjou, während alles schwieg, und Laniboire, der allezeit cynische, rief: »Alle Körperschaften sind feig! . . . Das liegt in der menschlichen Natur . . . es ist der Trieb der Selbsterhaltung. . . .« Da trat Epinchard, der sich am Eingange beim Sekretär Picheral zu schaffen gemacht hatte, wieder zu den Kollegen und erklärte mit schwacher, von Hustenanfällen unterbrochener Stimme, daß der ständige Sekretär in dieser Angelegenheit nicht der einzige Schuldige sei; zum Beleg dafür diene das Protokoll der Sitzung vom 8. Juli 1879, welches sofort verlesen werden solle. Von seinem Platze ließ sich nun Picherals dünne Stimme vernehmen, die hastig und wohlgemut herunterlas: »Den 8. Juli 1879. Léonard Pierre Alexander Astier-Réhu macht der französischen Akademie einen Brief Notrous an den Kardinal Richelieu, dessen Inhalt sich auf die Statuten der Gesellschaft bezieht, zum Geschenk. Nachdem die Akademie von dem bisher ungedruckten, höchst merkwürdigen Schriftstück Einsicht genommen, beglückwünscht dieselbe den Donator und beschließt, daß der Brief Rotrous in das Protokoll aufgenommen werde. Der Wortlaut desselben ist buchstäblich« – hier ward der Vortrag langsamer und auf jedes einzelne Wort wurde ein besondrer Nachdruck gelegt – »buchstäblich, das heißt, mit all den kleinen Nachlässigkeiten und Mängeln, wie sie sich im vertraulichen Briefwechsel vorfinden und wie sie der Echtheit des Dokumentes zur Bestätigung dienen.« In dem fahlen Lichte, das durch die mächtigen Scheiben hereinfiel, standen sie alle unbeweglich und hörten, jeder den Blick des andern vermeidend, verblüfft und bestürzt zu.

»Soll ich den Brief auch lesen?« fragte Picheral lächelnd und sichtlich ergötzt.

»Gewiß, auch den Brief,« sagte Epinchard. Aber gleich nach den ersten Sätzen hieß es: »Das genügt . . . bitte . . . mehr als genug.« . . . Sie schämten sich jetzt gründlich an diesem Briefe Rotrous, dessen Fälschung in die Augen sprang. Das war ja eine Nachahmung, wie jeder Schuljunge sie zustande bringen konnte, schlecht stilisiert, die Hälfte der Wörter damals noch gar nicht vorhanden. Wie war's nur möglich gewesen? Waren sie denn alle mit Blindheit geschlagen gewesen?

»Sie sehen also, meine Herren, daß es durchaus nicht an uns ist, unsern unglücklichen Kollegen noch tiefer zu beugen,« nahm Epinchard wieder das Wort, und sich an Astier wendend, beschwor er denselben, auf den Skandal eines Gerichtsverfahrens zu verzichten, welches die ganze Körperschaft, ja den großen Kardinal selbst treffen und beflecken würde.

Allein weder die Wärme dieser Anrede, noch die oratorische Großartigkeit der Handbewegung gegen das Bildnis des Stifter-Kardinals besiegten die wilde Entschlossenheit Astier-Réhus, der, fest und kerzengerade in der Mitte des Saales vor dem kleinen Tische, der bei Vorlesungen und Mitteilungen als Rednerbühne diente, stehend, die Fäuste geballt hielt, als ob er Angst hätte, jemand könnte ihm seine Willenskraft aus der Hand reißen, und versicherte, daß: »Nichts! Hören Sie, gar nichts,« seinen Entschluß erschüttern könne. Und mit den fest zusammengepreßten plumpen Händen auf den Tisch schlagend, daß es dröhnte, erklärte er: »Oh! Meine Herren! Ich habe aus Gründen und Erwägungen dieser Art nur allzu lange gewartet. . . . Sie müssen ja begreifen, daß er mir den Atem benimmt, mir das Leben unmöglich macht, dieser Galilei, den aufzukaufen ich nicht reich genug bin und auf dessen Titelblatt ich an jedem Schaufenster einer Buchhandlung meinen Namen als Mitschuldigen eines Fälschers erblicken muß!« Was wollte er denn schließlich? Mit eigner Hand jedes verdächtige, unwahre Blatt aus seinem Werke reißen, vor aller Welt ein Autodafé anstellen, und die Möglichkeit dazu lieferte ihm einzig und allein das öffentliche Verfahren. »Sie sprechen von Lächerlichkeit? Die Akademie steht viel zu hoch, um sich vor derselben zu scheuen. Was aber mich betrifft, so bleibt mir, dem zu Grunde Gerichteten, Verhöhnten, Verdammten, wenigstens das stolze Bewußtsein, meinen Namen, mein Werk und die Würde der Geschichte unter den Schutz des Rechtes gestellt zu haben. Mehr verlange ich nicht.« Wackerer Krokodilus! Das Pathos dieser Worte trug einen Klang von Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit in sich, der in diesen mit Kompromissen, Halbheiten, Umschreibungen und Verdrehungen dicht behangenen Wänden nicht widerhallen konnte. Plötzlich verkündete der Thürsteher: »Meine Herren, vier Uhr. . . .« Vier Uhr! Und die Feier des Leichenbegängnisses von Ripault-Babin war noch nicht endgültig festgestellt.

»In der That, ja . . . der arme Ripault-Babin . . .« meinte Danjou spöttisch. »Er hat zu rechter Zeit zu sterben gewußt,« deklamierte Laniboire finster. Allein diese geistvolle Bemerkung verhallte wirkungslos, indem der Ruf ertönte: »An Ihre Plätze!« Der Direktor rührte seine Klingel, zu seiner Rechten hatte er Desminières, den Kanzler, und zur Linken den ständigen Sekretär, welcher seine ruhige Sicherheit vollständig wiedergewonnen hatte und mit fester Stimme den Bericht der Kommission für Trauerfeiern verlas, indes bei den übrigen das Geflüster kein Ende nahm und ein mit Schnee vermischter Regen an die Scheiben schlug.

 

»Aber heut sind Sie spät fertig geworden,« bemerkte, ihrem Herrn die Thüre öffnend, Corentine, welche auch zu denen gehörte, auf welche die Würde des Instituts nicht den geringsten Eindruck machte. »Der Herr Paul ist in Ihrem Studierzimmer mit der gnädigen Frau . . . gehen Sie nur durchs Archiv . . . im Salon sind eine Menge Leute, die zu Ihnen wollen.«

Es war ein düsterer Anblick dieses Archiv, in dem, wie nach einem Brande oder einem Raubeinfalle, nichts zurückgeblieben war als die leeren Mappengestelle. In der Regel vermied er es jetzt auch, den Raum zu betreten, heute aber durchschritt er denselben stolz und hocherhobenen Hauptes, innerlich aufgerichtet durch den gefaßten Entschluß und durch die Erklärung, welche er soeben in der Sitzung abgegeben. Nach diesem ungeheuren Aufwand an Willensstärke und Mut war ihm der Gedanke, daß sein Sohn ihn erwarte, wohlthuend; es lag Trost und Erholung darin. Seit dem Duell hatte er ihn nicht wiedergesehen, seit jener Stunde, da er tiefbewegt vor seinem großen Jungen gestanden hatte, der leblos hingestreckt, weißer als die Betttücher auf seinem Lager ruhte, und nun sehnte er sich, ihm mit offnen Armen entgegenzueilen, ihn zu umfangen und ihn lange, lange ohne ein Wort zu sprechen, ans Herz zu drücken. Sobald er jedoch eingetreten war und Mutter und Sohn noch in vertraulichem Flüstern, die Augen zu Boden gesenkt, geheimnisvoll und mit Verschwörermienen wie immer, beisammen stehen sah, war seine warme Regung verschwunden.

»So kommst du doch endlich!« sagte Frau Astier, welche den Hut auf hatte und ganz zum Ausgehen bereit war. Dann stellte sie halb ernsthaft, halb ironisch in feierlichem Tone vor: »Lieber Mann . . . der Herr Graf Paul Astier.« »Meister . . .« begann Paul, sich verneigend.

Astier-Réhus Blick flog von einem zum andern und seine Augenbrauen zogen sich finster zusammen: »Graf Paul Astier?«

Der junge Mann, der mit der gebräunten Hautfarbe, die er sich auf sechsmonatlicher Seefahrt geholt, eher noch hübscher war, als vorher, erzählte nun, daß eben ein römischer Grafentitel frei geworden sei und daß er sich um denselben beworben, weniger um seiner selbst willen, als zu Ehren der Frau, welche im Begriff stehe, seinen Namen anzunehmen.

»Du heiratest?« fragte der Vater mit steigendem Mißtrauen. »Und wen denn?«

»Die Herzogin Padovani.«

»Du bist verrückt! . . . Die Herzogin . . . die ist fünfundzwanzig Jahre älter als du . . . und überdies. . . .« Er zögerte, bestrebt, für seinen Gedanken einen höflichen Ausdruck zu finden, sagte dann aber plötzlich sehr derb: »Man heiratet keine Frau, die, wie jedermann weiß und gesehen hat, jahrelang einem andern gehörte.«

»Was uns nebenbei nie abgehalten hat, regelmäßig bei ihr zu Tische zu sein und ihr sehr viel Dank schuldig zu werden,« zischte Frau Astier, den Kopf kampfbereit zurückwerfend. Ohne sie einer Erwiderung zu würdigen, ohne sie auch nur anzusehen, gleich als ob ihr Urteil im Punkte der Ehre von vornherein nicht zuständig wäre, trat der wackere Mann auf seinen Sohn zu, und indem seine breiten Backenknochen vor Erregung bebten, fuhr er mit dem Tone ehrlichster Ueberzeugung fort: »Thu das nicht, Paul . . . dem Namen zuliebe nicht, den du trägst, thue das nicht, mein Sohn . . . ich bitte dich darum.« Er faßte ihn um die Schultern, er schüttelte ihn mit gerührter Herzlichkeit, die Stimme zitterte ihm. Aber der junge Mann, der solche Gefühlsäußerungen gar nicht nach seinem Geschmack fand, machte sich los und suchte sich mit unklaren Redensarten zu verteidigen: »Ich kann das durchaus nicht so ansehen . . . meine Empfindung ist hierin eine völlig andre.« Und angesichts der Verschlossenheit dieser Züge, dieses Blickes, der niemand stand hielt, angesichts dieses Sohnes, dem er sich so fremd und fern fühlte, der so unerreichbar vor ihm stand, erhob der Vater unwillkürlich die Stimme höher und berief sich auf sein Recht als Haupt der Familie. Ein leises Lächeln, das Mutter und Sohn austauschten, das ihm nicht entging und ihm den Beweis lieferte, daß die beiden auch diesen schmachvollen Plan gemeinsam ausgeheckt hatten, brachte ihn vollends außer sich. Er raste, donnerte, drohte mit seinem öffentlichen Einspruch, mit einer Mitteilung an sämtliche Zeitungen, einer Brandmarkung von Mutter und Sohn in seinem Werke, seiner Geschichte. Das war die entsetzlichste Drohung, die ihm zu Gebote stand! Wenn er von einer historischen Persönlichkeit sagte: »Ich habe dieselbe in meiner Geschichte an den Pranger gestellt . . .« so war das in seinen Augen eine Züchtigung, der keine andre gleichkam. Die Verbündeten jedoch rührte das alles wenig. Frau Astier war an die angedrohte Brandmarkung fast so sehr gewöhnt, wie an das über den Vorplatz Zerren des großen Koffers, und begnügte sich, mit Seelenruhe ihre Handschuhe zuzuknöpfen und warnend zu bemerken: »Du weißt, daß man nebenan alles hört.« Trotz der Thür und der dichten Vorhänge an derselben unterschied man allerdings plaudernde Stimmen im Salon.

Dann seinen ganzen Zorn in einem halblauten, röchelnden Tone zusammenfassend, sprach Léonard Astier, indem er seinem Sohne den Zeigefinger vors Gesicht hielt: »Höre mich wohl an, Paul, wenn das, wovon du jetzt sprichst, zur Ausführung kommt, so denke nicht daran, mich jemals wiederzusehen. . . . Ich werde am Tage deiner Hochzeit dir nicht nahe sein. . . . Ich werde dich nicht zu mir rufen, auch an mein Sterbebett nicht. . . . Du bist mein Sohn nicht mehr. . . . Ich jage dich aus meinem Hause; ich fluche dir!« Vollkommen ruhig, nur den Körper etwas zurückbeugend vor dem Finger, der ihn streifte, versetzte der junge Mann: »Ach! Mein lieber Vater, weißt du, fluchen und segnen, das sind veraltete Geschichten, die in der Familie vollständig aus der Mode sind. Selbst in der Komödie wird nicht mehr verflucht und nicht mehr gesegnet.«

»Aber man züchtigt noch, Herr Hanswurst!« grollte der Alte mit zum Schlage aushebender Hand. Die Mutter stieß einen Wutschrei aus: »Léonard! . . .« während Paul, vollkommen ruhig und Herr seiner selbst, wie im Keyserschen Fechtsaale mit einer eleganten Boxerparade den Schlag abwandte und, ohne das niedergedrückte Handgelenk des Vaters loszulassen, flüsterte: »Ach nein, nein, das geht nicht, niemals!«

Der alte Auvergnate strebte wütend, sich von der ihn umfassenden Hand frei zu machen, allein so kraftvoll er auch noch war, hier hatte er seinen Meister gefunden. In diesem entsetzlichen Augenblicke, da Vater und Sohn sich mit Mörderblicken durchbohrten, den heißen Atem des Hasses einander ins Gesicht hauchten, that sich in der Salonthür ein Spalt auf und herein blickte ein mit Blumen und Federn geschmückter rundlicher Kopf mit einem gutherzigen, kindlichen Puppenlächeln. »Verzeihung, lieber Meister, nur auf ein Wort. . . . Ach! Sieh da! Adelaide hier und auch Herr Paul . . . wie reizend wahrhaftig, ein ganzes Familienbild . . . göttlich!« Und Frau Ancelin sprach wahr. Ein Familienbild war es allerdings, das Bild der modernen Familie, die gespalten ist von dem klaffenden Riß, der die europäische Gesellschaft von oben nach unten zersprengt, sie in ihren Grundfesten der Autorität, der Rangordnung erschüttert; ein Riß, der hier unter der feierlichen Kuppel des Institutes, welches häusliche Tugend und gute Sitte richtet und lohnt, erschütternder als sonstwo zu Tage trat.

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