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Der Unsterbliche

Alphonse Daudet: Der Unsterbliche - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorAlphonse Daudet
titleDer Unsterbliche
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 3
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1888
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid571cb87a
created20061028
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Dreizehntes Kapitel.

»Betet für die Ruhe der Seele des hohen und mächtigen Herrn und Herzogs Karl Heinrich Franz Padovani, Fürst von Olmütz, gewesenen Senators, Botschafters und Ministers, Inhabers des Großkreuzes der Ehrenlegion, verschieden am 20. dieses Septembermonats auf seinen Gütern in Barbicaglia, wo seine irdischen Ueberreste beigesetzt sind. Am nächsten Sonntag wird in der Schloßkapelle eine Messe für seine Seele gelesen, und ihr seid geladen, derselbigen beizuwohnen.«

Paul Astier, der eben zum zweiten Frühstück aus seinem Zimmer herunterkam, empfand eine Regung jubelnder Freude, unendlichen Stolzes, als er diese seltsame Proklamation vernahm, die von Mousseaux bis Onzain an beiden Ufern der Loire von Angestellten des großen Leichenbesorgers Vafflard verkündigt wurde, wobei dieselben dumpfe Glocken trugen, die sie im Gehen erklingen ließen, und hohe Hüte mit Kreppdekorationen, die bis zur Erde reichten. Die jetzt schon vier Tage alte Nachricht vom Tode des Herzogs hatte auf Mousseaux' Bewohner ungefähr die Wirkung gehabt, wie ein Flintenschuß auf einen Flug Rebhühner, und hatte die zweite Serie von Gästen auseinandergescheucht, sie nach Seebädern und höchst unvorhergesehenen Plätzen davonschwärmen lassen, die Herzogin aber gezwungen, urplötzlich nach Korsika abzureisen, wobei sie nur wenige vertraute Freunde im Schlosse zurückgelassen hatte. Trotz allem verlieh die düstere Eintönigkeit dieser klagenden Stimmen, dieser wandelnden Glocke, deren Klang der Wind von der Loire herauf durch das altertümliche Fenster des Treppenhauses hereintrug, dieser Abschiedsgruß, der auf so königliche Art und in so wenig zeitgemäßer Weise dem Volke verkündigt wurde, dem Feudalsitze Mousseaux eine seltsame Großartigkeit, und es war, als ob seine vier Türme höher wüchsen, die hundertjährigen Bäume ihre Kronen stolzer trügen. Da aber dies alles nun sein eigen sein sollte, da die Geliebte ihn bei ihrer Abreise inständig gebeten hatte, im Schlosse zu bleiben, weil nach ihrer Rückkehr große Entschließungen zu fassen seien, erschien ihm diese feierlich durch die Lande getragene Todesbotschaft wie die Verkündigung seines Regierungsantrittes. . . . »Betet für die Ruhe der Seele. . . .« Endlich hielt er es in Händen, das Glück und den Reichtum, und diesmal sollten sie ihm nicht entrissen werden . . . »gewesenen Senators, Botschafters und Ministers.« . . .

»Wie traurig sie klingen, diese Glocken, nicht, Herr Paul?« bemerkte ihm Fräulein Moser, die mit ihrem Vater und Laniboire, dem Akademiker, schon bei Tische saß. Die Herzogin hatte die beiden auch in Mousseaux behalten, sowohl um Paul Astiers Einsamkeit ein wenig zu beleben, als um der armen Antigone, welche die Sklavenketten der akademischen Kandidatur ihres Vaters angeschmiedet trug, ein wenig mehr Ruhe und gute Luft zu verschaffen. Von ihr hatte sie als Frau keine Rivalität zu fürchten: ihre Augen eines geschlagenen Hundes, die farblosen Haare und die unausgesetzte demütigende Beschäftigung mit diesem unerreichbaren Fauteuil machten sie völlig harmlos. An diesem Morgen aber hatte sie offenbar ein bißchen mehr Sorgfalt auf ihr Aeußeres verwendet: ein frisches Waschkleid mit einem kleinen Ausschnitt war schon etwas. Das Stückchen Hals, das dabei sichtbar wurde, war freilich mager und dürr genug, aber schließlich in der Not frißt der Teufel Fliegen. Und Laniboire, der in glänzender Laune war, neckte und quälte sie, sagte Dinge. . . . Er fand sie nicht traurig diese Totenglocken und das in der Ferne verklingende: »Betet für die Ruhe . . .« trübte ihm die Stimmung nicht. Im Gegenteil, das Leben schien ihm durch den Gegensatz noch viel erfreulicher als sonst, der Wein von Vouvray schimmerte noch goldner in den Krystallkaraffen und seine unsauberen Geschichten erklangen seltsam in dem für die paar Menschen viel zu großen Saale. Moser, der ewige Kandidat mit dem verschwommenen Gesicht von stets verbindlichem Ausdruck, lachte aus Höflichkeit, obwohl er seiner Tochter wegen einigermaßen in Verlegenheit war; aber mein Gott, der Philosoph war ja so einflußreich in der Akademie!

Nachdem man auf der Terrasse den Kaffee eingenommen, rief Laniboire, dessen Kopf blaurot war: »Gehen wir an unsre Arbeit, Fräulein Moser, ich bin heute in der Stimmung. . . . Ich glaube, daß ich meinen Bericht vor Abend fertig bekommen werde.« Das sanfte arme Mädchen, das zuweilen Sekretärsdienste bei ihm versah, erhob sich diesmal ein bißchen zögernd und sichtlich mit einigem Bedauern. Sie hätte an dem herrlichen Tage, dem ersten, den leichter Herbstdunst verschleierte, lieber einen größeren Spaziergang unternommen, vielleicht auch gern in der Galerie mit diesem hübschen, wohlerzogenen Herrn Paul ein bißchen weiter geplaudert; jedenfalls schien es ihr nicht sehr lockend, nach dem Diktat Vater Laniboires Lobeshymnen auf alte treue Dienstboten oder musterhafte Krankenpflegerinnen niederzuschreiben. Aber der Vater drängte: »Geh nur, geh nur, mein Kind . . . der Meister ruft dich.« Sie gehorchte und stieg hinter dem Philosophen die Treppe hinauf; der alte Moser folgte, um auf seinem Zimmer Siesta zu halten. Was geschah dann? Von was für einem Auftritte war das Zimmer Laniboires, der wohl Pascals Nase, aber nicht dessen edle Mäßigung hatte, Zeuge? Als Paul Astier von einem langen Gange durch Park und Wald, auf dem er seine ehrgeizige Ungeduld zu beschwichtigen gesucht, heimkehrte, sah er in dem Empfangshofe den eingespannten Break, dessen Pferde ungeduldig scharrten, vor der großen Freitreppe stehen, und darauf saß schon reisefertig Fräulein Moser zwischen Köfferchen, Reisetaschen und Plaidrollen, indes der Vater Moser ziemlich verzweiflungsvoll auf der Treppe stand und in seinen Taschen umherkramte, um zwei oder drei mit spöttischen Gesichtern herumlungernden Dienern Trinkgelder zu geben. Er trat an den Wagen und fragte überrascht: »Sie verlassen uns, Fräulein Moser?« Sie streckte ihm die Hand hin, eine lange, schmale, feuchtkalte Hand, über die sie einen Handschuh zu ziehen vergessen hatte, und ohne ein Wort zu sprechen, ohne das Tuch von den Augen zu nehmen, nickte sie ihm schluchzend ein Lebewohl zu. Eine weitere Aufklärung ward ihm auch von seiten Mosers nicht zu teil, der, einen Fuß auf dem Wagentritt, leise, traurig und wutbebend stotterte: »Ja freilich . . . sie . . . sie will abreisen . . . sie sagt, daß man es an . . . Achtung hat fehlen lassen . . . aber ich kann das nicht glauben . . .« und mit einem tiefen Seufzer, bei dem die breite Falte auf seiner Stirn, die akademische Falte der getäuschten Hoffnungen, tief eingegraben und gerötet wie die Narbe eines Säbelhiebes hervortrat, setzte er hinzu: »Das ist ein großes Unglück für meine Wahl.«

Laniboire, der den ganzen Nachmittag auf seinem Zimmer geblieben war, sagte, als er sich bei Tische Paul gegenübersetzte: »Wissen Sie, weshalb unsre lieben Freunde, die Mosers uns so unerwartet schnell verlassen haben?«

»Nein, lieber Meister . . . und Sie?«

»Sonderbar! Verwunderlich!«

Aus Rücksicht auf das natürlich von dem Abenteuer genau unterrichtete, bei Tische aufwartende Personal zwang er sich, die größte Ruhe an den Tag zu legen, allein man fühlte, wie wenig ruhig, wie ängstlich und aufgeregt er in Wahrheit war. Nach und nach gewann er jedoch wieder etwas mehr Sicherheit, versöhnte sich mit einem Dasein, gegen das er bei der Mahlzeit wenigstens keinen Groll hegen konnte, und gestand seinem jungen Freunde schließlich so beiläufig, daß er möglicherweise das gute Kind erschreckt, verletzt haben könne, daß er vielleicht zu weit gegangen sei. . . . Er schwang dabei sein Weinglas mit einer vielsagenden Eroberersmiene. Das Wort blieb ihm aber in der Kehle stecken, als der andre kurz die Frage hinwarf: »Und die Herzogin?« Fräulein Moser mußte ihr doch für die plötzliche Abreise einen Grund angeben, würde ihr also sicherlich schreiben und Klage führen.

»Glauben Sie?« sagte Laniboire erblassend.

Um sich den widerlichen Aufschneider vom Halse zu schaffen, beharrte Paul bei dieser Ansicht. Und sollte je das junge Mädchen Schweigen bewahren, so war doch von seiten der Dienerschaft ein Klatsch, ein Gerede mit Sicherheit zu fürchten; die kleine Spitzbubennase hin und her wiegend, meinte er noch: »An Ihrer Stelle, mein lieber Meister . . .«

»Ah bah! Seien Sie ganz ruhig. Ich komme mit einer Szene davon, die meinen Bestrebungen eher förderlich als nachteilig ist! Die Weiber, eine wie die andre, verzeihen derlei Dinge leicht!«

Er spielte den Mutigen, Unbesorgten, zog es aber doch vor, am Abend vor der Rückkehr der Herzogin zu verduften. Die akademischen Wahlen mit ihren Vorbereitungen riefen ihn plötzlich dringend zurück, die abendliche Feuchtigkeit war ungünstig für seine Rheumatismen, und das fertige Manuskript des Berichtes über den Tugendpreis in der Tasche, machte er sich aus dem Staube.

Sie kehrte zurück, um der Messe beizuwohnen, die am Sonntag mit großem Pomp in der Renaissancekapelle stattfand, welche Védrine, der Tausendkünstler, wieder mit wundervollen Glasmalereien ausgestattet und mit einer herrlich geschnitzten Altarwand nach altem Muster versehen hatte. Eine ungeheure Menge von dörflichen Nachbarn aus dem ganzen Umkreise hatte sich eingefunden. In abscheulichen, kurzleibigen Röcken steckend, mit langen, gesteiften, glänzenden blauen Blusen, weißen Hauben, von Stärke starrenden Halstüchern, von deren Blauweiß sich die sonnverbrannte Haut doppelt dunkel abhob, standen sie dichtgedrängt in der Kapelle und füllten auch noch den ganzen Hof. Weder die kirchliche Ceremonie, noch Verehrung für den alten Herzog, der der Gegend völlig unbekannt geblieben war, hatte sie herbeigelockt, sie erwiesen dem Toten diese Ehre einzig dem Leichenschmause zuliebe, der nach alter Sitte stattfinden sollte und für den im Freien, in der vornehmen Avenue, lange Tische und Bänke aufgeschlagen waren, an welchen nach dem Gottesdienst zwei- bis dreitausend Landleute mit Leichtigkeit unterkommen konnten. Anfangs ein wenig verlegen und befangen, auch etwas ernster gestimmt von dem feierlich düsteren Gottesdienst und eingeschüchtert von den Forstwächtern und Dienern mit den langen Kreppschleifen, unterhielten sie sich im Schatten der herrlichen alten Rüstern nur halblaut; bald aber that der Wein seine Schuldigkeit, die Lebensmittel verschwanden reißend und der Leichenschmaus ward zum lärmenden, wilden Gelage.

Um den Greueln dieser Schmauserei zu entgehen, fuhren die Herzogin und Paul Astier in einem mit Schwarz ausgeschlagenen Landauer in raschem Trabe durch die sonntäglichen, einsamen Felder und Straßen. Die hohen Hüte mit schwarzen Kokarden auf dem Bock, die langen Schleier der neben ihm sitzenden Witwe erinnerten den jungen Mann unwillkürlich an andre derartige Fahrten. »Es scheint ein für allemal bestimmt zu sein, daß bei meinen Herzensangelegenheiten der Tod ein Wort mitredet,« dachte er bei sich und konnte nicht umhin, das niedliche kleine Gesicht Colettes von Rosen mit dem kurzen, lockigen Blondhaar, das so leuchtend aus den schwarzen Hüllen hervorgeblickt hatte, ein wenig zu vermissen. Ermüdet von der Reise und etwas schwerfällig in den eilig zurechtgemachten Trauergewändern, hatte die Herzogin doch immerhin jene Vornehmheit in Haltung und Bewegung voraus, die der andern so gründlich abgingen, und dann war bei ihr der Tote selbst so ganz und gar nicht störend, denn sie war viel zu stolz und freidenkend, um jene Schmerzensgrimasse zur Schau zu tragen, zu welcher niedrigere Naturen sich in solchem Falle verpflichtet glauben, selbst wenn der verstorbene Gemahl gehaßt, verabscheut und tausendfach hintergangen worden ist. Unter dem weithin tönenden Aufschlag der Pferde rollten sie die schöne Straße entlang, die aufsteigend, dann wieder sanft abfallend, bald durch junges Eichengehölz oder über weite Ebenen dahinführt, wo ganze Scharen von Raben die mächtigen Heuschober umflatterten. Das Gewölk hing tief, die Luft war warm und regenweich, hie und da blitzte die Sonne durch einen Wolkenritz. Um sich beim raschen Fahren vor Wind zu schützen, hatten sie eine Decke übergebreitet, die beider Kniee eng aneinander geschmiegt umhüllte, indes die Herzogin von ihrem Korsika erzählte und von einem wunderbaren vocero, den ihre Kammerfrau bei dem Leichenbegängnis improvisiert hatte.

»Matéa?«

»Jawohl, Matéa! Sie ist eine große Dichterin, müssen Sie wissen. . . .« Und sie citierte einige Verse des Klaggesanges in dem stolzen, wohllautenden korsischen Dialekt, für den sich ihre schöne Altstimme prächtig eignete. Was die ernsten Entschließungen betraf, so verlautete darüber keine Silbe.

Und doch interessierten dieselben ihn gar sehr und lagen ihm weit mehr am Herzen als die poetischen Ergüsse der Kammerfrau. Ohne Zweifel wollte sie erst abends darauf zu sprechen kommen. Und um sie zu zerstreuen, erzählte er ihr mit leiser Stimme die Geschichtchen von Laniboire und wie klug er es angefangen hatte, um sich den Akademiker vom Halse zu schaffen. »Die arme, kleine Moser,« sagte die Herzogin, »nun muß ihr Vater diesmal aber gewählt werden. . . . Sie hat es sauer verdient. . . .« Dann wurde ihre Unterhaltung immer einsilbiger und sie gaben sich ganz der Wonne des nahen Beisammenseins in dem sanft wiegenden Wagen hin, während der Tag rasch zur Neige ging und Bäume und Felder sich in immer tiefere Schatten hüllten, so daß man aus den Hochöfen von Zeit zu Zeit die Flammenglut auflodern sah, Blitzen gleich bis zu den Wolken aufzüngelnd. Der Rückweg ward unglücklicherweise sehr gestört durch das Geschrei, Gejohle und Gebrüll der vom Gelage heimkehrenden Bauern, die wie tölpische Tiere an die Wagenräder stießen, in die Straßengräben hinunterkollerten, aus welchen zu beiden Seiten des Weges Geschnarche und wüstes Geheul herauftönte, offenbar ihre Art, das angeordnete Gebet für die Ruhe der Seele des sehr hohen und mächtigen Herrn und Herzogs zu verrichten.

Bei ihrem gewohnten Abendspaziergang in der Galerie blickte sie, an seine Schulter gelehnt, zwischen den schweren, den weiten Horizont begrenzenden Pfeilern in die Nacht hinaus und flüsterte: »Wie selig . . . so zu zweien! Und allein! . . .« Aber wieder sprach sie nicht von dem, was Paul zu hören erwartete. Er suchte sie darauf hinzulenken, und die Lippen auf ihr Haar gedrückt, fragte er sie, wo sie diesen Winter zu verleben gedenke, ob sie nach Paris zurückkehren werde. O! Nein, gewiß nicht! Paris mitsamt seiner lügnerischen, stets hinter der Maske auf Verrat sinnenden Gesellschaft war ihr zuwider. Sie wußte nur noch nicht, ob sie sich in Mousseaux einpuppen oder eine große Reise nach Syrien und Palästina unternehmen sollte. Was er davon hielt? Das waren also die großen Entscheidungen, die sie mit ihm treffen wollte, nichts als ein Vorwand ihn zurückzuhalten war es gewesen, weil sie davor zitterte, daß andre während ihrer Abwesenheit ihn ihr entreißen würden, wenn er nach Paris zurückkehrte. Paul biß sich auf die Lippen; er hielt sich für getäuscht, hatte das Gefühl, daß man mit ihm gespielt habe. »Ach! Wenn du es so meinst, meine Schöne . . . dann, ja, wir werden ja sehen!« Müde von der Reise und dem im Freien zugebrachten Tage, stieg sie matten und schleppenden Schrittes die Treppe hinauf, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Mit einem Händedruck und einem von Paul verstohlen und zärtlich geflüsterten: »Auf Wiedersehen!« pflegten sie sonst des Abends auseinanderzugehen, und dieses leise: »Auf Wiedersehen!« verhieß nach des Tages Zwang und Trennung die volle ungestörte, trunkene Seligkeit nächtlicher Stunden. Aber heute abend kam das Wort nicht über Paul Astiers Lippen und trotz ihres Schmerzes darüber erblickte sie in dieser Zurückhaltung nichts als Scheu und Ehrfurcht für ihre noch so frische Trauer, die noch schwarz behängte Kapelle und ihr letzter Gedanke beim Einschlafen war, wie vornehm und edel er darin empfunden.

Am folgenden Morgen sah man sich kaum; die Herzogin hatte Geschäfte; sie brachte mit ihrem Haushofmeister und den Pächtern die Rechnungen in Ordnung, wobei sie sich die größte Bewunderung des Notars Gobineau erwarb, der beim Frühstück mit einem Gesicht, in dem jedes Fältchen voll Bosheit steckte, zu Paul sagte: »Das ist eine Frau, die sich kein X für ein U vormachen läßt.«

»Was weiß er davon?« dachte der auf der Lauer liegende junge Jägersmann, indem er seinen blonden Schnurrbart drehte. Aber die Genauigkeit und Kaltblütigkeit, mit der die klangvolle Altstimme, die so süß von Liebe zu flüstern wußte, Zahlen feststellte und für ihren Vorteil eintrat, brachten ihn wohl zum Bewußtsein, daß es Vorsicht galt in diesem gefährlichen Spiele.

Nach dem Frühstück traf die erste Directrice aus dem Sprichtschen Atelier mit großen Kisten und zwei Fräulein zum Anprobieren ein. Nach vier Uhr endlich kam die Herzogin in einem Wunder von Trauergewand, das ihre Figur mädchenhaft schlank und jugendlich erscheinen ließ, zum Vorschein und machte ihm den Vorschlag, einen Gang durch den Park zu thun. Nebeneinander wandelten sie elastischen Schrittes dahin, die Alleen hinunter, stets dem Geräusche der großen Rechen ausweichend, mit welchen die Gärtner dreimal täglich gegen den alles bedeckenden Fall der welken Blätter ankämpften. Freilich war diese Arbeit eine ziemlich fruchtlose, denn so eifrig sie auch ausgeführt werden mochte, eine Stunde darauf waren Weg und Steg immer aufs neue mit dem weichen orientalischen Teppich in seinen grünen, braungelben, purpurnen, fahlen Falbentönen bedeckt, durch den im Strahle der tiefstehenden, noch immer heißen Sonne ihre Tritte raschelten und rauschten. Sie sprach von dem Gatten, der sie in den Tagen der Jugend so elend gemacht; es lag ihr daran, in ihm die Gewißheit zu bestärken, daß sie nur nach außen, aus Anstandsrücksichten diese Trauer trug, von der ihr Herz nichts wußte. Paul verstand das vollkommen und lächelte, ohne sich indes in seiner Taktik der Kälte beirren zu lassen.

Ganz unten im Park setzten sie sich in die Nähe eines hinter Ahorn und Weiden versteckten Pavillons, welcher den Fischernetzen und den Rudern der kleinen Bootsflotte zum Aufbewahrungsorte diente. Sie übersahen von hier die sich wellenförmig zum Flusse herabziehenden Weidegründe, einzelne Partieen Hochwald und junges Gehölz, da und dort von einem warmen Sonnenstrahle vergoldet; die Bäume gewährten ihnen aber einen freien Durchblick auf das Schloß, welches mit den so plötzlich vereinsamten und verödeten Terrassen, den zum größeren Teile geschlossenen Fenstern, den hochragenden Türmen mit ihren stolz getragenen Laternen, gewachsen zu sein schien, mehr Würde atmete als sonst, gleichsam der Geschichte zurückgegeben war.

»Welch ein Schmerz, all' diese Herrlichkeit zu verlassen . . .« sagte er mit einem schwachen Seufzer. Sie sah ihn an, bestürzt, die Brauen sturmdrohend zusammengezogen. . . . Abreisen, er? . . . Und wozu?

»Mein Gott, das Leben – der Beruf . . . man muß ja. . . .

»Uns trennen? . . . Und ich? und die große Reise, die wir miteinander geplant?«

»Ich wollte Ihre Freude nicht stören. . . .«

Aber wie sollte ein armer Künstler sich den Luxus einer Spazierfahrt nach Palästina gestatten? Das waren Träume, unausführbare. . . . Wie Védrines Nil-Dahbieh, die zu einer Loirefähre geworden.

Sie zuckte die schönen, blaublütigen Schultern: »Unsinn, Paul, wer wird solche Kindereien behaupten! . . . Ist nicht alles, was mein ist, auch dein?«

»Mit welchem Rechte?«

Da war es ausgesprochen! Aber noch ahnte, noch erriet sie nicht, worauf er abgelte. Und er, in der Furcht zu rasch vorgegangen zu sein, setzte hinzu: »Ja, in welcher Eigenschaft soll ich dem engherzigen Urteil der Welt gegenüber mit dir reisen?«

»Nun gut, so bleiben wir in Mousseaux.«

Er verbeugte sich mit leiser Ironie: »Der Architekt der Frau Herzogin hat hier nichts mehr zu thun.«

»Bah! Wir werden schon Arbeit für ihn finden . . . und müßte ich heute nacht das Schloß in Brand stecken. . . .«

Sie lachte ihr schönes, zärtliches, übermütiges Lachen, schmiegte sich an ihn, nahm seine Hände und fuhr sich damit übers Gesicht, streichelte ihr Haar damit und trieb glückliche, thörichte Liebeständelei: aber das Wort kam nicht, auf das Paul wartete, das er sie auszusprechen zwingen wollte. Mit unterdrückter Heftigkeit sprach er dann: »Wenn du mich liebst, Maria Antonia, so laß mich ziehen; ich muß mir eine Existenz gründen, mir und den Meinigen. Die Welt würde mir nie verzeihen, eine solche aus der Hand einer Frau, die meine Gattin nicht ist und nicht sein wird, anzunehmen.«

Jetzt hatte sie ihn verstanden, sie drückte die Augen zu vor dem Abgrunde, der sie angähnte, und ein Schweigen folgte so tief und lang, ein Schweigen, in dem man, vom leisen Abendhauch verweht, die Blätter von den Bäumen fallen hörte, die einen noch schwer von Saft, von Zweig zu Zweig gleitend, die andern dürr, flüchtig, leise raschelnd wie ein leichtes Kleid, und rings um die Weiden tönte es wie huschende Tritte, wie das leise Gehen schweigender Scharen. Fröstelnd erhob sie sich. »Es wird kühl; wir wollen nach Hause.« Sie hatte das Opfer gebracht. Sie würde daran sterben, ohne Zweifel, aber die Welt wird nicht mit ansehen, daß die Herzogin Padovani sich erniedrigt, ihren Architekten zu heiraten, Frau Paul Astier zu werden.

Den Abend über beschäftigte sich Paul, ohne viel Aufhebens davon zu machen, mit den Vorbereitungen zu seiner Abreise, gab Anweisungen für die Beförderung seiner Koffer, verteilte fürstliche Trinkgelder, erkundigte sich nach dem Fahrplan der Eisenbahn, das alles mit voller Ruhe und Geistesfreiheit, plaudernd wie sonst, aber ohne, daß es ihm gelungen wäre, das schweigende Grollen der schönen Antonia zu brechen, welche in eine Revue vertieft war, deren Blätter sie nie umwandte. Nur als er ihr lebewohl sagte und seinen Dank für die lange, herzliche Gastfreundschaft aussprach, bemerkte er in dem rosigen Lichte, das der spitzenbesetzte Lampenschirm auf diese stolzen Züge fallen ließ, ihre Seelenangst, den flehenden, fragenden Blick eines zu Tode getroffenen Wildes.

In seinem Zimmer angelangt, vergewisserte der junge Mann sich in erster Linie, daß der Riegel des Rauchkabinettes vorgeschoben war, löschte die Kerzen und setzte sich regungslos, in gespannter Erwartung auf einen kleinen Diwan neben der Thür. Kam sie nicht, so hatte er sich getäuscht, und alles mußte von neuem begonnen werden. Aber ein leichtes Geräusch, das Knistern von Seide in dem geheimen Gängchen ward hörbar, ein überraschtes plötzliches Stillstehen, als die Thür sich nicht sofort aufthat, dann ein leises Pochen mit der Fingerspitze, mehr ein Tippen als ein Klopfen. Er rührte sich nicht von der Stelle, gab selbst auf ein halblautes, benachrichtigendes Husten kein Lebenszeichen und hörte sie dann mit nervösen, stockenden Schritten sich entfernen.

»Jetzt,« dachte er, »ist sie in der Falle. Jetzt mache ich aus ihr, was ich will . . .« und ruhig legte er sich schlafen.

»Würden Sie nach Ablauf Ihrer Trauerzeit meine Frau werden, wenn ich Fürst Athis hieße? . . . Und dieser Athis hat Sie nicht geliebt, Paul Astier liebt Sie, und stolz auf diese Liebe, möchte er sie vor aller Welt zur Schau tragen, statt sie zu verbergen, wie eine Schande. Ach! Mari Anto! Mari Anto! . . . Wie schön war der Traum, aus dem ich erwache. Leben Sie wohl.«

Diese Zeilen las sie mit halboffenen, von nächtlichen Thränen geschwollenen Augen. »Ist Herr Astier abgereist?« Die Kammerfrau, welche sich eben zum Fenster hinausbeugte, um die Jalousieen zu befestigen, erblickte den Wagen, welcher Herrn Paul von dannen trug, ganz am Ende der Avenue, schon außer Hörweite. Die Herzogin sprang aus dem Bett und lief nach der Wanduhr: »Neun!« Der Schnellzug ging in Onzain erst um zehn Uhr ab. »Schnell einen Boten . . . Bertoli . . . er soll das beste Pferd nehmen! . . . Wenn er quer durch die Wälder reitet, kann er abschneiden, vor dem Wagen dort sein.« Während ein Befehl über den andern erfolgt, schreibt sie, stehend, im Nachthemd: ,Kommen Sie hierher zurück. . . . Alles wird nach Ihrem Wunsche geschehen! . . .« Nein, das war zu kalt. Das war nicht genug, um ihn zurückzurufen. Das Billet ward zerrissen: das neue lautete: »Dein Weib oder Deine Geliebte, was Du willst, aber Dein! Dein!« Die Unterschrift: »Herzogin Padovani.« Dann plötzlich, fast wahnsinnig werdend bei der Vorstellung, daß er doch nicht kommen könnte: »Ich werde selbst gehen . . . mein Reitkleid, schnell!« Und zum Fenster hinaus rief sie Bertoli, dessen Pferd vor der Freitreppe ungeduldig stampfte, den Befehl zu, »Mademoiselle Oger« für sie zu satteln.

Seit fünf Jahren hatte sie kein Pferd mehr bestiegen. Das Reitkleid krachte, sie war stärker geworden: einige Haken wollten nicht zugehen. »Laß nur, Matéa, laß! . . .« Die Schleppe überm Arm stieg sie die Treppe hinunter, zwischen den sprachlos verblüfften Dienern hindurch, die sie starr anglotzten, und flog im schärfsten Galopp die Avenue entlang. Da war das Parkthor; jetzt die Landstraße. Nun ist sie im Walde unter den Bäumen, auf den noch taufrischen grünbewachsenen Wegen, wo der Hufschlag bald einen Flug Vögel, bald ein Rudel Wild aufscheucht. Sie will ihn haben, sie muß ihn haben, den Mann, den Geliebten, ihn, der ihr bald den Tod, bald die Auferstehung gibt! Jetzt, da sie sie kennt, die Liebe, gibt es denn außer dieser noch etwas auf der Welt? Und, vornübergebeugt, späht sie umher, lauscht angsterfüllt auf den Ton der Dampfpfeife.

Wenn sie nur zur Zeit hinkommt! . . . Arme Thörin! Wozu dem hübschen Flüchtling in diesem rasenden Tempo nachjagen? Er ist ja ihr Verhängnis und das entgeht einem nie.

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