Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Der Unsterbliche

Alphonse Daudet: Der Unsterbliche - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorAlphonse Daudet
titleDer Unsterbliche
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 3
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1888
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid571cb87a
created20061028
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.

Am Morgen nach jenem Theaterabende, an dem sie sich der Welt mit lächelnder Miene gezeigt und damit den Frauen der Gesellschaft eine letzte erhabenste Lehre der Selbstbeherrschung und Haltung gegeben, war die Herzogin Padovani wie alljährlich um diese Zeit nach Mousseaux abgereist. Aeußerlich ging in ihrem Leben keinerlei Veränderung vor. Die Einladungen für die Sommermonate waren erlassen, sie widerrief keine, aber in den wenigen Tagen, ehe die ersten Gäste eintrafen, in der Einsamkeit dieser kurzen Frist, die sie sonst dazu verwendet hatte, sich bis in die kleinste Einzelheit um die Vorbereitungen zur Aufnahme der Geladenen zu bekümmern und alles nachzusehen, weilte sie dieses Jahr vom Morgen bis zum Abend im Park von Mousseaux, der sich unabsehbar an den hügeligen Ufern der Loire hindehnte; vom Morgengrauen bis zur Nacht durchrannte sie ihn, wahnsinnig, wie ein zu Tode verwundetes Wild, das, rings umstellt, von Müdigkeit überwältigt, einen Augenblick innehält, dann mit dumpfem Schmerzgestöhn wieder von dannen stürmt. »Feigling! … Erbärmlicher! … Schurke!« … Sie überflutete den Abwesenden mit Schimpfreden, wie wenn er an ihrer Seite gewesen wäre, wie wenn er Schritt hielte mit ihr in dem fiebrischen Laufe durch dies Labyrinth tiefgrüner, schattiger Alleen, die sich in ungeheurer Ausdehnung bis zum Flusse hinunter erstreckten. Und jetzt nicht mehr Herzogin, nicht mehr Weltdame, jetzt ohne Maske, einfach menschlich, überließ sie sich der Verzweiflung, die vielleicht minder heftig war, als ihr Zorn, denn der verletzte Stolz war es, was am lautesten die Stimme erhob in ihrem Herzen, und die seltenen Thränen, die sich zwischen ihren Lidern hervordrängten, flossen nicht, strömten nicht, sie zischten nur wie der Wassertropfen auf glühendem Eisen. Rache, Rache! Sie sann auf blutige Mittel; bald malte sie sich aus, daß einer ihrer Forstwächter, Bertoli oder Salviato, hingehen, ihm am Tage der Hochzeit eine Ladung Rehposten ins Hirn jagen solle. … Aber, nein, nein! Selbst mußte sie ihn treffen, mußte die Wonne der Vendetta in der eignen Hand, dem eignen Arme fühlen …. Sie beneidete die Leute aus dem Volke, die unter der Hausthür ihrem Feinde auflauern, ihm eine Flasche Vitriol ins Gesicht schleudern und eine nicht minder giftige Flut von Schimpfreden obendrein …. O warum kannte sie keine jener scheußlichen Reden, die das Herz erleichtern, irgend eine gemeine unerhörte Beschimpfung, die sie dem schurkischen, niedrigen, verräterischen Gesellen, den sie immer vor sich sah, wie er ihr bei der letzten Begegnung erschienen, mit dem unsicheren, hündischen Blick, dem erzwungenen, mühsamen, falschen Lächeln, hätte ins Gesicht schleudern können. Aber selbst in ihrem korsischen Dialekt der roten Insel fand die Patrizierin keine häßlichen Worte, und wenn sie es hinausgebrüllt hatte, ihr: »Feigling! … Elender! … Schurke!« so verzerrte sich ihr schöner Mund in ohnmächtiger Wut.

Des Abends, nach ihrer einsamen Mahlzeit in dem riesigen Speisesaale, dessen alte Ledertapeten der Strahl der untergehenden Sonne vergoldete, fing der Lauf des zusammenbrechenden Wildes von neuem an, diesmal in der Galerie nach dem Flusse, die Paul Astier mit dem spitzenartig durchbrochenen Ornament ihrer Arkaden und den zwei hübschen vorspringenden Türmchen so entzückend restauriert hatte. Weit unten floß, breit wie ein See, die Loire, auf welcher noch ein letzter zarter Silberschimmer zitterte, von dem beschienen sich gegen Chaumont hin die Weidengebüsche und die Sandinselchen des trägen Stromes in der milden Luft hinzogen. Aber sie hatte kein Auge für die Landschaft, die arme Mari Anto, wenn sie müde von ihrem kummervollen Lauf sich mit beiden Armen auf die Balustrade stützte und irr hinausstarrte. Ihr Leben erschien ihr so verwüstet, so elend zu Grunde gerichtet, und das in einem Alter, in dem es sich schwer von neuem beginnen läßt. Helle Stimmen klangen von Mousseaux herauf von einem kleinen Häuflein niedriger Hütten am Landungsplatze; der Anker eines Bootes knirschte durch die kühler werdende Nacht. Wie sie sich in trostlosem Jammer weit vornüber beugte, wie nah lag da der Ausweg aus all diesem Elend … nur eine einzige Linie weiter und …. Aber was würde die Welt dazu sagen? In ihrem Alter, eine Frau in ihrer Stellung, den Selbstmord einer verlassenen Dirne!

Am dritten Tage traf Paul Astiers Billet ein und gleichzeitig brachten alle Blätter eine ausführliche Schilderung des Zweikampfes. Es überlief sie wie die wonnige Glut einer Umarmung. Es gab also noch einen, der sie liebte, der sie hatte rächen wollen mit Gefahr seines Lebens: nicht Leidenschaft war es, was sie darin sah, nein, nichts als dankbare, liebevolle Anhänglichkeit, treu bewahrte Erinnerung an die Dienste, die sie dem jungen Manne und den Seinigen erwiesen, vielleicht auch ein edles inneres Bedürfnis, die Verräterei der Mutter wieder gut zu machen. Hochsinniges, braves, warmherziges Kind! Wäre sie in Paris gewesen, sie wäre zu ihm geeilt; von hier aus, wo sie jeden Augenblick der Ankunft ihrer Gäste gewärtig sein mußte, konnte sie ihm nur schreiben, ihm ihren Arzt schicken.

Fast jede Stunde brachte nun neue Gäste, teils von Blois, teils von Onzain, da Mousseaux von beiden Bahnstationen gleich weit entfernt war, und der Landauer, die Kalesche, das Break fuhren ein ums andremal vor der Freitreppe des Empfangshofes an, wo die Klingel unaufhörlich ertönte, und setzten berühmte alte Freunde der Rue de Poitiers ab, Akademiker und Diplomaten, Graf und Gräfin Foder, den Grafen und Vicomte Brétigny, letzterer Gesandtschaftssekretär, Herrn und Frau Desminières, den Philosophen Laniboire, der im Schlosse seinen Bericht über die Tugendpreise abfassen wollte, den jungen Kritiker Shelleys, der es durch den Salon Padovani sehr weit gebracht hatte, und Danjou, den schönen Danjou, ganz allein ohne seine Frau, die zwar dieses Mal eingeladen worden war, die ihm aber bei der Ausführung gewisser Pläne, welche er unter dem Lockenhaar eines ganz neuen Perückchens ausbrütete, hätte im Wege sein können. Sofort kam das Leben im Schlosse in sein alljährliches Geleise. Am Morgen Besuche machen oder stille Arbeit auf dem Zimmer, die Mahlzeiten, ein Plauderstündchen, allgemeine Siesta, dann, wenn die größte Hitze vorüber, Wagenfahrten durch die Wälder oder kleine Ausflüge auf dem Flusse in der am Ende des Parkes liegenden kleinen Bootflotte. Man nahm dann auf einer Insel einen mitgebrachten Imbiß ein, hob gemeinsam die Netze, die allezeit mit zappelnder Beute gefüllt waren, weil der Aufseher der Fischerei sie am Vorabend derartiger Unternehmungen stets frisch füllte. Nach dem Schlosse zurückgekehrt, wurde für das Diner, welches immer sehr feierlich war, große Toilette gemacht, nachher rauchten die Herren auf der Terrasse oder der Galerie ihre Cigarre und fanden sich später in dem merkwürdigen Salon ein, welcher einst der Beratungssaal der Katharina von Medicis gewesen.

Große Gobelins erzählten an den endlos langen Wänden des mächtigen Raumes von Didos Liebe und ihrer Verzweiflung bei der Flucht der trojanischen Flotte, eine seltsame Ironie des Schicksals, die jedoch von niemand bemerkt wurde, dank jener Teilnahmslosigkeit an den Dingen der Außenwelt, die sich in der Gesellschaft so häufig findet und die weit weniger einem Mangel an Kunstsinn oder einer Ungeschicklichkeit des menschlichen Auges entspringt, als vielmehr dem ausschließlichen mit sich selbst Beschäftigtsein, der Aufmerksamkeit, die man auf seine Haltung und sein Benehmen und auf den Eindruck, welchen man hervorbringt, verwendet. Und doch konnte man nicht leicht einen schlagenderen Gegensatz sehen, als den zwischen der tragischen Wut dieser Königin, welche mit zum Himmel erhobenen Armen, die Augen voll Thränen jenem am Horizont verschwindenden Punkte nachsieht, und der lächelnden Ruhe, mit welcher die Herzogin jedes Beisammensein ihrer Gäste leitete, stets ihre Herrschaft über die Frauen, deren Toilette und Lektüre sie angab und beeinflußte, beibehaltend, sich an den Gesprächen und Debatten Laniboires mit dem jungen Kritiker beteiligend, so gut wie an dem Streite über die Aussicht der Kandidaten für den Fauteuil Loisillon, in welchen Desminières und Danjou sich immer aufs neue vertieften. Wahrhaftig, wenn der Fürst sie hätte sehen können, er, dieser Samy, an den alle unablässig dachten und von dem kein Mensch sprach, so hätte seine Eitelkeit sich wohl etwas verletzt gefühlt von dem Eindruck, daß seine Abwesenheit in dem Dasein dieser Frau so wenig eine Leere gelassen zu haben schien, als in diesem königlichen Wohnsitz, der wie sonst voll Leben und Heiterkeit war und an dessen langer Fassade nur drei Jalousieen geschlossen blieben, der sogenannte Pavillon des Fürsten.

»Sie trägt es schön . . .« hatte Danjou gleich am ersten Abend gesagt, und die kleine Gräfin Foder, deren spitzes Näschen geschäftig und neugierig aus ihrer Spitzenflut hervorguckte, wie die sentimentale Frau Desminières, die sich auf Vertrauensergüsse, gemeinsam fließende Thränen und ein Meer von Jammer gefaßt gemacht hatte, konnten kein Ende finden, das Lob dieser erhabenen, mutigen Seele zu singen. Im innersten Herzen freilich machten sie es ihr bitter zum Vorwurf, daß durch ihre »Absage« die Tragödie, auf die sie sich gefreut, nicht zur Aufführung gelangte, während den Männern diese gefaßte Heiterkeit der verlassenen Ariadne eine Aufforderung zur Bewerbung um die freigewordene Nachfolge zu enthalten schien. Und in diesem Punkte machte sich nun für die Herzogin eine völlige Wandlung geltend; in der Haltung aller oder doch nahezu aller, die sie umgaben, zeigte sich größere Freiheit, größere Wärme, ein Wetteifer ihr zu gefallen, ein emsiges Drängen um ihren Lehnstuhl, das der Frau galt und nicht nur ihrem Einfluß.

Allerdings war Mari Anto nie schöner gewesen, und wenn sie in den Speisesaal trat mit dem Elfenbeinschimmer ihrer Haut, den klassischen Schultern, welche das duftige Sommerkleid durchblicken ließ, so ging von ihrer Schönheit ein lichter Glanz aus, der alle andern in Schatten stellte, selbst die Marquise von Roca Nera, die häufig von ihrem jenseits der Loire gelegenen Schlosse herüberkam. Jünger war sie, die Marquise, und doch würde keiner, der die beiden Frauen nebeneinander sah, zweifeln, welcher der Preis der Schönheit gebührte. Und dann verdankte die schöne Antonia dem plötzlichen Losreißen ihres Geliebten jenen geheimnisvollen Reiz, den man sich nicht zugesteht und nicht zu erklären vermag, jene merkwürdige Anziehungskraft, welche der eben verlassene Platz des Liebhabers hat und welche so oft zur Teufelsklaue wird. Der Philosoph Laniboire, Berichterstatter über den Tugendpreis, empfand die Wirkung dieser nicht eben edeln Macht in voller Stärke. Er war Witwer in reifen Jahren, von etwas bläulicher Gesichtsfarbe und melancholischen Zügen, und suchte das Herz der Schloßherrin durch die Entfaltung männlicher Kraft und ritterlicher Künste zu besiegen, wobei er indes einiges Mißgeschick zu erleiden hatte. Eines Tages, als er bei der Wasserfahrt den Bootsriemen mit ungeheurer Entfaltung von Muskelkraft regieren wollte, fiel er in den Fluß, und ein andres Mal, als er in kurzem Galopp neben dem Wagen der Herzogin hertänzelte, drückte sein Pferd ihm das eine Bein so heftig gegen das Rad, daß er ein paar Tage das Bett hüten und Kataplasmen auflegen mußte. Im Salon aber, da war es herrlich anzusehen, wenn er nach Danjous Ausdruck vor der Bundeslade hertanzte, seinen umfangreichen Körper bog und krümmte und den jungen Kritiker zu geistigen Wettkämpfen herausforderte, in welchen er mit seinem unzerstörbaren Optimismus den schwarzen dreiundzwanzigjährigen Pessimismus seines Gegners vernichtete. Er hatte freilich seine besondern Gründe, das Leben für eine gute, ja vortreffliche Einrichtung zu halten, dieser Philosoph Laniboire, dessen Frau an einer Diphtheritis gestorben war, die sie sich am Krankenbett ihrer Kinder, die ihr im Tode folgten, geholt, und stets schloß er, wenn er eine Hymne auf die Schönheit des Daseins gesungen und seine Theorieen entwickelt hatte, mit einer Art von Anschauungsunterricht, einem bewundernden Hinweis auf das durchsichtige Kleid der Herzogin, als wollte er sagen: »Wer kann das Leben schmähen angesichts solcher Schultern?«

Der junge Kritiker seinerseits ging etwas feiner und verschwiegener, vielleicht aber nicht minder praktisch zu Werke. Er war ein feuriger Bewunderer des Fürsten Athis, und noch in jenem Alter stehend, in dem man nachahmen zu müssen glaubt, was man verehrt, kopierte er von seinem ersten Auftreten in der Gesellschaft an Samys Haltung, Gang, Miene, den gewölbten Rücken, das geistesabwesende, verschlossene Lächeln und sein wegwerfendes, hochmütiges Schweigen: jetzt betonte er diese Aehnlichkeit durch kleine Einzelheiten im Anzug, die er kindisch abgelauscht, aufgeschnappt hatte, noch stärker und kam seinem Vorbilde in der Art, wie dasselbe die Krawatte ansteckt, in der Schweifung des Kragens und dem englischen Schnitt des karrierten gelblichen Beinkleides ziemlich nahe. Unglücklicherweise gestattete ihm ein großer Reichtum an Haupthaar und ein vollständiger Mangel auch nur des leisesten Bartflaums nicht, die Aehnlichkeit noch weiter zu treiben, ein Umstand, durch welchen er sich die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen und das Ausbleiben jedes erschrockenen, erinnerungsreichen Blickes bei der einstigen Geliebten des Fürsten erklärte, welche seinen englischen Karrierten eine so vollständige Gleichgültigkeit entgegenbrachte, wie dem hinsterbenden Aeugeln Brétignys des jüngeren und dem kraftvollen Druck, den Brétigny der Vater, wenn er sie zu Tische führte, ihrem Arme angedeihen ließ. Nur trug dies alles dazu bei, um sie her jene schwüle Atmosphäre von galantem Eifer und ritterlicher Hingebung zu erhalten, an welche Athis sie so lange gewöhnt hatte, indem er seine Pagenrolle bis zur Verzerrung fortgespielt, und der Eitelkeit der Frau ward dadurch die Schmach des Verlassenseins weniger empfindlich.

Unter all diesen Prätendenten nahm Danjou eine etwas andre, ihm eigne Stellung ein. Er hielt sich in einiger Entfernung und brachte die Herzogin, indem er sie mit seinem Theaterklatsch zu amüsieren wußte, zum Lachen, was bei manchen von großem Erfolg ist. Eines Morgens, als sie in Begleitung ihrer Hunde ihren täglichen einsamen Spaziergang im Walde antrat, jenen heftigen Lauf, bei dem sie ihren Zorn hinaustrug in die grüne Lichtung, wo der erste Sonnenstrahl das Vogelgezwitscher wachrief, ihn eintauchte in den Tau der Wiesen und sich Kühlung und Beruhigung schaffte in den von Baum und Strauch fallenden Tropfen, trat er ihr dann plötzlich unter die Augen, ging rasch auf sie zu und versuchte, nun, da er sie genügend vorbereitet glaubte, einen Handstreich. In seinem vollständigen Anzug von weißer Wolle, das Beinkleid im Stiefel, die platte baskische Mütze auf dem Kopfe, schon rasiert, erging er sich angeblich hier in aller Frühe, um die Lösung für einen Dreiakter zu suchen, den das Théâtre français für den kommenden Winter von ihm haben wollte: der Titel war: »Der Schein,« das Thema aus der Gesellschaft gegriffen und äußerst herb; das Ganze fix und fertig bis auf die letzte Szene.

»Nun denn, machen wir uns gemeinsam auf die Suche . . .« sagte sie heiter, dabei mit der langen, kurzstieligen, mit einer silbernen Pfeife versehenen Peitsche knallend, die sie immer bei sich führte, um ihre Meute beisammenzuhalten. Aber vom ersten Schritte an begann er ihr von seiner Liebe zu sprechen, malte ihr aus, wie traurig es für sie sein würde, allein zu sein mit ihrem Herzen, und trug sich ihr schließlich, cynisch wie ein Danjou, geradezu an. Den Kopf stolz und heftig zurückwerfend, hielt die Herzogin den Griff ihrer kleinen Hundepeitsche krampfhaft umfaßt, vollkommen bereit, den Verwegenen, der es wagte, ihr Vorschläge zu machen, wie man sie hinter den Coulissen einer Statistin bietet, zu züchtigen. Aber was ihre Würde so schnöd verletzte, enthielt zugleich eine Huldigung für ihre auf der Neige befindliche Schönheit und in die flammende Röte, die plötzlich in ihre Wangen stieg, mischte sich ebenso viel Freude, wie Entrüstung. Er gab jedoch seine Sache keineswegs verloren, sprach weiter, drang in sie, suchte durch den Brillantschliff seiner Redensarten ihr Urteil zu verwirren und zu blenden, that, als ob er das Ganze weit weniger als Herzenssache, denn als eine Verbindung gleicher Interessen ansähe, als ein Bündnis der Geister. Ein Mann wie er! . . . Eine Frau wie sie! . . . Verbunden würden sie die Gesellschaft, die Welt zu beherrschen vermögen.

»Ich danke, mein lieber Danjou; derartige schöne Sophistereien kenne ich und weine noch darüber . . .« und mit einer stolzen Gebärde, die keine Widerrede duldete, dem Dramatiker die schattige Allee weisend, die er zu gehen habe, sagte sie: »Suchen Sie Ihre Lösung, ich kehre hier um. . . .« Sehr verblüfft blieb er wie festgewurzelt stehen und sah der hochgewachsenen, schlanken Gestalt nach, die sich leichten, elastischen Ganges rasch entfernte.

»Nicht einmal als Zebra?« stieß er noch kläglich hervor.

Die schwarzen Augenbrauen finster zusammengezogen, wandte sie sich nach ihm um: »Richtig, das ist ja wahr . . . der Posten ist frei. . . .« Sie dachte an Lavaux, an diese niedrige Bedientenseele, dem sie so viel Gutes erwiesen. . . . Und ohne ein Lächeln, mit müder Stimme kam es von ihren Lippen: »Wenn Sie das wollen, als Zebra . . .« Dann verschwand sie hinter einem Boskett gelber Rosen, stolzer, herrlicher, aber allzu weit erschlossener Blüten, die der erste lebhaftere Windhauch zerflattern lassen mußte.

Schön war es doch, daß sie ihn wenigstens angehört, die stolze Mari Anto! In diesem Tone hatte vermutlich noch kein Mann, auch ihr Fürst nicht, zu ihr gesprochen. Voll Kühnheit, Hoffnung und Schwung, belebt, erwärmt und erschüttert von den zündenden Reden, die ihm zu seinem eignen Erstaunen auf die Lippen getreten, hatte der dramatische Dichter nun keine Schwierigkeit mehr, die gesuchte Schlußszene zu finden. Er kehrte ebenfalls ins Haus zurück, um das Ersonnene noch vor dem Frühstück zu Papier zu bringen, blieb aber plötzlich bestürzt stehen, als er zwischen den Bäumen durch gewahr wurde, daß die Fenster der vom Fürsten bewohnten Räume weit offenstanden. Für wen wurden sie gelüftet und zurecht gemacht? Welchem Günstling ward die Auszeichnung zu teil, diese äußerst bequeme, prachtvolle Einrichtung benutzen zu dürfen und sich von dort des herrlichen Blickes sowohl auf die Loire wie auf den Park zu erfreuen? Er zog sofort Erkundigungen ein, die ihn wieder etwas beruhigten. Der Architekt der Frau Herzogin, welcher zur Erholung nach schweren Leiden hierherkommen sollte, war der erwartete Gast. Da allgemein bekannt war, welch alte und vertraute Beziehungen zwischen der Schloßherrin und den Astiers bestanden, so war es ja ganz selbstverständlich, daß Paul in diesem Mousseaux, das zum guten Teil sein Werk war, wie ein Kind des Hauses aufgenommen wurde. Als der neue Gast jedoch seinen Platz am Frühstückstische einnahm mit dem hübschen, durch die Krankheit vergeistigten Gesicht, welches ein weißes Crêpe de Chine-Tuch noch blässer machte, schien seine Erscheinung, das Duell, die Wunde, mit all der Romantik, die drum und dran hing und die man sich noch hinzudachte, einen so tiefen Eindruck auf die Damen zu machen, umgab die Herzogin ihn mit so liebevoller Sorgfalt und erwies ihm so große Gunst, daß der schöne Danjou, der eine jener Naturen war, die alles an sich ziehen und welchen jeder Erfolg eines andern als eine Schädigung ihrer Rechte, fast als ein Raub erscheint, den Schlangenbiß der Eifersucht empfand. Die Augen auf den Teller geheftet, sich den Ehrenplatz, den er einnahm, zu nutze machend, begann er mit leiser Stimme, den hübschen jungen Menschen, der durch das mütterliche Erbteil der schiefen Nase so unglücklich entstellt war, seines Nimbus zu entkleiden: er bespöttelte das Duell, seine Verwundung, diese ganze Fechtsaalberühmtheit, die beim ersten ernstlichen Kampfe an einem Hautritz in die Brüche geht. Ohne eine Ahnung, wie richtig und wohlangebracht seine Behauptung war, setzte er hinzu: »Der Streit am Spieltische mußte ja nur den Deckmantel abgeben . . . natürlich hat sich's um eine Frau gehandelt . . .«

»Bei dem Duell . . . Sie glauben das?«

Er nickte vielsagend mit dem Kopfe. »Ich glaube es nicht nur, ich weiß es!« Und entzückt von seiner wunderbaren Geschicklichkeit und Schlauheit, wandte er sich nun wieder der Gesellschaft im allgemeinen zu und belustigte und blendete den ganzen Tisch durch ein kleines Taschenfeuerwerk von geistreichen Witzworten, Anekdoten und Schnurren. Auf diesem Gebiete war ihm Paul Astier nicht gewachsen, und die Teilnahme und Aufmerksamkeit der Frauen wendete sich bald wieder diesem Meister des Plauderns zu, um so mehr, als derselbe die Mitteilung machte, daß die Lösung des dramatischen Knotens gefunden sei, das Stück vollendet, und daß er es während der heißen Tagesstunden im Salon vorzulesen gedenke. Dies seltene Vergnügen, diese reizende Unterbrechung des alltäglichen Einerlei wurde allseitig mit Freudenrufen willkommen geheißen, war es doch für diese Bevorzugten, die ihre Korrespondenz mit erhöhtem Eifer betrieben, nur weil sie stolz waren, ihre Briefe von Mousseaux datieren zu können, ein wahrer Fund, allen abwesenden Freundinnen über ein ungedrucktes, von ihm selbst vorgetragenes Stück von Danjou Bericht erstatten zu können und dann diesen Winter, bei Gelegenheit der Aufführung, nachlässig hinzuwerfen: »Ach, Danjous Stück! Ich kenne es schon; er hat es uns im Schlosse vorgelesen.«

Als man sich in freudiger Wallung über diese frohe Neuigkeit von Tische erhoben hatte, trat die Herzogin auf Paul Astier zu, und mit ihrer etwas herrischen Anmut seinen Arm nehmend, sagte sie: »Gehen wir auf die Galerie hinaus . . . hier ist es ja zum Ersticken. . . .« Die Luft war dumpf und schwül auch hier auf der Höhe, wo die bleiern daliegende Loire heiße Dünste herauf sandte, die wie lichte Dampfwölkchen das grüne Dickicht ihrer Ufer und die halb überschwemmten Inselchen verhüllten und umgaben. Sie zog den jungen Mann mit sich fort bis zur letzten Arkade, seitab von den Rauchern, und seine beiden Hände ergreifend und drückend, flüsterte sie: »Um meinetwillen, also . . . für mich. . . .«

»Für Sie, Frau Herzogin . . .« erwiderte er, preßte dann die Lippen fest zusammen und setzte tief atmend hinzu: »Es ist noch nicht zu Ende . . . wir werden den Kampf wieder aufnehmen . . .«

»Ob Sie gleich davon schweigen wollen, Sie böses Kind!«

Sie hielt inne, denn der schleichende Schritt eines Neugierigen ließ sich vernehmen: »Danjou!«

»Frau Herzogin?«

»Meinen Fächer, den ich auf dem Tische gelassen . . . wollten Sie die Güte haben? . . . Es wäre wirklich nett von Ihnen . . .« und als er sich genügend weit entfernt hatte: »Ich verbiete Ihnen das, Paul . . . erstens schlägt man sich überhaupt mit einem solchen Elenden gar nicht. Ach! Wenn wir allein wären – wenn ich Ihnen sagen könnte. . . .« In dem nervösen Zucken ihrer Hände, im Beben ihrer Stimme lag eine Leidenschaftlichkeit, die Paul Astier in Erstaunen setzte. Ein Monat war über die Sache hingegangen; er hatte sie gefaßter zu finden gehofft. Das war eine Enttäuschung für ihn, eine Enttäuschung, welche ihm das unwiderstehliche: »Ich liebe Sie – ich habe Sie stets geliebt,« welches er für die ersten Auseinandersetzungen nach seiner Ankunft vorbereitet hatte, abschnitt. Er beschied sich also damit, ihr von dem Duell zu erzählen, das ihre Neugierde sehr zu erregen schien, und bald kehrte der Akademiker mit dem Fächer zurück. »Ein artiges Zebra, Danjou!« lautete ihr heiterer Dank. Der andre verzog den Mund ein wenig und erwiderte im selben Tone halblaut: »Ja . . . aber nur, wenn es Aussicht auf Avancement hat, denn sonst . . .«

»Schon Bedingungen, das geht nicht!« und er erhielt zur Strafe einen leichten Schlag mit dem Fächer. Da sie ihn aber für seine Vorlesung in guter Stimmung haben wollte, nahm sie seinen Arm, um in den Salon zurückzukehren, wo das Manuskript auf einem koketten, zierlichen Spieltische, im hellen Lichte eines hohen Fensters, durch das man auf köstliche Baumgruppen und frisches Rasengrün hinausblickte, bereit lag.

»Der Schein . . . Schauspiel in drei Akten. Personen: . . .«

Die Frauen im Kreise – sie saßen so nahe als möglich um ihn her – überlief es mit jenem angenehmen Frösteln, das durch die Erwartung eines Vergnügens hervorgerufen zu werden pflegt. Danjous Lesen bewies, daß Picheral ihn mit Recht in die Kategorie der Schnurranten rechnete; er machte Pausen, nahm sich Zeit, seine Lippen mit dem neben ihm stehenden Glase Wasser anzufeuchten, wischte sie dann mit einem feinen Battisttuche ab und ließ die zu Ende gelesene Seite, ein Blatt in großem Format, ganz bis zum Rande in seiner winzigen Handschrift beschrieben, jedesmal nachlässig zu seinen Füßen auf den Teppich gleiten, und jedesmal bückte sich die Gräfin Foder, die auf berühmte Männer ausgehende Fremde, geräuschlos, hob das zu Boden gefallene Blatt auf und legte es mit wahrer Ehrfurcht auf einen neben ihr stehenden Fauteuil, und zwar schnurgerade und in der richtigen Reihenfolge. Es war ihr eine Wonne, diese bescheidene kleine Thätigkeit, die sie dem Meister nahe brachte, ihr an seinem Werte einen Anteil gab, gerade wie wenn sie einem Liszt oder Rubinstein beim Spielen die Noten gewendet hätte. Bis zum Schluß des ersten Aktes ging alles gut; die fesselnde, prickelnde Exposition wurde mit kleinen Ausrufen des Entzückens, übertriebenem Lachen und enthusiastischen Beifallsäußerungen aufgenommen; dann, nach einem tiefen Schweigen, währenddessen man vom Park herein das Surren und Zirpen der Fliegen und Käfer in Gras und Strauch vernahm, fuhr der Vortragende, sich den Bart wischend, fort:

»Zweiter Akt. . . . die Szene stellt dar . . .« aber seine Stimme klang plötzlich verändert, ward von Satz zu Satz undeutlicher, erstickter. Er hatte in der ersten Reihe der um ihn gescharten Damen einen leeren Stuhl bemerkt, und zwar war es gerade Antonias Stuhl, und nun flog sein Auge suchend über den Zwicker hinweg durch den weiten Raum, in welchem Pflanzengruppen und Wandschirme eine reiche Auswahl von Sonderplätzchen boten, wo der Zuhörer gesammelt und andächtig zuhören oder ein wenig einnicken konnte. Endlich, als während einer der häufigen und wohlberechneten Pausen, die sein Wasserglas ihm verschaffte, ein leises Geflüster an sein Ohr drang und er ein helles Kleid schimmern sah, entdeckte er ganz im Hintergrunde die Herzogin, die, auf einem Diwan sitzend, ihr vorhin auf der Galerie abgebrochenes Gespräch mit Paul Astier fortsetzte. Für einen so verwöhnten Liebling aller Erfolge, wie Danjou, war diese Kränkung sehr empfindlich. Er hatte jedoch Selbstbeherrschung genug, fortzufahren, wobei die Blätter jetzt nur nicht mehr auf den Boden glitten, sondern mit großer Energie geschleudert wurden, so daß sie weit hinausflogen und die kleine Gräfin sie auf allen Vieren kriechend erhaschen mußte. Schließlich jedoch, als das Geflüster gar kein Ende nahm, brach er plötzlich ab, entschuldigte sich mit Heiserkeit und verlegte Fortsetzung und Schluß auf den folgenden Tag. Die Herzogin aber, deren Gedanken ganz und gar bei dem Duell waren, von dem zu hören sie nicht müde wurde, glaubte nicht anders, als das Stück sei zu Ende, und rief, lebhaft in die schönen Hände klatschend, aus der Ferne: »Bravo Danjou . . . die Lösung ist wirklich wunderhübsch!«

Am selben Abend befiel den großen Mann ein Anfall seines Leberleidens, oder er gab wenigstens vor, einen solchen zu haben, und verließ mit Tagesanbruch Mousseaux, ohne irgend einen seiner Bewohner wieder gesehen zu haben. War das einfach gekränkte Schriftstellereitelkeit, oder glaubte er wirklich, daß der junge Astier den Fürsten ersetzen werde? Jedenfalls war es auch eine volle Woche nach seiner Flucht Paul noch nicht gelungen, ein erstes zärtliches Wort verlauten zu lassen. Man begegnete ihm mit der zartesten Rücksicht, umgab ihn mit beinahe mütterlicher Fürsorge, war voll Aufmerksamkeit, fragte des Tages zehnmal nach seinem Befinden, ob es auch nicht zu heiß sei in dem nach Süden gelegenen Türmchen, ob der Wagen nicht stoße und ob ihn die Bewegung nicht ermüde, oder ob es für ihn nicht gefährlich sei, sich der Nachtluft auf dem Flusse auszusetzen, sobald er aber ein Wort von Liebe zu flüstern wagte, entschlüpfte man ihm, ohne ihn verstehen zu wollen. Und doch war die Herzogin, wie er sie in diesem Jahre vorfand, himmelweit verschieden von der stolzen Antonia, die er sonst gekannt, die hoheitsvoll und unnahbar jeden Unbescheidenen und Allzukühnen mit einem Zucken der Augenbrauen in seine Schranken zu verweisen gewußt hatte. Ruhig und sicher, wie ein Strom zwischen wohlgebauten Dämmen, war sie ihre Bahn gezogen, jetzt krachte der Damm, ließ da und dort eine gähnende Spalte sehen, durch welche die wahre Natur dieser Frau ausbrach, überschäumte. Sie hatte Momente der Auflehnung gegen die Sitte, gegen jene Gesetze der Gesellschaft, die sie sonst so eifrig gewahrt und hoch gehalten hatte; ein Bedürfnis nach Bewegung, nach Wechsel des Ortes machte sich geltend und äußerte sich in wunderlichen, tollen Unternehmungen. Sie plante Feste, Illuminationen, für den Herbst Schnitzeljagden, die sie selbst führen wollte, obwohl sie seit Jahren nicht mehr im Sattel gesessen. Immer auf dem Anstand liegend, beobachtete der junge Mann alle Regungen und Verirrungen dieser im Innersten erregten Natur, und entschlossen, wie er war, sich hier nicht wie bei Colette von Rosen zwei Jahre lang an der Nase herumziehen zu lassen, entging seinem Sperberauge nicht das Kleinste.

Man war heute abend zeitig auseinandergegangen, da sich alle von einem Tagesausflug und langer Wagenfahrt mehr oder weniger ermüdet gefühlt hatten. Paul hatte sich in seinem Zimmer des Rockes und Hemdkragens entledigt, Pantoffeln angezogen, eine gute Cigarre angesteckt und saß nun im leichten Seidenhemd am Schreibtische, wo er, die Worte sehr auf die Goldwage legend, eine Epistel an seine Mutter verfaßte. Es galt, die Mama, welche sich in Clos-Jallanges in der Sommerfrische befand und sich die Augen fast ausguckte, um jenseits der Biegungen der Loire am fernen Horizont die vier Türmchen von Mousseaux zu erspähen, es galt, sie zu überzeugen, daß eine Versöhnung, ja nur ein Zusammentreffen zwischen ihr und der einstigen Freundin für den Augenblick wenigstens ausgeschlossen und vollkommen undenkbar sei. . . . Ja, danke schön! Die gute Frau mit ihrer Anlage, Ungeschicklichkeiten zu begehen und aus Uebereifer sein angelegte Pläne zum Scheitern zu bringen, war ihm am besten weit vom Spiele und so weit als möglich von seinen persönlichen Angelegenheiten. Zugleich mußte sie aber auch an die herannahende Verfallzeit des Wechsels erinnert werden und an ihr Versprechen, dem kleinen Stenne, welcher allein in der Rue Fortuny zurückgeblieben war, um die Schätze des stilvollen Hauses zu bewachen und zu verteidigen, das Geld zuzustellen. Stand die von Samy zu erwartende Summe je noch aus, so mußte man eben bei den Freydets eine Anleihe machen, welche diese sicher nicht verweigern würden, um so weniger, als es sich ja dabei nur um eine kurze Frist handeln konnte, denn heute früh hatten die Pariser Zeitungen unter den auswärtigen Korrespondenzen die Nachricht von der Verheiratung unsres Botschafters in Petersburg, samt allen Einzelheiten gebracht, wobei die Anwesenheit des Großfürsten, die Toilette der Braut und der Name des polnischen Bischofs, welcher das Paar eingesegnet, nicht unerwähnt geblieben waren. Und nun konnte sich Mama ja wohl denken, wie diese Morgenpost sich am Frühstückstische in Mousseaux fühlbar gemacht, wo jeder sie gelesen hatte, die Frau des Hauses sie in jedem Auge geschrieben fand und namentlich dadurch, daß jeder Gast mit erzwungener Lebhaftigkeit von etwas anderm sprach, die Gewißheit bekam, daß alle daran dachten. Nach schweigend überstandener Mahlzeit hatte die arme Herzogin trotz der großen Hitze das Bedürfnis empfunden, sich durchrütteln zu lassen, und hatte ihre Gäste, ohne ihnen vorher eine Siesta zu gönnen, samt und sonders in drei Wagen nach dem Schlosse de la Poissonnière, wo der Dichter Ronsard das Licht der Welt erblickt, gefahren; sechs Meilen in glühendem Sonnenbrande, in dem weißen, knirschenden Sand und Staub, einzig um den gräßlichen Laniboire sich auf einen alten Säulenstumpf, ebenso baufällig wie er selbst, schwingen zu sehen und vortragen zu hören: »Mignonne, allons voir si la rose.« Auf dem Rückwege ein Besuch des vom alten Padovani gegründeten Waisenhauses für das Landvolk – die Mama kannte es zweifellos – Besichtigung des Schlafsaales, Waschhauses, der Ackerbaugeräte und der Schulhefte: unausstehlich das alles, und dabei eine Hitze! Der alte Laniboire hatte zu allem hin noch dumme Reden an die jungen Feldbebauer mit den trübseligen Sträflingsköpfen gehalten und sie versichert, daß das Leben eine ganz vortreffliche Sache sei. Zum Schlusse noch ein ganz und gar unerquicklicher Aufenthalt bei den Hochöfen in der Nähe von Onzain, eine Stunde lang der vollen Glut der Abendsonne ausgesetzt, eingehüllt in Ruß und Rauch und Kohlengeruch, wie drei riesige Backsteintürme sie ausspieen, dabei über Geleise stolpern, kleine Rollwagen und Schaufeln mit weißglühendem Metall in Riesenblöcken, die Feuer abtropfen lassen, wie ein roter Eiswürfel, der im Schmelzen begriffen ist. Die Herzogin war unermüdlich, rastlos und ruhelos, sah und hörte nichts von dem, was sie umgab und um sie her vorging, hing immer am Arme Brétignys des Vaters und schien sich aufs heftigste mit ihm zu streiten und zu unterhalten, während ihre Gedanken von Hüttenwerken und Hochöfen ebenso fern waren, wie von dem Dichter Ronsard und dem ländlichen Waisenhause.

So weit war Paul mit seinem Briefe gediehen, in welchem er sein möglichstes gethan, das Leben in Mousseaux gründlich langweilig darzustellen, um die Sehnsucht der Mutter abzuschwächen, als ein leises Klopfen an seiner Thüre sich hören ließ. Er dachte erst an den jungen Kritiker, an Brétigny den Sohn, ja sogar an Laniboire, der seit einiger Zeit etwas erregt war. Alle die Herren liebten es, in seinem Zimmer, welches das größte, bequemste im Hause war und noch dazu ein mit großer Zierlichkeit eingerichtetes Anhängsel von einem Rauchzimmer besaß, den Abend ein wenig auszudehnen und zu verlängern, und Paul war sehr erstaunt, beim Oeffnen der Thür die lange Galerie des ersten Geschosses im farbigen Lichtschimmer ihrer gemalten Scheiben schweigend und bis in ihr hinterstes Ende, bis an die massive Thür der Salle des gardes, deren Schnitzwerk ein Mondstrahl hell beleuchtete, völlig leer zu finden. Er setzte sich wieder an seinen Tisch, aber es klopfte abermals, und jetzt unterschied er, daß es aus dem Rauchzimmer kam, welches durch ein enges Gängchen in der dicken Mauer und eine kleine Tapetenthür mit den Gemächern der Herzogin in Verbindung stand. Diese Einrichtung, welche weit älteren Datums war als die Restauration von Mousseaux, war ihm fremd gewesen, und der hübsche Spötter sagte sich, sofort an einige gar nicht für weibliche Ohren bestimmte Unterhaltungen, die hier geführt worden, an Laniboires sehr gepfefferte Anekdoten denkend: »Kuckuck, wenn sie das gehört hat!« Er schob den Riegel zurück, und ohne ein Wort zu sprechen, trat die Herzogin ein, ging an ihm vorüber und legte auf den Tisch, an dem er geschrieben, ein dickes Bund vergilbter Papiere, über die ihre schöne Hand in nervöser Hast hinstrich.

»Raten Sie mir,« sprach sie mit ernster Stimme. . . . »Sie sind mein Freund . . . sind der einzige, zu dem ich Vertrauen habe. . . .«

Er der einzige! Unglückliche Frau! Und dieser Blick eines Raubtieres, dieser lauernde, tückische Blick, der von dem Briefe, der unvorsichtigerweise offen auf dem Tische liegen geblieben war und den sie mit Leichtigkeit hätte lesen können, hinüberglitt zu den schönen Armen, die entblößt aus den weiten Aermeln des spitzenbesetzten Frisiermantels hervorblickten, zu den für die Nacht in reichen Flechten aufgesteckten Haaren, er warnte sie nicht! »Was will sie nur? Was kann sie hier suchen?« dachte er bei sich. Und sie, ganz erfüllt und beherrscht von Zorn, versinkend in dem Rachewirbel, der sie seit heute früh fortriß, in dem sie zu ersticken fürchtete, begann nach Atem ringend, in abgehackten Sätzen: »Einige Tage vor Ihrer Ankunft hat er mir den Lavaux geschickt . . . ja, er hat es gewagt . . . um seine Briefe zurückzuverlangen. Ach! Ich habe ihn danach empfangen, daß es ihn nicht gelüsten wird, wiederzukommen mit seiner gemeinen Fratze. . . . Seine Briefe, Unsinn, das . . . das hier hat er haben wollen . . .«

Sie streckte ihm den Pack Papiere hin, die Geschichte und die sämtlichen Akten ihrer Liebe, den Beweis, was dieser Mann sie gekostet, mit welchen Unsummen sie ihn aus dem Schlamme gezogen. »Oh! Nehmen Sie, sehen Sie es durch . . . es ist nicht uninteressant . . . gewiß nicht!« Und während er diese Papierschnitzel überflog und durchblätterte, die mit dem Parfüm, das sie immer an sich hatte, gesättigt waren, im übrigen aber besser in die Auslage von Bos, als in schöne Frauenhand getaugt hätten, fragliche Rechnungen von Kuriositätenhändlern, Juwelieren, Wäscherinnen, Erbauern von Jachten, Händlern in moussierendem Wein der Touraine, Checks für einst berühmte, jetzt vom Schauplatze verschwundene, gestorbene oder verheiratete Dirnen, Quittungen von Hotelbesitzern, Klubkellnern, aller Arten von Pariser Wucherern, kurz die vollständige Liquidation eines Lebemannes, sagte Mari Anto mit dumpfem Groll: »Die Restauration dieses Edelmannes ist, wie Sie sehen, kostspieliger gewesen als die von Mousseaux! . . . Ich hatte das Zeug all die Jahre in einer alten Schublade, einzig weil ich alles aufhebe, nicht weil ich je daran gedacht hätte, mich desselben zu bedienen . . . nie, Gott ist mein Zeuge! Jetzt aber bin ich andrer Meinung. . . . Er ist reich und ich will mein Geld wieder haben, mein Geld und die Zinsen, wenn nicht, so klage ich, so führe ich einen Prozeß. . . . Bin ich nicht im Rechte?«

»Zweifelsohne . . . nur,« . . . er drehte die fahlblonde Spitze seines Bartes . . . »hatte Fürst Athis nicht unter Kuratel gestanden, damals als er diese Wechsel ausgestellt?«

»Ja, allerdings, das weiß ich . . . Brétigny hat es mir gesagt . . . da man mit Lavaux nichts ausgerichtet, hat man sich schriftlich an Brétigny gewendet und ihn zum Schiedsrichter aufgestellt. . . . Unter Akademikern konnte man ja solch einen Freundschaftsdienst übernehmen, nicht wahr?« . . . Sie lachte hellauf, ein Lachen grenzenloser Verachtung, das die Ansprüche des Botschafters und die des früheren Ministers in Bezug auf akademische Würde auf ein und dieselbe Linie stellte, dann fuhr sie mit glühender Entrüstung fort: »Allerdings hätte es mir freigestanden, nicht zu bezahlen, aber ich wollte ihn reinlich haben . . . mit einem Schiedsrichterspruch habe ich also nichts zu thun. . . . Ich habe bezahlt, und das soll man mir ersetzen . . . oder ich gehe vor die Gerichte, den Skandal scheue ich nicht; ich will seinen Namen in Schmutz ziehen, seinen Namen und seinen Botschaftertitel. . . . Wenn ich ihn nur entlarvt und entehrt habe, dann ist mir der Prozeß gewonnen.«

»Das gilt gleich,« sagte Paul Astier, seine Hand auf den Stoß Papiere legend und damit zugleich den angefangenen Brief an seine Mutter zudeckend, »aber daß man Ihnen solche Beweise in Händen gelassen hat . . . ein so kluger, geschickter Mensch.« . . .

»Klug, er?« Und alles, was sie nicht aussprach, lag in ihrem Achselzucken. Er aber fand ein Vergnügen darin, sie zu weiteren Aeußerungen zu treiben, denn man weiß ja schließlich nicht, wohin der Wahnsinn der Rache eine Frau führt.

»Doch jedenfalls einer unsrer besten Diplomaten . . .«

»Den ich dazu geschminkt habe und am Drähtchen hielt. Er versteht von dem Handwerk nur so viel ich ihn gelehrt.«

»Ach, und die Legende von Bismarck?«

»Der ihm nicht hat ins Gesicht sehen können? Ach! Die niedliche Geschichte! . . . Sehr wahrscheinlich . . . o ja gewiß . . . auch ein Minister wendet sich ab, wenn ihm übel wird!«

Wie beschämt, verhüllte sie ihr Gesicht mit den Händen und suchte ihr Schluchzen zu ersticken; ein Zornesröcheln entrang sich ihrer Brust: »Unerhört! Unausdenkbar . . . Zwölf Jahre einem solchen Menschen angehört haben . . . Und jetzt verläßt er mich, ist meiner überdrüssig . . . er meiner! . . . Meiner!« Ihr Stolz bäumte sich wild auf bei diesem Gedanken, mit großen Schritten eilte sie in dem Zimmer umher, es ganz durchmessend bis in den Hintergrund, wo das niedere Bett mit den alten, wertvollen Vorhängen stand, trat dann wieder in den Lichtkreis der Lampe und suchte Gründe für diesen Bruch, den sie sich, laut denkend, erklären wollte. »Weshalb?« fragte sie, »weshalb denn? Weil unsre Lage eine zweideutige war? Er wußte ja, daß dies bald sein Ende erreicht haben würde, daß wir binnen Jahresfrist verheiratet sein konnten. Das Geld – die Millionen dieses Gänschens? . . . Wie wenn sie nicht auch reich wäre, nicht auch Geld hätte, und Beziehungen, Einfluß, wovon bei der gebornen Sauvadon keine Spur. . . . Was war's denn also? Die Jugend? Sie stieß ein Wutgelächter aus. . . . Ach! Ach! Das arme Kind! . . . Ihre Jugend könnte einem wahrhaftig leid thun!« . . .

»Das glaube ich« . . . flüsterte Paul, lächelnd näher tretend. Das war er, der wunde Fleck; und sie wühlte darin, um sich noch mehr Leiden zu schaffen. »Jung! . . . Jung! . . . Sieht man das Alter einer Frau etwa im Kalender? . . . O der Herr Botschafter könnte sich da verrechnet haben. . . .« Und mit einer blitzartigen Gebärde rissen die schönen Hände die Spitzen auseinander, die ihren runden, tadel- und faltenlosen Hals verbargen, den herrlichen Ansatz des Kopfes. »Hier, hier, ist's, wo die Frauen ihre Jugend haben.«

Aber schon streckten sich kühne stürmische Hände nach ihr aus und vollführten die kaum angedeutete Bewegung, der Frisiermantel flog zur Erde und wie eine Glutwelle hielt es sie umfangen, heiß, versengend, unwiderstehlich – ein Etwas das sie nie gekannt, die schöne, stolze Frau, dem sie keinen Widerstand entgegenzusetzen vermochte. . . . Ob sie sich dessen versehen, als sie diese Schwelle überschritten? War es das, was sie zu suchen gekommen war, wie er glauben mochte und konnte? Nein! Ein bis zum Wahnsinn gekränkter Stolz, ein Schwindel der Wut, des Ekels, des Abscheus, das ganze Weib wie in einem Schiffbruch Wind und Wellen preisgegeben, aber nie etwas Niedriges, nie etwas Berechnetes.

Jetzt gewinnt sie Fassung, Gewalt über sich wieder, sie erkennt, sie bangt, sie fragt . . . Sie! . . . Dieser junge Mensch! . . . Und so rasch? . . . Sie glaubt vor Scham in die Erde versinken zu müssen. Und er kniet vor ihr und flüstert: »Ich liebe dich ja . . . ich habe dich ja immer geliebt . . . so entsinne dich doch!« Und von neuem umspielen jene Glutwellen ihre Hände, teilen sich ihrem ganzen Wesen mit. Aber sie reißt sich los, sie flieht, fassungslos, nicht einmal das Werkzeug ihrer Rache, jene Papiere, mit sich nehmend.

Sich rächen? An wem? Wozu denn? Sie kennt den Haß nicht mehr in dieser Stunde, denn sie liebt. Und so neu, so seltsam, so wunderbar und fremd ist diesem Weltkinde die Liebe, mit ihrer Seligkeit und ihrem Wonneschauer, daß sie in Wahrheit daran zu sterben glaubt. Dem aber folgte ein Stillerwerden, ein tiefer Frieden, eine Weichheit, wie sie der nach langer Krankheit dem Leben Zurückgegebene empfindet; sie wurde eine völlig andre Frau, eine von jenen, die das Volk, wenn es sie am Arme eines Gatten oder Geliebten, langsamen Schrittes, wie geschaukelt, dahin gehen sieht, sagt: »Die hat, was sie braucht.« Die Sorte ist seltener, als man in der Regel annimmt, zumal in der Gesellschaft. Und in diesem Falle war es schwierig, mit dieser inneren Glückseligkeit zu vereinen, was die Welt an Haltung erforderte, die Pflichten einer Schloßherrin, die kein Gebiet außer acht lassen darf, die Ankunft und Beherbergung einer zweiten Serie von Gästen überwachen muß, und zwar einer weit zahlreicheren, minder innig befreundeten, die der akademischen Aristokratie: Der Herzog Courson-Launay, Fürst und Fürstin Fitz-Roy, die von Circourts, die Huchenards, Saint-Avol, der bevollmächtigte Minister, Moser und seine Tochter, Herr und Frau Henry von dem amerikanischen Konsulat. Ein hartes Stück Arbeit, all' diese Menschen zu ernähren und zu zerstreuen, die verschiedenartigen Elemente zu verbinden, in Zusammenhang zu bringen. Sonst verstand die Herzogin diese Kunst, wie niemand außer ihr; jetzt ward ihr alles zur Last, zum verdrießlichen, ermüdenden Frondienst. Sie hätte sich nicht von der Stelle bewegen, über ihr Glück nachsinnen und träumen, sich ganz und gar in den einen, alles andre verdrängenden Gedanken versenken mögen, und, unfähig zur Zerstreuung ihrer Gäste Neues zu ersinnen, blieb es bei den unvermeidlichen Besuchen der Fischereibassins, des Schlosses, wo Ronsard geboren, des Waisenhauses, und sie war froh und zufrieden, wenn ihre Hand bei solchen Ausflügen manchmal mit der Pauls in Berührung kam, wenn der Zufall sie im Wagen oder Boot zusammenführte.

Bei Gelegenheit einer dieser ziemlich langweiligen Fahrten auf der Loire, an einem Tage, da die kleine herzogliche Bootflotte mit ihren seidenen Baldachinen, ihren wappengeschmückten Flaggen, die sich lustig wehend im Wasser spiegelten, ein wenig weiter gefahren war, als sonst ihr Brauch, ward Paul Astier, dessen Boot dem der Geliebten voraus war, die Freude zu teil, von dem neben ihm im Stern sitzenden Laniboire ins Vertrauen gezogen zu werden. Weil er die Erlaubnis erhalten hatte, seinen Aufenthalt in Mousseaux bis zur Vollendung seines Berichtes auszudehnen, bildete der alte Narr sich nämlich ein, daß seine Aktien im Steigen und er wirklich Aussicht habe, Samys Nachfolger zu werden, und wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt, war es gerade Paul, den er sich ausersah, um ihm von seinen wohlbegründeten Hoffnungen zu erzählen, von dem, was er gesagt, was man ihm erwidert, was da und dort geschehen, und: »Nun, junger Mann, was würden Sie an meiner Stelle thun?« so schloß er. Ein heller, klangvoller Ruf, der aus der nächstfolgenden Barke kam, tönte übers Wasser:

»Herr Astier!«

»Herzogin?«

»Sehen Sie doch, dort im Schiffe – sieht das nicht aus wie Védrine?«

Und Védrine war es in der That, mit Frau und Kindern, der auf einem alten flachen Boote, das an einem Ulmenzweige befestigt dalag, in voller Arbeit war, von einer grünen Insel, auf der sich die Bachstelzen heiser schrieen, eine Farbenskizze aufzunehmen. Man steuerte rasch auf ihn zu, befand sich in Bälde Bord an Bord, denn für die fortgesetzte Langeweile der vornehmen Leute war ja alles hochwillkommene Zerstreuung, und während die Herzogin ihr lieblichstes Lächeln Védrines Frau spendete, die sie einmal eine Zeitlang in Mousseaux bei sich gesehen, blickten die andern Damen neugierig auf diese schwimmende Künstlerwirtschaft, die schönen, von Liebe und Licht durchglühten Kinder, die im Schatten der überhängenden Zweige ruhend da lagen, im tiefen Frieden der klaren Flut, in deren Spiegel das Bild dieses Glückes ein gedoppeltes wurde. Ohne die Palette aus der Hand zu legen, tauschte Védrine Grüße aus, und erzählte dann Paul, wie es in Clos-Jallanges stehe, dessen langes, weißes Wohnhaus mit dem flachen italienischen Dache man in halber Höhe durch den Nebel des Flusses herüberschimmern sah. »Mein Bester, die ganze Gesellschaft da unten ist toll, rein toll! Die Loisillonsche Nachfolge hat ihnen völlig die Köpfe verdreht. ›Punktieren‹ ist ihre einzige Lebensaufgabe, damit füllen sie ihren Tag aus; alle, deine Mutter, Picheral und sogar die arme Kranke in ihrem Rollstuhle. . . . Das akademische Fieber hat auch sie nicht verschont. Sie spricht davon, in Paris wohnen zu wollen, Feste zu geben, Empfangstage, nur um die Kandidatur ihres Bruders zu unterstützen.« Er, Védrine, hatte natürlich das Bedürfnis, diesem Irrenhause zu entfliehen, und machte sich jeden Tag aus dem Staube, arbeitete hier außen mit Weib und Kind, und mit Lachen auf seine alte Fähre zeigend, sagte er ohne den leisesten Anflug von Bitterkeit: »Siehst du, meine Dahbieh . . . meine große Stromfahrt auf dem Nil.«

Plötzlich ließ sich das helle Stimmchen des Knaben vernehmen, der trotz der vielen Menschen, der hübschen Frauen und heiteren Toiletten nur für Papa Laniboire Augen zu haben schien: »Sag doch, bist du der Herr von der Akademie, der bald hundert Jahre alt wird?« Um ein Haar wäre der alte Berichterstatter, der eben unter den Augen der schönen Antonia bemüht war, ein Bild männlicher Kraft und nautischer Tüchtigkeit darzustellen, von der Bank gefallen, und das tolle Gelächter mußte sich erst ein wenig legen, ehe Védrine im stande war, zu erklären, daß der Knabe für Jean Réhu, den er nicht kannte, nie gesehen hatte, ein ganz besondres Interesse habe, einzig weil derselbe nahe am hundertsten Jahre stehe. Jeden Morgen erkundigte sich der schöne Kleine nach dem alten Manne und fragte: »Wie geht es ihm?« und es lag in dieser Ehrfurcht des kleinen Wesens vor dem Leben etwas Selbstsüchtiges, die Hoffnung, es auch auf hundert Jahre zu bringen, wenn andre vor ihm so lange gelebt.

Aber die Luft ward kühler, die Schleier flatterten im Winde, die Bewimpelung der kleinen Masten geriet in Unruhe, von der Seite von Blois her schob sich eine schwarze Wolkenwand und in der Richtung von Mousseaux, wo die auf den Zinnen der vier Türmchen angebrachten Laternen hell leuchteten, verschleierte ein Regenstreifen den Horizont. Ein Augenblick der Verwirrung trat ein, alles hastete durcheinander, stieß sich an, und als sich die Barken dann zwischen den gelben Sandbänken in eiliger Flucht entfernten, alle in der nämlichen Wasserfurche einander folgend, weil hier der Fluß durch die Inseln zum schmalen Kanal wurde, sah Védrine freudig dem bunten Farbengewimmel nach, das sich von der gewitterschwarzen Wolkenbank abhob, den prächtigen Konturen der aufrecht im Bug stehenden Matrosen, die mit langen Stangen die Boote durch die Stromenge bugsierten, und sich dann zu seiner Frau wendend, die am Boden des Kahnes kniete, die Kinder einwickelte, Palette, Pinsel und Malkasten zusammenpackte, rief er: »Sieh dir das an, Mama . . . du weißt, ich sage von einem guten Kameraden gern, wir sind von einem Boote . . . da vor uns, da kann ich dir mein Bild lebendig und anschaulich machen . . . all' diese Barken in langer Reihe, die sich vor Wind und Wetter, vor der einbrechenden Nacht flüchten, das sind die Generationen in der Kunst. . . . Die Leute auf einem Boote mögen sich zieren wie sie wollen, man kennt sich doch, man ist Ellbogen an Ellbogen, man wird zu Freunden, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, wenn man miteinander dasselbe Ufer entlang schwimmt. Aber die, welche da vor uns sind, wie sie einander aufhalten, sich den Weg versperren. Nichts ist gemeinsam zwischen ihrem Boote und dem unsrigen! Man ist zu weit auseinander; man versteht sich nicht mehr. Nur so weit befassen wir uns noch mit ihnen, als wir ihnen zurufen: ›Vorwärts! So fahrt doch!‹, während wir dem Boote, das hinter uns herkommt, das uns in übermütiger Jugendkraft auf den Fersen ist, uns über den Leib fahren will, ein zorniges: ›Sachte, sachte! . . . Wozu denn solche Eile?‹ ins Gesicht schleudern. Nun, und ich, ich!« er richtete seine mächtige Gestalt, die Fluß und Ufer beherrschte, hoch auf. »Ich gehöre zu meinem Boote ganz gewiß, und ich habe es lieb, aber die, welche hinter mir kommen, und die, welche vor mir sind, liegen mir ebenso am Herzen, sind mir ebenso wichtig wie das meinige. Ich rufe sie an, ich mache ihnen Zeichen, ich suche mich mit ihnen allen in Verbindung zu halten, denn sie alle, eins wie das andre, sind von denselben Gefahren bedroht, für den Nachzügler wie für den Vordermann sind die Strömungen bedenklich, der Himmel verräterisch, die Nacht so nahe. . . . Jetzt, aber, losgebunden meine Lieben, Anker gelichtet! Der Regen ist da.«

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.