Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Hamerling >

Der Ungemütliche

Robert Hamerling: Der Ungemütliche - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleÖsterreichische Erzählungen des 19. Jahrhunderts
titleDer Ungemütliche
publisherAlois Brandstetter
authorRobert Hamerling
year1986
senderharald_aichmayr@netway.at
copyright(c) 1986 Residenz Verlag, Salzburg und Wien
Schließen

Navigation:

Robert Hamerling

Der Ungemütliche

Ich fuhr eines Tages, auf einer Reise begriffen, durch das Städtchen X., und während die müden Postgäule den Marktplatz entlang trabten, kam ich an einem Wirtshause vorüber, aus welchem soeben ein Mensch herausgeworfen wurde. Die Gewalt des Wurfes war eine so heftige gewesen, daß der arme Teufel auf der Straße sich nicht wieder aufrichten konnte und hilflos dalag, während der Schwarm lustiger Gesellen, der ihn solchergestalt über die Schwelle befördert hatte, singend und lärmend sich wieder in das Gastgemach zurückzog, ohne sich weiter um ihn zu kümmern. Halb aus Mitleid, halb aus Neugierde ließ ich halten, stieg aus dem Wagen, half dem Unglücksvogel auf die Beine, und da ich merkte, daß er sich im Fallen stark beschädigt, überdies auch sonst das Ansehen eines krüppelhaften Menschen hatte, denn er war lahm an einem Fuße und auf einem Auge blind, so nahm ich ihn zu mir ins Gefährt und erreichte gleich darauf die Herberge, in welcher ich die Nacht zuzubringen gedachte. Dort ließ ich ihn zu Bette bringen und einen Arzt rufen, dem ich ihn empfahl, denn er schien mir der Pflege gar sehr zu bedürfen. Im übrigen gönnte ich ihm auch, da er mühsam sprach, die nötige Ruhe und wollte ihn für den Rest des Abends mit Fragen nicht weiter behelligen.

Den andern Morgen ging ich zu ihm hin, fand ihn in einer ziemlich schlechten Verfassung, denn er hatte durch den Fall eine starke Erschütterung der Brust erlitten, und der Arzt erklärte unter vier Augen den allgemeinen Zustand des gebrechlichen Mannes für einen bedenklichen.

»Wie kam es nur«, fragte ich, mich ans Bett zu dem Kranken setzend, »daß Euch von jenen Gesellen in der Schenke eine so unglimpfliche Behandlung widerfuhr?«

»Wie es kam?« erwiderte er. »Ach, das kam so, lieber Herr. Die muntern Gesellen, die in jener Gaststube beisammensaßen, das waren lauter gemütliche Leute, und ich, müßt Ihr wissen, Herr, ich bin, wie die Leute sagen, ein ungemütlicher Mensch. Und das eben, Herr, das ist der Fluch meines Lebens immer gewesen, daß ich ein ungemütlicher Mensch bin, wofür ich gar nichts kann, da ich mir zeitlebens alle erdenkliche Mühe gegeben habe, ein gemütlicher Mensch zu werden, wie die andern Leute, aber vergebens. Schon als kleinen Knaben hat mein seliger Vater, Gott tröst' ihn! mich lahm geschlagen – daher mein Hinken auf einem Beine – weil mein Bruder etwas verbrochen hatte. Diesen wollte er nämlich nicht schlagen, weil er ein allzu gemütlicher Knabe war.

Mein Bruder wurde, eben weil er ein gemütlicher Knabe war, von allen Leuten und insbesondere von den Frauen gehätschelt und geliebkost, und wenn Besucher ins Haus kamen, oder Verwandte und Freunde uns auf der Straße begegneten und mit uns sprachen, so sahen sie immer nur meinen Bruder dabei an und richteten ihre Worte immer nur an meinen Bruder; über mich glitten sie mit den Augen hinweg, als ob ich in einer Tarnkappe steckte.

In der Schule sah ich, wie andere Knaben, wenn sie etwas verbrochen, von den Lehrern mit Lächeln zurechtgewiesen, höchstens ein wenig beim Ohrläppchen gezupft, oder bei den Härchen ein klein wenig gezogen, oder mit der Rückseite der flachen Hand auf die Wange getätschelt wurden – ich dagegen, selbst wenn ich mich sehr brav benommen und ausgezeichnet hatte, mit sauersüßer Miene kurz belobt und dabei mit Augen angesehen wurde, als ob ich eigentlich Prügel verdient hätte.

Wenn meine Geschwister oder Kameraden einen schlimmen Streich ausführen wollten, so nahmen sie mich nicht dazu und taten es heimlich vor mir, denn ich war ihnen zu wenig gemütlich.

Kleine Kinder, Hunde, Katzen u. dgl. gaben sich auch nicht gerne mit mir ab und wichen mir aus, obgleich ich ein Freund von ihnen war. Ich machte daher vielerlei Versuche, sie durch ein entgegenkommendes Benehmen für mich zu gewinnen, aber nichts wollte verfangen. Wenn ich die Katzen streichelte, so kratzten sie mich, wenn ich die Hunde an mich lockte, so bissen sie mich in die Wade, und sah ich ein Kindlein in der Nähe nur so ein bißchen liebreich an, so begann es zu strampeln und zu schreien, als stecke es am Spieße.

Nachdem ich herangewachsen, wurde ich in eine Kanzlei getan und schlug die Beamtenlaufbahn ein. Es kam die Zeit, wo ich der nächste war, in eine höhere Stelle vorzurücken. Aber es wurde mir derjenige meiner Kollegen vorgezogen, der dem Chef der Kanzlei immer beim An- und Ausziehen des Überrocks behilflich war. Ich wollte mich in ähnlicher Weise gefällig erzeigen und reichte dem Vorgesetzten beim Fortgehen, dienstwillig vorspringend, Hut und Stock. Aber er sah mich grämlich an und murmelte unwirsch etwas in den Bart, und meine Amtskollegen nannten mich von da ab einen Speichellecker und Heuchler. Bei der nächsten Vorrückung wurde mir derjenige vorgezogen, von welchem der Vorgesetzte wegen seines guten Humors sich auf Reisen begleiten ließ; bei der dritten derjenige, auf welchen die ältliche Nichte des Vorgesetzten ein Auge geworfen hatte. Von mir ließ der Chef sich weder Hut noch Stock reichen, noch auf Reisen begleiten, noch gab er mir seine Nichte – denn ich war ein ungemütlicher Mensch.

So kam ich nicht weiter im Amte und zuguterletzt wurde ich gar entlassen. Warum? Ach Gott, weil ich ein ungemütlicher Mensch war.

Jetzt wendete ich mich dem Kaufmannsstande zu; aber kein Mensch wollte etwas von mir kaufen, weil ich nicht gemütlich mit den Leuten zu reden wußte.

Nach dem Tode meiner Eltern und meines höchst gemütlichen, aber leider am Delirium tremens zugrunde gegangenen Bruders fiel mir ein kleines Erbe zu, mit welchem ich ein Bauerngütchen ankaufte, das ich nunmehr zu verwalten mich anschickte, wobei ich vor allem nach einer passenden Helferin und Lebensgefährtin mich umsehen zu müssen vermeinte.

Ich hatte aber große Schwierigkeiten, eine Frau zu bekommen. Die ländlichen Schönheiten fanden zu wenig Kurzweil bei mir, schämten sich meiner auf den Tanzböden und hielten sich lieber an die flotten, lustigen Burschen. Wenn ich hernach mich zusammennahm und es machen wollte wie die Gemütlichen, und auch einmal einen Scherz bei solch einem Mädchen riskierte, so bekam ich wohl gar eine Ohrfeige.

Endlich fand sich doch ein weibliches Wesen, das mich nehmen wollte, vielleicht nur um unter die Haube zu kommen. Aber es war ein Geschöpf von übelstem Humor. Und wenn ich sie aufheitern, oder nach einem Zank versöhnen und beschwichtigen wollte, so konnte ich ehrlicher Kerl mit aller gutgemeinten Beredsamkeit in einer Stunde nicht so viel bei ihr ausrichten als irgendein Taugenichts mit drei verlogenen, aber ›gemütlichen‹ Worten bei so einem Weiblein auszurichten vermocht haben würde.

Sie betrog mich auch und verließ mich zuletzt, nachdem sie mir vorher noch ein Auge ausgekratzt – weshalb ich, wie Ihr seht, außer dem, daß ich hinke, auch einäugig bin. Aber recht behielt sie doch vor aller Welt. Man brauchte mich ja nur anzusehen und man wußte sogleich, daß ich ein Ungeheuer, sie aber ein Engel sein mußte...

Ja, worin lag denn das eigentlich, daß ich ein so ungemütlicher Mensch war? Ich gab mir doch, wie gesagt, viele Mühe, gemütlich zu sein, heiter und lustig auszusehen, aber, obwohl ich glaubte, geradeso oft zu lachen oder einen Scherz zu machen, wie andere Leute auch, so geschah es mir doch häufig, daß, wenn ich lachte, ein Anwesender mich ganz verdutzt ansah und behauptete, es sei doch eine Merkwürdigkeit, mich lachen zu sehen, und er hätte nicht geglaubt, daß ich es könnte.

Ich war oft so fröhlich innerlich im Herzen, hätte manchmal sogar auch hell aufjauchzen oder mitjubeln mögen mit dem Fröhlichen, mitten in der schönen Gottesnatur, oder sonst – aber es war, als ob ich keine Kehle hätte zum Jauchzen und Jodeln und keine Beine zum Springen und Tanzen, und da hieß es denn: ›Der hat kein Gemüt – man sieht's ihm an – den rührt nichts und freut nichts – ein Klotz ist's und ein Griesgram, ein sauertöpfischer Kerl...‹

Es war wirklich an dem, daß sozusagen kein Hund ein Stück Brot von mir nehmen wollte.

Und ich meinte es doch gut.

Wenn ich mich unterwegs einem Wanderer anschließen wollte, so schlug er alsbald unter irgendeinem Vorwand seitwärts einen Feldweg ein, so ungefähr, wie man einem verdächtigen Menschen ausweicht.

Wenn ich einen Betrübten trösten wollte, so weinte er nur noch stärker als zuvor, wurde ungehalten und sagte mir Grobheiten, als ob ich ihm Gott weiß welche Beleidigung angetan hätte.

Wenn ich einem Bedürftigen durch ein Darlehen aus der Not half, so äußerte er zu den Leuten mit einem Blick gen Himmel, es sei traurig genug, in die Hände der Geldmäkler und Wucherer zu fallen. Und wenn ich einem Armen etwas schenkte, so sah er das Geldstück an, ob es nicht etwa falsch sei...

Duldete ich Spinnen an meinen Wänden, und Schwalben die in meinem Hause nisteten, so nannte man mich einen unreinlichen Patron, und fegte ich sie weg, so hieß es: ›Da seht den gemütlosen Menschen!‹ – Wenn ich in der Schenke neben munteren Kumpanen saß, so taten sie, als ob ihnen mein Gesicht das Getränk sauer mache.

Zuletzt wurde ich in einen großen und unangenehmen Prozeß verwickelt. Bei der öffentlichen Gerichtsverhandlung wendete die ganze Sache sich sonnenklar zu meinen Gunsten; selbst der Gegner hatte sein Unrecht eingestehen müssen. Aber die Geschworenen sprachen ihn dennoch frei, weil er ein sehr gemütliches Aussehen hatte.

Infolge dieses Prozesses verlor ich das bißchen, das ich besaß, und da eine überaus reiche Tante, auf die ich meine Hoffnung gesetzt hatte, mich zu Gunsten eines liebenswürdigen Windbeutels enterbte, so zieh ich seitdem verlassen, arm und krüppelhaft, wie Ihr mich gefunden, schier als ein Bettler in der Welt umher.«

So erzählte der Mann, aber da er immer mehr ermattete, so empfahl ich ihm Ruhe und entfernte mich mit einigen Trostworten.

Den nächsten Tag fand ich ihn der Auflösung nahe. Er fühlte recht gut, wie es um ihn stand, und obwohl es ihm Mühe machte, zu sprechen, kam er doch wieder auf sein Schicksal zurück und flüsterte trübselig:

»Die Liebe stand an meiner Wiege nicht und auch an meinem Sarge wird sie nicht stehen. Und ich war doch auch ein Mensch, wäre gern geliebt worden und hätte gern geliebt. Ich hatte danach zeitlebens ein Verlangen, so groß, so heiß, daß ich es nicht beschreiben kann. Aber die Natur hatte den schlimmsten aller Flüche auf mein Haupt gelegt: den der Ungemütlichkeit. Und so bin ich zu Tode gezaust worden, wie die Eule, die sich bei Tag unter die anderen Vögel mischen will.«

So klagte er; nach einiger Zeit aber flog ein Lächeln über sein Antlitz und er begann wieder: »Ich weiß doch einen, der sich nicht im geringsten darum kümmert, ob ich ein jovialer Bursch, oder ein langweiliger Kauz gewesen bin. Das ist der Todesengel, der mir jetzt unter den Arm greift und mich einführt zur ewigen Ruhe. Der Tod umfaßt die Gemütlichen und die Ungemütlichen mit gleicher Milde und Freundlichkeit. Die Stätte der letzten Rast kann keinem verwehrt werden und das Recht des süßen ewigen Schlafes ist gleich für alle.« – So sprach er und verschied.

Armer Teufel, wirst du recht behalten mit der Hoffnung deines letzten Augenblicks? Vielleicht täuschtest du dich und dein Schicksal ist auch jetzt noch nicht versöhnt. Ruhe dich geschwind ein wenig aus vom Ungemach deines unglückseligen Daseins; ich fürchte, nach wenigen Wochen oder Monaten wirft der Totengräber deine sterblichen Reste aus dem Grabe, um an ihrer Statt die Gebeine eines gemütlichen Halunken hineinzubetten.








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.