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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Der Zug kam angebraust und hielt mit einem Ruck. Auf dem eingefriedigten Platz, wo die Eingeborenen mit ihren Bündeln die Nacht zugebracht hatten, wurde es lebendig. Wer von weither zu Fuß gekommen war, mußte oft mehrere Tage in dem Schuppen logieren. Das Gitter wurde erst geöffnet, als Ralph, der einzige weiße Passagier, und einige würdige Sudra-Kaufleute, die in dem Abteil für die Oberkaste fuhren, untergebracht waren.

Unter Oberaufsicht von Shankar, der den eingeborenen Stationsaufseher kopierte, der, mit weißbehandschuhten Händen auf dem Rücken, vornehm auf dem Bahnsteig auf und ab spazierte, schalt Chundri mit den Trägern herum.

Ralph zählte das Gepäck nach.

»Wo ist die Handtasche!« sagte er zu Shankar, der darauf hielt, daß alle Befehle durch ihn gehen sollten – »das wichtigste Stück!«

Shankar gab den Verweis mit gerunzelten Brauen an Chundri weiter, der zurücklief und die Tasche im Restaurant fand. Er wollte sie mit sich in das Diener-Abteil nehmen, Ralph aber behielt sie bei sich.

Während Chundri unter lautem Protest der Träger Geldstücke unter sie verteilte, guckte Ralph aus dem Fenster seines Abteils und amüsierte sich über das Gewimmel von braunen Körpern in flatternden, schmutzigen, weißen Gewändern, die jetzt aus dem Schuppen herausströmten, mit Angst im Blick durcheinanderrannten, Bündel auf dem Rücken, Kinder und Greise im ausgestreckten Arm hinter sich herziehend, während der Stationsvorsteher sie mit hitzigen Worten zu den mit Gittern versehenen Viehwagen trieb, die auf sie warteten. Endlich war alles in Ordnung und der Zug konnte abfahren.

Viel bekam Ralph bei der rasenden Fahrt durch die Staubwolken nicht zu sehen. Flache, steinige Felder mit vereinzelten Palmen, unter denen der Hirt und sein Hund Schatten gesucht hatten. Hecken von Kaktus und Aloen. Ein Dorf von Lehmhütten mit Palmendächern. Geier und Habichte, die über den Feldern kreisten, so zahlreich wie Krähen in Europa, und in der Ferne ein blaßblauer Schatten am Horizont – die Berge. Bei einem Knotenpunkt gab es zehn Minuten Aufenthalt. Sofort war der Bahnsteig voll von nackten Füßen auf dem glühenden Sand; ein buntes Paria-Gewimmel von Braun und Weiß puffte sich vor der Wasserkumme des Stationsgebäudes, wo klares Wasser in einem ungebrochenen Strahl rieselte. Man prügelte sich, um seine Messingschale zuerst zu füllen.

Die Glocke läutete. Stationsvorsteher und Zugführer trieben die Eingeborenen, die zu ihren Wagen zurückeilten, mit lautem Zurufen an. Ein altes zahnloses Weib, das von einem Manne mitgezogen wurde, der einen zugedeckten Korb an einem Band um den Hals trug, konnte nicht schnell genug mitkommen und war drauf und dran zu fallen. Das Paar erinnerte Ralph an die Korava-Hexe und den Schlangenbändiger aus dem Kali-Tempel. Als er aber genauer hinsah, waren sie im Gedränge verschwunden.

Während des Aufenthaltes hatte Chundri das Bad, das zu Ralphs Abteil gehörte, zurechtgemacht. Als Ralph fertig war, war die Sonne untergegangen; die Dunkelheit senkte sich ohne Dämmerung übers Land, plötzlich blitzten die Sterne auf. Ralph saß eine Weile am Fenster und betrachtete das Treiben der Feuerfliegen im Pisanghain. Erinnerungen an den Garten des Paradieses stiegen in ihm auf; ohne das elektrische Licht anzuzünden, machte er, trotz des Staubes, alle Fenster auf, um Luft für die Nacht hereinzulassen, und legte sich auf den Sitz, wo Chundri ihm mit dem Bettzeug, das er wie jeder weiße Reisende mit sich führte, ein Lager bereitet und mit einem Moskitonetz umgeben hatte. Er erwachte aus einem Halbschlaf, als elektrisches Licht vorbeiglitt und der Wagen beim Rangieren schwankte. Im selben Augenblick sah er, wie ein magerer Arm blitzschnell durch das niedrige Fenster griff; die Hand hatte schon den Griff der Handtasche gefaßt, die am Fußende seines Bettes stand, als Ralph auffuhr und nach der Hand griff. So glatt, als sei sie mit Oel beschmiert, entglitt die Hand ihm, die Tasche aber war gerettet. Er zog die Staubnetze vor die Fenster und legte sich wieder zum Schlafen nieder.

 

Im Laufe des Vormittags erreichten sie den Fuß des Berglandes.

Im Westen hoben die Gipfel sich leicht und blau von schweren weißen Wolken ab, die entferntesten waren so blaß wie der Schatten eines Tautropfens auf einem Rosenblatt.

Sie verließen den Zug und stiegen in eine kleine schmalspurige Bergbahn. Es ging in kühnen Schwingungen, die in die Bergwand hineingehauen waren, aufwärts – durch Wälder, wo Palmenkönige einsam über Pöbel von Unterholz ragten, während Holzfarne anmutig in der leichten Brise fächelten.

Gegen Abend erreichten sie ihr vorläufiges Ziel, die kleine Stadt Kotagiri, wo Shankar sich wie zu Hause fühlte; der Hof seines Vaters lag nur zwei Meilen von hier entfernt.

Ralph war zeitig auf und wanderte mit Shankar und Chundri durch die Stadt, die sich mit einem höher und einem tiefer gelegenen Viertel an der Bergwand entlangstreckte.

Shankar wollte Ralph den vornehmen Teil zeigen, wo die mohammedanischen Händler wohnen und die Brahmanen ihre Häuser haben, deren Eingangstüren mit gespreizten Händen bemalt sind, zum Schutz gegen böse Augen. Ralph aber wollte die richtige Stadt der Eingeborenen sehen, und Shankar führte ihn durch eine winklige Gasse von Hütten, aus Flußschlamm gebaut, mit Dächern aus Stroh oder ungebrannten Ziegeln.

Einige halbwüchsige Jungen kamen mit einer toten Ziege angeschleppt, die so stank, daß Ralph sich die Nase zuhalten mußte.

»Was wollen sie damit?« fragte Ralph.

»Sie essen sie,« antwortete Shankar. »Das Fell verkaufen sie an die Gerber.«

Weiterhin begegnete ihnen ein kleines nacktes Mädchen, das zwei tote Ratten, deren Schwänze zusammengebunden waren, triumphierend durch die Luft schwang.

»Essen sie die auch?«

»Ja, die Bewohner sind Nayadier, Hundeesser. Sie verunreinigen einen Brahmanen schon auf dreihundert Schritt.«

Auch Shankar machte einen großen Bogen um sie herum.

Als Shankar sah, wie der Anblick Ralph anwiderte, konnte er sich nicht enthalten hinzuzufügen:

»In alten Zeiten aß kein Hindu Fleisch; das haben sie von den Sahibs gelernt.«

Ralph antwortete nicht. Er sah ein, daß, nachdem diese Verachteten erst einmal ihren Abscheu vor tierischer Speise überwunden hatten, der Instinkt in ihnen getötet worden war. Gleichzeitig war ihnen die Unterscheidung zwischen frischem und verdorbenem Fleisch abhanden gekommen – eine Grenze, die unter Indiens Sonne so schnell verwischt wird. Vielleicht hatte das Verbot, Fleisch zu essen, letzten Endes hierin seinen Grund. Es war richtig: die Weißen hatten das Gesetz der Natur bei diesen armen Schwarzen untergraben.

Es war Markttag. Vom anderen Ende der Straße schlug ihnen der Lärm der Feilbietenden und Handelnden entgegen. Zu jeder Seite des Basars erstreckte sich eine Reihe von Buden unter schmutzigen Sonnensegeln; der Markt wurde von mohammedanischen Händlern beherrscht. Shankar machte den Führer und erklärte. Hier lagen indische Decken zwischen seidenen Sandalen und Lederpantoffeln; dort mächtige Rosenkränze von großen Rudraksha-Kernen, stachlige Steinfrüchte, größer als Pfirsichkerne, blank und braun. Dort Lingam-Schmuckstücke, und hier die heiligen Salagramsteine, das Symbol Vishnus, des Erhalters.

Zwei halbnackte, sehnige Burschen schafften sich Platz, indem sie die Menge mit vielen verführerischen Worten zur Seite drängten. Es waren Dommara, Bambusakrobaten, eine Art Zigeunerrasse. Sie kletterten an langen, schwankenden Bambusstangen in die Höhe und machten hoch oben in der Luft Kunststücke, die auf der genauen Beherrschung der Elastizität des Bambus beruhten.

Zwischen den Zuschauern, die mindestens so interessant waren wie die Gaukler, meinte Ralph abermals die Korava-Hexe und den Schlangenbändiger vom Kali-Tempel zu erkennen; als er aber genauer hinsah, waren sie verschwunden.

»Was ist das für ein Mensch?«

Ralph zeigte interessiert auf einen knochendürren Menschen, unbestimmbaren Alters, der auf sie zukam, während er eine kleine Glocke läutete, die er in seiner Rechten hielt. Obgleich er schmutzig und verstaubt war wie ein Landstraßenbettler, wich die Menge doch vor ihm zurück; dieser und jener warf eine kleine Münze in die Lehmkruke, die ihm am Gürtel hing. Er trug einen faltigen, ziegelsteinfarbigen Talar, der ihm bis auf die nackten Füße fiel; der eine Zipfel war über die linke Schulter geworfen. Eine Flöte hing ihm an einer Schnur auf der Brust, er setzte sie hin und wieder an den Mund und entlockte ihr langgezogene Klagelaute. Das Haar hing ihm in langen, mit Asche bestreuten Strähnen über die Schultern. Auf seinem Turban lag ein Kissen aus bunten Lappen, und darauf wieder ein Büschel von Stroh und welkem Gras, das von einem umgekehrten, strohgeflochtenen Trichter zusammengehalten wurde. Unter diesem Ungeheuer von einem Hut, der seinen Kopf zwischen die Schultern zu drücken schien – er wackelte im Takt mit seinen Schritten von rechts nach links – starrten aus dem mit Asche eingeriebenen Gesicht zwei wasserklare Augen, in denen die kleinen Pupillen wie Kugeln auf einem Springwasser hüpften. Es war kein Blick in diesen Augen; sie waren wie durchsichtige Häute, über eine innere Strahlenkraft ausgespannt, die jeden Augenblick herausstrahlen und sich verbluten konnte.

»Das ist ein Sannyasi, ein heiliger Bettler, der beständig wandert. – Wie alt bist du, Vater?«

Der Sannyasi heftete seine Augen auf Ralph, als ob er es sei, der gefragt hatte. Sie ruhten so lange auf ihm, bis Ralph seine Augen niederschlug, mit dem seltsamen Gefühl, daß der Blick ihm wehgetan habe.

»Ich bin seit meinem dreizehnten Jahr gewandert.«

»Warum begannst du zu wandern, Vater?«

»Um mich von dem Blick einer Frau zu befreien.«

»Wie lange bist du gewandert?«

»Fünfmal bin ich von dem heiligen Fluß zu Sundareshvars Tempel in Madura gewandert.«

»Bist du jetzt frei?«

»Nichts klebt mehr an meiner Seele. Alles ist Blendwerk.«

Er reichte seine Lehmkruke hin, empfing Ralphs Gabe ohne Gruß und ging langsam weiter, seine Glocke läutend.

»Dort kommt der Tahsildar!« sagte Shankar.

Ein älterer, gebückter Mann, in einem langen, weißen Mantel, mit einem schneeweißen Turban, kam mit würdigen Schritten über den Markt, von zwei großen, derbgliedrigen Tamulen mit bunten Turbanen und Stöcken in der Hand gefolgt.

»Das ist der Oberste von Conoor; er kommt alle vierzehn Tage ins Tal, um Gericht zu halten.«

Shankars Augen leuchteten vor Ehrfurcht, und sein Kopf wackelte auf dem fetten Hals, wie er zu tun pflegte, wenn etwas sein leichtbewegliches Gemüt in Bewegung setzte.

 

Kaum eine Stunde später waren Ralph und Shankar auf dem Weg zum Stadthaus, wo der Tahsildar Gericht hielt.

Es hatte sich nämlich folgendes ereignet: als sie ins Hotel zurückkamen und Ralph auf sein Zimmer ging, um sich vom Staub zu reinigen, vermißte er seine Handtasche. Der Wirt wurde gerufen und das Personal verhört, vom Portier bis zum schwarzen Wasserträger, aber keiner hatte etwas Verdächtiges gehört oder gesehen.

Shankar riet, daß man den Tahsildar gleich aufsuchen sollte. Sicher hatte einer von den Marktbesuchern die Gelegenheit benutzt, während in der Mittagsstunde alles ausgestorben war, um durchs Fenster zu steigen.

Der Tahsildar fragte Ralph nach Namen und Reiseziel, er mußte die Handtasche und was drin war, genau beschreiben. Daß sie seinen Paß und übrigen Papiere enthielt, schien ihn weniger zu interessieren, als daß eine kostbare Reiseuhr darin gewesen war.

Ralph erzählte, daß er bereits nachts im Zuge erwacht sei und gesehen habe, wie ein Arm durchs Fenster nach der Tasche gelangt habe.

»Bahnraub ist ein Fach für sich,« sagte der Tahsildar und schüttelte den Kopf, »man soll seine Fenster schließen, wenn man reist.«

Shankar zog Ralph beiseite und forderte ihn auf, von der Korava-Bande zu erzählen, die er beim Kali-Tempel in Madura getroffen und von der er einen Schimmer im Zuge und im Basar gesehen zu haben meinte.

Als Ralph ihn fragte, warum er es nicht selbst sagen wollte, blickte er sich ängstlich zwischen den schwarzen Gesichtern um, die längs der Wände saßen, mit abstehenden Ohren und hervortretenden Augen, in angstvoller Erwartung, daß sie von den beiden großen Tamulen, die mit ihren Stöcken an der Tür standen, zum Verhör herangezogen würden.

»Das ganze Räuberpack steckt unter einer Decke,« flüsterte er. »Wenn ich sie verriete, würden sie sich bei jeder Gelegenheit an mir rächen; an einen Weißen aber wagen sie sich nicht heran.«

Ralph tat, wie Shankar ihm geheißen. Der Tahsildar nickte und machte sich in einem schmutzigen Taschenbuch Notizen.

»Die Tasche und die Papiere werden wir wohl eines Tages finden,« meinte der Alte, »aber die Uhr,« – und er schüttelte mißbilligend den Kopf, als fände er, daß derjenige, der mit dergleichen Wertsachen herumreiste und andere in Versuchung brächte, der eigentliche Missetäter sei.

* * *

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