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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Ralph und Davis fuhren durch eine breite Allee von hundertjährigen Feigenbäumen. Zu beiden Seiten des Weges lagen Gärten mit weißen Brahmanenhäusern hinter Buschwerk, und hin und wieder ein moderner Bungalow. In den launenhaften Palmenkronen, die nicht wußten, nach welcher Seite sie sich neigen sollten, spielte ein leichter Morgenwind.

Jetzt hielt der Wagen vor der Pforte eines Gartens in europäischem Stil, mit großen Rasen, schattigen Gebüschen, und im Hintergrund einem uralten Banyanbaum, der mit seinen lotrechten Wurzelsäulen wie ein ganzer Hain war.

»Dort drüben liegt das Kollegium!« sagte Davis und zeigte auf ein zweistöckiges Gebäude, vor dessen ganzer Fassade sich eine säulengetragene Veranda streckte.

Davis kannte den Vorsteher des anglo-indischen Instituts und hatte ihn telegraphisch von ihrem Kommen unterrichtet.

Der Führer lief ihnen voraus mit ihren Visitenkarten; kurz darauf erschien ein Herr auf der Veranda, grüßte mit der Hand und eilte auf sie zu.

Herr Barnett war ein magerer, mittelgroßer Engländer mit freundlichen, blassen Augen in einem gelblichen Gesicht; mit seinem zierlich frisierten grauen Bart und seinen weißen Händen machte er einen patenten Eindruck.

Sie nahmen in Liegestühlen auf der Veranda Platz, von wo sie einen Ausblick auf einen großen gutgehaltenen Rasen hatten, der in der Sonne leuchtete. Die Schüler strömten gerade zur Frühstückspause aus dem Kollegium. Barnett lud seine Gäste zum Frühstück ein. Während sie darauf warteten, lenkte Davis das Gespräch auf das, was ihn hergeführt hatte: Ralph sollte seine Theorie von einem Mann bestätigt bekommen, der seit einer Reihe von Jahren die Aufgabe gehabt hatte, die Segnungen der weißen Zivilisation unter die Eingeborenen zu bringen.

Barnett erzählte, erst etwas müde und schleppend, nach und nach aber von Davis' Fragen angespornt, mit nervöser Lebhaftigkeit.

Während seiner langen Tätigkeit war er mit allen möglichen Eingeborenen zusammengekommen, sowohl mit der Oberkaste, den zweimal geborenen Brahmanensöhnen, die auf dem bloßen Körper über der linken Schulter den heiligen Baumwollfaden trugen, als auch mit gewöhnlichen Sterblichen, die ein Brahmane nicht berühren darf, ohne sich hinterher zu waschen, und mit denen er weder zusammen speisen noch trinken darf.

Jetzt rief er zu drei jungen Leuten hinunter, die verstohlen zu der Veranda hineinblickten, indem sie vorbeigingen:

»Hallo, Krishna!«

Ein junger Mensch, schmächtig und bartlos, mit der hellbraunen Haut, die der Oberkaste der Südindier eigentümlich ist, löste sich von der Gruppe los und eilte auf den Rufer zu, während ihm ein Schatten von Verlegenheit ins Gesicht stieg.

»Sieh her, Krishna, diese Herren, gute Freunde aus den Staaten, sind hergekommen, um Ihr altes teures Vaterland zu studieren.«

Krishna beugte den Kopf und führte seine Hand anmutig zur Stirn. Er trug die Brahmanentracht und ein seidenes Käppchen auf seinem schwarzblanken Haar.

»Und dies, meine Herren, ist Rama Krishna Nambutiri Pandit. Oh, er hat noch viel mehr Namen.«

Krishna nahm auf der äußersten Kante eines Liegestuhles Platz, die schmalen Hände im Schoß, und den vollen, aber doch zurückhaltenden Blick auf Barnetts Mund geheftet.

»Dieser junge Mann ist seit sechs Jahren verheiratet, jetzt ist er achtzehn; seine Braut, die er nur einmal in seinem Leben, an seinem Hochzeitstage gesehen hat – ist es nicht so, Krishna? – ist jetzt dreizehn Jahre alt. Seine Familie, die zu den hochvornehmen Nambutiri Brahmanen gehört, wohnt jenseits der Nilgiri, der ›Blauen Berge‹. Solange er studiert, hat er seinen eigenen kleinen Hausstand hier in der Stadt, mit Dienern, Wasserträgern, Kehrichtfegern und so weiter. Eine von den Witwen der Familien führt ihm das Haus und sorgt für ihn. Es ist die Frau seines verstorbenen Bruders, sie wurde Witwe, als sie sechs Jahre alt war – sie ist eine sehr ernsthafte Dame, nicht wahr, Krishna?«

Krishna nickte lächelnd.

»Sie erlaubt keine Versündigung gegen Kaste und Religion – und ist doch erst siebzehn Jahre alt.«

Ralph blickte fragend von Krishna zu Barnett.

»In alten Zeiten, ja, vor nicht mehr als fünfzig Jahren, hätte sie ihrem Schwager nicht das Haus führen können – aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht mehr am Leben gewesen wäre; denn als treue, und keusche Gattin würde sie eine Sati geworden sein, das heißt, sie würde ihrem Mann auf den Scheiterhaufen gefolgt sein, trotz ihrer Jugend. Wenn Sie nach Benares kommen, werden Sie am Ufer des heiligen Flusses zahlreiche Sati-Monumente sehen, hochgestellte Steine mit einem Frauenarm, zur Erinnerung an treue Gattinnen. Das ist jetzt natürlich von unserer Regierung verboten worden.«

»Welches Recht haben Sie, eine Sitte zu verbieten, die so tief in der Denkweise eines uralten Volkes wurzelt?« fragte Ralph und richtete sich kampfbereit aus seiner liegenden Stellung auf.

Davis richtete sich ebenfalls auf und wollte antworten, während Krishna von einem zum anderen sah, mit einem dunklen Schatten auf seinem Gesicht.

Barnett machte eine abwehrende Bewegung und beeilte sich fortzufahren:

»Heutzutage leben sie als Witwen weiter in der Familie des Mannes, ernst und freudlos, stets in Weiß gekleidet, der Farbe des Schmerzes. Sie können sie zeitig am Morgen sehen, Kinder und alte Frauen durcheinander, wenn sie zum Flusse gehen und Wasser für die Familie in großen runden Messinggefäßen holen, die sie auf dem Kopf tragen. Sie wissen, daß sie den Tod ihres Mannes verschuldet haben; das Unglück, das von früheren Leben an ihnen haftet, hat ihn so zeitig in den Tod geführt. Sie verbringen ihr Leben büßend, indem sie für andere arbeiten. Ihr Schicksal gleicht dem der ehemaligen alten Jungfern in Europa. Und obgleich sie die Opfer einer unerbittlichen Sitte sind, wachen sie doch am strengsten über all das Hergebrachte. Die Tausende von Witwen in allen Altern sind die schlimmsten Feinde der Zivilisation. Als Dienstmädchen und Haushälterinnen achten sie streng darauf, daß die Jungen auf dem richtigen Weg der Reinheit wandern, den ihre Vorfahren seit zweitausendfünfhundert Jahren vor ihnen gewandert sind. Nicht wahr, Krishna,« – er wandte sich mit einem müden Lächeln an den jungen Mann – »sie ist sehr bekümmert über all das, was Sie bei den kastenlosen Europäern lernen, die sich mit dem einen Leben begnügen müssen, das sie von ihren Eltern bekommen haben, während Sie und all die Ihrigen mehrmals geboren worden sind und noch eine Anzahl von Leben vor sich haben, wovon das eine immer leichter und weniger sorgenvoll wird als das vorangegangene – vorausgesetzt, daß ihr in jedem Dasein so lebt, daß die Seele mehr und mehr von dem Schmutz, der von dem früheren Leben daran klebt, befreit wird. Ist es nicht so, Krishna?«

Der junge Mann lächelte nicht; er senkte die Lider und ein Ausdruck von Hoheit kam in seine Züge.

Die Schulglocke begann jetzt vom anderen Ende des Gartens zu läuten; Krishna erhob sich, grüßte ebenso wie vorhin, anmutig, höflich, aber doch unendlich zurückhaltend und eilte leichtfüßig davon, wie eine Antilope, die sich nach der Ebene sehnt. Als er über den Gartenweg laufen wollte, kam ein junger Tamule, nur mit einem Lendentuch bekleidet, mit seinem Besen vorbei. Als er den jungen Brahmanen sah, blieb er stehen und machte ihm ein Zeichen zu. Krishna kehrte ihm schnell den Rücken, während der Kehrichtfeger auf dem Wege vorbeieilte. Erst als er sich ein Stück entfernt hatte, ging Krishna weiter.

»Warum wartete er?« fragte Ralph.

»Es war ein Feger, ein Paria, ein Kastenloser. Wenn Krishna ihm Auge in Auge gegenübergestanden hätte, würde er sich beschmutzt haben und hätte nach Hause gehen müssen, um sich zu reinigen. Darum machte der Bursche ihm rechtzeitig ein Zeichen zu; denn wer ist er, daß er einen Brahmanen besudeln dürfte?«

»Wir sind aber doch auch kastenlos, wir Europäer,« sagte Ralph und lächelte.

»Das sind wir. Darum kam er uns auch nicht so nah, daß Sie ihm die Hand geben konnten. Ich muß immer darauf achtgeben, daß ich meinen Schülern aus der höchsten Kaste nicht in Gedanken die Schulter klopfe oder dergleichen, denn ich weiß, daß sie dann unter irgendeinem Vorwand verschwinden, um sich zu reinigen.«

»Aber er lächelte zu allem, was Sie sagten; man merkte ihm keine Verachtung an.«

»Verachtung nicht gerade. Es ist ein durch Jahrhunderte entwickelter Instinkt, der unüberwindlich geworden ist. Wenn er einen Europäer berührt, hat er dieselbe Empfindung als wenn wir eine Kröte oder eine Ratte anfassen. Er hat auch den unüberwindlichen Abscheu seiner Vorfahren vor Fleischspeisen. Neulich kam er, weiß vor Wut, und beklagte sich, weil einer der Sudra-Schüler ihn einen Hühneresser gescholten hatte. Krishna ist allerdings auch der vornehmste von allen; in seinem offiziellen Brahmanamen trägt er den Titel ›Fürst der Fürsten, der blumengeschmückte, der ehrengekrönte‹. Er ist nach drei Göttern genannt und hat alles in allem vierzehn Namen.«

»Aber er ist doch hier im Kollegium!« platzte Davis heraus. »Wie eigensinnig sein Vater auch auf seine Kaste hält, so hat er seinen Sohn doch hierhergeschickt, damit er von unserer weißen Kultur lernen soll. Wie ich Ihnen sagte: selbst die Widerstrebenden schwirren wie Motten ums Licht.«

Barnett hatte sich zurückgelehnt und machte keine Miene sich zu äußern. Ralph war in seine eigenen Gedanken vertieft, und Davis fuhr fort.

»Sehen Sie, die Seelenwanderungslehre ist unter anderem ein Zeichen von der Unterlegenheit ihrer Kultur, von versagender Denkfähigkeit, trotz ihres hohen Rufes! Ich meine, daß die Inder noch an dem alten Widerspruch festhalten, über den unsere Kultur schon längst hinausgekommen ist, dem Widerspruch zwischen dem Dasein als einem Uebel, von dem man sich befreien muß, und der Freude am Leben, die doch auch diesem jungen Mann aus den Augen leuchtete, dem Selbsterhaltungstrieb, den auch der Brahmane in sich trägt. Das Leben ist für sie eine Wanderung auf das befreiende Ziel, den Tod zu; nichtsdestoweniger bestreben sie sich getreulich, ebenso wie wir, den mühsamen Weg so lang wie möglich zu machen, die Befreiung so spät wie möglich und auf jedem nur denkbaren Umweg zu erreichen. Ist das nicht eine absurde Schlußfolgerung, die jeden denkenden Hindu davon überzeugen müßte, daß der Ausgangspunkt verkehrt ist?«

Davis wandte sich so triumphierend an Ralph, daß alle seine Goldplomben blitzten.

»Nein,« sagte Ralph ohne seine Stellung zu verändern, als ob er gerade über dasselbe nachgedacht hatte und jetzt seinen Gedankengang laut fortsetzte, »wenn der Selbsterhaltungstrieb ein Ausdruck für die angeborene Lebensfreude wäre, dann müßte er bei Alten und Kranken, bei denen sich nachweislich alle Lebensfreude in Schmerz verkehrt, von selbst fortfallen. Das ist aber nicht der Fall; bei der überwiegenden Mehrzahl der Menschen setzt sich die Selbsterhaltung bis zum Todesaugenblick fort. Das deutet darauf hin, daß der Selbsterhaltungstrieb Ausdruck für etwas ganz anderes und wahrscheinlich für dieses ist: das Leben ist eine Frist, die bis zum Letzten ausgenutzt werden muß, weil es etwas gibt, was vorm Tode erreicht werden soll, und darum muß man die Zeit so lang und den Umweg so weit wie möglich machen. Dies wiederum deutet darauf hin, daß das bloße Leben nicht das höchste Gut ist, sondern daß das, wie man lebt, irgendeine Bedeutung für das Individuum hat, das instinktiv eine Wirkung über den Tod hinaus ahnt. Der Tod ist folglich nur eine Stufe auf einer Leiter, ein Formwechsel in einem Prozeß, der den gradweisen Fort- oder Rückschritt des Ichs bedeutet. Das haben die Brahmanen schon vor Jahrtausenden eingesehen, darauf ist ihre Kultur aufgebaut – während wir modernen Weißen diese Erkenntnis entweder als Mystik von uns schieben oder, wenn wir etwas Aehnliches glauben, weder uns noch unserem Nächsten gestatten, in Taten danach zu leben. Als ich in den Staaten lebte, meinte ich ebenso wie Sie, daß ich auf dem Gipfel der Zivilisation stehe, und als ich einst in einem Buch über den Osten las: ›Keine Unwissenheit ist so tief wie die des gebildeten Weißen,‹ da lächelte ich und meinte, daß der Verfasser entweder ein Dummkopf oder ein Spaßvogel sei. Je weiter ich aber nach Osten komme, desto klarer wird es mir, daß der Mann ernst war und daß er recht hat. So ist es mit der Ueberlegenheit unserer Zivilisation beschaffen, die wir mit Gewalt den anderen aufzwingen wollen. Ich frage wieder: Welches Recht haben wir, die Verbrennung der Witwen zu verbieten, wenn die Vorstellung einer so ernsten und edlen Rasse sie fordert?«

Barnett richtete sich im Stuhl auf, die wohlgepflegten Hände lagen auf den langen Armlehnen.

»Sie vergessen das Christentum und seine Gebote,« sagte er, indem er seine blassen, grauen Augen ernst auf Ralph heftete.

»Nein, das Christentum soll nicht zwingen und verbieten. Wenn es nicht überzeugt und für sich gewinnt, ist es keine überlegene Religion.«

»Ich kenne keinen Missionar, der mit Zwang und Verbot arbeitet.«

»Nicht? Ist es nicht Aufgabe der Missionare, Tag für Tag, Jahr für Jahr diese Einfältigen, die ein anderes Gemüt und Herz haben, denn die Farbe allein macht ja den Unterschied nicht, über den Gott der Liebe zu belehren? Sie lehren sie, ihre Nächsten wie sich selbst zu lieben und ihren Feinden zu vergeben – aber Jahr für Jahr haben diese Einfältigen gesehen oder wenigstens von ihren Vätern gehört, wie diese Weißen, die diese Lehre predigen, über das Meer kamen und ihr Land raubten, ihre Städte einnahmen und ihnen untersagten, den Geboten ihrer Religion zu folgen, wenn sie gegen die weiße Moral verstießen. Ist das vielleicht nicht Zwang und Verbot?«

»Sie sind ein Kulturfeind,« rief Davis. »Sie vergessen, was wir den Völkern als Entschädigung gegeben haben.«

»Als Entschädigung für ihre Freiheit und das Land ihrer Vorfahren?«

»Ja gerade. Wir haben ihnen das Glück eines geordneten Staates gegeben, mit Rechtspflege und Hygiene und öffentlicher Fürsorge – wir haben ihnen Zutritt zu unserem überlegenen Wissen auf allen technischen Gebieten gegeben; haben sie nicht Eisenbahnen, Telegraph und Telephon bekommen?«

»Und Irrenanstalten und Gefängnisse.«

»Auch das.«

»Wie ist es dann aber möglich, wenn das wirklich von so großer Bedeutung wäre, daß die Bevölkerung krampfhaft an der alten Lebensweise festhält: Wasser aus dem Fluß trinkt, statt aus der städtischen Wasseranlage –«

»Wasser, das durch die Leitung gegangen ist, darf von keinem aus den höheren Kasten getrunken werden,« unterbrach Barnett in sachlichem Ton, »das ist unrein.«

»Aber schleimiges, pestinfiziertes Flußwasser,« rief Davis und seine Augen funkelten vor Eifer, »worin tote Katzen und halbverbrannte Glieder von Pestkranken schwimmen, das wird jeden Morgen in Benares getrunken – zu Tausenden können Sie die Eingeborenen dort bis an den Leib im Fluß stehen sehen, arm und reich, seidengekleidet und in Fetzen, wie sie sich den Mund mit dem heiligen Wasser spülen, das schmutziggelb ist von dem Abfluß der großen Städte, das es unterwegs aufgenommen hat.«

»Da sehen Sie selbst,« Ralph beugte sich ebenso eifrig vor, »was haben also all die Segnungen genützt, die wir den Völkern als Ersatz für die freie Ausnutzung ihres Bodens und ihrer Arbeitskraft geboten haben?«

»Die Zivilisation wird nicht weniger wertvoll, weil man sie in Unkenntnis nicht zu schätzen versteht. Aber gerade das wollen wir sie lehren. Bei einigen geht es schneller, bei anderen langsamer. Aber es wird schon kommen – und nachher wird man uns dankbar sein.«

»Jawohl. So wie die Japaner uns gedankt haben, nicht wahr?«

Davis wurde plötzlich still. Er kniff die Lippen zusammen, als wolle er sich zwingen von etwas zu schweigen, was sich ihm auf die Lippen drängte.

»Wohl nicht alle«, sagte er nach kurzer Pause zu Barnett gewandt, »nehmen die Lehren so langsam und zurückhaltend an wie der Brahmanennachwuchs. Ich glaube, daß die Sudra –«

»Ja, allerdings –«

Barnett richtete sich auf und blickte über den Garten. Dann erhob er sich, trat zwischen die Verandasäulen und rief zu einer Gruppe europäisch gekleideter junger Leute hinüber, die munter auf dem Rasen mitten in der Sonne lärmten.

»Shankar!« rief er.

Ein junger Mensch löste sich aus der Gruppe und kam quer über den Rasen gelaufen. Es war ein fetter Bursche mit großen, etwas stumpfen Augen, die unter den Lidern hervorquollen; unter dem weißen europäischen Anzug bebte der schwere Körper von überflüssigem Fleisch; ein strenger Geruch ging von ihm aus. Er grüßte die Fremden mit einem frohen Lächeln und sein Blick ging neugierig von einem zum anderen, während der Professor ihm auftrug einige Bücher aus der Bibliothek zu holen.

»Das war ein Vellala,« sagte Barnett, als er gegangen war, »das ist die vornehmste Kaste der Sudra. Sie sind ursprünglich Bauern, behaupten aber, daß sie zu den Vaisyas gehören, den zweimal geborenen Ackerbauern der obersten Kaste – das ist ungefähr so, als wenn ein Großbauer sich zu einem Rittergutsbesitzer machen will. Sie besitzen sehr viel Ehrgeiz, und da die Brahmanen sie nicht anerkennen wollen, halten sie sich an die Weißen und tun alles, um der Regierung, die ja wie sie sehen, sogar über die Brahmanen Macht hat, zu dienen. Sie sind vielfach als Eisenbahnbeamte und Gerichtsschreiber angestellt. Es sind intelligente und dienstwillige Leute. Ein Europäer kann sie beleidigen soviel er will, sie lächeln und wedeln nur; wenn sie sich aber zum Herrn über ihn machen können, was ihnen übrigens selten gelingt, dann rächen sie sich. Sie haben sich von allen alten Kastenvorschriften freigemacht, trinken Alkohol, essen Fleisch und machen sich über ihren alten Hinduglauben lustig; ich glaube aber, wenn sie in Not geraten oder Furcht ihnen die Besinnung raubt, dann erinnern sie sich der Dämonen; die meisten tragen heimlich irgendein Amulett, das sie offenkundig verleugnen. Zu ihrer Entschuldigung kann man anführen, daß sie wie andere, die zu den niedrigen Kasten gehören, nie eine eigentliche Religion gehabt haben; denn die ganze alte Kultur liegt in den Händen der Brahmanen, die seit Jahrhunderten neidischer als Kirchenväter des Mittelalters darüber gewacht haben, daß keiner aus der niedrigen Kaste mehr von der richtigen Lehre, geschweige von den heiligen Schriften erfahren hat, als die Priester mit den Interessen der obersten Kaste vereinbar fanden. Sanskrit, die heilige Sprache, ist ebenso unverständlich für einen gewöhnlichen Hindu wie für einen Europäer, der sie nicht studiert hat. Sie ist das ausschließliche Eigentum der Brahmanen, die der Ansicht sind, daß die niedere Kaste von keiner anderen unsichtbaren Macht als der furchteinflößenden etwas zu wissen braucht. Die Sudra bekamen also nur den Aberglauben; die Brahmanen lehrten sie, daß sie in beständiger Gefahr von Dämonen und Fetischen schwebten, und daß es keinen anderen Ausweg ihnen zu entschlüpfen gäbe, als sich konstant mit den Brahmanen, die die heiligen Schriften und heimlichen Beschwörungen kannten, abzufinden.«

»Da sehen Sie,« sagte Davis zu Ralph, »welche Möglichkeiten unsere Kultur diesen Millionen gegeben hat, die seit Jahrhunderten von einer tyrannischen Oberklasse, die auf ein eingebildetes Erstgeburtsrecht pochte, in Unwissenheit gehalten worden ist. Ist es vielleicht nicht ein unschätzbares Gut, daß sie sich jetzt von jahrhundertaltem Druck freimachen können? – Eine ähnliche Chance gaben die Staaten den niederen Kasten Europas, als sie ihnen ein Land öffneten, wo sie ihre Kräfte entfalten, freie Bürger in einem freien Land werden konnten. Die niedrigen Kasten Indiens sind an ihre Scholle gebunden; da sie nicht zu uns herüberkommmen können, sind wir Weißen mit unserer Kultur, unserer Freiheit und unserem Kapital zu ihnen gekommen.«

»Wo ist die Freiheit, die sie gewonnen haben? – Wir haben ihnen neue Herren gegeben und sie zu Steuerobjekten gemacht. Wo ist die Freiheit, die wir ihnen gaben? – Die Wissenden unter ihnen wollen die Freiheit nicht gutwillig annehmen, ausgenommen einzelne Weitsichtige, die ebenso wie die Japaner erfaßt haben, daß sie eine Weltwaffe ist, die man sich aneignen muß, um sie später gegen uns zu wenden.«

Ein scharfer Blick aus Davis' Augen traf Ralph und er schob mit gedämpfter Stimme ein:

»Das ist eben die Frage; das ist – –«

Er hielt inne, preßte die Lippen fest aufeinander und nickte Ralph zu, daß er fortfahren möge.

»Und die anderen, die Einfältigen, eignen sich unsere Kultur nur an, um sich über die emporzuschwingen, die sie tyrannisieren – also aus reiner Spekulation. Wie viele aber empfangen unsere Kultur freiwillig in Erkenntnis des Vorzuges vor ihrer eigenen?«

Ralph erinnerte sich Gamâls Worte und fügte unwillkürlich hinzu: »Aus Herzensbedürfnis?«

»Das sind allerdings nur wenige,« sagte Barnett und sah Ralph ernst und wohlwollend in die klaren Augen. »Aber es wird schon kommen. Und Sie haben recht, letzteren Weg müssen wir alle einschlagen.«

»Ich bezweifle, daß wir jemals dorthin gelangen, da wir vom verkehrten Ende angefangen haben.« Und wieder zitierte er Gamâl, diesmal ohne darüber nachzudenken: »Nur zwei Wege führen zur Kultur, der Herzensweg und der Interessenweg. Wir haben mit Zwang angefangen, und darum haben wir vorläufig auch nichts weiter erreicht, als die anderen des Friedens und Glückes zu berauben, das darin liegt, mit den Vorfahren in Übereinstimmung, im Gleichgewicht zu sein. Statt dessen haben wir ihnen die Unruhe des Kulturbegriffes und die hilflose Halbheit gegeben, die dadurch entsteht, daß man das Alte fahren läßt, ohne das Neue zu halten. Wenn sie aber erst einmal richtig zugegriffen haben, werden wir sehen, daß wir einen neuen Wurf von Welteroberern großgepäppelt haben – denken Sie an die Japaner! – Der Tag wird kommen, wo wir Weißen seufzen werden: ›Warum ließen wir sie nicht in Ruhe?‹ Und das Ganze kommt davon, weil wir den Männerweg und nicht den Frauenweg eingeschlagen haben.«

Ralph wunderte sich selbst über seine letzten Worte, die ihm unversehens über die Lippen gekommen waren.

Barnett sah ihn an und schwieg. Davis beugte sich vor und sagte mit derselben gedämpften Stimme wie vorher, aber ohne Heftigkeit:

»Sie sprechen wie ein Kulturfeind. Aber das, was Sie andeuten, ist tatsächlich eine der wichtigsten politischen Fragen im Augenblick. Das ist es, was –«

Wieder brach er ab und schloß die Lippen fest um das Ungesagte, während er auf seine Hände herabblickte.

Barnett richtete sich auf und sagte:

»Ehe ich es vergesse, Herr Davis, Sie baten mich in Ihrem Brief, Ihnen einen Ort anzugeben, wo Sie alle südindischen Rassen und niederen Kasten vereinigt finden könnten. Ich habe darüber nachgedacht und möchte Ihnen den Basar in Kotagiri, einer kleinen Stadt westlich von den ›Blauen Bergen‹, empfehlen, nicht weit von Ootacamundi, wo die Regierung von Madras während der Regenzeit ihren Sitz hat. Dort können Sie gleichzeitig die Bekanntschaft eines der eigenartigsten Stämme Indiens machen, der Todas, die ebensolch helle Haut wie wir haben, und regelmäßige arische Züge. Sie leben mit ihren heiligen Ochsen und Kühen in den engen Tälern der ›Blauen Berge‹.«

»Von ihnen habe ich gelesen,« sagte Davis und war wieder Feuer und Flamme. »Darauf freue ich mich sehr.«

»Sie sind im Aussterben begriffen. Bei der letzten Volkszählung waren es nur noch achthundert Köpfe. Sie sind fast unberührt von unserer Kultur und haben ihre tausendjährigen Gebräuche unverändert bis auf den heutigen Tag bewahrt.«

»Dort können Sie sich überzeugen, ob Ihre Theorie von dem Glück der Unberührten Stich hält,« sagte Davis mit einem spöttischen Lächeln zu Ralph, der sich interessiert aufgerichtet hatte, »daß sie am Aussterben sind, ist indessen kein gutes Zeichen.«

»Es gibt dort fast doppelt so viele Männer wie Frauen,« fuhr Barnett fort, »denn es ist Sitte, daß man die überflüssigen Mädchen gleich nach der Geburt tötet, und für mehr als ein Mädchen pro Familie meinen die Todas keinen Gebrauch zu haben.«

»Genau wie bei gewissen Südseevölkern. Und ihnen sollte etwas weiße Kultur nicht not tun?«

Ralph antwortete nicht.

»Die Folge davon ist,« fuhr Barnett fort, »oder wer weiß, vielleicht ist es die Ursache, – Tatsache ist jedenfalls, daß dort Vielmännerei herrscht, indem eine Frau, außer mit ihrem ursprünglichen Mann, mit all seinen Brüdern oder, wenn er keine Brüder hat, mit seinen nächsten Anverwandten verheiratet ist. Eine besondere Vereinbarung ist nicht erforderlich, man meint, daß sich das von selbst ergibt. Daraus folgt natürlich wiederum, daß die Geschlechtsmoral auf einer sehr niedrigen Stufe steht.«

»Selbstverständlich – genau wie auf gewissen Südseeinseln –« sagte Davis und wandte sich triumphierend an Ralph: »Ob unsere weiße Kultur dort nicht auch eine Mission hat?«

»Sie haben ohne Zweifel recht,« sagte Barnett höflich, »aber ganz ohne Verbindung mit den Weißen sind sie natürlich nicht geblieben. Jedenfalls haben sie unserer überlegenen Kultur zweierlei zu verdanken, ebenso wie die von Ihnen genannten Südseeinsulaner. Das eine ist der Gebrauch von Zündhölzern –«

Davis nickte und zeigte Ralph seine Zähne in einem Lächeln, das sagte: Selbst bei diesen Widerstrebenden mit ihrer jahrhundertalten Kultur, selbst in diesen engen Tälern hinter den ›Blauen Bergen‹, ist unsere Kultur wie eine unwiderstehliche Naturkraft durchgedrungen.

»Die alte Methode, Feuer durch Reiben von Holzstücken hervorzubringen, wird jetzt nur noch beim Anzünden des Tempelfeuers verwendet.«

»Und was ist das andere?« fragte Davis ungeduldig.

»Syphilis. Daran stirbt der Stamm aus

Davis schwieg. Ralph aber schlug mit den flachen Händen auf die Stuhllehne und lachte.

Im selben Augenblick kam der Vellala mit den Büchern zurück. Er stand unschlüssig, ob er an den Fremden vorbeigehen und sie auf den Tisch legen dürfte, bis Barnett sich seiner erbarmte und die Hand danach ausstreckte.

»Sind Sie nicht am Nilgiri zu Hause, Shankar?« fragte er.

Der Vellala legte den Kopf einschmeichelnd auf die Seite und sagte, froh, daß er den Erwartungen entsprechen konnte:

»Ja, Herr – der Hof meines Vaters liegt nur zwei Meilen von Kotagiri entfernt.«

»Haben Sie mich neulich nicht um Heimaturlaub für ein oder zwei Wochen gebeten?«

Die Augen des Vellala ruhten schwer auf Barnett, um den vollen Sinn dieser Frage zu erforschen. Darauf antwortete er einschmeichelnd:

»Ja, Herr, wenn es gefällig ist.«

Barnett wandte sich an seine Gäste:

»Ich möchte Ihnen vorschlagen, meine Herren, wenn es Ihre Absicht ist, die Reise zu machen, sich Shankar anzuschließen. Er wird gegen eine entsprechende Vergütung gern Ihr Führer sein. Nicht wahr, Shankar?«

»O ja, Herr, mit größtem Vergnügen.« Etwas vorsichtig und zögernd aber fügte er hinzu: »Gegen eine kleine Vergütung und Kost und Tabak.«

»Das Reisen ist in dieser Gegend beschwerlich. Außer in den großen Stationsstädten, wo Sie wie hier im Bahnhofsgebäude selbst wohnen können, finden Sie weder Dakh, Bungalow noch Sarai. Sie sind auf Zelte unter freiem Himmel angewiesen. Aber die Reise lohnt sich dennoch sehr. Denn außer all dem ethnographisch Interessanten finden Sie in den ›Blauen Bergen‹ die beste Jagd von ganz Südindien.«

Ralph und Davis schlugen sofort ein, und es wurde verabredet, daß Shankar sie am nächsten Morgen auf dem Bahnhof, wo sie wohnten, treffen sollte.

Shankar trat von einem Fuß auf den anderen, den Kopf einschmeichelnd auf die Seite gelegt, zögernd, ob er gehen solle. Davis und Ralph sahen ihn fragend an, Barnett aber erhob sich mit einem launigen Schimmer in den bleichen Augen, trat auf ihn zu und gab ihm die Hand.

»Lebe wohl, Shankar! Auf Wiedersehen!«

Der Vellala strahlte übers ganze Gesicht, und als Ralph und Davis ihm auch die Hand drückten, glänzte er geradezu vor seliger Untertänigkeit. Sein Herz hatte Frieden gefunden, und er eilte hinaus.

»Er legt sehr viel Wert darauf, daß man ihn als Kavalier behandelt,« sagte Barnett, »das ist seine schwache Seite.«

»Nun,« sagte Ralph, »dagegen läßt sich nichts sagen.«

»Ebenso ängstlich wie mein junger Brahmane war, Ihnen zu nah zu kommen, ebenso begehrlich ist Shankar danach, der europäisierte Sproß der unteren Kaste. Das kennzeichnet den Unterschied.«

»Und die Segnungen der weißen Kultur,« sagte Ralph mit einem Seitenblick auf Davis; der Ethnograph aber tat, als ob er nichts hörte.

Ein weißgekleideter Boy mit einem vielfach geschlungenen Turban auf dem Kopf und einem breiten Gürtel um den Leib, kam lautlos auf bloßen Füßen herein, zog den Türvorhang zum Eßzimmer zur Seite und stellte sich stramm und unbeweglich neben der Tür auf.

»Tini adsja!« sagte er – »die Mahlzeit ist bereit.«

Barnett gab ihnen seine Karte für einen Brahmanen, den er kannte, einen Pandit, Gelehrten, einen Damarkarthas, Mitglied des Tempelrates. Dieser konnte ihnen das größte indische Gotteshaus viel besser zeigen als die gewöhnlichen Führer, die man beim Stationsvorsteher bekam.

»Noch eine Frage,« sagte Barnett, indem er sie durch den Garten zum Wagen geleitete, »haben Sie sich einen eingeborenen Diener verschafft?«

Davis antwortete, daß sie bisher damit gezögert hätten, weil es ihre Absicht gewesen sei, ihn zu Rate zu ziehen.

»So rate ich Ihnen, nicht mehr als einen zu nehmen,« sagte Barnett. »Er kann Sie beide bedienen und gleichzeitig Dolmetscher sein; das ist nämlich das wichtigste. Zwei würden sich nur beständig darüber zanken, wessen Kaste und wessen Herr der vornehmste ist, und würden die Untergebenen ausschelten, bis diese mitten in der öden Gegend davonlaufen. Ein Sirdar – oberster Diener – genügt für Ihre persönliche Bedienung; das übrige Personal, Koch, Wasserträger und Pferdejunge, können das übrige besorgen.«

Barnett versprach, den Pandit, an den er sie gewiesen hatte, zu benachrichtigen und ihn zu bitten, einen Diener für sie in Bereitschaft zu halten.

* * *

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