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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Es wurde ein herrlicher Tag.

Sie fuhren durch Pettah, die Stadt der Eingeborenen, wo ein reger Verkehr von Händlern war, die zum Markt wollten; eine hohle Tonne aus Segeltuch oder geflochtenem Stroh, mit Bambusbändern zwischen vier Räder gespannt, das war die ganze Beförderung. Der Kutscher saß halbnackt in der Tonnenöffnung, mit den Beinen zwischen den Ochsenschwänzen baumelnd; mitten in der Tonne lag die Familie zwischen Obst und Gemüse.

Frauen, die zur Arbeit eilten, mit ihren Säuglingen auf der Hüfte, trugen ein weißes Hemd lose über der Brust, und bunte Röcke, die im Gürtel zusammengerafft waren; die torfbraunen Arme waren bis an die Schultern nackt. Der Singhalese, der mit der Würde eines freien Mannes dahinschlenderte, trug sein Haar zierlich in Knoten, mit Nackenkamm aufgesteckt; auch er trug einen Rock, der Oberkörper aber wurde von einer weißen, einreihig geknöpften Jacke verdeckt. Der Tamule dagegen trug nichts weiter auf seiner schweißglänzenden, schokoladenfarbigen Haut als ein vielfach geschlungenes Lendentuch, das ihm bis über die Mitte des Schenkels fiel.

Sie fuhren durch flache Flußwiesen, wo europäische Kühe bis an die Knie im Gras standen. Aus überschwemmten Gebieten ragten die hohen Halme des jungen Reis und zeichneten ein Netzwerk von Schattennadeln in das sonnenbeschienene Wasser. Ein Reiher, schwarz und weiß, mit geschwungenem Hals, spazierte anmutig nickend zwischen den Halmen. Ueber die Ebene strich in tiefem Flug eine Schar grauer Vögel, die von der Eisenbahn aufgestört worden waren. In einer Hecke von schwellenden, hochroten Blumen flogen kleine Papageien ein und aus. Dort waren Schwärme von Krähen, die ganz heimatlich schrien. Und klang es nicht von dunklen Punkten hoch oben in der Luft wie Lerchengezwitscher?

Sie frühstückten im Speisewagen. Während der Mahlzeit strichen die ersten kühlen Luftzüge durch die offenen Fenster; es war die Luft von den Bergen, denen sie sich jetzt in großen Kurven näherten.

Sie blickten in die wolkenlose Luft hinauf, die wie von Millionen frei in der Luft schwebender Kristalle glitzerte, und in deren Blau die fernen Berge sich mit weißen Gipfelzähnen festbissen.

»Sehen Sie den höchsten Gipfel dort,« sagte Ralph, »das ist der Adamsberg.«

Seine Hand berührte die ihre, als er sein Glas hob um zu trinken. Ihre Augen trafen sich, und sie wurden ganz benommen von dem Glanz ihrer Blicke, von dem festlichen Rausch, durch den die wunderbare Pracht der Erde ihr Gemüt erlöst hatte.

Und es geschah, daß sie beide im selben Augenblick dasselbe fühlten: daß sie zu etwas unübersehbarem Neuen emporgehoben wurden, worin ihre Seelen sich noch nicht zu entfalten vermochten.

Helen schloß die Augen. Ein plötzliches Schamgefühl zwang sie, sich vor seinem Blick zu decken; sie fühlte, daß ihr Wesen sich wehrlos dem seinen entgegenneigte. Und eine Ahnung stieg ihr aus der Tiefe ihrer Seele ins Bewußtsein und formte sich zu Worten: Nicht im Mann und nicht im Weib, sondern im Menschenpaar erreicht das Leben seine Vollkommenheit und geht den Weg zu Gott.

 

Paradinyja – ewiggrüner Garten des Paradieses, umsäumt von dem Fluß, der auf weißen Gipfeln entspringt! Die Quelle rieselt vom Weißen zum Grauen und vom Grauen zum Grünen, rieselt in besonnener Eile wie der, der ahnt, was er in seinem Schoß birgt; und ist sie bis dorthin gelangt, wo die Plantagen auf den Abhängen von der Sonne durchglüht werden, dann fließt sie ruhig und gelassen wie der, der fühlt, daß er reift – und gelangt sie hinab zu dem von neuem erschlossenen Eden, dann ist sie schwanger von keimenden Generationen, dann ist sie der Lebensfluß selber, der sich wie ein Kranz um das Heim der ewigen Kräuter legt. »Sieh, ich bewache den Nabel der Erde,« flüstert er. Und die schlanken, grünen Bambusriesen, die von Regenzeit zu Regenzeit in Hainen längs seines Ufers emporschießen, beugen sich über seinen Spiegel und flüstern: »auch wir wachen.«

Vor dem Garten war kein Flammentor und kein Cherub. Zwei uralte Gummibäume klammerten sich mit gerunzelten Riesenwurzeln an die Erde, als seien sie ungeheure Drachen, die vom Tode überrascht worden waren, während sie den Eingang bewachten, als wären sie in den letzten Zuckungen erstarrt.

Drinnen im Schutze ewiggrüner Riesenbäume war die Luft heiß und von Duft geschwängert: da waren Vanille, Kakao, Balsam. Und alle Töne der Natur klangen dort: der Orgelbaß der wuchtigen Kronen, die flüsternden Violinen des Laubwerks, das zitternde Cello des schlanken Bambus, wenn er seine Säbelblätter gegeneinander schliff, das zappelnde Tamburin des Gummilaubes. Das Flötenspiel der schwarzen Tropendrosseln zur Klarinette der Wasserquellen und die gellenden Trompetenschreie der roten Papageien – all die Laute, die Adam jeden Morgen weckten und die Sehnsucht in ihm gebaren, die zu einer goldenen Frucht von Lust und Glück, Eva genannt, reifte, während der Schmerz noch jenseits des Lebensflusses gefesselt lag.

Es glitzerte im Licht wie von Feuer, das Flügel bekommen hat; es knisterte wie von Harz über heißen Flämmchen. Lianen krochen in heißer Umschlingung an jungen Feigenstämmen hinauf, sich gierig nach schweren, zum Fallen bereiten Früchten reckend. Orchideen wimmelten wie lasterhafte Gedanken aus seltsamen und verwirrten Gemütern. Bougainvilles fluteten wie eine einzige rote Wolke. Hibiscus erglühte von hellroter Lust, und Lilien bogen sich in stillem Glück über ihre Stengel.

Dort wanderten sie – zwei Menschen – vereinigt wie das erste Paar, sich gegenseitig spiegelnd, stark und frei, und dennoch mit einem Willen zwischen sich, der seine Mauer unsichtbar trennend aufrichtete, wenn die Flammen ihrer Seele zusammenschlagen wollten.

»Was kann es sein?« dachte Ralph und forschte in ihren Augen.

Und ihre Seele tastete gegen die Mauer und fragte:

»Ja, was kann es sein?«

Sie wechselten gleichgültige Worte über die Herrlichkeit des Gartens, die Hitze, das Licht – Worte, die das Schweigen ausfüllen, die Einsamkeit der Seele verdecken sollten. Hier, wo alle Lebenskräfte in vereinigter Fülle wirkten, wo Lebewesen nur getrennt waren, um zu einem höheren Zweck verbunden zu werden, hier gingen sie allein wie zwei Flammen, die nicht zueinander kommen konnten, obgleich ihre Körper von demselben Lebensdurst, der in allem um sie herum brannte, zueinander gezogen wurden.

 

Sie aßen Tiffin in Kandy – der uralten singhalesischen Hauptstadt. Nachher wanderten sie längs des Pfades um den stillen, blanken See, der unter Gärten träumt. Sie nickten den schönen, singhalesischen Frauen zu, die ihnen blumengeschmückt mit ihren Säuglingen begegneten, und die Frauen lächelten mit ihren sanften Augen.

Sie kamen zu dem Tempel, wo Buddhas heiliger Zahn aufbewahrt wird. Dort saß eine Familie von wallfahrenden Birmesen auf ihren Matten, den Kopf in den Schoß gebeugt, während die Finger über die stachligen Fruchtkerne des Rosenkranzes tasteten und die Seelen in stummer Anschauung des liegenden Buddhas versenkt waren. Es duftete von Tempelblumen, die vor der Statue geopfert, qualmte von Räucherhölzern, die für gläubige Seelen entzündet waren, die den seligen Gott nicht selbst erreichen konnten.

Sie fütterten die heiligen Schildkröten in dem tiefen Bassin hinter der zinnenbekränzten Tempelmauer. Sie gingen über die Brücke und lasen Buddhas Geschichte, die in Reliefs aus Granit erzählt wurde.

Auf der Veranda des Hotels aßen sie zu Mittag, der Tropenhimmel funkelte über den roten Seidenschirmen und die Nacht trug ihnen kräutrige Düfte aus den dunklen Gärten zu.

Ralph sah nach der Uhr.

»Wir erreichen den Zug nicht mehr,« sagte er.

Er rief nach dem Kellner und bestellte ein Automobil.

Das Gefühl, ihm wehrlos entgegenzugleiten, ergriff sie von neuem. Sie merkte, daß sie auf ihrer Hut sein müsse – mehr vor sich als vor ihm.

Solange sie durch die Stadt fuhren und Licht aus Häusern und Laternen ihnen zublinkte, floß das Gespräch leicht und munter. Das Leben der Hütten glitt in bunten Bildern an ihnen vorbei; ein seltsames Kostüm, ein singender Bettler, eine todmüde Familie, die vor ihrer Strohhütte hockte und die Abendpfeife zu einer eintönigen Unterhaltung genoß. Als aber die Hütten den Plantagen und Hecken Platz machten, als nur der vereinzelte Lichtschein vom Herdfeuer einer einsamen Palmenhütte oder eines verspäteten Automobils vorbeihuschte, als die Nacht ihre Seelen einander zuwandte, da war es, als ob alle Gesprächsthemen sie plötzlich im Stich ließen.

Sie waren in der Gewalt der hohen Tropennacht, die von Leben bebt wie von Seelen, die entzündet werden und in Wechselspiel zwischen Augenblick und Ewigkeit erzittern.

Sie lauschten dem erhitzenden Gesang der Zikaden in der warmen Nacht; sie sahen Feuerwürmer wie winzige Flämmchen in den vorbeieilenden Gebüschen; die Flämmchen schwirrten zwischen den Blättern, fanden sich und vereinigten ihr Leben und ihr Licht zu einem doppeltleuchtenden Stern.

Sie merkten die Nähe der Bergwand durch die heiße Luft, die ihnen von dem sonnendurchglühten Fels entgegenschlug; auf der anderen Seite des Wagens kam die Luft kühl aus dem tiefen Abgrund.

Das Schweigen war wie ein atemloses Flüstern zwischen ihnen, das nach den richtigen Worten suchte; nach und nach aber wurden sie still. In der ruhevollen Vereinigung ihrer Seelen kamen sie einander näher als je, und ihre Hände fanden sich.

»Der Himmel brennt!« sagte Helen und zeigte auf den dunklen Grund, wo eine Zickzacklinie von Feuer flammte.

Ralph erklärte, daß man Wurzeln aus einem gerodeten Boden hoch oben auf dem Abhang verbrenne, um einer neuen Plantage Platz zu machen.

Helen konnte ihre Augen nicht von der flammenden Linie losreißen, sie war wie ein Zeichen am Himmel.

Ralph legte den Arm um ihre Schulter und zog sie behutsam an sich. Er merkte, wie es in ihr wogte, sie leistete keinen Widerstand. In ihrer Erregung aber war etwas Hilfloses, das sie in seinem Arm heilig machte.

So saßen sie, während sie an den letzten Plantagen vorbeisausten, die wie mit elektrischen Lämpchen übersät waren. Helen aber sah es nicht, sie hatte die Augen geschlossen. So saßen sie, während das Auto längs des Flusses unter hohen Kokuspalmen vorwärtsraste. Sie kamen an Hütten vorbei, wo Hunde wütend hinter der geflochtenen Wand bellten. Sie sahen den Lichtschein über der Stadt, und noch immer lag sie in seinem Arm. Sie fuhren über die gebrechliche Brücke, und der Wagen rüttelte so heftig auf den ausgefahrenen Balken, daß sie gegeneinander geworfen wurden.

Helen hob den Kopf und ihre Augen trafen sich. Sie waren wieder zwei, Ralph und Helen, mit der trennenden Mauer zwischen sich. Ihre Wangen glühten, sie löste ihre Hand aus der seinen, und Ralph bereute im selben Augenblick, daß er sie nicht geküßt hatte.

Der Mond war aufgegangen, er hing rot und dunstig über den Palmensilhouetten. Vor ihnen auf der Landstraße ertönten laute, aufgeregte Stimmen; sie befanden sich in der äußersten Vorstadt, wo Hütte neben Hütte lag.

Ralph reckte sich vor, um zu sehen, was los sei: Im selben Augenblick hielt der Chauffeur das Auto an.

Ein Tonnenwagen, der umgefallen war, sperrte den schmalen Weg. Der Zebuochse hatte sich niedergelegt und nahm seelenruhig den Schwall von Schimpfworten entgegen, den der halbnackte Tamule auf seinen Buckel herabregnen ließ. Die Wagenachse war beim Sturz gebrochen, und auf der Landstraße lag es voll von Früchten, die im Mondschein leuchteten. Einige spindeldürre Landsleute waren aus den nächsten Hütten gekommen; sie kratzten sich die Arme, keiner aber machte Miene zu helfen.

Es war nicht möglich vorbeizukommen. Der Chauffeur wollte über die Brücke zurückfahren, aber es war ein großer Umweg, und Helen schlug hastig vor, daß sie das letzte Stück Wegs zu Fuß gehen wollten.

Die Uhr war etwas nach elf. Aus einem mattengedeckten Haus erklang der eintönige Gesang einer melancholischen Frauenstimme; hinter einer geschlossenen Veranda zankten sich ein Mann und eine Frau, während ein Kind weinte.

Sie kamen an einem düsteren Tempel vorbei, mit gemalten, chinesischen Figuren auf der Vorderseite. Etwas weiter hin war eine Unterbrechung in der Häuserreihe. Ein dunkler Garten mit einem Eisengitter davor, viel zu vornehm für die einfache Umgebung. Als sie ganz nahe herangekommen waren, sahen sie ein niedriges, weißgekalktes Haus hinter den Gebüschen.

Während sie standen und es betrachteten, kam eine weiße Gestalt aus der dunklen Tür des weißen Hauses und bewegte sich durch den Garten auf sie zu.

Als sie in den Mondschein hinaustrat, faßte Helen Ralphs Arm: »Schehanna,« flüsterte sie.

Im selben Augenblick blieb die Gestalt stehen und hob den Kopf. Ihre Augen blitzten durch die Dunkelheit und sie nickte, als habe sie sie gerade jetzt erwartet.

»Er ist dort drinnen!«

Helen wurde tief ergriffen von der Feierlichkeit in ihrer Stimme, sie verstand, daß Schehanna ihren Adaran gefunden hatte.

Im selben Augenblick trat ein Mann aus der Tür. Er war barhäuptig, seine hohe, schmale Stirn leuchtete im Mondschein. Ein seltsam ergreifender Ernst lag über der Erscheinung, wie sie dort hochaufgerichtet unter den Sternen stand, die Hand um den langen, weißen Bart.

»Dasturan Dastur,« durchfuhr es Helen.

Er wandte sich und wurde ihrer ansichtig, zögerte eine Sekunde wie jemand, der sich auf etwas besinnt, das er nicht vergessen darf, und ging langsam durch den Garten auf das Gitter zu. Schehanna verneigte sich, die Hände vor der Brust, als er an ihr vorbeiging.

Vor der halbgeöffneten Gittertür blieb er stehen und sagte mit lauter Stimme:

»Weh dem, der auf dem schmalen Weg stolpert!«

Helen fühlte seinen Blick bis ins Herz hinein.

Dann hob er die Hand zum Gruß, wandte sich und ging zum Haus zurück.

Schehanna lief zum Gitter, öffnete die Pforte und kam zu ihnen hinaus.

Ralph sah mit Erstaunen den strahlenden Ausdruck ihres Gesichts; so hatte er sie noch nie gesehen.

Sie erzählte aufgeregt von den Erlebnissen des Tages; plötzlich aber wurde sie auf den Ausdruck in Helens Augen aufmerksam und verstummte.

Die Straße lag öde und leer vor ihnen im Mondenschein. Sie gingen, ohne Richtung und Weg zu kennen, bis sie einen Marktplatz erreichten, wo sie Rickshaws sahen. Ralph weckte einen Kuli, der auf dem Boden seines Rickshaws schlief, den Kopf auf dem Sitz. Dann ging es im schnellen Trab zu Helens Hotel.

Ralph wollte sie in ihre Zimmer hinaufbegleiten, Helen aber lehnte es ab.

Er wunderte sich über ihr verändertes Wesen. Als er auf der Hoteltreppe stand, ihre Hand zum Lebewohl in der seinen, versuchte er in ihrem Blick zu lesen; aber es war zu dunkel.

»Dank für den schönen Tag!« flüsterte er.

Ihre Augen ruhten eine kurze Sekunde auf seinem Gesicht; er empfand einen unbestimmten Schmerz dabei.

Dann ließ sie seine Hand mit einem plötzlichen heftigen Druck los. Und die Hoteltür schloß sich hinter ihnen.

* * *

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