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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Als Ralph erwachte, konnte er sich des Inhaltes seines Traumes nicht mehr entsinnen, der Eindruck aber saß wie ein Stachel in seinem Gemüt.

Während er eine Morgenwanderung längs des Bergpfades machte, war eine unerklärliche Unruhe in ihm, ein unwiderstehlicher Drang zu handeln, zuzugreifen, sein Aeußerstes zu tun. Etwas bedrückte ihn wie eine Verantwortung, – etwas Drohendes, das er abwehren wollte, das er aber nicht von sich abwälzen konnte, wie gern er es auch wollte.

Er setzte sich auf einen Stein am Wegsaum, und während er zu dem gewaltigen Felswall hinüberblickte, der den Himmel versperrte, brachen die Gedanken der letzten Tage in Kalkutta von neuem durch sein Gemüt.

»Was kann man tun?« seufzte er, »wo soll ich angreifen?«

Hätte er nur Helen zur Seite gehabt, sie würde es ihm sagen können. Sie hat den sicheren Instinkt für das, was das Leben fordert, dachte er, ich als Mann kann nur ins Werk setzen oder Widerstand überwinden, dort, wo das Leben oder das Schicksal mir einen Platz anweist!

Noch eine Weile blieb er in tiefen Gedanken versunken sitzen, dann erhob er sich und schritt heimwärts.

Als er so nah bei der Eichenhütte war, daß er die Sonne in dem Messingring der Sonnenuhr blitzen sehen konnte, fiel sein Auge auf einen jungen Mann, der auf das Haus zukam.

Will er mich aufsuchen, dachte Ralph, oder ist es ein Morgenspaziergänger wie ich? – Er konnte sehen, daß es ein Engländer, ein junger Geschäftsmann oder dergleichen war. Jetzt erreichte er das Haus, ging aber nicht vorbei, sondern machte Miene, durch die Gartenpforte zu gehen.

»Hallo!« rief Ralph.

Der junge Mann blickte auf, Ralph winkte, und er kam auf ihn zu.

Als er nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, nahm er einen großen gelben Brief aus seiner Brusttasche.

»Was kann das sein,« dachte Ralph und beschleunigte seine Schritte.

»Sie sind Herr Ralph Cunning?« fragte der Fremde und grüßte ehrerbietig.

»Ja.«

»Ich bin bei Cook angestellt und sollte Ihnen einen Brief übergeben, den wir heute morgen von unserem Kontor in Kalkutta empfangen haben.«

»Danke.«

Ralph streckte die Hand aus –

»Ich bin beauftragt, Sie um einen Ausweis und eine Quittung zu bitten. Es ist ein Wertbrief.«

Ralph ging voran aufs Haus zu.

»Woher ist der Brief?« fragte er.

»Ich kann es Ihnen nicht sagen, denn wir haben ihn in einem geschlossenen Kuvert bekommen, mit einem Begleitschreiben, worin das Kontor in Kalkutta uns bittet, den Brief sofort persönlich an den Adressaten zu besorgen.«

Der junge Mann hielt inne, und Ralph konnte ihm anmerken, daß er noch mehr auf dem Herzen hatte. Er erwartete augenscheinlich, daß man ihn ausfragen würde.

»Und warum sendet man einen der Herrn aus dem Kontor, statt eines Boten,« sagte Ralph und blickte ihn lächelnd an.

»Wir meinten, daß es ein sehr wichtiges Schreiben sei.« – Der junge Mann versuchte vergeblich, sein Interesse zu verbergen. – »Wir haben es nämlich auf privatem Wege bekommen – durch eine Krankenpflegerin vom Edenhospital, eine persönliche Bekannte des Chefs in Kalkutta. Sie war gerade im Begriff zum Sanatorium hinaufzufahren und versprach, den Brief mitzunehmen.«

»Das ist seltsam!« sagte Ralph und sah ihn erstaunt an.

»Jedenfalls ist es ungewöhnlich. Als das Fräulein uns den Brief heute morgen brachte, erklärte sie, der Chef habe sie gebeten, ihn mitzunehmen, weil während der letzten Tage Stockungen in der Postbesorgung vorgekommen seien, und da der Brief eilte und Cook die Verantwortung für seine Ablieferung trug, so –«

»Stockungen in der Postbesorgung?«

Ralph sah ihn scharf an.

»Ja, hier oben haben wir noch nichts davon gehört« – der junge Mann erwiderte Ralphs Blick – »aber unten weiß man ja besser Bescheid. Vielleicht hat die Regierung eine heimliche Zensur verordnet wegen der Unruhen in Tibet, und dadurch wird das Austragen der Post natürlich verspätet.«

Als Ralph sich legitimiert und quittiert hatte, nahm er den Brief in Empfang. Er dankte dem jungen Mann für seine Mühe, bot ihm eine Zigarre an, die er höflich ablehnte, und begleitete ihn zur Tür.

In dem großen gelben Kuvert, das Cooks Stempel trug, lag ein kleinerer versiegelter Brief. Er trug Ralphs Namen und Cooks Adresse. Außerdem stand darauf »Eilt«, »Nachsenden« und »Darf nur gegen persönliche Quittung ausgehändigt werden«. Das Merkwürdigste aber war, daß sich weder Freimarken, Poststempel noch sonst ein Postzeichen auf dem Brief befand. Er schien Cook mit einem privaten Boten erreicht zu haben, ebenso wie Cook ihn jetzt weiter expediert hatte.

Der Brief enthielt vier dichtbeschriebene Bögen, und die Handschrift war Davis'.

 

Lieber Cunning!

Ich versprach Ihnen eine Erklärung. Hier ist sie.

Ich gehe chronologisch zu Werke, das ist das Kürzeste.

Also:

Unsere zufällige Begegnung in Colombo war eine Chance, die ich ausnutzte. Ich forderte Sie auf, mein Reisegefährte zu sein, weil ich einsah, daß ich in der Gesellschaft eines Globetrotters besser gedeckt sein würde, als wenn ich allein reiste. Für eine falsche Flagge hatte ich gute Verwendung. Entschuldigen Sie meine Offenheit, zu Umschweifen ist keine Zeit.

Meine erste Station war Madura, weil es ein Hauptherd ist. Kantra war eine günstige Gelegenheit, die ich ergriff, nicht aus Lust an erotischen Erlebnissen, sondern um die Brahmanen auszuspionieren. Von ihr erhielt ich die wertvolle Auskunft, daß Ramalingam in intimer Verbindung mit dem Oberbrahmanen des Tempelrates in Tangore (Kodi Maram) stehe, der mir als einer der Rädelsführer der Khofti, »der Orden der verborgenen Bande« genannt worden war, dessen höchster Rat die heimliche Brahmanenpolitik in ganz Indien leitet.

Der Diebstahl, der an Ihren Papieren begangen wurde, war von größtem Interesse für mich, weil er bewies, daß man, trotz aller Vorsicht, Fährte von einer amerikanischen Gefahr bekommen hatte; man wußte nur nicht, wer der Betreffende sei, Sie ober ich.

Gamâls Name war mir schon im voraus bekannt, er ist einer der Führer von Islams heimlicher Politik. Er wirkt unter einer vortrefflichen Maske, indem er vorgibt, zum Christentum übergetreten zu sein, und deshalb von seinen ehemaligen Glaubensgenossen verfolgt zu werden. Die zufälligen Begegnungen in Bombay und Ihre Bekanntschaft mit ihm kamen mir sehr gelegen; daß er Sie von Konstantinopel durch Syrien bis Kairo verfolgt hatte, legte Zeugnis davon ab, daß auch die Mohammedaner ihre Fühlhörner in Amerika haben. Er hatte eine Spur gefunden, und folgte ihr. Nur wunderte es mich, daß die Spur auf Sie deutete. Erst lange nachher, als ich zufällig erfuhr, daß Sie Mitglied des Klubs der »Verantwortungslosen« seien, verstand ich es.

Ich beschloß, den Verdacht gegen Sie zugunsten meiner Aufgabe zu benutzen. Während ich Gamâl ausspionierte (Cook versieht mich überall mit Detektiven, seine ganzen unschätzbaren Kenntnisse stehen zu meiner Verfügung, ich kann unbeschränkte Geldmittel von ihm erhalten – alles – kraft einer Generalorder von einer Macht in Amerika, die sein Geschäft in der Hand hat; das werden Sie später noch verstehen), bestärkte ich ihn in seinem Verdacht gegen Sie, damit er auf der falschen Spur bleiben sollte. Ich konstatierte, wie Sie sich vielleicht erinnern werden, seinen Besuch in dem chinesischen Tempel und im Klub der Japaner.

Dann war da der Sannyasi. Sie trafen ihn in Kotagiri, wo Ihre Tasche gestohlen wurde. Später sahen wir ihn in Benares, wo er nachts unseren Spuren folgte, – das alles deutete darauf, daß er eines von den beweglichen Organen der Brahmanen war, ein heiliger Wanderer ist eine sehr brauchbare Person. Sein Besuch im Hotel, den Gamâl leugnete, war von allergrößter Bedeutung, denn er bewies mir, daß die heimlichen Leiter der Mohammedaner mit den Brahmanen in Verbindung stehen.

Danach galt es, so schnell wie möglich nach Kalkutta zu kommen, wo alle Fäden zusammentreffen. Das negative Resultat Ihres Suchens nach einer mir unbekannten Dame kam mir sehr zustatten. Sie wurden reisemüde und wollten so schnell wie möglich vorwärts.

Rao hatte ich als Ausgangspunkt gewählt. Von meinem Schüler Sri Rama, dessen Vertrauen ich gewonnen hatte, wußte ich, daß Rao einer der Führer des »jungen Indiens« sei. Es galt festzustellen, ob das »junge Indien« allein stand, oder unter der Hand mit anderen heimlichen Kräften zusammen wirkte. Ich beschloß einerseits in Raos Argwohn, andererseits in seinem Vertrauen zu spekulieren. Erst aber mußte ich Sie davon überzeugen, daß Sie es Ihrem Reisegefährten schuldig waren, ihn nicht durch die Gemeinschaft mit einer verdächtigen Person, wie Sie es waren, zu kompromittieren. Sie neckten mich, taten aber, was Sie sollten, indem Sie darauf eingingen, inkognito zu reisen. Damit wollte ich zweierlei erreichen: erstens wollte ich Rao in Sicherheit wiegen. Wenn wir wirklich die Regierung so sehr fürchteten, daß wir nicht die Unbequemlichkeit scheuten, in einem schlechten, entlegenen Hotel zu wohnen, schienen wir wirklich Anhänger des »jungen Indiens« zu sein – damit gewann ich sein Vertrauen. Da ich inkognito reiste und darum keine gelehrten Verbindungen an der Universität oder im Klub aufsuchen konnte, mußte es Rao wie ein natürlicher Ausweg erscheinen, daß ich ihn bat, mir sowohl Verbindungen wie ein Hotel anzuweisen – dadurch spekulierte ich in seinem Argwohn. Rao wird, dachte ich, trotz allen Zutrauens nicht versäumen, eine so ausgezeichnete Gelegenheit, im eigenen und im Interesse der Sache, auszunutzen, und uns unter Aufsicht stellen. Er wird uns ein Hotel und Verbindungen anweisen, die willig sind, ihn mit Auskunft über uns zu versehen, wenn er dafür Gebrauch hat, – das heißt: er wird uns Leuten anvertrauen, die in seinen Diensten stehen, falls er über solche verfügt. Wie entscheidend es war, Klarheit über Raos Verbindungen zu bekommen, werden Sie später verstehen. Hauptsächlich zwei Dinge mußte ich wissen: Ob Rao mit dem Khofti der Brahmanen Fühlung hatte, trotz des offiziellen Gegensatzverhältnisses zwischen dem jungen und dem alten Indien, – vor allen Dingen aber, ob sein Kreis mit Japanern in Verbindung stände. Nebenbei wollte ich auch noch erfahren, ob er Fühler nach Birma und Siam ausgestreckt habe. Falls nämlich Japan seine Finger bei dem unterirdischen Indien mit im Spiel hatte, war kein Zweifel, daß Rao mit ihm in Verbindung stand. Auf Grund seines langen Aufenthaltes in Europa und in den Staaten hat man ein wachsames Auge auf ihn – er war mir schon von vornherein bezeichnet. Unmittelbar vor meiner Abreise forschte ich Sri Rama aus, und unter dem Vorwand, daß das Ziel meiner Reise diesmal nicht nur der Wissenschaft galt, sondern daß ich gleichzeitig für das »junge Indien« wirken wollte, gewann ich ihn dafür, mir eine sehr warme Empfehlung zu geben. Durch Raos Hände mußten die meisten Fäden laufen, wenn – welche da waren. Auf Grund seiner europäischen Lebensweise war er einer heimlichen Nachforschung leichter zugänglich als andere Eingeborene. Unter seiner »weißen« Maske hat er große Arbeit geleistet, die Maske aber ist zugleich eine Gefahr für ihn selbst, denn sie macht eine Berührung möglich. Es war nun meine Aufgabe, diesen schwachen Punkt auszunutzen, – sozusagen Nemesis zu sein. Sie erinnern sich, daß ich ihn mit einem Trumpf überrumpelte: »Lieber Herr Rao, ich wußte von Ihrem Freund und Genossen in den Vereinigten Staaten, wer Sie sind.« – Diese Einführung sagte für mich als Gesinnungsgenossen und Freund gut. Ich bat ihn, unter dem Vorwand, daß ich die Sprache studieren wollte, mir ein Hotel mit einem japanischen Leiter zu empfehlen, weil ich wußte, daß die Japaner vom Nachrichtendienst im Osten sich meistens mit solchen Stellungen decken. Wie gesagt: Ich rechnete damit, daß Rao, wenn er konnte, uns bei jemandem unterbringen würde, der unter seinem Einfluß stand. Denjenigen aber, dem er uns auslieferte, lieferte er gleichzeitig mir aus. Das war ein Anhalts- und ein Anknüpfungspunkt.

Es zeigte sich, daß meine Berechnungen über Erwarten stimmten. Ich ließ meine Spürhunde seinen Spuren folgen, und fing, wie Sie selbst gesehen haben, sowohl Japaner wie Chinesen, Brahmanen und Birmesen – das ganze Koppel.

Danjuro machte ich zu meinem Vertrauten, um seine Aufmerksamkeit auf Sie abzuladen. Sie waren ein höchst verdächtiger Teehändler, und ich ein verwegener Sekretär. Ich veranlaßte Sie, zu kontrollieren, ob Ihr Koffer untersucht würde; ich war es, der Ihre Papiere eines Tages berührte, als Sie aus waren. Ich tat es, um Sie in der Rolle zu bestärken. Das Spiel wirkte nach Wunsch. Der Chinese wurde auf Sie gehetzt, das war wahrscheinlich Danjuros Werk. Das alles war gut und schön, nur hatte ich nicht damit gerechnet, daß es Ihnen Spaß machen würde, eine verdächtige Person zu sein. Fast hätten Sie das ganze Spiel für mich verdorben, als Sie mit dem Chinesen wegen Tee verhandelten. Die Komödie war zu plump. Damit stellten Sie meinen guten Glauben in Frage. Glücklicherweise kam der Abschluß, bevor Sie noch weiteren Schaden anrichten konnten.

In jener Nacht vor der Opiumkneipe hatte ich alle Karten in der Hand. Ich wußte von Forbe und seinen Leuten, wer in jener Straße verkehrte, außer Ramalingam und Gamâl, diese beiden waren die große und entscheidende Ueberraschung. Das Nest hatte ich gefunden, jetzt galt es, sie herauszulocken und zu identifizieren – auf die Platte zu bekommen. Der Kniff mit der Feuersbrunst war Forbes Idee. Der kleine untersetzte Mann mit dem gestutzten Schnurrbart, der in der Tür stand und »Feuer« rief, als die Ratten schließlich aus ihrem Loch kamen, hat Forbe alle Ehre gemacht – er war der Brandstifter.

In dem Augenblick, als ich das ganze Koppel in meiner Kamera hatte, war das Spiel gewonnen. Die Verbindung war festgestellt, das Ziel meiner Reise erreicht.

Welches Ziel?

Hier ist es.

In den Vereinigten Staaten hat der Konflikt mit Japan seinen kritischen Punkt erreicht. Sie erinnern sich wohl noch, daß, als zum erstenmal in Kalifornien davon die Rede war, die Einwanderung der Japaner nach dem Westen zu verbieten, Japan sich in Washington beklagte, und die Antwort bekam, daß Kalifornien als Einzelstaat selbstbestimmend sei. Unmittelbar vor Ihrer Abreise, als die Frage von neuem aktuell wurde, wandte Japan sich an die Bundesregierung und verlangte, daß sie eine Aenderung in den Bundesgesetzen veranlassen sollte, die darauf ausging, daß kein Einzelstaat sich Japan verschließen dürfte. Die kleinen Gelben verlangen für sich dasselbe Recht mit Bezug auf Einwanderung, Kapitalanlegung und Besitz von Grundeigentum, wie alle anderen Nationen. Sie machen unumwunden geltend, daß ihr Volk auf einer höheren Kulturstufe steht, als die Amerikaner, da sie eine reine Rasse, ein gesammeltes Volk, eine Nation sind, die Amerikaner dagegen eine Mischung von allen möglichen zusammengelaufenen Nationen, daß ferner Japan friedlich zu der Welt der christlichen Kultur kommt und ihnen Arbeit und Kapital anbietet, während die Rasse, zu der die Amerikaner gehören, mit Gewalt und Brand zu den anderen Rassen gekommen ist und sich die Völker und das Land ihrer Väter unter dem Vorwand untertan gemacht hat, ihnen die Güter der christlichen Zivilisation zu bringen. Auch die Herrschaft der Vereinigten Staaten sei auf solche gewalttätige Unterdrückung, solchen Raub aufgebaut. Wenn man unter dem Feldruf »die gelbe Gefahr« das Verlangen der großen mongolischen Rasse, auf friedlichem Wege vorwärtszukommen, verdächtige, dann könne man das Vordringen der europäisch-amerikanischen Kultur mit größerem Recht »die weiße Gefahr« nennen, oder richtiger »die weiße Gewalttat« – denn dieser Ausdruck entspräche der Wirklichkeit noch weit mehr.

Sie sehen, daß die Sache eine sehr ernste Wendung genommen hat. Die Sprache der Japaner ist derart herausfordernd, daß man dahinter den Beschluß ahnt, es zum Aeußersten kommen zu lassen. Die Regierung verhandelte mit dem Klub der Milliardäre und es wurde beschlossen, die Sache hinzuziehen, bis man untersucht hatte, welche Machtmittel dahinter stünden. Da es klar war, daß Japans Flotte allein nicht zu einer so kühnen Sprache berechtigte – die kleinen Gelben pflegen den Mund nicht so voll zu nehmen – bekam man im Klub der »Verantwortungslosen« den Verdacht, daß Japans Einfluß in Asien sich weiter erstreckte als bis nach China. Sollte Japan es verstanden haben, mit seinem mustergültigen System von heimlichen Agenten eine unterirdische Verbindung zwischen allen Ländern Asiens herzustellen? – Sollte es imstande sein, gegebenenfalls Indien gegen England aufzuhetzen? Tonkin gegen Frankreich, Java gegen Holland, Islam in Aegypten gegen die Engländer, in Syrien, Kleinasien und Persien gegen Rußland, die Philippinen gegen die Vereinigten Staaten, sollte es die Macht haben, Australien loszureißen, die Südsee-Inseln mit Beschlag zu belegen? – Das war die Frage, die man sich stellte. Man wurde sich einig, daß man einen Mann hinüberschicken wollte, der mit den Verhältnissen und den Sprachen vertraut war – unter einer glaubwürdigen Maske, mit unbegrenzten Geldmitteln, der die Aufgabe durch eine Untersuchung an Ort und Stelle praktisch zu lösen versuchen sollte. Cook, der die Millionärkunden aus den Vereinigten Staaten nicht entbehren kann, bekam den Auftrag, ohne den Zweck näher zu kennen, seine ganzen Lokalkenntnisse zur Verfügung zu stellen und im übrigen auf jede Weise behilflich zu sein. Der Ausgesandte mußte unbegrenzte Vollmacht und vollständig freie Hand haben. Denn ein Brief- oder Depeschenwechsel war in einem Lande, wo jeder als Spion käuflich ist, viel zu gewagt.

Ich hatte alle praktischen und wissenschaftlichen Voraussetzungen, war schon einmal im Osten gewesen, kannte die Sprachen, hatte Rassen studiert – und besaß die Maske: meinen wissenschaftlichen Namen. Darum wurde ich der Mann. Man weihte mich in die Sache ein, legitimierte mich bei Cook als die wissenschaftliche Kapazität, dem er jede Stütze zukommen lassen sollte, und teilte mir alles mit, was man in der Eile durch die Konsulate und auf anderen Wegen über die lokalen Unruhezentren in Indien erfahren konnte. Denn darüber war man sich klar, daß in Indien alle Fäden zusammenliefen.

Wären Sie nicht zufällig vorher abgereist, würden Sie als Mitglied der »Verantwortungslosen« von der Sache Bescheid gewußt haben, bevor Sie mich trafen.

Also: existiert eine heimliche Verbindung zwischen den Rassen unter japanischer Herrschaft?

Wenn eine Verbindung besteht, kann man als sicher annehmen, daß die Gefahr überhängend und die Frage der Einwanderung in Kalifornien nur ein Vorwand war, und daß Japan die Absicht hat, sobald der Augenblick günstig ist, zum Beispiel während eines europäischen Krieges, durch geschlossenes Vorgehen der gelben Rassen, die Weißen aus Asien zu verdrängen, um selbst den Platz als Vormund einzunehmen – wodurch es der Weltherrschaft ein großes Stück näher gerückt wäre.

Wenn das der Fall ist, gibt es keine Wahl, ist keine Zeit zu verlieren. Während man die Großmächte von der Gefahr unterrichtet, muß man zugleich durch einen abschlägigen Bescheid in kränkender Form, Japan dazu zwingen, entweder Farbe zu bekennen, oder demütig Abbitte zu leisten. Falls Japan nicht unverzüglich letzteres wählt, will man zuschlagen, bevor die Situation für die Japaner noch günstiger wird, bevor die Organisation Zeit bekommt, zu voller Entwicklung zu gelangen. Man will die gelbe und andere farbige Gefahren ein für allemal aus der Geschichte tilgen, und vorbeugen, daß unsere erhabene, weiße Kultur jemals farbiger Besudelung preisgegeben wird. Man will zuschlagen, und der Klub der Milliardäre ist sich darin einig, daß er nicht nur den Staaten, sondern auch den europäischen Mächten weitgehendste Unterstützung zukommen lassen will. Durch diese Zusage hofft man eventuelles Zögern kurzsichtiger europäischer Mächte zu überwinden. Mit anderen Worten: man will den Rassenkrieg, der notwendig geworden ist, vom Zaun brechen.

Als ich am Morgen nach unserem nächtlichen Abenteuer das Hotel verließ, sorgte ich dafür, daß die anderen und auch Sie erfuhren, daß ich zu der Sitzung der Paligesellschaft fuhr. Man hatte mich bei der Feuersbrunst gesehen und erkannt, Ramalingam konnte bezeugen, daß ich der verdächtige Mann sei und nicht Sie, ich mußte fort, bevor man mich zurückhalten konnte.

Mein Plan war der: Wenn Danjuro im Hotel erfährt, daß ich zur Palisitzung gehe, kann Maung Po bestätigen, daß es richtig ist. Es gab keine günstigere Gelegenheit mich festzunehmen, als in der von der Welt abgeschlossenen Pagode, wo die Sitzung abgehalten wird. Denn es wäre immerhin gefährlich, mich auf offener Straße zu verhaften.

Ich ließ das Auto vor einem Zigarrenladen halten, ging hinein, um zu kaufen, kam ärgerlich zurück und fragte den Chauffeur, von dem ich annahm, daß er mit im Spiel sei, ob er mir einen Hundert-Rupien-Schein wechseln könnte. Das konnte er nicht und darum ließ ich ihn zu Cook fahren, um wechseln zu lassen. Es war nur ein Vorwand. Ich wollte ein Telegramm abschicken, in dem ich meine Heimreise ankündigte, durch eine Hintertür hinausschlüpfen und den ersten besten Dampfer zum nächsten Hafen nehmen, um mich von dort nach Amerika einzuschiffen.

Bei Cook aber fand ich ein Telegramm vor von der Druckerei in Neuyork: »Wann können wir das Manuskript über das Alter der Palischrift erwarten?« – Das war die verabredete Form für eine Anfrage. An demselben Tage aber, als ich Ihnen mitteilte, daß ich im Begriff stände, meine Studien abzuschließen, – ich hatte damals gerade die entscheidenden Auskünfte von Forbe bekommen – telegraphierte ich an die Druckerei: »Das Manuskript über das Alter der Palischrift seinem Abschluß nahe.« Dies Telegramm war also nicht abgeschickt worden, obgleich ich es persönlich eingeliefert hatte. Die Regierung konnte es nicht aufgehalten haben, – welches Motiv hätte sie haben sollen? – So weit also reichen bereits die heimlichen Fäden.

Es war ein Glück für mich, daß ich es in jenem Augenblick erfuhr. Ein Telegramm über meine plötzliche Heimreise würde schicksalsschwanger gewesen sein, der Versuch, mich fortzuschleichen, hätte mir das Leben kosten können. Ich wagte nicht zu telegraphieren, nicht zum Hafen hinunterzugehen, weil sicher alle Dampfer unter Bewachung standen. Es war keine Zeit zu verlieren. Cook ließ mich durch eine Hintertür entkommen, und als der Chauffeur schließlich unruhig wurde und sich meldete, bekam er sein Geld und meine Visitenkarte, die Zeilen, die ich Ihnen sandte und die Ihnen offen übergeben wurden, damit alle sie lesen konnten.

Cook hat mir bis auf weiteres ein Versteck verschafft. Wo, wage ich Ihnen nicht zu sagen, jede Nachforschung, Bote oder Brief könnten zu einer Spur führen. Auch dieser Brief kann verloren gehen, oder in unrechte Hände gelangen. Ich warte auf eine Gelegenheit, um ungesehen aus dem Lande zu entkommen. Wie ich es mir denke, wage ich nicht zu verraten. Nur soviel: Ich habe Grund zu der Vermutung, daß man unter dem Vorwand einer Verschwörung, auch die Regierung auf mich gehetzt hat. Ich glaube, Rao hat sich dazu mißbrauchen lassen, mich zu verdächtigen. Warum ich das glaube, wage ich Ihnen nicht zu sagen, aber suchen Sie ihn jedenfalls nicht auf! – Währenddessen aber vergeht die Zeit und die Druckerei wartet auf das Manuskript.

Welche Bedeutung hat dieses »Manuskript«, das Material, das ich gesammelt habe, das Koppel in meinem Kodak? – Wird es ausreichend sein? – Ich meine ja! Es ist Beweis genug dafür, daß die Fäden geknüpft sind – wie weit sie bereits reichen, zeigt die Affäre mit dem Telegramm, – der Plan ist gelegt, die Organisation kann wirken. Wenn das aber der Fall ist, dann bedeutet jede Stunde Aufschub eine Vergrößerung der Gefahr, während man sie durch sofortiges Handeln in der Geburt erstickt. Darum meine ich, daß mein Material zum Krieg führen wird – Rassenkrieg.

Wie aber mein Wissen den Vereinigten Staaten vorlegen, wenn ich hier festsitze? Wer soll es in die richtigen Hände bringen?

Das sollen Sie. Auf Ihnen allein ruht jetzt die Verantwortung für das, was geschehen wird.

Ich habe die Wette gewonnen. Jetzt stelle ich meine Forderung. Ich verlange von Ihnen den Dienst, den Sie mir schulden.

Sie sollen persönlich die Nachricht den »Verantwortungslosen« überbringen. Am Fünften dieses Monats geht ein Dampfer von Kalkutta. Wenn Sie keinen anderen Bescheid von mir oder in meinem Namen bekommen (seien Sie sehr vorsichtig!), dann nehmen Sie den Dampfer und begeben sich sofort nach Ihrer Rückkehr zu dem Vorsitzenden in der Wallstreet. Zeigen Sie ihm diesen Brief, er kennt meine Schrift, erzählen Sie ihm alles, was Sie in meiner Gesellschaft gesehen und gehört haben, sowohl in der Brandnacht als auch vorher und bekräftigen Sie es durch Ihren Eid.

Es ist mir geglückt, diesen Brief zu expedieren, ohne daß der Bote, ein ehrlicher Golla, weiß, wer ich bin und wo ich bin, – ich wage nicht Ihnen zu schreiben, wie es mir gelungen ist, um keine Spur zu verraten, wenn der Brief in falsche Hände fallen sollte. Wenn er aber Cook erreicht, wird er auch Sie erreichen, davon bin ich überzeugt. Geben Sie dem Boten eine Quittung, dann werde ich Gelegenheit finden, mich bei Cook zu überzeugen, ob Sie ihn empfangen haben. Aber kein Brief, das ist gefährlich, nur eine Quittung.

Seien Sie vorsichtig bei Ihrer Abreise, es ist nicht ausgeschlossen, daß man diesen Brief geöffnet, gelesen und weitergesandt hat, um Sie in eine Falle zu locken.

Und nun zum Schluß: Vergessen Sie nicht, daß auf Ihnen allein die Verantwortung ruht für die Vereinigten Staaten und die ganze zivilisierte Welt.

Ihr ergebener

Davis.

 

Während der langen Tage, als Helen im Krankenhaus mit Umschlägen auf den Augen lag, hatte sie gelernt, im Dunkeln zu leben. Jetzt, wo die Sonne ganz verlöscht war, brannte das Licht in ihrem Innern mit immer hellerer Flamme. Wie sie in einer Vorahnung Schwester Mary gesagt hatte, so war es wirklich geworden: Das Leben und die Menschen kamen ihrem Herzen näher, weil ihr Augenlicht versagte. Die schöne, bunte Erde, die sie kennen lernen wollte, hatte ihren Sinn unbeständig und bunt gemacht, wie sie selbst es war. In der Welt aber, die sich jetzt in dem Licht ihres Inneren entfaltete, schienen die Wurzeln bloßgelegt zu sein, sie konnte sehen, wie das Zufällige und Unbeständige aus dem Bleibenden hervorblühte, wie das Buntscheinende und mannigfach Getrennte sich nur in der Linie des Auges brach. Was so spielend leicht, so verlockend in der schönen Welt erschien und was das Auge nicht in sich aufnehmen konnte, ohne das Gemüt irrezuführen, das war jetzt wie eine helle Kräuselung auf dem ewig wogenden Strom, der durch alle Lebenspulse floß. Helen fragte sich selbst, ob das Auge, das auf Gesichtspunkte und Entfernungen eingestellt ist, die nichts mit dem Herzschlag des Lebens zu tun haben, den Menschen nicht irreleitet, anstatt ihn auf den richtigen Weg zu führen. Für den Blinden, dachte sie, gibt es kein Blendwerk, er sieht nur das Wesentliche, das, was ist. Sie erinnerte sich des seltsam fernen, entrückten Ausdrucks in Schehannas Augen, wenn sie in ihren Gedanken vertieft war und im Licht aus ihrem Inneren sah, was sich im Verborgenen vorbereitete. Sie sieht aus wie eine Blinde, hatte Helen häufig bei sich gedacht, und auch Ralph hatte etwas Aehnliches geäußert.

Je mehr Helen sich in ihre neue Welt hineinlebte, desto besser verstand sie Schehanna. Worte, die sie gesagt, ja, selbst ihr Lächeln, das so häufig mit der Wirklichkeit in keinem Zusammenhang gestanden hatte, tauchten in ihrer Erinnerung auf und wurden ihr plötzlich klar. Sie ertappte sich darauf, daß sie mit Schehannas Gedanken dachte, ja, es war, als ob Schehanna die alte Helen ganz aus ihrem Herzen verdrängt hätte. –

Sie rief sich ihr Aeußeres in die Erinnerung zurück, – sah ihre Augen, ihre Stirn, ihre Hände, alles das, was die Schale um ihr Ich gewesen war, als es sichtbar auf Erden wandelte; und sie grübelte darüber, wie wohl die Seele den Körper sich zum Bilde formt, bis sie eine Erklärung fand:

Ein Gedanke beginnt wie ein Keim im Dunkel, von der Hand eines unbekannten Säemanns gesät, oder aus einer Welt, wo unsichtbare Saatkörner millionenweise wirbeln, dorthin verweht. Er schlägt Wurzel im Gemüt, wächst und breitet sich, bis Worte und Wünsche wie Blüten und Blätter aus einem Stengel hervorschießen. Richtung und Geschwindigkeit des Gemütes werden bestimmt, Nervenfäden werden von Befehlen geprägt, die sie oft ausgeführt, von Taten, die sie lange geübt haben. Dieses Gepräge wiederum teilt sich dem Muskelspiel mit und sieh, eines schönen Tages steht das alles sichtbar vor der Welt, wie dieses Gesicht, dieses Lächeln, diese Haltung, dieser Gang, dieses Weinen und dieses Lachen. Alles aber sind nur äußere Triebe der Gedanken und Gefühle eines innerlich bewegten Gemüts.

So ist es auch mir ergangen, dachte sie. Ich reiste fort und mein Sinn war allen Eindrücken geöffnet, aber noch ungeformt, mit unbestimmten, suchenden Wünschen und Hoffnungen. Ralph und Schehanna kreuzten meinen Weg, ob sie nun ausgesandt waren mich zu treffen, oder ich sie. Sein Anblick weckte Liebe, die von Dasein zu Dasein in mir geschlummert hatte, und aus ihren Augen fiel ein Schein in mein Gemüt, das dafür bereit war. Das Wachstum der Liebe in mir und das Licht aus Schehannas Seele hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin, hat mich umgeformt, so daß ich mich besinnen muß, um die alte Helen wiederzuerkennen.

Die Helen, die nicht sehen konnte, tastete sich durch die Welt um sie herum; sie richtete ihre großen, blindstrahlenden Augen auf den Horizont, wo, wie sie wußte, die Berge waren – in ihrer Welt lagen sie beständig mit jungfräulicher Röte auf dem Gipfel da, während ihr Fuß sich an die Dunkelheit klammerte, wie sie es zum letztenmal in jener Sonnenuntergangsstunde gesehen hatte. Sie richtete ihre blinden Augen auf die Gärten und Häuser in der freundlich lächelnden Stadt über dem Tal und den Wolken, – und fragte sich selbst, ob all dieses Aeußere, ob all dieses Sichtbare vielleicht auf dieselbe Weise zur Wirklichkeit geworden sei, wie das Lächeln in ihrem, in jedes Menschen Gesicht und Muskelspiel: durch das äußere Wachstum von Gedanken und Gefühlen in dem einzig göttlichen Selbst, in dem alles lebt und sich regt? – Wenn es so ist, dachte sie, dann sind wir alle Kinder dieses göttlichen Selbst, das sein Leben und seine Erinnerungen in uns hat. Wir können es nicht entbehren, aber dieses göttliche Selbst kann auch uns nicht entbehren, die wir seine Lebensäußerungen sind. Was wir tun, tun wir in ihm. Blühen wir, blühen wir in ihm. Setzen wir Frucht, ist es Frucht von ihm und führen wir Krieg, ist es Krieg in seinem Inneren, als ob Gedanken in ein und demselben Gemüt um die Oberherrschaft kämpfen.

War sie mit Schehanna, nachdem sie die Sehkraft verloren hatte, ganz verbunden, so war ihr Verhältnis zu Ralph ein anderes geworden. Es war, als ob der Verlust der bunten Welt um sie her, die Entfernung zwischen ihnen vergrößert hätte, als ob seine Seele in dem wurzelte, was ihr jetzt nicht mehr erreichbar war. Sie dachte beständig an ihn, er war beständig um sie, aber in einer Entfernung, die sie nicht überschreiten konnte. Sie fühlte, daß er ihr notwendiger war als je, sie empfand es wie ein Unrecht – gegen ihn, gegen sich, gegen die Welt? – daß er nicht auch in ihr lebte wie Schehanna. Etwas Unerklärliches war in ihr, was nur durch ihn zur Vollkommenheit gebracht werden konnte, – es war, als ob sie nur durch ihn zu einem Ganzen, zu einer Wirklichkeit erlöst werden könnte, die mehr als ein Gedankenbild war.

Dahin war das ruhige Glück, das sie sonst gefühlt hatte, wenn sie an ihn dachte. Ihr Herz krampfte sich in namenloser Sehnsucht zusammen. Sie erwachte des Morgens mit einem Seufzer, als ob er ihr Kind sei, das man von ihrer Seite gerissen hätte. Während sie durch die Dunkelheit tastete, empfand sie es als das Ziel ihres Lebens, ihn mit ihrer Seele in Einklang zu bringen. Er wurde gleichbedeutend für sie mit allem Widerstand des Lebens; die unsichtbare Welt um sie herum, alles, was außerhalb ihres Ichs war, sammelte sich in ihm, er wurde die einzige Wirklichkeit des Lebens außerhalb ihres Selbst. Sie wußte, an dem Tage, wo er in ihr leben würde, wie Schehanna, würde der Zwiespalt in ihrem Gemüt für alle Zeiten gelöst sein. Dann war das Wunder geschehen, das ihr Ich und die Welt in ihrem Innern vereinigte, dann würde sie vollkommen glücklich werden. Dann mußte sie sterben und es würde die größte Seligkeit sein.

Wenn sie aber darüber nachdachte, wie sie dieses Ziel erreichen sollte, kam Verzweiflung über sie, – dann empfand sie die Dunkelheit, in der sie wanderte, wie eine Hand, die sie zu Boden drückte, wann immer sie sich zu erheben strebte. Sie warf sich aufs Bett und weinte, Auge in Auge mit dem Gott, der sie geblendet hatte, als sie ihn um Klarheit bat. Sie wagte ihn nicht mehr zu bitten.

Wie sie dort lag, mit ihrem Schicksal allein, hoffnungslos in der Dunkelheit, sogar das Licht in ihrem Inneren verleugnend, da traten ihr, wie in einer plötzlichen Eingebung, die Worte ins Gedächtnis, die Dasturan Dastur ihr beim Abschied gesagt hatte:

»Ich komme, wenn du recht von Herzen rufst.«

Sie warf sich auf die Knie, die Hände vor ihren nassen, blinden Augen, und bat den Priester aller Priester, daß er ihr in ihrer Not zu Hilfe kommen möge. Sie bat aus vollem, brennendem Herzen, und Schehanna bat mit ihr.

 

Das Recht ist auf Seite der anderen – das war Ralphs erster Eindruck von Davis' Brief – und obgleich ich es einsehe, soll ich die Vollbringung von jahrhundertalter Gewalt vermitteln? Ich kann die Verantwortung nicht von mir weisen, weil ich durch mein Wort gebunden bin.

Sein nächster Gedanke war: ich verstehe, warum die Herren sich um das Wohl der Zivilisation bemühen, ich verstehe, warum Davis zufrieden und im Gleichgewicht ist: Geschäft steht dahinter, Geldmachen.

Er sah die Börse vor sich, wie sie aussehen würde, wenn die ersten Nachrichten wie eine Bombe in der Wallstreet niederschlugen. Er sah die Wut, hörte die Schreie, wenn die ungeheuren Werte von Hand zu Hand taumelten, auf den jeweiligen Besitzer drückend, bis sie ihn gezeichnet hatten, um ihn dann wieder treulos und spöttisch zu verlassen, und wie eine Lawine vom Rollen gemästet, in die Hände zurückkehrten, die sie in Bewegung gesetzt hatten, – die Hände, die die Karten halten, die »Verantwortungslosen« – welche blutige Ironie dieser Name enthielt!

Er spie ihn mit einem Fluch aus.

Totgeborene Frucht der Zivilisation, des Männerweges, der »weißen Gewalttat«.

*

Da kam ihm ein Gedanke, der ihm fast den Atem benahm: Ist die Katastrophe unabwendbar, von oben bestimmt? – Ist der Weg der Entwicklung verscherzt? – Kann die Revolution nicht zu einer Evolution gemacht werden?

Wo habe ich diese Worte schon mal gehört, dachte er. Er wußte nicht, daß es im Traum gewesen war.

Ist es noch heute so, wie es damals in der Mythe von Sodom und Gomorrha war: gibt es nicht Gerechte genug, die die Vernichtung abwehren können? Ist dem so, dann laßt uns das Unabänderliche auf uns nehmen. Aber laßt uns den Todeskampf kurz machen, damit wir bei seinem Röcheln den Tönen eines keimenden Frühlings lauschen können.

Mag die Zeit der Wehen zu einem Geburtskampf werden, woraus das Reich der Frau emporsteigen kann, mit der Herrschaft über das Gebet, dem großen menschlichen Machtmittel, der Brücke zwischen der Welt und dem Ich.

Helen – warum bist du nicht an meiner Seite?

Warum hält die Macht, die unsere Wege zusammengeführt hat, uns jetzt getrennt, wo das Leben mich mit einer Last bedrückt, die ein Mann nur tragen kann, wenn er eine Frau zur Seite hat?

Was würde sie sagen? – Wozu würde sie raten?

Beschmutze nicht deine Hände! Verschachere nicht dein Gewissen, wenn du auch dein Wort gegeben hast! – Du sprichst vom Herzensweg, versuche ihn einzuschlagen, du sprichst vom Reich der Frau – gründe es, der du reich bist und alle Kapitalisten kennst, die in der Wallstreet darauf lauern, Gold aus Blut zu ernten!

Ja, Helen – wenn du mir helfen willst!

Ich werde mein Wort halten und die schicksalsschwangere Botschaft überbringen, wenn ich sie aber vorgelegt habe, will ich ihnen einen Weg weisen, den man noch nicht gegangen ist, und der das Ende der Zeiten zu einem Wechsel der Zeiten machen soll, ich will überreden, bitten, drohen.

Da ist Markhan, der eine kranke Frau hat, die er anbetet, – sie will ich zuerst gewinnen. Da ist James Weldon, der Gold für seine Tochter sammelt, – sie nimmt an aller Wohltätigkeit teil, sie will ich überzeugen. Da ist der alte Wyatt, an dessen Händen Blut von dem Eisenbahnstreik klebt, das ihn fromm gemacht hat, – sein Herz will ich zu gewinnen versuchen. Da ist Lawson, der für sein Leben fürchtet, und sich von Bluthunden und Detektiven umgeben läßt, – ihn will ich schrecken. Und auch Priester, die von der Religion der Liebe leben, sollten sie nicht zu gewinnen sein?

Ich will mein Vermögen einsetzen, um Frauen aus allen Ständen, in allen Staaten aufzurufen. Ich werde sie organisieren. Ich will ihnen das Reich zeigen, das ihres ist, wenn sie gutmachen wollen, was der Mann verbrochen hat, wenn sie ihr »willst du?« gegen das »du sollst«, das bisher die Welt regiert hat, einsetzen. Ich will ihnen beweisen, daß auf ihnen die Wiedergeburt der Zivilisation – das neue Reich, beruht. Wenn sie nur wollen, dann ist es noch nicht zu spät, dann kann der Weltbrand noch verhütet, das Ende der Zeiten zu einem Wechsel der Zeiten werden. –

Ja, Helen – wenn du mir helfen willst!

Er grübelte die ganze Nacht. Gedanken jagten einander, bis die Müdigkeit ihn übermannte. Plötzlich war es ihm, als ob sein Herz aus allen Fugen ginge. Lange saß er, ohne zu denken, ohne von sich selbst zu wissen, bis plötzlich aus der großen Oede eine wundersam stille Gewißheit in seinem Gemüt dämmerte. Es war wie ein Licht in seiner Seele: Alles liegt in der Hand des unbekannten Gottes.

Und Ralph betete, wie er seit seiner Kindheit nicht gebetet hatte, – betete Mächte an, die er nicht kannte, bat sie, die Welt zu schonen, die Revolution für die vielen Gerechten zu einer Evolution zu machen.

Das Gebet führte ihn in den Schlaf hinüber.

Als er erwachte, hatte sein Gemüt sich beruhigt. Nur eines lebte in ihm: er wollte Helen suchen.

Während er sich ankleidete, suchte er nach dem Datum, das Davis ihm als Abgangszeit für den Dampfer angegeben hatte. Der Fünfte stand da; heute war der Dritte, diesen Dampfer also konnte er nicht mehr erreichen, denn während er schlief, war der Entschluß in ihm gereift, daß er nicht abreisen wollte, bevor er Helen die Sache vorgelegt hatte. Seine Absicht war, gleich ein Billett nach Kalkutta zu lösen, von dort wollte er suchen und er zweifelte nicht, daß er sie finden würde.

Als er sich auf dem Weg zur Stadt befand, hörte er den Zug tief unten dahinbrausen. Er sah den weißen Rauch längs der Felswand brodeln und von den Büschen eingefangen werden; den Zug selbst konnte er nicht sehen. Es ging ihm wie ein Stich durch die Brust: wäre ich eine Stunde früher aufgestanden, hätte ich den Zug erreicht und wäre bereits unterwegs gewesen.

Als er die Stelle erreichte, wo der Pfad in den Fahrweg mündete, sah er einen Knaben mit einem Brief in der Hand daherkommen.

Eine Eingebung sagte ihm, daß es eine Botschaft für ihn sei.

Er blieb stehen. Der Junge grüßte und reichte ihm den Brief.

Es war ein Geschäftskuvert mit Cooks Stempel, die Aufschrift aber, die groß und schwerfällig und seltsam fremdartig war, rührte sicher nicht von einem Angestellten des Kontors her.

In dem Kuvert lag ein Blatt von einem Notizblock, wie sie auf Cooks Schaltertischen für Fremde bereitzustehen pflegten.

Darauf stand: »Such' in Colombo«.

Das war alles. Weder Ueberschrift noch Unterschrift.

Das Blut rann ihm zum Herzen.

»Wer hat dir diesen Brief gegeben?«

»Ein alter Mann mit einem langen, weißen Bart. Ich traf ihn auf dem Wege zum Bahnhof, er wollte mit dem Zug.«

Ralph nahm den Knaben ins Verhör. Es war kein Zweifel, es mußte Dasturan Dastur gewesen sein.

Als Ralph zu Cook kam, fragte er, ob ein alter parsischer Priester ein Billett für den Frühzug gelost habe und wohin.

Der Angestellte – derselbe, der Ralph Davis' Brief gebracht hatte – wußte gleich Bescheid.

»Es war Dasturan Dastur,« sagte er voller Respekt, »er nahm zwei Billette direkt nach Colombo.«

»Zwei Billette? War er denn nicht allein?«

»Er hat ein Herren- und ein Damenbillett gelöst.«

Ralph zögerte einen Augenblick, um Herr seiner Stimme zu werden.

»War wohl eine Tochter,« sagte er im Unterhaltungston.

»Darf ein Dastur heiraten?« Der junge Mann blickte nachdenklich vor sich hin, »ich glaube eher, daß es ein Mündel aus Kalkutta war, das er aus dem Sanatorium abholte.«

»Sie haben sie nicht gesehen?«

»Nein, er war allein. Es waren zwei Billette erster Klasse – der Angestellte schlug in seinem Buch nach – »und von Kalkutta aus einen Dienerplatz.«

Ralph zögerte wieder einen Augenblick. Dann sagte er scherzend:

»Woher wissen Sie, daß es nicht ein männlicher Begleiter war, da Sie die Dame weder gesehen, noch ihren Namen notiert haben; den Billetten kann man es doch nicht ansehen.«

»Ich weiß es daher, mein Herr,« sagte der junge Mann gekränkt, »weil für die Nachtreise ein Schlafwagenplatz im Damencoupé bestellt wurde.«

Ralph löste ein Billett, ließ sich alles Nähere über die Abgangszeiten und den Anschluß sagen, und reiste am nächsten Morgen.

* * *

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