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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Ralph fuhr zu Cook und wurde nicht weiter überrascht, als er erfuhr, daß Davis keine Adresse hinterlassen, sondern nur um Aufbewahrung seines Gepäcks gebeten hatte, bis man weiteres von ihm hören würde.

Nachdem Ralph zu Mittag gegessen hatte, dachte er über seinen Reisegefährten nach, so wie er sich im Licht der Ereignisse, die sie zusammen erlebt hatten, darstellte. Er ging ihn methodisch Stück für Stück durch, und kam zu dem Resultat, daß er ein notwendiges Produkt und eine treue Spiegelung der europäisch-amerikanischen Zivilisation sei, wie sie sich einerseits ihren Bewunderern darstellte, im Festanzug, auf den Gott des Fortschrittes gestützt, den Blick zum Licht emporgewandt, und andererseits, wie sie wirklich war – im Arbeitskostüm des grauen Werktages.

Was hatte Davis eigentlich getan: in einer Laune, ein friedliches und glückliches Dasein zerstört. Es war ihm nicht eingefallen, Kantras Menschenwert zu respektieren, obgleich er stets so eifrig dafür eintrat, daß die weiße Rasse das Recht hatte, andern die Güter der Zivilisation aufzuzwingen, weil sie die Parole: Respekt vor dem Menschenwert, auf ihrem Banner trug. Er entzog sich seinen Verpflichtungen und überließ sie ohne Gewissensbisse ihrem Schicksal.

Wenn Davis und andere das Leben und die Gewohnheiten dieser Unterdrückten studierten, benutzten sie das Wissen, das sie ernteten, um neue Waffen für die Herrschaft der Weißen über andere Völker der Erde zu schmieden.

Ihr Land ist ihnen genommen, dachte Ralph weiter, und wenn sie, um das einzige, was man ihnen gelassen hat, ihre Rassenpersönlichkeit, ihr seelisches Erbe, zu schützen, in den Schatten zurückweichen, um der Berührung mit den Weißen zu entgehen, dann treten Davis und seine Gesinnungsgenossen auf und zwingen sie im Namen der Wissenschaft ins Licht hinaus, ins Licht der weißen Zivilisation!

Ralph mußte sich offen gestehen, daß er auf seiten der anderen war; das hatte Davis ihn gelehrt – er würde es begreiflich finden, wenn sie sich einst heimlich zusammenrotteten und die Weißen vertrieben.

Plötzlich überfiel ihn eine heftige Sehnsucht nach Helens und Schehannas reiner, warmer Menschlichkeit. Er erinnerte sich jenes Tages in der weißen Villa bei Kairo, als es ihm klar wurde, daß es zwei Reiche in der Welt gäbe: das des Mannes und das der Frau. Damals ahnte ihm, daß die Welt des Mannes die geringere sei! Jetzt sah er warum: weil sich in der Frau, dachte er, lebendig und unmittelbar das Gefühl für das Wesentliche und Wertvolle rührt, zu dessen Erkenntnis der Mann sich erst durchringen muß.

Eine plötzliche Unruhe trieb ihn durchs Zimmer.

Er erkannte die lückenhafte und zusammengesetzte Grundlage, auf der die weiße Rasse lebte, obgleich sie technisch und materiell mit Sturmschritten vorwärtseilte. Er sah ein, warum es so war, warum es so sein mußte. Die Zivilisation war eine einzige große Robinsonade, ein Bau, im Urwald begonnen, ohne Gerätschaften, im Kampf gegen Naturkräfte, nach einem Notbehelfsprinzip – man hatte die Dinge genommen, die am nächsten lagen, am leichtesten zugänglich waren, die man gefunden, aber nicht gesucht hatte. Begriffe und Lebensanschauungen hatten sich nach äußerlichen Dingen geformt, waren nicht von innen, vom Geist bestimmt worden. Man hatte gebaut, wie ein Kind in einem verwilderten Garten baut, wie Robinson seine Insel baute. Einst aber kommt der Tag, wo das Kind erwachsen und wissend wird und zu der Erkenntnis gelangt: dem allem bin ich entwachsen, es genügt mir nicht mehr. Einst kommt der Tag, an dem Robinson Zeit zum Nachdenken findet und sich selbst sagt: dies alles war nur Notbehelf, jetzt aber, wo ich Zeit und Erfahrung habe, will ich es von neuem aufbauen, schöner und besser, mit den Erfahrungen, die ich gesammelt habe.

Je mehr er darüber nachdachte, desto klarer wurde es ihm, daß viele, viele, vielleicht die Mehrzahl der Wissenden und Schauenden, ebenso wie er, die Krise erkannt hatten, worin die Menschheit sich befand. Hatte Gamâl es nicht gemeint, war es nicht das, was die Einfältigen in Arabiens Wüste, die den Sternen am nächsten sind, ahnten? War es das, was Dasturan Dastur von seiner Höhe herab sah, und das Ende aller Zeiten nannte? War es das, was Schehanna in ihrem reinen Sinn fühlte, wenn sie sich vor den Geburtswehen, die der Welt bevorstanden, fürchtete? War es das, was sich in Helen rührte, wenn sie den unbekannten Gott suchte, damit er sich den Menschen offenbaren möge, um ihnen über den Wechsel hinwegzuhelfen, in einer Periode, wo die alte Lehre nicht mehr genügte, weil das Menschengeschlecht nicht mehr einfältig ist, sondern Erfahrungen gesammelt hatte, und nach einer neuen Offenbarung, einer neuen Einweihung seufzte.

Während er dastand und zum Fenster hinausstarrte, war es ihm, als ob die Welt ihm die Frage zurückgäbe. Sie kam wie in einer Wellenbewegung auf ihn zu, unfaßbar und dennoch physisch fühlbar, auf eine seltsam übersinnliche Weise, wie ein Druck gegen seine Schultern, und er rang nach Luft, weil sie von allen Seiten auf ihn einzudringen schien. Und du selbst? fragte sie, du, der du auszogst, um eine Aufgabe zu finden?

Ralph nahm Stellung zu der Frage. Er betrachtete sich selbst prüfend, als ob er einem Fremden gegenüberstände.

Er war ein Mann in seinen besten Jahren, stark und frei und unabhängig, Herr über ein Vermögen, über das er verfügen konnte, – frei, weil er seiner alten Tätigkeit entwachsen war und noch keine neue ergriffen hatte. Wenn es einem Mann in diesen Verhältnissen vergönnt ist, die Dinge, wie sie sind und wie sie sein müßten, zu erkennen, – hat er dann nicht bereits eine Aufgabe bekommen? Ist er dann nicht dazu auserkoren, der kommenden Entwicklung den Weg zu weisen, und vorzubeugen, daß der Wechsel der Zeiten ein Ende aller Zeiten wird?

Kann die Aufgabe aber durch menschliche Kraft gelöst werden? fragte er zurück. Oder verlangt sie göttliche Kräfte, weil sie eine mystische Verbindung mit dem Ewigen hat?

Sind göttliche Kräfte, dachte er weiter, denn etwas anderes als Kräfte, deren Naturboden wir noch nicht kennen, – Götter, die wir noch nicht gefunden haben und zu denen uns kein anderer Weg führt, als das Gebet. Ja, Gebete! Die Alten meinten, daß Gebete eine Macht seien, der Gott auf die Dauer nicht widerstehen könnte. Alle primitiven Völker haben den Glauben an die menschliche Macht durch das Gebet. Er dachte an Schehanna: durch die Macht des Gebetes hatte sie ihn wie ein Sandkorn in der Wüste gefunden und sein Leben gerettet.

Die tiefste Ursache zu dieser Macht ist, dachte er, daß das Gebet, der leidenschaftliche Wunsch, Kräfte freimacht, die uns selbst verborgen sind – wir beten zu uns selber – das Gebet ist eine Verdichtung von Seelenkraft, die vielleicht die Fähigkeit besitzt, die Seelenkraft, den Willen anderer unter unsere Herrschaft zu zwingen, einem Gesetz der seelischen Anziehung folgend, das mit dem für die Welt der Materie verwandt ist. Dann wäre das Gebet ein universelles menschliches Machtmittel, unabhängig vom Rasse- und Glaubensbekenntnis, das, je nach dem Maß der Innerlichkeit, mit derselben Kraft in Sivas, Buddhas und Christi Namen wirkt. Außer dem Gebet aber – dem leidenschaftlichen Wunsch, der erhebt und vereint – gibt es noch ein zweites menschliches Machtmittel: Den Zwang, den Weg des zwingenden Willens – und der ist es, den wir bisher eingeschlagen haben, der ist schuld daran, daß wir in eine Sackgasse geraten sind.

Und damit war er bei einem Punkt angelangt, wo er bereits früher einmal gestanden hatte: der Zwangsweg ist der Weg des Mannes, den der Mensch eingeschlagen hatte, als er die Zivilisation mit seinem: »Du sollst!« aufbaute. Jetzt galt es, den Herzensweg einzuschlagen, der noch nicht erprobt war, den Weg des Weibes, der mit seinem »Willst du?« aufbauen will.

Das Reich des Weibes, dachte er, wie er schon so häufig gedacht hatte, ja, mit Helen an meiner Seite.

Und Helen stand vor ihm in einem neuen Licht. Er dachte an sie mit einem neuen Gefühl, es war nicht Verliebtheit und Leidenschaft, es war ein Gefühl tiefster Zusammengehörigkeit, ein Gefühl religiöser Art. Nur durch sie kann ich das Höchste erreichen, dachte er.

 

Als Ralph erwachte, hatte er das heftige Verlangen, der Stadt und der erschlaffenden Hitze zu entfliehen. Er wollte in eine kühle Berggegend, wo er in Einsamkeit sich zu all dem sammeln konnte, was gestern zu ihm gekommen war, um endlich Klarheit über das zu bekommen, was das Leben von ihm verlangte.

Gleich nach dem Frühstück fuhr er aus, um sich bei Cook einen Rat zu holen.

Als er zur Esplanade kam, strich ihm eine frische Brise vom Fluß entgegen und da er Lust fühlte, durch den Edenpark zu gehen, stieg er aus und ließ den Wagen weiterfahren.

Auf den gepflegten Rasen waren eingeborene Arbeiter damit beschäftigt, rotierende Spritzen einzustellen. Der künstliche Staubregen wurde von der Brise ganz bis zu dem breiten Kiesgang getragen, wo Ralph unter dem Schatten einer mächtigen Phönixpalme stand.

Sein Kopf war erfüllt von den gestrigen Eindrücken, aber er war nicht imstande, sie jetzt zu durchdenken. Er war nur von dem einen Gedanken in Anspruch genommen: dem Wunsch, so schnell wie möglich fortzukommen.

Er verweilte einen Augenblick, um die frische Kühlung des Staubregens auf seiner Wange, das Verdampfen der Tropfen in der heißen Luft zu genießen. Dann ging er weiter.

Er kam an der Pagode vorbei, die man von Birma zum Schmuck für den Park hierhergebracht hatte. Die weißgekalkten Wände blendeten seine Augen. Er wandte den Kopf zur Seite, unbewußt von einem Blick angezogen, der auf ihm ruhte.

Einige Schritte von ihm entfernt, stand im Schatten einer Palme ein alter Mann. Er hatte einen langen, weißen Bart, den er mit seiner linken Hand umfaßte. Unter der hohen, schmalen Stirn und den weißen Brauen glänzte ein wunderbar leuchtender Blick. Ralph sah, daß es Dasturan Dastur war.

Er wurde so benommen, daß er zu grüßen vergaß. Ihm war, als ob der Priester schon vorher in seinen Gedanken gewesen sei. Jetzt zog ein unbewußtes Gefühl ihn zu dem alten Manne hin, der auf ihn zu warten schien.

Ralph grüßte und ohne darüber nachzudenken, begann er ihm sein Herz auszuschütten. Er erzählte ihm, daß er müde von der Reise, von der Hitze geplagt sei und sich nach Einsamkeit sehne, weil er sich sammeln wolle, um Klarheit über sich selbst zu bekommen. Was er Davis nie und nimmer anvertraut hätte, teilte er dem fremden Priester mit, als ob es die natürlichste Sache von der Welt sei.

»Ich war auf dem Wege zu Cook,« sagte er, »um mir von ihm raten zu lassen. Jetzt möchte ich statt dessen Sie fragen: wohin soll ich reisen?«

»Nach Darjeeling!« sagte der Alte, ohne sich zu bedenken.

Ralph sah ihm in die Augen und erinnerte sich, wie diese Augen in Bombay Macht über ihn bekommen hatten. Auch jetzt griff ihr Blick ihm warm und stark ums Herz. Es war ihm, als ob ein Lächeln um den weißen Bart lag; und plötzlich durchschoß ihn eine unerklärliche Freude.

»Darjeeling – im Himalajagebirge?«

Dasturan Dastur nickte.

Ralph fühlte sich von einem Gefühl der Dankbarkeit ergriffen, als ob der Alte ihm einen großen Dienst erwiesen hätte.

»Danke – ich werde Ihrem Rat folgen!« sagte er und streckte ihm seine Hand entgegen.

Er fühlte, wie die leuchtenden Augen ihn in ihre Macht zogen, ebenso wie an jenem Tage in Bombay; jetzt aber reizten sie ihn nicht zum Widerstand, er gab sich freiwillig in ihre Gewalt.

»Leben Sie wohl!« sagte Dasturan Dastur und reichte ihm seine schmale Hand.

Ralph besann sich auf sich selbst – er behielt die Hand einen Augenblick in der seinen und suchte nach einem Wort zum Abschied, aber es fiel ihm nichts ein.

Dasturan Dastur beugte den Kopf zum Gruß und blickte ihn an, als ob er sagen wollte:

»Wir sehen uns wieder!«

Dann ging er; und Ralph fragte sich, ob er diese Worte wirklich gesagt hatte. Er bestellte ein Billett bei Cook, der telegraphisch eine kleine Villa für ihn mietete, die durch den Tod eines hohen Beamten leer stand. Sie lag etwas abseits auf dem Bergabhang in einem Garten, oberhalb von Woodlands Hotel. Die Kost konnte er sich vom Hotel bringen lassen.

Am nächsten Morgen reiste er nach Kalkutta.

 

Helen wohnte mit Schwester Mary in einer Villa, die zum Sanatorium gehörte. Das kleine, freundliche Schweizerhaus, dessen Mauer von einer Kletterrose, die gerade Knospen angesetzt hatte, umrankt war, lag auf der Höhe des Gartens, der zu einem offenen Platz am Ende der Hauptstraße abfiel. Von ihrem Schlafzimmer aus konnte Helen über die Flieder- und Jasminbüsche, den hübschen Springbrunnen sehen, der zur Erinnerung an Sir Ashney Eden errichtet war, und wenn sie nach dem Frühstück auf der Bank unter der Espe saß, konnte sie hinter der hohen, dichten Hecke, die sie vor neugierigen Blicken schützte, dem Orchester der Stadt lauschen, das auf dem Platz spielte.

In den ersten Tagen hatte sie gefroren, der Uebergang von Kalkuttas Hitze war zu plötzlich gewesen. Nachdem sie sich aber an die kalten Nächte und taufrischen Morgen gewöhnt hatte, erwachte sie jeden neuen Tag mit einem Heimatsgefühl, das sie bisher auf der Reise noch nicht gehabt hatte und das in einem eigentümlichen Gegensatz zur Umgebung stand. Nicht allein, daß sie ihrer Heimat ferner war als je, sondern die Aussicht, die ihr des Morgens begegnete, wenn sie die dunklen Gardinen aufrollte, war sehr verschieden von einem Sommermorgen in dem Flachland ihrer Heimat: über lächelnden Gärten die gewaltigsten Bergmassen der Welt, bald in der Morgensonne leuchtend, bald mit schweren Wolkendecken drohend.

Sie lebte wie in einem Traum von Frühling und Licht. Licht, das von den schneebedeckten Gipfeln kam, wo Flüsse geboren wurden und Leben entspringt, und Licht in ihrem eigenen Inneren, wo auch etwas Neues im Begriff war zu entstehen – sie wußte selbst nicht was. Das Herz war ihr so voll, daß sie sich nie allein fühlte, wenngleich sie sich oft selbst überlassen war; und es waren viele Stunden, denn Schwester Mary hatte noch andere Rekonvaleszenten in dem großen Sanatorium, die ihrer Obhut anvertraut waren. Ralph lebte beständig in ihren Gedanken, und doch von einem geheimnisvollem Etwas, das sie vergebens zu deuten versuchte, von ihrem Ich getrennt. Sie hatte eine dunkle Ahnung, daß sie es einst verstehen und daß ihr am selben Tage auch alles übrige klar werden würde.

Helen war zu sehr von ihrem Innenleben in Anspruch genommen, um voll und ganz auf die Welt um sich herum achtzugeben. Dazu trug auch ihre Krankheit bei, denn als sie im Krankenhaus mit Kompressen auf ihren Augen gelegen, hatte sie sich daran gewöhnt, nach innen zu sehen.

Hier oben in den Bergen war nach der offenkundigen Besserung ein Rückfall gekommen, mit großen Schmerzen und Schwäche. Der Arzt im Sanatorium stand fassungslos; dieser Fall trotzte jeglicher Erfahrung. Es war, als ob ihre Augen das Licht von den Bergen nicht vertragen konnten. Je schwächer sie wurden, desto reicher aber wurde ihr Inneres.

Eines Tages, als Schwester Mary unwillkürlich ihr Mitleid verriet, sagte Helen:

»Sie brauchen mich nicht zu bedauern, Schwester, ich fühle mich fast am wohlsten, wenn ich die Umschläge auf den Augen habe und nichts sehe. Dann ist es mir, als ob das Leben mir erst richtig nahe käme, als ob ich erst dann das Wesentliche erblickte.«

Und sie fügte lächelnd hinzu:

»Es wundert mich nicht, daß der Arzt meine Krankheit nicht verstehen kann, denn es ist tatsächlich, als ob meine Augen schlimmer würden, je weniger ich sie gebrauche. Wenn ich umhergehe und an nichts denke und meinen Blick von diesem zu jenem schweifen lasse, wie ich es früher tat, dann kann ich merken, wie meine Augen besser werden. Wenn ich aber im Garten sitze und sinne und die Augen am liebsten ganz schließe, dann merke ich, wie sie schwächer werden. Es ist, als ob sie sagen wollten: Wenn du uns entbehren kannst, wollen wir dir nicht mehr dienen.«

 

An einem herrlichen, sonnenklaren Nachmittag begab Helen sich mit Schwester Mary auf den Weg, um die Sonne hinter den höchsten Gipfeln der Welt untergehen zu sehen.

Von der Sternwarte gingen sie längs des Zickzackpfades zu dem tibetanischen Dorf Bhutia Bhusti, das wie ein grüner Fleck auf dem Bergabhang lag, das Antlitz den wilden Kämmen zugekehrt, durch die sich ein Pfad von tief unten zu dem öden Hochland von Tibet hinaufkämpfte und in der uralten Hauptstadt Lhassa endete. Schwester Mary zeigte ihr in der Ferne auf einem Felsabhang die weißen Mauern eines alten Buddha-Klosters, wo der beste der Tibetaner, der junge Dalaj Lama, just mit seinem Gefolge auf indischem Boden vor der Chinesenmenge, die seine Hauptstadt überflutete, Schutz gesucht hatte.

Sie kamen zu dem alten, verfallenen Buddha-Tempel des Dorfes, mit seinen neun mannshohen Gebetmühlen vor der Tempeltür. Auf den Zeugrollen standen die Gebete geschrieben: »Om mani padme hum«. Sie sahen, wie eine arme Frau mit einem bekümmerten Gesicht die Mühle ein halbes dutzendmal drehte, und dann erleichtert davonging.

Der Pfad, den sie beschritten, und das Tal unter ihnen lagen im tiefsten Schatten. Auf den kahlen Kämmen in Nordwest schien die Abendsonne. Es war kühl; die Brust atmete leicht und frei in der hohen, klaren Luft; Helen stellte sich vor, daß sie zum Gipfel wanderte mit Ralph an ihrer Seite. Sie ging gebeugten Hauptes, einige Schritte hinter Schwester Mary, die den Weg zeigte. Sie stiegen in Zickzacklinien beständig aufwärts; zu ihren Füßen waren keine Blumen, nur struppiges Gras und Büsche, die von dem Verlangen, sich zur Sonne zu kehren, ganz verzerrt worden waren.

In dem stillen Abend, wo kein Laut ihr Ohr erreichte, wo der Himmel größer und weißer wurde, je höher sie stiegen, als ob er die Erde von sich schöbe und nur den schneebedeckten, reinen Gipfeln gestattete, sich blendend zu seiner Herrlichkeit zu erheben, hatte Helen ein Gefühl, als ob sie sich mit jedem Schritt mehr von der Erde entfernte. Wenn ich jenen Bergrücken dort erreicht habe, dachte sie, dann wird keine Dunkelheit mehr an meinem Fuß kleben, dann komme ich von der Erde los, die mich so lange getragen hat, dann schreite ich ins Licht hinaus, und das, das ich in mir habe, vereint sich mit dem, das draußen ist, – dann bin ich am Ziel.

Der Bergrücken, auf dem sie und Schwester Mary sich befanden, warf seinen Riesenschatten auf die Abhänge jenseits des Tales. Ueber dem Schattenrand erhob der nackte Fels seinen Gipfel errötend in der Sonne, während die Dunkelheit unter dem Rand wie eine Seuche lag, die ins Verderben hineinführte. Der Rand war die Scheidewand zwischen Leben und Tod. Sie selbst ging noch in der Dunkelheit, wenn sie aber zum Rande gelangte, würde sie mit einem einzigen Schritt die Schwelle zum Leben überschreiten.

Helen war so vertieft in ihren Traum, daß sie zusammenfuhr, als Schwester Mary sich umdrehte und sie beim Namen rief. Wie sie dort ein Stück über ihr stand, in ihrer weißen Schwesterntracht, mit der grauen Kopfbedeckung und dem grauen Kragen, war sie wie ein Wesen des Lichts, das über den Rand der Dunkelheit geglitten war, um sie über die Grenzscheide zu geleiten. Helen fühlte Schehanna in ihrem Herzen und dachte, ob es wohl ihr Ferved sei, der an Schwester Marys Seite stände und sie bei der Hand führte, ohne daß dieser etwas anderes bewußt war, als daß sie mit ihrem Patienten einen Abendspaziergang machte, um ihr den Sonnenuntergang über den Bergen zu zeigen.

Helen nickte und eilte ihr nach. Schwester Marys Kopf hob sich bereits frei vom Himmel ab, in wenigen Minuten würde sie ganz im Licht sein.

Der Bergrücken, der von unten wie eine scharfe und gerade Linie ausgesehen hatte, erwies sich in der Nähe als eine runde Kuppel, über die der Pfad zur Höhe führte.

Sieh – dort stand Schwester Mary bereits in vollem Licht, das einen Strahlenkranz um ihre Kopfbedeckung wob.

Helens Herz begann heftig zu klopfen. Sie konnte es nicht erwarten, lief das letzte Stück, bis auch sie dem Dunkel entrann und im Licht stand, das sie auf einer Strahlenbrücke frei und sieghaft zur ewigen Fülle emporhob. Der Gipfel dort drüben, dessen Fuß in der Tiefe von Dunkelheit umklammert lag, errötete wie eine jungfräuliche Braut, die über die unfaßliche Vereinigung von göttlicher Seligkeit in ihrem Herzen und brennender Luft in der Tiefe ihres Schoßes verwirrt ist.

Helen wandte sich der Sonne zu. Mit weitoffenen Augen starrte sie in die glühende Scheibe, ohne des Schmerzes dabei zu achten, – bis alles um sie herum dunkel wurde und Schwester Marys Arm um ihrer Taille sie mit Gewalt vom Licht abwandte. Da schloß sie die Augen und einer plötzlichen Müdigkeit nachgebend, sank sie in die Knie, während ihr übervolles Herz sich in Tränen Luft machte. Schnell aber wurde sie wieder Herr ihrer selbst, und Hand in Hand gingen sie den Weg zurück, den sie gekommen waren.

Helen war den ganzen Abend still, und Schwester Mary verstand, daß sie das Schweigen nicht brechen durfte. Als sie sich gute Nacht geboten hatten, und Helen in ihrem Zimmer war, floß das Herz ihr von neuem über. Sie warf sich vor dem Bett auf die Knie und betete mit tränenschweren Augen zu dem Gott, den sie noch nicht kannte:

»Gib mir volle Klarheit, damit ich sehen kann, wohin wir geführt werden! – Wenn es so ist, wie ich ahne, daß Leid und Not der Preis ist, der uns zum Licht führt, dann will ich bezahlen, was es auch kostet. Ich will mein Schicksal blindlings aus deiner Hand kaufen, wenn du mir vergönnst, das Ziel zu erreichen.«

Sie betete, bis die Müdigkeit sie überwältigte. Mit ihren letzten Kräften schleppte sie sich angekleidet zum Bett und schlief sofort ein.

Ihr träumte, daß sie hoch über Wolken wanderte, mit Schehannas Hand in der ihren, sie stieg von Gipfel zu Gipfel, bis sie den allerhöchsten erreichten, der nur so breit war, daß sie gerade Fuß fassen konnte. Schehanna schwebte in der Luft ihr zur Seite und trug Schwester Marys graue Kapuze. Wie Helen dort stand, war ihr Kopf so voll von dem Licht, das ihr von allen Gipfeln entgegenstrahlte, daß er fast zerbarst.

Da flüsterte Schehanna die Worte: »Hebe dich!« Sie verstand, daß sie nur den Fuß zu heben brauchte, um für ewig von der Dunkelheit befreit zu werden, die an allem Irdischen haftet. Ihr Körper würde von Licht durchstrahlt werden, wie ihr Kopf. Sie würde wie ein Kristall werden, so rein und klar und frei in der Luft schweben wie Schehanna an ihrer Seite. Als sie aber den Fuß heben wollte, fiel ihr Blick auf einen Gipfel, der noch im Dunkel unter ihr lag, und dort sah sie ihren Vater und Ralph Hand in Hand, die im Begriffe waren, sich auf einem anderen Weg zur Höhe emporzuarbeiten. Ralphs Blick ruhte unverwandt auf ihr, denn obgleich er so weit fort war, sah sie doch deutlich alle seine Züge. Sein Gesicht war ernst und voller Energie, wie bei jemandem, der um jeden Preis vorwärts will. Das Gesicht ihres Vaters konnte sie nicht sehen, es war ein Nebel davor, aber sie konnte merken, daß er unter dem Nebel lächelte. Sie streckte die Arme zu ihm hinunter und rief Ralphs Namen. »Warte!« sagte Schehanna und wollte sie zurückhalten. Aber es war schon zu spät, sie hatte den Fuß bereits gehoben, statt aber an Schehannas Seite frei im Licht zu schweben, stürzte sie tief herab – zur Dunkelheit oder zu Ralph, sie erfuhr es nicht, denn bei dem Fall erwachte sie und griff in höchster Angst um sich.

Sie stieß gegen die Bettkante und richtete sich verstört auf, bis ihr die Besinnung zurückkehrte.

Sie versuchte, den Traum festzuhalten, aber es wollte ihr nicht glücken. Sie erinnerte sich nur noch, daß er von Ralph gehandelt hatte, das übrige war Nebel. Sie wollte kein Licht anzünden, um nicht ganz wach zu werden; wenn sie wieder einschliefe, würde der Traum vielleicht von neuem beginnen. Sie begnügte sich damit, ihr Kleid aufzuhaken und alle Bänder zu lösen, dann streckte sie sich wieder unter die Decke und erwartete den Schlaf und den Traum. Aber sie wollten nicht kommen. Sie schlummerte einige Minuten und erwachte schließlich ganz bei dem Lärm eines ratternden Wagens.

Sie wollte die Nachtlampe andrehen, die Elektrizität aber versagte. Sie stand auf und drehte an dem Kontakt bei der Tür, aber auch dort war kein Strom. Sie suchte nach Zündhölzern, fand aber keine. Da legte sie sich wieder nieder, um den Morgen zu erwarten.

Ihre Gedanken schweiften zu dem gestrigen Tage, zu den Gipfeln und was sie dort erlebt hatte. Von neuem tastete sie nach dem Traum, – sie fühlte, daß er mit ihrem Erlebnis in Verbindung stände, aber sie fand ihn nicht.

Die Zeit in dem dunklen Schlafzimmer wurde ihr lang. Sie stand auf, ging zum Fenster und hob die Gardine, um zu sehen, ob es noch nicht dämmerte, draußen aber war stockdunkle Nacht.

Sie legte sich wieder ins Bett, schlief ein, und erwachte durch den Verkehr auf dem Platz, wo tibetanische Bauern jeden Morgen mit Blumen und Gemüse von ihren kleinen Hütten an den Bergabhängen zum Basar zogen.

Endlich, dachte sie, und sprang aus dem Bett. Sie zog die Gardine zur Seite. Draußen über dem Garten lag der dichteste Morgennebel, den sie je gesehen hatte. Sie klingelte nach dem Mädchen.

Als die Tür aufging, stand sie am Fenster und starrte in den Nebel hinaus.

»Guten Morgen, gnädiges Fräulein!«

»Guten Morgen! Bringen Sie mir bitte Zündhölzer, die Elektrizität versagt. Ich bin schon lange wach, aber konnte nicht sehen wieviel die Uhr ist. Was ist das nur für ein furchtbarer Nebel?«

»Aber, gnädiges Fräulein,« sagte das Mädchen verwundert, »es ist ja heller Tag – und das Licht in den Lampen brennt.«

Helen drehte sich um, sah erst zur Decke und dann zur Tür, von wo sie die Stimme des Mädchens hörte. Aber sie konnte weder das Licht noch das Mädchen sehen. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn, ihre Hände zitterten, es war, als ob ihr alles Blut plötzlich durch den Körper in die Füße sänke.

»Brennt das Licht?« fragte sie mit einer Stimme, so schwach wie die eines kleinen Kindes.

»Ich will Schwester Mary rufen,« sagte das Mädchen und eilte hinaus. Ihre Stimme hatte ganz fremd geklungen.

»Ich bin blind,« sagte Helen zu sich selbst, dann tastete sie sich zum Bett und sank auf die Knie, den Kopf in den Händen vergraben – auf derselben Stelle, wo sie in der Nacht den unbekannten Gott angefleht hatte, sie zum Ziel zu führen, koste es, was es wolle.

 

Das kleine einsame Holzhaus wurde »Die Eichenhütte« genannt, weil es im Schutz einiger alter Eichen auf dem Bergabhang oberhalb des Hotels lag. Der Garten war in Terrassen angelegt, wie ein Weinberg auf einem Flußabhang. Wenn Ralph dort oben neben der Sonnenuhr auf dem kleinen länglichen Rasen vor der Gartentür stand, konnte er die Stadt nicht sehen, die hinter einem waldbewachsenen Rücken lag, den der Berg vorgeschoben hatte. Verstreut liegende Häuser auf dem Abhang bis zur Bahnlinie hinunter lächelten den dunklen Eichen mit ihren blühenden Gärten zu.

Der Ort gefiel Ralph und er lebte sich bald in dem kleinen Haus ein. Von seinem Fenster sah er quer über das Tal, auf dessen Grund der Fluß Ranjit tief, tief unten brauste. Dort drüben wurde die Wolkendecke von einem Wald von gewaltigen Bergmassen, die den Himmel versperrten, unterbrochen, und dahinter erhoben sich die einsamen, gezackten Schneegipfel der höchsten Berge der Welt, und über allem leuchtete Kichinjangas weißer Riesenzahn, der von einer lotrechten Kluft in zwei Teile gespalten wurde.

Den ersten Tag benutzte Ralph dazu, um sich in der Gegend umzusehen. Er vermied die Stadt und suchte die einsamen Pfade auf, die in Zickzacklinien zu Höhe und Einsamkeit streben. Nach dem Mittagessen setzte er sich ans Fenster und starrte zu den Bergen hinüber, bis der letzte Sonnenschimmer hinter dem Felswall verschwand, und die Dunkelheit so hastig vom Tal heraufflutete, daß es war, als ob sie die Eichen und die Hütte in sich aufsog.

Nachts hatte Ralph einen merkwürdigen Traum.

Von der weißen Villa in Kairo begab er sich in die Wüste hinaus. Bald sah er, daß er sich verirrt hatte; er suchte und suchte, entfernte sich aber nur immer mehr. Plötzlich befand er sich auf einem öden Berg, der sich aus einer Senkung zwischen gewaltigen Wellen von dunklen, drohenden Felsmassen erhob. Während er nach der Seite blickte, wo die Sonne unterging, fiel sein Auge auf eine Reihe schwarzer Fahnen, die im Winde über dem Bergwall flatterten. Als er näher hinsah, entdeckte er, daß es gar kein Gebirgswall war, sondern eine dunkle und drohende Heermasse, die sich bereit hielt, auf den Gebirgswall auf der entgegengesetzten Seite des Himmels zu stürzen; aber auch dies war kein Wall, sondern ein Heer, nicht weniger schwarz und drohend, als das andere.

Ralph erinnerte sich der Worte des Scheiks: »Wo ihr die schwarzen Fahnen seht, dort seht ihr das Zeichen!« Es ist der Mahdi und seine Leute, dachte er bei sich. Jetzt konnte er auch trotz der Entfernung das schmale junge Gesicht erkennen, mit dem rötlichgelben Wüstenteint, von dem weißen Haih eingerahmt; es saß hoch oben in den Wolken und bewachte das schwarze, dichte, drohende Heer. Als er aber nach der anderen Seite blickte, sah er Davis' dunklen Kopf und funkelnde Augen hinter der Goldbrille; auch er saß in den Wolken über seinem Heer.

Das ist entsetzlich, dachte Ralph bei sich, während der Schweiß ihm auf die Stirn trat. Ist keine Rettung möglich?

Er sah ein, daß er hier nicht stehenbleiben könnte, hier würde er zwischen den Heeren zerdrückt werden. Er eilte davon, indem er bei sich dachte, daß er Dasturan Dastur dort drüben auf dem Gipfel aufsuchen und um seine Hilfe bitten wollte.

Er mußte höher und höher steigen. Das Licht von den ewigen Sternen leuchtete nur schwach, er konnte kaum sehen, wo er die Füße hinsetzte.

Da hörte er ein fernes Getöse zwischen den Bergen und dachte: jetzt beginnt der Kampf!

Verzweifelt streckte er die Arme zum Himmel und rief: Was kann ich tun, um es zu verhindern?

Im selben Augenblick merkte er, daß jemand auf dem öden Pfad folgte. Er drehte sich um und sah einen Mann, den er nicht kannte, auf sich zukommen. Vielleicht weiß er Rat, dachte er und streckte ihm die Arme entgegen: Was können wir tun?

Der Mann nahm seine Hand und sagte:

»Kommen Sie, wir müssen uns eilen!«

Ralph konnte sein Gesicht nicht sehen, als er aber seine Stimme hörte, dachte er: Ach, das ist Helens Vater. Er wunderte sich, daß er nicht gleich erfaßt hatte, daß er es sein müsse.

Als sie ein Stück gegangen waren, erklang das Getöse wieder, noch stärker als vorher.

Er blieb stehen und fragte wieder verzweifelt:

»Was können wir tun?«

»Es gibt nur eine Rettung,« sagte Helens Vater, »wir müssen den Todeskampf zu einem Geburtskampf machen.«

»Ja, ja – ein Geburtskampf!«

Ralph wunderte sich, daß er vergessen hatte, was er so genau wußte, just in einem Augenblick, wo Bedarf dafür war.

»Ja,« sagte er, »wir müssen das Reich der Frauen bereiten, – in ihrem Schoß wächst die Zukunft.«

»Nicht in dem der Frauen – sondern in dem der einzig auserwählten Frau. Denn sieh, die Zeiten sind zu Ende.«

Wieder donnerte es zwischen den Bergen, stärker als vorher, und die Heeresmassen machten einen Buckel wie zwei ungeheure, schwarze Katzen, die aufeinander lauern.

»Kommen Sie, wir müssen zum Gipfel eilen,« sagte Helens Vater und zog ihn mit sich, »wenn wir ihn nicht zur Zeit erreichen, ist keine Hilfe mehr möglich.«

»Und wenn wir ihn erreichen?« fragte Ralph und blieb in atemloser Erwartung stehen.

»Dann machen wir die Revolution zu einer Evolution im Mutterleib.«

»Ja,« dachte Ralph, »das ist wahr – aber warum sagt er es so abstrakt? – Oh, er ist ja ein Mann der Wissenschaft.«

»Wir machen den Tod zu einer Geburt, und der auserwählte Schoß wird das Weib empfangen, das über die Dunkelheit siegen soll. Sie allein soll es entscheiden, und für sich selbst, ihren Nächsten und ihren Gott verantwortlich sein.«

»Sie allein soll es entscheiden« – wo hab ich diese Worte schon mal gehört, dachte Ralph. Richtig, diese Worte hat Helens Vater in seinem Testament geschrieben, von dem sie ihm in jener Nacht im Marmarameer erzählte, als sie die Blätter ihrer Krone entfaltete und ihn in ihr Inneres blicken ließ.

»Ist der Erlöser ein Weib?«

Die Antwort konnte Ralph nicht hören, denn ein furchtbares Getöse auf den Bergen übertönte die Stimme von Helens Vater.

Entsetzt blieb er stehen und sah zu den dunklen Heeren hinüber. Es wogte und brodelte in ihnen, als ob es dicke, schwarze Rauchmassen über einem siedenden Feuer seien.

Als er sich aber wandte, um Helens Vater einzuholen, war er nirgends mehr zu sehen – –

* * *

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