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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
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Ralph hatte abermals einen Anfall von Mißmut. Das einzige, was ihn davon abhielt, den ersten besten Dampfer nach Amerika zu nehmen, war die Hoffnung, daß Helen sich doch noch in Indien aufhielt, wie es ursprünglich ihr Plan gewesen war, und daß das Schicksal – Gott – der Zufall – sie dennoch eines Tages zusammenführen würde.

Wüßte er, daß sie abgereist sei, würde nichts ihn gehindert haben, ihr in ihr fernes Heimatland zu folgen. Sie konnte und würde es sicherlich nicht verbieten, daß er ihren Weg kreuzte und eine Begegnung möglich machte; sie hatte ihn ja auf den unbekannten Gott verwiesen.

Zu dem Mißmut gesellte sich auch ein unbestimmter Widerwille gegen seinen Reisegefährten.

Davis' ansprechende, halb freche, halb freimütige Offenheit hatte hier in Kalkutta einer seltsamen Zurückhaltung Platz gemacht. Vielleicht lag es daran, daß seine Gedanken von Studien in Anspruch genommen waren. Entweder saß er in der Bibliothek oder er besuchte neue wissenschaftliche Verbindungen, wohin Ralph ihn nicht begleiten konnte. Dazu kam das letzte Erlebnis – das Abenteuer mit Kantra. Ralph konnte nur mit Ekel daran denken. Zu all dem kam die Wärme, die ihn bisher nicht sonderlich geniert hatte.

Als Ralph Davis eines Tages mitteilte, daß er aus seiner Heimreise Ernst machen wollte, antwortete Davis scherzend, daß er gar nicht ohne seine Zustimmung reisen könne – denn er schulde ihm ja einen Dienst, und wie, wenn er nun den Dienst von ihm verlangte, daß er auf ihn warten sollte? Im übrigen wäre er bald fertig, viele Tage würde es nicht mehr dauern.

Ralph ließ sich überreden, hauptsächlich, weil er selbst nicht wußte, was er eigentlich wollte.

 

Eines Tages, als Davis in der Bibliothek saß, kam Maung Po freudestrahlend auf ihn zu und sagte, daß die Paligesellschaft am nächsten Vormittag in der Pagode ihre monatliche Sitzung abhalten würde. Es war ihm geglückt, bei dem obersten Ponghi die Erlaubnis zu erwirken, daß er Davis mitbringen dürfe, ja, man hatte ihm sogar eine Einladung ausgestellt. Er gab Davis zu verstehen, daß es eine große Auszeichnung sei, denn kein Weißer, außer dem Vizekönig, war bisher geladen gewesen. Davis dankte und versprach um elf Uhr präzise am Eingang der Pagode zu sein.

Am selben Tage nach dem Frühstück hatte Davis eine lange Unterredung auf seinem Zimmer mit Herrn Forbe, der ungerufen gekommen war. Sie endete zur größten Zufriedenheit beider Parteien.

Als Davis ihn verabschiedete, kam Ralph gerade nach Hause und sah, daß der Fremde einen Scheck einsteckte. Als er fort war, fragte er:

»Wer war das?«

»Ein Herr Forbe. Er ist Agent in indischen Antiquitäten und Kuriositäten. Ich habe allerhand Bücher und andere Dinge von ihm gekauft, die er für mich absenden soll. Im übrigen kann ich Ihnen mitteilen, daß ich jetzt Schluß mache. Ich bin wahrscheinlich schon morgen abend fertig.«

Er berichtete von der Einladung des Birmesen zu der Sitzung am nächsten Tage; auch darauf hatte er noch gewartet.

»Leider kann ich Sie nicht mitnehmen. Aber ich habe etwas anderes, was Sie interessieren wird. Neulich bat ich Herrn Forbe, der mich auch das vorige Mal, als ich hier war, bedient hat, mir Zutritt zu einer richtigen alten Opiumkneipe zu verschaffen. Das Gesetz hat diese Höhlen schon längst geschlossen. Diese oder jene aber führt noch ein geheimnisvolles Dasein in irgendeiner öden Gasse, von niemand anders gekannt, als von einer alten Klientel, die ebenso viel Wert darauf legt, im Schatten zu bleiben. Fremde haben nur Zutritt, wenn sie von einem Stammgast eingeführt werden, der für sie gutsagt. Eben teilte Forbe mir mit, daß er einen alten verhärteten Opiumfresser aufgespürt hat, einen ehemaligen portugiesischen Kapitän, der uns für Geld und gute Worte einführen will. Es ist ein Abenteuer, das man sich nicht entgehen lassen darf, obgleich es nicht ohne Gefahr ist. Wir riskieren, daß wir hinausgeworfen werden, wenn jemand uns verdächtig findet, und riskieren außerdem, daß die heimliche Polizei, die vielleicht auf uns oder jemand anders aus der Klientel ein Auge hat, die Höhle findet und eindringt, wenn wir gerade da sind, – und dann befinden wir uns mit dem Gesetz in Konflikt. Sind Sie mit von der Partie?«

»Selbstverständlich.«

»Wir müssen uns verkleiden, teils der verdächtigen Gäste wegen, teils damit wir die Polizei nicht auf die Spur bringen.«

»Wenn wir verfolgt werden, meinen Sie?«

»Ja. Forbe hat alles Nötige geordnet. Wir verlassen das Hotel zu Fuß, nehmen unterwegs ein Auto und fahren zu einem kleinen Speisehaus in der Bow Bazar, wo Forbe Stammgast ist. Dort werden wir zu Aufkäufern aus den Weststaaten verwandelt, die einen Ausflug von Pondicherry, wo das Schiff ihrer Firma liegt und ladet, gemacht haben, um die große Stadt zu sehen.«

»Welche Art Verkleidung?«

»Schifferzeug. Falsche Bärte und dergleichen sind wohl nicht nötig, für all das aber sorgt Forbe. Von dem Speisehaus begeben wir uns zu einem Zimmer, das der Kneipe schräg gegenüberliegt und das er gemietet hat. Die Opiumkneipe soll ein unschuldig aussehendes, stilles Privathaus zwischen andern gleichartigen sein. In diesem Zimmer will Herr Forbe uns den Portugiesen vorstellen, wenn er den Augenblick für geeignet hält, wo er hinüberschlüpfen und uns holen kann. Vor zwei, drei Uhr wird es kaum werden, denn bevor die Gäste und besonders der alte Chinese, der den Eingang hütet, eine genügende Anzahl Pfeifen bekommen haben, kann er es nicht wagen.«

»Wie sollen wir uns in der Kneipe benehmen?«

»Eine oder zwei Pfeifen rauchen und im übrigen tun, was die anderen tun.«

»Wann wird es sein?«

»Heute nacht.«

 

Nachts etwas nach ein Uhr schlenderten zwei flotte, jüngere Schiffer durch eine winklige, öde Straße zwischen Sabha Bazar und Beadonstreet.

Sie begegneten keiner lebenden Seele, und erreichten schließlich ein niedriges Haus, wo ein Mann in der Haustür stand und sie erwartete.

Sie wurden zu einem kleinen Zimmer im ersten Stockwerk geführt. Die Einrichtung bestand aus einem viereckigen, strohgeflochtenen Tisch und drei niedrigen Bambusstühlen. Auf dem Tisch stand ein doppelarmiger Kandelaber, wie die Eingeborenen sie bei festlichen Gelegenheiten gebrauchen. Davis stellte Herrn Forbe vor, der zur Feier des Tages in einem Gehrock prunkte, der fast ebenso fleckig war wie der Khakianzug.

Ralph trat ans Fenster, zog die Matte zurück und blickte hinaus. Im selben Augenblick löschte Forbe die Lichter.

»Das geht nicht an,« flüsterte er, »man kann das Licht von drüben sehen. Der Chinese hat ein Guckloch in der Tür. Das beste ist, wir bleiben im Dunkeln sitzen, dann können wir uns am Fenster aufhalten und sehen, wann der Portugiese herauskommt und herüberschleicht; und ich kann mich bereit halten, ihn einzulassen.«

Als Ralph seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatte, sah er durch die sternenklare Nacht ein Haus schräg gegenüber, das etwas höher als die Nachbarhäuser war. Zwei niedrige Stufen führten zu einer Tür; die Fassade war kahl und dunkel, kein Lichtstreifen drang durch die Fensterläden.

Forbe hatte für Getränke in der Wartezeit gesorgt; sie saßen in einem Halbkreis am Fenster, jeder mit einem Glas Whisky vor sich, während sie das Haus drüben im Auge behielten und nur flüsternd miteinander sprachen.

Als sie eine halbe Stunde gesessen hatten, sah Ralph einen Mann in einen Mantel gehüllt auf der anderen Seite der Straße näherkommen. Vor der Tür der Opiumkneipe blieb er stehen; sie sahen nicht, daß er irgendein Zeichen machte oder einen Schlüssel hatte, die Tür aber öffnete sich wie von selbst und der Mann glitt lautlos hinein.

Sie warteten eine Stunde, sie warteten zwei, ohne daß sich ein lebendes Wesen zeigte.

Sie hatten bereits die Whiskyflasche zur Hälfte geleert, als Ralph einen Lichtschein am Fuße des Hauses zu sehen meinte.

»Sehen Sie dort,« sagte er und zeigte auf den Schein, der im selben Augenblick verschwand, »ich sah Licht in einer Kellerluke.«

»Wo?« fragte Davis und strengte seine Augen aufs äußerste an.

Da weder er noch Forbe etwas gesehen hatten, meinte Ralph schließlich, daß es ein Widerschein auf der Mauer gewesen sei, und vergaß es.

Ralph wurde schläfrig und schlummerte ein, Davis aber war springlebendig. Seine Augen funkelten durch die Nacht und seine Hände waren in beständiger nervöser Bewegung. Sein Kodak, den er immer bei sich hatte, stand auf der Fensterbank. Um sich zu beschäftigen, sah er ihn gründlich nach und setzte neue Platten ein.

Ralph erwachte dadurch, daß das Tageslicht ihm in die Augen schnitt. Er fuhr auf, blickte in der Morgendämmerung über eine öde Straße, die er nicht kannte, und ahnte nicht, wo er sich befand. Da fiel sein Blick auf Davis, der in der Mitte des Zimmers saß, mit dem Kodak im Schoß, und auf Forbe am Fenster, der angespannt zum gegenüberliegenden Hause hinüberstarrte; und plötzlich erinnerte er sich, wo er sich befand.

»Lassen Sie uns gehen,« sagte er und erhob sich, »jetzt kommt er doch nicht mehr.«

»St!« flüsterte Davis. Er starrte in den grauenden Tag hinaus, sein Mund war angespannt vor Aufmerksamkeit, als ob er auf dem Sprunge säße.

Ralph rückte seinen Stuhl an den Tisch und mischte sich ein Glas Whisky mit Wasser. Als er getrunken hatte, lehnte er sich in den Stuhl zurück und schlief wieder ein.

Da wurde er von einem Schrei auf der Straße geweckt.

»Feuer! – Feuer!« wurde geschrien.

Ralph stürzte ans Fenster und sah einen jungen untersetzten Burschen mit einem schwarzen, gestutzten Schnurrbart, der gegen die Tür der Opiumkneipe donnerte, während er unausgesetzt Feuer rief. Darauf lief er zu den Nachbarhäusern und schlug auch dort Lärm.

Ralph sah schlaftrunkene, entsetzte Gesichter aus den Fenstermatten der Nachbarhäuser gucken. Eine Frau in einer schmutzigen Jacke, mit bloßer Brust, beugte sich erschrocken aus dem Fenster, sah, wie Rauch sich aus der Kellerluke der Opiumkneipe wälzte, und zog sich schreiend zurück. Ein Fenster nach dem anderen wurde geöffnet, Matten wurden heruntergerissen und Sprossenläden knarrten in ihren rostigen Angeln. In einer Sekunde war die tote Straße lebendig geworden.

Die Türen der Nachbarhäuser wurden geöffnet und die Bewohner wimmelten heraus, verstört, die Augen blank vor Angst. Auch aus dem Haus, wo Ralph und seine Genossen sich aufhielten, stürmten die Bewohner auf die Straße; das klappernde Geräusch von Holzsandalen und der schleifende Laut von Pantoffeln klang vor ihrer Tür.

Obgleich der Rauch dick und dunkel aus der Kellerluke des Opiumhauses brodelte, war dort drüben noch kein Zeichen menschlichen Lebens zu sehen. Erst als die Flammen aus der Luke schlugen und längs der Mauer nach Beute leckten, wurde die Tür geöffnet.

Ein alter Chinese mit weißem, strähnigem Haar und einem gelblichen verschwollenen Kopf kam zum Vorschein. Seine Hände zitterten; als er das Feuer sah, stieß er einen entsetzten Schrei aus und raste wie ein Besessener die Straße hinunter.

In den Nachbarhäusern liefen die Bewohner wie Ameisen ein und aus, armseliger Hausrat wurde auf der Straße zusammengestaut; Kinder liefen halbnackt zwischen Frauen in langen, enganschließenden, baumwollenen Hemden und Männern mit nacktem Oberkörper und chinesischen Hosen.

Man schrie nach Polizei und Feuerwehr. Ralph sah, wie der junge Bursche mit dem gestutzten Schnurrbart sich neben die offene Tür der Opiumkneipe, stellte und »Feuer« hineinschrie. Nach einer Weile erklang in der Ferne das erste Fauchen der Feuerwehr.

Ralph wollte auf die Straße gehen, Forbe aber vertrat ihm den Weg mit einer ehrerbietigen, aber bestimmten Bewegung. Im selben Augenblick sah Ralph, daß Davis den photographischen Apparat auf die Fensterbank gestellt hatte, vor die Fenstermatte, so daß er selbst gegen Blicke gedeckt war; er guckte durch eine Oeffnung in der Matte, während seine Hände den Apparat einstellten. Es sieht ihm ähnlich, dachte Ralph, nur an seine Aufnahmen zu denken, während Menschen keine zehn Schritte von ihm in Lebensgefahr sind.

Es flammte lustig in dem toten Haus; Ralph wollte gerade Forbe beiseite schieben und hinuntereilen, um den Bewohnern des Hauses zu helfen, als drüben im ersten Stockwerk ein Fensterladen aufgeschlagen wurde. Ein Mann beugte sich heraus und sah zur Tür und den leckenden Flammen hinunter. Seine großen schwarzen Augen waren blank vor Angst.

Ralph erkannte ihn sofort.

»Danjuro!« sagte er erstaunt.

Davis nickte; er war in das Einstellen seines Kodaks vertieft. Die Flammen leckten zum ersten Stockwerk hinauf, erfaßten den Fensterladen, den Danjuro eben geöffnet hatte, steckten ihn in Brand und wurden von dem Zugwind ins Haus gesogen.

Da endlich verließen die Ratten das bedrohte Nest.

Zuerst kam ein junger Chinese, halb Knabe noch, stand eine Sekunde vor der Tür und rieb sich die Augen, während er aufs Haus starrte, fing an zu weinen und lief davon. Darauf sah Ralph Danjuro in der Tür auftauchen, in einen langen, weißen Mantel gehüllt. Auch Davis hatte ihn gesehen, er beugte sich über den Apparat, und da die Fenstermatte ihn genierte, riß er sie mit einem raschen Griff herunter. Er knipste, Danjuro war aufgenommen.

Wieder und wieder knipste der Apparat, denn Davis machte Aufnahmen von allen, die drüben in der Tür zum Vorschein kamen, während sie einen Augenblick verstört und vom Licht geblendet zögerten.

Ralph sah zu seiner größten Verwunderung den Chinesen, Herrn Laou Wo auf der Schwelle, im Schein des zunehmenden Tages unter flackernden Flammen. Ihm folgte der kleine Birmese Maung Po, die Augen blank und unruhig, wie die einer Ratte; erst starrte er entsetzt in die Flammen und ließ darauf seinen Blick hastig prüfend über die Leute auf der Straße gleiten.

Es kamen mehrere, die Ralph nicht kannte; alle hatten etwas Lichtscheues und Aengstliches in ihrem Wesen, mehrere verhüllten sogar ihr Gesicht, indem sie so schnell wie möglich in der Menge zu verschwinden versuchten.

Ralph sah, daß der kleine untersetzte Bursche mit dem schwarzen, gestutzten Schnurrbart ganz in der Nähe stand und die Tür im Auge behielt. Bisweilen streifte sein Blick auch das Fenster, wo Ralph und seine Genossen standen. Wenn er ein Spion ist, der uns beobachten soll, dachte Ralph, hat er die beste Gelegenheit dazu; es fiel ihm aber nicht ein, sich vom Fenster zurückzuziehen oder Davis zu warnen, dessen Augen vor Eifer blitzten.

Sieh – dort kam eine Gestalt, in einen Mantel gehüllt, wie der Tahsildar in Kotagiri ihn getragen hatte. Statt eines Turbans hatte die Gestalt das Tuch über den Kopf geworfen, in der Eile aber glitt es auf die Schultern herab.

Der Mann zögerte einen Augenblick, dann wendete er seinen Kopf ihrem Hause zu.

Davis entschlüpfte ein Ausruf, Ralph sah ihn erbleichen, seine Hände aber ließen den Kodak nicht los. Es knipste, und im selben Augenblick erkannte Ralph das dunkle Haar, die weichen Mundfalten, den wehmütigen Ausdruck, es war Ramalingam.

Die Straße war voll von Leuten, die riefen und schrien, und mehr und mehr strömten aus den Seitenstraßen herbei.

Das Haus war von Flammen umsponnen, noch immer aber zeigten sich Nachzügler auf der Schwelle. Der Mann mit dem gestutzten Schnurrbart war durch die Hitze von der Tür vertrieben worden; jetzt war er damit beschäftigt, wie ein Schutzmann den Platz freizuhalten, damit die Feuerwehr, deren Signalhupe am Ende der Straße ertönte, ohne Aufenthalt ihre Arbeit beginnen konnte.

Da war sie. Die Leute stoben auseinander, indem sie sich gegen die Häuserreihen drängten.

Davis wollte gerade seinen Kodak zusammenklappen, als sich noch eine Gestalt in der Tür der Opiumkneipe zeigte.

Davis beeilte sich von neuem, den Apparat einzustellen. Die Gestalt schien zu schwanken, vielleicht weil die brennende Hitze sie lähmte, vielleicht, weil es ein alter und schwacher Mensch war, der nur mühsam gehen konnte. Er zögerte in der Tür und sah sich nach der Feuerwehr um.

Da kam Ralph der Gedanke, daß dieser Mann nur auf die günstige Gelegenheit wartete, wo die Feuerwehr aller Augen auf sich zöge, um unbemerkt zu entschlüpfen. Ralph fühlte, daß Davis dasselbe dachte; seine Augen ruhten brennend auf der Gestalt, die ganz in einem arabischen Mantel gehüllt war; den einen Zipfel des Mantels hielt sie zum Schutz gegen die Flammen vors Gesicht.

»Kommen Sie!« rief der Bursche mit dem gestutzten Schnurrbart und sprang näher, um dem Schwachen, der nicht hinauskommen konnte, zu helfen. Er faßte ihn am Arm, um ihn über die Straße zu führen, bevor die Feuerwehr da war, dabei aber riß er ihm durch eine ungeschickte Bewegung den Mantel von den Schultern, so daß der graue Kopf von den Flammen beleuchtet wurde. Der Mann machte eine Bewegung, als ob er sich von der hilfreichen Hand befreien wollte, sah aber im selben Augenblick ein, daß es zu spät war. Er richtete sich zu seiner vollen Höhe auf, musterte die Menge und ließ seinen Blick über die gegenüberliegende Häuserreihe gleiten.

Ralph begegnete den braunen Augen – eine Flamme beleuchtete das Gesicht mit den Leberflecken – es war Gamâl.

Im selben Augenblick knipste Davis' Apparat zum letzten Mal. Er beugte den Kopf, damit Gamâls Blick ihn nicht treffen konnte und stieß Ralph vom Fenster zurück, aber es war schon zu spät. Ralph hatte einen Blitz des Erkennens in den braunen Augen gesehen.

»Er hat uns gesehen!« sagte Davis, indem er hastig zurücksprang.

»Und was weiter? – Schlimmer wäre es gewesen, wenn Ramalingam Sie gesehen hätte.«

Davis machte einen Versuch zu lachen. Seine Hände zitterten so stark, daß er kaum den Apparat zusammenklappen konnte.

Als die Spritzen ihre Arbeit begonnen hatten, schlichen Ralph, Davis und Forbe sich einzeln durch das Gedränge fort. Einer Verabredung gemäß, trafen sie sich wieder an der Ecke des Beadon square, wo sie einen Wagen nahmen und zum Speisehaus nach dem Bow Bazar fuhren. Hier kleideten sie sich um und wuschen sich. Während Ralph eine Tasse Kaffee trank, fertigte Davis Forbe unter vier Augen ab, worauf der Agent für indische Antiquitäten und Kuriositäten wie ein Feldherr nach einer gewonnenen Schlacht Ralph die Hand drückte, als ob dieser ihm die erhabene Tat gedankt hätte.

Als sie wieder im Auto saßen, sagte Ralph zu Davis, indem er ihm fest in die Augen blickte:

»Sie werden wohl einsehen, Davis, daß Sie mir eine Erklärung schuldig sind.«

Davis starrte einen Augenblick vor sich hin, nickte dann und sagte:

»Heute abend werde ich sie Ihnen geben, jetzt müssen Sie mir etwas Ruhe gönnen. Bedenken Sie, ich muß heute um elf Uhr zur Pali-Sitzung, und dazu muß ich frisch sein.«

»Gut, also heute abend.«

Ralph legte sich in den Wagen zurück, während der weiteren Fahrt wurde nicht gesprochen.

Als sie ins Hotel kamen, streckte Ralph sich in seinen Liegestuhl und schlief gleich ein. Er erwachte erst gegen elf Uhr. Als er zum Frühstück herunterkam, war Davis bereits zur Pali-Sitzung gefahren. Ralph fragte nach Danjuro und erfuhr, daß der Japaner gestern abend krank geworden sei und zu Bett liege.

Je mehr Ralph über die Ereignisse des Morgens nachdachte, desto rätselhafter erschienen sie ihm. Schließlich vertröstete er sich darauf, daß Davis ihm abends die versprochene Aufklärung geben würde. Nach dem Frühstück fuhr er zum Botanischen Garten auf der anderen Seite des Flusses. Er verbrachte einige Stunden im Schatten des mächtigen Banyanbaumes, der mit seinen Wurzelstämmen einen ganzen Wald bildete, obgleich es nur ein einziger Baum war, dessen Mutterstamm nicht mehr nachgewiesen werden konnte.

Kurz vorm Mittagessen kehrte er zurück. Davis war noch nicht da.

Als Ralph in sein Zimmer trat, sah er eine Handtasche mitten auf dem Tisch stehen. Er erkannte sie nicht gleich, fand aber bei näherer Untersuchung seinen eigenen Namenszug auf dem Beschlag.

Es war die Handtasche, die man ihm in Kotagiri gestohlen hatte. Er öffnete sie, alle seine Papiere lagen in einem zierlichen Haufen, mit einem Bastfaden umbunden, beisammen; nicht ein einziges fehlte.

Er klingelte und fragte den Kellner, aber weder er noch jemand anders im Hotel konnte Auskunft darüber geben, wer die Tasche gebracht hatte.

Noch hatte Ralph sich nicht von seinem Erstaunen erholt, als der Kellner wieder hereinkam und ihm eine Karte überreichte, die ein Chauffeur während Ralphs Abwesenheit gebracht hatte.

Es war Davis' Visitenkarte und es war Davis' Handschrift.

Auf der Karte stand:

 

»Konnte nicht am Pali-Fest teilnehmen, weil ich bei Cook, wo ich auf dem Wege vorsprach, ein Telegramm vorfand, das meine sofortige Abreise ins Innere des Landes für kürzere oder längere Zeit notwendig macht. Schicken Sie mein Gepäck zu Cook zum Aufbewahren.

Gruß!

Davis.«

* * *

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