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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Die Rani war morgens mit den Kindern ausgefahren, um ihnen den Zenanagarten mit seinen Blumen, Springbrunnen und Pfauen zu zeigen. Helen wollte die Gelegenheit benutzen, um den Tempel mit den heiligen Affen und Gyan Kup, den Brunnen der Weisheit, zu besehen. Der Sirda begleitete sie als Führer und Beschützer.

Als Helen zurückkehrte, war die Rani noch nicht zu Hause; kurz vorm Mittagessen aber schickte sie Bescheid, daß die Kinder so glücklich im Garten wären, daß sie es nicht übers Herz bringen könnte, vor Abend mit ihnen nach Hause zu kommen. Helen mußte allein essen.

Als Helen nach dem Mittagessen den Salon der Rani betrat, wo der Kaffee serviert wurde, war das Zimmer leer. Sie machte es sich in einem Ecksofa bequem, und schlief bald ein, müde nach dem heißen Tag. Sie erwachte dadurch, daß der Rajah vor ihr stand und sie anstarrte. Seit mehreren Tagen hatte er sich nicht gezeigt. Helen erschrak bei seinem veränderten Aussehen. Sein Gesicht war mager geworden, sein Blick hatte den funkelnden Glanz verloren und war matt, wie der eines Fieberpatienten nach der Krankheit.

»Sind Sie krank?« fragte Helen mit unwillkürlichem Mitgefühl.

Er starrte sie an, ohne zu antworten. Hatte er ihre Worte nicht gehört? Da brachte er schwer und stöhnend heraus, als ob das Sprechen ihm Qual verursachte:

»Sie, die ich vom einen zum andern Leben liebte, wendet ihr Antlitz von mir.«

Helen fühlte sich von dem Schmerz in seiner Stimme ergriffen. Dieser Kopf auf dem starken Halse, der nie gelernt hatte, sich zu beugen, war gesenkt. Etwas Gebrochenes lag über der kräftigen Erscheinung, als ob er jeden Augenblick vor ihren Augen zusammenbrechen könnte.

»Wie ist es nur möglich,« sagte sie sanft, »daß eine unbedeutende nordische Frau zum Wohnsitz für die Seele der Krondame auserwählt wäre?«

Seine Augen fielen auf ihren Fuß, der auf dem Kissen vor dem Diwan ruhte, ein Zucken ging über sein Gesicht, er legte sich auf die Erde, und indem er sanft mit seiner Hand über ihren Spann strich, flüsterte er:

»Ehemals trug er eine perlengestickte, seidene Sandale.«

Sie dachte an die Schönen im Zenana, die goldgestickte Saffianpantoffeln an ihren nackten Füßen trugen. Sie zog ihren Fuß zurück und sagte:

»Wieviele Frauenfüße haben Sie schon in Ihrer Hand gehalten?«

»Keinen, seitdem du zurückkehrtest.«

»Gehören die Frauen draußen in den Gärten nicht Ihnen?«

Sein Gesicht verzog sich vor Ekel.

»Und gehören die Pferde in meinem Stall nicht mir? Und die Papageien und Pfauen in meinem Garten? Ich spiele mit ihnen eine Stunde oder zwei. Wie aber sollten sie den Weg zu meinem Herzen finden?«

Ich will gehen, dachte Helen, aber er sollte nicht glauben, daß sie Furcht vor ihm hatte. Sie verweilte und sein Blick veranlaßte sie zu sagen:

»Für den Mann, den ich lieben könnte, dürfte es keine andere Frau geben als mich.«

Eine Hoffnungswoge schoß in ihm empor und machte seinen Blick leuchten. Er richtete sich auf und streckte ihr die Hände entgegen:

»Ich sende sie morgen fort, wenn du willst. Es soll kein Haar auf ihrem Kopf, kein Duft von ihrem Atem übrig bleiben, wenn du es nicht willst.«

Dankbarkeit mit Mitleid vermischt, flossen ihr in einem wärmenden Strom durchs Herz, so daß sie ihm wie selbstvergessen ihre Hand überließ. Er ergriff sie, drückte sie gegen seine fieberheißen Augenlider und hielt sie dann von sich ab, in ihren Anblick versunken.

»Du hattest die weiße Haut deiner Vorfahren, der Parsen. Es gab nicht eine Stelle auf deinem schimmernden Körper, den meine Lippen nicht berührten.«

Er führte ihre Hand an seine Lippen. Helen aber entriß sie ihm und erhob sich. Im selben Augenblick war auch er aufgesprungen, mit flammenden Augen stand er vor ihr, breitete die Arme aus und sagte:

»Sieh, alles dies ist dein, der Palast, der Garten, alles ist dein.«

Er ging auf einen Schrank von Sandelholz zu, dessen kunstfertige Schnitzerei Helen oft bewundert hatte. Indem er auf eine geschnitzte Blume drückte, sprangen zwei Flügel auf und eine Platte von Ebenholz, mit Elfenbein eingelegt, kam zum Vorschein. Er drehte an einer weißen Figur und die Ebenholzplatte sprang wie eine Tür auf und legte einen Raum mit offenen Fächern bloß.

Aus diesen Fächern nahm er eine Schale nach der andern und setzte sie vor ihr auf den Tisch. Eine war mit echten Perlen gefüllt, so groß, wie die, die er um den Hals trug. In einer andern waren große schwere, ungeschliffene Rubine von tiefstem Burgunderrot, in einer dritten lauter leuchtende Saphire. Da waren Smaragde, wie der grüne Lenz, und Hyazinthe von funkelndem Feuer.

»Das alles ist dein,« sagte er, »und alles, was dort draußen auf dem Schloß meiner Väter zwischen den Flüssen liegt.«

Er griff mit vollen Händen in die Schalen, hob die blitzenden Steine zum Licht und ließ sie durch die Finger herabtröpfeln; ein Teil fiel auf die Erde, er aber achtete es nicht.

»Sieh den Glanz – sieh die Glut! Wecken sie nicht Erinnerungen in deiner Seele.«

Helen starrte benommen auf die blitzende Fülle. Es war ihr wirklich, als habe sie das alles schon früher gesehen – damals, als sie alles besaß, was reich und schön auf Erden ist. Mir träumt, dachte sie und griff sich an den Kopf, um die Gedanken festzuhalten, die durch eine Tür, die sich in ihrem Gemüt geöffnet hatte, davonzuflattern schienen.

Er sah das bebende Traumlächeln um ihren Mund, ergriff ihre Hände und zog sie an sich.

»Geliebte,« flüsterte er, »komm heute nacht in den Jasminturm!«

Ein Nebel legte sich vor ihren Blick. Seine Stimme erreichte sie aus der Ferne. Ihre Hand lag willenlos in seiner, sie vermochte kein Wort zu sagen. Sie hatte ein süßes Gefühl, als ob sie unwiderstehlich in seine Arme glitte. Ich bin verloren, dachte sie während der Verzauberung – ich werde es nie verwinden – werde nie mehr Ralph zu sehen bekommen – Schehanna wird in meinem Herzen verlöschen ... Und dennoch war es selig so zu gleiten, gleiten –

Schritte ertönten, sie hörte sie wie im Traum. Hinter ihnen wurde eine Tür geöffnet, sie wußte, daß es die Rani war, die zurückkehrte; dennoch erwachte sie nicht aus ihrer Verzauberung. Erst als die Kleinen auf sie zugesprungen kamen und sie ihre Hände auf ihren Knien fühlte, kam sie wieder zu sich.

Eine tiefe Röte stieg ihr in die Wangen und ihr Blick suchte die Rani, als ob er sagen wollte: Ich wollte es nicht, aber er war stärker als ich.

Die Rani umfaßte sie, den Rajah und die Juwelenschalen mit einem einzigen Blick ihrer großen Augen. Dann lächelte sie schwermütig und beugte den Kopf, als ob sie sagen wollte: Was geschehen soll, geschieht.

Die Kinder erzählten und riefen durcheinander, ohne daß Helen ein Wort davon verstand. Sie nahm sie bei der Hand und ging gesenkten Kopfes aus dem Zimmer.

In der Tür mußte sie sich umwenden, so stark war sein Wille. Sein Blick rief ihr zu: Komm zu deinem Lager im Turm heute nacht!

Helen brachte die Kinder zu Bett. Sie hörte auf ihr munteres Geplauder, lächelte und nickte; sie tat alles, was sie sonst zu tun pflegte, aber es geschah wie im Schlaf. Sein Blick war beständig über ihr, lag auf ihrer Stirn, ihren Augen, ihrem Gemüt. Mechanisch machte sie sich für die Nacht fertig, setzte sich mit den Händen im Schoß aufs Bett und starrte auf die Uhr auf dem Nachttisch.

Als der Zeiger elf zeigte, erhob sie sich und ging unter dem Zwang seines Blickes zur Tür. In demselben Augenblick aber, als sie sie öffnen wollte, wurde sie von einem Schrei aus dem Bett der Kinder geweckt. Sie lief hin und schlug den Vorhang beiseite. Astva saß aufrecht im Bett mit glühenden Wangen und fieberglänzenden Augen.

Sie kniete nieder und zog die Kleine an sich. Ihr Herz schlug im Fieber, Helen konnte es an ihrer Brust fühlen. Sie rief sie beim Namen, bis Astva sie erkannte und sich wieder in die Kissen legte. Da ging ein Schauer durch Helen; denn der große fiebervolle Blick, der ihr aus dem Kissen entgegenstarrte, verwundert und vorwurfsvoll, war Schehannas Blick, wie er sich in ihrer Todesnacht tief in Helens Herz gesenkt hatte. Seit sie in das Haus des Rajahs gekommen war, hatte er dort nicht mehr geleuchtet. Helen umfaßte den kleinen Kopf mit ihren Händen und rief Schehannas Namen, während Tränen ihren Augen entquollen. Der Bann von ihrem Gemüt war gelöst, der Friede in ihr Herz zurückgekehrt. Sie fühlte, daß sie durch ein Wunder gerettet worden war; indem sie die kleine fieberheiße Hand gegen ihre Lippen drückte, erinnerte sie sich Dasturan Dasturs Worte: »Sei Vater und Mutter für die Kleinen, dann werden sie Vater und Mutter für dich sein.« Ja, so hatte es sich erfüllt.

Helen klatschte in die Hände und trug dem Mädchen auf, der Rani zu melden, daß eines der kleinen Mädchen erkrankt sei.

Während sie am Bett wartete, mit Astvas Hand in der ihren, erstand Ralphs Bild in ihrem Herzen klarer als je. Sie fühlte, daß sie von dem Versprechen entbunden war, mit dem sie in jener Nacht in der Wüste sein Leben von unbekannten Mächten erkauft hatte. Warum sie es gerade jetzt wußte, das verstand sie nicht, sie fühlte es nur. Sie wußte, daß sie ihm für alle Zeiten angehörte, und sie gelobte sich, daß sie die Seine werden wollte, ohne Vorbehalt und ohne Bedingungen, wenn es ihr glückte, ihn wiederzufinden. Es war ein Glück, das hoch über alles Begehren stand, sie setzte ihr Leben ein, aber sie würde es erneut zurückbekommen – das war Liebe. Sie erinnerte sich der Worte, die auf dem Wege nach Kandy plötzlich zu ihr gekommen waren: »Nur im Menschenpaar wird das Leben vervollkommnet und geht den Weg zu Gott« – jetzt meinte sie sie zu verstehen. Ihr ahnte, was sie in jener Nacht in der Wüste getrennt hatte – sie waren unter die Herrschaft einer Auswahl geraten, eine unbekannte Macht hatte sie zurückgehalten, damit die Liebe so tief Wurzel in ihren Seelen schlagen konnte, daß sie sich nicht in Leidenschaft verlor, sondern zu der Vollkommenheit des Lebens wurde, die nach Erneuerung in einer höheren Form strebt. Schehanna hatte das ihrige dazu beigetragen, ohne es zu verstehen, erst in ihrer Todesstunde war es ihr klar geworden. Dasturan Dastur aber, der durch das Dunkel schaute, hatte es gleich gesehen und verstanden. Er hatte sie zu Schehannas Leichenbegängnis gerufen, um ihr zu zeigen, daß die Einigung der Seelen vom Tode unberührt bleibt. Und es war so: niemals war Schehanna ihr näher gewesen, als nachdem die Todesvögel ihren Körper verzehrt hatten.

Sie dachte an Ralph und ihre Gespräche im Marmarameer. Er war hinausgezogen, um das Wesentliche und Wertvolle im Leben zu finden, sie, um den unbekannten Gott zu suchen. Hatte das, was sie suchten, sie nicht beide in ihre Hut genommen? – War ihnen das, was sie wünschten, nicht entgegengekommen? – »Wer den einzig richtigen Pfad wandelt« – dachte sie und beugte den Kopf im Gebet, daß die Macht, die sie nicht kannte, sie ferner auf dem richtigen Pfad durch eine ewige Auswahl der Liebe, der Vollkommenheit des Lebens zuführen möge.

Helen setzte sich an den Tisch und schrieb auf ihre Visitenkarte.

 

»Sie irren sich. Ich bin nicht Ihre Geliebte aus entschwundenen Tagen. Ich weiß es, denn endlich ist meine Erinnerung geweckt worden. Ich weiß, wen ich in einem früheren Dasein liebte, ich bin ihm auf meinem Wege begegnet, ich liebe ihn noch und werde ihn stets lieben, von einem Leben zum andern.

Leben Sie wohl!

Helen.«

 

Sie klatschte in die Hände und trug dem Mädchen auf, diesen Brief dem Rajah ins Turmzimmer zu bringen.

Die Rani kam; ohne ein Wort zu sagen, ging sie auf das Bett zu. Helen konnte an ihrem Gang sehen, wie erschrocken sie war. Kaum aber hatte sie Anna in tiefem Schlaf an Astvas Seite gesehen, als sie erleichtert aufatmete.

»Es ist nichts von Bedeutung,« sagte sie, »die Schwester ist frisch und gesund.«

Helen verstand nicht gleich, was sie meinte, erst als die Rani erzählte, wie die Kleinen den Tag im Zenat verbracht, wie die Frauen sie mit Konfekt und Früchten und süßen Getränken traktiert hatten, da begriff Helen, daß die Rani eine Vergiftung gefürchtet hatte – sie fand es anscheinend ganz naheliegend, daß eifersüchtige Frauen diejenige, die ihnen ihren Herrn genommen hatte, durch ihre Kinder treffen wollten.

Astva bekam einen Schlaftrunk, schlief bis in den Tag hinein und war gesund, als sie erwachte. Da begriff Helen, wie es mit ihrer Krankheit zusammengehangen hatte, und sie dankte Schehanna in ihrem Herzen.

Als Helen der Rani mitteilte, daß sie abreisen wollte, betrachtete die Fürstin sie mit einem Blick, der ihr zu Herzen ging. Helen beugte den Kopf und sagte leise:

»Ich bin die Braut eines andern.«

Die Rani schwieg. Etwas in ihrer stillschweigenden Bewegung aber veranlaßte Helen, den Kopf auf ihre Schulter zu legen – und während die Hand der Rani liebkosend über ihr Haar glitt, mußte sie weinen.

Beim Mittagessen fragte Helen nach dem Rajah und erfuhr, daß er sich zeitig am Morgen zu seinen Gütern zwischen den Flüssen auf die Jagd begeben hatte.

Als alles zur Abreise bereit war, bekam Helen Lust, das Bild der Krondame noch ein letztes Mal zu sehen.

Ein merkwürdiger Anblick begegnete ihr dort. Ueber die Seidenkissen war Asche gestreut. In dem persischen Teppich vor dem Diwan, wo der Rajah zu ihren Füßen gekniet hatte, war ein tiefer Schnitt gemacht, und als sie zu dem Bild aufblickte, dessen Vorhang zur Seite gezogen war, fuhr sie zusammen. In der Herzgegend saß ein Dolch, der bis an den weißen Elfenbeinschaft hineingestoßen war. Sie empfand es wie einen Stich in ihrem eigenen Herzen und konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß der Dolchstoß ihr zugedacht und sicher auch sein Ziel getroffen hätte, wenn sie in dem Augenblick, wo er die Wahrheit erfuhr, bei ihm gewesen wäre.

* * *

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