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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Als Helen von der sonnendurchwärmten Terrasse in das Halbdunkel der Halle trat, schlug ihr ein Duft von jahrealtem Parfüm entgegen. Er lag nicht hier und dort verstreut, sondern folgte ihr, während sie von der Rani die niedrigen, teppichbelegten Stufen hinaufgeführt wurde, wo schlanke, dunkle Eingeborene ihnen auf den breiten Absätzen begegneten und sich tief verneigten; derselbe Duft schlug ihr aus dem Schleier der Rani und den Kleidern der Diener entgegen; als Helen sich daran gewöhnt hatte, merkte sie, daß Rosenöl sein Hauptbestandteil war.

Sie betraten ein Zimmer, dessen offene Bogenfenster zum Fluß hinausgingen. Breite, weiße Segel boten Schutz gegen die Sonne. Mitten im Zimmer stand ein Himmelbett mit schweren Seidenvorhängen. Zwischen den Fenstern war ein venezianischer Spiegel über einer niedrigen Konsole, an der Wand stand ein Waschtisch aus kunstfertig ausgehauenem Marmor. Ueberall auf dem weichen Teppich lagen seidene Kissen verstreut, und vor einem Divan, der von seidenen Kissen gebildet war, stand ein niedriger Mosaiktisch. Außerdem war da ein moderner Toilettentisch mit Spiegel, und Stühle in englischem Stil mit eingelegten Perlmutttverzierungen. In der einen Ecke stand ein mächtiger Kleiderschrank im Empirestil mit einer Krone darüber. So stillos war die kostbare Einrichtung.

»Dies ist der Saal des Vizekönigs,« sagte die Rani.

Der verstorbene Maharajah, der Vater ihres Sohnes, hatte einst Besuch von dem Vizekönig und seiner Frau gehabt. Während ihres Aufenthalts hatten sie den Fürsten überredet, seinen Sohn zum Studieren nach England zu schicken. Ein Jahr darauf aber starb der Maharajah, und der Sohn mußte zu seinem Reich zurückkehren. Seit der Zeit waren englische Sitten im Palast eingeführt worden.

Die Rani klatschte in die Hände. Zwei weißgekleidete Mädchen kamen herein, nahmen Befehle entgegen und kehrten bald darauf zurück, die eine mit einem Waschservice aus Silber, das sie auf den leeren Waschtisch stellte, die andere mit weißen Tüchern.

»Ich habe kein Kinderzeug mehr,« sagte die Rani und lächelte wehmütig.

Sie wusch den Kindern Gesicht und Hände und wickelte sie in das Leinen, das das Mädchen gebracht hatte. Sie standen mit erstaunten Augen da und ließen alles über sich ergehen. Schließlich schob sie die Seidenvorhänge zurück und legte sie ins Bett.

Wieder klatschte sie in die Hände, das Mädchen kam, empfing ihre Befehle und kehrte mit einem seidenen Unterkleid zurück, wie vornehme Hindufrauen es tragen, einem prachtvollen, geblümten Kaschmirschlafrock und goldgestickten Saffianpantoffeln.

Helen betrachtete die Kleider geblendet – sie blickte auf das Abenteuer, das sie in ihr Reich gezogen hatte. Die Rani lächelte und sagte, daß sie zurückkehren würde, wenn Helen sich umgekleidet hätte.

Helen entledigte sich ihrer nassen Kleider, wusch sich und zog das Kostüm der Rani an. Beim Anblick des Bildes, das sie in dem venezianischen Spiegel sah, vergaß sie alles, was sie an diesem wundersamen Morgen erlebt hatte, ihr Gemüt wurde von einem Wohlbehagen erfüllt, das alle Sorgen verdrängte und sie von der Vergangenheit in eine neue, strahlende Gegenwart führte.

 

Als die Rani zurückkehrte, wandte Helen sich zu ihr um und ihre Augen fragten: »Kleidet es mich Hindudame zu sein?«

Die Rani hob die Hände und betrachtete sie mit derselben Mischung von Staunen und Bewunderung, mit der sie sie vor Taj Mahal angeschaut hatte, als der Sannyasi seine lange Rede hielt. Dann wandte sie sich, nahm ein Flakon von dem Tablett, das das Mädchen trug, schüttelte etwas Pulver in eine Schale und goß eine dicke Flüssigkeit, die nach Pomeranzen duftete, über das Pulver. Darauf ging sie zum Bett, setzte sich auf die Kante und beugte sich zu den kleinen Mädchen herab. Helen sah zu ihrem Erstaunen, daß Astva lächelte und aus der Schale trank, die sie ihr bot. Da reichte auch die Schwester ihr Mäulchen hin.

Die Rani deckte sie gut zu und begann mit tiefer, monotoner Stimme zu singen. Sie saß mit gebeugtem Kopf, die Hände auf den Köpfen der Kinder; Helen sah ihr an, daß sie in Erinnerungen versunken war. So verharrte sie, bis die lauschenden Kinderaugen blank und müde und schließlich vom Schlaf geschlossen wurden.

Als sie sich erhob, gab Helen einem Gefühl nach, das sie trieb, die Hände der Rani gegen ihre Brust zu drücken. Die Augen der Rani ruhten dunkel und fragend auf ihr; Helen wurde verlegen und fragte, nur um etwas zu sagen, was sie den Kleinen gegeben habe.

»Einen Schlaftrunk gegen Fieber.«

Sie wollte, daß auch Helen ihn nehmen sollte. Helen trank davon, um sie nicht in ihrer mütterlichen Fürsorge zu verletzen; als sie aber die Schale aus der Hand setzte, fuhr der plötzliche Schmerz ihr wieder durch die Augen. Erst wurde alles dunkel, dann flimmerte es vor ihren Blicken, wie von fadenförmigem Getier. Ihre Lippen verzogen sich und sie hielt die Hand über die geschlossenen Lider, bis der Schmerz vorüber war.

Ohne ein Wort zu sagen, zog die Rani sie ans Fenster, kehrte sie dem Licht zu und sah ihr aufmerksam in die Augen, die mit ungewöhnlichem Glanz strahlten.

»Sie haben die Augenkrankheit,« sagte sie und schüttelte bekümmert den Kopf, »wie lange haben Sie sie schon gehabt?«

Helen erzählte, wie lange es her sei, daß sie zum erstenmal den Schmerz gespürt und wie plötzlich er käme und wieder verschwände; wie ein junges Mädchen, das Schelte erwartet, sagte sie:

»Ich weiß, ich hätte einen Arzt aufsuchen müssen, aber ich hatte soviele andere Dinge im Kopf.«

Die Rani nickte.

»Darauf verstehen eure Aerzte sich doch nicht.«

Sie hob Helens Augenlider hoch und blickte ihr aufmerksam in die glanzvolle Iris. Darauf nahm sie ihre Hände und sagte:

»Bleiben Sie bei mir, ich werde Sie kurieren, wie meine Mutter mich kurierte und ihre Mutter wiederum ihren Sohn. Es ist eine Kunst, die sich in unserem Geschlecht seit den Tagen des großen Schah Jehan von Mutter auf Tochter vererbt hat.«

Helens erster Eindruck war Dankbarkeit und Freude, dann aber tauchte das Hotel in ihr auf, ihr Gepäck, die Reise, alles, worin sie noch bis zu diesem Morgen gelebt hatte. Verwundert über das, was mit ihr geschehen war, blickte sie sich im Zimmer um, als wollte sie sich überzeugen, daß sie auch wirklich hier stehe – in dem Palast eines indischen Rajahs am Ufer des Ganges. Ihr Blick suchte abermals den der Rani, der aufmerksam auf ihr ruhte. Dann kehrte ihr erster Eindruck zurück. Warum nicht? sagte eine Stimme in ihrem Innern. – Sie drückte die Hände der Rani gegen ihr Herz, wie sie es vor einem Augenblick getan hatte. »Vielen Dank,« sagte sie, ihre Augen aber sagten noch mehr. Und das Gesicht der Rani leuchtete vor Freude, so daß sie verjüngt und verschönt aussah. Sie klatschte in die Hände, das Mädchen kam herein und sie prägte ihr einen langen Bescheid ein, den das Mädchen wiederholen mußte, bevor sie ging.

Während sie warteten, fragte die Rani Helen, ob sie allein oder mit ihr speisen wolle.

Helen hatte den Rajah und seine offenbare Verliebtheit bei den Erlebnissen der letzten halben Stunde ganz vergessen. Jetzt tauchte der Gedanke an ihn plötzlich wieder in ihr auf.

Die Rani mißverstand ihr Zögern und erklärte lächelnd, daß der Koch des Palastes in dem größten indischen Hotel, im Taj Mahal in Bombay, gelernt habe.

Helen lachte über das Mißverständnis und bat die Rani, ob sie den Tag mit ihr teilen dürfe, soweit ihre fürstliche Stellung es erlaubte. Den Rajah nannte sie nicht, mit weiblichem Takt aber verstand die Rani, was Helen dachte, und indem sie ihr die Speisezeiten des Hauses nannte, sagte sie, daß der Rajah, den Sitten des Landes zufolge, für sich allein speise; nur eine Stunde gegen Abend pflegte er im Salon seiner Mutter zu verbringen.

Zwei Mädchen, die beide Englisch konnten, würden Tag und Nacht zu ihrer Verfügung stehen, Helen brauche nur in die Hände zu klatschen, wie sie es bei der Rani gesehen habe. Sie schliefen auf der Matte vor ihrer Tür.

Jetzt kam das Mädchen wieder herein, mit Flakons und Dosen aus altem ziseliertem Silber. Die Rani maß die Flüssigkeiten ab und goß sie in ein Gefäß, mischte und rührte sie, nahm dann ein feines Leinentuch, tauchte es in die Mischung und badete Helens Augen. Erst brannte es ein wenig, gleich darauf aber folgte eine wunderbar beruhigende Kühlung.

So sollte Helen ihre Augen am liebsten jede Stunde baden; die Rani bereitete sie darauf vor, daß die Kur lange dauern würde, weil sie so spät begonnen wurde.

*

Als die Rani sie verlassen hatte, wurde Helen von einer Schläfrigkeit überfallen, die ihr die Glieder schwer machte; sie legte sich neben den Kindern aufs Bett und dachte, daß die Müdigkeit gewiß von dem Schlaftrunk herrührte, als sie auch schon schlief.

Sie erwachte von dem schallenden Laut eines Gongs. Sie sah auf die Uhr – die Uhr war zehn – es war Frühstückszeit.

Auf dem breiten Korridor stand ein hochgewachsener Eingeborener mit einem Turban, der größer und prachtvoller war, als der der anderen, mit weißen Sandalen und Beinkleidern, die ganz bis auf die Fußgelenke fielen. Er verneigte sich mit großem Anstand und streckte ihr die Hand grüßend entgegen, worauf er sich umwandte und ihr den Weg zeigte. Es war der Sirda – der oberste Diener.

Sie aßen in einem kleinen viereckigen Saal, wo nur ein Eßtisch und Stühle standen. Der Sirda blieb an der Tür stehen und überwachte die Anrichtung.

Das erste Gericht war Karri. Was alles das war, was ihr auf silbernen Tellern zum Reis geboten wurde, dessen Körner größer und weißer waren, als sie sie je gesehen, konnte Helen nicht entscheiden – da waren mindestens ein Dutzend verschiedener Dinge, etwas war feingehacktes Lammfleisch, etwas anderes Fisch; Chutney erkannte sie auch; aber da waren getrocknete und eingemachte Dinge, wunderbar aromatisch, wie sie sie noch nie geschmeckt hatte.

Es gab Rotwein in kleinen Kristallflakons, mit Pfropfen von massiv gehämmertem Silber – und es gab Sorbet und Zitronen und Pomeranzen in herrlich bemalten Lehmgefäßen. Sobald Helen aus ihrem Glas getrunken hatte, ergriff der Diener es, leerte den Rest in eine Kumme und schenkte von neuem ein, damit das Getränk nicht warm würde.

Während der Mahlzeit wurde die Luft, die durch die offenstehenden Fenster kam, von einem mächtigen altmodischen Punkah in Bewegung gesetzt, der ebenso rot war, wie die Schärpen und Turbane der Diener. Er hing in seiner ganzen Länge unter der Decke und wurde von zwei Punkahmännern im Korridor gezogen.

Als die Rani sich zurückzog, um zu ruhen, riet sie auch Helen, sich zu legen und gab ihr zu verstehen, daß von elf bis vier Uhr nur Diener und die niedrige Kaste eine Beschäftigung vornähmen; auch wäre es am besten für ihre Augen, wenn sie das Licht während der wärmsten Stunden mied.

Helen fand ihre und der Kinder Kleidungsstücke getrocknet, gereinigt und zierlich über ein paar Stühle gebreitet. Trotzdem behielt sie das schöne Ranikostüm noch den ganzen Vormittag an, während sie auspackte und alles in ihrem neuen Heim einrichtete.

Im Laufe des Tages erwachten die Kinder, erfrischt und hungrig. Helen klatschte in die Hände und die Kleinen bekamen zu essen. Wieder und wieder klatschten sie die Mädchen herein und fanden, daß es ein herrliches Spiel sei. Schließlich mußte Helen es ihnen verbieten. Vor Abend waren die Kinder so gute Freunde mit den Mädchen, daß sie sich von ihnen entkleiden und zu Bett bringen ließen.

Nach dem Mittagessen führte die Rani Helen in ihren eigenen Salon. Ein behaglicher, hoher Raum mit dicken Teppichen, niedrigen Seidenkissen und Diwanen mit Goldbrokat überzogen. Kleine Ebenholztische im alten indischen Stil, und an den Wänden seidene Teppiche, wunderbar harmonisch in den Farben, kunstvoll mit Gold und Silberfäden bestickt, in Mustern, die Helen bekannt erschienen; schließlich erinnerte sie sich, daß sie diese Blumenornamente in der Kuppelhalle des Grabschlosses gesehen hatte – auf dem gelben Marmor der Sarkophage, mit eingelegten Edelsteinen.

In einer Ecke stand auf einem Tisch aus dunklem Sandelholz ein Götzenbild aus Elfenbein, davor eine goldene Schale, mit Reis und Weihrauch, und in einer schönen, alten indischen Lehmvase stark duftende, gelbe Blumen. Ein Stein, größer wie ein Ei, grün wie Meerwasser, lag in einer silbernen Schale.

»Das ist Krishnas Altar,« sagte die Rani und sah Helen an, als ob sie sagen wollte: »Jetzt hast du andere Götter, einst aber betetest du zu demselben Gott wie ich.«

Plötzlich drehte Helen sich um. Der Rajah stand hinter ihr. Lautlos war er hereingekommen und hatte sie mit seinen glänzenden schwarzen Augen zu sich herangezogen. Dort stand er an der Tür, in einem hochroten Sammetfrack, der mit weißen Bändern gesäumt war, einem goldgestickten Gürtel und weißen Kaschmirhosen, die nach der Rajahmode faltig lagen. Er trug blitzende Lackschuhe, aber weder Kragen noch Manschetten. Der Rock schloß dicht an seinem starken Hals, darüber trug er eine Doppelkette von echten Perlen, die ihm auf die Brust fiel.

Indem er sich vor ihr verneigte, merkte sie, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Sie nahm hastig neben der Rani Platz.

Der Rajah blieb in einer entfernten Ecke auf dem Diwan sitzen, und Helen konnte sehen, wie das Blut Schatten über seine Schläfen jagte. Sie fühlte seine Augen wie einen Brand auf ihrer Backe und hütete sich, seinem Blick zu begegnen. Wenn seine Mutter ihn ins Gespräch zog, antwortete er einsilbig. Helen merkte bald, daß er sich durch ihre Nähe ebenso geniert fühlte, wie sie sich durch die seine. Sein Gemüt ließ ihm keine Ruhe, er ging von einer Ecke des Zimmers zur anderen; als sie sich schließlich erkühnte, ihm nachzusehen, war er verschwunden.

Schließlich berührte Helen das Thema, das ihre Gedanken die ganze Zeit umkreist hatten.

»Das Muster dort auf dem Teppich«, sagte sie und zeigte auf die Wand, »erinnert mich an die Sarkophage in Taj Mahal.«

»Ja,« sagte die Rani.

Es entstand eine Pause. Helen faßte Mut und fragte:

»Haben Sie nicht ein Bild von der Krondame? Ich möchte sie so gern sehen.«

Die Rani erhob sich, nahm sie, ohne ein Wort zu sagen, bei der Hand und führte sie aus dem Zimmer. Sie durchschritten einen teppichbelegten Gang, stiegen eine Wendeltreppe hinauf und standen in einem achteckigen Zimmer, mit zwei offenen Bogentüren, die zu einem überdeckten Balkon führten, von wo der Himmel, der bereits einen Abendschein bekommen hatte, ihnen entgegenleuchtete. Durch die hohe Marmorbalustrade des Balkons sah Helen die Stadt und den Fluß; gedämpftes Summen stieg von dort herauf.

Helen blickte sich verwundert um, sie meinte, sie hätte dieses Zimmer schon früher gesehen: die Ornamente auf den Fensterbögen von eingelegten grünen, gelben und roten Steinen, die schlanken maurischen Säulen, die das Dach über dem Balkon trugen, und das Muster des Marmorfußbodens. Als Helen auf den Balkon hinaustrat und sah, daß es ein Rundgang war, der um das ganze Zimmer herumführte, und daß sie sich in einem achteckigen Turme befand, erinnerte sie sich, wo sie dies alles schon gesehen hatte.

»Der Jasminturm in Agra, nicht wahr?« sagte sie und wandte sich fragend zur Rani.

Die Fürstin nickte.

Der Marmorturm, den der Schah seiner heißgeliebten Arimand Banu gebaut hatte, war hier bis in die kleinsten Einzelheiten nachgemacht. Nur der breite Diwan von aufgestapelten Seidenkissen mitten im Zimmer fehlte.

Die Rani zog sie wieder ins Zimmer und zeigte auf zwei Wandteppiche, die sich gegenüber hingen und ganz gleich waren: auf hochrotem Grunde war ein Lebensbaum mit kleinen Vögeln und herrlichen Früchten gestickt.

Als Helen die Teppiche eine Weile schweigend bewundert hatte, zog die Rani den einen beiseite: dahinter kam ein Brustbild auf Elfenbein gemalt, in ovalem Ebenholzrahmen, zum Vorschein. Es stellte eine Frau in Hoftracht dar, mit einer Rose in der Hand. Sie trug eine perlengeschmückte Kopfbedeckung, Perlenketten hingen ihr von den Ohren und eine vielreihige Perlenkette über den goldgestickten Bolero. Das reine Oval des Kopfes, von schwarzem Haar und weißen Perlenschnüren eingerahmt, der seine Bogen der Brauen, die mandelförmigen Augen mit dem violetten Traumdunkel der Pupillen auf der opalblauen Wölbung, die reine Linie der Nase, die zu den edel geformten Flügeln sanft abfiel, die sanft geschwungenen Lippen, die sich auf der Trefflinie des Mundes begegneten – alles atmete veredelte Sinnlichkeit in harmonischem Zusammenklang mit der Keuschheitslinie des Kinns.

Es war die Krondame, Arimand Banu, die Heißgeliebte.

Helen stand in Anschauen versunken, bis die Rani ihren Arm berührte und ihr das Bild hinter dem Teppich gegenüber zeigte.

Ein stolzer Kopf mit einem starken und reinen Profil, ein fester Mund mit einem Lächeln, das Gutes und Böses verbarg; ein schwarzer Bart, der den hinteren Teil der Wangen bedeckte, in einem schmalen Band über den Mund lief und die festen und vollen Lippen, den hohen Spalt des Mundes und das lange Herrscherkinn freiließ. Das war der Herr der Krondame, der große Jehan. Um den Hals trug er eine Doppelkette von großen schweren Perlen wie die, die Helen an dem Hals des Rajahs gesehen hatte, ein Turban aus Perlenbändern mit dem Emblem der Schahs krönte ihn.

Unter dem Bild der Krondame stand ein niedriger Tisch, auf dem ein goldgestickter Bolero, ähnlich dem, den sie selbst trug, wie eine Altardecke ausgebreitet lag.

Der Marmorrahmen des Türbogens fing jetzt einen Purpurschein des Himmels auf. Tiefe Dämmerung legte sich über die Bilder, verlöschte die Farben und gab den edlen Gesichtern, die sich von dem geisterweißen Grund des Elfenbeins abhoben, ein geheimnisvolles Schattenleben. Helen konnte sich kaum von der Stimmung eines träumenden Lebens und lebenden Traumes freimachen, die mit den Schatten in diesem Zimmer emporstiegen, das von jeder Wirklichkeit, von Zeit und Raum losgelöst zu sein schien.

Als die Rani ihre Hand berührte, fuhr sie zusammen und atmete tief auf; als sie sich in der Tür noch einmal umwandte, sagte die Fürstin:

»Sie können wiederkommen so oft Sie Lust haben; die Tür ist immer offen.«

 

Als Helen in ihr Zimmer zurückgekehrt war, wo die Kinder schon schliefen, öffnete sie die Fensterflügel, blieb im Dunkeln sitzen und ließ die Sternennacht, die von Millionen leuchtender Leben erzitterte, auf ihr Gemüt einwirken. Die Arme auf der Fensterbrüstung, blickte sie auf den Fluß hinab, wo eine vereinzelte Bootslaterne mit einem langen Lichtstreifen hinter sich, langsam über das Wasser glitt. Ihre Gedanken aber waren nicht bei dem, was sie sah, und nicht bei der Vergangenheit, sie waren weder in ihrer Heimat, noch auf der Reise; das alles lag irgendwo draußen wie ein Schleier, den sie abgelegt hatte – ihre Seele saß hier nackt und allein, Auge in Auge mit dem ewigen Augenblick, der oben im Turmzimmer auf sie herabgeatmet hatte, wie damals aus dem Dunkel des Kuppelgewölbes über dem Grab der Krondame. Sie hatte ein Gefühl, als ob die Wurzeln ihres Wesens halb ängstlich zurückweichend, halb neugierig verlangend, aus einem neuen Leben Nahrung sogen, und sie fühlte sich schwach wie eine Blume, die mit dem Kopf hängt, weil es ihrem Stengel noch an Festigkeit fehlt. Und wie eine Blume schloß sie sich schließlich vor der starken Nacht und schlief ein, den Kopf auf ihren Armen, bis sie von dem Spiel der Mücken auf ihrem Hals geweckt wurde.

Sie fuhr in die Höhe, griff verwirrt um sich, in der Urangst des Menschengemüts vor dem Unbekannten, bis ihr Auge auf den Sternennebel und den Fluß fiel, und sie zum Augenblick zurückkehrte. Sie ging eilig zu Bett und zog das Moskitonetz über sich. Sie hörte einen sanften, regelmäßigen Laut vor ihrer Tür, besann sich darauf, daß es das Schnarchen der Mädchen auf ihrer Matte sei, und gab sich ruhig dem Schlafe hin, die kleinen Mädchen ihr zur Seite.

 

Helen erwachte aus einem merkwürdigen Traum. Sie wuchs in einem Garten, zwischen vielen verschiedenartigen Blumen, einige groß und prangend, ohne Duft, andere klein und zart, mit edlem Blumenatem, und einige wenige, die zugleich groß und schön waren und herrlich dufteten. Die schönste von allen aber wuchs für sich allein in einem Beet unter dem Baum des Lebens. Sie meinte, daß sie nie eine schönere gesehen hatte und dachte: Ach, wenn ich doch diese Blume wäre! – Ihr träumte, daß das Licht und der Duft im Garten so stark seien, daß sie dadurch erwachte, aber daß sie, als sie erwachte, sich selbst sagte: Du duftest ja selbst, und sie versuchte, sich darüber klar zu werden, welcher Duft zwischen all denen, die ihr entgegenwogten, ihr eigener sei.

Im selben Augenblick erwachte sie wirklich. Sie sah den Betthimmel über sich und die Kinder, die sanft neben ihr schliefen, der starke Blumenduft des Traumes aber verweilte noch. Sie konnte deutlich unterscheiden, daß es Rosenduft war, stark kräutriger Rosenatem. Sie richtete sich auf, zog das Moskitonetz zurück und hob den Bettvorhang zur Seite, um sich zu vergewissern, daß sie auch wirklich wach sei.

Da sah sie neben sich auf einem kleinen Tisch einen Haufen großer goldenroter, indischer Rosen, und sie begriff im selben Augenblick, daß die Vorfahren dieser Rosen, die seit Jahrhunderten ihre Blumenseelen an diesem Ort ausgeatmet hatten, wie eine Atmosphäre über dem Palast lagen und ihr gleich entgegengeströmt waren, als sie über seine Schwelle trat, als wollten sie sie in ihr Reich hineinziehen. Sie begriff, daß das Mädchen sie dort hingelegt hatte, wie einen ersten Morgengruß; gleichzeitig aber wußte sie auch so sicher, als ob seine Karte zwischen den blühenden Blumenwangen gesteckt habe, daß der Rajah sie geschickt hatte.

Helen machte sich nicht klar, woher sie es wußte, ja, sie wunderte sich nicht einmal darüber. Während sie sich ankleidete, lockten die Rosen sie beständig zu sich, der Traum tauchte in ihrer Erinnerung auf, und sie versuchte aus ihrem eigenen Spiegelbild herauszulesen, welch wundersame Erlebnisse sie noch in dem Heim der Rosen erwarteten.

* * *

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