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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Helen spielte zusammen mit Herrn Millney, seinem Freund und ihrer jungen Landsmännin. Ralph sah von weitem zu, mißmutig und stumm. Ihr Lachen schnitt ihm ins Herz, und er ärgerte sich über sich selbst.

Er gab sich die größte Mühe, seinen Mißmut zu unterdrücken, wenn Helen beim Mittagessen lebhaft wurde und von dem Spiel des Vormittags erzählte. Sie übertrieb ein wenig und gab genau auf seine Miene acht; es war das Weib in ihr, das trotz Gelübde und Vorsatz sein Recht forderte. Es gewährte ihr einen armseligen Genuß, wenn sie sah, wie die Eifersucht sich durch einen unfreiwilligen Blitz in seinem Auge, einen unbewachten Zug seines Mundes verriet. Das war alles, was sie von ihrer verbotenen Liebe genießen durfte.

Ihr Spiel war gefährlicher als sie ahnte. Ralph war eine zu schwere Natur und verstand sich zu wenig auf Frauen, um zu begreifen, was in ihr vorging. Er horchte auf ihr Lachen, folgte dem Spiel ihrer Augen und wachte über die halbvertraulichen Worte, die sie mit dem Amerikaner und seiner Gesellschaft wechselte. Er grübelte über das, was sie gesagt hatte, wenn er allein auf seinem Deck über die Reling gebeugt stand und dem gleißenden Meerleuchten im dunklen Wasser folgte. Er wog und prüfte, und wenn sie zusammen waren, stellte er ihr Fragen, die er sich ausgedacht hatte, um ihre Seele zu ergründen.

Er fand, daß sie gegen Millney mit der hübschen Stimme ebenso offen war, wie gegen ihn. Wahrscheinlich saßen sie abends zusammen und vertrauten sich ihr Leben und ihre Gedanken an, wie er und Helen es getan hatten. Der Harvard-Student, Sohn eines reichen Mannes, der niemals Sklave der Arbeit gewesen war, verstand sich gewiß besser auf Frauen als er. Bald bereute er seine Zweifel an der Tiefe ihres Wesens und tat ihr im geheimen Abbitte. Bald wappnete er sich mit Stolz und sagte sich, daß er nichts verloren habe, wenn sie so leichten Kaufes zu haben sei.

Um die Gedanken an Helen von sich abzuschütteln, begann er sich den anderen Passagieren zu nähern. Er blieb im Rauchsalon sitzen, rauchte und trank und nahm an den Wetten über die Schnelligkeit des Dampfers teil. Er sprach von dem drohenden Weltkrieg; er näherte sich, auf die Gefahr hin erkannt zu werden, zeitig gealterten Landsleuten, die von demselben Tyrann gezeichnet waren, der auch den Fuß auf seinen Nacken gesetzt hatte, und unterhielt sich mit ihnen über die Überschwemmung, die den westlichen Staaten von Chinesen und Japanern drohte. – Wenn er aber spät in der Nacht auf sein Deck kam und sich in seinen Liegestuhl warf, schüttelte er all das, wovor er geflohen war und was seine Fangarme von neuem nach ihm ausstrahlte, von sich ab, und Helen aus der weißen Villa stieg mild und strahlend vor ihm auf, wie an jenem Abend, als sie ihr Leben vor ihm entfaltete und sagte: »So einsam bin ich, daß ich einem Fremden mein Herz öffnen muß.«

»Mir sind Sie keine Fremde« – hatte er geantwortet. Und er griff durch die Luft, wie er damals nach ihrer Hand gegriffen hatte.

An Bord fand ein Maskenball statt. Alle kamen in Kostümen zum Festessen, ausgenommen der Chinese und die ernsten Geschäftsleute, die sich nicht stören lassen wollten.

Ralph hatte bestimmt, daß er sich fernhalten wollte, und er hoffte im geheimen, daß auch Helen nicht teilnehmen würde, ebenso wie Schehanna, deren Religion sie von solchen Festen ausschloß. Bei Tisch aber erzählte sie ihm, daß sie in einem Kostüm von Schehanna kommen würde und bat ihn, auch an dem Ball teilzunehmen. Er schlug es kurz ab. Am nächsten Tage aber, als das Mittagessen sich näherte, änderte er seinen Entschluß. Der Gedanke, daß Millney ihr Kavalier werden würde, stimmte ihn im letzten Augenblick um. Er lieh sich Abbas' nationalen Festanzug, einen Kaftan aus gestreifter Seide, den er nicht mehr trug, seit er gelernt hatte, nach dem Paradies Europa zu streben.

Helen war strahlend schön in dem einfachen weißen Kostüm mit der dunkelvioletten Mäanderborte. Sie hatte sich vorgenommen, das Vergangene in dieser einen warmen Nacht zu vergessen, jung und ausgelassen zu sein, wie in ihren ersten Studententagen. Indem sie mit Ralph zu Tisch ging, bildete sie sich ein, daß er ein Fremder sei – sein Kostüm unterstützte sie darin – ohne Sorge und ohne Verantwortung, jung wie sie selbst, mit Fest im Herzen.

Ihre Freude steckte ihn an, und der Champagner tat das seine. Er wurde heiter und ausgelassen. Jetzt sah sie das Knabenlachen wieder in dem scharfen Profil, das sie den ersten Abend, als sie beisammen waren, so angezogen hatte. Sie freute sich darüber und senkte es in ihr Herz. Ihre Wangen röteten sich, sie wandte sich dem strahlenden Saal, dem Leben zu, das ihr von überall entgegensprudelte. Sie grüßte mit ihrem Glas zu Millney hinüber; Ralph vergaß seine Eifersucht und grüßte auch, und Millney versäumte aus seinem Glas zu trinken, so erstaunt war er über die Veränderung, die mit Helens verdrießlichem Begleiter vorgegangen war.

Als der Tanz begann und sein Arm zum erstenmal um ihrer Taille lag, als sein Blick dem ihren begegnete, der feucht wurde, als habe er eine wunde Stelle in ihrem Innern berührt, da fiel ihm ein Satz ein, den er mal irgendwo gelesen oder gehört hatte: Eine Frau muß genommen, nicht überredet werden. Und er beschloß, alles Gewesene über Bord zu werfen, sich ihr ohne scheue Anbetung zu nähern, den Kampf aufzunehmen und sie zu gewinnen, koste es, was es wolle.

Sie fühlte es. Ueberwältigt von Glück und Schmerz und zugleich Angst, schloß sie die Augen. »Nur diesen einen Abend,« gelobte sie sich in ihrem Herzen. Dann gab sie sich ganz dem Tanz in seinem Arm hin.

 

Schehanna erwachte und richtete sich mit klopfendem Herzen auf. Der Schweiß rann ihr in Tropfen über den Hals. Sie meinte, daß sie auf aufgeregter See triebe; ein kalter Wind strich über ihren Scheitel, gellendes Kreischen von dunklen Geistern klang ihr in den Ohren. Noch unter der Verzauberung des Traumes stehend, starrte sie auf den schwachen Schein, der durch die gelbe Gardine fiel. Schließlich aber wurde die Verzauberung von dem Schnurren des elektrischen Windfächers gebrochen. Von dem Fächer rührte der kalte Hauch auf ihrer Stirn her – und plötzlich wußte sie Bescheid. Es waren nicht Aeshmas Geister, die vor ihren Ohren kreischten, sondern das Schiffsorchester, das zum Tanz spielte, so daß sie es bis in die Fingerspitzen hinein fühlte.

Wie ist es nur möglich, dachte sie bei sich, daß ihnen das Freude macht! – Ob es nicht eher eine Sitte ist, um ruhelose Geister zu verscheuchen, die des Nachts das Schiff umschweben?

Sie stand auf und kleidete sich an. Als sie die Tür öffnete, blieb sie geblendet stehen beim Anblick des Lebens, das am anderen Ende des Decks wirbelte. Sie sah die roten und weißen Lichter an der Takelung, sah das schwirrende Spiel von bunten Gestalten, die sich in der Lichtfülle drehten. Sie sah die blanken Hörner der Musikanten blitzen; von ihnen gingen die Schreie aus, die ihr in den Ohren gellten.

Was mag das bedeuten, dachte sie und glitt näher, wie eine Maus, die wehrlos vom Licht angezogen wird.

Sie stieß mit dem Knie gegen einen Liegestuhl, der außer der Reihe stand. Aus der Dunkelheit über der hohen Reling faßte der Monsun nach ihrem Haar, das sie in der Eile nicht aufgesteckt hatte. Der heiße Wind verstärkte noch das Fieber in ihrem Blut. Ein Steward eilte mit einer Schüssel Butterbröte für den Rauchsalon vorbei; er warf ihr einen erstaunten Blick zu, als er den Ausdruck in ihren Augen sah; sie zog sich scheu an die Reling zurück, wo das Licht nicht hinreichte.

In der Tür zur Salontreppe sah sie Abbas. Er stand auf einem erschlichenen Platz und reckte den Hals. Sein Mund war geöffnet und er blinzelte mit großen blanken Augen in die wunderbare Herrlichkeit. Er sah sie, als sie vorbeiglitt, aber er achtete ihrer nicht; die wundervoll lächelnden europäischen Frauen hatten sie schon längst in den Schatten gedrängt.

Dort drinnen schwangen sie sich mit glühenden Wangen, mit Augen, die im Rausch des Tanzes strahlten. Die weißen Hälse hinter der dünnen Umhüllung bebten im Takt zum Tanze; er beneidete die Hände, die um die schlanken Taillen greifen, die Augen, die unter die Hülle spähen durften. Die Hände zitterten ihm vor Erregung. Das war das Paradies Europa, das ihm zum Klang der Pauken und Trompeten sein Glück und seine Lust offenbarte; das waren die strahlenden Houris, nach denen seine drusischen Träume sich sehnten. So nah war er, daß er zu ihnen hineinsehen konnte – und dennoch so fern.

Schehanna hatte ihren Kopf gegen das blaffende Segeltuch gelehnt, das zum Schutz gegen den Wind ausgespannt war. Sie stand im Dunkeln, der Tanz unterm Lichterglanz, die wirbelnden Paare in dem bunten Putz schlugen wie eine Brandung gegen ihre Seele.

Wie sie sich zulächelten, während sie sich durch den Raum wiegten – die Frauen in den Armen der Männer, das Gesicht zu ihnen emporgehoben, Brust gegen Brust wogend, die Lippen geöffnet, als atmeten sie süßen Duft.

Wirken denn Töne Wunder, dachte sie, daß alle Feindschaft der Liebe weicht? – Schweben die Geister des Lichts über ihnen?

Sie sah einen glühenden Kopf begehrend über eine halb entblößte Brust gebeugt. Sie sah ein Weib mit blanken Augen, das seinen Hals einem flammenden Blick darbot, wie Durstende einem gefüllten Becher entgegenlächeln.

Es wurde ihr schwarz vor den Augen. Aeshma-Daeva beschattete das Licht mit ihren Fledermausflügeln. Diven schwebten wie Fliegen mit Feuerschwingen hin und her, bis sie einen Weg zwischen den heißen Lippen fanden, und das Lächeln zu Grimassen verwandelten. Sie sah gequälte Seelen durch Dunkelheit gejagt, prunkende Kostüme wurden zu schimmernden Leichenkleidern, und das Begehren in den blanken Augen leuchtete wie Glut durch das tiefe Dunkel.

Sie wollte fliehen, das Entsetzen aber machte sie starr, und das Gebet erreichte ihre Lippen nicht.

Da merkte sie, wie etwas an ihrer Seele rührte, und sie sah Ralph und Helen drüben an der Kajütenwand vorbeigehen.

Sie sah das Lächeln um ihren Mund und den Blick in seinen Augen, während er sie vom Tanz fort zu dem menschenleeren Deck führte, das sich vorn in der Dunkelheit verlor.

Sie sah, wie Helens Lippen den seinen erwartungsvoll entgegenzitterten, und sie hörte ihr lautloses Gebet, »nur dieses eine Mal«. Sie sah Jahi, die böse Versucherin, ganz in ihrer Nähe schweben, ihre Seele beugte sich Helens zu –

Da stieß Schehanna einen Schrei aus und sank zu Boden.

Die Musik hielt inne, der Tanz brach ab. Ralph trug sie, von Helen gefolgt, in ihre Kajüte.

 

Vor dem Mittagessen fuhren Helen und Schehanna zur Esplanade hinaus, wo Reisende aller Länder sich trafen, um den Sonnenuntergang überm Meer erglühen zu sehen.

In zwei langen Reihen glitten die leichten Rickschaws über den breiten Fahrweg zwischen der Stadt und dem Gall Face Hotel. Der Strom, der hinausging, floß neben dem Strom, der zurückkehrte.

Helen sah viele Gesichter, die sie vom Dampfer her kannte. Es war ein Winken und Lächeln. »Wie geht's?« – »Herrlich, nicht wahr?« klang es im Vorbeifahren. Seidenstoffe schimmerten in hellen Farben, Parfüms lösten sich von heißer Frauenhaut und trieben mit der Luft. Zwischen einem Wirrwarr von Seelenkontakten wurden Blicke entzündet und verlöschten wieder, Lächeln des Wiedererkennens, Seufzer der Erinnerung von hastig rückwärtsschauenden Herzen lebten für einen kurzen Augenblick auf und wurden von einem neuen Anschlag, einem neuen Ton verdrängt.

Helen fühlte sich vom Strom ergriffen und mitgerissen. Es war, als ob eine Hand den Griff um ihr Herz gelöst habe. Sie vergaß Schehanna, die hinter ihr fuhr, vielleicht weil sie zum erstenmal von ihr vergessen worden war. Schehanna saß mit weitgeöffneten Augen da, die dennoch nichts sahen, ihr Blick war auf die Welt hinter dem Vorhang gerichtet. Sie hatte nachts im Traum Navsari und den rinnenden Fluß gesehen, und Dasturan Dastur hatte sie zu sich gewinkt. Jetzt lächelte sie in der sicheren Erwartung, daß sie dem Priester aller Priester begegnen würde; die Stadt hatte sicher einen Adaran, es galt nur, ihn zu finden.

Das Blut schoß Helen in die Wangen: Ralph kam ihnen entgegengefahren. In seinem weißen Anzug saß er unter der schmalen Kalesche. Das Sonnenlicht fiel ihm in einem schrägen Gürtel vom Knie bis zur Brust.

Sie hatte noch gerade Zeit, den mißmutigen Ausdruck in seinen Augen zu erspähen, als er sie entdeckte, und an dem Wechsel in seinem Blick sah sie, wie ihre eigene Wärme sein Gemüt entfachte.

Ralph berührte den rechten Arm des Kulis mit seinem Stock; sein Wagen bog aus der Reihe und schloß sich Helens an.

Die formellen Worte, die sie zum Gruß wechselten, wurden fast von der Woge gesprengt, die in ihnen emporschlug. Ralph brach das Eis. Es wirkte wie eine Befreiung, als er sagte, und seine Stimme klang heller als sonst:

»Kommen Sie morgen mit nach Kandy – lassen Sie uns Paradinyja, den Garten des Paradieses, zusammen sehen!«

Sie fühlte sich so überrumpelt, daß sie nichts zu sagen vermochte; aber sie nickte und ihre Augen wurden dunkel.

»Ich hole Sie morgen um acht Uhr ab.«

Er ließ seinen Wagen zurücklenken und grüßte, ohne ihrem Blick zu begegnen. Im Schwunge nickte er Schehanna zu, sie aber sah ihn nicht, hatte nichts gesehen: sie saß zurückgelehnt, die Hände über der Brust zusammengepreßt, der Blick verschleiert, ein stilles Lächeln auf den Lippen.

Es wurde Schlafenszeit, ohne daß Helen Schehanna ein Wort über den geplanten Ausflug gesagt hatte; sie konnte sich nicht entschließen, ob sie sie mitnehmen sollte oder nicht. Als der Morgen kam, faßte sie einen schnellen Entschluß und sagte durch die offene Tür:

»Ich fahre heute nach Kandy. Du kannst inzwischen nach deinem Adaran suchen. Der Portier wird dir gewiß sagen können, wohin du dich fahren lassen mußt.«

Sie sagte es wie ein Schulmädchen, das zu einem Stelldichein geht, und nannte Ralphs Namen nicht. Sie fürchtete, daß Schehanna in der Tür erscheinen und sie mit dem angstvoll fragenden Blick betrachten würde, der ihren Willen lähmte. Schehanna aber zeigte sich nicht, ihre Gedanken weilten bei ihrem Traum.

* * *

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