Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Laurids Bruun >

Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
Schließen

Navigation:

Es waren erst fünf Tage vergangen, seit Helen Bombay mit den beiden kleinen Mädchen und einem eingeborenen Reisediener, den Cook ihr verschafft, verlassen hatte; aber schon hatten die Kleinen sich so an sie gewöhnt, daß sie wetteiferten, auf ihrem Schoß zu sitzen, obgleich sie ihre Sprache nicht verstanden. Wenn Helen einen Wagen nahm, um Agra zu besehen, saßen sie bei ihr auf dem Sitz und zwitscherten wie Vögel an einem Frühlingstag über all das Seltsame, was sie sahen.

Das Hotel, in dem sie wohnten, war ein vornehmer alter Bungalow aus der älteren britischen Zeit. Es war ein einstöckiges Gebäude mit einem Säulenportal, das in einem ungepflegten Garten lag mit Büschen und Küchengewächsen, die Helen nie unter diesem Himmelstrich vermutet hätte.

Als sie von der Ausfahrt zurückkehrten, bekam Helen wieder einen Schmerzanfall in ihren Augen, Dunkelheit, Flimmern und Schwindel. Es war zum erstenmal seit dem Tage in Bombay, sie hatte ihre Augenkrankheit ganz vergessen. Jetzt bereute sie, daß sie es versäumt hatte, in Bombay zu einem Augenarzt zu gehen; hier in Agra gab es sicher keinen.

Nachdem sie ihren Nachmittagstee getrunken hatte, brachte sie die Kinder zu Bett. Außer dem Salon hatte sie ein großes luftiges Zimmer mit zwei Betten; die beiden Kleinen schliefen zusammen in dem einen. Zu dem Zimmer gehörte ein Ankleideraum und ein Badezimmer. Die Möbel waren vornehm und solide, wie in einem alten englischen Patrizierhaus. Helen hatte gerade über 1857 gelesen; sie stellte sich vor, daß das Haus und die Möbel damals einem hohen Militär gehört und ein unternehmender Eurasier das Ganze nach seinem Tode auf Spekulation gekauft hatte, um später ein Hotel daraus zu machen. Sie stellte sich vor, wie die eingeborenen Aufrührer nachts durch das niedrige Fenster eingedrungen waren und die Frau des Obersten und seine Kinder getötet hatten, während er selbst irgendwo fern von ihnen kämpfte. An der Wand hing ein alter gefleckter Kupferstich von einem Offizier zu Pferde mit einer Lobpreisung in zierlicher Schönschrift darunter, und an der gegenüberliegenden Wand hing eine große Lithographie von einem Vizekönig in Gala. So intensiv dachte sie sich in diese Vorstellung hinein, daß sie zusammenschauerte, als sie draußen am Fenster eine Gestalt vorbeigleiten sah, und sie beruhigte sich erst, als sie hinaussah und nur den Rücken eines alten unschädlichen Bettlers erblickte, in einem langen, ziegelsteinfarbigen Talar, mit bloßen Beinen und einem merkwürdigen, hohen Strohhut auf dem Kopf, der so schwer war, daß sein Kopf beim Schreiten wackelte.

Sie hatte den Führer und den Wagen zu sechs Uhr bestellt, um zu Taj Mahal, »Das schönste Grabmal der Welt« hinauszufahren, denn im Reiseführer stand, daß man es gegen Abend sehen sollte. Sie lächelte über ihre Gespensterangst am hellichten Tage, war aber doch besorgt, die Kleinen an dem fremden Ort allein zu lassen. Sie schliefen ruhig, die Arme umeinander geschlungen, wie es ihre Gewohnheit war. Da hörte sie einen Wagen auf dem Kies des Gartens vorfahren, er hielt vor dem Portal und kurz darauf kam der Wirt, ein scheuer, ehrerbietiger Sudra und meldete ihn. Er errötete, als Helen ihn fragte, ob er verheiratet sei. Als er hörte, um was es sich handelte, wurde er sichtlich erleichtert und versprach, daß seine Frau sich zu den Kleinen ins Zimmer setzen sollte, bis Helen zurückkäme. Sie wunderte sich über seine Verlegenheit, sie wußte nicht, daß sie als weiße Frau unrein war, und daß seine Frau deshalb nichts mit ihr zu tun haben durfte.

Helen bestieg den Wagen, von dem Führer gefolgt, einem kleinen, dicken Mann, in einem schwarzen, baumwollenen Rock, der bis an den Hals zugeknöpft war, mit einem weißen Turban und engen, weißen Hosen. Er hatte einen graugesprenkelten, dichten Vollbart und kaute die ganze Zeit Betel.

Sie fuhren um die Festung herum, durch eine Anlage in englischem Stil, mit schönen großen Rasen und vereinzelten Gebüschen. Der Führer wandte sich von dem Bock zu ihr und zeigte über die Gärten zum Horizont:

»Taj Mahal!«

Sie sah eine weiße Kuppel gegen den veilchenblauen Himmel. Durch ein ungeheures Tor bogen sie zu dem Vorhof des Schlosses ein; dort waren Flügel mit Arkaden, eine ehemalige Karavan-Seraj für Pilger und ihre Familien.

Sie fuhren bei dem Portalgebäude vor; es war hoch wie ein dreistöckiges Haus, aus rotem Sandstein mit eingelegten Marmorplatten, von einer Reihe kleiner Kuppeln gekrönt, die von Säulen getragen wurden, durch die der Himmel leuchtete, als ob es Saphire seien.

Als sie aus dem Wagen stieg, fiel ihr Auge auf eine Equipage, die in der Nähe wartete. Kutscher und Diener hatten vielfach geschlungene Turbane und eine rote Schärpe um die langen, weißen Röcke.

»Das ist der Wagen eines Rajahs,« sagte der Führer.

Sie betraten das Torgewölbe, das hoch und geräumig wie die Vorhalle einer Kirche war. Ihre Schritte hallten hohl zwischen den kühlen Mauern wider. Sie gingen an einem vornehmen Hindupaar, das ganz in Weiß gekleidet war, vorbei, – der Mann hatte eine Perlenspange und Federagraffe an seinem Turban, die Frau einen langen, weißen Seidenschal über ihrem Haar.

»Das ist ein Rajah und seine Rani!« flüsterte der Führer.

Helen blickte von der Seite zu ihm auf, als sie vorbeigingen:

Ein rundes Gesicht mit glanzvollen Augen, eine feingebogene Nase mit nervösen Flügeln, dunkelrote, blanke Lippen und ein Kinn, das rund und weich wie das einer Frau war.

Jetzt kamen sie zu einer offenen Terrasse und sieh –

Dort lag Taj Mahal, hoheitsvoll, blendendweiß, am Ende eines langen, schmalen Bassins, zwischen weißen Marmorbalustraden, die den Garten mit seinen hohen Zypressen und dunklen Feigenbäumen, Blumenbeeten und Gebüschen durchschnitten.

Helen wurde ergriffen von dem Anblick, und der Führer verstand, daß er schweigen sollte.

Die weißen Marmorbalustraden zu beiden Seiten des Bassins streckten sich wie ein leuchtender Pfad dem blendenden Wunder entgegen, das sich über dem Dunkel des Gartens erhob – aus weißem Stein gemeißelt, wie ein Raub an der Vergänglichkeit.

Dort lag es – ein gedeuteter Traum, eine ewige Wirklichkeit.

Es dauerte lange, bevor Helen sich losreißen konnte, und indem sie über die Marmorfliesen schritt, meinte sie, daß sie dem Licht auf dem einzig richtigen Weg entgegenwanderte.

Der Führer wurde wieder gesprächig.

Er erzählte von dem großen Schah, der dieses Feenschloß seiner Liebe und seiner Sehnsucht errichtet hatte, zur Erinnerung an seine geliebte Arimand Banu, »die Zierde des Palastes«. Er erzählte, wieviele Millionen, wieviele Jahre und wieviel Arbeitsleben der Bau gekostet hatte, berichtete von dem Baumeister, dem, wie die Sage erzählte, beide Hände abgehauen wurden, damit er die Erinnerung an diese Liebe und diesen Verlust nicht kränken sollte, indem er ein neues Symbol der Unsterblichkeit für andere schuf.

Helen erreichte das Ende des Pfades. Vor ihr erhob sich das weiße Schloß höher und mächtiger, als es ihr aus der Ferne erschienen war. Jetzt erst sah sie seine volle Pracht, die symmetrischen Seitenbogen um die hohe Mittelwölbung und das Gitterwerk der Marmorwände, das in dem schönsten Spitzenmuster geschnitzt war.

Sie wandte sich um und blickte den Weg zurück, den sie gekommen waren; dort am Ende des Bassins lag jetzt der Würfel des Vorgebäudes mit den sechsundzwanzig Kuppelsaphiren, von hohen Zypressen, üppigen Feigenkronen, dem ganzen bunten Dunkel eingerahmt.

Da stießen ihre Augen auf zwei Menschen, die ihnen entgegenkamen. Es war der Rajah und die Rani. Helen hatte sie ganz vergessen. Das funkelnde Dunkel seiner Augen traf sie, als er die Brauen hob und sie anstarrte. Er war mittelgroß, fest und harmonisch gebaut, ein starker Hals und athletische Glieder; sein Kopf saß stolz auf breiten, runden Schultern, als ob er sich noch nie gebeugt habe. Jeder Zug verriet den Herrscher, dessen Machtgefühl unbewußt, weil ererbt ist.

Die Rani an seiner Seite mit dem Silberschleier über dem grauen Haar glich ihm, als ob sie seine Mutter sei; was aber bei ihm Macht und Kraft war, war bei ihr in Sanftheit aufgelöst. Ihre Augen waren verblichen, aus den weitgeöffneten Pupillen aber sprach eine Mischung von nachsichtiger Milde und weitschauender Klugheit, die wunderbar beredt wirkte.

Sie standen dort auf dem weißen Pfad so lebensvoll in der Fülle ihrer weißgekleideten Körper, daß sie Helens Traumwanderung störten. So überfließend von Sinnenleben stand er da, daß er ihr fast den Atem benahm, als sei er ein Ausgesandter der Dunkelheit, die sich auf ihre Schönheit und Kraft berief und sich dem Licht gegenüber behaupten wollte.

Helen errötete unter seinem Blick. Sie merkte es und wandte sich ab, um es zu verbergen.

Sie folgte dem Führer zu der offenen Tür, zu dem Nadelauge, das in das Heiligtum führt.

Die Halle unter der Kuppel war Halbdunkel. Sie mußte ihre Augen erst an den Wechsel gewöhnen, bevor sie etwas unterscheiden konnte.

Das Tageslicht, das durch die hohen Bogenfenster fiel, wurde durch Marmorgitter gesiebt; das Licht, das hindurchschlüpfte, wurde abermals von einer Scheidewand, einem achteckigen Schirm aus Marmor von mehreren Metern Höhe, der in zierlichen Spitzenmustern ausgehauen war, gehemmt. Und dahinter, genau unter der Kuppelwölbung, die sich hoch oben in der Dunkelheit verlor, standen zwei Sarkophage aus gelbem Marmor, mit Blumenornamenten aus Karneol und edlen Steinen, mit Mohammeds neunundneunzig Namen in Gold geprägt.

Es war Hoheit in diesem Raum, ein Kirchenfrieden, wie Helen ihn noch nie gespürt hatte. Sie fühlte den Drang niederzuknien, während sie zu der dunklen Wölbung hinauflauschte, deren Tiefe sie nicht erspähen konnte.

Der alte Muezzin, der das Grab hütete, hob sein scharfes Profil, seine schweren Augenlider, und sandte seinen Allahruf zur Höhe hinauf; er wurde wie ein hinsterbender Chor von seligen Seelen zurückgeworfen. Helen meinte, daß sie dem Gott, den sie suchte, nie näher gewesen sei als in diesem Symbol, das aus totem Stein geschaffen war.

 

Als Helen aus dem Dunkel der Grabhalle auf die weite Terrasse hinaustrat, klang ihr ein Ausruf entgegen.

Einige zwanzig Schritte von ihr entfernt, auf der Treppe, die zum Marmorpfad führte, hockte eine wunderliche Gestalt mit einem Ungeheuer von einem Hut auf seinem wackelnden Kopf. Helen sah ein knochendürres Gesicht, mit grauer Asche eingerieben, auf sich gerichtet. Zwischen den langen Haarsträhnen, die ebenfalls mit Asche bestäubt waren und die bis auf die Schultern fielen, starrten sie zwei seltsam farblose Augen an, in deren Pupillen eine kleine dunkle Kugel wie auf einem wasserklaren Häutchen zu zittern schien. Als er die mageren Arme grüßend zum Kopf erhob, erkannte sie den ziegelsteinfarbenen Talar und den seltsamen Strohhut. – Es war derselbe Bettler, den sie nachmittags vor ihrem Fenster gesehen hatte.

Von den welken Lippen strömten die Worte wie Verse, als ob er eine feierliche Messe lese.

Der Rajah stand an der Seite seiner Mutter vor dem Bassin, wo Helen vor kurzem gestanden hatte, und blickte über die Perspektive. Da plötzlich schienen die Worte des Bettlers seine Aufmerksamkeit zu wecken; er wandte sich hastig um, begegnete Helens Blick und machte eine heftige Bewegung, als wolle er sich ihr zu Füßen werfen. Seine Mutter griff nach seinem Arm – auch sie hatte die Worte gehört. Seine Brust wogte, seine Schultern zitterten, seine vollen Lippen öffneten sich unter schweren Atemzügen, während seine Augen Helen mit einem Blick trafen, der ihr das Blut in die Backen trieb. Ein Blick, mit dem er sich voll flammender Anbetung ihr zu Füßen warf, und sie gleichzeitig mit einer eigenmächtigen Selbstverständlichkeit an sich riß, als habe er diejenige getroffen, die ihm von Ewigkeit an gehörte.

Helen stand einen Augenblick wie benommen, während die unverständliche Rede des Bettlers weiter an ihrem Ohr vorbeiströmte. Da begannen ihre Knie zu zittern, und mit einer Kraftanspannung wandte sie sich von dem Rajah und dem Bettler ab. Sie drehte sich zu dem Führer um, der sich einige Schritte zurückgezogen hatte; als sie aber sein Gesicht sah, wurde ihr allen Ernstes unheimlich zumute, denn auch er starrte sie mit feierlichen Augen an, als ob ein Wunder geschehen sei.

»Was ist denn geschehen?« fragte sie.

Unwillkürlich führte er die Hand grüßend zur Stirn und fuhr sich über die Augen, als wollte er sich auf das besinnen, was sie gefragt hatte.

»Was will dieser Bettler?« fragte Helen.

»Es ist ein heiliger Mann, ein Wanderer, der der Welt entsagt hat – ein Sannyasi.«

»Was sagt er denn?«

Der Führer zögerte mit der Antwort, er blickte von dem Heiligen zum Rajah, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte. »Können Sie ihn nicht verstehen?« fragte Helen ungeduldig.

Noch zögerte der Führer, als aber Helen Miene machte zu gehen, flüsterte er vorsichtig, als fürchte er etwas Vermessenes zu sagen:

»Er hat Ihnen Willkommen geboten.«

Helen sah ihn erstaunt an.

»Er sagte: ›Sei gegrüßt, du strahlende Königin! Wahrlich, wahrlich, wahrlich, du bist Mumtaz-i-Mahal – die Zierde des Palastes. Welch unerbittliches Karma hat das Rad deines Daseins so gedreht, daß du in der Gestalt einer weißen und fremden Frau zurückkehrtest?‹«

Helen wandte sich erstaunt zu dem Bettler um, der sich vor ihrem Blick neigte, ohne in seiner Rede innezuhalten. Sie blickte verstohlen zum Rajah hin, der noch auf demselben Fleck stand. Auch die Rani neigte den Kopf und führte die Hand grüßend zur Stirn; der Rajah stand unbeweglich, als sei er festgenagelt.

Helens erster Gedanke war, daß der Bettler mit seinen ungeheuren Schmeicheleien um ihren Geldbeutel warb. Sie wunderte sich, daß selbst der Führer das nicht erkannte – steckten die beiden vielleicht unter einer Decke? Sie sah dem Mann scharf in die Augen, erblickte darin aber nur Erstaunen und Ehrfurcht. Sie lächelte spöttisch in die zitternden Kugeln der farblosen Augen, aber es war kein Wechsel in dem weißen Blick des Bettlers zu spüren. Er ist verrückt, dachte sie. Als sie aber ihren Blick über den Rajah und die Rani gleiten ließ, mit einem vorsichtigen Lächeln, das an ihre gesunde Vernunft appellieren sollte, begegnete sie einem so völligen Mangel an Verständnis, daß es ihr klar wurde, daß das, was der Sannyasi in seinem heiligen Wahnsinn zum besten gab, für sie die unfehlbare Offenbarung eines Sehers sei.

Sie mußte an Ralph denken. Wie würde er ihre Erhöhung genossen haben! Er hätte sie sicher nie anders, als »die Zierde des Palastes« genannt. Schehannas Augen aber würden dunkel geworden sein vor Bekümmerung, und ihr Herz würde das Gebet der guten Gedanken, guten Worte und guten Taten, zum Schutz gegen Zauberei geflüstert haben.

Helen warf drei Rupien in den Schoß des Sannyasi. Das ist nicht viel für solch vornehmes Gespenst, dachte sie, aber sie konnte sich nicht von dem Gedanken freimachen, daß der heilige Mann auf ihren Geldbeutel spekulierte.

Ohne in seinem Redefluß innezuhalten, strich er die Münzen mit seiner linken Hand ein, während er die rechte Hand grüßend zur Stirn führte, als Helen, vom Führer gefolgt, an ihm vorbeiging.

Die Sonne war im Begriffe unterzugehen. Die letzten Strahlen glühten auf den kleinen Kuppeln des Vorgebäudes. Der Garten lag unter schwerem Abendschatten da, nur die Gipfel der Zypressen und die vollen Kronen der Feigenbäume atmeten noch im goldenen Licht.

Als Helen das Ende des Bassins erreicht hatte, wandte sie sich, um noch einen letzten Schimmer von dem weißen Traumschloß zu erhaschen. Dort lag es, die hohe Kuppel im Abendlicht errötend, wie die Wange einer edlen Frau unter einem brennenden Augenpaar, die goldenen Nadeln der schlanken Minaretts zum Purpur des Himmels emporgehoben. Schon schwiegen die Vögel, – nicht ein Windhauch bewegte den Traumschleier. Die schöne Dunkelheit stieg mehr und mehr zum schwindenden Licht hinauf. Mitten auf dem Marmorpfad sah sie den Rajah im Gespräch mit dem Sannyasi, der sich wieder niedergesetzt hatte, während die Rani sich bescheiden zurückhielt, wie es Pflicht der indischen Frauen ist.

Helen sah, daß sie von ihr sprachen. Des Rajahs Kopf war ihr zugewandt, während er den Worten des heiligen Mannes lauschte.

 

Als Helen ins Hotel zurückkehrte, erhob die Frau des Wirtes sich von ihrem Platz am Bett der Kinder, ergriff ihre Oellampe und zog sich grüßend zurück, mit scheuem Lächeln und abgewandtem Blick.

Helen konnte nicht einschlafen, so verwirrt tummelten sich die sonderbaren Eindrücke in ihrem Kopf; als Hintergrund errötete die hohe Kuppel im Abendlicht. Das Echo dahingeschiedener Seelen aus dem dunklen Gewölbe vermischte sich mit der unverständlichen Rede des Sannyasis. Sie versuchte, sich »die Zierde des Palastes« vorzustellen, obgleich sie nie ein Bild von ihr gesehen hatte. Sie träumte sich in ihr Leben hinein, das von einer Liebe getragen wurde, die stärker als der Tod war. Sie lächelte bei dem Gedanken, daß sie, Helen, die Frau aus dem blassen, kalten Norden, von einer nüchternen, überzivilisierten Rasse, als Behausung für die Seele der Mumtaz-i-Mahal ausersehen sei. Dennoch reizte es ihre Phantasie. Sie lebte sich in das Abenteuer hinein, der Schah nahm die Gestalt des Rajahs an, athletisch und harmonisch, die feine Nase, die starken Augen; und seine flammende Anbetung trieb ihr von neuem das Blut in die Wangen. Schehannas Augen starrten ihr dunkel und unruhig ins Herz, Ralph gab aus der Ferne acht. Wieviel Mühe sie sich aber auch gab, sein teures Gesicht an Stelle des liebenden Schahs zu setzen, so wollten seine hellen, scharfen Augen doch nicht recht dazu passen. Schließlich war es ihr, als ob das Bild in der Dunkelheit um sie her Leben bekäme, ihr Herz fing an zu klopfen. Es war, als ob etwas Gewaltiges und Lebendiges sich ihr von draußen näherte. Obgleich sie wußte, daß sie alles sorgfältig verschlossen und einen Koffer vor die Tür gerückt hatte, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie an einem fremden Ort schlief, wurde ihr doch unheimlich zumute.

Sie fuhr in die Höhe: Raschelte nicht etwas an den Läden vor ihrem Fenster? Sie lauschte atemlos. War es ein Flüstern von Stimmen, oder nur das Spiel des Windes in den Büschen?

Sie wurde unwiderstehlich von ihrer Angst gezogen, erhob sich, trat ans Fenster, lautlos, auf bloßen Füßen, und guckte durch die kleine Oeffnung am Riegel. Sie blickte in Monddämmerung hinaus und meinte, daß weiße Gestalten sich zwischen den Büschen entfernten und hinter den lotrechten Wurzeln eines mächtigen Banyan-Baumes verschwanden; es sah aus, als ob der alte Baum in der Geisterstunde von Zaubersäulen aus der Erde gehoben würde.

Sie eilte zu ihrem Bett zurück, zündete das elektrische Licht an, nahm ein Buch und schlief schließlich ein.

* * *

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.