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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Helen ließ sich nicht Zeit zum Weinen, jetzt hatte sie all ihre Kraft und Klugheit nötig. Sie sah die zarte Gestalt von Schmerz zusammengebrochen – sie sah die verzweifelte Dunkelheit der großen Augen, hörte das leise Jammern tief in ihrer Brust. – Sie sah, wie sie die zarten Hände hilflos über der Brust preßte, während sie zu alten teuren Orten schwankte, wo ihr aus jeder Ecke, die jetzt in fremden Händen war, Erinnerungen entgegenflüsterten. Sie sah sie am Ufer und hörte sie den Namen ihres Vaters über den rinnenden Strom flüstern. Vor einer Woche, – sie hatte also nicht Freunde und Bekannte in Navsari aufgesucht – war nicht klagend von Haus zu Haus gegangen, sondern war gleich in die große Stadt zurückgekehrt. Vor einer Woche – wo war sie jetzt? – suchte sie ihre Mutter – aber warum war sie nicht ins Pachayat gegangen und hatte dort nach ihr gefragt? – Warum war sie nicht ins Hotel zurückgekehrt? Bedeute ich ihr nicht mehr, daß sie meinen Trost und meine Hilfe verschmäht? – Nein, nein, ihr mußte etwas zugestoßen sein.

Helen schloß die Augen vor Schmerz. Da sah sie Schehanna in einer engen Gasse, die hilflosen Hände auf der Brust – sah die verstörten Augen, die suchend über einen Haufen Menschen flackerten, die sich um sie drängten, düster und arm.

Dann verschwand das Ganze wieder, und Helen schlug die Augen auf. War es eine Vision gewesen? Sie fühlte plötzlich mit Bestimmtheit, daß Schehanna in Not war. Was sollte sie nur tun?

Helen fuhr zur Polizei, wo sie einem jungen Sekretär ihre Not klagte. Er gab ihr das Versprechen, daß die Polizei ihr möglichstes tun wolle, um ihren Schützling zu finden, obgleich es eigentlich Sache des Panchayats sei. Er versprach, Helen zu benachrichtigen, sobald sie eine Spur gefunden hätten.

Zwei Tage verbrachte Helen in unerträglicher Spannung. Sie fuhr stundenlang durch die große Stadt, durch die Viertel, wo die Parsen wohnen, in der kümmerlichen Hoffnung, daß der Zufall sie zusammenführen würde. Sie dachte einen Augenblick daran, Ralph zu telegraphieren, so allein und hilflos fühlte sie sich, aber sie unterließ es dennoch. Er konnte ja auch nicht mehr tun als sie.

Es war der wärmste Tag, den sie erlebt hatte. Die Hitze und die ununterbrochene Spannung hatten ihr die letzten Kräfte genommen; zu der seelischen Not kamen noch die Augenschmerzen, die schlimmer waren als je. Sie sagte sich, daß es notwendig sei, einen Arzt aufzusuchen, aber sie konnte sich nicht dazu entschließen. Sie war ganz ohne Energie. Am Nachmittag lag sie in ihrem Zimmer mit einem nassen Tuch auf den Augen. Als der Schmerz endlich nachgelassen hatte, ging sie zu Bett und schlief gleich ein.

In Schweiß gebadet fuhr sie in die Höhe. Es war stockdunkel um sie herum; sie wußte nicht, wo sie war. Ihr Herz schlug heftig und sie tastete voller Angst durch die bodenlose Oede, in der sie zu schweben meinte. Da hörte sie ein Klopfen an der Tür, und das Gefühl von Zeit und Ort kehrte plötzlich wieder. Sie zündete das elektrische Licht an und lauschte.

Da klopfte es wieder, lauter als zuvor. Sie sprang auf, ging zur Tür und fragte, wer da sei.

»Hier ist ein parsischer Priester,« hörte sie die Stimme des Portiers, »der Sie durchaus sprechen will.«

Helen rief hinaus, daß sie in einigen Minuten unten im Salon sein würde. Sie sah nach der Uhr, es war fast zwölf. Ihre Hände zitterten vor Aufregung, als sie sich ankleidete. Was war geschehen?

Als Helen hinunterkam, wartete der Portier auf der Treppe und wies sie in den kleinen Lesesalon.

Dort stand eine vornübergebeugte, schmalschultrige Gestalt. Als Helen hereinkam, hob sie den Kopf und zwei große klare Augen trafen sie aus einem blassen, übernächtigen Gesicht. Er blickte sie unverwandt an, als wolle er sie bitten, ihm über die Kluft, die sie trennte, hinwegzuhelfen.

»Schehanna?« fragte Helen und faßte nach einem Stuhlrücken, voller Angst vor dem, was sie zu hören bekommen würde.

»Ich bin Darab,« sagte er mit leiser Stimme.

Helen dachte einen Augenblick nach, dann erinnerte sie sich, wer es war.

»Sie sind Schehannas –?«

Sie hielt inne, um nicht an etwas Empfindsamem zu rühren – und sagte statt dessen:

»Sind Sie nicht der junge Priester, den Schehanna von Kind auf gekannt hat?«

Darab nickte. »Sie war meine Braut!« sagte er still. »Schehanna ist krank, sie liegt im Krankenhaus und hat mich gebeten, Sie zu holen.«

Helen griff mit beiden Händen nach dem Stuhl. »Was ist geschehen,« flüsterte sie und sah ihn flehend an.

Darab berichtete – mit wenig Worten – still und einfach, hin und wieder innehaltend, während er die Lider gesenkt hielt und der schmale Mund bebte, bis er wieder seiner Stimme Herr wurde. Helen stand vor ihm, den Blick in dem seinen, das Herz unter seinen Worten erzitternd. Darab erzählte, daß man Schehanna in dem Viertel der Eingeborenen gefunden hatte – hilflos und verstört, von Tür zu Tür schwankend, um nach ihrer Mutter zu fragen. Als die Polizei sich ihrer annahm, jammerte sie und setzte sich zur Wehr, weil man sie nicht weiter suchen lassen wollte. Niemand kannte sie und sie selbst konnte keinen Aufschluß über sich geben; sie hatte alles, was seit ihrer Entführung geschehen war, vergessen, wußte nichts mehr vom Hotel noch von Helen. Da ihre Augen in Fieber brannten, und sie sich kaum vorwärtsschleppen konnte, wurde sie zum Pestonji Kama, dem Parsen-Hospital für Frauen, gebracht. Dort hatte sie mehrere Tage bewußtlos gelegen, gestern aber war sie zur Besinnung gekommen und hatte sich ihrer Vergangenheit erinnert; sie hatte Darabs Namen genannt und man hatte nach ihm in Colaba geschickt. Das Wiedersehen hatte sie sehr angegriffen, aber sie gönnte sich keine Ruhe, bevor sie ihm alles von ihrer Errettung und von Helen und Ralph erzählt hatte. Obgleich es sie quälte, daß Helen trotz ihres Versprechens nichts von ihr gehört hatte, wollte sie nicht, daß man nach ihr schickte, bevor sie wieder etwas zu Kräften gekommen sei, um sie nicht zu betrüben.

»Heute mittag versank sie in einen Halbschlummer,« schloß Darab und wich Helens Blick aus, »und als sie vor einer halben Stunde erwachte, bat sie mich, Sie zu holen.« Die Bewegung band Helens Zunge; sie konnte nichts sagen, nicht fragen, ihre Augen aber versuchten die Wahrheit von seinen Lippen zu lesen.

Am stummen Beben um seinen Mund sah Helen, daß Schehanna sie gerufen hatte, weil sie fühlte, daß sie sterben sollte.

 

Helen fuhr mit Darab zum Hospital. Durch eine moderne, luftige Halle kamen sie zu einem Gang, wo die Aller-Heiligen-Schwester, die die Nachtwache hatte, ihnen entgegenkam.

Sie ging mit kleinen, lautlosen Schritten voran, wie ein Wesen, das der sanften Nacht angehört.

Aus den Oeffnungen über und unter den Halbtüren klangen leises Husten, stilles Jammern. Der Karbolgeruch rief Kindheitserinnerungen in Helen wach; sie sah ihres Vaters Krankenhaus vor sich, wo sie selbst tätig gewesen war, wie jene blasse, eilfertige Schwester, die dort vor ihnen ging, nach einem langen, schweren Tag, mit Müdigkeit kämpfend.

Die Erinnerung an ihren Vater vermischte sich auf seltsame Weise mit dem Bild von Schehanna. – Sie konnte ihren warmen, sprechenden Blick auf sich fühlen, es war gar nicht unheimlich, nur seltsam – unwillkürlich sah sie sich nach ihr um – gleichzeitig aber war Schehanna nicht neben ihr und nicht vor ihr, sondern schien in ihr selbst zu sein – der dunkle, schmerzvoll liebende Blick sah von innen auf sie. Der Eindruck war so lebendig, daß sie nicht einmal Erstaunen darüber fühlte. »Ihr Ferved eilt mir entgegen, weil sie fürchtet, daß ich zu spät komme,« sagte Helen – der Gedanke aber brachte ihr keinen Schmerz, er war nur wie eine Andacht in ihrem Herzen, – »und meines Vaters Ferved sieht, daß ich dem großen Augenblick meines Lebens entgegengehe, er hat seinen Anteil daran, weil er Anteil an mir hat – wir sind ja alle drei vereint.«

Die Schwester blieb vor einer Tür stehen, die nur angelehnt war; sie drehte sich um und heftete ihre ernsten Augen streng auf Helen, als ob sie fragen wollte, ob sie auch wüßte, was ihr bevorstehe. Helen lächelte. Sie glaubt, daß ich mich fürchte, dachte sie – als ob irgend etwas in der Welt uns zu trennen vermag; und als die Schwester nach dem Türdrücker griff, dachte sie: was hat ihre kleine, zarte Hand für große, geschwollene Adern.

Die Tür glitt lautlos auf. Ein hoher Raum, von einer einzelnen elektrischen Flamme oben in der Decke schwach beleuchtet, kahle Wände und ein Bogenfenster, das zu der dunklen Nacht hinausführte. Mitten an der Wand, mit dem Fußende ins Zimmer hineinragend, ein niedriges Bett – und auf dem weißen Kissen Schehannas schwarzes Haar, das schmale, weiße Gesicht und ihre großen, weitgeöffneten Augen. Die Wiedersehensfreude durchbrach das Dunkel des Blickes; ein Lächeln leuchtete auf. Der Seufzer: »So bist du also doch noch rechtzeitig gekommen,« löste die Spannung des schwachen Herzen, so daß die Brust befreit zusammensank und der Kopf zur Seite fiel, zu matt, um das Nicken, das er vorgehabt hatte, auszuführen. Um die erloschenen Lippen blühte das alte, unvergängliche Lächeln.

Die Schwester, die sie hereingeführt hatte, zog sich zurück. Helen warf sich neben dem Bett auf die Knie und ergriff die Hände der Kranken.

»Schehanna!« flüsterte sie, während Tränen ihr aus den Augen tropften.

Schehannas schmale Hand glitt über Helens Schläfe. Sie lächelte Helen entgegen, als sei sie bereits dort, wo die Rede keine Worte und das Wort keinen Laut mehr hat, und der Gedanke wie eine Brise zwischen den Seelen streift.

Die Krankenpflegerin kam mit Gläsern herein, die sie auf den Nachttisch setzte. Darab fragte sie flüsternd, warum die Kranke hierher gebracht sei; vor einer Stunde hatte er sie im Gemeinschaftssaal verlassen. Die Schwester ließ ihren Blick über die Kranke schweifen und antwortete nicht. Schehanna aber hatte seine Frage verstanden und antwortete für sie:

»Weil ich sterben muß.«

Dabei strahlten ihre Augen. Sie richtete ihren Blick auf Darab, der am Fußende des Bettes stand, und flüsterte:

»Erinnerst du dich noch des Flusses?«

Darab beugte sich vor; er nickte, sprechen konnte er nicht.

»Wir begegneten Dasturan Dastur. Weißt du noch – Wer sich rein wie das Licht bewahrt, soll die weiße Haoma auf dem Berge Elbur pflücken und ein ewiges Leben haben.«

Darabs Tränen fielen auf Schehannas Hand.

»Warum weinst du?« Ihr Blick wurde dunkel und betrübt, »ich werde bei dir sein, wenn du mich rufst.«

Helen küßte ihre Hand, und Schehanna strich ihr übers Haar.

»Vergiß mich nicht,« flüsterte sie – Helen horchte ihr die Worte aus der Brust – »vergiß nicht das Licht –«

Sie schloß die Augen, die Kugeln zitterten unter den durchsichtigen Lidern und ein Krampf ging durch ihren Körper, der sich darunter wand.

Die Aller-Heiligen-Schwester beugte sich über das Kopfkissen und faßte nach ihren Schultern, um sie zu stützen.

»Bahram,« seufzte sie, »meine kleine blasse Blume –«

Darauf drehte sie den Kopf, als ob jemand neben sie getreten sei. Ihre Hand bewegte sich unruhig – versuchte sie eine andere Hand zu greifen?

»Sei nicht böse,« bat sie, »du befreitest mich aus der Dunkelheit – jetzt kämpfe ich für dich um das Licht.«

Sie schlug die Augen auf und blickte sich im Zimmer um, bis ihr Blick Helen traf.

»Alles ist weit, weit fort – so nebelhaft –«

Ihre Hände tasteten über Helens Kopf, und Helen näherte ihr Gesicht dem ihren. Sie sah an ihrem Blick, daß sie an Ralph dachte.

»Warum brennen deine Augen?« flüsterte sie und strich mit ihrer fieberheißen Hand über Helens feuchte Lider – »tun sie dir weh?«

Helen nickte:

»Sie haben mir seit mehreren Tagen weh getan.«

»Fürchte nichts! – Eines Tages wird er im Licht zu dir kommen.«

Sie strich ihr liebevoll über die Stirn.

»Tun sie dir sehr weh?« fragte sie, als sei sie ein Kind auf ihrem Schoß.

»Sei geduldig – der heilige Geist wird dich zum See Kasava geleiten – dort sollst du baden und die Augen des Reinen werden sehend werden.«

Eine Erinnerung dämmerte in ihr und glühte in ihren Augen auf. Sie tastete mit der Hand über die Kette, die sie am Halse trug, – eine silberne Kette mit vielen kleinen Amuletts: eine Hand, ein Fisch, ein Hakenkreuz, ein Anker, eine Schlange. Es war die Kette, die die Zigeunerin in Konstantinopel Ralph gegeben und die er später um Schehannas Hals gehängt hatte. Sie bringt Glück, hatte er gesagt.

Sie hatte keine Kraft mehr, sie zu lösen; als Helen aber sah, was sie wollte, hob sie Schehannas Kopf vorsichtig vom Kissen und nahm ihr die Kette ab.

Schehanna ließ sie durch ihre dünnen Finger gleiten, während sie der Erinnerung, die sich daran knüpfte, zulächelte.

Während sie sie Helen um den Hals hing, wurde ihr Blick groß und feierlich; ihre Lippen bewegten sich und Helen hörte sie flüstern:

»Du strahlende Jungfrau – du sollst Astvatereta empfangen.«

Ihre Hände fielen müde auf die Brust herab; ihr Kopf sank zur Seite wie eine Blume, deren dünner Stengel verwelkte. Mit seligen Augen starrte sie zum Schatten an der Decke hinauf.

»Seht, – die Tchinvat-Brücke!«

Sie öffnete die Hand und streckte sie zur Seite, als ob sie sie jemand reichte, der neben ihrem Bett stand.

»Führ mich hinüber – ich bin bereit!«

Und ihre Augen bewegten sich unter den Lidern, als ob teure, bekannte Seelen um sie herumständen und auf ihren letzten Blick warteten.

»Ich komme,« flüsterte sie, und ihre Stimme wurde leiser und leiser, schließlich war sie nur noch ein Atemhauch. »Oh, hier ist es leicht zu wandern, seht, die Wage, wie sie leuchtet – wer den einzig richtigen Pfad wandelt –«

Die Worte erstarben auf ihren Lippen. Die feine Falte um den Mundwinkel erschlaffte in einem glücklichen Lächeln, das sich bebend allen Linien ihres Gesichts mitteilte, während die Lider in seliger Müdigkeit über die Augenkugeln herabfielen.

So lag sie, bis ihre Brust mit Seufzen und Stöhnen zu arbeiten begann, und ihre Finger unruhig über die Decke tasteten.

Darab kniete neben ihrem Bett nieder und nahm ihre Hände, um ihnen Ruhe zu geben; die Hände aber widersetzten sich, es zuckte unruhig über ihren Brauen. Plötzlich bekam ihr Gesicht einen lauschenden Ausdruck; sie wandte den Kopf zur Tür; obgleich ihre Augen noch immer geschlossen waren, schien es, als ob sie unter den Lidern dorthin blickten. Mit einem Seufzer fiel sie zur Ruhe.

Helen hörte Schritte und sah, daß Dasturan Dastur in der Tür stand.

Die Krankenpflegerin legte ihr Ohr auf das Herz der Kranken, lauschte eine Weile, erhob sich dann und sagte:

»Noch atmet sie.«

Helen machte dem Priester Platz.

Um den schmalen Mund lag ein wundersames Lächeln, wie er dort stand, den langen, weißen Bart in seiner linken Hand, während er auf das blasse, glückliche Gesicht herabblickte.

Er legte seine Hand auf ihre Stirn. Schehanna schlug die Augen zu ihm auf, und das Lächeln seines Mundes glitt auf ihr Antlitz über, als ob sie im selben Augenblick das sähe, was er sah, und dazu lächelte.

»Rein ist deine Stirn, rein ist dein Mund, rein ist deine Seele.«

Helen kniete mit den andern nieder, während der Priester das Todesgebet sprach. Sie verstand nichts davon und dennoch drangen ihr die Worte ins Herz.

Als er geendet hatte, beugte er sich über Schehanna; klare Glückstränen perlten in ihren großen Augen, während ihr Blick fest in dem seinen ruhte. Er legte seine Hand auf ihre Stirn und betete das Glaubensbekenntnis, das Schehanna Wort für Wort wiederholte, ohne daß ein Laut über ihre Lippen kam.

Darauf wandte er sich zu Darab, der sich erhob und die Handtasche öffnete, die Dasturan Dastur mitgebracht hatte. Er nahm eine zugebundene Lehmkruke heraus und goß etwas von ihrem Inhalt in eine Kupferschale, über die er eine weiße Serviette breitete und sie ans Bett trug.

Es war der Unsterblichkeitstrank, der heilige Parahom, im Allerheiligsten des Adaran aus dem Saft von Haoma- und Granatzweigen bereitet, mit geweihtem Wasser und geweihter Milch vermischt.

Darab band Dasturan Dastur den Pedanschleier vor Nase und Mund, damit kein menschlicher Atem das Göttliche berühren sollte.

Der Priester nahm die Schale, näherte sie Schehannas Mund, und ließ einige Tropfen auf ihre Lippen fallen. Nachdem Schehannas Mund sich um den heiligen Trunk geschlossen hatte, deckte er die Schale wieder zu und reichte sie Darab.

Dasturan Dastur kniete wieder, umfaßte Schehannas Hände mit seinen beiden und drückte sie gegen sein Herz, während er mit lauter, singender Stimme Ahuna-Vairyu, das Gebet der einundzwanzig Worte sprach.

Nach dem Gebet blieb er noch eine Weile liegen, ihre Hände in den seinen, den Blick unverwandt auf den ihren geheftet. Dann legte er ihre Hände kreuzweise über die Brust und erhob sich.

Als Helen sich vorbeugte, um Schehanna das letzte Lebewohl zu sagen, sah sie, daß ihre Augen gebrochen waren. Auf dem weißen Antlitz leuchtete ein großes Lächeln. Helen legte schluchzend den Kopf auf ihre Brust.

Sie vergaß alles um sich her beim Gedanken an das Herz, das jetzt unter ihrer Wange erkaltete. Da legte eine Hand sich auf ihren Kopf. Sie blickte auf, es war Dasturan Dasturs.

Er sagte nichts, sah sie nur an; bei seinem Blick aber wich ihre Sorge einer befreienden Freude, wie sie sie noch nie empfunden hatte. Sie folgte der Eingebung ihres Herzens, ergriff seine Hand und drückte sie gegen ihre Augen.

* * *

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