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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Helen erwachte mit einem tiefen Seufzer. Einen Augenblick lag sie und blickte suchend zur Decke; dann zog ihr Herz sich zusammen, während die Erinnerungen des gestrigen Tages über sie hereinbrachen: der glückliche Augenblick, als sein Blick auf den Grund ihrer Seele drang; das Mittagessen auf der Hotelveranda unter den roten Lichtern; die Fahrt in der funkelnden, tropischen Nacht, als ihr Kopf sich auf seine Schulter senkte und ihre Lippen sich gefunden hätten, wenn die Fahrt nicht so plötzlich unterbrochen worden wäre.

Und das Wunderbare – die weiße Gestalt im Mondschein, und die Worte, die die Stimme in ihr Gemüt gesenkt hatte.

Vorbei. Der letzte heftige Händedruck auf der Hoteltreppe – der letzte Schimmer des eckigen Kopfes mit den ernsten Augen, der sich zu ihr emporgehoben hatte, die unklare Ahnung in ihnen – und dann die plötzliche Dunkelheit. Als die Tür hinter ihm zufiel, machte sie eine Bewegung, um ihn zurückzurufen. Aber sie tat es dennoch nicht. Die unsichtbare Hand, die seit jener Nacht in der Wüste beständig über ihr gewesen war, wollte es nicht. War es Dasturan Dasturs im Mondschein leuchtende Hand, dieselbe, die er emporgehoben hatte, als er sagte: »Wehe demjenigen, der auf dem schmalen Pfad stolpert.«

Helen stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Sie meinte, sie müsse sich niederwerfen und weinen, so brannte die Abschiedswunde. Als sie sich aber ihrem Schmerz hingeben wollte, war da etwas in ihrem Herzen, das sie von der Tür, die sich hinter ihm geschlossen hatte, zurückrief, hinaus in einen hohen, weiten Raum mit neuem Licht.

»Mein armes, gequältes Herz kann nicht mehr weinen!« dachte sie.

Was waren es für Töne aus dem Nebenzimmer?

Ach, es war Schehanna, die sang. Helen hatte sie noch nie singen hören; es klang wie steigendes und fallendes Wasser.

Helen öffnete die Tür und sah ins Zimmer. Schehanna stand mitten im Sonnenlicht, das durch die weitoffenen Fenster hereinflutete. Sie stand mit hocherhobenen Armen das Licht glänzte wie eine Glorie in ihrem dunklen Haar, das ihr noch von der Nacht ungeordnet um den Kopf hing.

Schehanna hörte sie nicht, so sehr war sie in die auf sie eindringenden Erinnerungen ihres leichtbeweglichen Gemüts vertieft. Ihr schlanker Körper wiegte sich hin und her, während sie sang. Helen konnte nur das Wort Navsari unterscheiden, das sie beständig wiederholte.

Helen rief sie an.

Da wandte Schehanna sich um und senkte ihre Arme, während das Blut ihr in den Kopf stieg und ihre Pupillen verdunkelte.

Es war nur eine augenblickliche Verlegenheit – dann glitt sie mit ihren lautlosen Schritten durchs Zimmer und schlang ihre Arme um Helens Nacken; ihre Augen wurden von Lächeln oder Tränen geblendet, oder vielleicht nur von dem hereinströmenden Licht, in das sie geblickt hatte. Sie legte ihren Kopf hingerissen an Helens Hals, die sie heftig an ihre Brust drückte.

Schehannas Bewegung ließ auch Helens Herz überfließen; aber es war Schmerz, nicht Glück, der sich in Tränen auflöste; und als sie erst angefangen hatte, konnte sie nicht wieder aufhören; je mehr sie weinte, desto leichter wurde ihr ums Herz.

Sie sprachen nicht. Worte waren überflüssig. Als Helen sich aber endlich ausgeweint hatte, und ein wehmütiges Lächeln durch den Tränentau brach, begann Schehanna zu erzählen, was sich gestern ereignet, wie sie ihren Adaran gefunden und Dasturan-Dastur getroffen hatte.

Er hatte zu ihr von ihrem gemeinsamen Heimatort gesprochen, den er auch seit einem halben Jahr nicht gesehen hatte; so lange war er unterwegs gewesen, um die Tempel der reinen Lehre in Indien zu besuchen. Aber jetzt – heute – fuhr er zurück über das große Wasser, und dann ging es heimwärts. Er hatte sie eingeladen, mitzureisen, sie hatte ihm von ihrer wunderbaren Rettung erzählt, von Ralph und Helen; und er hatte sie beide gesegnet.

Schehanna hielt inne, und Helen verstand, daß sie noch mehr gesagt hatte – was sich in der Wüste ereignet und was sich auf dem Dampfer zugetragen hatte.

Von einer plötzlichen Eingebung getrieben, die sie selbst erstaunte, als sie ihr von den Lippen kam, sagte Helen:

»Nimm mich mit.«

Schehanna schwang sich herum vor Freude und preßte die Hände gegen ihre Brust.

»Das wollte ich ja gerade – das wollte ich ja gerade.«

Das Blut strömte Helen zum Herzen. Sie sprang auf in Angst wie jemand, der weiß, daß es das Leben gilt. – Sie griff nach Schehannas Händen, die sich ihr entgegenstreckten, als verstünden sie, daß man Hilfe von ihnen erwartete. Und Schehannas Blick begegnete dem ihren. Er war plötzlich tiefernst geworden, als ob er ihre bebende Seele zu einer reineren und stärkeren Seele, die sie nicht enttäuschen würde, emporhöbe.

Schehanna, die zarte und scheue, nahm Helen, die stolze und starke und reiche, in ihre Arme wie eine Mutter; sie drückte ihre heißen Wangen, die noch feucht waren, gegen ihre Brust und flüsterte mit ihrer sanften Stimme die Gebete der guten Gedanken, guten Worte und guten Taten über ihrem Haupt.

Eine Stunde später waren die Koffer gepackt, die Rechnung bezahlt und die Billette bei Cook bestellt. Helen schrieb den Brief an Ralph, und gegen elf Uhr brachte das Boot des Hotels, mit dem Portier an Bord, Helen und Schehanna und ihr Gepäck zum Dampfer, der zur Abfahrt bereit in dem stillen Wasser lag, das von Oel und Schmutz in allen Farben des Regenbogens schillerte.

Sie suchten vergeblich nach Dasturan-Dastur. Er war nicht zwischen den Passagieren der ersten Klasse. Schehanna ging aufs Zwischendeck hinunter, durchsuchte alles von vorn nach achtern und kam freudestrahlend zurück.

»Ich habe ihn gefunden. Ich sagte ihm, daß du mit seiest und er lächelte, als ob er es bereits wüßte.«

Als der Dampfer sich in Bewegung setzte, wandte Helen sich zur Stadt um, wo Ralph zurückblieb. Es ging ihr wie ein Stich durchs Herz. Ob er jetzt wohl ihren Brief las? Und sie suchte Schehanna auf, um sich gegen den saugenden Schmerz zu wehren, der sie überwältigte.

Schehanna verstand sie; sie nahm ihre Hand und zog sie mit sich übers Deck, wie ein Kind über alles Neue was sie sah, plaudernd, bis es ihr schließlich glückte, ein Lächeln auf Helens Lippen hervorzurufen.

 

Helen schlief unruhig. Die Bewegungen des Schiffes wiegten sich in ihre Träume hinein; sie meinte, daß sie im Automobil an Ralphs Seite säße und die Schwankungen des Wagens sie immer näher aneinander drängten. Schließlich sprang sie auf, von dem funkelnden Licht geweckt, das durch das Ochsenauge fiel.

Sie blickte über eine perlmutterfarbige Meeresfläche, die sich im Takt mit den Bewegungen des Schiffes hob und senkte. Die Sonne konnte sie nicht sehen, sie schien gerade aufzugehen, denn die Strahlen glitten unter das Sonnensegel längs der blanken Fläche. Sie kleidete sich schnell an, warf einen Blick zu Schehanna hinein, fand sie tief schlafend, und eilte aufs Deck hinauf, um in dem zunehmenden Licht Zuflucht vor der Sehnsucht zu suchen, die der Traum von neuem in ihrem Herzen lebendig gemacht hatte.

Das Deck war öde. Auf der Kommandobrücke stand ein schläfriger Steuermann und blickte verstohlen zu ihr hinab, während sie hin und her wanderte. Unten auf dem Zwischendeck ging ein Matrose mit aufgekrempelten Beinkleidern und spülte die Planken, während er dabei flötete.

Wie sie dort stand und übers Meer zu der fernen Küstenlinie hinüberblickte, die aus dem Nebel auftauchte, bemerkte sie mehrere große Vögel, die das Schiff umkreisten. Sie wandten den Kopf wachsam und neugierig zum Steven des Schiffes, als ob dort etwas sei, was ihre Aufmerksamkeit auf sich zöge. Helen folgte der Richtung ihres Blickes und entdeckte hinter der Ankerkette eine weiße Gestalt. Sie trat einige Schritte zur Seite und sah, daß es Dasturan-Dastur war. Hoch und allein stand er dort, das Gesicht auf die ferne Küste gerichtet.

Er streckte die Hände aus. – Grüßte er die Sonne, oder reckte er sie dem Land seiner Sehnsucht entgegen? – Es sah aus, als flüstere er vor sich hin, als spräche er mit jemandem, der unsichtbar zugegen war. Er war es, den die Vögel kreisend mit ihrem Blick suchten.

Zog er sie mit seiner Stimme zu sich heran? – denn er warf ihnen kein Brot hin. Lauschten sie einer Sprache, die er und sie gemeinsam hatten? – Sie stand in seinem Anblick versunken; da wandte er den Kopf zu ihr um und der Blick seiner wundersamen, strahlenden Augen traf sie wie an jenem Abend vor dem Adaran, als er die Worte flüsterte, die sie nicht vergessen konnte. Er hob die Hand zum Gruß und nickte wiedererkennend.

Helen merkte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, als sie wiedergrüßte; dann wandte sie sich und kehrte zu ihrer Kajüte zurück. Sie fühlte seinen Blick im Nacken und hatte die größte Lust, zu ihm hinunterzugehen. Aber sie wagte es nicht, denn Schehanna hatte ihr von all den Rücksichten erzählt, die er nehmen mußte, damit nichts Unreines seinen Atem kreuze.

Eine Stunde später begann das Leben an Bord sich zu rühren. Sportgekleidete Anglo-Inder trafen sich auf Deck und begannen gleich die Begebenheiten vom Hockey-Klub in Madras zu bereden. Eine alte englische Lady wurde von ihrer Kammerjungfer mit vielen Kissen in einen Liegestuhl gebettet, der ihren Namen trug.

Jetzt zeigte Schehanna sich vor ihrer Tür. Es belustigte Helen, die Unruhe in ihren Augen zu sehen, während sie das Deck absuchten; ein tiefer, glücklicher Schlaf hatte sie verspätet. Helen versteckte sich vor ihr und sah, wie ihre Unruhe zu Angst wurde. Sie wirft sich vor, dachte Helen, daß sie mich zu lange allein gelassen hat; sie weiß, wie verwundet ich bin, und sehnt sich danach, mit ihren weißen, zarten Händen zu heilen. Die Tränen stiegen Helen in die Augen, und der Gedanke an den, den sie verlassen hatte, überwältigte sie von neuem.

Helen sah Dasturan Dastur nur selten; als die Kajütenpassagiere und ihr Gepäck vom Dampfer auf die flache Küste von Tuticorin abgesetzt worden waren, wo der Madras-Expreß wartete, trennte der weiße Priester sich von den übrigen. Der Zugführer, der ihn zu kennen schien, wies ihm ehrerbietig ein Coupé zweiter Klasse mit herabgelassenen Gitterfenstern an, das für ihn reserviert war. Während der Reise sahen sie ihn nur ein einziges Mal, als er bei einer Kreuzungstation ausstieg, um auf einem anderen Wege die Stadt zu erreichen, deren Adaran er unterwegs besuchen wollte.

Schehanna ging auf den Bahnsteig, um ihm einige Worte zum Abschied zu sagen, während sie mit gebeugtem Kopf und auf der Brust gekreuzten Armen vor ihm stand. Sie erfuhr, wann und wo sie ihn in Bombay besuchen sollte. Helen wagte ihr nicht zu folgen, aber während er sprach, weilte sein Blick auf ihr, und sie fühlte, wie damals an Bord, daß er in ihren Gedanken las und ihren Sinn prüfte.

 

Zeitig am Morgen erreichten sie Bombay und fuhren durch die erwachende Großstadt zu dem mächtigen Taj-Mahal-Hotel, das am Kai lag und über das blaue Meer blickte.

Schehanna hatte keine Ruhe, sie wollte gleich weiter nach ihrer Heimatstadt. Es kostete Helen Mühe, sie zu überreden, sich einen Tag und eine Nacht nach der zweitägigen Reise auszuruhen.

Am Morgen brachte Helen sie zur Bahn. Schehanna hatte sie gebeten, sie zu begleiten, Helen aber wollte bei dem ersten Wiedersehen mit ihren Eltern nicht störend zugegen sein.

Schehanna versprach, daß sie gleich schreiben und am übernächsten Tag zurückkehren wolle, um Helen zu holen, damit sie ihr die Orte zeigen konnte, von denen sie ihr so oft erzählt hatte.

Als Helen vom Bahnhof zurückkehrte, bereute sie, daß sie nicht mit Schehanna gefahren war. Ein eisiges Einsamkeitsgefühl schnürte ihr das Herz zusammen. Sie blickte trostlos über die sonnenglühende Promenade, wo Parias den schweren Staub in runden Wölkchen auffegten, während elektrische Straßenbahnen wie in Europa vorbeiklingelten.

Automobile mit geschäftigen Kontoristen rollten über den roten Kies. Engländerinnen machten ihre morgendliche Spazierfahrt. Vornehme Kinder kehrten vom Tennisplatz zurück, mit Gouvernante und Aya auf dem Vordersitz. Alle waren weiß gekleidet, daß es die Augen blendete. Sie sah einen hohen, spitzen Glockenturm in englischem Stil; ein massives Bankgebäude, eine öffentliche Bibliothek oder ein College aus solidem Granit; Schutzleute an der Ecke; Ladenfenster hinter blendenden, weißen Markisen. Große prahlende Reklameschilder und anderes internationales Geschäftsleben, das sie durch ganz Europa verfolgt und in Kairo vertraulich gegrüßt hatte, begegneten ihr hier wieder, erinnerten sie an die Heimat und machten das Gefühl von Vereinsamung noch bitterer.

Sie ging in den mächtigen Speisesaal, um zu frühstücken. Das Orchester spielte dieselben Walzer, die sie in Kairo und Colombo gehört hatte. – Diesen hatte man bei Shepheard gespielt, als Ralph und sie aus El-Azhar zurückkehrten – zu den Tönen dieses Walzers und jenes hatte sie mit ihm auf dem Ball an Bord getanzt. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie konnte nichts essen.

Sie trank Kaffee in der großen Halle, die sich mit hohen Bogen zum Meere öffnete. Wie sie dort saß und in das blitzende Blau hinaussah, mit den fernen Dampfern auf der Reede, fühlte sie einen plötzlichen Schmerz in ihren Augen. Erst wurde es dunkel vor ihrem Blick, dann begann es zu flimmern, als ob die Luft von tausenden von spiralförmigen Würmern erfüllt sei. Sie schloß die Augen und hielt die Hand davor, bis der Schmerz nachließ und sie wieder sehen konnte. Als er aber kurz darauf zurückkehrte, ging sie auf ihr Zimmer, um die Augen zu baden. Sie war etwas schwindelig, während sie die breite teppichbelegte Treppe hinaufstieg, es verlor sich aber ganz, als sie ihr nasses Taschentuch eine Weile gegen die Lider gedrückt hatte. Wahrscheinlich habe ich die Sonnenglut heute morgen auf der Straße nicht vertragen können, dachte sie, und legte sich in den langen Liegestuhl; sie war müde und matt und schlief schließlich ein.

Am nächsten Tage wäre Helen am liebsten auf ihrem Zimmer geblieben. Das Müdigkeitsgefühl wollte sie nicht verlassen, auch die Augen taten ihr weh. Sie konnte das Alleinsein aber nicht ertragen, Erinnerungen überwältigten sie. Sie sah ihr verflossenes Leben klarer vor sich als je. Ein erinnerungsschweres Bild nach dem andern erschien, bis Ralph die Bilderreihe unterbrach. Noch in Konstantinopel, auf der wunderbaren Fahrt durch das Marmarameer an Syriens strahlender Küste, war es das Leben um sie herum, Himmel und Meer in ihrer Lichtfülle. Gesichter und Typen gewesen, die in Bildern an ihrem Bewußtsein vorbeigeglitten waren. Auch Damaskus und Jerusalem hatten ihr eigenes Gepräge und Leben gehabt, wenn auch nebelhafter; von Kairo an aber war alles, was sie gesehen hatte, nur wie wechselnde Dekorationen gewesen, von denen Ralph und Schehanna und sie selbst sich abhoben; und schließlich trat alles Aeußere zurück, und sie sah nur ihn.

Sie versuchte zu durchdringen, was eigentlich in jener wunderbaren Nacht in der Wüste geschehen war. – Was war es für eine Macht gewesen, die sie von ihm, dessen Bild sie unauslöschlich in ihrem Herzen trug, fortgezwungen und vielleicht für immer aus ihrem Leben entfernt hatte? Eine merkwürdige Doppeltheit war in ihrem Gemüt, als ob zwei Gesichter in ihrem Innern sich anstarrten, weit verschieden, obgleich beide ihre Züge trugen. Ein nagender Schmerz von Sehnsucht war in ihr – und dennoch fühlte sie mitten in ihrem Kummer einen Unterstrom von etwas Trostreichem. Sie schloß die Augen, lauschte lange erstaunt darauf und dachte: was geschieht mit mir? Welches Schicksal wird in meinem Gemüt vorbereitet?

Oh, jetzt schnitt der Schmerz plötzlich wieder durch ihre Augen, und alles wurde dunkel und flimmerte. Sie stand auf und badete ihre Augen, bis der Schmerz nachließ. Anzusehen war den Augen nichts, sie waren weder rot noch trübe, im Gegenteil, der Blick war strahlender, die Pupillen größer und dunkler als vorher.

Nach dem Frühstück fuhr sie mit einem Führer durch die Stadt; sie besuchte den großen Viktoria-Park mit seinen Tigern und Löwen; sie ritt auf dem ungeheuren Mietselefanten zusammen mit einer englischen Lehrerin und ihren Parsen-Schülern; sie fuhr durch die Stadt der Eingeborenen, wo sich das Leben vor den niedrigen Häusern in seinem ganzen bunten Schmutz abspielte.

Sie sah die Markthallen mit den wunderbarsten Früchten und seltsamsten Fischen, und kehrte auf der breiten Promenade längs der Bucht unter herrlichen alten Bäumen zurück.

Der Tag ging zu Ende, ohne daß Helen einen Brief von Schehanna bekam. Sie erkundigte sich beim Portier – zweimal am Tage kam Post – und schließlich beruhigte sie sich damit, daß das Wiedersehen Schehanna so überwältigt hatte, daß ihr keine Zeit zum Schreiben geblieben war.

Auch am nächsten Tag kam kein Brief; als Helen zu Bett ging, sehnte sie sich sehr nach Schehanna. Jetzt, wo sie zu den Ihren zurückgekehrt ist, dachte sie mit einem tiefen Seufzer, bin ich ihr nichts anderes, als eine Fremde und Unreine. Aber sie bereute ihren Verdacht gleich wieder und tat Schehanna im Herzen Abbitte.

Nachts hatte sie einen seltsamen Traum; sie erinnerte sich seiner nicht, als sie erwachte, nur ein Eindruck von Angst war in ihr zurückgeblieben. Als aber auch der dritte Tag zu Ende ging, ohne daß sie einen Brief empfangen hatte, wurde sie ernstlich besorgt. Sie überlegte, ob sie telegraphieren sollte, erfuhr auch, daß es ein Telephon in Navsari gab; aber sie hatte versäumt, sich die Adresse geben zu lassen, weil es so sicher gewesen war, daß Schehanna gleich schreiben würde.

Hab ich beide verloren? dachte sie und brach einen Augenblick in Verzweiflung zusammen. Vielleicht war der Brief an eine falsche Adresse gegangen. – Schehanna mochte in ihrem Glücksrausch nur den Namen geschrieben, und die Adresse vergessen haben – oder war ihr etwas zugestoßen?

Der Gedanke an ein Eisenbahnunglück, Ueberfall, Entführung fuhr Helen durch den Kopf. Was sollte sie machen? Da kam sie auf den Gedanken, den Portier nach Dasturan Dastur zu fragen. Er telephonierte zum Panchayat der Parsen und erfuhr, daß der Priester in den nächsten Tagen in Bombay erwartet würde.

Helen fuhr zum Panchayat hinaus; es lag abseits in einem kleinen Haus, vor der Welt verschlossen. Sie wurde in ein halbdunkles Zimmer geführt, wo ein alter Mann sich vor einem Pult erhob und sich sagen ließ, was sie auf dem Herzen habe. Er suchte Schehannas Namen und Familie in einem großen Protokoll und versprach, daß er sich in Navsari erkundigen und Helen Bescheid ins Hotel schicken wollte.

Es vergingen mehrere Tage, ohne daß ein Bescheid kam. Endlich am vierten Tage, als Helen zum Panchayat fahren wollte, sah sie einen jungen Mann in der Vorhalle stehen, in einem europäischen Rock, aber mit dem blanken, braunen, hellen Hut der Parsen auf dem Kopf. Der Portier stand dabei und versuchte die Adresse auf dem Brief, den er gebracht hatte, zu deuten. Als er Helen sah, wußte er Bescheid und gab ihr den Brief. Helen eilte auf ihr Zimmer, um ihn allein zu lesen. Er war auf englisch geschrieben und hatte keine Unterschrift.

Dort stand:

»Schehanna Modi, nach der Sie gefragt haben, ist in Navsari gewesen, hat die Stadt aber bereits vor einer Woche wieder verlassen. Sie fand nicht, was sie suchte. Ihr Vater ist bald nach dem Verlust seines Kindes vor Kummer gestorben; ihre Mutter hat das Haus verkauft und ist in eine große Stadt gezogen. Wir wissen nicht, wo sie ihren Schmerz verbirgt. Ahura-Mazda leite sie den einzig richtigen Pfad! – Ashem Vohu.«

* * *

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