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Der unbekannte Gott. Zweiter Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Zweiter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Zweiter Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080328
modified20180423
projectid8f31337b
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Kantra lernte drei Jahre lang. Sie wohnte im Dajahaus, das in die linke Tempelmauer eingebaut war, der Welt und ihrem Lärm abgewandt.

Dort wohnte sie mit vier anderen Dewadasen ihres Alters, die alle dem Gott geschenkt, aber noch nicht reif waren, ihm geweiht zu werden.

Die Daja war selbst einmal Dewadasi gewesen, aber sie hatte nicht die Fähigkeit besessen, ihr Opfer, das in der völligen Hingabe an den Gott besteht, ganz zu geben. Von der tötenden Liebe hatte sie eine Glut geraubt, die stark genug war, ihr selbst das Leben zu bewahren und ihre Seele zu verhindern, ganz in dem Gewaltigen zu verlöschen. Ihre Sinne waren nicht treu bis in den Tod gewesen.

Ueber den Rest, den sie bewahrt hatte, wachte sie mit neidischer Angst, weil sie wußte, daß sie in ihrem nächsten Leben dafür büßen würde, daß sie den Gott im Stich gelassen hatte.

Lesen und Schreiben lernten die kleinen Bajaderen von den Brahmanen. Jede hatte ihren Lehrer; im Tempeltanz und Gesang aber, Ankleidekunst und Körperpflege unterrichteten die Dewadasen sie; jede hatte eine Schülerin, die ihr folgen mußte, wenn sie ihr Amt verrichtete, ausgenommen in den nächtlichen Stunden beim Gott. Die Schülerin mußte ihr zum Bade folgen, um die Kunst der Reinigung und der Gebete zu lernen; sie mußte zugegen sein, wenn sie morgens und abends vorm Bild des Gottes im Tempel tanzte. In ihrer Kammer mußte sie sich jeden Morgen in den uralten Götterliedern üben. Die Dewadasi lehrte sie die Wege der Liebe und die Anfangsgründe in dieser Kunst. Die Dajen aber, bei denen sie wohnten, paarweise in kleinen Kammern, die hoch oben an der Tempelmauer eine kleine Luke hatten, so daß man kaum den Kopf hindurchstecken konnte – die Dajen erzählten ihnen, wenn die Abendandacht vorbei war, was sie in ihrem langen Leben von Liebeskunst erfahren und gelernt hatten. Sie sprachen ihnen von des Lebens höchstem Ziel, dem völligen Vergehen in der Liebe, um ihre Lustgefühle zu wecken.

Die Daja war die getreue Helferin der Brahmanen. Die Reinen erfuhren heimlich alles von den kleinen Bajaderen, damit sie sich beizeiten eine davon wählen konnten. Und dem Brahmanen, der seine Wahl bereits getroffen hatte, bahnte sie einen Weg zu dem jungen Gemüt, bis die Augen des jungen Mädchens schwer von Sehnsucht wurden, wenn sie nur den Namen hörte.

Ramalingam hatte sich Kantra bereits in dem Augenblick erwählt, als sie nackt, die Augen mit den Armen bedeckend, vor ihm gestanden hatte. Die Daja hatte es sofort gesehen; und da Ramalingam der Letzte war, dem sie in ihren Dewadasitagen gedient hatte, gönnte sie ihm vor allem das Beste; sie verwandte ihre ganze Sorgfalt auf Kantra.

Kantra hatte sich schnell in ihrer Kammer eingelebt. Dort war ein weicheres Lager, als sie es je gekannt, dort waren Spiegel, Kämme und Bürsten, die von Oel und Essenzen dufteten. Sie durfte tun, was sie wollte, nur nicht allein ausgehen. Entweder war sie mit ihrer Schlafkameradin, einem kleinen bronzefarbenen Sudramädchen, zusammen, oder mit ihrer Dewadasi, einem vollbusigen Vellalaweib, mit vollen Backen, gewölbten Augen und runden, starken Beinen. Sie blickte auf Kantra herab, voll Spott über ihre keimende Schönheit, neidisch auf Ramalingams Gnade. Sie lehrte sie nur das Notwendigste, und Kantra fürchtete sich vor ihr. Ramalingam aber wagte nicht, sich hineinzumischen, denn die Vellala war eine zur rechten Hand angetraute Dewadasi und die Auserwählte des Oberbrahmanen. Sie diente ihm allein, ihr Herz aber gehörte Ramalingam.

Nach der Mittagsstunde kam der Brahmane in die Kammer der Daja. Er kam, um Kantra von den höchsten Dingen zu unterrichten, die keiner von der Kaste ihres Vaters jemals wissen durfte. Er kam, um ihren Geist zu bilden, damit die Hingabe an die Lust ein um so größeres Opfer für den Gewaltigen werden konnte. Auch Englisch lehrte er sie. Sie saß allein bei ihm in der Kammer, wo es stark und kräuterig nach den blaßroten Blumen der Basilwurzel duftete und nach der heiligen Tulasipflanze, die nach der Nymphe Tulasi genannt ist, die Krishna liebte und in ein Kraut verwandelte. Dies Kraut wächst in dem Hause eines jeden rechtgläubigen Hindus in einer Lehmkruke, zusammen mit dem Waldapfelbaum, Sivas heiliger Baelpflanze. Ihnen brachte die Daja ihre täglichen Gebete zum Opfer und bespritzte sie mit Wasser, das sie im Fluß geholt hatte.

Ramalingam unterrichtete sie von der heiligen Dreifaltigkeit: dem Schöpfer Brahma, dem Erhalter Vishnu und dem Vernichter Siva, die vereint das heilige Wort »Om« sind, das nicht vor unreinen Ohren genannt werden darf. Er lehrte sie Gatrya, das tägliche Gebet, das der Besitz der Zweimalgeborenen ist und mit »Om« anfängt, mit »Om« endigt und alle sieben sichtbaren Welten anruft, in denen »Om« offenbart ist. Während er mit seiner leisen, dunklen Stimme sprach, lagen ihre zarten Finger in seinen heißen, lebensvollen Händen. Er strich über den zarten Flaum ihrer nackten Arme und beugte sich über sie, so daß sie seinen brennenden Atem auf ihrem bebenden Hals fühlte. Ihre Augen wurden groß und voll, während sie auf den beweglichen Falten um seinen beredten Mund und dem Muskelspiel seiner starken, glatten Wangen ruhten. Noch wußte sie nicht, was Liebe war, obgleich die Dewadasi ihr die Wege gewiesen und die Daja ihr das Glück derjenigen gepriesen hatte, die sich in ihre Tiefe versenken konnte. Eines Tages aber, als es sehr warm war, und Ramalingam seine Hand auf ihre Knie legte und seinen Blick tief in ihre dunklen Augen senkte, wurde der heftige Brand plötzlich in ihrem Schoß entzündet. In jener Nacht lag sie wach, schlang die Arme um ihr Kissen, rief seinen Namen und klagte und weinte. Die Daja erwachte, kam an ihr Lager und sah, daß sie reif war, Sivas Braut zu werden.

Wenige Tage später führte die Daja sie vor das Panchayat der Dewadasen. Erst entkleidete man sie und musterte ihren Körper; dann mußte sie singen und den Tempeltanz vortanzen. Darauf wurde sie zum Oberbrahmanen geführt, dem alten Weisen, der Kopf und Hals wie ein Geier hatte, kahl, gelb und runzlig. Sie mußte ihm vorlesen und -schreiben; er fragte sie nach den höchsten Dingen, die Ramalingam sie gelehrt hatte, und die Prüfung war bestanden.

Am nächsten Morgen ging die Daja mit ihr durch den Säulengang zum »Teich der goldenen Lilien«. Sie badete sie in dem heiligen Wasser, salbte sie mit Rosenöl und rieb ihr Haar mit Ambra ein. Dann geleitete sie sie wieder in die Kammer und kleidete sie in ein neues Gewand von Seide mit goldenen Borten. Sie pflückte die heiligen Blumen von ihrer Basilwurzel und schmückte ihr schwarzes Haar damit. Sie legte schwere Silberringe um ihre Fußgelenke, und um ihren Oberarm den Schlangenring von Gold, den Ramalingam zur Trauung geschenkt hatte.

Den ganzen Tag mußte sie fasten. Abends kam die Vellala-Dewadasi, um sie zu holen. Sie führte sie durch den dunklen Fledermausgang, durch die Säulenhalle, zu Sivas heiligem Schrein, wo die Brahmanen vor dem Gewaltigen und seiner Frau, Parvati, versammelt waren – die Bronzestatuen, die bei Prozessionen gebraucht wurden.

Kantra tanzte zum erstenmal vor dem Gott in eigener Person. Nach dem Tanz trat der Oberbrahmane vor, bespritzte sie mit Wasser aus dem heiligen Fluß, während er sein Gatrva betete. Sie warf sich vor dem Gott nieder, der sie mit seinem Steinangesicht betrachtete. Während sie auf der Erde lag, sprach der Oberbrahmane die Trauungsgebete. Darauf nahm er von dem ausgestreckten Arm des Gottes den Tali – eine Kette aus schwarzen Kernen, mit dem Lingam-Zeichen des Gottes in der Mitte, befahl ihr, sich zu erheben, legte sie um ihrem Hals und band die Enden zusammen. Darauf nahm er ein Armband, das an einem Finger des Gottes hing, schloß es um ihre linke Hand, und schließlich steckte er einen Ring mit einer spiegelblanken Silberplatte an den großen Zeh ihres linken Fußes.

»Durch diesen Tali binde ich dich an den Gott, du darfst ihn nicht lösen, weder von Hals, Hand noch Zeh.«

Sie hingen Blumenketten um ihren Hals, Basilblumen, Blätter vom Bael und die gelben Tempelblumen, die so süß gegen Abend dufteten. Schließlich führte der Oberbrahmane sie mit allen Brahmanen und Dewadasen im Gefolge, durch den langen Gang zu der kleinen Erztür, die sich an jenem ersten Tage zwischen ihr und ihrem Vater geschlossen hatte.

Die Tür öffnete sich und dort stand Sundareshvar in dem Lichtschein einer düsteren Kerze und erwartete seine Braut. Seit dem ersten Tage war Kantra nicht in diesem Raum gewesen. Sie blickte scheu zu dem Gesicht des Gewaltigen auf und meinte, daß der Schatten eines Lächelns über den Mund ihres Herrn glitt. Sie fürchtete sich nicht mehr vor ihm, sie dachte nur an das, was ihr bevorstand daß der Gott in Ramalingams Gestalt zu seiner Braut kommen würde.

Es war nicht Platz für alle in dem engen Raum. Die Tür blieb offen stehen; einer nach dem andern aber drängte sich herein und opferte, Gatrya betend, Blumen zu den Füßen des Gewaltigen legend. Darauf gingen sie leise hinaus, und schließlich waren Kantra und die Daja allein.

Die Daja dachte an ihre eigene Hochzeit, als sie blumengeschmückt hier gestanden hatte. Sie schloß Kantra in ihre Arme und wünschte ihr, daß sie eine bessere Dewadasi werde als sie es gewesen war, daß sie dem Gotte treu sein, und daß ihr Leben in seinen Armen vergehen möge.

Dann nahm sie ihr die Blumenketten ab und hing sie über die vier Arme des Gottes. Nachdem das geschehen war, entkleidete sie sie und zeigte dem Gott das Seidengewand mit den goldenen Borten, bevor sie es zusammenlegte, damit er sehen konnte, wie schön es war. Als Kantra nackt vor dem Gewaltigen stand, wo sie vor drei Jahren scheu und zitternd gestanden hatte, richtete sie sich voller Stolz auf, weil sie die hohe Stellung einer Dewadasi erreicht hatte, noch dazu die einer Valangai (rechter Hand Angetraute), breitete ihrem Herrn und Bräutigam ihre junge feste Brust entgegen und gelobte ihm, getreu bis in den Tod zu sein.

Die Daja legte ihr einen weichen Mantel um die Schultern und führte sie bei der Hand zu dem Loch in der Mauer. Sie duckte sich und kroch mit Mühe hindurch, ohne Kantras Hand loszulassen. Der Raum, in den sie gelangten, war ganz dunkel, von heißen, schweren Düften voll. Sie traten auf weiche Teppiche. Die Daja führte sie, bis ihr Fuß gegen eine Matte stieß. Kantra beugte sich herab und tastete neugierig durch die Dunkelheit. Die Matte war über ein zierliches Gestell von Bambusrohr gebreitet.

Die Daja zog sie wortlos aufs Lager herab, denn der heilige Ort durfte nicht von irdischer Rede verunreinigt werden. Solch warmes, weiches Lager hatte Kantra noch nie gehabt. Die Daja schob ihr ein Kissen unter den Kopf und breitete eine Decke über sie, preßte darauf Kantras Hände und Kopf gegen ihre welke Brust und verließ den Raum lautlos auf einem anderen Weg, als sie gekommen waren. Kantra meinte den Laut und Luftzug einer Tür zu vernehmen, die geöffnet und geschlossen wurde. Dann war sie allein, ihren Herrn und Gott erwartend.

Plötzlich wurde sie von Angst erfaßt. Sie zitterte, daß die Matte unter ihr schwankte. Sie bohrte ihre Finger in das weiche Lager, während das Blut so heftig in ihrem Hals klopfte, daß sie kaum atmen konnte.

Sie meinte stundenlang gewartet zu haben, als sie das Geräusch von schweren Schritten im Nebenraum hörte.

War es der Gewaltige, der von seinem Platz herabstieg? Ihr war, als hörte sie, wie er seine Kleider ablegte. Ging die Tür? Hörte sie Stimmen? War es Ramalingam, der kam, um dem Gewaltigen seinen Körper und seinen Dienst anzubieten? Sie lauschte so angestrengt, daß ihr Herz zu schlagen aussetzte. Da ertönte das Gleiten von Schritten über den Steinen. Das Wunder war geschehen, der Gott hatte Ramalingams Gestalt angenommen, war zum Menschen geworden und kam jetzt zu ihrem Lager, um seine menschliche Braut in seine menschlichen Arme zu schließen, zur Erinnerung an damals, als sein Auge auf die Tochter des Madura-Königs gefallen und er in einer Männergestalt, Sundareshvar genannt, zur Erde herabgestiegen war, um Hochzeit mit der Prinzessin zu halten und eine Woche bei ihr zu verweilen. Seit jener Zeit hatte der Gewaltige Geschmack an der Liebe irdischer Frauen gefunden, und jetzt kam er zu ihr, einem armen Gollamädchen.

Sie sah nichts, hörte nichts mehr, plötzlich aber merkte sie, daß eine Gestalt neben ihrem Lager stand, fühlte, wie sie sich über sie beugte. Sie streckte die Arme entsetzt gegen die lebendig gewordene Dunkelheit, und stieß gegen einen Kopf, der sich über sie beugte.

»Kantra!« Es war die weiche, dunkle Stimme des Brahmanen. Im selben Augenblick schwand die Angst aus ihrem Herzen, sie löste sich in Tränen auf, die ihr aus den Augen brachen, während es in ihrer Kehle lachte. Jubelnd schlang sie die Arme um seinen Nacken und preßte ihre brennenden Lippen auf den beweglichen Mund, den sie schon so lange geliebt hatte.

 

Sie erwachte aus schwerem Schlaf, als ein Lichtstrahl von der Decke herabfiel. Sie drehte den Kopf und sah, daß sie allein auf ihrem Lager war. Sie weinte, weil er sie verlassen hatte. Da erinnerte sie sich beschämt, daß es nicht Ramalingam, sondern der Gott in seiner Gestalt gewesen war, der sie in die Arme geschlossen hatte. Während der ganzen glücklichen Nacht hatte sie dem Gott keinen einzigen Gedanken geschenkt! Ob er, der wahrscheinlich nebenan wieder auf seinem Platz stand, es in ihrem Herzen lesen konnte – ob er es an ihren Augen sehen würde, wenn sie heute vor ihm tanzte? Wenn er das konnte, dann konnte er auch in ihrem Herzen lesen, daß in dieser Nacht ein Augenblick gewesen war, ein seliger Augenblick, wo sie zu sterben wünschte, weil sie so glücklich war, wie sie nie geträumt hatte. Jetzt begriff sie, was es hieß, daß sie dem Gott alles geben, ihm in ihrer Liebe getreu bis in den Tod sein sollte.

Kantra bekam ihre eigene Kammer neben denen der anderen Dewadasen in der inneren Tempelmauer; durch den halbdunklen Säulengang war sie von dem innersten Tempel getrennt, wo der allerheiligste Altar des Gottes in der Mitte stand, und in der südwestlichen Ecke seine Schlafkammer hinter der kleinen Erztür war.

Die Daja weckte sie eine Stunde vor Sonnenaufgang. Sie ging mit den andern zum »Teich der goldenen Lilien«, badete und hielt ihre Andacht in dem heiligen Wasser. Wenn sie an der Reihe war, zündete sie das heilige Licht Kumbarti an und trug es zum Altar des Gottes im Allerheiligsten, tanzte nackt bis zum Gürtel den Morgentanz und sang dazu. In der Mittagsstunde fächelte sie abwechselnd mit den andern die Hitze vom Steinkopf des Gewaltigen, mit dem Chamarafächer, der aus dem Schwanz des Tibet-Ochsen gemacht ist.

Wenn sie keinen Dienst hatte, fuhren sie und ihre Schülerin in dem kleinen Zebu-Wagen der Dewadasen zum Kali-Tempel bei dem großen Teich, um Sivas Frau anzubeten, die grimmige, rachsüchtige Kali mit den vielen Namen, damit sie ihr nichts Böses bei ihrem Eheherrn nachsagen solle. Sie gab den Bettlern von ihrem Tempelgeld, ergötzte sich an dem Spiel der Kinder, an der Akrobatenkunst, der Dommara, dem Gaukelspiel der Schlangenbändiger und ließ sich von den Korava-Hexen wahrsagen. Sie lächelte den jungen Brahmanen und andern zweimal Geborenen zu, die ihr auf ihrer Fahrt durch die lange Banyanallee begegneten; sie lächelte und kniff die Augen zu, um sie dann weit und voll zu öffnen. Wenn einer von ihnen von ihrer Schönheit gefesselt stehenblieb, ließ sie ihre Zungenspitze gegen die Oberlippe spielen, während sie ihn von der Seite unter halbgeschlossenen Lidern betrachtete, wie sie es gelernt hatte, und wie sie es die Kleine lehren sollte, die neugierig und aufmerksam an ihrer Seite saß. Sie tat es, ohne darüber nachzudenken, denn nur einer war in ihren Gedanken – der Gewaltige in Ramalingams Gestalt.

Es war ihr Recht, Nächte und Tage, wo sie dem Gott nicht zu dienen brauchte, andere Männer aus der Kaste der zweimal Geborenen zu besuchen. Sie durfte dienen, wem sie wollte und für den Preis, den sie selbst bestimmte. Aber es dauerte lange, bevor Kantra sich dazu entschließen konnte; sie fühlte Widerwillen dabei, statt Lust. Ramalingam stand beständig dazwischen. Aber sie wollte reich und vornehm werden. Sie wollte werden, wie die Vellala-Dewadasi – »ein wandernder Fleischbaum, der Goldfrüchte trägt« – wie der alte Sanskrit-Dichter sagt. Sie hatte von zwei Dewadasen gehört, die sich so viel Geld verdient hatten, daß sie einen mächtigen Teppa Kulam zu Ehren des Gottes bauen ließen. Das wollte Kantra auch tun. Sie zwang sich, einem jungen Brahmanen zu Willen zu sein, der ihr auflauerte, wenn sie sich außerhalb des Tempels zeigte. Sie bekam viel Geld von ihm, obgleich er sie enttäuscht verließ. Kantra vertraute sich der Daja an – sie weinte über ihr unglückliches Schicksal, daß sie arm und gering bleiben müsse; wenn sie dem Gott kein frohes Herz opfern konnte, würde er sie gewiß verstoßen; und das alles nur, weil sie keinem andern als dem Gott selbst, in Ramalingams Gestalt, die Lust geben konnte, die die andern für Geld von ihr verlangten. Die Daja aber wußte Rat: Ebenso wie nicht Ramalingam selbst, sondern der Gott in seiner Gestalt sie in die Arme schloß, so sollte sie sich vorstellen, daß es nicht der zufällige Gast war, der ihr Lager teilte, sondern Ramalingam in seiner Gestalt. Sie sollte die Augen schließen und nur an ihn und den Gott in ihm denken, dann würde auch diese Umarmung ein Opfer für den Gewaltigen sein.

Kantra tat, wie die Daja sie gelehrt hatte. Es glückte ihr, und als sie es erst gelernt hatte, ging kein junger Brahmane mehr enttäuscht und beschämt aus ihrer Kammer. Ihre Wangen röteten sich, ihre Brust schwoll, ihre Hüften reiften; sie trug ihren Kopf stolz und froh unter dem Gnadenstrahl Gottes, der aus Ramalingams dunklen, milden Augen und seinem beweglichen Mund auf sie herablächelte.

Kantra sammelte Gold und Edelsteine. Sie lernte es, ihr Opfer kostbar zu machen; und wenn ein neuer Anbeter ihre Gunst suchte, beriet sie sich mit der Daja, die ihr treu zur Seite stand. Kantra schickte ihrem armen Vater und ihren Geschwistern, die sie auf den Armen getragen hatte, Geld. Seine Herde gedieh und vergrößerte sich. Amram war nicht mehr arm, seine Frauen blühten; bald wurde er der erste Mann in der kleinen Stadt und die Männer kamen zu ihm, um Rat und Hilfe von ihm zu erbitten, da das Auge des Gottes auf seiner Hütte ruhte. Je reicher er wurde, desto mehr war er von seinem Wert überzeugt, und er bezweifelte sogar, ob der Gott ihn für seine reiche Gabe auch genügend gelohnt habe.

Alles, was Kantra opferte, opferte sie zu Ramalingams Ehre. Nur beim Gedanken an ihn glühten ihre Sinne auf. In den Nächten, wo er im Namen des Gottes bei ihr war, verlöschte ihre Seele, und ihr Körper lag in seinem Arm wie ein bebendes Opfer, das dem seligen Tod getreu ist. Diese Nächte aber wurden seltener und seltener. Ramalingam war nicht mehr jung; Kantra sah die Macht in seinen Augen schwinden, sie merkte die Ohnmacht am Beben seiner Hände, sie sah, wie seine Wangen schlaff und gelb wurden, und fürchtete, daß er krank sei. Sie weinte und sprach mit der Daja. Die alte Frau nickte und nickte, wollte aber nichts sagen. Sie hatte es schon lange gemerkt. Sie ging zu Ramalingam und vertraute ihm Kantras Klage. Der Brahmane suchte heimlich Aerzte auf; er gebrauchte alle Mittel, die er in alten Sanskrit-Büchern über die Kunst der Liebe fand. Für eine kurze Zeit glühte das Dunkel seiner Augen von neuem auf, für eine kurze Zeit wurden seine Hände wieder heiß und stark und lebendig; hinterher aber brach er zusammen. Und wenn Kantra ihn tags darauf vorm Altar sah, erschrak sie über seine gebrochene Gestalt, seine welken Züge. Sein beweglicher Mund war schlaff und müde, und es war, als ob sich die starken Linien seines Kinns gelockert hätten. Kantra zitterte vor Angst, daß der Gott den Körper verstoßen würde, der ihm viele Jahre so treu gedient und nur durch die Gewalt seiner Gefühle verbraucht war – sie fürchtete, daß der furchtbare Gott, der keine Barmherzigkeit gegen Schwache kannte, ihn wegwerfen und einen anderen wählen würde, der stark und warm genug war, um seine Fülle zu tragen. Kantra war verzweifelt, denn sie wußte nicht, wie sie dem Gott dienen sollte, wenn er nicht mehr in Ramalingams Gestalt zu ihr kam. Wenn sie sich nicht mehr in Ramalingams Arme hineinträumen könnte, würden auch die anderen, die zu ihr kamen, sich enttäuscht und beschämt von ihr wenden, wie in der ersten Zeit. Sie würde arm und gering werden, und wenn sie dem Gott keine Lust mehr zu opfern hatte, wie sollte sie ihm dann getreu bis in den Tod sein? Der Gott würde seine Augen von ihr wenden, sie würde alt und welk werden wie die Daja.

Kantra schenkte ihr Gold und ihre Schmucksachen der Schatzkammer des Gottes, um ihn milde zu stimmen. Sie betete zum Lingam, dem aufrechten Stein, wie sie die Frauen beten sah, deren Schoß unfruchtbar war. Ramalingam sah es, ohne daß sie es wußte. Er sah die Tränenspuren in ihren Augen, er merkte die Angst an ihren Händen, die sich bebend um seinen Nacken schlossen. Er fühlte den Schmerz in ihrem Seufzer, wenn sie vergeblich darauf wartete, daß ihre Seele in der seinen vergehen und ihr Körper wie ein Opfer in seinen Armen liegen sollte. Er führte ihr junge Brahmanen zu, die er dazu auserwählt hatte; aber sie konnte ihnen nicht dienen, und er sah ein, daß auch Kantras Zeit vorbei sein würde, wenn der Tag kam, wo er dem Gott seinen Körper nicht mehr leihen konnte. Sie ward ihm teurer als je; er tat sein Aeußerstes, um sie zu erfreuen, und wenn ein seltenes Mal das Vergessen sie übermannte und das Opfer vollbracht wurde, dann weinte sie vor Freude in seinem Arm und wollte ihn nicht lassen, bevor es Morgen wurde. Aber es geschah seltener und seltener, und der Tag kam immer näher, wo man es nicht mehr vor dem Oberbrahmanen würde verbergen können. Dann würde der Gott, dessen Lager keine Nacht leer stehen durfte, sich durch den Oberbrahmanen einen neuen Körper wählen, und wenn Kantra diesem nicht dienen konnte, eine andere Dewadasi an Stelle der Treulosen.

 

Da geschah es, daß ein kastenloser Fremder ihren Weg kreuzte.

* * *

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