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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Der Gong-Gong hatte zweimal geschlagen. Ralph war in den Speisesaal gegangen und saß Gamâl gegenüber, ebenso wie beim Frühstück, jetzt aber waren sie beide stumm.

Die hitzige Stimme des Kapitäns kreischte hin und wieder auf. Der Schiffsarzt begleitete sie mit langen, schwungvollen Sätzen, wobei er sein behaartes Müßiggängergesicht auf die Seite legte. Die französischen Damen unterhielten den ersten Offizier und den Intendanten, die dem Geklatsch aus der Saison in Kairo beehrt und angeregt zuhörten, mit schreiender Lebhaftigkeit, während die englische Miß ihre kalten, grünlichen Augen prüfend vom einen zum andern wandern ließ, als wohne sie einer Vorstellung bei.

Helen Herz kam schnell und leicht die Salontreppe herauf.

»Guten Abend, Herr Cunning!« sagte sie und nickte ihm munter zu.

»Sie sind doch nicht krank?« fragte er und sah sie aufmerksam an. Ihre Gesichtsfarbe war blaß, aber die Lippen waren rot und die Augen lebhaft wie sonst. Er konnte ihnen ansehen, daß er die Unterredung von gestern abend als einen Traum betrachten sollte.

»Nein, nur faul,« lachte sie, »ich war müde und bin liegen geblieben. – Vielleicht ein wenig seekrank,« fügte sie mit einem verlegenen Lächeln hinzu, als gestehe sie eine Kindlichkeit ein.

»Das Meer ist ja so blank wie ein Spiegel.«

»Man kann auch in einem Ruderboot seekrank werden.«

»Und Sie sind aus dem Lande der Wikinger?«

Helen antwortete mit einem Achselzucken und begegnete im selben Augenblick Gamâls Augen, die sie von der Seite musterten.

»Darf ich Sie mit unserem neuen Tischgenossen bekannt machen?« sagte Ralph, als er sah, daß sie neugierig war.

»Herr Gamâl, ein gelehrter Mann aus Kairo – Fräulein Helen Herz!«

Der Türke erhob sich halb und verbeugte sich, die rechte Hand flach auf der Brust, aber er sagte nichts.

Helen suchte nach einem Gesprächsthema; dann sagte sie:

»Sie haben vor Smyrna in Quarantäne gelegen, wie ich mir denken kann?«

»Ja, gnädiges Fräulein.«

»Das war wohl unangenehm?«

Sie blickte ihn verstohlen an und dachte, ob er wohl zu Hause einen Harem habe.

Gamâl lächelte nachsichtig.

»Das Wetter war gut, die Menschen waren gut und das Essen ebenfalls, was kann man mehr verlangen?«

Dabei rollte er das Brot zu einem Klumpen, steckte es in den Mund und kaute, daß der Kopf wackelte und in seinen Kauangeln knackte.

Helen war bald mit dem Essen fertig. Sie hatte nur Suppe, Fisch und Obst zum Dessert gegessen.

In einer Krachmandel fand sie einen Doppelkern.

»Kennen sie ›Vielliebchen-Essen‹?« fragte sie Ralph.

»Und ob!« Er streckte die Hand nach dem Kern aus und fragte:

»Wann soll es sein?«

»Morgen beim ersten Frühstück, wenn wir den ersten Bissen in den Mund stecken.«

»Gut, aber wenn Sie nun wieder wie heute seekrank werden?«

»Seekrank?«

»Oder faul.«

»Das werde ich nicht.«

»Können Sie es denn auch vertragen, zu verlieren?«

Er kniff die Augen zu und sah sie mit seinem ungeschickten Lächeln neckend an.

»Sind die Amerikanerinnen solch verhätschelte Kinder?« fragte sie und bekam einen roten Kopf.

Er hatte erreicht, was er wollte: Die kleine Falte zitterte zwischen den Brauen. Das machte ihr Gesicht so lebendig und gleichzeitig so kindlich.

»Sie sind ja keine Amerikanerin!« setzte er seine Neckerei fort.

»Nein, Gott sei Dank. Ich bin aus einem alten Kulturlande.«

»Wo liegt Ihr kleines Land eigentlich?«

Im selben Augenblick sah er an der plötzlichen Dunkelheit in ihren Augen, daß er zu weit gegangen sei.

»Verzeihen Sie!« bat er wie ein Junge, der weiß, daß er sich ungezogen benommen hat, »ich bin den ganzen Tag so allein herumgegangen, daß ich unleidlich geworden bin.«

Helen antwortete nicht. Kurz darauf stand sie vom Tisch auf und setzte sich mit einem Buch in eine Diwanecke.

Ralph stellte sich ganz unbefangen. Er ging mit nachlässigen Schritten durch den Raum und blickte verstohlen auf ihre weiße Hand, die das Buch so fest und vorsichtig hielt, als sei es ein lebendes Wesen, stocherte ein wenig im Koksofen, wo die Glut im Begriff war, zusammenzufallen, zündete sich eine Zigarre an und versuchte, vor sich hin zu summen, ärgerte sich plötzlich über sich selbst und ging zu den Sternen hinaus. Er hatte sich den ganzen Tag auf eine abendliche Unterhaltung wie gestern gefreut. Nun hatte er sie sich durch seine eigene Schuld verscherzt.

Ich kann nicht mit Damen umgehen, dachte er, oder bereut sie vielleicht, daß sie einem Fremden ihr Herz geöffnet hat?

Er ging ihr Gespräch von gestern Punkt für Punkt durch. Er wunderte sich, verstand, und kam ihr nach und nach ganz nahe, so nahe, daß sein Herz heftiger schlug.

Was für eine verzweifelte Idee, daß sie ihr Leben und ihr Vermögen opfern wollte, um Armen zu helfen, die ihr den Rücken kehrten, sobald sie ihnen nichts mehr geben konnte! – wie kann ein Vater sein Kind in solche Lage bringen?

Er blieb unter den Sternen stehen, die sahen, was in seinem Innern entzündet wurde.

Ich will sie retten, dachte er. Ich will ihr die Augen öffnen, damit sie sich nicht in törichter Frömmigkeit wegwirft. Ich will sie gegen die Welt, vor sich selbst beschützen.

Er ging mit starken Schritten nach achter und blickte übers Meer, wo der Kielwassergürtel wie fließendes Silber unterm Mond blitzte, der hoch und rein in festlichem Gewand mit einer weißen Glorie überm Bergrücken hing.

Auf dem Zwischendeck war alles still. Die Schatten der Kajüte und Takelage teilten das weiße Licht in scharfgezeichnete Figuren.

Ganz achter wurde es plötzlich lebendig. Ein Schatten streckte sich, reckte die Arme zum Himmel empor und beugte sich nach vorn.

Die Gestalt lag auf den Knien, das Gesicht dem Mond, den Rücken dem Schiff zugewandt, eine zarte Gestalt, die die Hände zu dem toten Gott emporhob und ihr Gesicht vor seinem Antlitz beugte.

Es war Schehanna. Er hatte ihre Anwesenheit an Bord bei all dem Neuen, was ihm begegnet war, ganz und gar vergessen. Er empfand durch die Nacht die tiefe Verlassenheit ihres scheuen Gemüts. Es war ihm, als ob er das Gebet durch ihre gerungenen Hände zittern fühlte, und warf sich vor, daß er sich nicht ein einziges Mal, seit sie an Bord waren, nach ihr umgesehen hatte.

Er meinte durch die helle Nacht, zwischen den dumpfen Stempelschlägen der Maschine, den weichen Celloklang ihrer Stimme zu hören, wie an jenem Tage, als sie in der Waschmühle sang. Zu wem sie wohl betet, dachte er.

Bei der Abreise hatte er ihr eine Einzelkajüte in der zweiten Klasse verschafft. Als sie aber in der Kajütentür zwischen den fremden Menschen stand, die aus- und einrannten und sie stießen, sah sie so klein und widerstandslos aus, so zart und hilflos in ihrem grüngestreiften Knabenanzug, daß er einen Augenblick bereute, sie nicht mit in die erste Klasse genommen zu haben. Da aber war es zu spät und er vergaß sie Helen Herz' wegen, der er einen Deckstuhl verschaffen wollte.

Ralph ging aufs Zwischendeck hinunter, trat vorsichtig zwischen die schlafenden Menschenbündel und erreichte sie, als sie sich gerade vom Gebet erhob.

Sie zuckte zusammen, als sie ihn sah. Ihre Hände kreuzten sich über der Brust; ihr feiner Kopf mit den Mondstrahlen im Haar bewegte sich schwankend, wie damals, als sie im Hotel vor ihm auf die Knie gefallen war und ihm dankte.

Er blickte ihr in die Augen und fragte:

»Wie geht es, Schehanna?«

»Dank, Herr!«

»Vermissen Sie etwas?«

»Es geht mir gut, Herr!«

Sie blickte auf und fügte leise hinzu:

»Kann ich mich Ihnen nicht nützlich machen, Herr?«

»Nein, Schehanna. Nicht an Bord, vielleicht, wenn wir an Land kommen.«

Sie blickte in einem drolligen Ausdruck von Verlegenheit an ihren Beinen hinunter.

»Wie lange soll ich noch Junge bleiben?«

Ralph lachte und folgte der Richtung ihres Blickes. Die Beine waren nicht das Schlimmste; sie waren schlank und geschmeidig und konnten jemandem, der unbefangen war, ihr Geschlecht nicht verraten. Aber die hohe, schmale, nervös wogende Brust und die stark abfallenden weichen Schultern waren gefährlicher.

»Ist es denn so schlimm?«

Sie lächelte verlegen.

»Ein Junge flötet und raucht, aber ich kann weder flöten noch rauchen. Ein Junge darf nicht weinen.«

»Weinen Sie denn?«

Sie blickte erstaunt zu ihm auf, als ob er sie gefragt hätte, ob sie äße und tränke.

»Knaben müssen andere leiden sehen können. Und wenn jemand schilt, dürfen sie die Antwort nicht schuldig bleiben.«

»Wer schilt? Sagen Sie es mir, wenn jemand Sie belästigt.«

»Da ist ein großer, schwarzhaariger Beduine in einem langen, gestreiften Mantel, der mich mit den Augen verfolgt, wo ich gehe und stehe, ebenso wie der Pferdehändler. Er zeigt seine weißen Zähne und kneift die Augen zu, als ob er sagen wollte: Glaubst du nicht, daß ich sehen kann, daß du ein Mädchen bist? – Ich fürchte mich, Herr.«

»Trösten Sie sich, übermorgen ist es überstanden.«

»Sehen Sie,« flüsterte sie und deutete mit den Augen auf die Taurolle unter der Reling, »jetzt hebt er den Kopf, sieht hierher und lauscht.«

Ralph drehte sich um und sah den Beduinen, der in seinen Mantel gehüllt war. Es war derselbe, den er gestern bei Sonnenuntergang beim Gebet gesehen hatte. Als Ralphs Blick ihn traf, wurde er wieder zu einem leblosen Bündel.

»Er ist nur neugierig,« sagte Ralph und streichelte beruhigend ihre zitternde Hand, »was kann er Ihnen hier tun? – Gehen Sie ruhig zu Bett.«

Sie sah zu ihm auf, als lausche sie auf etwas, das in ihr selbst klang.

Sie hat Augen wie Achat, dachte er.

»In Beyrut will ich Sie wieder zu einem Mädchen machen.«

Ein strahlendes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»Dank, Herr!« flüsterte sie und berührte seine Hand mit ihren weichen Fingerspitzen. Sie fühlen sich an wie das Maul eines Pferdes, das nach Zucker sucht, dachte er.

»Dann müssen Sie mir Ihre Geschichte erzählen und wie es zuging, daß Sie in die Waschmühle kamen.«

»Ja. Herr.«

»Gute Nacht, Schehann.«

»Ahura-Mazda möge Ihnen einen guten Schlaf geben, Herr,« sagte sie und beugte den Kopf.

 

Es war herrliche, milde Morgenluft. Das Meer lag glatt und schwer wie Oel da. Fern im Westen wurde der Horizont hin und wieder von einem Wind verdunkelt. Die Küste von Kleinasien blaute im Norden und die Schneegipfel der Taurusberge verbanden sich mit cremefarbenen Wolken, so daß man nicht sehen konnte, wo der Himmel aufhörte und der Berg anfing.

Helen war zeitig oben. Sie saß beim ersten Frühstück im Salon, als Ralph die Treppe heraufkam.

Als er ihr »guten Morgen« wünschte, erinnerte er sich im selben Augenblick ihres Vielliebchenspiels. Ihr schelmischer Blick hatte ihn daran erinnert.

Er sah, wie kindlich ungeduldig sie darauf wartete, daß er anfangen sollte zu essen, damit sie ihm ihr Vielliebchen zurufen konnte.

Laß sie gewinnen, dachte er sich und steckte sich mit harmloser und morgenverdrießlicher Miene den Zipfel seiner Serviette zwischen die Knöpfe der Weste.

Es machte ihm Spaß, die Sache hinzuziehen; er traf umständliche Vorbereitungen, als er seine Hafergrütze bekommen hatte, rieb Tellerrand, Löffel, Messer und Gabel mit seiner Serviette, und als er schließlich den Löffel in die Grütze getaucht hatte, legte er ihn wieder hin.

»Ich bin gar nicht hungrig,« sagte er und lehnte sich in den Stuhl zurück.

»Seekrank?« fragte sie, während ihre Finger ungeduldig das Brot zerbröckelten.

»Vielleicht! – Ich glaube, ich will gar nichts essen.«

Er tat, als ob er vom Tisch aufstehen wollte.

Sie konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen. Die Falte zwischen den Brauen zitterte und die Lippen verzogen sich.

»Etwas müssen Sie doch essen,« sagte sie. »versuchen Sie mal die Koteletts, die sind ausgezeichnet.«

»Na gut.«

Er winkte dem Steward und bestellte.

»Es dauert zehn Minuten, Herr.«

»Schadet nichts,« sagte er und sah ihn an, »wir haben ja Zeit.« Der Steward nahm die Grütze fort, und Helen räusperte sich vor Ungeduld.

Wie kindlich sie ist, dachte er, nahm verstohlen ein Brötchen, brach ein Stück davon ab und steckte es in den Mund. Sie sah es nicht gleich, entdeckte aber plötzlich, daß er kaute.

»Vielliebchen!« platzte sie heraus.

»O weh!« sagte er.

Er spielte seinen Aerger so gut, daß sie den Kopf in den Nacken warf und laut lachte.

»Was soll ich Ihnen schenken?« fragte er, »ich kenne Ihren Geschmack ja gar nicht.«

»Das müssen Sie selbst wissen; aber ich bin sehr verwöhnt und sage Ihnen ehrlich meine Meinung, wenn mir Ihr Geschenk nicht gefällt.«

»Das sind harte Bedingungen!«

Im selben Augenblick wußte er, was er ihr schenken wollte. Ging es aber auch an? – Er überlegte hin und her; aber je mehr er darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm die Idee.

Es ist jedenfalls eine seltene Gabe, dachte er und freute sich auf ihre Ueberraschung.

* * *

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