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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Die Glastür zum Hotel ging auf, und der Dragoman trat herein. Er hielt die Tür offen und ließ einen halbwüchsigen Knaben hinter sich eintreten.

Der Knabe war sehr blaß und blieb mit gesenktem Kopf neben der Tür stehen.

Ralph hatte das Abenteuer vom Morgen ganz vergessen. Jetzt stand es wieder lebendig vor ihm. Er erkannte das Parsenmädchen an dem langen, schmalen Gesicht, den engsitzenden, scheuen Augen unter dem niedrigen Fes und dem schmerzlich süßen Mund.

Er wollte aufspringen, beherrschte sich aber. Es sollte ja eine Komödie gespielt werden.

Während der Dragoman zur Portierloge ging, betrachtete Ralph das junge Mädchen, das mit festgeschlossenen Beinen gegen die Tür lehnte, ohne es zu wagen, ihren Blick zu dem Neuen zu erheben, das sie umgab, in angstvoller, zitternder Erwartung auf das, was ihr Gott ihr bereiten würde.

Ob das Haar unterm Fes wohl versteckt ist, dachte er, oder ob man es ihr abgeschnitten hatte? Ihre Hilflosigkeit rührte ihn. Mitmenschen, ja – Fräulein Herz sollte nur ahnen, wie er sich selbst in diesem Augenblick Lügen strafte – sie würde sicherlich triumphiert haben. Für seine gute Tat, die dort zitternd an der Tür stand, hatte er zehntausend Frank geopfert, ganz ohne eigennützige Zwecke, sie war weder ein Hindernis, das er durch Geld aus dem Weg geräumt, noch ein Werkzeug, das er erworben hatte.

Sie war ein Abenteuer. Und er bereute nichts; er hatte versprochen, sie zu ihrer Familie zurückzuführen, und er wollte sein Versprechen halten.

Der Dragoman kam mit dem Hut in der Hand auf Ralph zu. Seine Backen waren blau, und die Augen hatten einen schimmernden Glanz, der Ralph davon überzeugte, daß er den erfolgreichen Tag bereits zu feiern begonnen hatte.

Als der Dragoman Ralph in Gesellschaft mit einer Dame sah, stutzte er; Ralph aber winkte ihn zu sich heran und sagte:

»Na, Dragoman, haben Sie meinen Auftrag ausgeführt?«

»Jawohl, Mylord. Der Bursche steht dort an der Tür. Er ist ein bißchen jung und zum erstenmal unter Fremden, darum ist er scheu wie ein Füllen; aber der Mann, bei dem er in der Lehre war, hat ihn sehr gelobt. Er ist weder diebisch, noch lügnerisch, nur ein wenig schüchtern, weil er seine Eltern schon als kleines Kind verloren hat.«

»Sie haben doch eben gesagt, daß er noch nie unter Fremden war,« neckte Ralph mit einem ernsthaften Gesicht.

»Ja, freilich; er war auch bei seinem Pflegevater, einem Onkel, in der Lehre, der Vaterstelle an ihm vertreten hat.«

Der Dragoman trocknete sich die Augen vor Rührung. Helen Herz sah vom einen zum anderen, und zu dem Knaben an der Tür.

»Fräulein Herz,« sagte Ralph, »da Sie der Ansicht sind, daß wir uns für unsere Mitmenschen interessieren sollen, so lassen Sie mich Ihnen erzählen, daß der Dragoman mir einen kleinen türkischen Diener verschafft hat, den ich mit auf die Reise nehmen will. Er soll für mein Gepäck sorgen, mit mir ausfahren und sich bei jeder Gelegenheit nützlich machen. Das ist bequemer und billiger als mit einem Dragoman zu reisen, solch junger Bursche stellt bescheidenere Forderungen.«

»Wie ist er zart,« sagte sie, »und scheu wie ein junges Mädchen.«

»Das verliert sich, Mylady,« sagte der Dragoman eifrig, »wenn er erst in die Welt hinauskommt und sich umsieht. So sind die jungen Burschen hierzulande anfangs. Später wünscht man, sie hätten mehr von ihrer Scheu bewahrt.«

»Entschuldigen Sie einen Augenblick, gnädiges Fräulein,« sagte Ralph, indem er sich erhob. »Ich habe eine geschäftliche Angelegenheit zu ordnen.«

»Lassen Sie sich nicht stören; ich gehe nach oben, es ist auch schon spät. Gute Nacht.«

Er begleitete sie zur Treppe und wünschte ihr gut zu ruhen.

Sie reichte ihm die Hand wie einem guten Bekannten. Es war ein fester, vertrauensvoller Händedruck, der sagte: »Lassen Sie uns gute Reisegefährten sein.«

Indem Ralph an der Hoteltür vorbeiging, nickte er dem Parsenmädchen freundlich zu.

»Kommen Sie mit!« sagte er.

Sie folgte ihm mit kleinen, gleitenden Schritten über den Teppich. Außer dem Nachtportier war niemand da, der sie sehen konnte. Der Portier wunderte sich im stillen, wie es diesem durchtriebenen Spitzbuben von Dragoman gelungen war, dem Amerikaner einen so spindeldürren und schwachköpfigen Taugenichts anzuschwatzen. Wahrscheinlich hatte die Familie noch was draufgezahlt, um ihn loszuwerden.

Ralph gab dem Dragoman einen Scheck, worauf dieser sich ohne viele Danksagungen entfernte. Denn die Augen des Nachtportiers saßen ihm im Nacken, und er durfte beileibe keinen Verdacht erwecken. Er wollte sich vom Hotel fernhalten, bis der Amerikaner glücklich mit seiner Beute an Bord gekommen war.

Was für'n Geschmack, dachte er bei sich, indem er die Treppe hinunterstieg. Wenn man bedenkt, daß er die andere, die große Georgierin, für denselben Preis bekommen hätte!

Ralph saß auf der Kante des Tisches und betrachtete das junge Mädchen, das mit gesenktem Kopf, die Hände gegen die Brust gepreßt, vor ihm stand.

Du bist also mein, dachte er, ich habe dich gekauft und bezahlt.

Er wartete, ob sie etwas sagen würde. Ihre Lippen bebten, und eine große Träne arbeitete sich unter den gesenkten Wimpern hervor; aber es kam kein Wort.

»Sind Sie hungrig?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich fürchte mich.«

»Vor wem?«

»Ich weiß nicht.«

»Vor mir?«

Sie hob die Wimpern und sah von der Seite mit einem Blick zu ihm auf, der aus der Tiefe ihrer Seele zu fragen schien.

Der Schurke hatte ihr wohl Angst gemacht, ihr gesagt, daß sie mit Haut und Haaren verkauft sei und Gegenleistungen bieten müßte.

»Sie tun mir nichts zuleide, nicht wahr?«

Das hat man also davon, dachte er.

»Ich werde Sie nach Hause schicken,« sagte er kurz und stand auf.

Das Blut schoß ihr in die Wangen. Sie blickte sich um und sah den Nachtportier. Da schloß sie die Lippen schmerzhaft und sah Ralph nur an. Ihr Blick sagte: Ich lege meine Seele und meinen Körper in die Hand meines Retters.

Was nun? – Er konnte sie nicht zu der Dienerschaft des Hotels hinunterschicken. Dazu war sie zu scheu und unbeholfen; ihr Geschlecht würde vor Morgen verraten sein.

»Folgen Sie mir!« sagte er.

Er nahm seinen Ulster von dem Garderobenständer neben der Tür und hing ihn ihr übern Arm, damit der Portier sehen konnte, daß sie sein Diener sei.

Dann stieg er vor ihr die breite, teppichbelegte Treppe hinauf.

Als sie in seinem Salon standen, sagte er:

»Solange wir hier in der Stadt sind, müssen Sie in meinen Zimmern bleiben. Später können Sie als mein Diener reisen.«

Darauf klingelte er dem Stubenmädchen und sagte ihr:

»Wollen Sie Decken bringen und meinem Diener hier drinnen ein Lager zurechtmachen.«

Dann bat er das Parsenmädchen, mit in sein Schlafzimmer zu kommen, und wies ihr dort einiges an, das sie ordnen, Wäsche, die sie morgen ausbessern sollte.

Als das Dienstmädchen im Salon fertig war, sah er nach, ob alles in Ordnung sei. Dann ging er auf den Korridor und zeigte seinem neuen Diener, wo er Toilette machen könne.

Er wollte ihr die Hand zum Gute Nacht geben. Sie aber stand zögernd vor ihm, die dünnen Hände über der hochatmenden Brust zusammengepreßt, als habe sie etwas auf dem Herzen, das ihr nicht über die Lippen wollte. Sie sah ihn nicht, an, es zuckte in ihrem schmerzlich zusammengezogenen Mund. Er wurde von ihrer Hilflosigkeit gerührt, streichelte ihr die Wange und sagte:

»Mut, junger Mann! Ist es hier nicht besser als in der Mühle des Sultans?«

Indem seine Finger ihre Wange berührten, erzitterte sie wie unter einem Kälteschauer. Ihr Kopf schwankte, sie ergriff seine Hand mit ihren beiden, fiel auf die Knie und küßte sie, während Hals und Rücken unter einem lautlosen Schluchzen bebten, und Tränen seine Hand netzten.

Ralph wurde verwirrt, was hatte er getan? Er war einer momentanen Eingebung gefolgt, hatte ein Abenteuer erlebt. Sollte der Halunke ihr den Preis genannt haben? In ihren Augen waren zehntausend Franken natürlich eine ungeheure Summe. Armes kleines Vögelchen, dachte er, spare deinen Dank auf, bis du wohlbehalten in deinem Nest bist. Er zog seine Hand zurück, wünschte ihr gute Nacht und ging in sein Schlafzimmer.

Als er am nächsten Morgen mit seiner Toilette fertig war und in den Salon kam, stand sie in der offenen Balkontür und blickte auf Stambul hinab. Ihre Hände waren wie zum Gebet erhoben. Als sie ihn sah, zog sie sie hastig zurück und ging ihm mit gleitenden, lautlosen Schritten entgegen.

»Was wünschen Mylord?«

»Nennen Sie mich Herr oder Herr Cunning. Ich bin Amerikaner, kein Engländer.«

Er sah, daß sie ihr Bettzeug in einem zierlichen Haufen zusammengelegt hatte, und es belustigte ihn, daß sie sich für das viele Geld nützlich zu machen versuchte.

»Kann ich das Schlafzimmer aufräumen, Herr?«

»Sie? Das fehlt gerade, wollen Sie das Zimmermädchen um ihr Trinkgeld bringen?«

Ihr Gesicht wurde betrübt.

»Aber die Wäsche, die Sie mir gestern angewiesen haben?«

»Damit können Sie warten, bis Sie etwas gegessen haben.«

Jetzt sah er, daß ihr Haar abgeschnitten war. Der Rest fiel ihr in schwarzen Locken um die Ohren.

Man kann ihr trotzdem ansehen, daß sie ein Weib ist, dachte er. wenn Brust und Hüften auch zart sind, so sind die Schultern doch zu schräg, die Halslinien zu weich und die Beine sind zu eng gewachsen für einen Knaben. Da erinnerte er sich der Knaben, die er in der Waschmühle gesehen hatte. Auch sie hatten Teint und Wuchs wie junge Mädchen. Man wird sie für einen Eunuchen halten, dachte er.

»Sie müssen den Kopf höher tragen – so! – Runzeln Sie die Brauen, den Mund fest zusammenpressen, ein grimmiger Ausdruck in den Augen. Lassen Sie mal sehen.«

Sie tat, wie er sagte; und zum erstenmal wurde ihr Gesicht von einem Lächeln erhellt.

»Sehen Sie, so ist's schon besser. Sprechen Sie mit tiefer Stimme und schlenkern Sie beim Gehen mit den Armen.«

Sie ging durchs Zimmer und fragte mit tiefer Stimme:

»Ist es so recht?«

»Lange Schritte – lose Arme – Nase in die Höhe – so.«

Er zeigte es ihr. Sie lächelte wieder und machte es ihm nach.

»Wie heißen Sie eigentlich?«

»Schehanna Modi.«

»Und wie soll ich Sie nennen?«

»Schehann; das ist ein Knabenname.«

Er hätte gern etwas von ihrer Vergangenheit erfahren, mochte sie aber nicht ausfragen. Bei näherer Bekanntschaft würde sie es ihm gewiß aus eigenem Antrieb erzählen.

»Wie alt sind Sie, Schehann?«

»Neunzehn Jahre, Herr.«

Sie schlug die Augen nieder bei seinem prüfenden Blick; ihr Mund verzog sich schmerzlich, als habe etwas Unreines sie berührt, und sie preßte die dünnen Hände mit dem zarten, dunklen Adernetz über der Brust zusammen, wie sie es gestern getan hatte.

Sie ist gewiß Dame in ihrer Heimat, dachte er, und bereute, daß er sie zu seinem Diener gemacht hatte.

»Sie verstehen wohl, daß Sie nur zum Schein mein Diener sind, Schehann. Wenn wir allein sind, sind Sie mein Gast.«

Sie sah wieder mit dem innig ergebenen Blick zu ihm auf, der ihn gestern gerührt hatte – dem Blick, der sagte: Herr, ich bin in deiner Hand.

Er ging, die Hände in den Taschen, im Zimmer auf und ab und überlegte. Darauf wandte er sich um und sagte:

»Wir reisen Dienstag um drei Uhr nach Beyrut. Wissen Sie, wo das liegt?«

Sie nickte lächelnd.

»Wo haben sie eigentlich so gut englisch sprechen gelernt?« platzte es aus ihm heraus.

»In der Parsenschule in Navsari.«

»Wo liegt das?«

»Nördlich von Bombay, es ist unsere heilige Stadt.«

»Wollen Sie dorthin zurück?«

»Ja, Herr.«

Die großen Pupillen in dem opalblauen Augapfel füllten sich mit einem Dunkel, das wie ein sternenfunkelnder Nachthimmel glänzte, während die Lippen sich öffneten und irgend etwas, was sie in der Ferne sahen, zulächelten.

Ralph schwieg eine Weile; dann kehrte er zu den praktischen Dingen zurück.

»Haben Sie mir nicht auch in Ihrem Waschlied von Navsari vorgesungen?« fragte er und sah sie munter an.

Sie kehrte zur Wirklichkeit zurück.

»Ja, Herr. Dort wohnt mein Vater.«

»Was ist er?«

»Mobed, Herr.«

»Was ist das?«

»Unterpriester am Tempel.«

Also eine Priestertochter. Hatte er sich doch gleich gedacht, daß sie eine Dame zwischen denen ihres Stammes sei. Seine gute Tat wurde immer besser. Jetzt war sie reichlich ihre Zehntausend wert.

»Fräulein Modi,« sagte er, als spräche er mit Fräulein Herz – »Es gibt keine direkte Verbindung zwischen Beyrut und Bombay. Wir müssen einen Umweg über Suez machen. Ich will desselben Weges, erst aber will ich Damaskus, Jerusalem und noch einige andere Städte kennen lernen – und habe auch die Absicht, Aegypten zu bereisen, wenn es sich lohnt. Sie müssen nun selbst entscheiden, ob Sie mit dem ersten fälligen Dampfer der P- & O-Linie oder dem österreichischen Lloyd von Beyrut nach Port Said und von dort direkt nach Bombay wollen, oder ob Sie Lust haben, auf mich zu warten und die Reise mit mir zu machen, bis wir Ihre Stadt erreichen?«

Gleich, als er sie mit Fräulein anredete, war ihr das Blut in die Wangen geschossen, und sie hatte eine abwehrende Bewegung mit der Hand gemacht. Sie hörte ihm mit gesenktem Kopf zu, während die großen Augäpfel sich unter den Lidern bewegten und ihre Erregung verrieten.

Als er geendigt hatte, sah sie auf und sagte flehentlich:

»Nennen Sie mich Schehann, Herr, wie Sie es versprochen haben und schicken Sie mich nicht fort, bevor ich zu Hause bin.«

Ralph drehte sich auf dem Absatz um und ging einmal durchs Zimmer.

»Gut,« sagte er, indem er vor ihr stehen blieb, »wie Sie wollen.«

Dann ging er auf sein Schlafzimmer zu, drehte sich in der Tür noch einmal um und rief mit angenommener Strenge:

»Komm, Schehann, und mach dich nützlich!«

Schehann hielt Ralphs Garderobe aufs zierlichste in Ordnung. Sie putzte alles, was er an Silber und Leder in seiner Reiseausstattung besaß. Sie machte die Arbeit des Zimmermädchens noch einmal und ordnete alles im Schlafzimmer nach den strengsten Gesetzen der Symmetrie. Wie verabredet, zeigte sie sich nicht außerhalb seiner Zimmer. Ralph sorgte dafür, daß man ihr das Essen hinaufbrachte, und das Zimmermädchen, das vergeblich versucht hatte, sich zu nähern, erzählte spaßige Geschichten im Keller von dem einfältigen Diener des Amerikaners. Man munkelte von Ralphs perversen Neigungen. Er merkte es, wenn die Kellner im Speisesaal sich hinter seinem Rücken zusammenrotteten. Er amüsierte sich über die übertrieben ehrerbietigen Verbeugungen des Nachtportiers, wenn er abends an ihm vorbeiging, über seine anerkennenswerten Bemühungen, jeden Schimmer von Spott zu verbergen, wenn er Ralph den patriarchalischen Sitten des Hotels gemäß eine »gute Nacht« wünschte. Es machte Ralph Spaß, ihn mit den Augen eines bösen Gewissens verstohlen anzusehen und seinen Gruß zu beantworten, als wolle er ihn wissen lassen, daß er sehr gut begriffe, was der Portier von ihm glaubte. Dieser gab sich die größte Mühe, ihn durch Blick und Handlung von seiner vollkommenen Unschuld zu überzeugen. Als es trotzdem nichts half, gab er schließlich den Kampf ums Trinkgeld auf und zeigte ihm sein wahres, naseweises Gesicht, wünschte ihm mit einem bedeutungsvollen Lächeln gute Nacht oder kehrte ihm einfach den Rücken.

Das war's, was Ralph wollte. Am letzten Abend winkte er den Portier zu sich heran und sagte ihm wegen seines Gepäcks Bescheid. Der Bursche nahm die Befehle mit nachlässigem Unwillen entgegen, und als Ralph ein paar Goldstücke auf den Tisch legte, ahnte er nicht, daß sie für ihn waren. Als er es aber schließlich begriffen hatte, wurde er rot, duckte sich reuevoll wie ein Hund, der sich gegen seinen Herrn vergangen hat, und seine Danksagungen fanden kein Ende. Ralph lachte laut auf, klopfte ihm seinen fetten Rücken und nannte ihn einen anständigen Burschen.

Schehann half seinem Herrn beim Kofferpacken.

Als alles gepackt und verschlossen war, fand Ralph noch die Halskette der Zigeunerin in einem Schubfach.

»Schehann,« rief er.

»Ja, Herr.«

»Hier ist etwas für Sie,« sagte er und hing ihr die Kette um den Hals.

Sie dankte, nahm sie gleich wieder ab und ließ die Amuletts gedankenvoll durch ihre zarten Finger gleiten.

»Sie bringt Glück,« sagte er munter und erzählte ihr, wie er sie bekommen hatte.

Sie errötete, lächelte vor sich hin und steckte sie in ihren Gürtel.

 

Es war Abend.

Der große französische Dampfer kreuzte zwischen den Felseninseln an der Küste von Kleinasien.

Die Sonne verschwand hinter dem Olivenhain, der den oberen Teil der Insel bedeckte, deren Fuß in dunklem Abendnebel lag. Der Himmel war hoch und gewölbt. Durch die stofflose Atmosphäre blickte ein vereinzelter Stern mit ungebrochenem Strahlenglanz wie ein ruhig forschendes Auge auf die Erde herab. Am Horizont wechselten die Farben von ewigkeitsblau und grün, zu purpurrot, bis die güldene Schale des Orange den Bergrand erreichte und auf der Esse desselben zu Gold geschmolzen wurde.

Helen Herz stand auf dem Achterdeck, der Abendschein spiegelte sich in ihren weitgeöffneten Augen. Ihre Gedanken waren weit fort, und ihre Seele vermischte sich mit dem feierlichen Frieden des goldenen Abends.

Es fror sie in ihrem dünnen Mantel, der für Mittelmeerwärme berechnet war; ihre Schultern zitterten leicht, aber sie merkte es nicht.

Ralph Cunning kam vom Promenadendeck, wo er seinen Nachmittagsspaziergang gemacht hatte. Er stand eine Weile und betrachtete sie, ohne daß sie ihn bemerkte. Dann machte er kehrt und holte seine Reisedecke, näherte sich ihr auf den Zehenspitzen – der taktfeste Stempelschlag des Schiffes verschlang den Laut seiner Schritte – und legte sie ihr von hinten um die Schultern.

Sie wandte sich um, gewaltsam aus ihrer Stimmung gerissen, und sah ihn mit einem erschrockenen Blick unter gerunzelten Brauen an. Dann lächelte sie mit ihren weißen Zähnen und fühlte im selben Augenblick, daß sie fror.

»Danke!« sagte sie und hielt die Decke über ihrer Brust zusammen, ohne ihre Augen von den seinen abzuwenden, in denen sich der Sonnenuntergangsschein wie in farblosem Kristall spiegelte.

Ihre Pupillen waren fast schwarz, wie sie dort mit dem Rücken gegen das Bergfeuer stand, das eine Glorie in dem Gelock ihres feinen Schläfenhaares entzündete.

Sie standen sich einen Augenblick gegenüber, ohne zu sprechen.

»Sie waren weit fort mit Ihren Gedanken,« sagte er mit einem Lächeln.

»Ja.«

»In Ihrem fernen kleinen Land?«

»Ja, und in Erinnerungen.«

Er hätte gern etwas von ihren Lebensverhältnissen erfahren. Bereits mehrmals hatte er auf Umwegen etwas zu erfragen versucht, ohne aufdringlich erscheinen zu wollen. Jetzt schien ihm eine Gelegenheit gekommen.

»Ist es nicht unangenehm für eine junge Dame, ganz allein in der Fremde zu sein?«

»Zu Hause bin ich auch allein.«

Sie setzte sich in einen Korbstuhl, der auf Deck stand, und deutete ihm mit der Hand an, neben ihr auf der Bank Platz zu nehmen.

»Meine Mutter starb, als ich acht Jahre alt war, und mein Vater vor vier Monaten.«

Er wandte seinen Blick von ihrem starken, reinen Profil ab und blickte auf seine Hände herab. Eine Weile war es still zwischen ihnen. Eine Möwe hob sich groß und schwarz von dem hellen Himmelsgrund ab und wandte den Kopf nach ihnen um.

»Sie haben keine Geschwister?«

»Ich hatte einen älteren Bruder; aber er starb, als ich noch klein war. Ich kann mich seiner kaum erinnern.«

»Ganz allein in der Welt!« sagte er und sah sie an.

Der Sonnenschimmer verlöschte, die Dunkelheit senkte sich ganz plötzlich über Schiff und See und Berge; das Heer der Sterne rückte mit seinen blinkenden Lanzenspitzen vor. Die Falte zwischen ihren Brauen zitterte über den dunklen Augen, und die Lippen bebten halb geöffnet.

»Erinnern Sie sich noch, daß Sie diese Worte am ersten Abend in Konstantinopel zu mir sagten?« fügte er hinzu, als habe ihre damalige Vertraulichkeit zu einer Bekanntschaft geführt, von der sie bereits gemeinsame Erinnerungen hatten.

Sie hob den Kopf und sah ihn von der Seite mit einem forschenden Blick an.

»Wie weit geht Ihre Reise eigentlich?« fragte sie.

Er lachte kurz auf, indem er das eine Bein über das andere schlug.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe seit meinem vierzehnten Jahr gearbeitet. Jetzt will ich in die Welt hinaus und fühlen, daß ich leben, nicht nur arbeiten kann wie ein Dynamo von soundsoviel Pferdekräften. Ich will in die Welt hinaus und Menschen finden. Und Sie?«

»Ich will mich selbst finden.«

In dem weißen Licht der Glühlampen, die angezündet worden waren, sah er, daß sie errötete, die Lippen zusammenzog und Miene machte, sich zu erheben.

»Warum bereuen Sie Ihre Worte?« fragte er und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er ihre Hand nehmen, die suchend auf der Armlehne lag – »das ist ja gerade das Gute bei einer Reisebekanntschaft, daß das gesagte Wort weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft hat. Man kann frei sprechen, ohne zu befürchten, daß sich die Worte später wie eine Waffe gegen einen selbst kehren.«

»Sie haben recht,« sagte sie mit plötzlicher Wärme. Eine heftige innere Bewegung überwältigte sie; sie beugte sich zu ihm und flüsterte:

»Ich kann nicht aus dem Leben klug werden – und doch soll ich einen Entschluß fassen, der für mich und viele andere entscheidend ist.«

Sie hielt inne und blickte über das Wasser, während ihre Brust wogte. Noch einmal versuchte sie das zurückzuhalten, was ihr Gemüt bewegte. Dann wandte sie den Kopf zu ihm um und begegnete seinem klaren, festen, zuverlässigen Blick.

In dem Augenblick, wo sie anfing, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen, änderte sie den Ton; er wurde leise und innig, als seien sie plötzlich vor einem Kamin in einer kleinen behaglichen Stube dicht aneinandergerückt.

Er beugte sich vor, damit ihm keines ihrer Worte entginge. Je vertraulicher sie sprach, desto persönlicher wurde ihre Ausdrucksweise. Voll von Wendungen, die nicht englisch waren, aber auf ihren Lippen von englischen Worten geboren wurden, neu und frisch wie der Versuch eines Kindes, das der Sprache noch nicht mächtig ist.

* * *

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