Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Laurids Bruun >

Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
Schließen

Navigation:

Ralph beobachtete sie scharf und versuchte die Worte zu verstehen. Obgleich ihre Augen niedergeschlagen waren, merkte sie doch gleich seinen Blick. Es war, als richtete sie das Lied an seine Ohren allein und formte die Worte, damit er sie verstehen sollte. Durch den Lärm des platschenden Wassers, des zwitschernden Geflüsters, des Kicherns und Prustens, das ihm galt, erzwang dieses stille Lied sich einen Weg zu seinem Ohr; und plötzlich verstand er die Worte. Es waren weder Reime noch Versfüße; es war ein Lied, das auf den Lippen eines Herzens geboren wurde, das seine Not verdolmetschte und um Hilfe flehte.

»Fremder, hilf mir!« so sang sie, »wenn du ein Mensch bist wie ich, dann hilf mir in meiner Not! – Wenn du eine Mutter oder eine Schwester hast, oder eine Frau, die dir teuer ist, oh, Fremder, dann hilf mir! – Ich bin aus meinem Heim in Indien geraubt, von einem Pferdehändler aus Bendhi Basar nach Damaskus entführt und dem Harem des Sultans verkauft worden, weil ich anders bin als die anderen. Ich bin ein Parsenmädchen aus Navsari; mein Vater ist Mobed, ich habe mit Kindern deines Volkes gespielt und deine Sprache gelernt, als ich klein war. Sieh, man hat mich hier eingesperrt, weil ich nicht tun wollte, was man von mir verlangte, und was ich nicht sagen kann. Hilf mir, hilf mir, Fremder, bevor mein Leib gekränkt wird, und meine Seele in Ahriman vergeht. Kauf mich los und schicke mich zurück zu meines Vaters Haus in Navsari!«

Wie fein und klug sie die Gelegenheit ergreift, dachte er. Er wandte sich hastig zum Dragoman um, der bereits auf der Fährte war, obgleich er nichts von dem Notruf in dem einförmigen Lied verstanden hatte.

»Ich will kaufen!«

Der Dragoman bekam einen roten Kopf vor Freude. Hier gab's mehr zu verdienen als an den elenden Prozenten in den Basaren von Stambul.

Er rollte bedenklich mit den Augen und sagte:

»Mylord, ich weiß nicht, ob an Christen verkauft werden kann.«

»Wieviel verlangen Sie, um die Sache in Ordnung zu bringen?«

»Mylord, das ist eine sehr gewagte Geschichte. Hätte ich daran gedacht, dann hätte ich Mylord einen Fes aufgesetzt. Wenn Mylord wenigstens Muselmann wären.«

»Woher wissen Sie, was ich bin und nicht bin?« Ralph lächelte. »Sie können gern sagen, daß ich rechtgläubig bin. Also, wieviel verlangen Sie?«

»Mylord dürfen nicht glauben, daß es mir ums Geld zu tun ist. Sie müssen selbst bestimmen, was ich für meine Mühe und fürs Risiko haben soll. Wenn Mylord rechtgläubig sind, will ich einen Versuch machen. Wie viele wollen Mylord kaufen?«

»Eine.«

»Welche?«

»Die äußerste dort, links, in der zweiten Reihe.«

Der Dragoman kniff die Augen zusammen und musterte sie mit Kennermiene.

»Sie ist weder von der Levante, noch vom Kaukasus; sie ist eine Seltenheit und wird teuer.«

»Gleichviel.«

»Lassen Sie sich nichts anmerken, Mylord, die Eunuchen haben scharfe Augen; ahnen sie, um welche es sich handelt, dann kann sie verschwunden sein, bevor der Befehl kommt. Mylord müssen ihnen fünfzig Frank geben, damit sie nichts gesehen haben; das ist die Taxe. Ich habe nicht so viel bei mir.«

Ralph gab ihm, was er brauchte.

Während der Dragoman ihn zuerst durch die Tür gehen ließ, sah Ralph, wie er mit den Eunuchen flüsterte, die sich um ihn drängten und mit den Rücken eine Wand gegen die Frauen bildeten, damit keine sehen sollte, was vorging. Der Dragoman ließ einen Schein in ihre Hand gleiten, als er sie ihnen zum Abschied schüttelte.

Als sie in den Hof hinauskamen, forderte er Ralph auf, im Automobil zu warten, während er einen Versuch beim Obereunuchen machen wollte.

Ralph nahm im Wagen Platz. Ich bin gespannt, was so etwas kostet, dachte er. Wenn es nur nicht zu lange dauert; er verlangte ungeduldig danach, das Mädchen in der Nähe zu sehen und ihre Dankbarkeit zu erleben. Was würde das Hotel sagen, wenn er ein Parsenmädchen mitbrachte, das auf seine Kosten einquartiert werden sollte? – Es war ein gelungener Spaß, ein gutangewandter Vormittag, ja, noch mehr – eine gute Tat.

Ralph machte es sich in der Ecke des Wagens bequem und wartete zehn Minuten.

Er wollte gerade den Chauffeur hinschicken, um zu erfahren, was aus der Sache würde, als er den Dragoman mit dem Obereunuchen aus der Torwölbung des Flügels kommen sah.

Der Eunuch, der um zwei Köpfe größer war als der Dragoman, trug seinen Riesenkörper wie ein schweres Bündel mit langen, schwankenden Schritten über den kiesbestreuten Platz, wo der Sonnengürtel jetzt schon breiter geworden war.

Als er das Auto erreichte, beugte er sich zur Erde, als ob er mit seiner rechten Hand Kies von der Erde aufnehmen wollte, worauf er sie an Mund und Stirn führte, während er die Linke flach gegen die Brust drückte. Ralph war sich bei dem übertriebenen Gruß gleich klar darüber, daß der Preis sehr hoch sein würde.

Der Dragoman bat Ralph, ihnen zum Torbogen zu folgen, damit der Chauffeur nichts von der Sache erführe.

Ralph folgte ihnen. Wie er dort ging, fiel ihm ein, daß er einem Generalagenten für den weißen Sklavenhandel, der sich auf einer jährlichen Einkaufsreise befand, nicht unähnlich sei. Der Gedanke belustigte ihn. Dies war ein wirkliches Abenteuer, wie er es sich bei seiner Abreise von Neuyork vor zwanzig Tagen nicht hatte träumen lassen.

»Mylord,« sagte der Dragoman, als sie bei geschlossenem Tor vor dem Pult des Eunuchen standen, »ich habe mein möglichstes getan, aber der Obereunuch wagt hier nicht ohne einen Befehl des Kislar-Aga zu handeln.«

Ralph sah zu dem Riesen auf, der die Achseln zuckte und mit den langen Affenarmen eine bedauernde Bewegung machte.

»Wo wohnt er und wann ist er zu treffen?«

»Mylord müssen eine Einführung haben und auf eine Audienz warten.«

Ralph zog ein Scheckbuch heraus.

»Wieviel?« fragte er und blickte von einem zum andern.

Die dicken Lippen des Obereunuchen bewegten sich schmatzend, und in seinen stumpfen Augen kam und ging ein gieriger Schein. Er strich sich über seine klare Mädchenhaut und sagte etwas zum Dragoman, der unruhig wurde und nach Luft schnappte.

»Zehntausend Frank!« brachte er schließlich leise und heiser heraus. Er blies die Backen auf, um seine Bewegung zu verbergen; Ralph aber sah, daß seine Hände zitterten.

»Gut – und fünfhundert für Sie. Das ist eine ganz hübsche Provision für Sie als Anteil an der Kaufsumme.«

Der Dragoman wollte gegen den Verdacht einer Gemeinschaft protestieren; ein Blick auf Ralph aber zeigte ihm, daß er lieber seinen Mund halten müsse. Darum nickte er nur und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.

Ralph füllte einen Scheck aus.

»Hier, bitte!« Er reichte ihn dem Obereunuchen, der ihn an den Dragoman weitergab, damit er ihn begutachten sollte. »Das ist die Hälfte des Betrages, den Rest bekommen Sie, wenn das Mädchen im Hotel abgeliefert ist.«

»Im Hotel?«

»Ja, im Hotel.«

Der Dragoman verhandelte mit dem Eunuchen, der bedenklich aussah und neue Schwierigkeiten machte.

»Der Obereunuch stellt die Bedingung, daß das Mädchen in Knabenkleidern abgeliefert wird, daß sie sie nicht ablegt, solange sie in Stambul bleibt, und daß sie sich nie vor Anbruch der Dunkelheit und allein auf der Straße zeigt.«

»Schön! – verkleiden Sie sie und bringen Sie sie zum Auto.«

»Mylord, das geht nicht an. Bedenken Sie den Chauffeur! Mylord haben mich ja gebeten, einen eingeborenen Diener für die Reise zu verschaffen. Ich werde ihn heute abend nach dem Mittagessen im Hotel abliefern.«

»Gut! Kommen Sie.«

 

Als Ralph nach dem Mittagessen seine Zigarre in einem tiefen Klubsessel der Halle rauchte, kam Helen Herz aus dem Speisesaal. Sie trat an den Tisch neben ihm, auf dem Zeitungen lagen, stützte ihre Ellbogen darauf und durchlief die Spalten des »Le jeune Turc«, während sie vor sich hinsummte.

In dem scharfen Licht, das der Schein der elektrischen Lampe über den Tisch warf, konnte Ralph ihr Gesicht in der Nähe betrachten, ohne selbst gesehen zu werden. Er saß im Schatten des Schirmes, und der breite Lederrücken des Sessels verbarg ihn. Dem intimen Spiel ihrer Gesichtszüge konnte er anmerken, daß sie sich allein glaubte.

Er erfreute sich an dem Zittern der kleinen Falte zwischen den Brauen, während er zu erspähen versuchte, was sie in der Zeitung suchte. Die Oberlippe hatte einen zarten Schatten von dunklem Flaum, und der empfindsame Mund bewegte sich im Takt mit der Falte zwischen den Brauen.

Jetzt konnte er auch ihre Hände sehen. Sie waren nicht kurz und breit, wie er angenommen hatte, sondern schmal und stark, mit ausdrucksvollen Fingern, die in ständiger Bewegung waren. Er verglich die Hand mit den offenen Linien des Gesichts und fand darin dieselbe Mischung von Starkem, Gutem und Reinem, von Kindlichkeit und zugleich Mütterlichkeit, die ihm aufgefallen war, als er sie zuerst im Wagen gesehen hatte.

Warum konnte er nicht ganz einfach aufstehen und sie von Mensch zum Menschen anreden?

Der tiefe Mißmut, der ihn in Neuyork geplagt hatte, kam plötzlich wieder über ihn. Er war der Einsamkeit in der öden Geschäftigkeit entflohen, war ins Leben hinausgeflüchtet – und sieh – so nah, daß er jedes einzelne ihrer langen, nach aufwärts geschwungenen Augenhaare unterscheiden konnte, schlug ihm das Leben warm und klopfend entgegen, und dennoch wagte er nicht, die Hand danach auszustrecken. Er saß und betrachtete seine leeren Hände. Würde er so von Ort zu Ort reisen, das Leben um sich herum wechseln und wogen sehen, ohne den Mut zu haben, es zu greifen?

Wie machen wir Menschen uns das Leben schwer, dachte er. Da fiel ihm das Abenteuer des Vormittags ein. wenn es zu helfen galt, da konnte er zupacken; mein Geld wird nicht verschmäht; und er lächelte bitter.

Sie richtete sich aus der gebeugten Stellung auf und ging zur Portierloge.

»Können Sie mir sagen,« fragte sie, »wann der nächste Dampfer nach Beyrut fährt?«

Ihre Stimme war klar und rein und so warm im Klang. Wie gut sie zu ihren Händen, Augen und Lippen paßte! Und sie sprach seine eigene Sprache, mit einem weichen Tonfall, der sie heller zu machen schien.

Der Nachtportier, ein junger Grieche, wußte nicht Bescheid. Er sah in Reisebüchern nach, kratzte sich seinen schwarzlockigen Kopf und versprach, ihr morgen früh Bescheid zu geben.

Ralph erhob sich mit einer plötzlichen Eingebung.

»Erlauben Sie, gnädiges Fräulein, das kann ich Ihnen ganz genau sagen!«

Sie wandte sich erstaunt um, erkannte ihn und war sich klar darüber, daß er irgendwo gesessen und sie beobachtet hatte.

Sie errötete, die Falte zwischen den Brauen zitterte, aber sie faßte sich schnell, sah ihn freimütig an und sagte:

»Vielen Dank! Ich kann es in der Zeitung nicht finden.«

Ralph zog sein Notizbuch heraus. Er hatte sich die Daten aufgeschrieben, um abzureisen, wenn er von der Stadt genug hatte.

»Der nächste Dampfer geht Dienstag um drei Uhr, von der Galatabrücke. Wenn Sie ihn benutzen wollen, würde ich Ihnen raten, sich beizeiten eine gute Kabine bei Cook zu sichern.«

»Danke, das will ich tun.«

»Cooks Office liegt dem Hotel schräg gegenüber; sie ist sehr leicht zu finden.«

»Ich bin zum erstenmal hier, wissen Sie, ob es gute Dampfer sind?«

»Der Dampfer, der am Dienstag geht, ist der neueste. Er gehört der Messageries Maritimes; die Verpflegung wird also auf jeden Fall gut sein. Ich bin auch zum erstenmal hier; aber ich habe meine Weisheit von Cook, der mir dieses Schiff besonders empfohlen hat; und auch ich habe die Absicht, mir morgen eine Kabine zu bestellen.«

Ralph hatte eigentlich erst in vierzehn Tagen reisen wollen, jetzt aber änderte er seinen Entschluß.

Sie zögerte einen Augenblick, während sie ihn ansah. Er verstand, daß sie überlegte, ob sie dieses Zusammentreffens froh sein sollte, oder nicht. Dann lächelte sie zuversichtlich und sagte:

»Desto besser, dann bin ich nicht ganz allein.«

Jetzt geht sie, dachte er, denn es war ja nichts mehr zu sagen; sie aber blieb ganz ruhig stehen und schien zu warten, ob er noch etwas auf dem Herzen habe.

Er nahm all seinen Mut zusammen:

»Da wir uns vier Tage an denselben Tisch setzen sollen, erlauben Sie wohl, daß ich mich vorstelle.«

Sie nickte freundlich und sah ihn fragend an.

»Ich bin Ralph Cunning aus Neuyork!« sagte er mit einer Verbeugung.

»Und ich bin Fräulein Helen Herz aus Kopenhagen.«

»Das weiß ich schon.«

Es war ihm entfahren. Sie sah ihn erstaunt an. Er kniff die Augen zusammen, wie es seine Gewohnheit war, wenn er verlegen wurde.

»Ich habe es zufällig im Fremdenbuch gelesen.«

Jetzt lächelte sie wieder, ganz einfach und menschlich, ein wenig schelmisch, als amüsierte sie sich über seine Verlegenheit.

»Es würde mich sehr freuen, wenn ich Ihnen behilflich sein könnte,« sagte er aufrichtig, »um so mehr, als Sie ja ganz allein reisen.«

Wieder war es ihm entschlüpft. Woher konnte er wissen, ob sie nicht eine Kammerfrau oder eine Gesellschaftsdame hatte – und wenn auch nicht, was ging es ihn an?

Sie sah, was er dachte, und fragte mit einem Schelm im Auge: »Woher wissen Sie das?«

Da saß er in der Patsche.

»Ich sah Sie, als Sie vom Bahnhof kamen, Sie waren allein im Wagen; aber ich gestehe, daß es eine kühne Schlußfolgerung ist, und bitte um Entschuldigung.«

»Weshalb? – Weil Sie mich im Wagen gesehen haben – oder weil Sie mich allein glaubten?«

»Weil ich mich in etwas gemischt habe, was mich nichts anging.«

»Aber es stimmt leider. Ich bin ganz allein auf der weiten Welt,« fügte sie hinzu, indem sie zur Seite sah.

Warum sagt sie mir das, dachte er, und ein plötzlicher Verdacht warf einen Schatten auf sein Gemüt.

Als ob sie es ahnte, wandte sie sich mit erhobenem Kopf zu ihm um und fragte:

»Was soll ich entschuldigen? – Ich finde nichts Unrechtes daran, wenn Menschen Interesse für einander verraten. Ich habe Sie auch gesehen. Menschen pflegen sich immer solch dumme Komödie vorzuspielen. Oder können Sie mir vielleicht etwas nennen, was uns mehr interessiert als unsere Mitmenschen?«

»Unsere Arbeit.«

»Arbeiten wir denn nicht für unsere Mitmenschen?«

Ralph dachte an seine Himmelsbrücke. Hatte er sie für seine Mitmenschen gebaut? – Nein. Es war seine Freude und sein Beruf, mit Zahlen umzugehen, Zahlen lebendig zu machen, und Projekte aus seinem erhitzten Gehirn in die Wirklichkeit von Stein und Eisen übergehen zu sehen. Andere, die Gebrauch für ihn hatten, nahmen seine Fähigkeiten in ihren Dienst und setzten sie ins Werk. Der Menschen wegen? Nein. Er engagierte Arbeitskräfte, und Tausende arbeiteten wieder in seiner Hand. Seinet- oder des Staates wegen? Nein.

»Wollen wir uns nicht setzen?«

Sie ging voran und nahm in dem Klubsessel Platz, in dem er vorhin gesessen hatte.

»Ich selbst und alle, die ich kenne,« sagte er, indem er sich setzte, »arbeiten für sich selbst; für ihre Mitmenschen haben sie keinen anderen Gedanken, als daß sie sie so viel wie möglich ausnutzen wollen!«

»Ich bin aus einem kleinen Lande und habe nicht viel Arbeitserfahrung; aber ich glaube doch, daß Sie unrecht haben.«

»Vielleicht sind die Menschen in Ihrem Lande anders; aber ich bezweifle es.«

Er blickte sie von der Seite mit einem stillen Lächeln seiner hellen, grauen Augen an.

»Ich glaube kaum, daß Arbeit allein jemand auf die Dauer befriedigen kann.«

Er hätte sie am liebsten reden lassen und nur ganz still dagesessen und ihr Mienenspiel beobachtet; aber ihre Worte und die freimütige Ehrlichkeit, mit der sie gesagt wurden, fesselten ihn wider Willen.

Befriedigen – das wohl kaum, war es vielleicht deshalb –

Er richtete sich auf.

War es deshalb, daß er keine Freude erntete? Nur Leere und Ueberdruß?

Während er Tag und Nacht arbeitete, Schwierigkeiten überwand, Chancen ausnutzte, inspizierte und berechnete, den Willen der anderen dem seinen untertan machte, die Streitenden versöhnte, um sein Werk durchzusetzen, – hätte er dabei vielleicht an das Wohl seiner Mitmenschen denken sollen? An ihrer aller Wohl, oder nur an das derjenigen, die durch ihn ihr tägliches Brot verdienten – und mit denen er bis aufs Messer kämpfen mußte, als sie ihm in der elften Stunde durch Streik ein Bein stellen wollten? – Nonsens. Ja, er hatte an sie gedacht, aber nur um ihnen mit Hunger, Not und Tod zu drohen, weil sie sein Werk vernichtet hätten. Oder hätte er vielleicht an das Wohl der Aktionäre denken sollen? Dieser Herren, die ihn feierten und ehrten, weil er ihr Vermögen verdoppelt hatte, ohne daß er selbst mehr als einen verhältnismäßig bescheidenen Anteil daran bekam? Oder sollte er vielleicht an die große, leidende Menschheit in Neuyork und Umgebung denken, die jetzt ohne Tunnelbeschwerden Sonnabend abend zeitiger zu ihren Landsitzen in die Berge hinauskommen konnte? – Nonsens! – Frauenzimmergeschwätz.

Nein, Ralph Cunning hatte an sich selbst gedacht, jawohl. Seine Mitmenschen waren Hindernisse, die überwunden, oder Werkzeuge, die gebraucht werden mußten. Mittel, weiter nichts. Und solange er seine Fähigkeiten zu verwerten und seine Zeit und Kräfte zu gebrauchen gedachte, solange mußte er auf diese Weise fortfahren, wenn er seine Mitmenschen recht verstand.

Er hatte Helen einen Augenblick vergessen. Jetzt sah er auf und begegnete ihrem Blick, der mit offenem und lebendigem Interesse auf ihm ruhte, so daß er sich unwillkürlich duckte. Sie, die dort saß und so hübsch und unwissend über ihre Mitmenschen sprach – war sie ein Werkzeug, das er gebrauchen konnte – oder ein Hindernis auf seinem Weg?

Er blickte ihr mit dem ungeschickten Knabenlächeln in die Augen, womit er die Gedanken in seinem energischen Herrschergesicht zu verbergen pflegte. Er ließ seinen Blick von ihrem gefühlvollen Mund zu ihren Händen gleiten, die mit leicht ineinandergeflochtenen Fingern auf der Armlehne lagen, die ihm zunächst war, als suchten sie zu erlauschen, was in ihm vorging.

Die Zeit würde es zeigen. Jedenfalls war sie eine Offenbarung des Lebens, das er seiner Arbeit wegen versäumt hatte. Sie war ein Mensch, den er kennen lernen wollte, eine Frau mit jener Mischung von Kindlichkeit und Mütterlichkeit, die ihm neu war. Er wollte seine Erfahrung durch sie bereichern – und würde es sich zeigen, daß sie ihn nichts vom Leben lehren konnte, dann waren ihre schönen Augen, ihr lebensvolles Gesicht, ihr gefühlvoller Mund und ihre ausdrucksvollen Hände an sich ein Erlebnis, das sich lohnte, wenn man Zeit hatte.

War das nicht genug? Was konnte man sonst von einem Menschen erwarten, wenn es sich nicht um Geld oder Liebe handelte?

* * *

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.