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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Er kehrte zur Stadt zurück.

Ueber den Kuppeln im Westen wurden jetzt weiße Federwölkchen von der untergehenden Sonne entzündet, die breite, rote Feuerschwerter über den Himmel schickte, bis sie schließlich zu einem Himmelsbrand zusammenschlugen, der Stambuls Kuppeln zum Glühen brachte. Im selben Augenblick war es, als ob Warnungsrufe vom Himmel erklängen. Er blickte sich erstaunt um, und sein Auge fiel auf den Muezzin, der von der Galerie des Minaretts zum Gebet aufforderte.

Dort oben stand er, mit der Himmelsglut auf seinem weißen Turban, und verkündete mit hocherhobenen Händen, vor Einbruch der Nacht, daß es nur einen Gott gäbe.

Die Gläubigen hasteten über den Marktplatz zum Brunnen und wuschen Hände, Gesicht und Füße, um rein vor des Herrn Angesicht zu treten.

Auf der Galatabrücke hatte der Verkehr jetzt abgenommen. Nur Geschäftsleute gingen dort noch, die von Pera nach Stambul, von Europa nach Asien heimkehrten. Ihr Mund war stumm, ihre Hände waren still, wie es sich für Orientalen in der Stadt des Sonnenuntergangs geziemt.

Er kam beim Café Genio vorbei, wo das elektrische Licht bereits mit dem schwindenden Tag kämpfte, und ging über die enge Straße zum Funiculaire, der durch einen steilen Tunnel zu Peras Gipfel hinaufführt.

Dort wimmelte es von Europäern: Kontoristen, Journalisten, Börsianern, die im Stehen die Zeitung lasen.

Er fand, daß er wieder zu Hause sei. Der Stempelschlag der Arbeit klapperte um ihn herum mit seinem rastlosen Takt. Er war mitten drin und dennoch ganz außerhalb; es war ein merkwürdiges Gefühl, halb Leere und Sehnsucht nach dem Gewohnten, halb Befreiung und unruhige Freude. Eine heftige Neugierde nach dem Kommenden wurde aus dieser Gemütsstimmung geboren; und er merkte plötzlich mit knabenhaftem Erstaunen, wie weit er sich in diesen zwanzig Tagen bereits von sich selbst entfernt hatte.

Er eilte zum Hotel zurück, durch dunkle Seitenstraßen, wo alles Leben des Tages bereits erloschen war. Kein Licht war hinter den geschlossenen Fensterläden zu sehen, nur gedämpftes Sprechen erklang hier und dort, und die wehmütigen Töne einer türkischen Laute.

Er kleidete sich zum Diner um, ohne Licht zu machen. Der Schein der Nacht fiel durch die offenstehenden Balkontüren auf weißlackierte Möbel und dunkle, schwere Teppiche.

Hinter den Zypressen und Ruinen auf der Höhe lag das Goldene Horn, mit zitternden Sternen in seinem Schoß.

Von beiden Brücken streckten die Lichtstreifen der Laternen ihre langen Fühlfasern durch das dunkle Wasser. Die roten und grünen Lichter der Motorboote huschten wie Irrlichter von Kai zu Kai. Leises Summen, wie der ferne Gesang eines Meeres, stieg durch die kalte, reine Luft zu dem glitzernden Kristall des Himmels auf. Fledermäuse schwirrten wie ruhelose Geister an seiner Tür vorbei.

 

Im Speisesaal waren nur wenige Gäste. Die meisten hatten schon gegessen. Das Essen war gut und der Wein, den er, ganz gegen seine Gewohnheit, zwischen den besten Marken ausgesucht hatte, noch besser. Gewöhnlich war er schnell fertig mit seiner Mahlzeit, heute aber blieb er lange sitzen und sann über den Tag nach.

Das leise Rascheln eines Kleides weckte ihn. Eine Dame erhob sich von einem Ecktisch und ging an seinem Tisch vorbei. Ein großer Aufsatz von weißen Syringen hatte ihr Gesicht bisher vor ihm verdeckt.

Jetzt sah er es. Im selben Augenblick trafen ihre Blicke sich, und ein Wiedererkennungsstrom blitzte zwischen ihnen auf. Ihre Augen konnten es nicht verbergen, es zuckte in der Falte zwischen ihren Brauen, als ob ein Windhauch darüber hingegangen sei.

Er folgte ihr mit den Augen, während sie aus dem Saal ging.

Ihr Nacken war fest und weiß hinter dem hochgekämmten Haar, das sich an den Schläfen wellte. Die Schultern fielen sanft gerundet zu den Armen ab. Der Gang war leicht und frei, schneller, als er ihn bei Neuyorker Damen gewöhnt war. Sie war einfach gekleidet, in schwarzer Seide mit einem Kragen von feinen alten Spitzen. Den Kopf trug sie hoch, als recke sie sich, um über ein Gitter zu sehen. Die zartgeformten Arme waren bis an die Ellbogen entblößt und ohne Schmuck.

Wohlhabend, aber nicht reich, dachte er, aus guter Familie und in Trauer. Er irrte sich sicher nicht, wenn er annahm, daß sie an Arbeit gewöhnt sei. Aber welche Art Arbeit? Und aus welchem Lande mochte sie sein?

Französin war sie ebensowenig wie Amerikanerin, auch keine Engländerin. Eine Süddeutsche? Er war selbst von deutscher Herkunft; sein Urgroßvater hieß Kunz und war nach den napoleonischen Kriegen aus Heilbronn ausgewandert. Er, Ralph, hatte kurze Zeit am Polytechnikum in Hannover studiert, hatte später mit vielen deutschen Ingenieuren zusammen gearbeitet und gelegentlich in ihren Familien verkehrt. Er kannte den Typ; nein, eine Deutsche war sie auch nicht.

Er stand auf und ging in den Salon hinauf, aber sie war nicht da. Dann zündete er sich eine Zigarre an und schlenderte in die Halle, wo das Fremdenbuch auf einer Drehscheibe beim Pförtner aufgeschlagen lag.

Zwischen den Neuangekommenen stand mit großer, fester Schrift und steilen, runden Buchstaben:

»Helen Herz – Copenhague.«

Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf den Dragoman, der ihn bei seiner Ankunft vom Bahnhof abgeholt hatte und sich jetzt tief verbeugte, mit einem resignierten Blick in seinen schwarzen Hundeaugen. Ralph erinnerte sich seines enttäuschten: »Mylord wollen allein fahren?« als er ihn am Morgen von dem Sitz neben dem Chauffeur heruntergewinkt, wo er bereits Platz genommen hatte.

Ralph war nach dem Mittagessen in guter Laune und winkte ihn freundlich zu sich heran.

»Na, Dragoman, was können Sie mir denn zeigen?«

»Alles, was Mylord wünschen.«

»Gut. Treten Sie morgen um acht Uhr an und zeigen Sie mir etwas, was kein anderer zu sehen bekommt. Aber kein Europa.«

»Ich werde Mylord offenbaren, was allen anderen verborgen bleibt.«

Er rollte bedeutungsvoll mit den Augen und schlug mit den Armen aus, als brauche er sich die Sehenswürdigkeiten nur aus dem Aermel zu schütteln.

*

Punkt acht Uhr hielt ein großes, rotlackiertes Auto vor der Hoteltür. Ralph nahm mit dem Dragoman hinter dem Chauffeur Platz. Es ging am Theaterpark vorbei durch die Perastraße, deren Pariser Läden noch geschlossen waren, längs der weißen Fassade der Artilleriekaserne und dem großen, öden Feld davor, dem Marsfeld, wo Reitübungen abgehalten werden. Beim armenischen Kirchhof verstärkten sie das Tempo und waren bald außerhalb der Stadt auf einem Wege, der in Zickzacklinien zu dem Rücken der westlichen Höhen des Bosporus anstieg.

Zwischen dunklen Zypressen leuchteten weiße, türkische Pavillons und die europäischen Landsitze der Gesandtschaften.

Die schlanken Zinnen der Sultanschlösser Dolman-Bagtschés und Tschiragans blinkten in der Sonne am Fuße der Höhen; dahinter kam ein Streifen des veilchenblauen Bosporus zum Vorschein. Lateinersegel schwammen darauf wie Federn, die die Möwen verloren hatten. Ein langer, schmaler Passagierdampfer schnitt einen dunklen Streifen durchs Wasser, indem er auf die Küste zusteuerte. Drüben auf den Höhen von Kleinasien konnte man die alten Küstenforts erkennen und verstreute Dörfer, wie rote Flecke in einem grauen Fell.

Eine Mauer schlängelte sich zwischen Zypressen auf sie zu. Dahinter lag ein mächtiger Park mit weißen Pavillons.

»Das ist der Nildiz-Kiosk,« sagte der Dragoman auf Ralphs fragenden Blick – »dort drüben liegt Abdul Hamids Harem, und das ist eine Moschee.«

Er berichtete mit großen Gesten von der Absetzung des Sultans und der Auflösung des Harems.

»Wohin fahren wir?« unterbrach Ralph ihn. »Mylord,« der Dragoman zog feierlich die Augenbrauen in die Höhe, »ich führe sie irgendwo hin, wo ich noch keinen Christen hingeführt habe, obgleich ich schon siebenundzwanzig Jahre Dragoman für Herrschaften gewesen bin.«

Da Ralph nicht genügend imponiert zu sein schien, fügte er hinzu:

»Mylord, ich tue es auf die Gefahr hin, meinen Posten zu verlieren.«

Ralph verzog den Mund.

»Wohin?« fragte er.

»Zur Waschmühle des Sultans.«

Ralph sah ihn fragend an.

»Wo die Wäsche des Hofes und Harems gewaschen wird. Warten Sie es ab, Mylord, warten Sie es ab!«

Er nickte verheißungsvoll und zeigte über die Höhen hinweg auf ein niedriges, viereckiges, weißes Gebäude, das wie der Flügel eines Gutshofes aussah.

»Dort liegt sie.«

Der Weg hatte sich wieder gesenkt. Links blinkte ein Bach in einer Kluft. Das kristallklare Wasser rieselte wie klirrendes Metall über die Steine.

»Das ist der Mühlenbach.«

Weiter fort floß das Wasser in einem ruhig laufenden, breiten Strom zwischen Zypressen und verschwand unter der weißen Mauer.

Das Auto bog in einen Seitenweg ein, zwischen hohen Mauern, schwankte über Steine und wirbelte den Staub zu einer dichten, trägen Wolke auf, die wie Kalkpuder auf Ralphs Ulster fiel. Der Weg war so schmal, daß sie die Mauer mit der Hand erreichen konnten. Plötzlich erweiterte er sich zu einem runden Platz vor einem hohen Portal mit einer alten, verzierten Bronzetür.

Der Dragoman sprang ab und klopfte ans Tor. Schleppende Schritte ertönten, das Tor wurde einen Spalt breit geöffnet, und ein alter Torwächter mit weißem Turban, wattiertem Schlafrock und großen Binsenschuhen steckte sein rundbärtiges Gesicht durch die Oeffnung.

Der Dragoman führte eine flüsternde Unterhaltung mit ihm. Der Alte machte mit trocken knarrender Stimme Einwendungen, musterte Ralph, kratzte sich den Bart und sagte »Allah«. Darauf zog er seinen Kopf zurück, und das Tor ging ganz auf.

Sie fuhren durch einen viereckigen, kiesbestreuten Hof und hielten auf der anderen Seite, die in Sonne gebadet lag. Vor einer Tür in der Mauer stand ein niedriger Wagen mit einer langhaarigen Ziege davor, deren Euter fast den Boden berührten. Ein junger Bursche erschien in der dunklen Türöffnung und schob einen Karren mit schimmernd weißem Zeug vor sich her. Beim Anblick des großen roten Wagens blieb er verwundert stehen. Während der Dragoman, von Ralph gefolgt, zu einem Torbogen im linken Flügel schritt, beeilte der Junge sich, das Zeug auf dem kleinen Wagen abzuladen, gab der Ziege einen Schlag, und das Fuhrwerk rollte hastig über den Kies auf das Tor zu, während der Junge mit merkwürdig schlotterndem Gang nebenher ging, als könne er vor Müdigkeit seine Glieder nicht beherrschen. Er war schmalschultrig, die Augen groß und stumpf, die Lippen standen halboffen in dem weißen Gesicht.

»Was fehlt ihm?«

»Nichts, so sind alle Eunuchenknaben.«

In der offenen Torwölbung stand ein großer Mann mit weißem Anzug und rotem Fes. Er drehte sich beim Geräusch der knirschenden Schritte auf dem Kies um.

Der Dragoman grüßte ehrerbietig, eilte auf ihn zu und hielt eine lange, flüsternde Rede. Der Weißgekleidete blickte verstohlen auf Ralph, führte seine Hand grüßend an Mund und Stirn, lächelte verdrießlich mit seinen schlaffen Lippen und gab Ralph mit einem Achselzucken zu verstehen, daß er nur türkisch spräche. Darauf füllte er einen Erlaubnisschein aus, den er dem Dragoman gab, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Ralph musterte ihn, während sie an ihm vorbeigingen. Ueber der hohen Erscheinung lag ein merkwürdiges Gepräge von edlem Negerblut mit abendländischem Schliff vermischt. Die Augen waren klein und ausdruckslos, die Nasenflügel sehr breit, aber fein gemeißelt, die Ohren wohlgeformt und klein. Die glatte Haut war zart wie bei einer Frau; an der leise quäkenden Stimme und den langen, feisten Gliedern erkannte Ralph gleich, was er für ein Mann war.

»Das ist der Obereunuch,« flüsterte der Dragoman mit Ehrfurcht, »er leitet die Mühle.«

Die Arbeit ging ihren Gang, der Junge kam mit seinem Ziegenwagen, sagte etwas, was der Obereunuch notierte, und trieb dann das Fahrzeug mit der Ziege durch den großen Scheunenraum und aus einem offenen Tor auf der anderen Seite wieder hinaus; dort war ein großer Abhang, auf dem Wäsche zum Bleichen lag; sie blendete so, daß es einem in die Augen schnitt.

Dort draußen waren mehrere weißgekleidete Jungen, von derselben Art wie der Ziegenwagen-Junge, damit beschäftigt, die Wäsche in langen Reihen auszubreiten.

Der Wagen lieferte den Jungen auf der Bleiche seinen Inhalt ab und kehrte leer zum Obereunuchen zurück, der schmutzige Wäsche aus einem ungeheuren Haufen neben sich abzählte und von dem Jungen auf den Wagen laden ließ.

»Wo wird die Wäsche gewaschen?«

»Geduld, Mylord, Geduld!«

Sie folgten dem Ziegenwagen, bis er vor der Tür hielt. Sie sahen, wie der Junge das schmutzige Zeug auf die Schubkarre lud, und folgten ihm, bis sie zu einem Raum kamen, der nur aus einer Türöffnung von der entgegengesetzten Seite Licht erhielt. Unter ihren Füßen erklang ein summendes Geräusch.

»Das ist der Mühlenbach,« sagte der Dragoman.

Durch eine Loggia kamen sie in einen Saal, in dem zu beiden Seiten kleine abgeteilte Räume waren. Auch hier war es halbdunkel; aber Ralph, der gute Augen hatte, konnte doch in jedem Raum einen niedrigen Diwan und einen kleinen Tisch unterscheiden. Auf dem Diwan lag Wäsche, an einzelnen Stellen meinte er eine Frauengestalt zu erkennen, die im Begriff war, sich an- oder auszukleiden. Es war wie in einer Badeanstalt, wo die Besucher ihre Kabinen verlassen haben, um ins Wasser zu gehen.

Der Bach floß in einem breiten Strom unter dem Fußboden; Ralph konnte das klare, grüne Wasser zwischen den Brettern blinken sehen.

Von dem Saal kamen sie in eine breite Vorhalle, die wie eine Veranda an drei Seiten geschlossen war.

Wo der Boden der Halle aufhörte, strömte das kristallklare Wasser in einem breiten, ruhigen Bogen hervor und stürzte sich dann von einer meterhohen Kante auf ein Plateau herab, über dem ein Gangbrett lag. Unter dem Brett floß das Wasser weiter und fiel etwas weiterhin wieder einen Meter tief auf eine Terrasse herab, auf der ebenfalls ein Gangbrett lag. Wieder floß das Wasser weiter und fiel noch einen Meter zu der tiefsten Terrasse herab, die von keinem Brett überdeckt war. Von hier aus lief das Wasser in einem ruhigen Strom zu einem kleinen Teich, über den auf Pfählen ein hohes, weißes Gitter errichtet war, das die Aussicht verschloß. Von dem Dach der Vorhalle war zwischen Pfeilern ein Baldachin aus Segeltuch über alle Terrassen ausgespannt, während der kleine Bach in blendendem Sonnenschein dalag.

Die Gesichter zur Halle gekehrt, stand eine Reihe Frauen auf dem obersten Gangbrett, die alle ein Stück Wäsche über die Kante des Bretts hielten, so daß das Wasser darüber hinspülte. Nach der Spülung falteten sie es zusammen und legten es auf den Boden der Halle. Darauf beugten sie sich auf das Gangbrett herab und nahmen aus dem Haufen neben sich ein anderes Stück, das von der Terrasse unter ihnen für sie dort bereit gelegt wurde. Die Frauen, die auf der unteren Stufe standen, rieben die Wäsche mit ihren Händen in dem herabfallenden Wasser, so daß es hoch um sie aufspritzte. Jedes Stück, das ihnen von der Terrasse, die wieder unter ihnen war, hinaufgereicht wurde, legten sie, nachdem sie es gewaschen, den Frauen auf die obere Terrasse hinauf.

Die Frauen auf der dritten und niedrigsten Stufe standen hoch aufgeschürzt mit den Füßen in dem kalten Wasser, das bis an die Knie reichte, so daß bald diese, bald jene fröstelnd die Beine aus dem Wasser hob. Diese Frauen verrichteten die gröbste Arbeit. Der Junge, der mit dem schmutzigen Zeug kam, schob den Karren über eine schräge Fläche an der Seite des Bassins, bis zur untersten Reihe hinunter und reichte dort der Frau, die ihm am nächsten stand, die Wäsche stückweise; diese reichte sie ihrer Nachbarin und so immer weiter, bis jede ihre bestimmte Anzahl bekommen hatte.

Mit Seife oder Lauge, die in einer Tasche an ihrem Gürtel hing, rieben sie die Wäsche ein, wuschen sie in dem fallenden Wasser, so daß der Schaum über ihre nackten Arme ganz bis an die Schultern spritzte, und reichten sie nach einer hastigen Spülung den Frauen auf der oberen Terrasse.

Von der Halle aus beaufsichtigten zwei Rieseneunuchen diese Arbeit. Sie paßten auf, daß keine der Frauen träge bei der Arbeit war; sie betrachteten die Wäsche, daß sie reingewaschen war, wenn nicht, reichten sie sie hinunter, damit sie noch einmal gewaschen wurde.

Sie paßten auf, daß Zänkereien nicht überhandnahmen, so daß die Arbeit darunter litt; im übrigen aber konnten die Frauen nach Herzenslust singen, plaudern, lachen und sich zanken.

Der eine Eunuch nahm Ralph und dem Dragoman an der Tür den Erlaubnisschein ab und ließ sie mit einer Handbewegung vorbeigehen, indem er Ralph ehrerbietig grüßte.

Der Dragoman hatte offenbar wahr gesprochen; hier pflegten nur Rechtgläubige zu kommen. Der Anblick eines Mannes in Rock und Hosen, ohne Fes, weckte große Verwunderung zwischen den Frauen.

Der Dragoman erzählte, daß die Waschmühle des Sultans eine Strafanstalt für Odalisken sei. Die Frauen in der untersten Reihe hatten sich am schwersten vergangen. Darum standen sie in dem kalten Wasser, mußten die schwerste Arbeit verrichten und am längsten arbeiten. Ihre Füße wurden grob, ihre Hände verloren die Weichheit und schöne Form. Für Frauen, die keinen anderen Maßstab für ihren Menschenwert kennen, als ihr Aeußeres, war es eine sehr schlimme Strafe. Es kam vor, daß eine Odaliske Selbstmord beging, um ihr zu entgehen.

Die Arbeit auf der zweiten Terrasse war die zweitschlimmste Strafe. Dort wurden ihre Hände von Seife und Lauge, ihre Beine von dem kalten Wasser verschont, ihre Arbeitszeit aber war dieselbe.

Auf der obersten Stufe aber arbeiteten die Frauen nur einen halben Tag, bekamen weder nasse Füße, noch Seife an die Hände, und ihre Arbeit war so leicht wie möglich.

Da waren alle Grade von Odalisken, aber keine Kadinen, keine Sultansfrauen. Es kam auch vor, daß Favoritinnen zwischen den Frauen der obersten Stufe waren, – Ikbals, die dem Sultan schon persönlich gedient hatten. Bisweilen intrigierte die Hasnadar Usta, die Oberhofmeisterin, gegen eine Ikbal, die Aussicht gehabt hatte, zur Kadine befördert zu werden. Dann tat die hohe Dame alles was sie konnte, um die Betreffende zu reizen, bis sie die Oberhofmeisterin beleidigte oder ihr sogar den Gehorsam verweigerte. Dann konnte sie bestraft werden und hatte damit ihre Chance verloren.

Da waren auch Gösdes, auf die das Auge des Sultans gefallen war und die Hoffnung hatten, daß er ihnen das seidene Taschentuch vor die Füße werfen würde, das heißt, daß sie Favoritinnen werden konnten, wenn der Sultan im Ramadánmonat seine jährliche Revue im Harem abhielt.

Sie gehörten meistens den beiden niedrigsten Rangklassen an: den Kalfas, Kammermädchen, die frei im Harem herumgingen und darauf hofften, daß das Auge des Sultans eines Tages auf sie fallen möge, so daß sie Gösdes werden konnten, und den Halaiks, die es nicht weiter gebracht hatten, als in Scharen zu singen, zu spielen und zu tanzen. Zwischen diesen Jüngsten pflegten die gröbsten Sünderinnen zu sein, weil sie noch nicht lange die Schule durchgemacht und sich zu schicken gelernt hatten.

Während Ralph die Frauen betrachtete, musterte der Dragoman ihn von der Seite, um zu erraten, was in ihm vorginge.

Alle waren gleich gekleidet, in langen, lose hängenden Kitteln, die von einem Gürtel zusammengehalten wurden. Die Frauen in der ersten Reihe hatten nur unbedeckte Unterarme; auf der zweiten Stufe waren ihnen die Aermel bis an die Schultern hinaufgeheftet, und denen auf der letzten Stufe waren auch die faltigen Beinkleider bis übers Knie gerafft. Der Hals war bei allen frei, und wenn sie sich über die Wäsche beugten, war die Rundung der Brust zu sehen.

Anfangs genierte es Ralph, daß alle diese Augenkugeln auf ihn gerichtet waren, indessen Gesang und Gezwitscher verstummten. Er bekam einen roten Kopf und konnte sich nicht ruhig verhalten; aber er gewann seine Ueberlegenheit wieder, indem er sie kritisch betrachtete. Er ging sie Reihe für Reihe, Stück für Stück durch.

Da waren tannenschlanke Tscherkessinnen mit hübschgeformten Armen, strahlenden Augen unter scharfgezeichneten Brauen, die ihren ovalen Kopf stolz unter dem weißen Kopftuch trugen. Ihre flaumige, weißgüldene Haut bekam bei der Arbeit einen Rosenschimmer, während die Lippen bei dem hastigen Atemholen bebten. Sie standen wie weiße Blumen im Wasser, deren Becher und Blätter vom Wind nach vorn geweht werden.

In der ersten Reihe strahlte eine Schönheit mit einer Haltung wie eine Königin und einem Blick wie der einer reinen Jungfrau, die zum erstenmal in die Welt tritt.

»Das ist eine Georgierin,« sagte der Dragoman.

Sie sah, daß er von ihr sprach und senkte langsam ihre hohen Lider, um sich von der Welt abzuschließen.

Da waren rundliche Albanierinnen mit behenden Bewegungen und hastigem Lächeln in den blanken Eichhörnchenaugen.

Da war ein vierschrötiges Kurdenmädchen mit wilden Augen wie ein gefangener Vogel. Sie arbeitete mit heimlichem Aufruhr im Gemüt; wenn sie das Zeug mit ihren plumpen Armen hob, sah es aus, als schlüge sie mit Flügeln gegen einen Käfig.

Da war eine schlanke, geschmeidige Armenierin mit listigen Augen hinter schmalen Spalten und starrem Lächeln um die feingekräuselten Lippen. Sie hatte den Kopf auf die Seite gelegt, während sie arbeitete, und verwandte keinen Blick von dem Fremden.

Während Ralph die Frauen musterte und hin und wieder eine Frage an den Dragoman richtete, waren die Frauen auch nicht faul, ihn zu kritisieren. Sie prüften ihn Zoll um Zoll, mit Lächeln, Kopfbewegungen und hastigen Blicken. Besonders die Jüngsten in der untersten Reihe hatten ihren Spaß und peitschten das Wasser hoch auf, um sich vor den aufmerksamen Blicken der Eunuchen zu decken.

Eine Albanierin witzelte. Mit unschuldiger Miene und fast ohne die Lippen zu bewegen, flüsterte sie kurze Sätze, die die nächsten aufschnappten, und die darauf von Mund zu Mund gingen. Gelächter und Prusten knisterten wie elektrische Funken durch die Reihen, während die Köpfe sich über die Wäsche beugten.

Eine erkühnte sich, einen gewagten Liedervers zu summen, was eine andere zum Lächeln brachte, halb lüstern, halb verlegen.

Bald fing er einen Blick auf, der an seinem Mund, bald einen, der an seiner Stirn hing. Bald mußte seine flache Reisemütze, bald sein Rock herhalten.

Er wollte eine Momentaufnahme machen, der Dragoman aber bat ihn, es zu unterlassen, mit einem scheuen Blick auf den Eunuchen.

Eine volle Armenierin mit großem, sinnlichem Mund schleuderte auf französisch einen Satz durch die Luft, den er aufgreifen konnte, wenn er wollte.

Der Dragoman hörte ihn und lächelte.

»Sie bittet Mylord, sie loszukaufen und mit auf Eure Yacht zu nehmen.«

Ralph nickte ihr zu. Sie schlug die Augen nieder, über ihre eigene Kühnheit erschrocken. Eine Tscherkessin sandte ihr einen verächtlichen Blick, während der Eunuch seine Augen auf sie richtete.

»Kann man die Mädchen kaufen?« fragte Ralph.

Der Dragoman flüsterte ihm zu, daß der Obereunuch, der alles unter sich habe, sich bisweilen eine kleine Nebeneinnahme mache, indem er die Mädchen an reiche Landsleute, die zur Besichtigung der Wäscherei kamen, verkaufte. Hasnada Usta bekäme dann ein Geschenk, und es hieße, daß das Mädchen die Arbeit in dem kalten Wasser nicht vertragen habe und gestorben sei.

Ralph lachte. Ihm fiel ein, was von den Inspektoren der großen Zigarrenfabriken in Südamerika erzählt wurde, die Tausende von jungen Frauen beschäftigten, und wo häufig »Touristen« aus den Vereinigten Staaten kamen, um die Fabrik zu besuchen. Menschen gleichen sich unter allen Himmelsstrichen, dachte er; unsere Kultur aber ist humaner, weil das Mädchen selbst wenigstens einen Anteil an der Kaufsumme bekommt. Ein plötzlicher Ekel stieg in ihm auf, und er wandte sich zum Gehen, als englische Worte, von einer melodischen Frauenstimme gesungen, sein Ohr erreichten.

In der zweiten Reihe, am weitesten nach links, stand eine zarte Frauengestalt, den schmalen Kopf über die Wäsche gebeugt, die sie mit schmächtigen Armen hob und mit feinen Fingern rieb, die, allzu schwach, unter der Arbeit zu leiden schienen. Sie sang ihre Klage in einer Melodie ihrer Heimat, ohne daß die anderen es beachteten, die ihre Sprache nicht verstanden. Sie allein schien die Anwesenheit des Fremden nicht zu bemerken und setzte ihren Gesang ruhig fort.

Indem sie das Stück hob, um zu sehen, ob es rein sei, sah er ihr Gesicht im Widerschein der weißen Wäsche. Es war lang und schmal. Ueber den dunklen Pupillen in den opalblauen Augäpfeln schimmerte es wie eine glasartige, dünne Haut; als er ihren Blick auffing, war es, als wenn hinter dieser Haut ein bodenloser Abgrund von Trauer seine Leere auf ihn richtete. Das Gesicht hatte die Farbe einer matten Perle, als sei alles Blut aus ihrem Körper gewichen. Die schönen, etwas hervorstehenden Lippen lagen unsagbar weich aufeinander, wie von beständigem Schmerz geformt.

Das Lied, das keine ihrer Leidensgefährtinnen verstand und darum nicht beachtete, war englisch.

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