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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Ralph sagte sich: Es soll also keine Verliebtheit zwischen uns sein; und entschlossen wie er war, hielt er alle Gedanken, die in diese Richtung wollten, zurück. Im tiefsten Innern hatte er es sich selbst so gedacht, als er ihr vorschlug, daß sie das Haus zusammen mieten wollten; und im Grunde seines Herzens war er froh, daß sie seinen Erwartungen entsprochen hatte.

Er, der Zeit seines Lebens gearbeitet hatte, streckte sich auf dem Rasen wie ein Schuljunge. Er lehnte neben Helen am Gartengitter und blickte gedankenlos zu dem klaren Dunkel unter den Palmen hinüber, das vom Licht in Streifen und Strahlen zerschnitten wurde, wenn der Wind die schlanken Blätter bewegte. Er beobachtete das Spiel der Tauben im Hain, als sei es eine Sache von großer Wichtigkeit, und ließ sich von dem verborgenen Lächeln der gelben Rosen verlocken, Zeit und Vorsatz zu vergessen. Nur Sonne und Mahlzeiten kündeten ihm die Zeit an. Er lauschte Abbas' melodischem Geplauder und versuchte auf den Grund von Schehannas verschleierten Augen zu dringen, die etwas verbargen, was auf geheimnisvolle Weise an ihn gerichtet zu sein schien.

Er mußte an den Beduinen denken, den er in Beyrut gesehen und bewundert hatte; jetzt verstand er ihn erst ganz und wunderte sich über ihn selbst; wer hätte vor einem Monat geahnt, daß er, Ralph Cunning, der Schöpfer der Himmelsbrücke, so schnell im streberlosen Verweilen das Glück finden würde?

Ein neues Ich schien in ihm emporzuwachsen, das sowohl die Welt wie ihn selbst mit anderen Augen betrachtete und ihm einen Schimmer von dem ursprünglichen Gesicht des Gebens zeigte, das er sich als Ziel seiner Reise geträumt hatte. Neuyork und das Leben in seiner Heimat verschwammen wie Bilder in fernem Nebel.

Zeitig stand er auf, weil das Sonnenlicht ihn weckte und am Schlafen hinderte. Er hatte die größte Lust, beim Ankleiden zu singen, obgleich er keine Melodien konnte; aber er unterließ es, um Helen nicht zu wecken. Doch es saß ihm in der Kehle und ließ ihm keine Ruhe, bis er es im Garten, der sich strahlend unter den Sternen erneut zu haben schien, herausgesummt hatte.

Er schlenderte am zeitigen Morgen unter Palmen und beobachtete den Wiedehopf, der auf dem Rasen umherhüpfte und seinen Federbusch spreizte, wenn er ängstlich oder zornig wurde. Er betrachtete die großen Insekten, die wie Aeroplane schwirrten, mit Sonnenblitzen auf ihren durchsichtigen Flügeln. Bei allem, was er sah, dachte er an Helen. Der Garten und die Palmen und die Rosen waren sie. Es fiel ihm gar nicht ein, daß es ja gegen seine guten Vorsätze verstieß.

Eines Tages, als Helen wegen Kopfschmerzen im Bett geblieben war, wurde es ihm plötzlich klar, daß er ein unfreier Mann geworden sei. Es kam ihm so überraschend, daß er die Brauen zusammenzog und zu überlegen begann.

Er, Ralph Cunning, der die Fesseln der Arbeit von sich abgeworfen hatte, um ins Leben hinauszuflüchten, hatte sich von neuem binden lassen. Sie, die dort oben hinter der offenen Balkontür lag, hatte ihn gebunden und regierte sein Gemüt mit ebenso fester Hand, wie die Arbeit es vorher getan hatte, wenn auch auf eine ganz andere Weise. Er merkte mit Staunen, daß das Leben ihm ein anderes Gesicht zugekehrt hatte. Was war aus dem Kampf geworden? Was aus dem atemlosen Jagen nach Gewinn, dem Wettlauf mit Geld und Macht als Einsatz?

Jetzt schien es ihm, daß die Menschen sich vereinigten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, daß der Kampf dem Mitgefühl gewichen und die Kämpfenden sich zu Brüdern verwandelt hätten. Hatte sie anfangs nicht einmal gesagt, daß er für seine Mitmenschen arbeitete? Damals machte er sich darüber lustig, – jetzt fühlte er selbst, was ihm gefehlt hatte. Und er blickte mit einem nachsichtigen Lächeln auf die Verworrenheit seiner Vergangenheit zurück. Jetzt schien es ihm, daß die Menschheit gemeinsam auf einen Berggipfel zustrebte – fiel der eine, dann fielen alle – und erreichte einer etwas Schönes und Gutes, dann bekamen alle Anteil daran. Es war ihm, als ob ein großer Herzschlag in allen pulsierte. War es diese Einheit der Seelen, die ihm in der Moschee von Damaskus vorgeschwebt hatte?

Schehanna stand am Gitter und blickte zu dem Palmenhain hinüber. Sie sah ihn nicht, aber er sah sie; und er empfand stärker als je, daß ihre Seele auf irgendeine innige Weise mit der seinen verbunden war. Wie heilig und unangefochten sie war, ihr Blick so groß und reich – als ob sie in der neuen Welt, die ihm einen kleinen Spalt geöffnet hatte, Herrscherin wäre.

Was will sie von mir, dachte er, wonach sehnt sie sich? – War es Liebe? Oder war es die innerste Natur des Weibes, die sich ihm durch ihren Blick enthüllte?

Ja, plötzlich überkam es ihn wie eine Erleuchtung – es war das Weib, sowohl in ihr wie in Helen, es war das Weib, für das ihm zum erstenmal die Augen aufgegangen waren. Das Weib hatte Einzug in seinem Herzen gehalten.

»Und herrscht jetzt über mich, Ralph Cunning!« sagte er sich selbst und lachte still über diesen lächerlichen Gedanken; dennoch war er innerlich davon überzeugt.

Wie merkwürdig, daß er nie geahnt hatte, daß es zwei Reiche in der Welt gab, – das des Mannes und das des Weibes –, und das des Mannes war das geringere. Das Reich des Mannes hatte den Wettlauf und den Grimm, die Macht und den Haß geschaffen. Wenn aber das Reich des Weibes siegte, würde die Welt vielleicht heller und glücklicher werden. – Unsinn, dachte er und lachte, – und dennoch fühlte er, daß es so sei, nur der alte Ralph, der Erbauer der Himmelsbrücke sagte Unsinn dazu, weil er sich der neuen Wahrheit gegenüber behaupten wollte. Er dachte an das, was Helen von dem Gott gesagt hatte, der sich vor der Welt verbirgt, verbarg er sich vielleicht, weil bisher alle Religionen von Männern für Männer verkündet waren? Wenn er sich einst offenbarte und es zeigte sich, daß er ein Weib war, und daß alle Not davon herrührte, daß Männer stark und töricht genug gewesen waren, Gott zu verleugnen – das Weib zu verleugnen – Helen zu verleugnen –

Ralph erwachte mit einem Ruck und sprang auf.

Hatte er geschlafen, geträumt – oder was fehlte ihm?

– Es war, als ob ein anderer in ihm gedacht habe. Er sah sich erstaunt um. Es war hoher klarer Tag; er saß unter den Palmen und konnte die Gartenpforte drüben sehen. Schehanna war nicht mehr da – war sie denn da gewesen? – Oder hatte er alles nur geträumt? – Was hatte er gefühlt oder gedacht? – Er konnte sich nicht mehr darauf besinnen. Nur eines war in seinem Herzen zurückgeblieben: das Gefühl, daß er das Weib entdeckt habe – und daß das Weib Helen sei.

Indessen lag Helen in ihrem Bett hinter der offenen Balkontür und blickte zum Himmel unter der großen Markise hinaus.

Tauben kamen angeflogen, setzten sich auf das Balkongitter, legten den Kopf auf die Seite und guckten zu der Hand hinein, die ihnen Mais zu streuen pflegte. Ein Täuberich kam dazu, blähte die Brust auf, tanzte und gurrte, während die Jungen zusammenrückten, nickten und sich zulachten.

Der Kopf schmerzte ihr, es klopfte in ihren Schläfen; trotz des Schmerzes aber meinte sie nie glücklicher gewesen zu sein.

Das Leben hatte ihr seine Schönheit und Freude auf eine ganz andere Weise offenbart, als sie sich gedacht hatte, wie sie hinausreiste, um es kennen zu lernen. Sie hatte geglaubt, daß das Leben aus zwei ganz getrennten Welten bestände, die es zu vereinen gälte: Ich und die anderen. Jetzt in diesem Land der Sonne konnte sie den Unterschied nicht mehr sehen. Sie meinte in allem, was um sie herum lebte, ihrem eigenen Herzschlag zu begegnen. Sie war mit allen im Bunde, mit Menschen, Tieren und Pflanzen.

Sie dachte an ihr Gespräch mit Ralph: Es war ihr, als ob der Durchbruch in der Welt, von dem sie gesprochen hatten, sich in ihrem eigenen Innern vollzöge; sie meinte, es in sich selbst wachsen und gären zu spüren – als ob Flügel gegen eine Puppenhülle drängten, die reif zum Platzen war. Sie fand, daß sie bereits den festen Punkt gefunden hatte in dieser wunderbaren Einheit, in diesem Zusammenfließen von allem, was Lebensodem hatte, – die unendliche Zusammengehörigkeit. Es war ihr, als ob sie von diesem Punkt aus den wahren Wert der Dinge erkennen könne, ja, daß sie bereits begonnen habe, auf dieser Grundlage zu leben.

Sie ertappte sich dabei, daß Ralph die ganze Zeit in ihren Gedanken war. Sie fühlte, daß auch er sich nach ihr sehnte. Und plötzlich fragte sie sich selbst, ob dieses ganze neue Lebensgefühl vielleicht nur Verliebtheit sei?

Sie setzte sich aufrecht hin und vergaß die Schmerzen vor angestrengtem Denken.

War es Verliebtheit, was ihr Herz so lieblich mit allem Lebenden im Takt schlagen ließ? Waren es ihre Sinne, die ihr in dem glücklichen Augenblicksdasein dieses sonnenhellen Landes einen Streich spielten? Beschattete er ihre Seele, so daß sie in Wirklichkeit nur ihn sah, statt des vermeintlichen Lebens? – War sie auf falscher Fährte, im Begriff sich selbst zu verlieren, anstatt, wie sie glaubte, den Weg zum Wesentlichen gefunden zu haben? – Sie, die seit ihrer Kindheit die Empfindung gehabt hatte, daß etwas außerhalb ihres eigenen Ichs Anforderungen an sie stellte – ein Ziel, das darauf harrte, durch sie vollbracht zu werden, – stand sie im Begriff, sich für den Genuß in dem Herzen und Begehren eines Mannes zu leben, einzutauschen? – War das alles, wonach sie sich in der Tiefe ihrer Seele gesehnt, worüber sie geweint hatte, ohne es selbst zu wissen? – Wurzelte das, was ihrem Vater in seinen letzten Stunden Sorge gemacht hatte, nicht tiefer in ihrem Gemüt? – War das die Antwort auf seine Forderung von jenseits des Grabes: Wähle zwischen einem Leben zur Förderung deiner eigenen Persönlichkeit oder zur Hilfe anderer. –

Stand sie im Begriff, ihr Ziel zu verlieren, sich für Liebkosungen fortzuwerfen? – Genügten diese Tage in der Sonne, um sie die Summe von Leiden vergessen zu machen, für die ihr Vater ihr die Verantwortung hinterlassen hatte, die Armen und Kranken daheim, die in Angst und Schweigen harrten, daß sie ihren Entschluß fassen würde?

Sie, die hinausgegangen war, um Gott und sich selbst zu suchen – hatte sie sich bereits mit der Eroberung eines Mannes zufrieden gegeben?

 

Es war Frühstückszeit.

Ralph konnte durch die stille Luft die alte Frau mit den Tellern klappern hören.

Irgendwo hinter der Hecke wurde leise gesprochen; vielleicht waren es Abbas und der Alte.

Indem Ralph langsam auf die Gartenpforte zuschlenderte, noch erfüllt von Erstaunen über sich selbst, sah er etwas Weißes dort, wo die Hecke neben dem Graben herlief, der den Garten von dem flachen, grünen Wiesenland trennte.

Es war eine weißgekleidete Gestalt, die über den Graben sprang.

Etwas Hastiges und Verborgenes in der Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Hühnerdieb, dachte er, und deckte sich hinter einer Palme.

Da sah er, wie die Gestalt an der Hecke entlang schlich, stehenblieb, sich duckte und durch eine Oeffnung im Buschwerk spähte.

Ralph zog seinen Revolver und schlich sich von Palme zu Palme, bis er sich dem Graben gegenüber befand und die Hecke in ihrer ganzen Länge übersehen konnte.

Als er aber noch ein Stück weiter vorgehen wollte, stolperte er über eine Wurzel. Die Gestalt vor der Hecke schnellte wie eine Feder in die Höhe. Ralph sah im Fluge einen angstvollen Tierblick in dem mageren, braunen Gesicht, das von einem weißen Kopftuch unter dem Turban eingerahmt war, eine schmale, sprungbereite Gestalt, wie ein Bock, der im Walde überrascht wird.

Es war nur ein Moment. Als der spähende Blick den seinen getroffen hatte, raffte die weiße Gestalt ihren Mantel zusammen, sprang über den Graben und war im nächsten Augenblick hinter dem Wiesenzaun verschwunden.

Er ging an der Hecke entlang zur Oeffnung, wo der Weißgekleidete gelauert hatte. Als er herankam, hörte er Abbas' Stimme im Garten. Sie klang erregt und weinerlich.

Noch einige Schritte, dann konnte er die Worte unterscheiden:

»Schehanna,« flehte Abbas, »ich liege die ganze Nacht wach und denke nur an dich, ich kann auch nichts mehr essen. Sieh, wie mager meine Hände geworden sind! Warum willst du mich nicht erhören? Bist du eine alte Frau, daß du nicht wie alle anderen Mädchen küssen willst? Bin ich nicht jung und hübsch und stark? In Beyrut konnte ich alle haben, die ich wollte. Ich brauchte nur zu winken, gleich waren sie da. Das ist Abbas mit den schönen Augen und den weichen Lippen, seufzten sie, wenn er mich doch nehmen würde. Du aber kehrst mir den Rücken und schließt die Augen, wenn ich dich ansehe.«

Ralph war bis zur Oeffnung gelangt, er beugte sich vor und sah hindurch.

Schehanna stand vor einem Oleander mit großen, schwellenden, roten Blumen. Sie war im Begriff, Blumen für den Frühstückstisch zu pflücken; sie hatte bereits einen Teil in ihrer Schürze, die sie mit der linken Hand hoch hielt. Ihre zarten, weichen Lippen waren schmerzlich geöffnet und die Brust wogte heftig beim Atmen, während sie sich über die Blumen beugte und mehr auf deren Rat als auf Abbas' hitzige Worte zu hören schien.

Abbas' Gesicht war blaß vor Erregung; die Augenlider zitterten über den von Begehren verschleierten Augen. Es war glühend heiß, der Schweiß saß in großen Perlen auf seiner Nase, er wischte sich mit dem Rücken der Hand über Stirn und Wangen. Plötzlich wurde er von einem Beben geschüttelt. Er streckte seinen Arm aus, als wolle er sie anflehen, ihn zu erhören. Als seine zitternden Finger aber ihren weichen Arm unter dem dünnen Kleid fühlten, verlor er jede Besinnung. Ralph sah, wie er die Arme um Schehannas zarte Gestalt schlang und sie an sich preßte. Er sah, wie er ihren Kopf zu sich heraufbog und ihre bebenden Lippen zu einem langen Kuß gegen die seinen zwang.

Schehanna riß sich los, die Blumen fielen zu Boden. Sie schrie nicht, ihre Lippen aber waren weiß vor Zorn, ihre Brust atmete wie im Fieber und die dunklen Augen waren mit einem Blick voller Schmerz und Erstaunen auf Abbas gerichtet.

Ralph war empört; die Wut stieg ihm mit einer Heftigkeit zu Kopfe, die ihm sonst fremd war, und er ertappte sich zu seinem eigenen Erstaunen dabei, daß er den Revolver, den er noch in der Hand hielt, gespannt hatte. Er steckte ihn in die Tasche, und sprang mit einem Satz durch die Oeffnung der Hecke.

Abbas stand mit leeren Händen, vor Aufregung zitternd da und blickte hinter Schehanna her, die über den Rasen auf das Haus zulief. Als er das Geräusch hörte, drehte er sich um, und als er Ralphs hellen Augen begegnete, deren Pupillen wie dunkle, drohende Punkte leuchteten, griff er sich, vor Angst stöhnend, wie ein Junge, der Prügel erwartet, mit beiden Händen an den Kopf und zog die Schultern hoch, ohne einen Fluchtversuch zu machen.

Ralph maß den unverschämten Jungen, der es gewagt hatte, die geheimnisvolle Tiefe einer reinen Frauenseele mit seiner schmutzigen Begierde zu trüben. Abbas krümmte sich vor Angst. Ralph sah sich nach einem Stock um, und als er keinen fand, packte er Abbas am Kragen und ohrfeigte ihn, daß er laut schrie.

Schehanna hatte inzwischen die Terrasse erreicht. Sie hörte die Schreie und drehte sich um. Als sie sah, was vorging, schwankte sie vor tiefer Bewegung und streckte die Arme nach Ralph aus; als bäte sie um Gnade für Abbas.

Ralph ging ohne ein Wort davon. Abbas warf sich unter dem Oleander auf die Erde, vor Wut weinend und halberstickte Drohungen in seiner Muttersprache ausstoßend, die Ralph nicht verstand.

Schehanna lief zu Helen hinauf und erzählte ihr vor Aufregung zitternd, was sich zugetragen habe.

Helen hatte das Schreien gehört, als sie die Ursache von Ralphs Zorn erfuhr, begriff sie, was sich in seinem Gemüt gerührt hatte, und ein Gefühl von Geborgenheit, Dankbarkeit – sie wußte selbst nicht warum – machte ihr das Herz schwellen.

Nein, sie wollte ihr Ziel nicht verlieren, sich nicht an Liebkosungen wegwerfen. Sie hatte keinen Liebhaber, sondern einen Genossen gefunden.

 

Als Ralph und Helen eine Woche in der Villa gewohnt hatten, bekamen sie Besuch von dem Scheik Abdul-Hassan.

Eines Morgens, als Ralph herunterkam, stand er ganz unerwartet im Garten und sprach mit dem alten Ehepaar.

Ralph erkannte ihn nicht gleich. Die hohe Stirn mit der lotrechten Furche zwischen den Brauen leuchtete wie bei einer guten Neuigkeit. Die gläsernen Augen mit ihrem hastig forschenden Blick strahlten Ralph entgegen, als ob er, seit sie sich zuletzt gesehen, warme Sympathie für die Fremden gefaßt habe, denen er in Kairo wohl bereitwillig, aber doch mit einer gewissen Feierlichkeit gedient hatte, als ob er eine ernste Pflicht erfüllte.

Der Scheik kam Ralph mit ausgebreiteten Armen entgegen, neigte sich zum Gruß, erkundigte sich nach seinem und Helens Befinden und brach in begeisterte Lobreden über den herrlichen Wohnsitz aus, den sie gefunden hatten.

Nachdem Abdul-Hassan den Sitten des Landes gemäß von der alten Frau mit Kaffee bewirtet worden war und eine Nargileh bekommen hatte, rückte er mit seiner Neuigkeit heraus.

Ralph hätte ja lebhaftes Interesse für das Gerücht von dem Mahdi an den Tag gelegt. Jetzt böte sich eine Gelegenheit, ihn zu sehen. Ob er Lust hätte?

Ralph sprang auf.

»Ich wäre Ihnen sehr dankbar!« sagte er und legte seine Hand auf die Schulter des Scheiks, »erzählen Sie!«

Abdul-Hassan erzählte, daß der Mahdi mit seinem Gefolge aus dem fernen Westen, jenseits der Siwa-Oase durch die Wüste von Djarabub gekommen sei. Wahrscheinlich wäre es seine Absicht, Anhänger in Aegypten zu sammeln und die Stimmung für die Engländer zu prüfen. Man hätte seine Leute in der Nähe von Sakkara gesehen, sie handelten friedlich mit den Fellahs. Als er, Abdul-Hassan, durch seine Schüler davon erfuhr, habe er gleich an die Freunde seines Herrn Gamâl-ed-dîn gedacht.

Abdul-Hassan schlug nun Ralph vor, einen mehrtägigen Ausflug in die Wüste zu machen. Er kenne einen zuverlässigen Führer aus dem Stamme der Senussijen, einen früheren Schüler von ihm. Wenn dieser den Ausflug leitete, würden sie gegen Feindseligkeiten geschützt sein und wahrscheinlich den Mahdi zu sehen bekommen.

Ralph und Helen waren entzückt. Der Scheik wurde zum Frühstück eingeladen, und bevor er auf seinem Esel heimritt, war verabredet worden, daß der Führer in zwei Tagen mit Zelten, Kamelen, Proviant und Leuten da sein sollte.

»Was ist eigentlich ein Mahdi?« fragte Helen.

»Das ist ein Prophet vom Stamme Mohammeds, der am Ende aller Zeiten kommen und die Gläubigen zum Kampf gegen den falschen Christus Ad-Dajjal sammeln soll.«

»Sind wir denn jetzt am Ende aller Zeiten?« fragte Helen und sah Ralph an, indem sie ihn mit dem Blick an ihr Gespräch in Jerusalem erinnerte.

Der Scheik zuckte die Achseln und blickte mit einem feierlichen Ausdruck in den dunklen Pupillen geradeaus.

»Es ist geweissagt worden, daß zwölf Imamen oder Propheten kommen sollen. Der zwölfte ist vor tausend Jahren verschwunden, er verbarg sich vor der Welt, und Islam erwartet, daß er zurückkehren wird, wenn das Ende der Zeiten nahe ist.«

»Sie sagten doch neulich in der El-Azhar, daß das Gerücht nur eine Erfindung der Senussijen sei, und nichts weiter auf sich habe,« sagte Ralph und lächelte.

»Allah wählt Zeit und Ort nicht nach dem Willen der Menschen; der Weise aber liest die Zeichen in den Sternen, und die Senussijen behaupten, daß sie die Zeichen gesehen haben.«

 

Am zweiten Tage nach dem Besuche des Scheiks kam ein hochgewachsener, weißgekleideter Araber auf einem Kamel durch den Palmenhain.

Abbas, der den ganzen Tag Ausguck gehalten hatte, entdeckte ihn zuerst. Er stieß einen Freudenschrei aus und lief, um Ralph zu holen.

Einen Augenblick später stand Ralph an der Gartenpforte.

Der Führer sprang vom Kamel und kam auf ihn zu. Es war ein junger Mann mit würdiger Haltung und gemessenem Gang. Er blieb einige Schritte vor Ralph stehen und grüßte mit der Hand auf der Brust, während seine Augen, die schwarz und glänzend waren, wie reife Heidelbeeren, ihn aus ihrer mandelförmigen Umrahmung fragend anblickten.

»Sind Sie der Führer?« fragte Ralph.

»Ja. Scheik Abdul-Hassan sendet mich mit einem Gruß für seinen Herrn und Freund.«

Er drehte sich um und zeigte auf den Palmenhain. Ralph zählte sechs Kamele mit zierlicher Aufpackung, die langsam und lautlos auf dem weichen Boden näherkamen, mit roten, fransengeschmückten Schnüren, die von den vornehmen Köpfen herabhingen. Für jedes Kamel war ein Mann da; alle waren wie der Führer weiß gekleidet. Es war ein so malerischer Anblick, sie im Schatten der Palmen daherschreiten zu sehen, daß Ralph Helen und Schehanna, die von der Terrasse kamen, zurief, daß sie sich beeilen sollten. Abbas war um die Hecke herumgelaufen und ging dem Zug entgegen; auch die beiden Alten kamen neben der Hecke zum Vorschein.

Die Kamele wurden vor der Gartentür gelagert und die Leute in die Küche gerufen, wo die Alte ihnen Kaffee gab. Der Führer blieb im Garten, von wo er die Kamele im Auge behalten konnte.

* * *

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