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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Einige Tage darauf machten Ralph und seine Gesellschaft einen Ausflug zu Esel nach Sakkara, um die Apis-Gräber und Ti's Grab zu besuchen.

Nur Abbas verstand sich darauf, einen Esel zu reiten; er fühlte sich in seinem Element, saß hochaufgerichtet und schlug dem Langohr die Hacken in die Flanken, während er sich über Helen und Schehanna belustigte, die sich mit Händen und Füßen festklammerten, wenn der Esel sich in Trab setzte.

Ralph ritt an der Spitze. Er hatte einen harten Kampf mit seinem Tier zu bestehen, das er zwingen wollte, ihm zu gehorchen und nicht dem Eseljungen, der nebenher lief, wenn Ralph dem Esel seinen Willen mit dem Stock kundtat, schrie dieser empört und drehte den Kopf nach dem Jungen um, als wolle er dessen Hilfe anrufen. Der Junge stand Ralph anscheinend aus vollen Kräften bei, im geheimen aber unterstützte er den Esel in seinem Eigensinn durch kleine verblümte Redensarten, die er zwischen den Schimpfworten einstreute und die nur die beiden verstanden.

Abbas lachte laut und ungeniert, bis Ralph den Kopf umdrehte und ihm einen Blick sandte, der ihn beinah um sein Gleichgewicht gebracht hätte. Den Rest des Tages folgte er seinem Herrn mit einem Blick wie ein treuer Hund, der einen Fußtritt bekommen hat.

Auf dem Rückweg ritten sie durch einen Palmenhain an dem Dorf Sakkara vorbei und von dort über flaches, üppiggrünes Wiesenland, das im Herbst überschwemmt gewesen war. Am Ende des Wiesenlandes kamen wieder Palmen. Durch die Stämme sahen sie in der Ferne das Dorf Mit Rahine, das alte Memphis, wo Ramses des Zweiten Riesenstatue stand, die sie schon auf dem Hinweg gesehen hatten.

Auf der Grenze zwischen Palmenhain und Wiesenland lag ein Garten hinter einer Hecke, und im Garten eine Villa mit Terrasse, Balkon und großen weißen Fensterbögen.

Helen war vom Reiten ermüdet und stieg vom Esel. Sie trat mit Ralph an eine weiße Gittertür in der Hecke und blickte über den Garten.

Vor der Terrasse war ein mächtiges Beet mit dunkelgelben, hochstämmigen Rosen, die in vollem Flor standen. Die schmalen Wege waren mit Kies bestreut. Auf dem Rasen mit dem hohen, dunklen Gras standen Gruppen von Tuja, jungen Zypressen und immergrünen Büschen, die sie nicht kannten. Stiller Friede lag über diesem Rasenhain im Schatten hoher Dattelpalmen.

»Hier möchte ich wohnen!« sagte Helen und blickte sehnsuchtsvoll zu den Rosen hinüber.

Alle Fenster waren verhängt, die Türen auf der Terrasse und den Balkons geschlossen.

»Das Haus scheint leer zu stehen!« sagte Ralph und ging zu einer Stelle, wo die Hecke eine Biegung machte. Dort sah er einen dünnen Rauchstreifen aus einem Wirtschaftsgebäude aufsteigen, das hinter der Villa verborgen lag.

Er ging an der Hecke entlang, von Helen gefolgt. Ein Hund, der aus seinem Mittagsschlaf aufgeschreckt war, bellte, und der Kopf eines alten Mannes mit einem flachen Strohhut tauchte über der Hecke auf.

Ralph grüßte und fragte auf englisch, wer hier wohne. Im selben Augenblick fiel sein Auge auf ein Schild am Eingang. Darauf stand: »To be let«.

Der Alte betrachtete Ralph und seine Gesellschaft und sagte auf englisch:

»Will der Herr die Villa vielleicht mieten? Sie ist bis April frei.«

»Ja,« sagte Ralph, ohne sich zu besinnen. »Kann ich es gleich mit Ihnen abmachen?«

Der Mann legte seine Harke hin, öffnete eine kleine Gittertür und forderte die Gesellschaft auf, näherzutreten.

Eine alte Frau in einer offenstehenden Bluse kam in der Tür zum Vorschein, grüßte mit runden, neugierigen Augen und zog sich wieder in das Dunkel des Wirtschaftsgebäudes zurück. Helen sah, daß sie dort stehenblieb, ihre Augen leuchteten durch die Dunkelheit.

Der alte Mann führte sie durch den Garten, schloß das Haus auf und zeigte ihnen die Zimmer, die mit Korbmöbeln ausgestattet waren. Die Villa gehörte einem englischen Obersten aus der Garnison in Kairo; er war Witwer und augenblicklich nach England beurlaubt.

»Ich miete die Villa,« sagte Ralph zu Helen, als sie vor den Rosen standen, »und mir bleiben hier, bis wir weiterreisen müssen, haben Sie Lust?«

Helen sah mit einem begeisterten Ja auf den Lippen zu ihm auf; als sie aber seinem Blick begegnete, hatte sie wieder dasselbe Gefühl wie damals in Kairo, als er ihr die Hand gab, daß er ganz und gar von ihr Besitz ergriff.

Nein, dachte sie errötend und versuchte ihr Verlangen, bei dem glücklichen Augenblick zu verweilen, zu überwinden. Aus dem gelben Dunkel der Rosen aber schien ihr ein verborgenes Lächeln entgegenzustrahlen, und die leise fächelnden Palmen flüsterten von dem ewig blühenden Leben, das sie beschatteten. In ihrer Ratlosigkeit ergriff sie Schehannas Hand; es war ihre Stärke und Reinheit, nach der sie griff.

Was sie in Ralphs Augen las, war nicht das, was sie sich gedacht hatte. Die Vorsehung hatte sie am ersten Tage ihrer Reise zusammengeführt. Ohne daß sie wußten warum, hatte sie ihm ihr Herz geöffnet. Das tiefe Verlangen ihrer gleichgestimmten Seelen hatte sie einander nahe gebracht, damit sie auf ein gemeinsames Ziel zustreben, nicht, damit sie sich in einer armseligen Verliebtheit verlieren sollten.

Die Rosen riefen, die Palmen lockten, sie meinte, daß sie in der Tiefe ihres Herzens Widerhall fänden.

Was konnte geschehen, wenn sie nicht wollte? – Auf sie kam es an, auf sie allein. Sie wollte dem, was sie in seinen Augen las, nicht nachgeben, weil sie klarer sah als er. Er würde sie schließlich verstehen, sie wollte es ihn lehren, hatte er nicht selbst von dem Wesentlichen gesprochen – hatte er nicht gerade die Worte gefunden, die ihrem Gemüt Klarheit brachten?

»Was meinst du, Schehanna?« sagte sie und nahm ihre Hand zwischen ihre beiden, »wollen wir hier bleiben?«

Schehanna ahnte, was in Helen vorging und fürchtete für sie; als sie aber den starken Wunsch in Ralphs Augen las, dachte sie: Muß er nicht besser wissen, was seinem Ziel dienlich ist, als ich? – Sie blickte sich in dem lächelnden, friedlichen Garten um und sagte voller Ueberzeugung:

»Hier ist es rein und schön.«

Als Abbas hörte, um was es sich handelte, wurde er wild vor Begeisterung und nahm unverzüglich den Garten in Besitz.

Ralph mietete die Villa bis auf weiteres und bestimmte ihrer Verabredung gemäß Helens Anteil an den Kosten.

 

In der ersten Nacht konnte Helen nicht schlafen. Sie lauschte dem Heulen der Schakale und dem quakenden Gesang der Zikaden; es war so warm wie im Mai. Sie stand auf und ging auf den Balkon hinaus, von wo sie den Garten und den Palmenhain übersehen konnte. Es war kein Mondschein, die Milchstraße aber leuchtete auf den Gartenwegen und dem dunklen Gebüsch der Rosen.

Sie dachte an ihr Leben und an ihren Vater. Sie erinnerte sich der Worte, die er ihr übers Grab hinaus mit auf den Weg gegeben hatte, und der Beweggründe, die sie zu der langen Reise veranlaßten. Nur wenn ein Herz leer ist, kann es Gott aufnehmen. Hatte der fremde Mann, mit dem sie zusammen wohnte und der bereits in ihrem Herzen war, sie ihrem Ziel näher oder ferner gebracht?

Sie wußte es nicht, sie wußte nur, daß sein Wesen ihr Gemüt bereichert und aus seiner Einsamkeit herausgetrieben hatte. Und sie fühlte, daß es gut sei. Von Verliebtheit aber durfte nicht die Rede sein. Sie wollte sich und ihren Zielen nicht untreu werden. Als sie morgens Ralph im Garten traf, gab sie ihm die Hand wie ein guter Kamerad, und er las in ihrem festen, klaren Blick, daß sie einen Entschluß gefaßt hatte, der sie beide betraf. Er beugte den Kopf und gelobte sich selbst, ihn zu achten.

Ralph und Helen ritten auf ihren Eseln nach Bedrachén und fuhren von dort mit der Eisenbahn nach Kairo, um Museen und Moscheen zu besehen. Aber das war nur in den ersten Tagen; bald bekamen sie es satt und zogen es vor, Ausflüge in die Umgebung und zu den Pyramiden zu machen.

Schehanna und Abbas blieben zu Hause und besorgten die Wirtschaft mit dem alten Ehepaar, das gewöhnt war, den Oberst zu bedienen. Die Frau kochte und der Mann hielt das Haus rein, und so blieb es auch unter der neuen Herrschaft, nur daß Schehanna als Stubenmädchen mithalf, und Abbas Diener, Bote und Gartengehilfe zugleich war.

Abbas hatte sich seinen Gefühlen ganz hingegeben und folgte Schehanna wie ihr Schatten, während sie die Zimmer aufräumte, stand er in der offenen Balkontür und erzählte ihr, wie schön sie sei, und daß er nachts von ihr geträumt habe.

Er half ihr, wenn sie Blumen für die Vasen pflückte, und wenn sie sie ihm reichte, berührte er ihre Hände und lachte wie über einen guten Witz. Er half ihr beim Füttern der Hühner und Tauben und ließ ihnen all die Zärtlichkeiten zuteil werden, die er ihr zugedacht hatte.

Anfangs lächelte sie und ließ ihn gewähren, mit jedem Tag aber wurde er wärmer und heftiger. Er küßte die Blumen, die sie ihm reichte, und seine kleinen Augen brannten, so daß sie vor ihrer Glut den Blick errötend niederschlug.

Wenn sie allein waren, sang er ihr Lieder vor, die er von den französischen Frauen im Varieté in Beyrut gehört, und tanzte, wie er sie tanzen gesehen hatte, wenn sie nicht hinsah oder sich scheu seinen begehrlichen Händen entzog, gebärdete er sich wie ein verzogenes Kind. Er zupfte sie am Kleid und bettelte mit seinen glühenden Augen, bis sie böse wurde und ihn abschüttelte. Der alte Mann schalt ihn, wenn er es sah, die Frau aber hatte Mitleid mit ihm und steckte ihm im geheimen Keks und Marmelade vom Vorrat des Obersten zu.

Als er sah, daß er keinen Erfolg bei Schehanna hatte, begann er verblümt davon zu reden, daß er wohl wüßte, wo ihre Gedanken seien und wovon sie träumte. Aber er wolle nach Europa reisen und bei den großen Hotels in Dienst gehen, um ebenso reich zu werden wie Mr. Cunning; und dann wolle er sie Herrn Ralph abkaufen, denn er wüßte wohl, daß sie sein Eigentum sei, er habe sie aber viel zu teuer bezahlt und würde sie sicher verkaufen, wenn er ein ordentliches Angebot bekäme. Denn was läge Herrn Cunning an ihr? Könne sie nicht sehen, wo er seine Augen habe? – Und er phantasierte etwas über Ralph und Helen zusammen, von Händedrücken und Küssen, die er gesehen habe, von schleichenden Schritten, wenn er nachts wach im Bett läge und aus Sehnsucht nach ihr nicht schlafen könne.

Schehanna erschrak und beobachtete Ralph und Helen, wenn sie sie beisammen sah, aber sie konnte nichts entdecken. Der alte Mann hörte Abbas eines Morgens und drohte ihm, daß er Ralph alles sagen wolle. Da nahm Abbas seine Worte zurück und bat so kläglich um Schonung, daß Schehanna begriff, daß alles nur Erfindung sei.

Sie hatte Mitleid mit dem Knaben, weil seine Liebe ihn so weit von dem Wege der Wahrheit abgeführt hatte, und sie sprach das Gebet der guten Gedanken, guten Worte und guten Taten für seine unreine Seele.

Abbas neuester Einfall war, seinen Herrn zu kopieren. Er sagte » well« wie dieser, kniff die Augen zusammen und lachte wie er; er schlenderte mit langen Schritten, die ganz vom Nacken auszugehen schienen, trug den Kopf hoch und machte den Mund schmal, wie Ralph es zu tun pflegte, wenn er überlegte. Da konnte Schehanna nicht länger widerstehen; sie lachte so herzlich, daß Abbas froh wurde und wieder Hoffnung schöpfte.

* * *

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