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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Das »Helen«, das Ralph seiner Reisegefährtin zugeflüstert hatte, ließ sie nicht wieder los; es wuchs im Verborgenen. Hätte sie sich gleich zu ihm umgedreht, dann wäre es vielleicht überwunden gewesen, das fühlte sie. Statt dessen war es durch all das, was, unausgesprochen zwischen ihnen blieb, noch gewachsen.

Auf dem Dampfer von Jaffa nach Port Said hatte sie jedes Alleinsein mit ihm vermieden und dafür Sorge getragen, daß Schehanna immer bei ihr war.

Jetzt, bei ihrer Ankunft in Aegypten, wo sie in den schönsten Frühling kamen, machte ihre Besorgnis einer stillen, etwas wehmütigen Freude Platz; und auf dem Wege von Port Said nach Kairo wechselte ihr Gemüt wie Frühlingswetter; bald bekam sie Lust zu lachen und zu singen und gab diesem Drang auch nach; bald dachte sie an ihre Kindheit, bis ihr die Tränen kamen.

Als sie vom Hotel-Omnibus über die große Terrasse von Shepheards Hotel ging, mit den vielen lächelnden und genießenden Menschen in hellen, leichten Toiletten unter den elektrischen Lampen, da dachte sie: jetzt will ich leben. Und als sie an Ralphs Seite über den langen teppichbelegten Gang zu ihren Zimmern ging, hatte sie das Gefühl, daß sie sich über Weg und Ziel einig wären. Sie dachte bei sich: wir wollen uns helfen, denn wenn man ein Ziel erreichen will, muß man zu zweien sein.

Schehanna, deren Zimmer neben dem Helens lag, kam herein, um ihren Koffer auszupacken.

»Morgen will ich ein weißes Kleid anziehen, wie die anderen,« sagte Helen und legte es bereit.

Als sie ihr Haar löste, begegneten ihr Schehannas Augen im Spiegel. Helen lächelte ihr zu, und Schehanna erwiderte ihr Lächeln; plötzlich aber wurde sie ernst und ihr Blick erstarrte: sie hatte Ralphs Ferved in Helens Augen gesehen.

Während Helen ihr weißes Kleid anprobierte, dachte Schehanna über die Veränderung nach, die mit ihrer Herrin vorgegangen war.

Helen lachte, sang und plauderte indessen unausgesetzt. Plötzlich aber schlang sie ihre Arme um Schehannas Hals, legte den Kopf auf ihre Schulter und weinte; sie wußte selbst nicht warum; sie war so glücklich in ihrem Herzen.

Indessen stand Ralph im Pyjama auf seinem Balkon und blickte durch die Nacht in den dunklen Garten hinaus, wo Palmen einander in der milden Lust zuflüsterten. Das Gras flimmerte von leuchtenden Insekten und der Himmel von blitzenden Sternen. Ihm war, als ob er plötzlich auf einem fremden Weltkörper erwacht sei und sich nach seiner alten Heimat umblicke. Er sah wie in einem fernen düsteren Nebel das Häusergewirr von Neuyork und mitten darin sein elegantes Schlafzimmer.

Wie hatte er dieses Leben einundzwanzig Jahre aushalten können? – Jetzt, wo das Dasein sich ihm enthüllt hatte, sah er erst recht, wie leer und traurig es gewesen war. Leben hieß, einen anderen Menschen in seinem Herzen und Hirn tragen. Er war von Helen besessen, wie er es früher von seiner Arbeit gewesen war; aber es war nicht die dumpfe, drückende Empfindung von einer schweren toten Masse, mit der er kämpfen mußte, um sie zu bewältigen; es war ein seliges Gefühl des Tragens und Selbstgetragenwerdens.

Die Zikaden sangen, die Sterne funkelten; ihm war so leicht zumute wie seit seiner Kindheit nicht mehr. Er stand über allem, und außer einem war ihm alles gleichgültig. Meinetwegen können Sie sich in den Staaten bekämpfen, dachte er, und meine Himmelsbrücke in die Luft sprengen, was kümmert es mich, ich bin keine Arbeitsmaschine mehr, ich bin ein Mensch und verliebt. Eine Sehnsucht, so stark, daß er sie wie Schmerz empfand, begann plötzlich in seinem Gemüt zu bluten. Er seufzte und ging hinein.

Inzwischen lag Abbas mit Stiefeln und Kleidern, so lang er war, auf seinem Bett und fuchtelte mit den Armen durch die Luft. Er war krank vor Sehnsucht nach Schehanna, nach ihren Augen, ihrem Haar. Er sah sie so leibhaftig vor sich, daß er den Duft ihres Körpers, der wie Wein auf ihn wirkte, zu spüren meinte. Er sah, wie ihre Brust sich hob, und er rang die Hände, er seufzte und wälzte sich und dachte an ihre weichen Arme, die er so oft im geheimen berührt hatte. Die warme Nacht hitzte sein Begehren, daß er nicht schlafen konnte. Ich will sie besitzen, dachte er, morgen muß ich sie haben; und er verlor sich in Liebesphantasien, bis der Schlaf ihn übermannte.

Als Schehanna in ihr Zimmer kam, dachte sie an das, was sie in Helens Augen gesehen hatte. Die ganze Zeit war es ihr gewesen, als habe sie Ralphs Ferved im Zimmer gespürt, und als Helen die Arme um ihren Hals schlang, ahnte sie, daß sein Ferved sich im selben Augenblick mit dem ihren verband.

Sie sagte ihr Ashem-vohu und betete zu den guten Gedanken, den guten Worten und guten Taten, daß sie einen Kreis um Helen schließen möchten, auf daß nichts Unreines in ihr Gemüt käme. Sie flehte Segen auf sie herab, damit sie Ralph in seinem Kampf um das Licht beistehen könne. Ralphs Ferved vereinigte sich in ihren Träumen mit dem Darabs, und sie betete, daß Helen mehr Glück haben möchte, dem zu dienen, der ihr Herr geworden, als es ihr bei Darab vergönnt gewesen war.

 

Ralph saß auf der Terrasse und wartete auf Helen, um mit ihr zusammen das erste Frühstück einzunehmen. Abbas stand etwas entfernt und blickte voll Interesse über die Straße, wo eine lange Reihe Autos vorm Hotel hielt, während die Dragomons sich längs der Treppe herumtrieben, darauf wartend, daß die Herrschaften ihren Arbeitstag beginnen sollten.

Abbas hatte noch nie solche große Stadt gesehen. Er lachte und schwatzte laut mit sich selbst, den Fes im Nacken, Schweißperlen auf seiner langen Nase. Durchs Glasdach schien die Sonne auf ihn. Er kratzte sich vor Verwunderung den Arm und machte Bemerkungen über die Gäste, die über die Treppe zu den wartenden Wagen gingen.

»Herr, sehen Sie die dort – die wunderschönen Augen!«

Zwei Amerikanerinnen in weißen Kostümen mit weißen Automobilschleiern und Schärpen erregten seine höchste Bewunderung. Er folgte ihnen ein Stück und nickte ihnen zärtlich lächelnd mit seinem langen Gesicht zu, als sie auf der Treppe stehenblieben, um sich nach ihrem Begleiter umzusehen.

Oh, wie groß und herrlich die Welt war! Abbas träumte seinen alten Herrschertraum, daß er hinaus wollte, um die Welt zu erobern, wenn er genug gelernt und gesehen hatte.

Helen und Schehanna standen weißgekleidet in der Hoteltür und sahen sich nach Ralph um; er hatte ihnen sagen lassen, daß er sie auf der Terrasse erwarte.

Als Helens Augen den seinen begegneten, errötete sie wie eine junge Braut. Bei dem starken Willensausdruck, der auf seinem Gesicht leuchtete, bekamen ihre Augen einen bittenden und scheuen Ausdruck, und die Falte zwischen ihren Brauen zitterte. Sie zögerte, beugte den Kopf und dachte mit einem plötzlichen, unerklärlichen Schmerz, daß es alles ganz anders sei, als sie gestern abend geträumt hatte. Sie nahm seine Hand, wagte aber den festen Druck derselben nicht zu erwidern, denn ihr war, als ob er ihr damit ans Herz griffe und zu sich zwänge. Er sah ihre Verwirrung, ließ ihre Hand los, und ein plötzlicher Aerger glitt wie ein Schatten über sein Gesicht. Da lächelte sie und war wieder natürlich.

Schehanna erweckte Aufsehen bei den Gästen durch ihre matte Farbe, die Farbe der kranken Perle, die von ihrem blendend weißen Kleid, den dunklen, verschleierten Pupillen in dem sanften Opal ihrer Augäpfel, dem rabenschwarzen Haar, das unter der leichten Sommerhaube über ihre kleinen Ohren fiel, noch gehoben wurde.

Abbas war stumm vor Entzücken über Schehanna in ihrer neuen Toilette. Seine schmalen Hände, die er von sich streckte, indem er, ohne es zu wissen, Ralph kopierte, zitterten; seine Nasenflügel bebten, während er Schehanna mit seinen braunen Augen, die von unbewußter Begierde blank waren, verzehrte. Indem ihre Augen die seinen streiften, schoß ihr das Blut in feinen Pünktchen in die Wangen, wie die Röte eines reifen Pfirsichs.

Abbas und Schehanna nahmen an einem Tisch hinter ihrer Herrschaft Platz, und kurz darauf kam der Kellner mit dem Frühstück.

Als sie fertig waren, gingen sie über die Terrasse, von Dragomans umringt, die sie schon lange im Auge gehabt hatten und jetzt zu einem der wartenden Automobile führen wollten. Helen und Ralph aber mochten nicht fahren; sie wollten von dem Leben, das auf der sonnenbeschienenen Straße flutete, berührt, nicht getragen werden; sie wollten sich davon mitreißen lassen, den warmen Atem auf ihrem Gesicht spüren.

Sie gingen paarweise über den breiten Fußsteg. Die warme Luft schlüpfte durch Helens dünnes, weißes Kleid, über Hals und Arme, während sie den blendenden Frühling in tiefen Zügen atmete und für eine kurze Weile vergaß, wer an ihrer Seite hing.

Das Leben nahm sie in seine starken Arme und füllte ihre sehnsuchtsvolle Seele mit einer volltönenden Musik, die sie atemlos machte, während sie ihr lauschte. Ihre Sinne öffneten sich der Welt wie noch nie; die Dinge teilten sich ihrer Seele nicht nur durch ihr sichtbares Aeußere, sondern auch in ihrem inneren Zusammenhang mit.

Ein junges Paar kam ihnen entgegen, dicht aneinandergeschmiegt, mit Panamahüten und Stöcken, so elastisch schreitend, daß sie förmlich auf sie zugetanzt kamen – Helen empfand ihr Liebesglück so intensiv, daß sie errötete.

Dort stand ein zerlumpter Bursche mit funkelnden Spitzbubenaugen in einem braunen Gesicht, und langen, weißen Zähnen hinter halbgeöffneten Lippen – er nestelte an dem Sattelknopf seines aufgeputzten Mietsesels, der das Maul nach einem grünen Blatt auf der Fahrstraße reckte. Helen konnte ihm so lebhaft nachempfinden, was er dachte, als sei sie es selbst, die mitten im Kampf ums Dasein auf eine Tour für den Esel wartete. Sie lächelte ihm unwillkürlich zu, als sie vorbeiging.

»Mylady,« rief er, und der Esel, der die Sache schon kannte, kam über den Asphalt hinterher geklappert, »mein Esel ist der beste in ganz Kairo! Sitzen Sie auf – es ist weit bis zur Zitadelle, Ihr hübscher kleiner Fuß kann so hoch nicht steigen. Es ist viel zu warm, Mylady, Sie können nicht gehen!«

Die braunen Knirpse, die auf dem Fußsteig neben dem hohen Gitter des Ezbekijeh-Gartens durcheinanderkugelten, mit roten Korallenketten um den Hals, kurzen Hemdchen und nichts weiter an – hatte sie die nicht schon lange gekannt? Sie blieb stehen und bückte sich nach dem Kleinsten. Ralph sah sie erstaunt an. Sie besann sich und lächelte und dachte im selben Augenblick: wie seltsam alles zu einem unendlichen Leben zusammenfließt!

Sie gingen an der Villa des internationalen Gerichts vorbei, die weiß und vornehm hinter Palmengruppen lag, an der Ecke bei der Polizeiwache, wo lebhafter Verkehr war, und kamen zu dem Atabelmarkt.

Elektrische Straßenbahnwagen bahnten sich bimmelnd ihren Weg zwischen qualmenden und tutenden Automobilen, zwischen staubigen, zweiädrigen Wagen und hinfälligen Droschken. Es wimmelte von Straßenverkäufern. Ein Händler mit gelben Hosen und grüner Jacke ließ kleine Puppen auf dem Fußsteig tanzen, während seinen blutroten Lippen blühende arabische Reden entströmten, mit englischen Wörtern vermischt.

Feilahs mit breiten Schultern, schmalen Hüften und demselben kurzen, starken Profil wie ihre Vorfahren, die guten, alten Aegypter, kamen langsam über den Platz geschlendert, mit weit aufgerissenen, blanken Augen, das wogende Leben betrachtend, wovon sie sich in ihrem Dorf nichts hatten träumen lassen.

Große dunkle Nubier mit schwermütigen Hundeaugen, in langen Rockhosen und seidenen Jacken, gingen auf ihrem Weg zum Herrschaftshaus, dessen Tor sie bewachten, schläfrig vorbei. Ein Beduine sah sich vor einer Retirade verwirrt um und wußte nicht, in welche Richtung er gehen sollte.

Zeitungsjungen liefen schreiend über den Platz. Leute stiegen an der Haltestelle der Straßenbahn mitten auf dem Markte ein und aus. Englische Soldaten in Khakiuniformen kamen mit langen, taktfesten Schritten vorüber, als ginge sie das alles gar nichts an.

Ralph nahm einen Wagen; sie wollten nach der El-Azhar-Moschee fahren, um den Scheik zu besuchen, an den Gamâl sie empfohlen hatte.

Sie fuhren durch enge Gassen und lärmende Basarstraßen, der Kutscher schimpfte unaufhörlich, bald nach rechts, bald nach links warnende Zurufe austeilend. Am Ende eines sehr belebten Basars machten sie halt.

Junge Turbanträger wimmelten durch ein niedriges Tor ein und aus, einige mit Büchern und Manuskripten unterm Arm, andere Brot und Früchte kauend. Sie hatten blasse, gelbe Gesichter mit dunklen Augen, die fest und durchdringend blickten; sie gingen paarweise in leisem, vertraulichem Gespräch oder laut streitend.

In der Vorhalle wurden sie von dem Torwächter angehalten; sie mußten Pantoffeln über ihre Stiefel ziehen. Ralph gab ihm den Zettel mit der Adresse des Scheiks. Der Wächter war ein magerer, weißbärtiger Mann mit einem entgegenkommenden Lächeln und mißtrauischen, stechenden Augen. Er führte sie in den Moscheehof, einen großen sonnenbeschienenen, viereckigen Raum zwischen langen Arkaden mit keilförmigen Bögen, die von Marmor- und Porphyrsäulen getragen wurden.

Links waren die Wände der Arkaden mit hohen Holzschränken bedeckt. Auf einer Leiter stand ein alter Muselmann und nahm Manuskripte von den obersten Borden. Ueberall in den Gängen und auf dem offenen Hof war es voll von Studenten in gestreiften Djubben und bunten Turbanen; einige gingen in gelehrtem Gespräch auf und ab, andere hockten auf der Erde, den Rücken gegen die Säulen gelehnt. Viele Junge lagen auf den Knien und übten sich in Gebeten, während Lehrer sie in den vorgeschriebenen Bewegungen unterrichteten. Einige lasen laut aus dem Koran, in einem singenden Meßton, wobei sie Kopf und Oberkörper bewegten. Andere wiederum redeten mit allen zehn Fingern. Es war ein Summen wie in einem riesigen Bienenkorb.

Der Torwächter zeigte bald auf diesen, bald auf jenen und nannte ihre Namen; es waren berühmte Professor-Scheiks, im ganzen Morgenlande berühmt.

In einer Ecke saß eine Gruppe weißgekleideter junger Leute mit flaumigen, mandelbraunen Gesichtern und dunklen Augen unter schmalen Lidern. Ihre Lippen waren vom eifrigen Sprechen gerundet, ihre Hände hastig und in beständiger Bewegung; es lag keine morgenländische Ruhe über ihnen. Sie betrachteten Ralph und seine Gesellschaft mit offenkundigem Unwillen. Einer ballte die Faust, ein anderer runzelte die Brauen. Auch der Scheik, der vor ihnen in der Hucke saß, sah zornig auf. Seine schmale Stirn hatte eine tiefe, lotrechte Falte, die die schwarzen scharfgezeichneten Brauen in die Höhe zog. Die gebogene Nase war an der Spitze schief, die schmalen Lippen vibrierten noch von den Worten, die sie soeben geformt hatten. Unter dem dünnen Bart trat der Adamsapfel stark hervor und bewegte sich unaufhörlich auf und nieder, als ob er etwas schlucke. Es war der Scheik, an den ihre Empfehlung gerichtet war.

Der Torwächter gab ihm Gamâls Zettel. Er riß ihn an sich und durchflog ihn; dann hasteten seine gläsernen braunen Augen mit einem prüfenden Blick über Ralph, während der Ausdruck seines Gesichts sich veränderte, die Stirn sich glättete und der Mund sich zu einem Lächeln öffnete.

Er erhob sich und verneigte sich grüßend. Als Ralph ihm die Hand hinstreckte, nahm er sie zögernd, als wüßte er nicht recht, was er damit machen solle. Gleich darauf aber besann er sich und drückte auch Helens, Schehannas, Abbas' Hand.

»Mein Herr und Freund bittet mich, Ihnen behilflich zu sein,« sagte er auf englisch, »Seine Freunde sind auch meine Freunde. Befehlen Sie über mich; ich bin Ihr Diener.«

Ralph bat ihn, sie in dieser merkwürdigen Universität herumzuführen, wo Lehrer und Schüler auf der Erde durcheinander saßen und über die Dinge verhandelten, während Wasserträger mit Ziegenfellsäcken auf dem Rücken und barfüßige Kuchenverkäufer ungeniert zwischen ihnen herumgingen.

Abdul-Hassan, so hieß der Scheik, bat sie, vorsichtig zu gehen und leise zu sprechen, um nicht den Zorn der Gläubigen zu erregen. Einige seiner Schüler folgten ihnen von weitem, andere nahmen ihre Bücher unter den Arm und gingen zu ihren Zellen.

Hassan führte seine Gäste zu der großen Lesehalle, dem Allerheiligsten der Moschee, mit ihren neun Schiffen, hundertundvierzig Marmorsäulen und vier Betnischen, eine für jede orthodoxe Sekte. Darauf zeigte er ihnen, wo die verschiedenen Nationen ihren Raum hatten. Sie sahen in dunkle, hohe Zimmer mit Matten auf dem Fußboden und Schränken an den Wänden, aber ohne Möbel. Schüler lagen auf den Matten und aßen, andere saßen in der Hucke und lernten laut, indem sie mit dem Kopf den Takt dazu schlugen; andere wiederum schliefen. Die meisten waren von weither gekommen – da waren Studenten aus Ceylon und Hinterindien – sie wohnten Tag und Nacht in der Moschee und wurden von milden Gaben und Legaten unterhalten; auch die Scheiks wurden auf diese Weise bezahlt.

»Hier ist das Rivak der Blinden.«

Eine Reihe erloschener Blicke in stark bewegten Gesichtern wandte sich zu ihnen um, und ein zorniges Geknurr erklang; der Grimm, den die Augen nicht auszudrücken vermochten, stand auf ihren Lippen zu lesen.

»Warum sind sie böse?« fragte Helen.

»Weil ihr nicht den richtigen Glauben habt!« sagte der Scheik und sah sie ernst an.

Er versuchte Ralph nach seiner Bekanntschaft mit Gamâl auszufragen, und Ralph seinerseits hätte gern etwas über Gamâls Vergangenheit erfahren; aber sie erfuhren beide nur wenig.

Sie gingen an der Zelle der Marokkaner vorbei.

»Man sagt von ihnen, daß sie zauberkundig sind,« sagte Hassan und machte, daß er vorbeikam.

»Was hat das Gerücht von dem Mahdi zu bedeuten?« fragte Ralph.

Hassan sah hastig auf.

»Dem Mahdi?« fragte er zögernd.

»Ja, es hieß in Jerusalem, daß ein Mahdi in Aegypten aufgetaucht sei.«

Einige magere Burschen mit schwarzen Djubben und Mützen gingen im selben Augenblick vorbei; sie schnappten das Wort Mahdi auf, mäßigten ihre Schritte und spitzten die Ohren.

Hassan zog Ralph hastig mit sich durch die Arkaden, als fühle er sich dort nicht ganz sicher.

»Es soll ein junger Einsiedler aus der Wüste sein,« sagte er mit einer abfertigenden Handbewegung, »vom Stamm der Senussijen, es hat nichts zu bedeuten.«

Die sonderbare Gesellschaft, die von einem Scheik herumgeführt wurde, den alle kannten, erweckte nach und nach allgemeines Aufsehen. Die Gespräche verstummten, der Unterricht geriet ins Stocken. Hassan fühlte sich dadurch bedrückt und trieb Ralph und seine Gesellschaft zur Eile an.

Indem sie quer über den Hof gingen, um die Eingangstür zu erreichen, wurde rings um sie herum von Gruppe zu Gruppe geflüstert. Einige erhoben sich und folgten ihnen von weitem, andere rotteten sich zusammen und versperrten ihnen den Weg, so daß sie um sie herumgehen mußten. Es war offenbar, daß Ralphs unbekümmert forschender Blick und ironisches Lächeln sie reizte. Mehrere betrachteten Helen und Schehanna mißbilligend; unverschleierte Frauen einer fremden Rasse kränkten die Heiligkeit des Orts.

Schehanna fühlte sich unbehaglich zumute; sie fand, daß die Luft voll von Darvanden sei und betete unaufhörlich ihr Ashem-vohu, um sie sich vom Leibe zu halten, und gelobte sich selbst eine gründliche Reinigung, wenn sie nach Hause käme.

Einige von den weißgekleideten Jünglingen, die der Scheik unterrichtet hatte, kamen jetzt auf Hassan zu und flüsterten ihm etwas zu, das wie Vorwürfe klang. Ralph, der Augen und Ohren offenhielt, meinte das Wort Mahdi zu verstehen. Hassan entschuldigte sich, und Ralph hörte ihn Gamâls Namen nennen.

Als sie endlich draußen standen, atmeten Helen, Schehanna und Abbas erleichtert auf. Ralph aber hätte gern noch mehr gesehen. Es gärte etwas, das war klar, und Ralph hatte den Eindruck, als ob die Erregung auf irgendeine Weise mit dem Gerücht vom Mahdi in Verbindung stehe. Im selben Augenblick fiel ihm ein, daß Mr. Lawson, der amerikanische Botschafter, seine jährliche Erholungsreise in Kairo unterbrochen hatte und nach Konstantinopel zurückgekehrt war – sie waren ja seiner Dampfjacht vor Smyrna begegnet – und hatte Gamâl ihn nicht in den Zeitungen auf einen Artikel über ›das europäische Konzert‹ und einen Aufstand des Islams aufmerksam gemacht? – Jetzt bereute er, daß er ihn nicht gelesen hatte.

Hassan versprach, Ralph und Helen im Hotel aufzusuchen. Er wollte es sich nicht nehmen lassen, ihr täglicher Führer zu sein, solange sie sich in der Stadt aufhielten; und Ralph willigte ein, als er merkte, daß eine Ablehnung den Scheik kränken würde.

* * *

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