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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Von der Moschee fuhren sie zum großen Basar.

Helen fragte Schehanna, ob sie Damaskus wiedererkennen könne.

Schehanna richtete ihren Blick auf die unansehnlichen Mauern, die so viel bunte Schönheit verbargen; sie betrachtete die lichtscheuen Hunde, die im Schmutz der Straßen zwischen zerlumpten Lastträgern und schäbigen Offizieren herumschlichen, die nach Damaskus strafversetzt waren.

Dann schüttelte sie den Kopf, sah zu Ralph mit einem Blick auf, der von Dankbarkeit strahlte, und schmiegte sich dicht an Helen, indem sie die Augen mit einem glücklichen Lächeln schloß.

Ralph bemerkte es nicht. Er saß zurückgelehnt und starrte gedankenvoll vor sich hin. Er dachte an Helen, und sein Blick wurde wie gewöhnlich von ihren Händen angezogen; die eine umschloß Schehannas Hand, die andere lag müßig im Schoß. Plötzlich überkam ihn ein so heftiger Drang, sie zu ergreifen und zwischen den seinen zu drücken, daß er sich Gewalt antun mußte, um diesem Drang nicht nachzugeben. Hab ich mich verliebt? – fragte er sich selbst, und ein Lächeln dämmerte in seinem Herzen.

Er preßte die Lippen fest aufeinander und ließ seinen Blick langsam über Helens Kopf mit der daunigen Wange und dem schmalen, ausdrucksvollen Mund gleiten. Der Wagen fuhr auf die wimmelnde, lärmende Menge zu, die aus der tiefen, dunklen Perspektive des Basars strömte.

»Wir sind da!« sagte er.

»Dies ist der gerade Weg,« – der Führer, der auf dem Bock saß, rappelte sein Pensum herunter, – »den Paulus wanderte, wie in der Apostelgeschichte, Kapitel neun, geschrieben steht.«

Ralph schlug Helen vor, zu Fuß durch den Basar zu gehen.

Der Wagen hielt und sie stiegen aus. Schehanna wollte an Helens Seite gehen, Abbas aber machte ihr begreiflich, daß sie nicht in einer Reihe durch das Gedränge gehen könnten. Darum beugte sie den Kopf und hörte seinen blühenden Reden geduldig zu.

Abbas' Augen leuchteten vor Verliebtheit, und er benutzte jede Gelegenheit, um sie mit seinen schmalen, einschmeichelnden Händen zu berühren, während er wie ein Kind über alles plauderte, was sie sahen und was er ihr kaufen wollte, wenn er erst so viel Geld verdient hätte, daß er nach Europa reisen und ein reicher Mann werden könne.

Schehanna hörte nicht, was er sprach. Mechanisch zog sie ihre Hand von der seinen zurück, häufig aber überließ sie sie ihm auch in Gedanken. Seine Wärme kam ihr nicht zum Bewußtsein. Sie dachte an das zurück, was sie auf diesem selben Wege gelitten hatte, als sie, von dem Rücken des mächtigen Kamels getragen, sich ihrem Schicksal näherte; und sie blickte auf den Mann, dessen schlanken und kräftigen Rücken sie gerade vor sich hatte.

Sie wußte selbst nicht, was sie ihm wünschte und was ihr Herz ihm gab. Sie dachte ohne Schuld und ohne Nebengedanken, daß er ihr Herr sei, und daß ihr Schicksal nicht so bitter wäre, wie sie gedacht, da es sie in seine Hand geführt hatte. Sie sah Helen so vertrauensvoll an seiner Seite gehen, und sie mußte an Darab und sich selbst denken, während Wehmut aus der Tiefe ihres Herzens aufstieg, sie dachte daran, wie an etwas, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte; sie wünschte den beiden dort vor ihr, daß ihr Glück wachsen und über die Welt leuchten möge. Es war kein Schatten von Neid in ihrer Seele.

Auf dem schmalen Fahrweg trafen zweirädrige Lastkarren mit alten Herrschaftskarossen zusammen, in denen vornehme Türken saßen und nur langsam vorwärts kamen. Ein Konsulatswagen aber kam in scharfem Trab angefahren, mit einem goldstrotzenden Kavaß auf dem Bock; der ganze Verkehr geriet durch ihn ins Stocken; ein zorniges Gemurmel schlug wie eine Kielwasserwoge hinter ihm zusammen. Ein vereinzeltes Automobil näherte sich in der Ferne mit Töff-Töff. Alles blickte sich nach der vierrädrigen Zauberei um, wobei sicher Jinns und Shaitas mit ihm im Spiel waren. Ein Beduine, den Mantelkragen fest um sich geschlagen, stand mit gekreuzten Armen da und betrachtete die blitzende Hupe, mit ohnmächtiger Drohung in seinen träumenden Augen.

»Mashallah,« klang es in heiligem Erstaunen rings herum. Ein paar syrische Frauen hoben ihre geblümten Gesichtsschleier, um besser zu sehen. Die Hunde zogen den Schwanz ein und krochen bei dem ungewohnten Anblick unter die Buden.

Kaufleute, die rauchend mitten zwischen ihren Waren saßen, unbeweglich wie das leibhaftige, unabwendbare Schicksal, drehten den Kopf nach dem neuesten Wunder aus dem von Allah verfluchten Europa.

Was hatten sie im Laufe der Jahre alles in dieser geraden Straße einrücken sehen! Wobei hatten sie überall mit stummen Flüchen Allah als Zeugen aufgerufen, in der Hoffnung, daß er die Vermessenheit sehen und bestrafen würde! Noch eine kleine Weile, dann würde er, wie geschrieben steht, seine Gläubigen sammeln und den Propheten vom Himmel zum höchsten Minarett der großen Moschee herabsenden und dem allen ein Ende machen.

Jetzt war Schlaffheit in ihre Herzen eingezogen. Die Aeltesten hatten die Hoffnung aufgegeben, daß sie die Herrlichkeit noch erleben würden, daß der Islam die Christenheit besiegen und die Ungläubigen aus dem Garten der Erde tilgen würde. Den deutschen Kaiser hatten sie vorbeireiten sehen, mit seinem glänzenden Gefolge, ja, hatte der Beherrscher der Gläubigen nicht sogar den Basar niederreißen lassen, um ihn breiter zu machen? Die Straße ihrer Väter war nicht breit genug gewesen, damit der Kaiser der Ungläubigen seine Majestät hindurchführen konnte! Sie hatten ihre ehrwürdigen Häupter geschüttelt und den Koran um Rat gefragt, aber nichts über solchen Fall gefunden; sie hatten aus der Tiefe ihrer Herzen geseufzt, und eine ungeduldige Seele hatte so laut gefragt, daß man die Frage in seinen Augen lesen konnte: Schläft Allah droben?

Als das Automobil schließlich verschwunden war und seinen giftigen Atem auf Tischen und Waren hinterlassen hatte, kam ein ungeheures Lastkamel langsam auf sie zugeschwankt. Es wackelte mit seinem mächtigen Kopf und witterte mit seinen empfindsamen Lippen den Benzingeruch. Oben zwischen den Warenballen saß hochaufgerichtet ein schwarzäugiger Kameltreiber.

Schehanna blieb stehen und faßte Abbas am Arm. Ihre Lippen waren weiß und ihre Augen blickten starr, als sähe sie ein Gespenst; sie schwankte, und Abbas wußte keinen besseren Rat, als seinen Herrn zu rufen.

Ralph drehte sich um und folgte der Richtung ihres Blicks. Ein großer, weißgekleideter Afghane kam mit langen, würdigen Schritten auf sie zu. Seine schläfrigen, gelben Augen streiften die Fremden mit vornehmer Zurückhaltung, plötzlich aber veränderte sich der Ausdruck seines Gesichts; er riß die Augen auf und kniff sie dann wieder zusammen, indem er hochaufgerichtet vorbeischritt.

Helen sah das Entsetzen in Schehannas Blick, als sie dem Riesen mit dem Turban auswich. Im selben Augenblick begriff sie alles und flüsterte Ralph zu, daß es gewiß der Pferdehändler sei, der Schehanna geraubt habe – schaukelte dort hinten nicht das mächtige Kamel? Sie hatte ein Gefühl, als ob sie selbst auf Kamelrücken durch diese gewölbte Gefängnisstraße ihrem Schicksal zugetragen würde.

Ralph musterte die Gestalt des Afghanen und sah sich nach Polizei um, keiner von den mausgrauen Ehrenmännern aber war weit und breit zu sehen. Da faßte er den Führer am Arm und erklärte ihm mit wenigen Worten, was dieser Mann sich hatte zuschulden kommen lassen.

Der Führer sah ihn erstaunt an; erst als Ralph Miene machte, dem Afghanen zu folgen, begriff er, daß Gefahr im Anzuge sei.

Er packte Ralph entsetzt am Arm und bat ihn inständig, nichts zu unternehmen; alle im Basar würden zum Pferdehändler halten, und Ralphs Leben würde bedroht sein.

In der Bude hinter ihnen war die Neugierde bereits geweckt worden. Der Kameltreiber schien etwas gemerkt zu haben, denn er beugte sich herab und flüsterte seinem Herrn einige Worte zu. Der Afghane blieb stehen und beobachtete von der Seite, was hinter ihm vorging.

Ralph war nicht in der Stimmung, nachzugeben; er hatte den Revolver bereits in der Hand. Da begriff Schehanna, was er vorhatte, sie faßte mit beiden Händen nach seinem Handgelenk und hielt ihn zurück, die Augen dunkel und wild vor Angst.

Abbas blickte verständnislos vom einen zum anderen; da befahl Ralph ihm kurz, dem Kamel von weitem zu folgen, um zu erfahren, wohin es gehe; wenn er keinen Bescheid brächte, brauchte er überhaupt nicht zurückzukehren.

Darauf forderte er Schehanna auf, ihm den Laden des Seidenhändlers zu zeigen. Nach einigem Suchen fand sie ihn. Sie gingen hinein und betrachteten die Waren; sie wurden über den Hof geführt, wo der Afghane Schehannas Schicksal entschieden, zu dem Raum, wo man sie gefangen gehalten hatte und die kostbarsten Teppiche aufgestapelt lagen.

Ralph blickte den Seidenhändler scharf an und fragte ihn, ob er nicht noch teurere Waren zu verkaufen habe. Der Kaufmann lächelte und machte eine bedauernde Handbewegung. Ralph konnte nicht daraus klug werden, ob er seine Frage verstanden habe oder nicht.

 

Als Ralph und seine Gesellschaft durch die große kreuzförmige Halle des Hotels gingen, in die alle Zimmer mündeten, saß der Wirt auf einem breiten Diwan und sprach mit einem europäisch gekleideten Herrn.

Spärliches Licht fiel von oben auf die farbigen Teppiche und die Wände, die in buntem Durcheinander mit alten Waffen, Reklameplakaten, Fahrplänen und Photographien von türkischen Größen behängt waren.

Sowohl der Wirt wie der Gast erhoben sich und grüßten, als sie vorbeigingen.

»Guten Abend, Herr Cunning!« sagte eine bekannte Stimme.

Ralph blickte auf und schüttelte die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde. Es war Gamâl-ed-dîn. Auch Helen drückte dem ehemaligen Scheik die Hand.

Als sie zu Tisch gegangen waren, sagte Ralph:

»Ich habe heute bereits einen Schimmer von Ihnen in der großen Moschee gesehen. Sie trugen Ihre Scheikuniform und erweckten großes Aufsehen.«

»Das bin ich nicht gewesen,« antwortete Gamâl und schenkte sich ein Glas Rotwein ein, »Sie wissen doch, daß ich inkognito reise.«

Hatte er sich wirklich geirrt? – Ralph begegnete Gamâls Blick, indem dieser sein Glas leerte; es war nichts Verborgenes in dem festen, braunen Blick zu lesen.

»Es war große Aufregung zwischen den Gläubigen. Der Führer sagte, daß Mahdi-Gerüchte im Umlauf seien.«

»Ja, ein Kollege aus Kairo soll hier sein, der für eine neue religiöse Bewegung gegen die Engländer wirbt. – Sie werden darum begreifen, daß ich augenblicklich besonderen Grund habe, mein Inkognito zu bewahren.« Letzteres sagte er mit leiser Stimme und ließ seinen Blick um den Tisch schweifen, wo außer Ralph und seiner Gesellschaft nur einige lautredende französische Handelsreisende saßen, und ein alter schottischer Geistlicher, der durch Syrien reiste, um Momentaufnahmen von heiligen Orten zu machen.

Helen erzählte von dem Derwisch, den sie in der Moschee gesehen hatte.

»Das war ein Fakir vom Naqshbandiyah-Orden,« sagte Gamâl.

Helen wollte gern Näheres über den Glauben derselben erfahren und Gamâl erzählte bereitwillig:

»Wir nennen sie Sufies. Vieles von ihrer Lehre haben sie den Hindus entliehen. Sie selbst meinen, daß sie vor Mohammed, ja, vom Anfang aller Zeiten an existiert haben. Die Welt ist nur ein Blendwerk, sagen sie. Alles verlangen und aller Schmerz kommen aus dem eigenen Selbst, dem man darum entfliehen muß. Für den, dem es gelungen ist, sich von seinem Selbst zu befreien, gibt es weder Gutes noch Böses; er kann handeln, wie er will, denn Gott handelt durch ihn. Durch Seelenwanderung wird das Selbst zur Vereinigung mit Gott gereinigt; nur durch Gottes Gnade kann das geschehen, die Gnade aber wird durch Leben und Gebete erworben. Sie besitzen Mittel, sich in Ekstase zu bringen, und glauben dann, daß Gott durch sie spricht, ja, manche reden sich sogar ein, daß sie Gott selbst werden.«

»Was sind das für Mittel?« fragte Ralph.

»Gebete, Hersagen aus dem Koran, Tänze, haben Sie nicht von den heulenden und tanzenden Derwischen gehört? – Einige gebrauchen auch Opium oder Hachiis. Der, den Sie gesehen haben, gehört einem Orden an, der still betet, mit der Zunge des Herzens, was man Zikr Khafi nennt.«

Helen konnte den hingerissenen Ausdruck im Gesicht des Betenden nicht vergessen und wollte mehr wissen.

Gamâl betrachtete sie mit seinem nachsichtigen Lächeln und sagte:

»Wie soll ich Ihnen erklären, was nicht mit Worten gesagt werden kann. – Aber wenn Sie sich so sehr dafür interessieren, kann ich Sie irgendwo hinführen, wo Sie selbst sehen und urteilen können.«

Helen dankte mit lebhaftem Interesse und bat ihn, gleich Tag und Stunde zu bestimmen.

Gamâl überlegte, während er von Helen zu Ralph sah. Dann zog er seine Uhr, eine große Golduhr mit doppeltem Deckel, auf die er sehr stolz war, und sagte:

»Heute, Donnerstag abend, um zehn Uhr, hält der Chishtiya-Orden seine wöchentliche Andacht ab. Der Takyab liegt hier ganz in der Nähe, wenn Sie nicht zu müde sind, werde ich Sie nach dem Essen dorthin führen.«

 

Sie gingen über einen öden Marktplatz, der in Mondlicht gebadet lag.

Der Schatten einer Platanengruppe lag wie ein geflecktes Tigerfell auf der weißen Erde. Drüben wurde gerade ein elektrisches Licht auf einem hohen Ständer gelöscht. Einige Hunde sandten mit regelmäßigen Zwischenräumen ihr langgezogenes Geheul in die Nacht hinaus. Sonst war alles still.

Gamâl führte sie durch eine enge Straße ohne Fußsteig.

Helen stieß einen leisen Schrei aus. Ihr Fuß war gegen etwas Weiches gestoßen, das mit einem Grunzen zur Seite sprang. Es war einer von den herrenlosen Straßenhunden, der sich mit dem Kopf auf einen Kehrichthaufen zum Schlafen gelegt hatte; sein gelbes Fell war im Mondlicht nicht vom Erdboden zu unterscheiden gewesen.

Gamâl blieb stehen. Durch eine Türöffnung sahen sie am Ende eines Ganges eine erleuchtete Glastür, hinter der sich viele Menschen bewegten.

Als sie gerade in das Haus eintreten wollten, kam ein Mensch in vollem Lauf auf sie zu.

Es war Abbas, der so außer Atem war, daß er nicht gleich sprechen konnte.

»Na?« fragte Ralph ungeduldig.

»Ich folgte dem Kamel bis zu einem großen Marktplatz, weit, weit fort« – er zeigte in die Ferne – »wo es von Kamelen und Treibern und Beduinen wimmelte. Sie umdrängten den Afghanen und sprachen eifrig miteinander, ich konnte nur Allah und Mahdi verstehen. Aber Sie hatten mir ja auch nicht befohlen, dem Afghanen, sondern nur dem Kamel zu folgen,« fügte er hinzu und sah mit einer unschuldig pfiffigen Miene zu Ralph auf. »Ich stand so dicht neben dem Kamel, daß ich es mit meiner Hand berühren konnte. Es kniete nieder, die Warenballen wurden abgeladen und unter ein ungeheures Segeltuch getragen, wo viele andere waren lagen. Dann führte man das Kamel zu einem großen flachen Brunnen, um es zu tränken, als es getrunken hatte, ging es von selbst unter ein Strohdach und legte sich in einen Stand zwischen vielen anderen Kamelen. Als der Treiber kam, um ihm Futter zu geben, entdeckte er mich und fragte, was ich wolle. Im selben Augenblick kam auch sein Herr, der Afghane. Da ich keinen Grund angeben konnte, griff der Treiber nach mir; ich aber riß mich los und lief über den Platz, so schnell ich konnte. Man schrie und versuchte mir den Weg zu versperren, ich aber drückte mich im Schatten entlang, erreichte eine Straße und bin ohne Unterbrechung hierher gelaufen.«

Ralph berichtete Gamâl, um was es sich handelte.

Der Scheik hörte aufmerksam zu, lächelte jedesmal nachsichtig, wenn Ralph Schehannas Namen nannte, und riet ihm, die Sache nicht weiter zu verfolgen.

»Gibt es hier denn kein Gesetz, das Frauenraub und -handel verbietet?«

»Das wohl, aber der Raub ist nicht hier begangen worden. Und der Handel – wie wollen Sie den beweisen?«

»Schehannas eigenes Zeugnis.«

»Wenn das etwas wert wäre, würde sie schon jetzt verschwunden sein.«

Er betrachtete Ralph mit seinem scharfen, überlegenen Blick, und fügte ernst hinzu:

»Wenn Sie das Leben Ihres Schützlings nicht aufs Spiel setzen wollen, dann lassen Sie die Sache auf sich beruhen.«

Ralph überlegte einen Augenblick.

»Ich werde warten, bis wir nach Bombay kommen, wo das Verbrechen begangen worden ist.«

Ohne etwas zu erwidern, ging Gamâl durch den Gang, von den anderen gefolgt.

Er öffnete die Glastür und ließ die anderen eintreten; sie befanden sich in einem gewölbten Raum; geradevor war ein großer Wandbogen, der zu einem Hof führte, wo ein dünner Springbrunnenstrahl im Mondlicht glitzerte. Längs der Wände waren die niedrigen Diwane dicht mit Kaffeegästen besetzt, die die Beine unter sich gekreuzt hatten. Einige rauchten Tschibuk, andere Wasserpfeifen. Sie saßen paarweise beisammen und spielten Schach oder Domino, während sie an den Kaffeetassen nippten, die nicht größer als Eierschalen waren.

Einige junge Leute waren unaufhörlich damit beschäftigt, Kaffee zu bringen und Pfeifen zu reinigen; sie kratzten die Asche aus, stopften neuen Tabak hinein, taten Glut von einem Feuerbecken, das sie bei sich hatten, in den Pfeifenkopf und setzten frische Bernsteinmundstücke auf die Pfeifenschlange. Obgleich fast alle Sitzplätze besetzt waren, herrschte kein Lärm, keine Unruhe.

Sie erweckten scheinbar gar kein Aufsehen zwischen den Gästen. Die Augen waren mehr auf Gamâl als auf seine Gesellschaft gerichtet, und es schien Ralph, als ob stumme Grüße mit den Augen zwischen ihm und mehreren der Aelteren ausgewechselt würden.

Es war Helen peinlich, das einzige weibliche Wesen zwischen all diesen Orientalen zu sein, die, wie sie fand, eine so niedrige und unwürdige Auffassung von ihrem Geschlecht hatten; aber zu ihrer Verwunderung richtete nicht einer den Blick auf sie; begegnete sie zufällig einem schwermütigen, dunklen Augenpaare, so senkte sich der Blick gleich, als ob die Männer eine Schamhaftigkeit zu hüten hätten, und nicht sie.

Auf den Fliesen unter dem Wandbogen saßen zwischen Café und Hof zwei Musikanten in langen, dunklen Schlafröcken und spitzen Wollmützen; der eine hielt eine Tar, die dreisaitige persische Gitarre, in seinem Schoß, der andere eine Zambr, die arabische Oboe.

Als Gamâl an ihnen vorbei in den Hof gehen wollte, klatschte der Mann mit der Gitarre in die Hände, und ein junges Weib kam unter den dunklen Apfelsinenbäumen hervor, die um das Springbrunnenbassin standen. Sie trug einen grünen Rock um die nackten Hüften, eine weiße, hängende Musselinjacke um den Oberkörper, und darüber einen roten Seidenbolero. Ueber dem Haar lag eine kleine goldgestickte Haube.

Die Oboe kreischte und die Gitarre klimperte, während sie zu tanzen begann.

Es war ein mimischer Tanz, der die Flucht vor einer Biene vorstellen sollte. Sie schützte ihr Gesicht mit den Händen, während sie ihren schlanken Oberkörper über den geschmeidigen Hüften hin und her drehte. Ihr Ausdruck wechselte zwischen Furcht und Zorn, während sie die Biene mit dem Kopf zu verscheuchen versuchte. Sie griff sich mit den Händen an den Hals, der unterm Musselin wogte; sie schützte ihren Unterleib, der nackt, mit einem Muster von roten Blumen, unterm Rockrand leuchtete. Sie zitterte am ganzen Körper, als sie meinte, daß die Biene unter den Bolero geraten sei. Mit einem behenden Griff riß sie ihn von sich und schwang sich in wilder Angst, mit wogender Brust und bebendem Unterleib. Die Biene war jetzt unterm Musselin; bald saß sie auf ihrem Rücken, bald kitzelte sie sie in der Armhöhle. Die Bewegungen waren so ausdrucksvoll, daß man nie im Zweifel war, wo sie sich gerade im Augenblick befand. Der Tanz wurde wilder und wilder; plötzlich aber hielt sie inne und stand augenscheinlich unbeweglich da, tatsächlich aber zitterte sie von oben bis unten wie ein Harfenstrang; die Brauen zitterten, Lippen, Hals, Brust und Unterleib. Diese zitternde Unruhe, die für den Orientalen so viel Reiz hat, rief Bewegung im Saal hervor. Die Spieler ließen die Bricken los und vergaßen zu rauchen. Man rief ihr zu, ein seltsam dumpfer, fast schwermütiger Beifall, der sich den halbgeöffneten Lippen entrang, während die Augen groß und blank wurden.

Da fuhr sie mit einem Satz in die Höhe. Ein furchtbarer Schmerz zeichnete sich auf ihrem Gesicht: die Biene hatte sie gestochen. Indem sie sich im Kreise drehte, entledigte sie sich der Musselinbluse und stand mit nacktem Oberkörper da, den grünen Rock von den Hüften gestreift. Die Brust wurde von einer schmalen Silberkette gehalten, die über Schultern und Rücken lief. Schließlich fing sie die unsichtbare Biene unter ihrem Arm und hielt sie zwischen zwei Fingern, trotz des Schmerzes triumphierend.

Die Musik verstummte. Sie beugte sich herab, um ihre Kleider aufzuraffen, und verschwand unter den Bäumen, woher sie gekommen war, während der Beifall losbrach.

»Das war der persische Bienentanz,« sagte Gamâl, »eine uralte Nummer, die in allen mohammedanischen Ländern getanzt wird.«

Er ging voran, am Springbrunnen vorbei, quer über den Hof, und öffnete eine Tür. Sie kamen in einen engen Gang zwischen hohen Mauern, deren höchster Teil vom Mondlicht beschienen war.

Helen hob ihren Kopf zu den Sternen empor; zwischen diesen hohen Mauern eingeklemmt, fühlte sie sich von ihrer Vergangenheit losgelöst und wie ein Blatt auf den Grund eines Brunnens gewirbelt. Nur die Sterne ließen sie nicht im Stich; sie funkelten in die Tiefe ihres Herzens und blinzelten mit einem verborgenen Lächeln, als ob sie alles wüßten, was sie suchte, und sie auf ihrem Wege in das neblige Ungewisse mit einem ermunternden »gib Zeit« trösten wollten. Als sie den Blick wieder von den tausend stummen Zungen abwandte, sah sie Ralphs Rücken gerade vor sich; er drehte sich im selben Augenblick zu ihr um, und ihre Blicke begegneten sich.

Seine hellen Augen erschienen dunkel hier im Mondlicht; es war eine tiefe Aufmerksamkeit in ihnen, die sein Gesicht streng machte; sie hatte in ihrem Herzen eine Empfindung, als sammele er sich zu einer Frage, auf die sie Antwort geben sollte.

Sie wußte selbst nicht, warum sie ihre Hand auf seine Schulter legte, als sie diese aber fest und stark unter ihrer Hand spürte, schoß das Blut ihr in die Wangen; sie machte eine Bewegung, als ob sie stolperte, und sagte:

»Entschuldigen Sie, ich wäre beinah gefallen.«

Er blieb stehen und streckte seine Hand aus, um sie zu stützen; sie aber nahm sie nicht.

Da rief Gamâl sie, der das Ende des langen Ganges erreicht hatte.

* * *

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