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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Sie kamen zum Eingang der Ruine. Die Torwache schüttelte den Kopf und deutete auf die Sonne; es war Zeit zum Schließen. Ralph aber gab ein Trinkgeld, das das übliche so weit überstieg, daß der Torwächter sich mit einem Schwall von blühenden Reden zur Erde neigte, Sand aufnahm, Stirn und Brust als Zeichen der Unterwürfigkeit damit benetzte und ihnen folgte.

Währenddessen begann der Führer mit seiner auswendig gelernten Rede und rappelte die Geschichte von Jahrtausenden in fünf Minuten herunter.

Die Stadt war Herr über das Tal und die Stadt der Quellen. Zwei Flüsse rannen aus ihrem Schoß. Es war Baals und Molochs Stadt. Hier hatten Baals Priester das goldene Kalb angebetet. Baal war der Sonnengott, in dieser Stadt hatte der Altar gestanden, worauf Menschen geopfert wurden. Alexander kam und siegte und gab der Stadt den Namen Heliopolis, nach dem Sonnengott der Griechen.

Als Rom die Welt eroberte, wurde das Land eine römische Provinz und Antonius baute schöne Tempel über den tausendjährigen Altären, einen für Zeus und einen für Helios; für Venus errichtete er einen Rundtempel, dort wo Baals Gattin Astarte ehemals von vornehmen Jungfrauen der Stadt verehrt worden war, die ihre Keuschheit der Göttin zum Opfer brachten.

Sie wanderten durch Gänge von verfallenen Säulen, an herabgestürzten Architraven mit wunderbaren Reliefskulpturen vorbei, die einstmals in der Sonne über den Säulen gestrahlt hatten. Sie durchschritten die Ehrenpforte der sechs Säulen und genossen den Blick übers Tal zu den Bergen hinüber. Die Sonne war im Begriff unterzugehen, und am gegenüberliegenden Horizont stand bereits die bleiche Halbkugel des Mondes auf dem hellen Himmelsgrund.

Indem sie die hohen Stufen vom Tempelfundament herabstiegen, sagte der Führer:

»Nehmen Sie sich in acht, gnädige Frau, zwischen den Steinen im Gras sind Schlangen.«

Helen schürzte ihr Kleid auf und sprang von Stein zu Stein, um nicht ins Gras zu treten. Ralph faßte seinen Stock fester und hielt scharf Ausguck, um nötigenfalls einer Schlange den Kopf zu zerschmettern.

Sie kamen zu einer Tempelhalle, deren Mauern in ihrer ganzen ursprünglichen Höhe dastanden, nur waren sie ihres Marmorschmuckes beraubt. Leere Nischen mit runden, dunkelschattigen Bögen gähnten ihnen entgegen. Ueber ihnen war der offene Himmel, auf dem die größten Sterne bereits hinter dem dunklen Purpurschleier, den der Sonnenuntergang über das Firmament gebreitet hatte, entzündet waren.

Von der wunderbaren Feierlichkeit ergriffen, die die zunehmende Nacht über die Ruinen herabsenkte, standen sie schweigend da und lauschten der Stille. Selbst der Führer rührte sich nicht. Ob auch er ergriffen war? – Oder wußte er aus Erfahrung, daß dieselbe Stimmung Europäer zu dieser Stunde und an diesem Ort zu ergreifen pflegte? Nur Abbas war unruhig; seit dem Erlebnis mit dem Alten hatte er nichts gesagt, und sein herumflackernder Blick verriet seine Angst. Er spähte von Mauer zu Mauer und betrachtete die dunklen Schatten zwischen den Säulentorsos mißtrauisch, als erwarte er jeden Augenblick den Alten dahinter hervortreten zu sehen, um von neuem Rechenschaft von ihm zu fordern.

Als sie aus der Tempelhalle kamen und durch den Vorhof gingen, die Augen aus Furcht vor Schlangen aufmerksam vor sich aufs Gras gerichtet, leierte der Führer den zweiten Teil seiner auswendig gelernten Rede her.

Hier wurden in der Kaiserzeit Münzen geprägt. Dort, in jener viereckigen Marmorrinne lief das Wasser, worin die Priester sich vorm Opferdienst wuschen. Er deutete auf die äußere Mauer und zeigte, wie Schießscharten in das Fundament eingebaut waren, so daß das Ganze eine gewaltige Festungsmauer bildete. Das war das Werk der Araber; sie hatten die Christen abgelöst, die in der byzantinischen Kaiserzeit das Erbe des heidnischen Rom angetreten und die Tempel zu Kirchen gemacht hatten. Dort, wo zuerst Baal angebetet worden war und nach ihm Zeus, hatte auch der Gott der Christen geherrscht, bis Mohammeds Halbmond über den Bergen emporstieg. Der Rundtempel wurde der heiligen Barbara geweiht; an der Stelle, wo Astartes Jungfrauen getanzt, wo später Venus mit ihrem kalten Marmorlächeln ihren Getreuen zugelächelt hatte, stieg der Rauch um das Bild der heiligen Barbara auf und wallte zu den Jungfrauen der Stadt hinaus; jetzt schritten sie nicht mehr stolz mit Blumen im Arm durch den Tempel; jetzt knieten sie betend mit niedergeschlagenen Augen und lauschten wehmütigen Chorälen, wo ihre Mütter in längst entschwundenen Zeiten zum Klang der Flöten und Zimbeln getanzt hatten.

Der Boden unter ihnen klang hohl; dort waren die unterirdischen Räume, die die Römer zuerst als Kasematten, die Araber später als düstere Gefängnisse benutzt hatten.

Die letzten, die an diesem erinnerungsreichen Orte geherrscht hatten, waren die Emire der Drusen. Als Hakim, der verrückte Kalif, wie die Araber ihn nannten, von der Hand seiner Schwester in Kairo gefallen war, nachdem er die neue Lehre gegründet hatte, flohen seine 187 Getreuen nach Syrien, von dem Propheten Hamza geführt, der ihnen ein Reich im Tale des Libanon errichtete; dort schrieb er seine heiligen Bücher und gewann die Drusen, deren Stamm dieses Tal und die Berge seit undenkbaren Zeiten bewohnt hatten, für Hakims, Al Kaims Lehre, die ihm von Gott offenbart worden war.

Helen empfand, daß der Ort, auf dem sie stand, von der Anbetung Tausender geheiligt war. Zeiten wechselten und der Gott mit ihnen, er verbarg sein wahres Gesicht vor den Menschen. Die wenigen, die seine Stimme durch die Stille vernahmen, bald von einem kahlen Felsenkamm herab, bald aus einem brennenden Busch, deuteten ihn jeder auf seine Weise. Sie bildeten Gemeinden, die einander verfolgten und bekriegten. Und Gott verhüllte sein Angesicht; seine Stimme klang nicht mehr durch die Stille, wie laut sie ihn auch von ihren Altären riefen.

Ja, Gott verbarg sich vor den Menschen. Nicht mit Worten und nicht durch Bilder führte ein Weg zu ihm; und dennoch flüsterte seine Stimme aus jedem klopfenden Herzen, aus jeder lebenden Zelle, ja, lag er nicht unter diesem toten Gestein verborgen?

Doch offenbart er sich von neuem, wenn die Zeit gekommen ist.

Wird es in der Stille geschehen, wie ein Geisterhauch von oben, der in der Orgel eines auserwählten Herzens Widerhall findet, bis er wie ein Lobgesang über der Erde schwillt? – Oder wird er wie ein Sturm kommen, der die großen und kleinen Bäume niedermäht und Geschlechter dem Erdboden gleichmacht, auf daß neue aus dem Tod der alten sprießen können?

Offenbare uns den Zusammenhang, Du, der Du Dich vor den Menschen verbirgst, bat sie im stillen, zeige uns die Gerechtigkeit der neuen Zeit, unserer Zeit, damit wir nicht im Blinden tasten, ohne Glauben und ohne Hoffnung!

Der Mond hatte inzwischen seinen vollen Glanz bekommen, er stand dicht über den sechs Säulen und warf ihren Schatten auf die weißen Steine im Vorhof des Tempels.

Der Führer mahnte zur Rückkehr, Ralph aber fragte ihn, ob sie alles gesehen hätten; und als er von den Granitblöcken hörte, die in das Fundament eingemauert waren, in einer Höhe von acht Metern über dem Erdboden – Blöcke, die so groß waren, daß moderne Ingenieure vergeblich darüber gegrübelt haben, wie man sie mit den Gerätschaften damaliger Zeiten das weite Wegstück von den Steinbrüchen hierhergeschafft hatte, – wollte er die Ruine nicht verlassen, ohne sie gesehen zu haben; sie interessierten ihn als Fachmann.

»Zeigen Sie sie mir,« sagte er zum Führer.

»Das Mondlicht trügt,« sagte der Führer, »wenn man das Herumklettern zwischen den Steinen nicht gewöhnt ist, kann man leicht fallen und den Hals brechen; hier gibt's viele Löcher zu den tiefen Kasematten.«

»Die haben wir ja auch noch nicht gesehen. Kann man dort nicht hinunterkommen?«

»Ja – jetzt aber nicht mehr.«

»Haben sie Furcht?« Ralph griff in die Tasche nach Geld.

»Nicht meinetwegen; aber ich trage die Verantwortung und darf Sie keiner Lebensgefahr aussetzen. Wenn etwas geschähe, würde ich um meine Stellung kommen; um so mehr, als ja schon lange geschlossen sein müßte. Hab ich nicht recht?« wandte er sich an den Torwächter, der sich tief vor Ralph verbeugte, eine Armbewegung machte und sagte:

»Herr, das dürfen Sie nicht von uns verlangen.«

Ralph blickte über die Sterne zum Mondschein hinaus und überlegte einen Augenblick.

»Was kann uns denn geschehen?«

»Erstens sind da die Schlangen, die weder Sie noch ich sehen können; in den Kasematten ist es stockdunkel, und wir haben keine Laterne.«

Er blickte umher, als ob er lauschte und fügte mit gedämpfter Stimme hinzu:

»Außerdem ist Donnerstag abend.«

»Und was dann –?«

»Dann versammeln sich die Ukkal der Drusen kurz nach Sonnenuntergang und halten Sitzung. Niemand darf wissen, wo sie ihre Zusammenkünfte abhalten, keiner darf sie sehen; man sagt in der Stadt, daß sich ein Chalva zwischen den Ruinen befindet. Hab ich nicht recht, Kasim?«

Wieder verbeugte der Torwächter sich vor Ralph und machte eine bekräftigende Armbewegung.

»Was ist ein Chalva?«

»Das ist ein hochgelegener Platz, ohne Baum oder Haus, wo das Kalb unter offenem Himmel angebetet wird.« Er wandte sich an Abbas, der unruhig nach allen Zeiten spähte. »Du mußt es ja wissen, bist ja selbst im Aquil gewesen.«

Abbas wagte nichts zu sagen; die Begegnung mit dem Alten hatte ihm ein Schloß vor den Mund gelegt.

»Ein Kalb?« fragte Helen erstaunt, »wie ist es möglich, daß ein Kalb heimlich zur Nachtzeit hier heraufgeführt wird?«

Der Führer lachte und sagte:

»Das Kalb ist nicht größer als meine Hand; es ist nicht lebendig, sondern aus Gold. Imamen, der Priester, führt es in seiner Tasche bei sich.«

Ralph sah vom Führer zum Torwächter, von Helen zu Abbas, alle waren von der Unheimlichkeit des Ortes berührt.

»Gut,« sagte Ralph und fügte sich in das Unabänderliche – »aber zeigen Sie mir wenigstens den großen Steinblock.«

Helen fühlte sich abgespannt, der starke Eindruck vorhin hatte sie erschöpft.

»Ich warte hier mit Abbas!« sagte sie und setzte sich auf eine umgestürzte Säule, während Ralph mit dem Führer durchs Mondlicht ging.

Während sie warteten, machte der Torwächter sich nützlich.

»Hier ist ein Altar!« sagte er und zeigte auf ein niedriges Steinviereck, worauf Worte mit römischen Buchstaben eingehauen waren.

»Was steht darauf?«

»Der Altar für den unbekannten Gott.«

Helen fühlte sich seltsam ergriffen. Es war, als ob eine längst entschwundene Zeit ihren Gedanken in der feierlichen Mondnacht gelauscht hätte. Es war, als strahle ein ironisches Lächeln von der rätselhaften Inschrift aus: So beteten wir damals, als unsere Götter alt geworden waren und wir nicht mehr wußten, wo wir den neuen suchen sollten, wie steht es mit euch? – Habt ihr es weiter gebracht?

»Es ist gut, Gottes heimlichen Namen zu kennen, damit man sich zur Nachtzeit an öden Orten gegen Jinns und Shaitas wehren kann,« sagte der Torwächter und sah sich vorsichtig um. »Ich glaube, daß dieser Altar zur Hilfe gegen die Dämonen errichtet wurde. Der, der ihn errichtet hat, kannte Gottes heimlichen Namen, hat ihn aber nicht verraten wollen.«

Er trat dicht an den Stein heran, als ob die Inschrift ihn schützen könnte.

»Sehen Sie dort!« flüsterte Abbas im selben Augenblick. Seine Züge bebten vor Angst, und er machte eine Bewegung, als ob er sich hinter Helen verstecken wolle.

Ganz in der Nähe sahen sie mehrere dunkle Gestalten im Mondlicht zwischen den Steinen klettern; sie hielten nach jedem Schritt inne und blickten sich spähend um.

Abbas packte Helen am Arm und bat sie, sich nicht zu rühren.

»Es sind Ukkal!« flüsterte er, »ich kann sie an der Kopfbedeckung erkennen.«

Einer von den Männern hatte inzwischen die höchste Stufe erreicht und stand frei im Mondlicht zwischen den Säulen. Er stand dort wie eine Statue, den Blick auf die weite Ebene gerichtet. Ein zweiter erschien neben ihm; sie traten neben das Fundament und blickten nach der anderen aus. Sie winkten ihnen mit den Armen, und kurz darauf tauchte ein Kopf nach dem anderen über dem Rand des Fundamentes auf; die Männer schwangen sich mit den Händen herauf und setzten sich zwischen den Säulen in die Hucke.

In diesem Augenblick erklang Ralphs Stimme aus der Tempelhalle, ihr Laut wurde von den Säulen gegen die Mauer zurückgeworfen.

Da sah Helen, wie die Männer aufsprangen, und nach einem Augenblick war der Platz leer.

Man hörte Steine rollen, dann war alles still.

Da tauchte Ralph im Mondlicht auf, vom Führer gefolgt. Helen sah, wie er stehenblieb und wie ein Jäger auf dem Anstand lauschte, wieder erklang das leise Rollen von Steinen. Ralph folgte der Richtung des Geräusches, Helen sah ihn zwischen den Steinen klettern. Als er auf das Fundament hinaufgelangt war, drehte er sich um und winkte zu ihr hinunter. Sie begriff, daß er die fliehenden Männer gesehen hatte und sie darauf aufmerksam machen wollte.

Als sie Miene machte, ihm zu folgen, faßte Abbas sie am Arm und bat mit angstbebender Stimme:

»Nicht dorthin, nicht dorthin!«

Da ertönte dicht neben ihnen ein Laut. Es klang, als seien es schleppende Schritte in den Kasematten unter ihnen.

Abbas fuhr zusammen und drehte sich um.

Hinter dem Altar des unbekannten Gottes erhob sich eine Gestalt im Mondschein. Ein mächtiger Kopf auf gewaltigen Schultern und lange plumpe Arme. Es war der Bucklige.

Er hielt seinen Blick auf die Säulen gerichtet, wo Ralph noch stand und den Drusen nachblickte. Der Alte duckte sich im Mondlicht und schlich vorsichtig, als ob er den Friedenstörer aus dem Hinterhalt angreifen wollte, auf das Fundament zu.

»Achtung!« rief Helen, um Ralph zu warnen.

Da richtete der Bucklige sich zu seiner vollen Höhe im Mondlicht auf und richtete seinen Blick auf sie. Als er aber Abbas entdeckte, der sich vergeblich zu verbergen suchte, hob er drohend die Arme und rief:

»Du hast uns verraten! Du hast unser Chalva preisgegeben! – Ich, der Imam der Imamen, verkünde dir dein Urteil: Deine Mutter soll dich auf ihrem Totenbett verfluchen! Aller Drusen Hände sollen sich gegen dich erheben, bis das Unkraut deines Lebens aus dem Garten der Welt getilgt ist!«

Abbas klammerte sich wie ein Knabe an Helens Kleid.

»Ich hab euch nicht verraten!« jammerte er – der Alte aber hörte ihn nicht. Er riß sich die Kopfbedeckung von seinem langen Haar, das im Mondschein leuchtete, damit Gott seinen Zorn sehen solle.

Ralph sprang vom Stein und eilte auf sie zu, während der Führer sich vorsichtig näherte und in einiger Entfernung stehenblieb.

Als der Alte Ralphs ansichtig wurde, hob er seine Riesenarme drohend über den Kopf, als wolle er die Strafe des Himmels auf ihn herabbeschwören. Dann machte er kehrt und verschwand zwischen den Steinen hinterm Altar. Aus der Tiefe erklangen seine schleppenden Fußtritte.

Ralph erreichte Helen und wollte an ihr vorbei, um dem Alten zu folgen.

»Folgen sie ihm nicht!« bat Abbas und streckte ihm abwehrend die Hände entgegen.

Ralph sah ihn erstaunt an.

»Folgen sie ihm nicht, Herr!« sagte der Führer ernst, »er ist ein Natik; wenn die Drusen sehen, daß wir ihm folgen, kommen wir nicht lebend von hier fort.«

»Er hat sich Imam der Imamen genannt, Herr!« sagte der Torwächter und verbeugte sich tief vor Ralph. »Dann hat er das goldene Kalb in Verwahrung und steht mit allen Jinns und Shaitans der Nacht im Bunde.«

Ralph überlegte einen Augenblick. Er hatte seinen Browningrevolver in der Tasche – wer aber konnte wissen, wie viele Drusen sich in den Schlupfwinkeln zwischen den Ruinen versteckt hielten; vielleicht verbargen sie sich in den Kasematten, und in dem trügerischen Mondlicht konnte man sich schlecht gegen Angriffe aus dem Hinterhalt wehren.

»Gut,« sagte er und gab die Verfolgung auf.

»Herr!« Abbas warf sich Ralph zu Füßen und ergriff seine Hände, »es ist nicht wahr, daß mich mein Vater dem Missionar überlassen hat; ich bin aus meinem Elternhause fortgelaufen und habe mich taufen lassen. Seitdem bin ich nicht wieder bei den Meinen gewesen, mein Vater kennt mich nicht mehr. Jetzt hat Natik mich verflucht und man würde mich töten, weil man glaubt, daß ich ihr Chalva verraten habe,« – er sah sich schaudernd zu den langen Schatten zwischen den Steinen um – »Herr, beschützen Sie mich, nehmen Sie mich in Ihren Dienst und lassen Sie mich bei Ihnen bleiben. Ich will alles tun, was Sie von mir verlangen!«

Ralph sah Helen an. Abbas folgte seinem Blick und richtete seine angstvollen Augen flehend auf sie.

Helen ließ sich rühren und nickte.

»Gut, dann nehmen wir ihn mit!« sagte Ralph, bedeutete Abbas aufzustehen und ging zum Ausgang.

 

Zeitig am Morgen kamen Ralph und Helen mit ihrem Gefolge nach Damaskus. Nach einem hastig eingenommenen Frühstück im Hotel fuhren sie nach der großen Moschee, die einst eine christliche Kirche und Johannes dem Täufer geweiht gewesen war.

Der Führer geriet mit dem Torwächter in Streit, der der Herrschaft durchaus seine Binsenschuhe anziehen wollte, obgleich der Führer vom Hotel welche mitbekommen hatte. Es war eine Streitfrage, die jedesmal ausgefochten wurde, wenn der Führer mit einer Gesellschaft kam, darum aber war sie nicht weniger heftig.

Der alte Mohammedaner zitterte am ganzen Leibe, er kniete nieder und tastete mit steifen Fingern nach Helens Füßen, während seine Augen in ihren Höhlen Funken sprühten und kräftige Koransprüche auf seinen bläulichen Lippen blühten. Einige langaufgeschossene Straßenjungen sorgten dafür, daß das Feuer geschürt wurde. Bettler schleppten ihre Arm- und Beinstümpfe zum Walplatz und benutzten die Gelegenheit, Geschäfte zu machen, während sie zugunsten des Torwächters mitbellten; sie lebten ja von seinem Tor.

Ralph amüsierte sich köstlich. Als er und Helen schließlich glücklich die Segeltuchpantoffeln des Hotels über ihre Stiefel gezogen hatten, warf er dem Alten ein großes Geldstück hin, worauf dieser ihn jetzt ebenso fleißig segnete, wie er ihn vorher verflucht hatte.

Im Torweg saßen zwei Bettlerinnen gegen die Mauer gelehnt, mit hochgezogenen, nackten Beinen; mit dumpfer Stimme, ohne eine Miene in ihren steinernen, erdfarbenen Gesichtern zu verziehen, gaben sie ihre und Allahs Ansicht über die begangene Gemeinheit gegen den biederen alten Torwächter kund, dessen Grabstätte Allah mit einem gnädigen Regen benetzen möge. Ralph bedachte auch sie, und der Schwall ihrer Danksagungen folgte ihm durch die Arkaden.

In dem mächtigen Hofviereck, wo weißer Sonnenschein lag, befanden sich viele Gläubige mit bunten Turbanen und Djubben, die ihnen bis auf die Füße fielen. Einige standen über das große Marmorbassin gebeugt und reinigten sich in dem sonnenglitzernden Wasser zum Gebet, während Moscheetauben ihre schwirrenden Schatten über Gute und Böse warfen. Andere näherten sich der mit Matten verhängten Eingangstür der Moschee, gebeugten Hauptes, die Hände flach auf die Brust gelegt.

Wo zwei Arkaden zusammenstießen, hockte ein Lehrer in der schattigen Ecke und unterrichtete eine Schar Knaben mit blitzenden, schwarzen Augen in schmalen, olivengelben Gesichtern.

Als Ralph und Helen vorbeigingen, drehten die schwarzlockigen Köpfe sich nach dem Märchen Europa um, der Lehrer aber rief sie mit zorniger Stimme zu ihrer väterlichen Kultur zurück.

»Hören Sie, wie er uns verflucht?« sagte Ralph.

»Mir mißfällt das sehr,« sagte Helen und zog wie fröstelnd die Schultern zusammen, »was haben wir hier in ihren Kirchen zu suchen?«

Ralph sah sie an und sagte ernst:

»Was wir suchen? Haben Sie mir das nicht damals auf dem Dampfer im Marmarameer gesagt? Wissen Sie nicht mehr?«

Es war das erstemal, daß Ralph auf das Gespräch jenes Abends zurückkam. Helen blickte vor sich hin und dachte an das, was sie gesagt hatte.

Bereute sie ihr Vertrauen? Was würde er in Zukunft für sie bedeuten? – Sie merkte, daß sein Blick auf ihrer Wange ruhte und zog sich unwillkürlich einen Schritt von ihm zurück.

»Wenn Sie sich Skrupel machen, hätten Sie zu Hause bleiben müssen,« sagte Ralph. »Wer sucht, darf nicht zu feinfühlig sein.« Da Frauen die Moscheehalle nicht betreten durften, wurden Helen und Schehanna unter Abbas' Schutz zurückgelassen.

Als Ralph eintrat, wurde er von dem drückenden Ernst, der über dem halbdunklen, viereckigen Raum unter der düsteren Ecke brütete, ergriffen. Keine Bilder, keine Statuen, keine heiligen Symbole, nichts von alledem, was in christlichen Gotteshäusern das Gemüt unwillkürlich hebt und feierlich stimmt. Nur in einem breiten Gürtel an den Wänden sattes Goldmosaik und dunkle Koransprüche mit meterhohen gestielten Buchstaben, wie ungeheure Kaprifolien. In der Mitte der Längsseite die blinde Betnische, die gen Mekka gerichtet ist, der Koran aufgeschlagen auf dem Pult davor, und in der einen Ecke des Saales ein geschlossener Pavillon, die Kapelle, wo der Kopf Johannes des Täufers aufbewahrt wird.

Auf dem Fußboden lagen Binsenmatten in breiten Streifen, wie Wäsche auf der Bleiche. Zwischen den Mattenreihen schimmerten schmale Stücke des Fußbodens, wo die Gläubigen vorm Gebet ihre Fußbekleidung hinstellten, die sie in der Hand hielten.

Der Raum war voll von Betenden, die mit dem Gesicht zur Nische lagen, wo ein Imam mit grünem Turban knieend die Andacht vorm Koran verrichtete.

Ralph blickte über die Reihen der Betenden, und verglich diese Andachtsstunde mit denen der christlichen Kirche. Der Ernst schien ihm hier größer zu sein, die Innigkeit tiefer in den Herzen zu wurzeln. Da wurde er von demselben Gefühl ergriffen, das sich vorhin Helens bemächtigt hatte, dem Gefühl des verbrecherischen Eindringens in etwas Heiliges. Doch wies er es gleich zurück – was ging dieser fremde Gottesdienst ihn an?

Im selben Augenblick erklang volltönend und düster der Sieges- und Treuruf durch die Reihen: »Allah-il-Allah« – »Gott ist Gott!« Und plötzlich wurde ihm die ursprüngliche Einheit klar, und die tiefe Bedeutungslosigkeit der äußeren Form des Bekenntnisses, alles dessen, was den Namen Religion trägt. Jeder wird durch seinen eigenen Glauben glücklich, dachte er bei sich, und der Nachdruck liegt nicht auf seinen eigenen, sondern auf Glauben.

Ralph schritt durch die Reihen, ohne auf den Führer zu achten, der ihn zurückzuhalten versuchte.

Dieser und jener von den Gläubigen zog die Hände vom Gesicht und sandte ihm einen erbitterten Blick nach. Ein unheilverkündendes Gemurmel ging von Mann zu Mann, als ob Bienen vor einem Korb summen.

Da plötzlich wurde aller Aufmerksamkeit von der entgegengesetzten Richtung angezogen. Am Ende des Saales, in der Nähe des Ausganges, erhoben sich viele Betende und rotteten sich in flüsternder Unterredung zusammen. Worte gingen wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund durch die Reihen. Die Augen, die eben zornig geblickt, verrieten jetzt Neugierde und gespannte Erwartung. Einer nach dem anderen unterbrach das Gebet und schloß sich dem flüsternden Haufen an.

»Was ist denn los?« fragte Ralph den Führer, der ihm vorsichtig gefolgt war.

»Allah weiß es!« antwortete er und zuckte die Achseln.

Ralph näherte sich zwischen Mattenreihen den drohenden Augen, die ihm den Weg versperren wollten. Plötzlich aber setzte der ganze Haufen sich in Bewegung und strömte zum Ausgang, und da sah er, daß ein Mann mit grünem Turban und bunten Streifen längs der Djubbenärmel, der Mittelpunkt war. Als dieser die Türmatte hob, um hinauszugehen, fiel das Licht vom Hof auf sein Gesicht, und Ralph meinte Gamâl-ed-dîn zu erkennen. Er eilte hinter ihm her, indem er sich durch die Menge drängte und mit zusammengekniffenen Augen den vielen bösen Blicken zulächelte. Plötzlich versetzte ein großer Muselmann ihm einen Stoß gegen die Brust, bevor er aber den Schlag zurückgeben konnte, war der Mann draußen und im Gedränge unter der langen Arkade verschwunden.

Der Führer holte Ralph ein. Blaß vor Schreck, faßte er ihn am Arm und bat ihn flehentlich, den Mann nicht zu verfolgen.

»Ein Scheik soll heute aus Kairo gekommen sein mit der Neuigkeit, daß ein Mahdi in Aegypten erstanden ist. Es ist nicht ratsam für Christen, sich heute hier aufzuhalten, stößt Ihnen etwas zu, dann bin ich dafür verantwortlich.«

Er zog Ralph mit sich fort, während die murmelnden Muselmänner wie ein aufgeregter Bienenschwarm in der entgegengesetzten Richtung durch die Arkaden davoneilten. Kaum hatte der Lehrer in der Ecke die mystischen Worte aufgefangen, als er in die Höhe fuhr, und die Knaben mit ihm. Sogar die Bettlerinnen an der Tür sammelten ihre Lumpen zusammen und starrten offenen Mundes der Schar nach, die an ihnen vorbeischwirrte.

Helen kam Ralph entgegen, mit Angst in ihren großen, grauen Augen, während Abbas mit seinen Armen Schehanna schützte, die seit dem Zwischenfall neulich auf der Wagenfahrt seine Auserkorene geworden war.

»Wir müssen eilen, daß wir von hier fortkommen!« sagte Helen, »eben hat uns eine vorbeiziehende Schar gedroht. Einer wollte sich auf uns stürzen, die anderen aber zogen ihn mit sich fort.«

Während sie auf den Ausgang zueilten, wäre Helen fast über einen knochendürren, alternden Mann gestolpert, der neben einer Säule zusammengesunken kauerte; seine Augen waren geschlossen, die Hände lagen flach auf der Brust, große Kieferknochen bewegten sich aufgeregt unter der Haut, während er den Kopf bald von rechts, bald von links zur Brust herabwarf, wobei seine Lippen sich lautlos öffneten. Die Lider über den Augenkugeln zitterten, und Schweiß rann ihm von der Stirn. Obgleich sie dicht an ihm vorbeigingen, veränderte sich kein Zug in seinem Gesicht; er hörte anscheinend weder sie, noch das Summen der Bienen.

Helen blieb stehen und betrachtete ihn ergriffen. In ihrem Gesicht war ein Ausdruck von Bewunderung und Schmerz, den Ralph noch nie an ihr gesehen hatte.

Der Führer sagte:

»Es ist ein Derwisch, der sein Zikr Khafi betet.«

Indem Ralphs Augen Helens Blick streiften, las er darin die Worte:

»Wer solchen Glauben hätte!«

* * *

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