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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Es war ein strahlender Morgen, Frühling an der syrischen Küste! Im Garten des Hotels blühten die Rosen, die Apfelsinenbäume trugen dunkle, goldene Kugeln, und im Schatten der Kronen lagen reife Früchte, die noch niemanden zum Aufsammeln gelockt hatten. Der Himmel war so blau wie ein Saphir, Möwen tummelten sich in der leichten Luft, und am Fuße der lächelnden Stadt lag das Meer und trank Sonne; die glitzernde Fläche blitzte von Millionen Funken.

Ralph und Helen fuhren zeitig aus. Der Portier hatte ihnen einen jungen Führer von drusischer Abstammung verschafft, der in einer englischen Schule erzogen war und jetzt im Dienst des Hotels stand. Es war ein zartgliedriger, schmalschultriger Bursche mit spitzem Kopf und kleinen leuchtenden Augen, deren schlauer Ausdruck mit dem kindlichen Lächeln um seinen Mund im Widerspruch stand. Er hatte einschmeichelnde Handbewegungen und beugte den Kopf artig, wenn er zuhörte. Er saß neben dem Chauffeur und war so durchdrungen von der Aufgabe, sich nützlich zu machen, daß er sich fast die ganze Zeit zum Wagen umdrehte, wo Ralph und Helen auf dem Vordersitz saßen, Schehanna ihnen gegenüber.

Vom Hotel fuhren sie durch eine ansteigende Seitenstraße, von hohen Gartenmauern begrenzt, hinter denen links europäische Villen mit flachen Dächern, rechts ein katholisches Kloster-Internat für junge Mädchen lagen. Zart belaubte Akazien reckten sich über die Mauer, mit ihren dünnen Blattfingern durch die milde Seeluft tastend, als wollten sie so viel wie möglich davon einfangen. Man sah ihnen an, wie wohl sie es sich sein ließen, wie sie in der Sonne lachten.

Dann bog das Auto nach rechts ab und fuhr durch eine breite Landstraße zur Vorstadt. Zu beiden Seiten lagen Gärten hinter Mauern oder Hecken, und in den Gärten lächelten kleine europäische Villen mit Balkons und grünen Fensterläden, von Sauberkeit und Wohlstand strahlend.

Über einem Tor lasen Ralph und Helen »Englische Schule«, über einem anderen »Amerikanisches Asyl für Kinder«. In einem Garten gingen paarweise Mädchen in grauen Kleidern und weißen Kopftüchern, vertraulich plaudernd, während kleine Kinder, alle gleich gekleidet, Ringelreigen tanzten. Es war ein protestantisches Kinderheim. In dem hochgelegenen Hause stand vor einem offenen Fenster ein Mann mit einem großen Bart, und sah auf die strahlende Jugend herab, als sei er der Vater des Ganzen.

»Das ist der Vorsteher,« sagte der Führer mit tiefem Respekt, »er ist auch mein Lehrer gewesen.«

»Sind Sie denn Christ?« fragte Ralph.

»Ja, Herr!« antwortete er und blickte stolz von Ralph zu Helen, als ob er sagen wollte: ja, ja, ich bin viel mehr wert, als ihr geglaubt habt.

»Ich meine, sind Sie geborener Christ?«

»Nein, ich bin bekehrt!« – Er warf den Kopf selbstbewußt in den Nacken. »Ich bin dort oben geboren,« er zeigte auf die Berge, »mein Vater besitzt einen kleinen Garten mit Wein und Gemüse. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang ritt ich auf unserem Esel mit den Waren zur Stadt, um sie auf dem Gemüsemarkt zu verkaufen. Da wurde ein amerikanischer Missionar auf mich aufmerksam. Eines Tages kam er zu meinem Vater und bot ihm an, mich im Asyl aufzunehmen und zu erziehen, was sollte mein Vater tun? Er hatte nicht die Mittel, mich zu Hause zu behalten, wir sind so viele Geschwister, ich kam ins Asyl und wurde Christ. Und jetzt spreche ich englisch so gut wie ein Eingeborener, nicht?« Er neigte seinen Kopf lächelnd Ralph entgegen, der ihm ermunternd zunickte. »Mein Glück ist gemacht, weil ich so viel gelernt habe, jetzt kann ich die ganze Welt zu sehen bekommen.«

Helen betrachtete das selbstbewußte Kindergesicht mit den schlauen Augen und amüsierte sich über den Herrscherausdruck.

Sie kamen zu einem niedrigen, blendend weißen Gebäude, hinter dem ein weißer Turm in die blaue Luft ragte.

»Das ist der Leuchtturm,« sagte der Führer und deutete mit einer großen Armbewegung auf den Horizont, als wollte er alle Herrlichkeiten des Meeres zeigen.

Hinter der Landzunge, die vom Leuchtturm beherrscht wurde, lag von Süden nach Norden das weite, glitzernde Meer. Zwischen dürren Kaktushecken führte ein schmaler weißer Pfad längs der Landzunge zu einem Stück Strand, wo die Brandung schäumte und von nassen Klippen zu beiden Seiten der kleinen Bucht eingefangen wurde. Im Norden hoben sich die weißen Gipfel des Libanon zum Licht empor, alle überragt von dem ehrwürdigen Kopf des Sannin.

Aus dem kleinen freundlichen Haus am Fuß des Turmes, der von einem neuangelegten Garten umgeben war, kam jetzt ein junger Mann mit einem scharfgeschnittenen, glattrasierten Gesicht und bleichen, nervösen Augen.

Ein Landsmann, dachte Ralph.

»Das ist Mr. Wilson,« sagte der Führer, Oberlehrer an der Schule der amerikanischen Gesellschaft.«

Er grüßte ihn ehrerbietig. Die Amerikaner hob seinen gebeugten Nacken und blickte aus tiefen Gedanken vom Führer zu den Insassen des Wagens. Darauf lächelte und nickte er vergnügt; auch er schien bei sich zu denken:

»Leute aus den Staaten.«

Sie ließen wenden und fuhren denselben Weg zurück. Eine elektrische Straßenbahn kam ihnen klingelnd entgegen. Aus einer grünen Gittertür in einem kleinen Seitenweg trat eine Schar junger Mädchen unter der Aufsicht von zwei älteren Damen in Schwarz. Sie hatten sonnenbraune, frische Gesichter mit dunklen, leuchtenden Augen und üppigem Haar, das sich nur widerwillig von einem Knoten im Nacken halten ließ. Sie schwatzten vergnügt und betrachteten die vornehmen Fremden in dem feinen Automobil mit lächelnder Neugierde.

»Das sind Maroniten, Bauernmädchen aus den umliegenden Dörfern. Sie sind alle bekehrt, aber man kann sie nicht viel lehren!« Der Führer zog seine Oberlippe spöttisch in die Höhe.

»Dann können sie die Welt auch nicht zu sehen bekommen, wie Sie?« sagte Ralph mit einem ganz ernsthaften Gesicht.

»Freilich nicht, Herr,« er schüttelte nachsichtig den Kopf.

»Wie viele Missionsschulen gibt's denn eigentlich in dieser Stadt?« fragte Helen interessiert.

»Es gibt viele Bekehrte,« der Führer machte eine große Armbewegung und fügte erklärend hinzu: »denn wir Leute aus den Bergen sind zu arm, um unsere Kinder selbst zu versorgen.«

Sie hatten inzwischen die Landstraße zurückgelegt, die sie kürzlich gefahren waren, und bogen jetzt zum Zentrum der Stadt ein. Es war eine Straße mit Werkstätten in offenen Toren, mit düsteren Läden hinter blinden Mauern, grau von uraltem Schmutz.

Die Arbeit des Tages war bereits in vollem Gange. An einer Stelle ertönte hinter einem dunklen Gitterfenster ein einförmig trauriger Gesang, an einer anderen Hammerschläge und scheltende Stimmen mit vielen Nasallauten. Es war ein Grenzland, durch das sie fuhren; die Häuser gehörten dem Westen, während die Einwohner unter Allahs Schutz standen.

Sie ließen das Auto halten, stiegen aus und gingen zu Fuß weiter. Je tiefer sie in die Stadt hineinkamen, desto größer wurde der Verkehr auf der Straße.

»Sehen Sie nur!« rief Helen aus und legte ihre Hand auf Ralphs Arm.

Es waren Kamele. Mit den langen, gottergebenen Köpfen, hoch über dem Getriebe der Menschen wie Schiffssteven in einer sanften Brise schwankend, kamen sie mit großen, schweren Bündeln auf den Buckeln und an den Seiten daher, das eine nach dem anderen, wie ein Trauergefolge, von einer gemeinsamen Schnur zusammengebunden, die in der Hand eines verschwitzten Nubiers lag.

Ralph und Helen blieben stehen und ließen den ganzen Zug an sich vorbeipassieren.

Zu beiden Seiten der Straße waren Buden neben Buden errichtet. Die Waren lagen auf niedrigen Tischen zur Schau oder hingen von der Decke herab. Da waren Fleischer, Krämer, Stoffhändler; vor den Bäckerläden lagen flache syrische Brote längs der Mauer aufgereiht. Hier trugen die Handelnden europäische Kleidung und Fes; weiterhin aber, wo die Straße so schmal wurde, daß die elektrische Straßenbahn sich Schritt für Schritt durch die lebendige Masse, die sich auf beiden Seiten drängte, durchkämpfen mußte, waren doch Djubbe und Turban vorherrschend, und die Kaufleute saßen mit gekreuzten Beinen da, die Wasserpfeife vor sich, in ihr Schicksal ergeben.

An einer Straßenecke befand sich mitten zwischen syrischen Buden ein europäischer Manufakturladen, vor dessen Fensterauslage ein Herr und zwei Damen standen. Die eine der Damen war klein, eine zierliche Erscheinung in einem knappsitzenden Kostüm, mit einem dunkelroten Hut nach der neuesten Mode. Das Gesicht hatte einen leidenden Ausdruck, mit tiefen Schatten unter den Augen und nervösen Nasenflügeln. Die andere Dame war üppig; ihr Kleid umspannte Brust und Hüften, als hätte es seine liebe Not, all den lebendigen Stoff zusammenzuhalten.

Indem Ralph und Helen vorbeigingen, drehte der Herr sich zu ihnen um; er war mager und engbrüstig. Das graubleiche Gesicht, in dem die Augen dunkelgerändert waren, wie von mangelhaftem Schlaf vieler Nächte, war rotgefleckt. Sein Mantelkragen war an der einen Seite hochgeschlagen, er trug einen beuligen Künstlerhut. Ralph begegnete seinem Blick und erkannte den Levantiner vom Schiff, mit dem flatternden roten Schlips und dem schäbigen Wintermantel.

Abfallprodukte von Europas Kultur, dachte er, die professionellen Dirnen und ihre Beute, die obendrein froh zu sein scheint.

Der Führer bemerkte die Richtung von Ralphs Blick und sagte, stolz auf das mondäne Leben seiner Stadt:

»Das sind die beiden französischen Sängerinnen aus dem Varieté, die jeden Abend volle Häuser machen.«

Der Führer betrachtete die üppige Dame mit unverhohlener Verwunderung und versuchte, so nah wie möglich an sie heranzukommen. Eine Sekunde weilte ihr unkeuscher Blick auf den bewundernden Augen des jungen Mannes. Dann sagte sie etwas zu ihrer Freundin, die sich nach ihm umdrehte, den Kopf in den Nacken warf und ihre rotgemalten Lippen zu einem höhnischen Lachen verzog. Als sie aber im selben Augenblick Ralphs ansichtig wurde, veränderte sich ihr Ausdruck, sie richtete sich auf wie eine Feder, die in die Höhe schnellt, und versuchte mit einem Blick ihrer schwarzen Augen seine Aufmerksamkeit zu erzwingen. Ralph hörte, wie ihre Freundin »Amerikaner« flüsterte, und als er sich kurz darauf umsah, folgten sie ihm alle drei.

In der herrlichen, reinen Frühlingsluft, in der reichen, starken Sonne, die all das bunte Elend, das sich um ihn herum rührte, vergoldete, wirkte das herausfordernde Sichfeilbieten dieser Frauenzimmer wie ein schneidend falscher Ton in einem harmonischen Spiel. Es war wie ein verpesteter Atem in einem duftenden Garten, wie ein Geschmack von etwas Verfaultem. »Die Kultur des Westens,« dachte er bitter, indem er den Eindruck von sich abschüttelte und verstohlen zu Helen hinblickte, die unangefochten weiterging; sie war nicht davon berührt worden.

Die Szenerie wechselte. Indem sie um eine Ecke bogen und durch einen gewölbten Torgang von uralter Konstruktion schritten, kamen sie vom Grenzland in den unverfälschten Orient.

Auch hier war es voll von Buden, die so dicht standen, daß nur eine schmale Passage in der Mitte der Gasse frei war; Wagen aber gab's hier nicht, und auch Kamele hätten sich nicht durchdrängen können. Außer den Menschen sah man hier nur vereinzelte Esel, die mit ihrem Maul in Haufen von grünem Abfall wühlten, und lichtscheue, schmutziggelbe, kurzhaarige Hunde, die zwischen den Buden herumschnüffelten und die Handelnden umkreisten, um sich ungesehen ein wenig elende Nahrung zu erschleichen.

Die Straße war nicht gepflastert; tags zuvor hatte es geregnet, so daß die mit Abfall vermischte Straße hoch aufspritzte. Die niedrigen Häuser waren sehr verfallen, man konnte ihnen ansehen, daß sie nie ausgebessert wurden. Ueber den Buden waren Binsenmatten zum Schutz gegen die Sonne ausgespannt; darunter saß der Kaufmann auf seinem syrischen Teppich und starrte gedankenvoll vor sich hin. Vornehme Stille herrschte in der kleinen Gasse; der Lärm der Hauptstraße klang nur fern und unwirklich durch den gewölbten Torgang.

Die Menschen, die sich zwischen den Buden bewegten, hatten eine würdige Haltung und ließen sich Zeit, vereinzelte Frauen waren da, mit geblümten Schleiern vorm Gesicht; sie sprachen von Seidenzeug und Musselin, während sie die Stoffe prüften und gegen das Licht hielten. Wenn gehandelt wurde, saß der Kaufmann auf der Erde mit der Wasserpfeife vor sich, den Kunden zur Seite, während ein junger Lehrling die Waren aufrollte und zeigte. Er sah aus, als wäre der Käufer nur zu Besuch da. Man sprach besonnen und abgemessen, mit vielen Allah, Mashallah und Inshallah. Nur an dem Aufflammen des Blicks konnte man hin und wieder sehen, daß es sich um ein Interessenspiel handelte.

Der junge Druse sollte Ralph und Helen zu einem türkischen Manufakturladen führen, wo Helen ein passendes Kostüm für Schehanna kaufen wollte.

Als sie die Bude erreichten, war sie leer. Ueber den niedrigen Tisch, wo die Waren zwischen Maßstock, Wasserpfeife und anderen Hausrat ausgebreitet lagen, war ein großmaschiges Netz gespannt; aber keiner war da, der den Laden versorgte.

Der Führer warf dem Nachbarhändler einen fragenden Blick zu, der, ohne den Kopf zu bewegen, mitteilte, daß Abdullah zur Moschee gegangen sei, um zu beten.

»Endlich sind wir im Orient!« sagte Ralph zu Helen und lachte.

Er musterte den Laden und sah über der Matte einige Schriftzeichen.

»Ist das der Name des Besitzers?« fragte er.

»Nein,« sagte der Führer, »dort steht: ›Allah, o du, der du dem redlichen Kaufmann die Tore des Verdienstes öffnest und den betrügerischen vernichtest.‹«

»Das bedeutet dasselbe wie bei uns › Grand prix de Paris‹,« sagte Ralph. Helen aber fand es hübsch und rührend.

Ein Bettler mit wolligem, weißem Bart in einem braungegerbten Gesicht kam ihnen schwankend entgegen, einen Stock im ausgestreckten Arm. Mit seinem erhobenen Kopf witterte er durch die Luft, wie die Kamele; die großen, wasserklaren Augen waren starr nach aufwärts gerichtet; sie waren blind.

»König Oedipus!« sagte Helen und ging auf ihn zu, um ihm eine Silbermünze zu geben.

Ralph wunderte sich, daß sie kein Aufsehen zu erregen schienen. Die Handelnden streiften sie wohl mit den Blicken, wenn sie vorbeigingen, aber kaum daß einer den Kopf nach ihnen umdrehte; er mußte an sein Gespräch mit Gamâl denken, was dieser von dem Verhältnis der anderen Rassen zur weißen gesagt hatte. Es war unverkennbar, daß diese Muselmänner ihre eigene Kultur für die überlegene hielten; die Geschichte der Jahrhunderte aber hatte sie gelehrt, daß es notwendig sei zu schweigen und zu warten. Sie fanden sich damit ab, daß Europa ihren Weg kreuzte, ihre Schwelle aber hielten sie rein.

Ein Beduine kam ihnen entgegen, langsam schreitend, in seinem langen, gestreiften Mantel, zwei schwarze Kamelwollringe um das Kopftuch gedrückt, das Nacken und Backen bedeckte und bis auf die dunklen, geraden Brauen fiel. Wie ein König setzte er seine mit schmutzigem Segeltuch umwickelten Füße auf den Straßenschmutz. Hochaufgerichtet, den Kopf stolz wie ein Raubvogel erhoben, ließ er seine Blicke prüfend von rechts nach links, von Laden zu Laden schweifen.

Ralph blieb stehen, von dem Unterschied zwischen diesem Beduinen und all den anderen Menschen, die ihm heute begegnet waren, betroffen.

Endlich mal ein Mensch, dachte er bei sich, frei und ursprünglich von der Hand der Natur. Wie er auf diese hockenden Geschäftsleute herabblickte, wie er dieses Stadtleben geringschätzte! – Ob er seine Ueberlegenheit auch in Piccadilly oder der Wallstreet bewahren würde? – Ein Mensch ohne den Begriff von Fortschritt, ohne den Zwang des unersättlichen Arbeitshungers, der das Unglück des Westens geworden ist. Für ihn, dachte Ralph, bedeutet Kultur, das zu sein und zu bleiben, was seine Vorfahren waren, er selbst und ganz nur er selbst. Ob er überhaupt eine Religion hat?

Der Führer, der ihm die Gedanken von den Augen ablas, neigte ihm seinen Kopf zu und sagte:

»Die Beduinen glauben an böse Geister, aber sie haben weder Moscheen noch Kirchen.«

Ralph empfand Sympathie für diesen Wüstenhelden, der nichts zu sein schien und doch alles war, was ein Mensch erreichen kann. Er fühlte sich ihm näher verwandt als den anderen Menschen, die ihm heute begegnet waren. Er blieb stehen, von einem plötzlichen Einfall gepackt: Hat die Kultur uns nicht rückwärts anstatt vorwärts geführt? Wie tief wurzelte denn eigentlich der scheinbar so große Unterschied zwischen Lebensanschauungen, Lebensweisen, Trachten? Hatten der Missionar beim Leuchtturm, die Varietédame mit ihrem Levantiner, der Führer und das Parsenmädchen, Türke und Christ, er selbst und Helen Herz und der Beduine dort nicht alle etwas Gemeinsames?

Er erinnerte sich an Gamâls Worte: Kann es sich für die anderen lohnen, eure Lehre anzunehmen? – Er betrachtete den Beduinen und dachte an sein eigenes Dasein in Neuyork: Ja, die ganze Stufenreihe, die die christliche Kultur, und später die moderne Forschung aus dem Felsen der Zeit mühselig herausgehauen hatte, stand zwischen ihnen. Wer aber war der Glücklichere?

 

»Donnerstag ist Reisetag, sagen die Araber,« bemerkte der Hotelportier, als er Ralph und seine Gesellschaft ans Automobil geleitete, das vor der Treppe hielt.

Ralph und Helen stiegen ein, Schehanna und der Führer nahmen ihnen gegenüber Platz. Dann ging's durch die enge, staubige Hafenstraße, an europäischen Handelsspeichern vorbei, zum Hundefluß, der unter Felsen hervorschäumte, zur Landstraße von Damaskus, die in Zickzacklinien zwischen üppigen, weinbewachsenen Terrassen ansteigt, wo syrische Kleinbauern spärlichen Unterhalt finden.

Nachdem sie einige Stunden gefahren waren, erreichten sie die Paßhöhe des kahlen, rötlichen Berges, wo ein eiskalter Wind wehte. Es fror Helen, und Ralph hüllte sie in den Pelz ein, den er vorsichtshalber mitgenommen hatte.

Sie hatten Frühstück vom Hotel mitbekommen und verzehrten es auf dem Bahnhof von Rayak, wo der französische Wirt ihnen persönlich aufwartete und seinen allerbesten Bordeaux vorsetzte.

Es wurde Nachmittag, bevor sie Baalbeks sechs Riesensäulen der Ruine des Zeustempels ansichtig wurden, die sich wie weiße Striche von dem Rücken des Libanon abhoben.

Ralph ließ halten, damit Helen die Aussicht genießen konnte.

Meilenweit erstreckte sich die winterrote Ebene, grau von gebleichtem Gras, mit dunklen Flecken verstreuter Kaktusgruppen hier und da. Langsam stieg sie aus dem breiten Boden des Tals an, wo eine Reihe blätterloser Pappeln das Bett des unsichtbaren Flusses bezeichnete. An einer Stelle scharten die Pappeln sich zu einem Hain zusammen, und zugleich zeigten einige Punkte, daß dort eine Stadt mit gekalkten Mauern und flachen Dächern läge: Hinter einer dichten Wolke, die über die klare Himmelswölbung segelte, mit einer Schar kleiner Zwerge im Gefolge, fiel das Sonnenlicht in breiten Strahlenstreifen über die sanft ansteigende, braune Halde. Durchs Fernglas konnten sie eine Herde schwarzer Schafe unterscheiden und vereinzelte langhaarige, dunkle Kühe. Kein Mensch war zu sehen, aber wo die ansteigende Ebene am Horizont mit dem niedrigen Bergprofil des Antilibanons zusammenfloß, erhoben die Säulen sich wie ein ungeheures Grabmal über eine gefallene Größe, eine versunkene Kultur. Rechts stieg die Berglinie langsam an, bis sie im Osten die Schneegrenze erreichte.

Während Helen sich der melancholischen Stimmung der Landschaft hingab, richtete Ralph seinen Blick von der Landschaft auf ihre dunkelgrauen Augen, die von Wehmut verschleiert waren, auf die gebogenen Augenwimpern unter den leicht gerunzelten Brauen, die flaumige Wange, die einen Rosenschein durch die Schärfe der Luft bekommen hatte, auf das zartgeformte Kinn und die halbgeöffneten Lippen. Er fühlte dieselbe plötzliche Lust, einen Kuß auf ihre weiße Hand zu drücken, die unbehandschuht auf der Wagenkante lag, wie in jener Nacht auf dem Schiff, als sie ihm ihr Herz geöffnet und einen Einblick in ihr Leben gewährt hatte.

Schehanna saß in der gegenüberliegenden Ecke, in Ralphs Ulster eingewickelt, auch sie hatte gefroren, als sie über die Berghöhe fuhren. Ihre Augen weilten nicht bei dem, was sie sahen, ihr Blick war nach innen gekehrt; aber auch sie sah, nach dem zarten Lächeln zu urteilen, etwas Schönes und Feierliches, das der Anblick um ihren bebenden Mund zeichnete.

»Wenn wir noch länger verweilen, Herr,« sagte der Führer, »bekommen wir die Ruinen, die bei Sonnenuntergang geschlossen werden, nicht mehr zu sehen.«

Helen erwachte aus ihren Träumen, und Ralph hieß den Chauffeur weiterfahren.

Abbas, der Führer, war bei strahlender Laune. Unter dem Vorwand, daß er Baalbek wie seine Vaterstadt kenne, war es ihm geglückt, mitzukommen, obgleich er in Wahrheit nur einmal als Knabe dort gewesen war. Er saß da, den Fes im Nacken, große Schweißperlen auf seiner langen, bleichen Nase, und lächelte dem Dämmerlicht zu, das die Wolken bereits über die Ebene warfen, während seine dünnen Finger mit dem roten Lederrand des Automobils spielten. Seine Augen hingen mit unverhohlener Bewunderung an Helen. Sie mußte sich ein Lächeln verbeißen, wenn ihre Augen die seinen streiften und sie die plötzliche Wärme sah, die in den gelbgeränderten Pupillen aufflammte. Auch Ralph sah es und sandte dem Burschen, der nicht zu wissen schien, daß er seine innersten Gefühle bloßlegte, einen prüfenden Blick. Er benutzte jede Gelegenheit, um Helens Armen und Händen so nah wie möglich zu kommen.

In plötzlich aufsteigendem Zorn sandte Ralph ihm einen scharfen Blick, der Abbas das Blut in die Wangen trieb und das kindlich lüsterne Lächeln über den schmalen, spitzen Zähnen verscheuchte. Er zog den Kopf zurück und drückte sich in die Ecke, als ob Ralph ihn geschlagen habe.

Helen mußte lachen und auch Ralph konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

Wie um sein Unrecht wieder gutzumachen, begann Abbas jetzt Schehanna zu unterhalten, die aus fernen Gedanken erwachte und vom einen zum anderen blickte.

Die Säulen wuchsen rasch vor ihren Augen. Sie wurden immer weißer und schlanker und reckten sich zum blauen Himmelslicht empor, kein Grabmal mehr, sondern eine Ehrenpforte, die zu der Schönheit führte, die in dem toten Gestein fortlebte.

In diesem Augenblick glitt die Sonne unter dem Wolkenrand hervor und ein rosiger Schein fiel über die Ebene. Alles Tote bekam Leben. Die schlanken Pappeln streckten sich, die fernen, weißen Mauern stiegen aus dem grauen Schatten, der sie vorhin verschleiert hatte, hervor. Die Schafherde wurde zu einem Gewimmel von lebendigen Punkten, und die verstreuten Kaktusgruppen bekamen einen grünlichen Schimmer.

Der Weg stieg langsam zu der Ruinenstadt an. Rechts sahen sie einen Hirten auf seinen Stab gestützt, der in den seltenen Anblick der Fremden versunken war, während sein zottiger Hund hinter dem Automobil herjagte, doch ohne ihm zu nahe zu kommen.

»Dort liegt das Hotel,« sagte Abbas und zeigte auf ein großes weißgekalktes, zweistöckiges Gebäude mit Bogenfenstern und einer Steintreppe, die zur Tür hinaufführte.

Ralph fragte, wie es hieße und wem es gehörte. Abbas starrte einen Augenblick vor sich hin, er wollte seine Unwissenheit nicht verraten und nannte darauf den Namen, der ihm am nächsten lag.

»Es gehört Cook.«

Der Weg machte eine Biegung, und das Auto fuhr auf das Hotel zu, dessen Tür im selben Augenblick geöffnet wurde. Ein alter Mann trat heraus, der einen Fes und syrischen Mantel zu europäischen Hosen und Weste trug.

Er stieg beschwerlich die Steintreppe herunter, die Hand grüßend am Fes, mit tiefen Verbeugungen, hinter ihm in der Tür tauchte eine junge Frau auf, die dunkle Flechten lose um den Kopf trug.

Während Ralph und seine Gesellschaft den Nachmittagstee einnahmen, sorgte der Wirt für einen Führer, obgleich Abbas sich dagegen sträubte.

Der Führer, ein hoher, breitschultriger Maronit mit dunklen, lebhaften Augen, einem Klappkragen und weichem Künstlerhut, entdeckte sofort, daß Abbas ein Konkurrent sei. Hm, hm, es war nicht das erstemal, daß das Hotel in Beyrut den Fremden seine eigenen Leute mitgab!

Sie brachen gleich auf, da die Zeit vorm Sonnenuntergang ausgenutzt werden mußte. Schehanna war müde und erbat sich die Erlaubnis, im Hotel zu bleiben.

Ein frischer Wind wehte von den Bergen, nach der langen Automobilfahrt war es ein Vergnügen zu gehen; alle waren in heiterer Stimmung. Der Führer ging aus alter Gewohnheit voran und erzählte lokale Neuigkeiten, die Abbas mit nachsichtigem Lächeln anhörte.

Ralph und Helen ließen ihn schwatzen; sie waren in den Anblick der Stadt mit den ehrwürdigen Säulen vertieft, die jetzt ganz dicht vor ihnen lag. Ein Bach schlängelte sich zwischen schlanken Pappeln an weißen Ruinenmauern vorbei, wo er mit der Landstraße zusammentraf, erweiterte er sich zu einem Teich, der von Steinen eingefaßt war; das war der Waschplatz der Stadt. Die Wohnhäuser lagen verstreut; sie waren niedrig, auf arabische Art, und hatten nur ein kleines Fenster ganz oben unter dem flachen Dach; neben dem Hause lag ein mauerumzäunter Hof für die Haustiere.

Die Landstraße führte um eine alte Ruine herum, deren oberer Teil ganz verfallen war. Mauerbrocken lagen um ihren Fuß, der mannshoch emporragte und einen viereckigen Raum ohne Dach umschloß.

Da hörten sie das Geräusch von herabkollernden Steinen, und sahen einen Mann, der aus der Ruine hervorkroch, sie betrachtete und sich auf einen Steinhaufen setzte, die Hände im Schoß. Er war bucklig und trug syrische Bauernkleidung und Kopfbedeckung. Seine Glieder waren unförmig groß, die Arme viel zu lang und die Hände so plump, daß sie den Sack ganz bedeckten, den er im Schoße liegen hatte. Das Gesicht war lang, mit einem wirren, grauen Bart, der den Eindruck machte, als ob er in der Erde gelegen hätte. Unter der kreuz und quer gefurchten Stirn starrten zwei große hervortretende Augen mit schwerem, wildem Blick auf Abbas.

Als der junge Druse so nahe gekommen war, daß er die Gesichtszüge des Mannes erkennen konnte, verschwand das Lächeln von seinen Lippen; er wurde bleich, trat hinter Ralph und duckte den Kopf, als ob er sich verstecken wollte.

»Das ist der Natik!« sagte der neue Führer und grüßte halb ehrerbietig, halb spöttisch, als sie den Haufen erreichten, wo der Alte saß.

Der Bucklige würdigte ihn keines Gegengrußes, er starrte nur Abbas an, als ob sie beide ganz allein auf der Landstraße waren.

Als die Gesellschaft ihn erreicht hatte, hob er seinen Kopf und sagte:

»Säen die Menschen in dem Lande, woher du stammst, Körner aus Ehlilodsch-Balsam?«

Wie etwas Auswendiggelerntes antwortete Abbas:

»Ja, sie werden in die Herzen der Gläubigen gesät.«

Der Alte wischte sich den Bart und fragte weiter:

»Gehörst du zu den Bekennern der Einheit? – Ehrest du deine Mutter und wirst du von ihr gesegnet, bevor du an deine Arbeit gehst?«

Abbas nickte, ohne zu antworten und trat näher an Ralph heran, wie um Schutz zu suchen.

Ralph und Helen blieben stehen; sie verstanden nicht, was der Fremde sagte, aber sie sahen, daß er zornig war, und wurden neugierig.

Der Alte erhob sich; trotz seines krummen Rückens hatte er die Länge eines normalen Menschen. Er ging über das staubige Gras bis an den Wegsaum und sagte, indem er Abbas seinen mächtigen Arm entgegenstreckte:

»Laß mich deinen Händedruck prüfen!«

Abbas wechselte die Farbe, und sein Mund verzog sich wie zum Weinen. Er trat unruhig von einem Fuß auf den anderen und bewegte voller Unentschlossenheit die Hände. Als der Alte aber nach einen Schritt näherkam, schob Abbas plötzlich den Führer beiseite und rannte zur Stadt zurück.

Der Bucklige reckte die Arme hinter ihm her und schrie:

»Ich hab auf deiner Stirn gelesen, daß du logst. Du bist ein Abtrünniger. Al Kaim möge dir das Los der Abtrünnigen bereiten!«

Dann wandte er sich ab, stieg über den Steinhaufen und verschwand hinter der Ruine.

Ralph sah den Führer fragend an.

»Das war ein drusischer Scheik,« sagte dieser und fügte mit einer vielsagenden Geste auf seine Stirn hinzu: »Er ist nicht recht klug; man nennt ihn Natik, weil er sich selbst dafür hält. Er streift umher und prüft die Drusen auf ihren Glauben. Das Ende der Zeiten ist nah, sagt er, und er sei dazu ausersehen, das Urteil der Welt zu vollbringen und die Bekenner der Einheit zu retten.«

»Was sind Bekenner der Einheit?« fragte Helen.

»So nennen die Drusen sich selbst; aber niemand weiß etwas Bestimmtes über ihren Glauben, nicht einmal sie selbst, denn nur die ›Eingeweihten‹, die Ukkal, bekommen die Wahrheit zu wissen; und wenn sie sie verraten, kostet es sie das Leben.«

»Was heißt Natik?«

»Das ist so etwas Aehnliches wie Prophet, ebenso wie Moses oder Elias oder Mohammed. Einer, der dazu auserwählt ist, den Gott, der sich vor den Menschen verbirgt, zu offenbaren und seinen Willen zu verkünden.« Helen blickte vor sich hin; sie dachte an das, was Schehanna ihr aus ihrem Leben erzählt hatte.

»Warum hat er sich aus dem Staube gemacht?« fragte Ralph und blickte sich nach Abbas um, der in seinem Lauf innegehalten hatte, als er sah, daß der Alte verschwunden war; er stand in einiger Entfernung und guckte sehnsüchtig zu ihnen herüber.

»Wer kann das wissen?« sagte der Führer mit einem boshaften Lächeln, »wenn er aber ein Abtrünniger ist, wie der Alte meint, möchte ich ungern in seiner Haut stecken; die Scheiks sind schweigsam und rachsüchtig. Die Araber behaupten, daß sie Nachkommen von den Söhnen sind, die Loth mit seinen Töchtern zeugte, als er mit ihnen allein in der Berghöhle wohnte.«

Er rümpfte verächtlich die Nase und winkte Abbas, daß die Gefahr überstanden sei.

»Also du bist einer von denen,« sagte der Führer und lachte spöttisch, als Abbas niedergeschlagen zurückgekehrt war, – »hüte dich davor, nach Dunkelwerden auszugehen, und bleibe ein andermal lieber in Beyrut.«

Abbas warf Helen einen flehenden Blick zu; sie erbarmte sich seiner und machte Ralph ein Zeichen, daß er ihn nicht necken solle.

Ralph lachte und ging weiter.

* * *

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