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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Meine Gedanken waren mehr als je bei Darab. Bereits nach der Geburt des Kindes war Jivanjis Anblick mir zuwider gewesen; es schmerzte ihn, aber ich konnte ihm nicht helfen; und er hielt sich von unserm Hause fern.

Stundenlang wanderte ich am Flusse, vom Palmenhain bis zur Anhöhe – denselben Weg, den ich als Kind an Darabs Seite gegangen war. Ich spielte in Gedanken unsere Kinderspiele. Jeder Busch, jeder Stein war eine lebendige Erinnerung an das, was er gesagt und ich geantwortet hatte.

Als ich eines Abends auf der Anhöhe saß und zur Sonne hinüberblickte, die im fernen Meer versank, war mein Herz so voll, daß ich zusammenbrach, den Kopf in meinen Händen vergrub und weinte.

Da hörte ich einen leisen Laut hinter mir; es war, als ob jemand mich gerufen habe. Ich wandte den Kopf und sah Dasturan Dastur. Er stand mitten auf dem Wege in seinem weißen Gewand und blickte mich mit seinen klaren, weisen Augen an, als ob er über mein Schicksal nachsänne.

»Warum weinst du?« fragte er und trat näher.

Da konnte ich nicht länger an mich halten. Ich brach in lautes Schluchzen aus und erzählte ihm, wie das Leben gegen mich gehandelt habe.

Er strich mir übers Haar und sagte:

»Weine nicht mehr! – Sei geduldig und kämpfe noch eine Weile für das Licht! – Das Ende der Zeiten ist nah.«

Als ich nach Hause kam, erzählte mein Vater, daß Dasturan Dastur im Tempel mit ihm gesprochen und gesagt habe:

»Die Perle, die du in deinem Hause birgst, ist welk und matt. Reise mit ihr zu der großen Stadt, auf daß deine kranke Perle ihren Orient zurückerlangt.«

Mein erster Gedanke war: ich soll Darab wiedersehen! Und ich begriff, daß es auch der Dasturan Dasturs gewesen war. Aber ich hatte zu viel gelitten. Mein Sinn war noch zu schwer, um Freude empfinden zu können; es war mir unmöglich, die große Veränderung zu fassen, ich wagte noch nicht an mein Glück zu glauben.

Wenige Tage später waren wir reisefertig. Als ich auf dem Bahnhof stand und sah, wie das zischende Ungeheuer sich mit Menschen füllte, als sei es einer der sechs Darvanden, der sie verschlänge, da begann mein Herz vor Erwartung zu schlagen, aber auch aus Angst vor all dem Neuen und Unreinen, das mich erwartete.

Wir fürchteten, daß wir verunreinigt würden, als wir uns in den dunklen Kasten setzten, wo so viele Menschen, die man nicht kannte, vor einem gesessen hatten, ohne daß die vorgeschriebene Reinigung mit geweihtem Wasser stattgefunden hatte.

An einer Zwischenstation stieg ein weißgekleideter Mohammedaner mit dem bunten Turbantuch der Afghanen ein; nachdem er uns lange aufmerksam betrachtet und unserem Gespräch gelauscht hatte – wir wußten nicht, daß er unsere Sprache verstand –, fing er plötzlich mit meinem Vater ein Gespräch in unserer eigenen Sprache an. Er war ein sehr höflicher Mann, der bei jedem freundlichen Wort mit weißen Zähnen lächelte; seine gelben Augen mit den dunklen Rändern aber flackerten so seltsam in seinem Gesicht.

Sein Blick gefiel mir nicht.

Vater, der für gewöhnlich so Schweigsame, wurde gesprächig. All das Neue, die grünen Wiesen, die fächelnden Palmen und die großen Baumwollfelder, die an unserem Auge vorbeiflogen, öffneten sein Gemüt, das so lange verschlossen gewesen war.

Für alles, wonach er fragte, hatte der Mohammedaner eine Erklärung, und er erzählte uns von seinen Reisen; er war sowohl in Bengalen als auch in den großen Bergen, jenseits des Pendjab, in Persien gewesen. Er erzählte, daß er Pferdehändler sei. Vierzigmal hätte er die Karawanenstraße zwischen Bombay und Damaskus überschritten. Er brachte seine Beduinen- und Tscherkessenpferde über die Wüsten- und Bergpässe und Flüsse nach Bombay, um sie dort im Basar der Pferdehändler zu verkaufen. Darauf kaufte er Waren in Indien und reiste viele Meilen weit, um die schönsten Decken, Seidenwaren, Schmucksachen und Waffen zu den Städten des Westens zu bringen.

Mein Vater vertraute ihm das Ziel unserer Reise an; und er blickte mich aufmerksam an, als ob er aus der kurzen Erklärung mein ganzes Schicksal herauslesen wollte.

Wir kamen zu der großen Stadt und standen in einer mächtigen Halle, ganz verwirrt von dem Lärm. Das Leben, so unrein, wie wir es uns nie vorgestellt hatten, drang mit solcher Heftigkeit auf uns ein, daß wir uns nicht dagegen wehren konnten. Da lächelte der Mohammedaner und bot uns seine Begleitung an.

Er winkte einen Mann mit einem Ochsenkarren herbei, wir nahmen unter dem Segeltuchdach Platz und fuhren durch die Stadt.

Jetzt erst begriff ich ganz, was meiner wartete. Der Gedanke, daß Darab in dieser Stadt lebte und ich ihn bald wie in vergangenen Tagen sehen und mit ihm sprechen würde, stieg mir zu Kopf und verwirrte mich. Mein Herz schlug unruhig, meine Augen brannten, meine Hände waren feucht, und ich war noch so schwach, daß meine Knie zitterten.

Der Mohammedaner schlug uns vor, gleich zum Sekretariat der Parsen zu fahren. Mein Vater sollte dem Vorsteher Grüße von Dasturan Dastur überbringen, der uns sagen würde, wo Darab zu finden sei.

»Wenn ihr euren jungen Freund gefunden habt,« sagte der Mohammedaner, »bedürft ihr meiner nicht mehr. Dann kann er euch selbst in dieser großen verwirrten Stadt herumführen.«

Ich war ihm dankbar für den guten Rat; er lächelte mit seinen weißen Zähnen, als er sah, wie ich vor Freude errötete.

Der Mohammedaner verließ den Wagen, um dem Kutscher Bescheid zu sagen, der in dieser großen Stadt nicht Bescheid zu wissen schien, denn der Mohammedaner mußte ihm seine Wünsche umständlich erklären. Schließlich stieg er wieder ein und sagte verächtlich:

»Wie sind diese von AIlah verdammten Tamulen dumm!«

Wir fuhren eine Zeitlang, es schien mir kein Ende zu nehmen, von einer engen Straße voll Schmutz und Gestank in die andere; schließlich aber hielten wir vor einem Steinhaus mit grünen Matten vor den Fenstern und einem kleinen Garten mit einem eisernen Gitter davor.

»Wir sind am Ziel,« sagte der Mohammedaner und stieg aus, um meinem Vater Platz zu machen, »geh hinein, während deine Tochter im Wagen wartet, denn Frauen dürfen nicht mit ins Sekretariat. Ich werde inzwischen in der Nähe eine Besorgung machen.«

Mein Vater dankte ihm und versprach, sich zu beeilen. Darauf ging er durch die Gittertür in den Garten.

Wie lange ich gewartet hatte, weiß ich nicht; der ungewohnte Lärm, all das Neue, daß so plötzlich auf mich eindrang, hatten mich erschlafft, so daß meine Augen zufielen und ich in einen Halbschlaf versank.

Ich erwachte dadurch, daß die gelben Augen des Mohammedaners mich unterm Verdeck anstarrten. Ich richtete mich auf und wollte nach meinem Vater fragen, er aber kam mir zuvor:

»Dein Vater ist mit dem Vorsteher zum Tempel gegangen,« sagte er, »es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit. Ich begegnete ihnen auf der Straße auf der anderen Seite des Hauses; dein Vater hat mich gebeten, dich zu Colaba zu bringen, wo du deinen Freund Darab wiedersehen und bei ihm auf ihn warten sollst.«

Darauf setzte er sich zu mir in den Wagen. Es war mir unangenehm, daß ich nicht selbst mit meinem Vater gesprochen hatte. Ich war jetzt allein in der großen Stadt mit einem Menschen, der zufällig vor einigen Stunden unseren Weg gekreuzt hatte; aber es mußte wohl so sein; der Vorsteher war ein großer Mann, den man nicht warten lassen durfte.

Ich schloß die Augen, um ihm verständlich zu machen, daß ich müde sei und nicht zu sprechen wünschte. Meine ganze Seele eilte Darab entgegen, und so erfüllt war mein Gemüt, daß ich nicht mehr merkte, was um mich herum vorging. Bis zu diesem Augenblick hatte ich mich auf das Wiedersehen gefreut; so kurz vorm Ziel aber wurde ich ängstlich. Ich mußte ihm ja sagen, daß ein anderer den Platz an meiner Seite eingenommen hatte. Würde er es als eine Schuld betrachten? Oder würde er einsehen, daß ich für das Licht gekämpft und den reinen Pfad gewandert war, wie ich es ihm versprochen hatte?

Ich erwachte aus meinen Träumen und sah, daß der Wagen nicht mehr durch enge Straßen, sondern zwischen Gärten und blühenden Büschen dahinfuhr. Dicke, niedrige Palmen, die ich nicht kannte, standen neben breiten Blumenrabatten. Der Weg führte bergab, an einem Ende lag ein blaues Wasser und glitzerte in der Sonne.

»Sind wir bald da?« fragte ich.

»Ja,« sagte er und zeigte übers Wasser, »siehst du die grüne Küste dort auf dem jenseitigen Ufer mit den weißen Bungalows hinter den Palmen? Dort zur Rechten liegt ein weißer Turm, das ist Colabas Dakhma; dahinter kannst du die Zinnen des Parsententempels sehen, das Agiari, wo dein Freund Dienst tut. Kannst du dort draußen das Schiff mit dem großen weißen Segel sehen? Das soll uns über die Bucht zu deinem Freund bringen – Allah beschützte ihn deinetwegen, obgleich er nur Geber ist! – Und kannst du das kleine Boot dort am Strande sehen? – Damit wollen wir zum Schiff hinüberrudern, wir hätten auch den Weg im Wagen zurücklegen können, aber dann hätten wir um die ganze Bucht herumfahren müssen, und du hättest deinen Freund nicht vor Abend erreicht. Mit dem Schiff dauert es nur eine knappe Stunde.«

Ich dankte ihm und blickte zu der grünen Küste und dem weißen Turm hinüber. Vielleicht stand Darab in diesem Augenblick im Tempelgarten und blickte ebenso wie ich übers Wasser; und sein Blick kreuzte den meinen, ohne daß er es wußte, wie zwei Töne sich in der Luft kreuzen.

Wir kamen zum Strande und bestiegen das Boot, mein Reisegefährte und ich.

Als ich mich zum Ufer, das wir verließen, umwandte, begegneten mir die Augen unseres Kutschers. Er saß auf der Deichselstange und lachte häßlich, daß ich von einer plötzlichen Angst befallen wurde.

Ich fühlte mich hilflos der Gewalt des fremden Mannes überlassen, fern von allem, was mir teuer, und dennoch ihm, dessen Braut ich war, so nah. Ich suchte den Blick meines Reisegefährten, um darin zu lesen, er aber hatte den Kopf abgewendet und gab nur auf seine Ruder acht.

Kurz darauf hatten wir das Schiff erreicht.

Hinter der Reling tauchten zwei schwarze Burschen auf, sie enterten die Strickleiter hinunter, griffen mit ihren nackten Armen nach dem Steven und zogen das Boot zum Schiff heran. Der Mohammedaner zog die Ruder ein und erhob sich, um den Aufprall abzuwehren.

»Soll ich dich an Bord tragen?« fragte er und streckte mir seine Arme entgegen. Ich schlug es ab, wollte mich nicht von ihm berühren lassen und kletterte die Strickleiter hinauf.

Auf Deck ging der Mohammedaner hastig an mir vorbei, indem er sagte:

»Diesen Weg.«

Wir standen vor einer offenen Luke, von wo eine Treppe zu einem Raum führte, der Oberlicht hatte. An der einen Wand sah ich einen niedrigen Tisch und einen Diwan.

Er ging vor mir die Treppe hinunter, streckte die Arme aus und griff nach meiner Hand.

»Komm,« sagte er, »das Großsegel wird nach dem Wind gedreht, wenn wir die Anker lichten. Komm hier hinunter, damit du nicht umgerissen wirst!«

Ich zögerte einen Augenblick, wieder von einer unerklärlichen Angst gepackt. Ich sah mich hilfesuchend um, aber es war nichts anderes da als das blaue Wasser und die braunen, grinsenden Gesichter der Bootsleute. Ich schämte mich meines Verdachtes gegen den Fremden, der so gut und hilfreich gegen uns gewesen war, obgleich er sich nicht zur reinen Lehre bekannte. Ich reichte ihm meine Hand und stieg willig die Treppe hinunter. Kaum hatte mein Fuß den Boden berührt, als die Luke über meinem Kopf zugeschlagen wurde. Ich fühlte mich von den starken Armen des Mohammedaners ergriffen, und bevor ich mich zu wehren vermochte, wurde mir ein Tuch in den Mund gestopft und ein anderes um den Kopf gewickelt. Ich war wie gelähmt, ohne Widerstand ließ ich mir die Arme binden und fühlte, wie ich hochgehoben und auf den Diwan gelegt wurde.

Kurz darauf klang seine Stimme an mein Ohr.

»Wenn du gehorsam bist, soll dir kein Leid geschehen.«

Da wurde mir klar, daß ich weder Darab noch meinen Vater wiedersehen würde, daß alles vorbei sei. Und Dunkelheit senkte sich auf meine Seele.

 

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, stand der Mohammedaner über mich gebeugt und betrachtete mich mit seinen gelben Augen. Die Luke stand offen, helles Tageslicht fiel herein. Er nahm das Tuch aus meinem Mund und sagte lächelnd:

»Schrei nur, mein Kind, wenn es dir Linderung verschafft. Hier kann dich keiner hören.«

Als ich schwieg, setzte er sich an den Tisch, schob mir Brot, eine Schüssel mit Reis und eine Kruke mit Dattelwein hin.

»Iß! – Du hast vierundzwanzig Stunden geschlafen.«

Ich konnte nichts essen.

»Darfst wohl die Speisen nicht berühren, weil ein Unreiner zusieht?« spottete er. »So warte, bis ich hinausgehe. Ich kenne euch Geben; ich glaubt, daß ihr besser seid als wir Muselmänner, obgleich Allah euch verflucht hat.«

»Was willst du von mir?« fragte ich.

»Du bist meine feinste Ware, mein köstlichster Seidenstoff. Hättest du etwas mehr Fleisch auf dem Körper, wärst du doppelt soviel wert. Aber auch so wirst du wegen deiner Seltenheit bei den Seidenhändlern in Damaskus Erfolg haben. Solange ich meinen Handel betreibe, ist keine von deiner Rasse im Basar gewesen. Wenn du dich gut benimmst und lächeln lernst, und wenn wir das Glück haben, einen der Agenten aus Stambul zu treffen, kannst du sogar in den Harem des Sultans kommen.«

Ich wandte mich zur Wand und weinte.

»Du solltest mir lieber danken,« sagte er zornig, »anstatt dazu verurteilt zu sein, als einfaches Dorfmädchen zeit deines Lebens für deinen Vater zu kochen, zu waschen und Wasser zu tragen, kommst du zu den großen Städten des Westens und wirst eine vornehme Dame. Hast du erst die Künste der Liebe erlernt, kannst du es bis zur Kadine bringen; vielleicht gebierst du deinem Herrn einen Sohn, dann wirst du Sultana-Validé! Und das hast du dann mir, dem Pferdehändler, Allahs geringstem Diener zu verdanken.«

Als ich nicht aufhörte zu weinen, fuhr er fort:

»Die Tscherkessenmädchen in Kuban bitten ihre Väter um das, worüber du weinst. Alle wollen verkauft werden, um nach Stambul, dem Paradies des Westens zu kommen. Aber sie sind zu zahlreich; sie stehen zu niedrig im Preis. Du aber, mein Kind, mit deinen verschleierten Taubenaugen und deiner Gesichtsfarbe wie eine matte Perle, gleichst keiner von den Frauen, um die die dicken Seidenhändler feilschen. Du sollst nicht für einen Sack Datteln verkauft werden, das verspreche ich dir. Die Summe, die du kosten sollst, können nur hohe Herren bezahlen. Vierzig Tage dauert die Reise, fünfzehn Tage zur See, bis wir Kueit erreichen, und von dort fünfundzwanzig Tage auf Kamelrücken nach Damaskus. – Ueberleg dir meine Worte wohl und lerne zu lächeln – iß reichlich und oft – du kannst bekommen, was du magst – und plage dich nicht mit schlimmen Gedanken! – Das ist nur dein eigener Vorteil, dann wirst du dick, bist leichter zu verkaufen und hast Aussicht, in den Harem eines vornehmen Herrn zu kommen.«

Ich ging frei auf Deck umher – immer aber ruhten Augen auf mir, damit ich nicht über Bord springen konnte. Und man gab mir kein Messer und keine Schnur, damit ich mir nicht auf andere Weise ein Leid antun sollte.

Meine Kräfte waren erschöpft, ich hatte in dem letzten Jahr zu viel gelitten. Ich war schlaff und ergab mich in mein Schicksal. An manchem Abend vergaß ich zu beten. Ahura-Mazda hat sein Auge von mir gewandt, dachte ich, was kann es nützen zu beten?

Da ich ihre Speisen aß, zu lächeln versuchte und mich seinem Willen fügte, wurde er gut zu mir. Er saß an den warmen, stillen Abenden mit gekreuzten Beinen am Feuer und tröstete mich auf seine Weise. Er verbat seinen Leuten, mich zu necken und sorgte dafür, daß ich allein war, wenn ich aß oder mein Gebet sprach. Er erzählte mir seine ganze Lebensgeschichte und meinte wirklich, daß ich ihm Dank schulde.

»Das Leben ist zu kurz!« sagte er und blickte zum Sonnenuntergang hinüber, wo das Meer in Purpur und Blau dunkelte – »hat Allah es uns nicht zur Freude gegeben? Warum trauern? Unser Kismet erreicht uns trotzdem; warum gegen den Stachel des Lebens löcken? – Wer klug ist, gehorcht Allahs Willen, ohne sich kummervollen Gedanken hinzugeben.«

Wir erreichten Kueit. Ich wurde als die Frau des Mohammedaners zum Khan an Land getragen. Der Pferdehändler, Abdul-ben-Ismail, so wurde er von seinen Leuten genannt, mietete Kamele beim Scheik. Die Warenballen wurden an Land getragen und auf die knienden Tiere geladen, die das Maul hoben, ihre großen Zähne zeigten und zum Himmel hinauf wieherten, als ob sie Mithra zum Zeugen anriefen, wenn die Bürde zu schwer wurde.

Ich bekam mein eigenes Kamel, das gleich hinter dem Abduls ging; der Hüter desselben war mein Diener, der mit seinem Leben für das meine haftete. Alle glaubten, daß ich Abdul-ben-Ismails Frau sei, die kein männliches Auge erblicken durfte.

Jedesmal, wenn wir durch eine Stadt kamen, mußte ich unterm geschlossenen Zelt auf dem Rücken des Kamels sitzen. Ich hörte, wie die Beduinen sich auf ihren schnellen Pferden um Abduls Kamel scharten, Grüße mit ihm austauschten und scherzten; er war mit allen befreundet und hatte für alle Geschenke.

Als die fünfundzwanzig Tage zu Ende waren, hatten wir Damaskus erreicht. Bei dem Khan, wo wir wohnten, wurde ich eines Morgens bei Sonnenaufgang auf ein ungeheures Lastkamel gesetzt, zwischen Warenballen versteckt und von Segeltuch bedeckt.

Wir erreichten den Basar, als das Tor gerade geöffnet wurde. In der langen, überdeckten Straße war man im Begriff, die Buden zu öffnen; die Fensterläden wurden zurückgeschlagen und die Waren ausgebreitet.

Im Viertel der Seidenhändler scharten die Kaufleute sich um das ungeheure Kamel, sprachen mit dem Treiber und fragten nach Abdul-ben-Ismail, den alle kannten. Wir machten in einem geschlossenen Hof hinter der größten Bude halt. Das Kamel kniete nieder, der Stuhl, in dem ich saß, wurde hochgehoben und hineingetragen. Als das Segeltuch entfernt war, sah ich, daß ich mich in einem hohen Raum befand, dessen Wände mit Stapeln von Teppichen und Seidenstoffen bedeckt waren. Nur von der Decke fiel Licht herein, und die weichen Teppiche erstickten jeden Laut.

Der Seidenhändler kam herein, nickte zum Gruß und fragte mich etwas, was ich nicht verstand. Dann brachte ein Neger mir Kaffee und eine Wasserpfeife, ich rührte aber nichts davon an.

Am Vormittag kam Abdul, um nach mir zu sehen. Er ließ mir andere Kleider geben, wie vornehme türkische Frauen sie tragen.

Vier Tage und Nächte saß ich dort gefangen. Abdul kam jeden Morgen und ließ sich im Hof zwischen seinen Warenballen nieder, wo er mit den Kaufleuten handelte, die ihn aufsuchten; sie saßen im Kreis um ihn herum, mit gekreuzten Beinen, tranken Kaffee und rauchten.

Die vornehmsten Kunden wurden in den Raum geführt, wo ich saß, um die kostbarsten Stoffe zu betrachten. Statt der Seiden betrachteten sie aber mich. Ihre Sprache verstand ich nicht, oft aber las ich aus ihren Blicken, was sie redeten. Und viele musterten mich von oben bis unten, so daß ich dabei errötete.

Abdul wurde böse, wenn ich geweint hatte. Ich sollte lächeln, damit die Fremden meine Zähne sehen konnten.

Am vierten Tage kam ein großer, dicker Mann, mit Fes und englischem Gehrock. Er hatte breite Lippen und kleine Augen, die tief im Kopf lagen; sein Gang war schleppend und er sprach mit seltsam quäkender Stimme.

Abdul verbeugte sich tief vor ihm und ließ ihn ganz nah an mich herantreten. Er befahl mir, aufzustehen und mich zu drehen. Abdul löste mein Haar, und der Kunde hielt es mit seinen dicken Fingern gegen das Licht, während Abdul mich in den höchsten Tönen pries. Der Fremde befühlte meinen Arm, als er aber seine fette Hand über meine Brust gleiten ließ, zog ich mich zurück. Er lächelte und richtete einige Worte an Abdul, der die Achseln zuckte und den Kopf schüttelte. Ich zitterte vor Angst und war fest entschlossen, so laut zu schreien, daß man es im ganzen Basar hören konnte, wenn man mich zwingen würde, mich zu entkleiden.

Abdul zog sich mit dem Fremden zurück und ließ die Tür einen Spalt breit hinter sich offenstehen. Ich konnte sie im Hof bei Kaffee und Pfeife zusammensitzen sehen. Dort waren sie lange, sprechend und rauchend; und als der Fremde sich schließlich erhob, um zu gehen, begleitete Abdul ihn mit vielen Verbeugungen zur Tür.

Abdul-ben-Ismail kam zu mir herein und sagte:

»Das war der Agent aus Stambul. Er hat dich gekauft, habe ich es dir nicht prophezeit? – Du bist für den Harem des Sultans gekauft worden, wer weiß, vielleicht bringst du einen Herrscher zur Welt.«

Obgleich ich lange gewußt, was mir bevorstand, und mich widerstandslos in mein Schicksal ergeben hatte, traf mich die Entscheidung doch wie ein Schlag.

Ich warf mich ihm verzweifelt zu Füßen, umklammerte seine Knie und flehte ihn an, mich wieder nach Hause zu nehmen. Ich weiß nicht mehr, was ich alles in meiner Verzweiflung sagte, ich glaube, ich bot ihm meinen Körper als Lohn, wenn er mich wieder mit nach Hause nehmen wollte.

Er hörte mich ruhig an, versuchte mich zu trösten, schalt, wie man ein verhätscheltes Kind ausschilt, redete mir zu und sagte, daß ich ihm einst danken würde. Als alles nichts half, wurde er ernstlich böse. Er löste meine Hände mit Gewalt von seinem Mantel und schleuderte mich mit einem Fluch von sich. Dann ging er hinaus und verschloß die Tür hinter sich.

Ich betete mit lauter Stimme; ich rief den Ferved meines Vaters an und die sechs Amshaspand, daß sie die Tür öffnen und mich fliehen lassen sollten. Schließlich verfluchte ich mein Schicksal und sah mich nach etwas um, womit ich meinem Leben ein Ende machen könnte.

Auch jetzt war ich unter Aufsicht. Es rasselte im Türschloß; der Wächter, der mich auf dem Kamel durch die Wüste geführt hatte, setzte sich neben der Tür in die Hucke und folgte mir mit seinen großen dunklen Augen. Ich las Mitleid darin, fiel ihm um den Hals und bat ihn, mich zu retten. Er schüttelte seinen schweren Kopf und beschwichtigte mich, wie man ein Kind in Schlaf lullt.

Von neuem war es mit meinen Kräften zu Ende. Ich schluchzte, als ob mein Herz brechen sollte, aber es kamen keine Tränen. Wieder schwand mir das Bewußtsein und ich erwachte erst, als ich in einem geschlossenen Wagen saß, mit einem Tuch vorm Munde. Der Agent saß mir gegenüber; ich gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß mein Widerstand gebrochen sei. Nach einem Augenblick des Bedenkens nahm er mir den Knebel aus dem Munde.

Ich war sehr matt, mein Kopf war leer; mich fror und hungerte, denn ich hatte seit mehreren Tagen nichts gegessen.

Vor einer Eisenbahnstation machten wir halt. Der Agent legte mir den Schleier, wie vornehme türkische Frauen ihn tragen, vors Gesicht, und führte mich zum Zug hinaus, durch eine Menschenmenge hindurch, die zurückwich, als sei ich die Favoritin eines Rajahs, die vom Obereunuchen zum Wagen geleitet wird.

Wir bekamen einen ganzen Wagen für uns. Als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, gab er mir zu essen und zu trinken. Darauf schlief ich ein und erwachte erst, als der Zug langsam einen kahlen Berg hinauffuhr, mit Schnee auf dem Gipfel.

Wir kamen nach Beyrut, wo ich jetzt zum zweitenmal bin. Noch an demselben Abend wurde ich an Bord eines großen Dampfers gebracht, und vier Tage später war ich in Stambul.

Ich war so erschöpft, daß diese ganze Zeit nur undeutlich vor mir steht. Eines Tages wurde ich zu einem geschlossenen Wagen geführt, ähnlich dem, der mich durch Damaskus gefahren hatte. Ich kam durch lärmende Straßen zu einer staubigen Landstraße, wo ich den Duft von Bäumen und Büschen spürte.

Als wir endlich hielten, stieg der Agent aus, sagte einige Worte zu einem Pförtner, der uns entgegenkam, einem großen Eunuchen wie er selbst, reichte mir die Hand und half mir beim Aussteigen. Darauf nahm er wieder im Wagen Platz und fuhr davon.

Von meinem neuen Wächter wurde ich durch ein Tor mit vielen goldenen Schnörkeln in einen Hof mit weißen Säulen geführt, wo das Licht durch große Gitterfenster fiel. Ueber eine breite, teppichbelegte Treppe wurde ich in einen Saal geleitet, in dem eine vornehme, alte Dame ganz allein saß. Sie zog mir den Schleier vom Gesicht und betrachtete mich lange mit kalten, strengen Augen. Darauf schlug sie mit einem kleinen Hammer auf ein Metallbecken. Zwei junge Mädchen kamen herein und führten mich aus dem Saal, durch lange, hohe Korridore zu einem Zimmer mit großen Schränken an den Wänden.

Die jungen Mädchen kleideten mich, während sie scherzten und lachten und sich in einer Sprache unterhielten, die ich nicht verstand. Als ich meinem Kummer erlag und zu weinen anfing, legte die eine ihren Arm um meinen Hals und küßte mich.

Ich befand mich im Harem des Sultans zwischen Odalisken, ich war selbst eine Odaliske. Es folgten stille Tage zwischen jungen Mädchen meines eigenen Alters. Sie zwitscherten wie Vögel und lehrten mich tanzen, singen und sprechen, wie sie selbst es gelernt hatten. Wir bewohnten zu vieren ein Zimmer; eine von ihnen – die, die mich geküßt hatte – wurde meine Freundin, obgleich wir unsere Sprache nicht verstanden.

Mehrmals wurde ich zu der alten Dame geführt, die von allen gefürchtet war; sie war die Oberste des Harems und wurde Hasnadar Usta genannt. Ich sollte zeigen, was ich gelernt hatte. Sie war unzufrieden mit mir und runzelte die Brauen, weil ich ihre Sprache noch immer nicht verstand.

Wir durften in einem herrlichen Garten spazieren, wo Eunuchen an den Toren Wache hielten.

Ein Tag verging wie der andere. Ich begann die Sprache zu erlernen und mich mit meinem Schicksal abzufinden. Da geschah das, was zu meiner Rettung führte.

Eines Tages ließ die alte Dame mich holen. Zwei Mädchen entkleideten mich, und ich mußte vor den Augen der Hasnadar auf und ab gehen. Sie richtete Fragen an mich, die mir das Blut in die Wangen trieben. Als ich wieder angekleidet war, bekam ich ein Zimmer für mich allein, und einen Eunuchen zu meiner Bedienung.

Da geschah das, was ich nicht erzählen kann. Der Eunuch verlangte, daß ich etwas sehen und lernen sollte, was so unrein und häßlich war, daß ich davor zurückschreckte und den Gehorsam verweigerte. Der Eunuch verklagte mich, er hatte nur seine Pflicht getan. Wieder wurde ich vor die alte Dame geführt und bekam meine Strafe zuerteilt.

Die Strafe war die Waschmühle, die meine Rettung wurde. Ich bin überzeugt, daß Darabs und meines Vaters Ferved Herrn Cunnings Schritte geleitet und seinen Sinn gerührt haben, so daß er mich dem Lichte wiedergab.

Sehen Sie, ich bin in Herrn Cunnings, meines Herrn Hand. Ihm hab' ich es zu verdanken, daß die Dunkelheit von meinem Gemüt gewichen ist. Oft habe ich vergeblich darüber gegrübelt, warum mein Leben so dunkle Pfade wandern mußte, obgleich ich von Kind auf zum Licht gestrebt und mein eigenes Glück dem meines Vaters geopfert habe, um Darab mein Versprechen zu halten und den einzig richtigen Pfad zu wandern. Jetzt aber frage ich mich: mußte nicht alles so kommen, damit meinem Herzen der Sinn der reinen Lehre offenbart wurde und es zu der Erkenntnis gelangte, daß man nicht für sein eigenes Selbst kämpft, sondern daß das Licht der Welt über Dunkelheit, Leben und Tod siegen soll?

Jeden Morgen und jeden Abend bete ich zum heiligen Geist, daß der Ferved meines Herrn so mächtig im Himmel werden möge, wie er selbst auf Erden ist, damit die guten Gedanken, guten Worte und guten Taten durch ihn am Ende der Zeiten vollbracht werden. Sollte mein Leben dazu führen, dann ist die Dunkelheit nicht bitter gewesen, dann waren es nur Ahriman und seine Darvanden, die verzweifelt gegen das zunehmende Licht gekämpft haben.

Ashem-Vohu – selig ist der, dessen Gerechtigkeit vollkommen ist!

* * *

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